Denn es waren drei Gemächer hoch, und sie hatten keine Säulen, wie die Vorhöfe Säulen hatten. Darum war von den untern und mittleren Kammern Raum weggenommen von untenan.
Hes 42,6
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Als Gott den Mann schuf, übte sie nur…?
Unser Vers ist Teil von Hesekiels Beschreibung der neuen Welt, dem Reich Gottes in den letzten Kapiteln seines Buchs. Im Zentrum seiner Darstellung steht der Tempel. Ein Engel führt ihn dorthin, erklärt ihm die Anlage und misst dabei alles genau aus.
Hesekiel hatte als junger Mensch in Jerusalem eine Priesterausbildung durchlaufen. Er kannte die Topographie und die Arbeitsabläufe im alten Tempel genau. Dann wurde er deportiert. Weit entfernt von seiner Stadt hört er eines Tages die Nachricht der Zerstörung der Stadt und des Tempels. Alles, was er kannte, war untergegangen!
Dann erzählt ihm Gott von einem neuen Tempel in einer neuen Stadt in einer neuen Welt.
Der gezogene Vers handelt von den Kammern für die Priester. Es sind heilige Räume, in denen sie Opfergaben aufbewahren, von den Opfern essen und ihre Dienstkleider ablegen. Sie liegen nördlich und südlich des eigentlichen Tempelhauses.
Aus den Abschnitten zum Tempel haben wir schon einmal einen Vers gezogen: den BdW 02/2022. Damals schrieb ich, wie schwierig es ist, einen Text zu lesen, zu verstehen und richtig wiederzugeben, der beschreibt, was niemand je gesehen hat. Manches ist schlicht unverständlich. Diesmal dachte ich mir: Vielleicht kann es die KI? Das ist bei vielen eine Art Reflex geworden. Und ich bat ChatGPT um eine Gesamtansicht des Tempels nach Hes 40-48. Der erste Entwurf war beeindruckend. Er entsprach meinen Vorstellungen und ich dachte: das ist es, was ich dem Blog geben kann — eine Ansicht des Tempels in der neuen Welt gemäß der Schrift!
Als ich mich nun aber heute Morgen an die Arbeit machte, sah ich, dass es viele Inkonsistenzen zwischen den einzelnen Bildelementen gab, und auch zum Text. Ich habe dann geschlagene dreieinhalb Stunden lang mit ChatGPT um eine bessere Darstellung gerungen. Unten sehen Sie, worauf wir uns schließlich verständigt haben. Die Grafik gibt in meinen Augen einen guten Eindruck der Gesamtanlage und wir haben die Häuser mit den Priesterkammern sorgfältig herausgestellt. Andere Einzelheiten gibt sie weniger zuverlässig wieder.

Ulf von Kalckreuth mit ChatGPT, Oktober 2026
Auch ChatGPT entschlüsselt Hesekiel nicht perfekt. Und die KI zur Bildgenerierung hat ihre ganz eigenen Schwierigkeiten. Das ist zwar irgendwie tröstlich, aber ich bin jetzt völlig erschöpft…!
Was können wir lernen? Etwas Wichtiges fällt sofort auf: in seinen Grundzügen sieht der neue Tempel aus wie der alte. Jeder Bibelkundige kennt diesen Aufbau: das Allerheiligste, den Altar vorne, die inneren Vorhöfe für die Priester, die äußeren Vorhöfe für das Volk, die Tore. Aber es gibt auch Unterschiede. Die neue Anlage ist größer, genauer gegliedert und von strengen Grenzen zwischen heiligen und gewöhnlichen Bereichen bestimmt.
Und, sehr wichtig: im Tempel entspringt der Lebensstrom. Er tritt als Quelle aus dem Heiligtum, verlässt den Tempel südlich des verschlossenen Osttors und ergießt sich, wunderbarerweise dabei immer breiter und tiefer werdend, durchs Heilige Land zum Toten Meer, um zu befruchten und zu beleben. Man denkt an den Garten Eden – und als Christ auch an die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes.
Hesekiels Vision der neuen Welt ist eine Art Version 2.0 — vollkommen und geheilt, aber der alten Schöpfung durchaus ähnlich. Das gilt für den Tempel, aber auch für seine Beschreibung der Stadt Jerusalem und des Landes. Das Land hat Grenzen und Nachbarn und wird als Erbland auf die Stämme aufgeteilt, wie in Jos 13 und 14. Zur Zeit Hesekiels hatten die Stämme ihre originäre Bedeutung längst verloren — die Vision enthält also eine Art Durchbruch zu den Ursprüngen.
Wir neigen heute dazu, uns das Reich Gottes transzendental und außerweltlich vorzustellen. Wir sterben und gelangen dann (hoffentlich) in irgendeiner Weise zu Gott. Aber nicht auf dieser Erde, sondern im Jenseits, und in der Vorstellung der meisten auch nicht körperlich.
Die Bibel sieht das anders. In Hesekiels neuer Welt brauchen die Priester Räume für ihre Arbeit. Das Reich Gottes Hesekiels ist keine körperlose Idee, sondern eine Welt, in der Menschen leben und handeln. Das Reich Gottes ist hier. Es ist nicht einfach eine andere Welt, sondern die Erneuerung und Vollendung seiner Schöpfung. Eigentlich eine Art Wiedergeburt. Für Jesus beginnt das Reich Gottes hier und heute, mitten unter uns. Und Paulus erwartet die Auferstehung und Verwandlung des Leibes, keine Ewigkeit als entstofflichte Existenz.
Als Gott den Mann schuf, übte sie nur…? Auf unsere Welt bezogen gilt dieses Bonmot nicht. Sie ist wichtig. Sie ist keine Blechdose, die man austrinkt und wegwirft, sondern die Vorstufe, der Trailer zum Reich Gottes. Das Reich Gottes ist kein neues Spiel, sondern ein neues Level. Was wir in und mit der Welt tun, ist nicht gleichgültig, auch wenn es das Reich Gottes ist, auf das wir warten. Es beginnt hier!
Ich wünsche uns eine gesegnete Woche auf unserer Reise dorthin,
Ulf von Kalckreuth
