…hatte ich keine Ruhe in meinem Geist, da ich Titus, meinen Bruder, nicht fand; sondern ich machte meinen Abschied mit ihnen und fuhr aus nach Mazedonien.
2 Kor 2,13
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Diese Betrachtung ist ein Gastbeitrag von Pfrn. Antje von Kalckreuth
Versöhnung – um jeden Preis?
Paulus befindet sich – aus Ephesus kommend – in Troas, im Norden von Kleinasien, wo er hofft, auf seinen Mitstreiter Titus zu treffen. Dass er nicht dort ist, beunruhigt ihn sehr und nötigt ihn zur Weiterreise. Zu allen äußeren Bedrängnissen in Kleinasien, die auf Verfolgungssituationen schließen lassen, kommt die Angst um Titus und um seinen Auftrag: Es geht um den Frieden in der Gemeinde in Korinth und um den Frieden der Gemeinde mit Paulus, der im Augenblick selbst nicht gewagt, noch einmal dorthin zu reisen, sondern Titus mit einem Brief dorthin schickt hat.
Paulus hat die Gemeinde in Korinth einst selbst gegründet und er ist ihr sehr verbunden – mehr noch: Sie ist eine Herzensangelegenheit von ihm und er steckt viel Herzblut hinein.
Aber in der korinthischen Gemeinde geht es drunter und drüber. Paulus muss sich immer wieder aufs Neue mit Streitereien und ungläubigen Auswüchsen dort befassen. Und jetzt treten auch noch selbsternannte Apostel mit Exklusivrechten auf die Botschaft Christi auf, die Paulus‘ Apostelamt in Zweifel ziehen u.a. auch, weil er keine Wundertaten vollbringt. Bei seinem letzten Besuch in Korinth kommt es dann zum Krach. Er muss unverrichteter Dinge abziehen und ändert seine Reisepläne.
Von Ephesus aus reist Paulus Titus entgegen, findet ihn aber in Troas nicht vor. Von Unruhe und Angst geplagt reist er weiter nach Mazedonien.
Wie es weitergeht, wird allerdings erst ab 2. Kor. 7, 5 erzählt: Nach Mazedonien kommt endlich auch Titus mit guten Nachrichten aus Korinth. Die Gemeinde habe sich besonnen, das Apostolat des Paulus als das christusgemäße erkannt, ihm ihr Vertrauen bekundet und sich beruhigt.
So weit so gut.
Die literarkritischen Besonderheiten des 2. Korintherbriefes zu erläutern, würde den Rahmen dieser Betrachtung sprengen, jedoch so viel: Man kann mindestens zwei, wenn nicht noch mehr Brieffragmente innerhalb dieses Briefes erkennen, die dann vermutlich in einer späteren korinthischen Redaktion zusammengefügt worden sind, also von der Gemeinde, die sich der Gründung durch Paulus immer bewusst war und auch gerühmt hat.
Der Abschnitt 2 Kor 2,14–7, 4 beinhaltet Paulus‘ Beschäftigung mit jenem Konflikt, auf den in den Versen 2,12f und 7,5ff offenbar schon zurückgeblickt wird. Darin verfasst Paulus ein Plädoyer für das einzig aufrichtige Apostelamt, nämlich Botschafter Christi zu sein, und gipfelt in der Aufforderung:
Lasset euch versöhnen mit Gott. (2 Kor 5,20f)
Die mit und in Gott Versöhnten können sich auch untereinander versöhnen. Diese Versöhnung hat Titus mit Gottes Hilfe wohl in Korinth zuwege gebracht – Versöhnung untereinander als auch mit Paulus.
Die Botschaft von dieser Versöhnung ist der Trost, den Titus mitgebracht hat, als er in Mazedonien auf Paulus trifft, ein Trost der Paulus weitertragen kann – trotz aller äußerlichen Bedrohungen.

Ulf von Kalckreuth, September 2024: Regenbogen über der Nidda — ohne KI
Versöhnung – um jeden Preis?
Versöhnung ist das, was Paulus sich erhofft; er ist bedürftig von Titus zu hören, dass die Gemeinde in Korinth sich mit Gott und untereinander, auch mit ihm selbst, versöhnen lassen konnte. Damit wird Paulus‘ Botschaft von der Gnade Gottes in Jesus Christus bestätigt. Das ist das, was ihn zutiefst antreibt bei allen Auseinandersetzungen und Konflikten, bei allen theologischen Streitereien, in aller Angst und Verfolgung.
Alle Menschen können sich mit Gott versöhnen lassen, das ist Gottes Versprechen.
Wenn wir das ernst nehmen und annehmen, dann müssen sich unsere Streitkultur und unsere Konflikte verändern lassen. Sie werden nicht verschwinden, nein, sollen sie auch gar nicht.
Aber wir könnten lernen, dem oder der anderen mit Wohlwollen auf Augenhöhe zu begegnen, ohne deren Ansichten übernehmen und ohne andere vernichten zu müssen.
Wir könnten uns so in versöhnter Verschiedenheit den Problemen dieser Welt widmen.
Versöhnung – um jeden Preis?
Paulus würde aus ganzem Herzen und mit dem ihm zur Verfügung stehenden Verstand sagen:
JA!
Wie ist es mit uns?
Gott segne uns in der kommenden Woche!
Zuletzt freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen! (2 Kor 13, 11+13)
Antje von Kalckreuth

