Bibelvers der Woche 06/2023

Da tat ihnen Josua, wie der HErr ihm gesagt hatte, und lähmte ihre Rosse und verbrannte ihre Wagen.
Jos 11,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Gesprengte Geschütztürme

Unser Vers enthält eine nützliche Botschaft in einer blutigen Verpackung. Er ist schwer zu ertragen, auch mit einem Abstand von mehr als 3000 Jahren noch. Der Vers erzählt von der massenhaften Verstümmelung von Tieren, und er steht im Kontext eines Eroberungskriegs, in dem die Invasoren keine Gefangenen machen: auch Frauen, Greise und Kinder werden getötet, „mit der Schärfe des Schwerts“.  

Unter der Führung Josuas waren die Israeliten über den Jordan in die kanaanitischen Länder, das heutige Palästina, eingefallen, um das von Gott versprochene Land als Heimstatt zu gewinnen. Jericho und Ai waren bereits gefallen, da taten sich die Königreiche des nördlichen Kanaan zusammen. Unter der Führung der Stadt Hazor vereinigen sie ihre Heere und stellen sich gegen Josua. Dieser gewinnt die Schlacht, verfolgt die übrig gebliebenen Kanaaniter und wendet sich dann gegen Hazor selbst, die weitaus größte Stadt der Region. Wie schon in Ai und Jericho lässt er alle Einwohnerinnen und Einwohner töten.

Die Israeliten erbeuten große Mengen von Streitwagen und Pferden. Josua lässt — auf ausdrückliche Weisung des Herrn, seines Gottes — die Pferde durch Zerschneiden der Sehnen verstümmeln und die Wagen verbrennen. Das ist der Inhalt des Verses. 

Auch das unterschiedlose Töten aller Bewohner Hazors geschieht auf Anordnung Gottes. Zugrunde liegt das „Kriegsgesetz“ in Deut 20. Die Bewohner der Stadt und ihre Tiere unterliegen der „Vernichtungsweihe“, die in den meisten Bibelübersetzungen als „Bann“ bezeichnet wird. Gott selbst führt den Krieg, die Besiegten fallen Gott zum Opfer. Die israelitischen Krieger sind Werkzeuge, sie dürfen sich an der Beute nicht bereichern — alles gehört Gott, alles unterliegt der Vernichtung. Näheres hierzu liest man unter dem Stichwort „Bann“ in Wikipedia. 

Die Israeliten sollen sich mit den Bewohnern des Landes nicht vermischen und ihre Lebensart nicht annehmen. Historiker, Theologen und Archäologen sind sich weitgehend einig, dass sich die Landnahme, also der Aufstieg der Israeliten zur dominierenden Ethnie in großen Teilen Kanaans, nicht in der in Josua beschriebenen Weise ereignet haben kann, durch einen einzigen großen, radikal geführten Vernichtungskrieg also. Die archäologische Evidenz spricht ebenso dagegen wie Widersprüche zu anderen biblischen Texten, hierzu den Wikipedia-Eintrag zur Landnahme, vgl. auch den BdW 33/2019. Das auf Reinheit und unbedingte Gefolgschaft abhebende deuteronomistische Geschichtswerk datiert vielmehr aus der Zeit um das babylonische Exil und dient der Bewahrung einer nationalen Identität im Angesicht einer existenziellen Bedrohung durch Großmächte. 

Ich schweife ab, das macht mein Unbehagen deutlich. Auch wenn die Erzählungen zur Landnahme weitgehend konstruiert sein mögen — die Texte beschreiben als Ideal die Auslöschung der Völker Kanaans, physisch und kulturell, und sie sind mit dieser Botschaft wichtige Bestandteile der Bibel. Als ich vor rund fünfundvierzig Jahren die Bibel von Buchdeckel zu Buchdeckel lesen wollte, habe ich den Versuch mitten im Buch Josua abgebrochen, ungefähr an der Stelle, über die wir gerade sprechen. Nun bin ich fast sechzig und suche einen anderen Standpunkt. Die Bibel ist ein Spiegel der Welt und spricht auch von ihren dunkelsten Seiten. Gottes Wort kommt durch Menschen zu uns. Die Texte zur Landnahme haben Menschen geschrieben, die einen verzweifelten Kampf führten, um ihre eigene Identität und die ihres Volks. Es macht mich traurig zu sehen, wie sie sich Ideen verschrieben, die auch von Alfred Rosenberg hätten stammen können. 

Aber zurück zum Vers. Die Verstümmelung der Pferde wirkt eigentümlich. auch jenseits von Aspekten des Tierwohls. Die Israeliten befinden sich in einem Krieg, in dem es auch für sie um Sein oder Nichtsein geht. Sie erbeuten Pferde und Wagen der Feinde, und statt diese gegen ihre Feinde zu kehren, vernichten sie beides. Pferde und Kriegswagen waren die Panzer des Altertums, eine Waffe, mit großem Prestige. Man vergleiche etwa die Darstellung einer angreifenden Reiterhorde bei Hiob im BdW 15/2019. Es ist beinahe so, als würden Selenskys Truppen eine Anzahl russischer T 72 erbeuten und ihre Geschütztürme sprengen, statt sie der eigenen Armee zuzuführen. 

Aber nur beinahe. Die Ukrainer nutzen Panzer selbst, ihre Kriegführung unterscheidet sich von der russischen nicht grundsätzlich. Die Israeliten hingegen kämpften gegen Feinde, die ganz anders aufgestellt waren als sie selbst, gegen antike städtische Kulturen. Sie selbst waren als Nomaden oder Halbnomaden eingebrochen. Pferdewirtschaft kannten sie nicht, sie hatten nicht die nötige Infrastruktur, keine Reiter, keine Wagenlenker. Pferde und Wagen sind dann eine Last. Der Verzicht Josuas liegt nicht nur in der allgemeinen Logik des Bannkriegs, er ist im engeren Sinne rational. 

Das ist die Einsicht des Verses in ihrer schrecklichen Hülle. Mit leichtem Gepäck reisen, sich auf Gott und die eigenen Fähigkeiten verlassen, genau wissen, worauf es ankommt, und worauf nicht, verzichten können. Das ist entscheidend, mit allem anderen verzetteln wir uns. In Israel gibt es eine Redewendung für Situationen, in denen die Ausstattung nicht taugt für die Aufgabe — ein Konzertauftritt zum Beispiel, der mit schlechten Mikrophonen und einem verstimmten Klavier bestritten werden muss: Das haben wir — und damit werden wir siegen! Vielleicht ist das ein fernes Echo unseres Verses? 

Der Segen Gottes, der heilt und Leben gibt, sei mit uns, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 05/2023

Und ich will sie unter die Völker säen, dass sie mein gedenken in fernen Landen; und sie sollen mit ihren Kindern leben und wiederkommen.
Sach 10,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Zeitlos…!

In der Betrachtung zum Bibelvers der vergangenen Woche schrieb ich, dass bei den Propheten Unheil und Verheissung oft nebeneinander stehen, manchmal sogar durcheinander. Hier geschieht es in ein und demselben Vers. 

Der gezogene Vers aus der Lutherübersetzung von 1912 steht ganz im Futur. In der neueren Lutherübersetzung 1984 (siehe den Link oben) steht folgendes:

Ich säte sie unter die Völker, dass sie meiner gedächten in fernen Landen und leben sollten mit ihren Kindern und wieder heimkehren. 

Die für das Alte Testament sehr akkurate katholische Einheitsübersetzung schreibt: 

Säe ich sie auch unter die Völker aus, werden sie doch in der Ferne an mich denken. Sie werden mit ihren Kindern am Leben bleiben und heimkehren. 

Das Aussäen — die schreckliche Diasporaerfahrung der Juden im Nordreich Israel und im Südreich Juda — wird in diesen drei Übersetzungen wechselnd in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesetzt. In der ersten und der dritten Fassung liegt die dazugehörige Verheissung in der Zukunft, in der zweiten hat sich auch die Verheissung schon vollzogen.

Und nun wird es sonderbar: Nichts davon ist „falsch“. Der Originaltext ist sprachlich mit allen drei Fassungen vereinbar. Im alten Hebräisch haben die Verben keine „Zeitformen“, wie wir sie kennen, es sind vielmehr Aspekte. Den punktuellen, tatsachen- und faktenorientierten Aspekt nennt man Perfekt, den offenen, zeitraumbezogenen und potentialorientierten Aspekt dagegen Imperfekt. Der gezogene Vers steht im Perfekt. Oft stehen Handlungen, die in der Vergangenheit bereits stattgefunden haben und die man daher genau kennt, im Perfekt, wohingegen die Zukunft unsicher ist und in der Regel das Imperfekt fordert. Aber bei einer Prophetie, die der Sprechende sozusagen in Stein gemeisselt vor sich sieht, kann durchaus ein Perfekt stehen. Der Zeitbezug wird im alten Hebräisch manchmal durch Angaben wie „Wenn das Jahr sich wieder neigt“, oder „Im dritten Jahr des Königs Nebukadnezar“ geschaffen, in der Regel aber durch den Kontext. 

Wie sieht es inhaltlich aus? Wer ist gemeint? Teile von Sacharjas Buch wurden kurz nach dem Ende des babylonischen Exils geschrieben, als die Bevölkerung von Juda in ihr Land zurückzukehren begann. Der Vorgang war noch nicht beendet. Die Rückkehr der Nordstämme, die hundertfünfzig Jahre früher von den Assyrern deportiert wurden, erwartete man weiterhin vergeblich, sie gelten heute als die „verlorenen Stämme“.

Alles wäre sinnvoll — Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. 

Wir können Unheil und Verheissung heute als zeitlos lesen. Gott hat sein Volk unter die Heiden zerstreut, tut dies und wird es wieder tun, dies aber immer dergestalt, dass etwas Gutes daraus erwachsen kann — die Entwurzelten mögen Seiner gedenken, mit ihren Kindern leben und gedeihen, dort, wo immer sie hingepflanzt sind, Identität und Glauben weitergeben und dereinst zurückkehren… Der Vers enthält eine Aufforderung zum Leben, fast schon eine Verpflichtung. Folgerichtig findet der Prophet ein eigentümliches Wort für die Zerstreuung: „Aussaat“. 

Kann aus soziokultureller Vernichtung etwas Gutes, eine Renaissance erwachsen? Leben, Wachstum? Ernte? Spricht der Vers auch vom Leben einzelner Personen, Familien, Gruppen? Kann er Chiffre sein für unser aller Leben? Jesus gibt das Gleichnis vom Samenkorn, das vergehen muss, damit die Ähre erstehen kann.

Und ich will sie unter die Völker säen, dass sie mein gedenken in fernen Landen; und sie sollen mit ihren Kindern leben und wiederkommen.

Lesen Sie den Vers noch einmal so. Vielleicht antwortet er auf den Vers der vergangenen Woche. Unheil und Verheissung sind Seiten derselben Münze, irgendwie gibt es die beiden im Doppelpack. Vor nicht allzu langer Zeit, im September 2022, hatten wir einen Vers aus Sacharja mit sehr ähnlichen Botschaft, siehe den BdW 37/2022.

Gottes Segen sei mit uns, in dieser Woche, der vergangenen und den Wochen, die da kommen,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 04/2023

Und alles Goldes Hebe, das sie dem HErrn hoben, war sechzehntausend und siebenhundertfünfzig Lot von den Hauptleuten über tausend und hundert.
Num 31,52

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Finsternis möge mich decken…

Der gezogene Vers stammt aus einem der schrecklichsten und unerträglichsten Abschnitte der Bibel. In keiner Spruchsammlung gibt es Verse daraus, und im Religionsunterricht kommt die Geschichte nicht vor. In Woche 19/2019 hatten wir bereits einen Bibelvers zu der Geschichte, und ich lade Sie ein, einen Blick auf den dazugehörigen Kommentar zu werfen. Hier ist der Link. 

Kurz vor dem Ende der Wüstenwanderung der Israeliten befiehlt Gott einen Vernichtungsfeldzug gegen die Midianiter. Anlass waren Ausschweifungen sexueller Art von Angehörigen der beiden Völker sowie die Rolle Bileams, eines midianitischen Propheten, beim Versuch der Moabiter, den Vormarsch der Israeliten aufzuhalten. Die Midianiter sind Nomaden und leben in der Halbwüste. Der Feldzug bezweckt und erreicht die fast vollständigen Vernichtung dieses Volks. Die Israeliten töten zunächst nur die Männer. Auf Befehl Moses töten sie dann auch die erwachsenen Frauen sowie alle Knaben. Nur die jungfräuliche Mädchen werden verschont, ihre Zahl wird mit 32.000 angegeben. Die Größe des Volks, das überfallen und vernichtet wird, kann man daraus mit 250.000 bis 300.000 abschätzen. 

Hinsichtlich des Viehs und der gefangenen Mädchen gibt Moses auf Gottes Geheiß eine Verteilungsregel. Von allem soll die Hälfte an die Kämpfer, die andere Hälfte aber an das gesamte Volk gehen. Vom Anteil, der den Kämpfern zusteht, bekommt Gott selbst zwei Promille, also ein Promille der gesamten Beute, namentlich auch 32 Mädchen (Vers 40). Die Regel trifft keine Aussage über das geraubte Gold. Jeder der Kämpfer hat für sich selbst geraubt (Vers 53), aber ein Teil der Beute sammelt sich auch bei den Obersten der Hundertschaften und Tausendschaften. Nach der Schlacht stellen diese fest, dass es auf eigenenr Seite nicht einen einzigen Gefallenen gegeben hat, und sie geben den ihnen zufallenden Teil der Beute aus freien Stücken dem Herrn in Gänze als Opfer. Das ist der Inhalt des Verses oben. Es ist nicht wenig: die 16.750 Schekel (Lot) Gold wiegen etwa 190 Kilo. Ein Kilo Gold kostet heute etwa 58.000 Euro. 

Ein veritabler Genozid wird hier beschreiben, auf Anordnung Gottes, der selbst an der Beute beteiligt ist. Zu dem, was ich bereits in der Betrachtung zu BdW 19/2019 geschrieben habe, möchte hier einige Gedanken hinzufügen.

Gott ist nicht nur der Vater des Lichts, sondern Vater auch der Finsternis. Beides hat er geschaffen, beides verantwortet er. Das Leid in der Welt ist teilweise von Menschen gemacht, teilweise aber auch fest verdrahtet in Grammatik und Syntax unserer Welt, in Physik, Chemie und Biologie. Anfang der letzten Woche ist eine Nichte meiner Frau nach langem Kampf an multiplem Krebs gestorben. Sie hinterläßt zwei Kinder, eines davon geistig und körperlich schwer behindert und einen Ehemann, der für die Pflege und das Auskommen der Familie nun allein sorgen muß. Sie hinterläßt auch verzweifelte Eltern. Vor einiger Zeit, im Jahr 2017, wurde meine eigene Kusine bei einem Terroranschlag in Spanien getötet. Auch sie hinterließ zwei Kinder. Mir selbst und meinen beiden Kindern geht es gesundheitlich gut. Meine Frau hat im vergangenen Jahr eine Krebserkrankung überstanden. Grund genug für große Dankbarkeit, das weiss ich! Aber ich kann keine Regel oder Gerechtigkeit hinter diesem Bild erkennen.  

In Jesus wendet uns Gott seine liebende und erbarmende Seite zu. Jesus geht den Weg ins Herz der Finsternis Gottes und hindurch zur anderen Seite. Liebe und Erbarmen sind in der Welt, ja, sie gehören also zu dem Gott, der sie schuf. Aber von der dunklen Seite Gottes wird in der Bibel auch berichtet — die des strafenden und rächenden Gottes. Und die Welt, sie zeugt von dieser Seite. Die Bibel ist viel realistischer als unsere religiöse Praxis. Die Propheten erzählen von der strafenden und der heilenden Präsenz Gottes, manchmal unentwirrbar durcheinander. Den ungnädigen Gott haben wir vergessen, wir wollen ihn nicht sehen. Aber passt unser Gott dann noch zur Welt, die wir sehen? 

Wir können Gott nicht entfliehen, er ist immer da, auch in den Schützengräben und im Bombenterror der Ukraine. Aber welches Gesicht zeigt er uns? Die dunkle oder die lichte? Und an welches seiner Gesichter wenden wir uns? Mit Gott zu rechten ist nicht verboten, aber es ist sinnlos — Gott hat die Macht und mit der Macht auch das Recht. So sagt es uns das Buch Hiob.

Unsere Hoffnung kann nicht sein, dass es das alles nicht geben, dass Gott das alles nicht zulassen möge. Jeder neue Tag zeigt, dass diese Hoffnung trügt. Glaube kann etwas anderes tun. Er kann hoffen, dass die tödliche Seite dieser Welt in Gott irgendwie (!) aufgehoben ist. Mutiger und reiner Glaube muß das sein, denn Evidenz dafür gibt es nicht. Jemand sagte mir, dass Gott vielleicht manche Menschen bei sich haben möchte. Ja, vielleicht war es bei meinen beiden Kusinen so — vielleicht…! 

Wir sehen Gott, sein Licht und seine Finsternis. Psalm 139 singt dies so: 

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, 
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? 
Führe ich gen Himmel, so bist du da; 
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. 

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, 
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. 
Spräche ich: Finsternis möge mich decken 
und Nacht statt Licht um mich sein –, 
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, 
und die Nacht leuchtete wie der Tag. 

Finsternis ist wie das Licht.

Im Anschluß an die ersten vier Zeilen könnte es ganz andere Lieder geben. Ich kann sie durchaus hören, diese Lieder. Ich werde sie nicht singen. Das ist meine Entscheidung — frei, nicht erzwungen.

Amen.

Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 03/2023

Ich will sie mit ihrem Trinken in die Hitze setzen und will sie trunken machen, dass sie fröhlich werden und einen ewigen Schlaf schlafen, von dem sie nimmermehr aufwachen sollen, spricht der HErr.
Jer 51,39

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Becher des Zorns

Ich glaubte schon, wir hätten diesen Vers bereits gesehen. Aber nicht dieser Vers, sondern sein unmittelbarer Nachfolger, Jer 51,40, hatten wir im vergangenen Frühling gezogen. Bitte gucken Sie kurz auf den Kommentar zum BdW 13/2022 — das wichtigste zum Kontext ist dort gesagt. Die beiden Verse, der frühere und der für diese Woche, gehören zusammen und auf der ersten Ebene machen sie dieselbe Aussage: Babylon, das Großreich, das Juda vernichtet und seine Bewohner deportiert hat, soll nun seinerseits vernichtet werden, das Werkzeug Gottes wird von Gott bestraft. 

Die Strafe, und das ist das Besondere hier, wird bewirkt durch Trunkenheit. Trunkenheit steht für Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit und die Ausschaltung des gesunden Empfindens. Das wird recht konkret beschrieben: In der größten Hitze setzen die Kämpfer sich nieder zum Trinken. „Hitze“ meint zweierlei: Die Lage der babylonischen Krieger ist zugespitzt und verzweifelt, aber auch die Lufttemperatur ist angesprochen. Hitze beschleunigt den Stoffwechsel, der Alkohol geht „schnell ins Blut“ und ein Mensch kann der aufsteigenden Trunkenheit nichts entgegensetzen. Im Augenblick größter Bedrohung also werden die babylonischen Krieger fröhlich und schlafen ein.

Das Motiv taucht auch in Jer 51,54 auf. In Kapitel 25 (15ff sowie 27ff) gebraucht Jeremia das Bild in verwandelter Form: die Völker des Großraums trinken reihum vom Becher des Zornes Gottes, zuletzt auch Babylon. Hier ist nicht mehr von physisch existierenden Kämpfern die Rede, es geht um Völker und ihre geschichtliche Schicksale in übertragener Form. Jesaja verwendet das Bild vom „Taumelbecher“ ganz ähnlich. In der Offenbarung (14,10 ff) steigert Johannes die Vorstellung des Zornestrunks noch einmal, er wird zum Teil des Weltgerichts,

Das sind keine angenehmen Bilder… Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit, lautet eine Redewendung aus dem antiken Griechenland. In unserem Vers schlägt Gott die Babylonier mit Trunkenheit. Das erinnert mich an die Geschichte vom Turmbau zu Babel: dort werden die Babylonier durch Verwirrung der Sprache ausser Gefecht gesetzt. Vielleicht hat die Fähigkeit zur koordinierten militärischen Aktion eine besondere Stärke der babylonischen Streitkräfte ausgemacht? 

Der Herr bewahre uns die Fähigkeit, unser Unglück zu sehen und gemeinschaftlich das Notwendige zu tun. 
Ulf von Kalckreuth


Nachtrag: Seit Juni 2017 ziehe ich jede Woche einen Vers. Bislang sind es 292. Zusammengenommen ist das immerhin schon fast ein Prozent des gesamten Korpus der Lutherbibel 1912, rund 0,974%! So hoch ist derzeit die Wahrscheinlichkeit, einen der bereits gezogenen Verse ein zweites Mal zu ziehen. Ich warte schon eine ganze Weile darauf, dass dies geschieht. Aber wer kurz nachdenkt, sieht, dass die Wahrscheinlichkeit, so wie in dieser Woche den unmittelbaren Nachfolger eines der bereits gezogenen Verse zu ziehen, genau denselben Wert hat, fast ein Prozent…! So oder so, allmählich entsteht ein Bild, stark verpixelt noch, aber erkennbar

Bibelvers der Woche 02/2023

…dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gern geben, behilflich seien,…
1 Ti 6,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

It’s a kind of magic

Die Bibel ist voller Warnungen vor dem Reichtum. Am bekanntesten ist das Diktum Jesu, leichter komme ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel (Mk 10,23-27). Es gibt hier zwar große Diskussionen über die Semantik, aber der Satz lässt Reichen wenig Raum für Hoffnung — auch wenn Jesus explizit hinzufügt, dass bei Gott nichts unmöglich sei. 

Wer ist reich? Wer ist hier gemeint? Im Vergleich zu Jesus und seiner Umgebung sind die Leser dieses Blogs wohl alle reich — superreich sogar. Gebildet, mit hoher Lebenserwartung versehen und einem staunenerregenden ökologischen Fußabdruck, der unseren Ressourcenverzehr kennzeichnet. Ich will den Abstand hinsichtlich der Lebensvollzüge nicht ausbuchstabieren, es ist nicht schwer. Reich im Vergleich zur Mitte der jeweiligen Gesellschaft, zum Beispiel der Bundesrepublik in den ersten Jahrzehnten des einundzwanzigsten Jahrhunderts, sind natürlich immer nur wenige. Was ist gemeint — hoher Lebensstandard und die Abwesenheit grundlegender materieller Probleme oder eine herausgehobene Stellung in der Gesellschaft? Was ist das Problem, und was lässt sich tun? Ich bin Ökonom, ich habe mir die Frage erst einmal selbst vorgelegt. Vielleicht tun Sie das gleiche?

Was macht Verfügung über materielle Ressourcen aus einem Menschen? Geld und Güter sind Mittel zum Zweck, sollen Ermöglicher sein, Motor. Aber das Maß, in dem Geld und Einkünfte vorhanden, sind oder auch nur möglich, erreichbar, vielleicht gefährdet oder endgültig verloren, kann sehr intensiv auf einen Menschen zurückwirken. Geld, die Sorge darum und das Begehren danach, kann einem Menschen den Verstand rauben. Es kann ihn isolieren, in eine Scheinwelt versetzen, kann ihn kalt machen den Bedürfnissen anderer gegenüber, und auch blind hinsichtlich der eigenen Bedürfnissen. Mit Geld können wir an Gestaltungsmacht gewinnen und Sklave werden zugleich. 

Geld verschafft Sicherheit. Es gibt kaum eine Hilfeleistung, die sich nicht kaufen ließe, kaum ein Problem, bei dem Geld nicht einen wichtigen Lösungsbeitrag liefern könnte, oder — wenn nichts mehr geht — wenigstens Linderung. Geld lässt sich in alles andere verwandeln, es hat etwas magisches. Aber die Sorge, diese magische Sicherheit für das Leben wieder verlieren zu können, schafft Angst, Todesangst sogar. Gegen diese Angst hilft nur mehr Geld. Geld verschafft Status, Partizipationsmöglichkeiten, lässt uns dazugehören. Ohne Geld sind wir draussen, stehen wir allein. Was will der Ehepartner dann noch wissen von uns, die Familie, die Freunde, die Kollegen? Auch dies wieder Grund genug für Angst, eingeschränkte Wahrnehmung, ein Röhrengesichtsfeld. 

Armut ist nicht schön, beraubt uns vieler Entwicklungsmöglichkeiten, macht krank. Nur für wenige Menschen ist Armut erstrebenswert. Die Bibel spiegelt dies oft und oft. Aber Geld kann korrumpieren. Der springende Punkt ist, dass es kein bestimmtes Einkommens- oder Vermögensniveau gibt, oberhalb dessen wir in Gefahr sind, unterhalb dessen aber frei — persönlichkeitszersetzende Wirkungen können auch von geringeren Einkünften ausgehen, oder von der Aussicht darauf. Ein extremer Fall wäre ein Räuber, der einen Menschen wegen zweier Fünfzigeuroscheine tot schlägt. In Abwandlung einer bekannten Werbung könnte man sagen: Geld — es kommt darauf an, was es aus uns macht.

Das ist ein riesiges Thema. Filme und Romane kreisen darum, von der romantischen Liebe abgesehen gibt es kaum ein Thema, das die Phantasie so anregt wie Geld und Geldgier. Wie wirkt Entzug? Wie ich dies schreibe, stecke ich in einem ungeplanten Selbstversuch. Ich verbringe einige Tage in einer Jugendherberge „alten Stils“ im Allgäu. Mit meiner Frau, einer Tochter und ihrer Freundin wohne ich in einem kleinen Zimmer mit drei Etagenbetten, einem Tisch und zwei Stühlen. Keine Leselampe, nur ein einziger Netzstecker. Das gibt Stoff für Diskussionen zwischen den Besitzern von vier Handys und drei Tablets. Einfaches Frühstück, Lunchpaket, minimalistisches Abendessen. Kein Fernseher, Musik oder andere Ablenkung, noch nicht einmal ein Aufenthaltsraum. Um zehn erlischt das Licht im Haus. Anfangs fehlt allen etwas, Unzufriedenheit wallt auf, Nörgeleien, Streitereien. Dann wird die Beschränkung allmählich zur Erholung, auch für die Kiddies. Gerade haben sie sich zu einem Spaziergang von uns verabschiedet, das habe ich noch nie erlebt…

In God we trust?

Der rechte Umgang mit Reichtum könnte eine Herausforderung für Timotheus bedeutet haben. Paulus jedenfalls redet in dem persönlich gehaltenen Mahnschreiben an seinen früheren Mitarbeiter mehrmals über Geld und seine Fallstricke, siehe 1 Ti 6, 8-10 sowie 17-19. Die erste der beiden Stellen spricht davon, was Geld mit Menschen macht: 

Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns daran genügen lassen. Denn die reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Verstrickung und in viele törichte und schädliche Begierden, welche die Menschen versinken lassen in Verderben und Verdammnis. Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Übels; danach hat einige gelüstet und sie sind vom Glauben abgeirrt und machen sich selbst viel Schmerzen.

Die Wurzel allen Übels…! Ja, Angst und Begehren bringen uns in Abhängigkeiten — „Verstrickungen“, wie Paulus es nennt — und erzwingen vieles, das wir eigentlich, a priori, ablehnen würden. Die andere Stelle, das direkte Umfeld unseres Verses, gibt Rat, wie ein Mensch mit seinem Reichtum umgehen kann, wie man die Fallstricke vermeidet; und ich behaupte, es geht dabei um jedes Einkommens und Vermögensniveau, nicht nur um das der oberen Zehntausend:

Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen; dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, behilflich seien, sich selbst einen Schatz sammeln als guten Grund für die Zukunft, damit sie das wahre Leben ergreifen.

Nicht stolz sein. Nicht auf die Sicherheit des Reichtums setzen, statt dessen auf Gott, der uns gibt, was wir brauchen. Psalm 23, der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln… Der Angst entgehen, dabei frei sein, gerne geben, behilflich sein. Das wahre Leben, von dem Paulus spricht, liegt bereits im Diesseits!

Der Herr helfe uns, Freiheit und Integrität zu bewahren. Dann geht auch ein Kamel durch ein Nadelöhr!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 01/2023

Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer; da stand das Meer still von seinem Wüten.
Jon 1,15 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

A day in a life

Ein Vers für Jahresende und Jahresbeginn.

In der Vergangenheit galten die „Rauhen Nächte“ in den zwölf Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönig als unheilig. Geister und Dämonen hatten das Sagen. Meine Großmutter hat mir noch erzählt von den Stürmen und Unwettern, der Wilden Jagd und den Saalweibchen, die in diesen Nächten auf markiertem Gehölz Schutz vor ihren mächtigen Verfolgern suchen. Diese Tage und Nächte sind wie aus der Zeit gefallen, und mit Böllern wehren wir uns.

Jona rennt davon. Gott hat ihn gerufen, mit einem gefährlichen Auftrag — er soll nach Ninive gehen, dem Zentrum der brutal herrschenden assyrischen Großmacht, und die Bewohner der Stadt auf einen neuen Weg bringen. Ein Himmelfahrtskommando. Jona antwortet nicht. Er schifft sich ein, aber statt nach Osten fährt er nach Westen, nach Tarsis an der spanischen Atlantikküste, dem äußersten Rand der damals bekannten Welt. Bloß weg!

Ein Sturm bricht los auf dem Meer, immer wütender. Jona bleibt wortlos, er verkriecht sich ins Innere des Schiffs, um dort zu schlafen. Nur weg. Aber die verängstigten Seeleute holen ihn nach oben, fragen ihn nach seinem Gott und ein Los wird geworfen, um zu erfahren, welcher der Schiffsinsassen denn hier verfolgt wird, wem die wütende Hatz gilt. Das Los trifft Jona, und endlich spricht er, gibt zu, dass er vor seinem Gott flieht. Man möge ihn ins Meer werfen, und alle anderen würden gerettet, sagt er. Er will, dass es endlich vorbei ist!

Der Sturm wird zum Orkan und nach langem Widerstand tun es die Seeleute — sie werfen den Flüchtigen ins Meer. Das ist unser Vers. Augenblicklich wird das Meer ruhig und glatt. Das mag lauter gedröhnt haben als der Orkan. Wenn ich es mir vorstelle, verschlägt es mir den Atem. A Day in a Life von den Beatles endet so, mit einem mächtigen, minutenlang verklingenden Klavierakkord in Dur, nach einem wilden, sich irrwitzig steigernden Crescendo. Mit einem gewaltigen Schlag kommt die Welt zur Ruhe. 

Aber für Jona ist es nicht vorbei. Er ist jetzt unter der Wasseroberfläche, allein mit sich und seinem Gott. Fliehen kann er jetzt nicht mehr. Am dritten Tage wird er wieder auftauchen aus dem Meer, und wird verwandelt sein. 

Der Herr beschütze uns in unseren Nächten,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 52/2022

Also war Usia, der König, aussätzig bis an seinen Tod und wohnte in einem besonderen Hause aussätzig; denn er ward verstoßen vom Hause des HErrn. Jotham aber, sein Sohn, stand des Königs Hause vor und richtete das Volk im Lande.
2 Chr 26,21

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Aufstieg und Fall, Aufstieg und Fall…

Morgen ist Heiligabend, und die neue Woche endet mit Silvester. Es ist der letzte Bibelvers des Jahres, Zu dieser Zeit wünscht man sich eine frohe Botschaft. Unser Vers enthält statt dessen eine Warnung, das sieht man gleich. Thema ist Hybris, Vermessenheit. 

Usia war König von Juda, dem Südreich. Sein Vater Amazja war militärisch sehr erfolgreich, bis es ihm einfiel, den König des ungleich stärkeren Nordreichs zum Kampf herauszufordern. Dieser warnte Amazja zunächst noch mit blumigen Worten, nahm aber dann die Herausforderung an. Er vernichtete Amazjas Heer, brach in die Hauptstadt Jerusalem ein und trug alles Gold davon, dessen er habhaft werden konnte. Die schwer geschlagene Bevölkerung lehnte sich auf, setzte Amazja ab und machte seinen sechzehnjährigen Sohn, Usia, zum König. 

Eine neue Runde. Usia verhält sich sehr umsichtig. Nach der schrecklichen Niederlage seines Vaters geht es ihm um Restauration und Integration des Staatsgefüges. Die Bibel berichtet von Befestigung der Grenzen, Neuaufstellung und Aufrüstung der Streitkräfte, dann auch von Brunnenbau, Landwirtschaft, Festungsbau und innovativer Militärtechnik: Usia läßt Kriegsmaschinen an den Türmen Jerusalems einrichten, wie moderne Granatwerfer. Das schreckliche Erlebnis seiner Jugend sollte sich nicht wiederholen. 

Dann aber überhebt sich auch Usia. Das Buch Chronik berichtet, dass der König Gott dem Herrn eigenhändig opfern will, bei einem hohen Fest vermutlich. So wie es Abraham, Isaak und Jakob getan hatten, aber auch König David noch, sein Vorfahr, siehe 2. Sam 6. In der Zeit Usias aber ist es eine schwerwiegende Grenzüberschreitung. Der Opferdienst obliegt einzig den geweihten Priestern. Diese mussten Kohaniter sein, also in direkter Linie von Aaron abstammen.

Die Priester entschließen sich, das Sakrileg zu verhindern. Achtzig Priester, „tüchtige Leute“, stellen sich dem König entgegen. Als dieser das Räucheropfer dennoch vollziehen will, bricht Aussatz aus seiner Stirn heraus. Er wird aus dem Tempel gedrängt und in ein gesonderten Haus verbracht, sein Sohn führte die Regierungsgeschäfte. Ganz wie sein Vater verbringt Usia die letzten Jahre seines Lebens machtlos als Gefangener im eigenen Haus. Die Grenzüberschreitung führt zum Verlust aller sozialer Bezüge. 

Hier wiederholt sich Geschichte, in Teilen, nicht vollständig. Politisch war Usia sehr erfolgreich — von den Fehlern seines Vaters hatte er gelernt, militärische Abenteuer vermied er und setzte auf innere Stärke. Die Hybris bricht sich an anderer Stelle Bahn. Vielleicht hilft ein Vergleich: Stellen Sie sich vor, die mächtige frühere Präsidentin Argentiniens, Cristina Fernández de Kirchner, hätte es unternommen, vor laufenden Kameras eine Messe, den Ostergottesdienst zum Beispiel, selbst zu zelebrieren — ohne Priesterweihe und als Frau. 

Josephus Flavius, der jüdisch-römische Historiker, hat in einer dramatischen Erzählung die Geschichte aus der Chronik mit dem Bericht über ein verheerendes Erdbeben verbunden, das sich während der Regentschaft Usias zutrug. Dazu gibt es jüdische Quellen. Wenn Sie ein wenig Zeit haben — hier ist eine deutsche Übersetzung aus einem Artikel von 1870. Sie erinnert an das schreckliche Ende des Märchens vom Fischer und seiner Frau, die sich schon zum Papst gemacht hat und nun Gott werden will: 

Aus Rahmer, M. (1870). Das Erdbeben in den Tagen Usia’s, S. 243.

Entnommen aus Rahmer, M. (1870). Das Erdbeben in den Tagen Usia’s. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 19 (N. F. 2)(6), 241–252., bereitgestellt von JSTOR. Stable JSTOR link: http://www.jstor.org/stable/44383942. Reproduction of page 243 under the principles of fair use under section 107 of the United States Copyright Act.

Hybris ist ein Dauerthema der Bibel. Immer wieder fordert sie uns auf, die Grenzen zu sehen und in dem uns zugewiesenen Limit zu bleiben. Hybris zerstört Menschen dort, wo sie sich am stärksten wähnen und deshalb gänzlich unvorbereitet sind. Vielleicht ist die schockierende Geschichte mit ihrer Warnung daher in der Tat ein geeigneter Abschluss für das Jahr. Nicht immer sind wichtige Botschaften ja ’nice‘. Was mich selbst betrifft, denke ich über die Betrachtung der letzten Woche nach, wo ich eine Künstliche Intelligenz zum Lob Gottes aufgerufen habe — vielleicht ist das eine Grenzüberschreitung. Unser Vers jedenfalls sagt, dass es nicht nur darauf ankommt, DASS etwas geschieht, sondern auch darauf, WER es tut.

Ich wünsche uns ein frohes Weihnachtsfest und ein gesegnetes neues Jahr, in dem wir das tun, was unsere Aufgabe ist und das vermeiden, zu dem wir nicht berufen sind. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 51/2022

Kommt herzu, lasst uns dem HERRN frohlocken und jauchzen dem Hort unsres Heils!
Ps 95,1

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

…dann werden die Steine schreien!

Damit es nicht in Vergessenheit gerät, bevor ich fortsetze: Was für ein schöner Vers zum vierten Advent! Ich halte fest, dass der Bibelvers der Woche per Zufallsgenerator gezogen wird, auch im Advent! 

Geistige Tätigkeit ist ohne Computer bald undenkbar. Angeregt durch einen Artikel der FAZ habe ich mit einem Chatbot namens ChatGPT gespielt. Es handelt sich um eine Künstliche Intelligenz, die vorgefundene sprachliche Strukturen und ihre gegenseitigen Bezüge auswertet und fortschreibt. Das System ist in der Erprobungsphase und kann von jedermann kostenfrei benutzt werden. Auch auf Deutsch. Hier ist der Link

Nach einigen Experimenten, die meine Achtung schnell steigen ließen, wollte ich sehen, wie ChatGPT mit dem Bibelvers der Woche zurechtkommt. Das System weist Fehler auf. Manchmal bricht der Output ab, manchmal verheddert es sich. Die Ergebnisse müssen redigiert werden, sie enthalten Redundanzen und lästige Wortwiederholungen. Ausserdem folgt der Bibelvers der Woche einer Form mit wiederkehrenden Elementen, die der Algorithmus nicht kennen kann. 

Aber in fünf Minuten Arbeit, bei der ich so gut wie nichts denken muss, kann ich aus dem Material, den Antworten von ChatGPT auf drei Fragen, die folgende Betrachtung erstellen: 

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Wir sagen Euch an den vierten Advent! Was für ein Vers! Psalm 95 ist ein Lobpsalm, der dazu aufruft, Gott zu preisen und ihm zu danken. Der Psalm beginnt mit dem Aufruf „Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn, lasst uns auf den Felsen unseres Heils frohlocken“ und geht dann auf die Gründe ein, warum Gott gepriesen werden sollte: seine Treue, seine Macht und sein Erbarmen.

Unser Vers, der Beginn des Psalms, ist ein Aufruf zum Lob und zur Freude im Herrn. Der Psalmist ermutigt die Menschen, zum Herrn zu kommen und ihm zu danken für seine Gnade und Barmherzigkeit. Der Herr ist unser Hort, unser Zufluchtsort, in dem wir Sicherheit und Schutz finden. Er ist der Grund für unsere Freude und unser Jauchzen. Durch ihn haben wir das Heil erlangt und können in seiner Gegenwart Frieden und Freude erfahren.

Der Psalmist ruft die Menschen auf, sich dem Herrn zu nähern und ihm mit Freude und Dankbarkeit zu huldigen. Durch ihn haben wir das Heil erlangt, und er ist unser Zufluchtsort in Zeiten der Not. Der Herr ist der Grund für unsere Freude und unser Jauchzen, und in seiner Gegenwart finden wir Frieden und Erfüllung. Der unbekannte Verfasser ermutigt die Menschen, ihr Leben dem Herrn zu widmen und ihm zu dienen. Durch unsere Hingabe an ihn können wir seine Gegenwart erfahren und von seiner Gnade profitieren. Wir sollen dem Herrn vertrauen und ihm unser ganzes Leben anvertrauen, damit er uns führen und leiten kann.

Es lohnt, auf die Wortwahl zu schauen. Der Vers charakterisiert Gott als „Hort unsres Heils“. Dieser Ausdruck zeigt, dass der Herr für uns der Quell des Heils ist. Durch ihn haben wir die Erlösung von unseren Sünden und von allem Bösen erlangt. Wir können in seinem Schutz und seiner Gegenwart Frieden und Freude erfahren. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns dem Herrn zuwenden und ihm danken für das Heil, das er uns geschenkt hat.

Und „Jauchzen“ sollen wir, sagt der Vers. Das ist eine Ausdrucksform der Freude und des Dankes, die sich in lautem Rufen und Singen äußert. Wenn wir dem Herrn jauchzen, zeigen wir ihm unsere Dankbarkeit und unsere Freude über das Heil, das er uns geschenkt hat. Jauchzen ist auch ein Ausdruck unseres Vertrauens in den Herrn und unseres Glaubens an seine Liebe und Barmherzigkeit.

Noch einmal: Was für ein Vers für den vierten Advent! Ich wünsche uns Gottes reichen Segen für die Woche, die vor uns liegt, auch und weil sie uns so dunkel und kalt ist. 
Ulf von Kalckreuth

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Hätten Sie’s erkannt? Man sieht sicherlich, dass nicht ich diesen Text geschrieben habe, aber hätten Sie eine KI vermutet? O-Ton von Kalckreuth sind nur die ersten und die letzten Sätze, die Einleitung zum vierten Abschnitt sowie einige Einschübe. Mir fehlt einiges, ich weiss, dass ich einen anderen Text geschrieben hätte, aber wer sonst kann es wissen? Der Algorithmus reproduziert und schreibt das fort, was er im Netz und den anderen Textquellen findet, an denen er gelernt hat. Wir alle können uns also bald auf das Schreiben wirklich kreativer und wichtiger Texte konzentrieren — das Ende des Schwallens ist nahe… Aber vielleicht schreiben wir bald gar nichts mehr. Wir müssten es ja erst einmal besser können. 

Hier also ein Aufruf: Nutzen Sie die Kommentarfunktion und schreiben Sie, was Ihnen an der Betrachtung von ChatGPT fehlt! Ich hoffe, es gibt ein Echo, sonst wüsste ich, wie ich viel Arbeit sparen könnte…

Ein zweiter Versuch. Ich habe das ChatGPT gebeten, einen Songtext zu Psalm 95 zu schreiben. Hier ist das Ergebnis:

Verse 1:
Come, let us sing to the Lord,
With voices raised in praise,
For he is great and worthy of all our
Love and adoration.

Chorus:
The Lord is our rock and our salvation,
A refuge in times of trouble,
In him we trust and in him we find
The strength to carry on.

Verse 2:
Let us bow down at his feet,
And give him all our praise,
For he is the King of all creation,
And his love will never fade away.

Chorus:
The Lord is our rock and our salvation,
A refuge in times of trouble,
In him we trust and in him we find
The strength to carry on.

Bridge:
His faithfulness endures forever,
His mercy is new every morning,
We will always trust in him,
For he is our rock and our salvation.

Chorus:
The Lord is our rock and our salvation,
A refuge in times of trouble,
In him we trust and in him we find
The strength to carry on

Das schwingt schon ganz gut, finde ich. Ich mag den Chorus besonders. Reim und Metrum fehlen, und der Versuch, auch dies noch von ChatGPT zu bekommen, führt zu unbrauchbaren Ergebnissen. Den zweiten, düsteren Teil des Psalms hat die Maschine ganz ausgelassen. Das habe ich moniert, und sie lieferte mir daraufhin eine dritte Strophe sowie eine zweite, angepasste Bridge. Dabei aber wurde der Text zu lang. Man müsste das Material redigieren und natürlich an eine Melodie anpassen — aber ja, mit ein wenig Einsatz und ein paar weiteren Versuchen mache ich daraus einen funktionierenden Songtext. 

Natürlich hat ChatGPT davon profitiert, dass Psalm 95 bereits als Lied angelegt ist, aber diesen „Vorteil“ hat jeder Texter von Lobpreissongs — ich selbst habe schon ein paar Psalmvertonungen geschrieben.

Jetzt habe ich eine Frage:, und sie ist ernst gemeint: Kann es Lobpreis sein, wenn es von einer Maschine kommt? Erstaunlicherweise gibt die Bibel eine Antwort. Psalm 8 sagt: „Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen“. Und Jesus sagt (Luk 19,49): „Ich sage euch: wenn diese (die Jünger, d.V.) schweigen, dann werden die Steine schreien.“

Hoffentlich werden sie es nicht tun müssen. Können Sie sich vorstellen, wie künstliche Intelligenzen endlos das weiterschreiben, was wir einstens angelegt haben, aber nicht mehr selbst zu sagen willens oder imstande sind? Frei nach Psalm 19: Eine KI sagt’s der anderen und ein Algorithmus ruft’s dem anderen zu…

In him we trust and in him we find
The strength to carry on!

Amen. Gehen wir mit Gott durch diese Woche! 
Ulf von Kalckreuth


Nachtrag: Auf die oben gestellte Frage gibt die Bibel noch weitere Antworten. Der Bibelvers der Folgewoche weist in krasser Weise darauf hin , dass es nicht nur darauf ankommt, DASS etwas geschieht, sondern auch darauf, WER es tut.

Bibelvers der Woche 50/2022

Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahinkommt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und wachsend, dass sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen:…
Jes 55,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Advent

Am Sonntag beginnt die dritte Adventswoche. Advent — das Kommen des Herrn, der Weg, der Ihn zu uns führt und uns zu Ihm. Als Jesus einen schrecklichen Foltertod starb, waren seine Jünger verzweifelt — ein solches Ende des Messias hatten sie nicht erwartet. In den schon damals sehr alten Versen, in denen Jesaja vom Gottesknecht singt, der sterben muss und mit seinem Opfer das Volk erlöst, fanden sie die Blaupause, die Erklärung für das Unerklärliche. Der gezogene Vers gibt ein Bild, ein Gleichnis für die lebensspendende Kraft von Gottes Wort. Hier ist der unmittelbare Kontext, zitiert nach der Lutherbibel 1984:

Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen. Es sollen Zypressen statt Dornen wachsen und Myrten statt Nesseln. Und dem HERRN soll es zum Ruhm geschehen und zum ewigen Zeichen, das nicht vergehen wird.
Jes 55,6-11

Ich wünsche uns allen eine gesegnete dritte Adventswoche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 49/2022

Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! ins Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.
Mat 7,21

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

An den Früchten erkennen

Worauf kommt es an? 

Es gibt im protestantischen Christentum eine alte und starke Strömung, die sich gegen die sogenannte „Werkgerechtigkeit“ wendet. Damit ist der Versuch gemeint, sich des Heils durch sichtbare, gottgefällige Taten zu versichern. Es komme nämlich im Grunde nur auf den Glauben an, er verbinde den Menschen mit Gott, verwandele ihn  und führe ihn zum Heil. Taten seien dann Ausfluss einer gelungenen Gottesbeziehung, Symptom sozusagen, aber ohne eigene Bedeutung. Nur der Glaube, nur die Gnade, nur die Schrift, sagt Luther…! 

Wie ist das gemeint? Jesus jedenfalls sagt in diesem Textabschnitt, dass es nicht getan ist mit Bekenntnissen, inneren Einstellungen und religiösen Gefühlen, selbst solchen intensivster Art, die zu Wundern befähigen. Wenn sie nicht mit sichtbaren Früchten einhergehen, sind sie am Ende irrelevant. Dies ist das Bild, das Jesus hier gebraucht: einen Baum erkennt man an seinen Früchten. 

Welcher Art Früchte es sind, sagt Jesus nicht. Ich kann mir vorstellen, dass es dabei durchaus auch um die innere Welt geht, um das Maß, in dem jemand mit sich, mit Gott und den Mitmenschen in Frieden lebt. Aber auch darum, ob jemand die eigenen Gaben auszuschöpfen vermag, zur Ehre Gottes und dem Wohl seiner Mitmenschen. Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten ist ein anderes wichtiges Bild von Jesus. 

Im Vers spricht Jesus sehr kondensiert und konzentriert davon, dass es im Ergebnis darauf ankommt, den Willen Gottes zu tun. Vielleicht nicht als ersten Schritt zum Heil, aber wohl als wichtigsten Begleiter auf dem Weg dorthin.

Aber was will Gott von mir? Ich weiss es nicht. Wow! Wie wäre mein Leben, wenn ich es wüsste? Um das herauszufinden, sind sie in der Tat unabdingbar: Glaube, Gnade und die Schrift…!  

Ich wünsche uns allen Gottes besonderen Segen in der zweiten Adventswoche!
Ulf von Kalckreuth