Bibelvers der Woche 37/2026

Ich habe euch gesandt, zu schneiden, was ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet und ihr seid in ihre Arbeit gekommen.
Joh 4,38

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Liebe Leserinnen und Leser, dies ist ein Gastbeitrag von Yessenia Astheimer. Yessenia ist Studentin der Evangelischen Theologie an der Goethe-Universität Frankfurt. 

Einleitung

Die Worte aus Joh 4,38 hier, das sind Worte Jesu, die er an seine Jünger richtet, kurz nach seinem Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4,1- 42). 

Die Jünger waren währenddessen in die Stadt gegangen, um etwas zu essen zu besorgen (Joh 4,8) und hatten bei ihrer Rückkehr die weibliche Gesprächspartnerin von Jesus Christus wohl knapp verpasst, denn diese war gerade wieder ins Dorf gerannt, um alle anderen ebenfalls einzuladen, ihn kennenzulernen (Joh 4,28-29). 

Mit Essen beginnt auch die Unterhaltung der Jünger mit ihrem “Rabbi” (Lehrer) in Joh 4,31: 

Rabbi, iß! 

Er aber sprach zu ihnen: Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nicht wisset. Da sprachen die Jünger untereinander: Hat ihm jemand zu Essen gebracht? Jesus spricht zu ihnen: 

Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk. 

Saget ihr nicht: Es sind noch vier Monate, so kommt die Ernte? 

Siehe, ich sage euch: 

Hebet die Augen auf und sehet in das Feld; denn es ist schon weiß zur Ernte. Und wer da schneidet, der empfängt Lohn und sammelt Frucht zum ewigen Leben, auf daß sich miteinander freuen, der da sät und der da schneidet. 

Denn hier ist der Spruch wahr: 

Dieser sät, der andere schneidet. 

Ich habe euch gesandt, zu schneiden, was ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet und ihr seid in ihre Arbeit gekommen. 

Inzwischen ist auch die Frau mit den Leuten ihres Dorfes wiedergekommen und es heißt: “Es glaubten aber an ihn viele der Samariter aus der Stadt um des Weibes Rede willen” (Joh 4,39). 

Sie bedrängten ihn, noch bei ihnen zu bleiben, was er auch tat. Dann zog er nach zwei weiteren Tagen mit seinen Jüngern weiter. 

In diesem Kontext steht die ausgeloste Stelle für diese Woche aus Joh 4,38. 

Es sind die Worte Jesu Christi, der zu seinen Jüngern sagt: 

“Ich habe euch gesandt, zu schneiden, was ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet und ihr seid in ihre Arbeit gekommen.” 

Die Formulierung aus der Übersetzung aus der Lutherbibel von 1912 meint mit “schneiden” hier effektiv “ernten”, daher ist es so in einigen moderneren Übersetzungen auch genauso gesagt, denn wie “erntet” man ein Getreidefeld? – Indem man die Ähren “schneidet”. 

Ernte

Doch was ist die Ernte, um die es hier geht? 

Wie bereits gezeigt, steht dieses Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern hier nicht im luftleeren Raum. 

Es ist eingebettet in die Geschichte mit Jesus und der Frau am Jakobsbrunnen, denn diese Frau dient hier als Beispiel. 

Was ist die Ernte, um die es hier geht? — Es sind die Menschen. 

Jesus Christus hatte mit dieser Frau viele theologische Themen angesprochen, unter anderem die richtige Anbetung, die Notwendigkeit des Heiligen Geistes und die Offenbarung von Ihm selbst als Messias. 

Dann ist sie ins Dorf gerannt, um Menschen einzuladen. 

Das kurze Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern folgt. 

Danach geht es weiter damit, dass viele aus dem Dorf zum Glauben kamen wegen der Worte der Frau. 

Die Ernte bezieht sich also auf den Menschen selbst. 

Es ist erst diese Frau, die durch Jesus Christus “geerntet” wurde, denn so beginnt auch dieser Abschnitt: 

“Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nicht wisset.” 

Was ist diese Nahrung? 

Auch die Jünger sind verwirrt. 

“Hat ihm jemand zu essen gebracht?” 

Doch Jesus sagt: 

“Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.” 

Und wer die Ernte einbringt, erhält seinen Lohn: 

“Und wer da schneidet, der empfängt Lohn und sammelt Frucht zum ewigen Leben” 

Jesus Christus selbst hat die “Ernte” hier eingebracht, in Bezug auf die Frau, denn sie war so verloren und kannte ihn nicht, doch jetzt erkennt sie Ihn: “Kommt, seht einen Menschen, der mir gesagt hat alles, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei!” (Joh 4,29). 

Und daher hat Jesus Christus, salopp gesagt, keinen Hunger, denn Er spricht:

“Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.” 

Ist so nicht auch dies Sein Lohn? — Die Freude daran, den Willen Seines Vaters zu tun. 

Doch so jedenfalls steht dieses Gespräch zwischen Jesus und Seinen Jüngern nicht im luftleeren Raum, denn es ist eingebettet in diese Geschichte mit Jesus und der Frau am Jakobsbrunnen, denn sie dient hier als Beispiel. 

“Dieser sät, der andere schneidet. 

Ich habe euch gesandt, zu schneiden, was ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet und ihr seid in ihre Arbeit gekommen.” 

Die Frau steht hier für einen Menschen, der “geerntet” wurde. 

Doch ich glaube, die Frau steht hier auch exemplarisch für diesen Menschen, der eine einfache Handlung vollzieht, hier eine Einladung ausspricht, und dabei die Ernte einfährt. 

Jesus Christus hatte allen spirituellen und auch theologischen Background. 

Er sah sie an, sah diese “zufällige” Person da am Brunnen, war womöglich gar extra diesen Weg gegangen, nur um mit ihr zu sprechen, weil Seine Einsicht so unfassbar groß ist und Er einfach wusste, schon bevor Er sie direkt vor sich sah, dass sie da sein würde. 

Er sah sie an und sah doch so viel weiter als nur ihr äußerliches Gesicht. 

“Kommt, seht einen Menschen, der mir gesagt hat alles, was ich getan habe” 

Er wusste, wer sie war und was sie getan hatte, auch ohne, dass sie es ausdrücklich sagte. 

Er wusste, warum sie mitten am Tag in der Mittagshitze kam, obwohl die Dorfgesellschaft im Morgenkühl wohl schon gemeinsam gekommen war. 

Er wusste, warum sie hier nicht Teil der Gemeinschaft war. 

Er hatte sämtliche prophetische Einsicht, und er ließ seine Fähigkeiten nicht ungenutzt, um zu dieser Frau zu sprechen. 

Und so hat Er sie für sich gewonnen. 

So wurde sie “geerntet”. 

Sie rannte einfach nur voller Begeisterung zu den Leuten ihres Dorfes. 

Sie nutzte keine große Überzeugungsarbeit und besonders beeindruckende Argumentation voller Symbolik. Auch von einer prophetischen Gabe wird bei ihr nicht berichtet. 

All dies hat Jesus Christus doch bei ihr eingesetzt, 

doch sie sagte einfach nur: ‚Kommt und seht‘, und brachte ihre Leute zu Ihm. 

“Ich habe euch gesandt, zu schneiden, was ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet und ihr seid in ihre Arbeit gekommen.” 

Sie hat die Ernte eingefahren, für die sie selbst nicht gearbeitet hat. 

Sie hat die Ernte eingefahren, obwohl sie selbst gerade erst “geerntet” wurde. 

Sie hatte selbst nicht wirklich Ahnung, was sie da überhaupt tut, so wie auch viele Neubekehrte oft noch nicht so viel Ahnung haben, 

und doch ist der begeisterte Enthusiasmus eines Menschen oft so effektiv, der gerade erst Jesus Christus kennengelernt hat und es mit allen teilt, all seinen Freunden und Bekannten und sonstigen Menschen, die da gerade auf der Straße in seinem Dorf umherlaufen. 

Sie hatte noch nicht wirklich viel Ahnung von besonders viel, und doch ist sie im Rahmen der gelosten Stelle für diese Woche ein zweifaches Beispiel, 

denn die Ernte, um die es hier geht, das sind die Menschen. 

Sie selbst wurde “geerntet” und auch sie selbst durfte schon “ernten”. 

Und so ruft Jesus Christus auch Seine Jünger auf, am Einbringen dieser Ernte teilzuhaben: 

“Ich habe euch gesandt, zu schneiden, was ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet und ihr seid in ihre Arbeit gekommen.” 

Das Werk 

Welches ist diese “Arbeit”, in die der Jünger von Jesus Christus kommt? 

Wir haben geklärt, was die “Ernte” ist, doch welches ist die “Arbeit”, in die wir uns einbringen sollen? 

Was ist das “Werk”, um das es hier geht, denn auch das “Werk” ist nur ein anderer Ausdruck für “Arbeit”. 

Jesus spricht von einem “Werk”, das vollendet werden soll: 

“Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.” 

Das “Werk” ist das “Werk” von Gott, unseres Herrn, denn es ist das Werk “des, der mich gesandt hat”, und wer Jesus Christus gesandt hat, das ist Gott, der Vater. 

Und Er spricht von dieser Vollendung des Werkes und verweist direkt danach auf die Ernte: 

“Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk. 

Saget ihr nicht: Es sind noch vier Monate, so kommt die Ernte? 

Siehe, ich sage euch: Hebet die Augen auf und sehet in das Feld; denn es ist schon weiß zur Ernte.” 

Warum verweist er vom “Werk” direkt auf die “Ernte”? 

Denn die “Ernte” ist Teil des Werkes und das Werk soll vollendet werden. 

Das Einbringen der Ernte gehört total dazu. 

Niemand sät ein Feld, sodass es nicht geerntet werden soll. 

Am Ende des Gespräches heißt es: “Andere haben gearbeitet und ihr seid in ihre Arbeit gekommen.” 

Wir sind gesandt zu schneiden, was wir nicht gearbeitet haben. 

Das “Werk” ist einfach die Arbeit, das Feld zu bestellen. 

Zur Bestellung des Feldes gehört die Aussaat, noch vieles, vieles mehr, und es gehört die Ernte dazu. 

Niemand besät ein Feld, das nicht geerntet werden soll.

Denn was ist mit dem Feld, das besät, doch nicht geerntet wurde? 

“Andere haben gearbeitet und ihr seid in ihre Arbeit gekommen.” 

Doch bei dem Feld, das besät und nicht geerntet wurde, war da die Arbeit der anderen nicht umsonst? 

All die Zeit und Mühe, all die Geduld und investierten Gebete, und dann war die Ernte reif, und blieb stehen, schließlich überreif, und blieb stehen, bis dass sie schließlich zugrunde geht. 

Niemand besät ein Feld, das nicht geerntet werden soll, sonst war all die Arbeit vergebens. 

Ich glaube, die Wahrheit ist, 

das Einbringen der Ernte gehört genauso dazu wie die Aussaat. 

Beides ist notwendige Arbeit. 

Beides ist Teil des Werks. 

Wo beginnt dieses Werk? 

Auch vor der Aussaat ist auf dem Feld bereits eine Unmenge an Arbeit. 

Doch vollendet wird es mit der Einbringung der Ernte. 

Diese Einbringung ist das Werk des Herrn, 

und dennoch sind wir, wie so oft, in dieses Werk mit hineingenommen, denn Jesus Christus selbst spricht zu Seinen Jüngern: 

“Ich habe euch gesandt, zu schneiden, was ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet und ihr seid in ihre Arbeit gekommen.” 

Die Erntezeit 

Und wann soll diese Arbeit erfolgen? 

Wann ist die Zeit des Säens? Wann ist die Zeit der Ernte? 

Über das Säen ist an anderen Stellen viel gesagt, doch hier sagt Jesus Christus auch etwas zur Zeit der Ernte: 

“Saget ihr nicht: Es sind noch vier Monate, so kommt die Ernte? 

Siehe, ich sage euch: 

Hebet die Augen auf und sehet in das Feld; denn es ist schon weiß zur Ernte.” 

Die Zeit der Ernte ist jetzt. – Jetzt ist die Zeit. 

Der Mensch denkt so oft, 

in vier Monaten, in zwei Wochen noch, morgen, übermorgen, vielleicht nächstes Jahr. 

Lass uns noch dies und jenes erledigen. Wir müssen erst noch ein Konzept erarbeiten, Daten evaluieren und Gebäuderahmenpläne erstellen, und dann … Dann müssen wir noch eine Fortbildung in “Evangelisation im 21. Jahrhundert” machen. – Sowieso. Was soll ich überhaupt sagen? 

Doch Jesus Christus sagt: 

“Saget ihr nicht: Es sind noch vier Monate, so kommt die Ernte? 

Siehe, ich sage euch: 

Hebet die Augen auf und sehet in das Feld; denn es ist schon weiß zur Ernte.” 

Effektiv sagt Er hier: Jetzt ist die Zeit. – Die Zeit der Ernte ist jetzt. 

Das erinnert mich persönlich auch an eine Zusage, die wir im Rahmen einer Gebetseinheit erhielten: 

“Revival is now” — “Erweckung ist jetzt”! Doch warum sehen wir das oftmals an so vielen Stellen nicht? 

Ich denke, 

vielleicht liegt es auch daran, dass wir diese Einladungen an so vielen Stellen auch einfach nicht aussprechen. 

Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir uns oftmals einen so großen Kopf darum machen, was soll ich eigentlich sagen? 

Doch die Frau hier in der Geschichte sagte einfach, “Kommt, seht” (Joh 4, 29) und fast das ganze Dorf kam, um zu sehen und lernte Jesus Christus persönlich kennen. 

Vielleicht liegt es auch daran, dass wir das große ungeerntete Feld sehen und so wie die Frau direkt ein ganzes Dorf auf einmal wollen, doch uns dann bei dieser einen Frau am Brunnen nicht die Zeit nehmen wollen für ein ausführliches Gespräch. 

Und so verpassen wir auch den Segen, an dem wir uns mithilfe dieser einen einzelnen Frau hätten erfreuen können. 

“Revival is now” — “Erweckung ist jetzt”! Doch warum sehen wir das oftmals an so vielen Stellen nicht? 

Ich denke, die Wahrheit ist, 

wir sehen es vielleicht auch daher an so vielen Stellen, an so vielen Orten nicht, weil wir einfach nicht “ernten” …

Doch welche Gnade ist es, dass wir so einen großen und wunder-vollen Gott haben, dessen Gnade und Barmherzigkeit und Treue jeden Tag neu sind, und der uns ruft, nicht nur einmal am Anfang aller Zeit, nicht nur einmal in dem Moment, in dem wir Ihn erstmalig hören, sondern immer und immer wieder, beständig, und tag-täglich. 

Halleluja. 

Gebet

Herr, 

und so möchten wir zu Dir beten. 

Bitte komm mit Deinem Heiligen Geist. 

Danke, dass Du so groß bist und so vergebend und so geduldig und dass Du immer und immer wieder zu uns sprichst und nach uns rufst und auch durch Deine Schriften zu uns sprichst. 

Bitte zeig uns heute ganz besonders und ganz neu auch einfach, was für jeden Einzelnen von uns gerade dran ist. 

Sollen wir losrennen, eine Predigt vor vielen Menschen halten? Sollen wir unseren Nachbarn auf eine Tasse Tee einladen, um mit ihm die beste Nachricht ever teilen, oder was ist es, das jeder Einzelne von uns gerade heute tun kann, um nach Deinem Willen zu handeln? 

Bitte komm mit Deinem Heiligen Geist und erfüll uns, sprich ganz deutlich zu uns, hilf uns, Dich zu verstehen, und hilf uns, dass wir Deinem Wort dann auch folgen. 

Danke, dass Du da bist, 

und danke, dass Du so geduldig bist, 

und danke, dass wir alle Dir so wichtig sind! 

Amen. 

Persönliches 

Herzlichen Dank für das Lesen dieser kleinen nicht ganz so kurzen Andacht! 

Mein Name ist Yessenia, ich studiere Evangelische Theologie an der Goethe-Uni in Frankfurt am Main.

Ulf und ich lernten uns in dem beeindruckenden Gebäude der Diakoniekirche in Frankfurt kennen. Uns verbindet beständig die Frage, was es ist, das Gott sich hier für dieses Gebäude, die Community und die Menschen, die dort leben, wünscht und was es genau ist, das wir dort tun können/dürfen/sollen. – Betet gerne mit. 

Ansonsten spiele ich gerne Tennis, lese gerne, engagiere mich in meiner Kirchengemeinde vor Ort und in der Stadt, in der ich lebe, und auch ich schreibe gelegentlich auf meinem eigenen kleinen theologischen Blog. Gerne mal vorbeischauen:

http://theology4everyone.com/ 

Herzlichen Dank auch an den lieben Ulf für diesen Gastbeitrag hier. Bis bald allerseits! 

Love and Prayers, 
Yessenia Astheimer

Bibelvers der Woche 36/2026

Der helle Morgenstern -- Jesus löst das Versprechen Gottes ein.

„Ich will deinen Samen bestätigen ewiglich und deinen Stuhl bauen für und für.“ (Sela.)
Ps 89,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Dynamit und Morgenstern

Der Vers ist eine Zusage Gottes an David. Seine Nachkommen werden regieren bis in alle Ewigkeit, oder jedenfalls bis in eine ferne, unbestimmte Zukunft. 

Mir liegt das zunächst einmal sehr fern. Zwar bin auch ich männlichen Geschlechts, aber sonst habe ich mit David nichts gemein: keine Söhne, keine Krone, kein Thron. Ihnen. liebe Leser, wird es ähnlich gehen. 

Wenn man aber den Psalm liest, zieht es einem fast die Schuhe aus. Er hat zwei Teile. Der erste überbietet sich selbst mit Heilszusagen an das Volk Gottes und seinen König und mit Lobpreis Gottes, dem mächtigen Herrn der Herren, der die Erde lenkt und das Chaos der Urzeit seiner Ordnung unterwirft – er vernichtet Rahab, das mythische Ungeheuer des Urmeers, Sinnbild des Chaos. 

Aber dann, ab Vers 39, kommt der Absturz:

Aber nun hast du verstoßen und verworfen
und zürnst mit deinem Gesalbten!
Du hast zerbrochen den Bund mit deinem Knecht
und seine Krone entweiht in den Staub.
Du hast eingerissen alle seine Mauern
und hast zerstört seine Festungen.
Es berauben ihn alle, die vorübergehen;
er ist seinen Nachbarn ein Spott geworden.
(Vers 39-42)

Und so weiter, mit steigender Intensität. Gott hat sein Volk und den König fallen lassen, hat scheinbar alle Versprechungen gebrochen und bricht sie weiter. Der Psalm ist nicht nur Klage, er ist regelrecht Anklage, mit der rhetorisch hoch aufgeladenen und unbedingten Heilszusage im ersten Teil und der übergangslos darauf folgenden erbarmungslosen Inventur der Realität von Staat und Volk. 

In der Bibel ist das Dynamit. Vielleicht ist der erste Teil des Psalms eine alte Königs-und Bundesüberlieferung, und der zweite stammt aus der Zeit des Zusammenbruchs. Vielleicht aber sind auch beide Teile gemeinsam verfasst: sehr stark sind sie aufeinander bezogen, wie Licht und Schatten. Der Psalm endet mit einer intensiven Bitte, die ohne Antwort bleibt. 

Mich erinnert das sehr an den BdW 34/2026 vor zwei Wochen, worin Gott seinem Volk den Schutz entzieht. Wie gehen wir damit um, wenn unsere Welt mit ihren Gewissheiten sich auflöst, obwohl wir doch auf Gottes Schutz bauen und vertrauen? Der Tod ist uns gewiss und unseren Kindern auch und – so fürchte ich – unserer Kultur. All das wird nicht schön.

Mit seiner im Wortsinn krassen Gegenüberstellung von Zusage und Realität fordert der Psalm vom Leser – und von Gott – eine Antwort. Das Alte Testament gibt sie nicht, nicht endgültig. Die Bücher Esra und Nehemia berichten zwar, wie nach der Katastrophe das Schlimmste überwunden wird: das Exil endet, Juden dürfen sich wieder in Jerusalem und der Umgebung sammeln und können die Stadt neu aufbauen, mit Mauer und Tempel. Aber das davidische Königtum kehrt nicht zurück. Das Land wechselt den Besitzer mehrfach. Zur Zeit von Christi Geburt steht es unter römischer Oberhoheit. Wenig später ist Jerusalem völlig zerstört und seine Bewohner vertrieben. Das Haus David scheint verschwunden. 

„Ich will deinen Samen bestätigen ewiglich und deinen Stuhl bauen für und für.“

???

Eine überraschende Antwort auf die klaffende Frage gibt das Neue Testament. Die Bezeichnung „Sohn Davids“ war im Lauf der Zeit zum messianischen Titel geworden, sie steht für den König, der da kommen soll, das Reich wieder aufzurichten. Viele erwarteten einen König aus Fleisch und Blut, der mit militärischer Macht auch politisch wieder aufrichtet. Das Neue Testament deutet den Königstitel um. Jesus ist kosmischer König, der das Reich Gottes errichtet. Sein Reich, sagt er, ist nicht von dieser Welt. 

In seiner großen Predigt nach dem Pfingstwunder erklärt Petrus den Zuhörern, wie ausgerechnet der jämmerlich m Kreuz gestorbene Jesus der verheißene David-König sein kann. Jesus ist auferstanden, er ist nicht im Tod geblieben. Er ist Nachkomme Davids und mit der Auferstehung beginnt sein Königtum: So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat (Apg 2,36).

Die Auferstehung ist für die Autoren des Neuen Testaments die Krönung Christi, das Ereignis, mit dem Gott sein feierliches Versprechen aus Psalm 89 einlöst. Das Königtum Davids und sein Same sind nicht erloschen. Das Reich Davids ist transformiert, in unfassbarer Weise ausgeweitet. Es überschreitet die Grenzen von Land, Volk, Macht und schließlich sogar des Todes. Das große Bild dieser neuen Welt geben uns die letzten Abschnitte der Offenbarung am Ende der Bibel. Dort sagt Jesus von sich selbst: Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern. Und er setzt fort: Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst. (Off 22,16b+17).

Der Herr segne und behüte uns in der kommenden Woche und immer. 
Ulf von Kalckreuth


Ein kleines Postscriptum: Wie auch schon in den drei vergangenen Jahren ist der „Bibelvers der Woche“ wieder als akkreditierter Blog auf der Buchmesse in Frankfurt vertreten. Über diese Akkreditierung freue ich mich auch deshalb, weil in diesem Jahr nur Content-Producer mit einer geschätzten Reichweite von mehr als 2000 Followern noch einen Presseausweis erhalten…! Ich werde berichten.

Bibelvers der Woche 35/2026

Aufgeblasene Frösche im Duell

Solches aber, liebe Brüder, habe ich auf mich und Apollos gedeutet um euretwillen, dass ihr an uns lernet, dass niemand höher von sich halte, denn geschrieben ist, auf dass sich nicht einer wider den andern um jemandes willen aufblase.
1 Kor 4,6

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Sich aufblasen

Paulus schreibt an die junge Gemeinde in Korinth, die er selbst gegründet hat. Es liegen ihm Fragen aus einem Brief der Gemeinde vor. Außerdem hat er von persönlichen Bekannten von allerlei Missständen erfahren. Sein Brief liest sich stellenweise bitter, manchmal auch ironisch bis hin zum Sarkasmus, und der erste Teil ist im Ganzen eine Standpauke. 

Ein Thema sind Parteiungen. Anstatt die Botschaft Christi als Ganze zu erfassen und ihn mit Gott in die Mitte zu stellen, identifizieren sich die Menschen in der Gemeinde mit einzelnen Lehrern: Paulus, Apollos und Petrus. Sogar der Name Christi wird erwähnt. Die Menschen in der Gemeinde identifizieren sich mit diesen Lehrern, gewinnen daraus Status für sich und grenzen sich von anderen ab. 

Das Schöne daran: Um selbst größer zu werden, müssen sie gar nichts Großes tun. Es genügt, auf der richtigen Seite zu stehen. Sie blasen sich um einer dritten Person willen gegeneinander auf, schreibt Paulus in unserem Vers. 

Und er wehrt sich wütend dagegen. Er will nicht gegen Apollos, Petrus oder andere in Stellung gebracht werden. Alle diese Verkündiger, sagt er, tun die ihnen von Gott zugewiesene Aufgabe, und auf diese kommt es an, auf die frohe Botschaft. 

Manche Menschen heute identifizieren sich in dieser Weise mit Fußballvereinen. In meiner Jugend waren bestimmte Rockbands und Stars von einem Kult umgeben, der sich durchaus gegen andere richten konnte. In den Kirchen folgen wir einzelnen Lehrern nicht mehr in der Weise, die Paulus beschreibt. Niemand sagt: Ich folge Calvin, Wesley, Augustinus oder Luther, nicht wahr? 

Vielleicht haben wir ja aus dem Korintherbrief gelernt? 

Glaube ich nicht. Denn Parteiungen gibt es durchaus. Den Menschen ist oft wichtig, manchmal auch sehr wichtig, dass sie evangelisch oder katholisch, freikirchlich oder methodistisch sind. Wo ich herkomme, war das ein wesentlicher Teil der Identität und ist es noch. An Konfessionsgrenzen haben sich Familien entzweit. Als Flüchtlingskind wurde mein Vater auf der Straße von Kindern der „anderen“ Konfession mit Steinen beworfen. 

Heute, in einer Stadt wie Frankfurt, ist das offenkundiger Unfug. Christen haben viel mehr gemeinsam als sie trennt. Gegenüber der vorherrschenden Indifferenz und auch im Verhältnis zu nichtchristlichen Religionen wirken die alten Konfessionsgrenzen oft grotesk.  

Wenn Sie Christ sind: Wie wichtig ist Ihnen die „richtige Seite“? Besuchen Sie katholische, landeskirchliche, freikirchliche Gottesdienste nur, wenn es nicht anders geht? Blicken Sie auf einen katholischen Mitchristen mit anderen Augen als auf einen evangelischen? 

Auch andere Parteiungen gibt es. Was geschieht, wenn sich herausstellt, dass der Mitchrist mit der AfD sympathisiert? Oder schwul ist? Oder nicht schwul?

Womit blasen wir uns auf? 

Paulus sagt, das wir fast alles empfangen haben, was uns ausmacht. Meinen Verstand habe ich nicht gemacht. Meine Begabungen nicht. Die Menschen, die mir etwas beigebracht haben, habe ich nicht ausgesucht. Nicht das Land, in dem ich geboren wurde, nicht meine Muttersprache, nicht die Zeit, in der ich lebe. Auch was ich mir erarbeitet habe, konnte ich nur erarbeiten, weil vorher viel da war, das ich nicht erarbeitet hatte. Das gilt auch für den Glauben, ja zuallererst für ihn. 

Womit kann ich mich dann aufblasen?

Der Herr sei mit uns in der kommenden Woche und er zeige uns, worauf es ankommt.
Ulf von Kalckreuth

P.S.: Ein Freund hat mich auf ein Lied aufmerksam gemacht, bei dem sicher 1 Kor 4 Pate stand. Es ist vom Duo Arno und Andreas, die ich vorher nicht kannte: https://youtu.be/uc1aI8jrgw8?is=6SMWKLPfmWoilbFi

Extrablatt: Religion, Koordination und Klimawandel

Liebe Leserinnen und Leser,

Robert Eccles hat gerade meinen Beitrag Carbon, Coordination and Religion in seinem Blog zu Nachhaltigkeitsfragen veröffentlicht. Hier, auf den Seiten zum Bibelvers der Woche, habe ich nun eine deutsche Fassung eingestellt.

Darin vertrete ich die These, dass der Klimawandel im Grunde ein Problem gemeinschaftlichen Handelns ist. Fast alles, was wir an Treibhausgasen ausstoßen, betrifft nicht uns selbst, sondern Menschen überall auf der Welt. Zugleich gibt es auf globaler Ebene keine Instanz, die wirksam überwachen und durchsetzen könnte, was zum Schutz des Klimas notwendig wäre. Mit den herkömmlichen Mitteln von Wirtschaft und Politik scheint die erforderliche weltweite Zusammenarbeit daher kaum erreichbar.

Aber die Menschheit verfügt seit Jahrtausenden über eine alte und mächtige „Technologie“ gemeinschaftlichen Handelns, mit deren Hilfe sie immer wieder Probleme bewältigt hat, die sonst kaum lösbar erschienen: Religion.

Religion kann unmittelbar beeinflussen, was Menschen wichtig ist und wie sie die Welt wahrnehmen – beim Einzelnen ebenso wie in Gruppen und ganzen Gesellschaften. Sie verbindet ethische Überzeugungen mit dem persönlichen Handeln. Sie berührt unsere tiefsten Gefühle und unsere Vorstellung davon, was ein gutes Leben ausmacht. Und sie hilft uns, zwischen dem zu unterscheiden, was wir für richtig und falsch, gut und böse halten. Die Religionen, die ich kenne, haben dabei eine starke soziale Orientierung und kennen die Verantwortung für die Bewahrung der Welt, in der wir leben.

Ich selbst bin Ökonom und gläubiger Christ, und in meinem Beitrag versuche ich, beide Perspektiven miteinander zu verbinden. Zunächst untersuche ich aus wissenschaftlicher Sicht, welche Rolle Religion bei der Lösung eines globalen Koordinationsproblems wie dem Klimawandel spielen kann – zunächst ohne Bezug auf einen bestimmten Glauben. Anschließend frage ich aus christlicher Perspektive, was daraus folgt. Dabei möchte ich zeigen, dass der Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung und die Verantwortung für die gesamte Menschheit nicht etwas sind, das dem christlichen Glauben nachträglich hinzugefügt werden müsste. Beides ergibt sich unmittelbar aus seinem Kern.

Aus der zuvor entwickelten wissenschaftlichen Perspektive ist das Christentum damit zugleich ein konkretes Beispiel, ein proof of concept: Es zeigt, dass religiöser Glaube und der Schutz des Klimas tatsächlich sehr eng miteinander verbunden sein können.

Natürlich kann es dabei nicht beim Christentum bleiben. Auch andere Religionen müssen angesprochen und einbezogen werden. Ich bin zuversichtlich, dass dies möglich ist. Vielversprechende erste Schritte sind bereits getan.

Für mich selbst ist dies eine überraschend hoffnungsvolle Botschaft. Religion ist angesichts der Klimakrise nicht ein Überbleibsel aus einer vergangenen Welt. Vielleicht besitzt sie gerade hier eine Fähigkeit, die unsere modernen Institutionen dringend benötigen – Menschen über Grenzen hinweg zu gemeinsamem Handeln zu bewegen.

Viele Gedanken in diesem Beitrag sind in Gesprächen entstanden. Ich bin sehr dankbar für die Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen bei der Bundesbank, darunter Sandra Eickmeier und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer Seminare zu Wirtschaft und Bewusstsein, sowie auch für die Gespräche in meiner Gemeinde, wo ich eine Predigt zu dem Thema halten konnte. Besonders aber danke ich Robert Eccles: Sein Angebot und seine Anregungen haben mich geradezu gezwungen, die Gedanken so weit auszuarbeiten, dass sie nun geteilt, diskutiert und weitergetragen werden können.

Hier geht es zum Blogbeitrag — englischsprachiges Original und deutsche Fassung. Ich freue mich über Kommentare und Widerspruch.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 34/2026

Bund und Weg -- zu Ri 2,11

So ergrimmte der Zorn des HErrn über Israel und gab sie in die Hand der Räuber, dass diese sie beraubten, und verkaufte sie in die Hände ihrer Feinde umher. Und sie konnten nicht mehr ihren Feinden widerstehen;…
Ri 2,14

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Bund und Weg

Die Zeit der Landnahme unter Mose und Josua ist vorbei, und längst nicht überall konnten die Israeliten sich durchsetzen. Mancherorts können sie nur in kleinen Siedlungstaschen leben, und werden von anderen Völkern dominiert. Die Erinnerung verblasst: an den Herrn, der das Volk führte, und an den Bund. Das Volk wendet sich anderen Göttern zu. 

Gott hat einen Bund mit seinem Volk. An dieser Stelle, in diesen Versen, entzieht er ihm seinen Schutz. Der Bund ist nicht aufgehoben, aber Gott schützt das Volk nicht mehr vor den Folgen seiner Abkehr. Es fällt — buchstäblich — unter die Räuber.

Das ist der erzählerische Rahmen für das Buch Richter. Siehe hierzu die BdW 10/2025 und 03/2020. Es sind nun Einzelne, die Richter, die auf Gottes Ruf hin das Volk gegen äußere Bedrohungen einen, manchmal besser, manchmal schlechter.

Wie schon früher muß ich hier an den Präsidenten der Vereinigten Staaten denken, Donald Trump. Mit seinen Partnern geht er rabiat um. Bündnisse werden relativiert, von politischen Gefälligkeiten abhängig gemacht, und über den Wert der Bündniszusage im Ernstfall gibt es allerseits ernste Zweifel — durchaus auch beim möglichen Gegner. Damit wird möglich, was eigentlich verhindert werden soll. 

Müssen wir uns Gott so vorstellen? Uns wegen seiner Treue Sorgen machen und deshalb ständig unsere eigene Treue hinterfragen? 

Genau darum geht es in dem Text, kann man argumentieren. Die historisch-kritische Bibelwissenschaft liest diese und viele vergleichbare Stellen in Deuteronomium, Josua und den Büchern der Könige vor dem Hintergrund von Untergang und Exil, dem Zusammenbrechen der staatlichen Ordnungen im Nordstaat Israel und im Südstaat Juda. Damals argumentierte die geistliche Elite, dass das Fernbleiben des Allmächtigen in der existenziellen Not darauf zurückzuführen sei, dass das Volk den Bund gebrochen habe. Aber Rückkehr sei möglich. Und bei der Redaktion der biblischen Texte, die seinerzeit stattfand, erhält diese Aussage breiten Raum.

Was hilft uns das? Nun ja — wenn die Erzählung vom Schutz, der nur bei Wohlverhalten besteht, einen rein zeitgeschichtlichen, identitätsstiftenden Hintergrund hätte, dann wäre der Text für uns und den heutigen Tag von nur eingeschränkter Relevanz. Kann man ihn nicht einfach ignorieren? Ich stelle die Frage mit Absicht so deutlich, denn vergleichbare Argumente kann man für viele Teile der Bibel machen. Was bliebe übrig? 

Ich bin kein Theologe und versuche in der Regel, die Texte so zu lesen, wie sie geschrieben stehen. Wie gehe ich damit um, dass mein Schutz, mein Seinsgrund auf Abruf steht, jederzeit widerrufen werden kann? 

Das Problem ist vielleicht das Bild. Wenn ich Gott als Person vor mir sehe, als König oder übermächtigen Präsidenten, dann finde ich aus dieser Unsicherheit schwer heraus. Wie der junge Luther muß ich dann fragen: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? — und Angst vor der Antwort haben. 

Vielleicht hilft ein anderes Bild. Im Neuen Testament, besonders in der Apostelgeschichte wird die Jesus-Bewegung als „der Weg“ bezeichnet. Das war eine der frühesten Selbstbezeichnungen der Anhänger Jesu.

Wege sind Grundlagen für die Existenz einer Gemeinschaft, das Wegenetz gehört zum Wichtigsten, das ein Volk hat. Wenn ich mein Leben mit Gott als Weg sehe, wird alles klarer. Ein Weg führt nur dann zum Ziel, wenn man auf ihm bleibt — verlässt man ihn, geht es eben anderswo hin oder nirgends.

Auch mit diesem Bild im Kopf bleiben Fragen. Bin ich auf dem Weg? Bin ich noch auf dem Weg? Und wenn ich auf einer Seitenstraße bin — führt sie auf den Weg zurück? 

Aber Angst vor einem erratischen, übellaunigen und irrationalen Gott-Präsidenten muß ich nicht haben. Gott ruft auf einen Weg und bleibt auf diesem Weg ansprechbar. Ich kann den Weg verlassen, ich kann mich verirren – aber ich kann auch umkehren. Der Weg bleibt.

Gottes Schutz begleite uns auf dem Weg durch die kommende Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 33/2026

Abraham aber betete zu Gott; da heilte Gott Abimelech und sein Weib und seine Mägde, dass sie Kinder gebaren.
Gen 20,17

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Amazing Grace

Es ist eine unglaubliche Geschichte. Und weil sie so unglaublich ist, wird sie dreimal berichtet. In Gen 20, aus dem unser Vers stammt, wird sie so erzählt: Abraham und Sara wandern in das Gebiet der Philister, zu Königs Abimelech in Gerar, zwischen Gaza und Be’er Scheva. Abraham hat Angst vor Konflikten, daher gibt er Sara als seine Schwester aus und verschweigt, dass sie verheiratet sind. Abimelech interessiert sich für sie und lässt sie holen, um sie in seinen Harem zu nehmen. 

Gerade noch rechtzeitig zeigt sich ihm der Herr im Traum, sagt ihm, dass Sara eines anderen Mannes Frau ist und dass es Todsünde wäre, sie zu sich zu nehmen. Abimelech ist sehr erschrocken. Er stellt Abraham zur Rede und fragt ihn, was er denn getan habe, dass Abraham eine derartige Sünde über ihn bringen wolle. 

Abimelech verzichtet auf die geplante Hochzeit, gibt Abraham seine Frau wieder und überhäuft ihn mit Geschenken — „Schafe und Rinder, Knechte und Mägde“. Er erlaubt ihm sogar, in seinem Land zu siedeln. Abraham betet für ihn, und Abimelechs Frauen und Mägde können wieder gebären. Das ist der gezogene Vers – „denn der HERR hatte zuvor hart verschlossen jeden Mutterschoß im Hause Abimelechs um Sarah, Abrahams Frau, willen.“

Die kollektive Unfruchtbarkeit im Hause Abimelechs lässt vermuten, dass Sara schon eine ganze Weile in seinem Harem gelebt haben könnte. Das wird deutlicher in der älteren Version der Geschichte. In Gen 12 wird erzählt, wie Abraham und Sara wegen einer Hungersnot nach Ägypten fliehen. Sie verschweigen ihre Ehe und der Pharao nimmt Sara in seinen Harem. Abraham bekommt viele Geschenke, und zwar vor der Aufklärung des Irrtums. Es ist also ein Brautpreis! 

Auch hier treffen Plagen das Haus des Pharao, auch hier greift der Herr ein. Der Pharao ist erzürnt und lässt die beiden von seinen Leuten außer Landes bringen.

In Gen 26 schließlich wird die Geschichte in abgemilderter Form ein drittes Mal erzählt. Das Ehepaar ist hier Isaak und Rebekka. Sie sind bei König Abimelech in Gerar zu Gast und verschweigen ihre Ehe, aber dieser bemerkt den Betrug selbst, noch bevor Schlimmeres geschieht. 

Man darf annehmen, dass es sich eigentlich um eine einzige Geschichte handelt, die auf unterschiedlichen Wegen in die Genesis-Erzählung gelangt ist. Sonst müsste man glauben, dass Abraham und Sara aus ihren Erfahrungen in Ägypten nichts gelernt haben, Die Beziehung zwischen den Geschichten gibt Stoff für theologische Diskussionen. Hier finden Sie eine längere Betrachtung dieser drei Geschichten und ihres Zusammenhangs. Und hier gibt es eine Synopse

Ich will den Blick gern auf etwas anderes lenken. Gott rettet – aber wen? 

Zunächst natürlich rettet er Sara. Abrahams Frau und Halbschwester steht im Begriff, auf Nimmerwiedersehen im Harem des Philisterkönigs zu verschwinden. In der Beziehung der beiden Männer ist sie Objekt. Zweitens rettet Gott auch Abimelech, der dabei ist, sich tödlich zu versündigen und eigentlich keine Möglichkeit hat, den Irrtum selbst zu erkennen. Der Herr erscheint ihm im Traum, und Abimelech, der Heide, reagiert sofort. Darin liegt Ironie, denn zu seiner Entschuldigung sgt Abraham, er glaubte, es sei keine Gottesfurcht an diesem Ort.  

Wirklich unmoralisch hat nämlich vor allem Abraham sich verhalten. Es war die hohe Zeit des Patriarchats. Männer hatten dabei nicht nur Rechte. Oberste Pflicht des Mannes war es, seine Frau zu schützen. Aus Opportunität entledigt sich Abraham dieser Pflicht und überlässt Sara ihrem Schicksal. Er versündigt sich an seiner Frau, an Abimelech bzw. dem Pharao und an Gott. 

Abraham ist so tief gefallen wie kaum ein Mensch fallen kann.

Und deshalb ist er es, der in erster Linie gerettet wird! Der Vater vieler Völker hat moralisch vollständig versagt. Und der Herr macht es rückgängig, und das nicht nur einmal! Gott rettet die Verheißung. Ohne sein Eingreifen – wie hätte die biblische Geschichte weitergehen können? Nur als Parodie.

Gott ist seinem Bund treu. Da ist die frohe Botschaft, hier ist sie wirklich! Deshalb wird die Geschichte dreimal erzählt! Amazing Grace: Gott rettet uns nicht nur ohne unser Verdienst, sondern manchmal sogar ohne unseren Willen, auch aus schwersten Verfehlungen. Er gibt uns auch dann nicht preis, wenn wir an unserer Schuld zu scheitern drohen. Seine Treue kann weiter reichen als unsere Untreue. Das macht die Sünde nicht harmlos. Aber es nimmt ihr das letzte Wort. 

Ist es nicht großartig, wie jemand so tief fallen und dennoch Grundstein sein kann für das Volk Gottes und für die ganze biblische Geschichte?

Gottes Schutz ist mit uns in der kommenden Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 32/2026

Illustration zu 1 Sam 20,40: Bogen, Köcher und zwei Pfeile

Da gab Jonathan seine Waffen seinem Knaben und sprach zu ihm: Gehe hin und trage sie in die Stadt.
1 Sam 20,40

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Hinwärts oder herwärts?

Der Vers trägt uns mitten in die sonderbare Dreiecksgeschichte zwischen König Saul, seinem Sohn Jonathan und dem jungen David. Jonathan, der natürliche Thronfolger Sauls, liebt David herzlich. Gleich nach dem Kampf Davids gegen Goliath übergibt er ihm sein Gewand, seinen Bogen, seinen Gürtel und sein Schwert. In BdW 09/2024 haben wir gesehen, wie unglaublich wertvoll dieses Schwert ist.

Anfangs liebt auch Saul David. Aber die Liebe schlägt um in Hass, als er sieht, wie gefährlich David ihm werden kann und wie Jonathan David den Vorrang einzuräumen scheint. Saul ist verblendet; ein dunkler Geist beherrscht ihn. David schließlich erwidert die Liebe zu Jonathan. Gegenüber König Saul ist er hin- und hergerissen zwischen Loyalität und Selbsterhaltung. Vielleicht denkt er auch an seine eigene Berufung.

Schließlich greift König Saul David tätlich an. Während der junge Mann mit der Harfe spielt, wirft Saul mit dem Spieß nach ihm, vgl. BdW 33/2020. Der König schickt seine Kriegsleute, um David festzunehmen und zu töten. David flieht. Nach einem Intermezzo versteckt er sich auf dem Feld und weiß nicht, ob er dauerhaft untertauchen muss oder ob Sauls mörderischer Zorn vielleicht nur vorübergehend ist. 

David und Jonathan treffen sich. Jonathan verspricht David, herauszufinden, was es mit dem Hass Sauls auf sich hat. Wie kann er sein Wissen weitergeben? Der Sohn des Königs ist selten allein und wird beobachtet. Also verabreden sie ein geheimes Zeichen. Jonathan will sich auf dem Feld, wo David sich versteckt hält, mit dem Bogen üben. Wenn er den Knaben, der bei ihm ist, schickt und sagt: „Hol den Pfeil, er liegt herwärts“, so kann David gefahrlos an den Hof zurückkehren. Sagt er aber: „Der Pfeil liegt hinwärts“, so soll David fliehen. 

Die beiden Sätze sind für Außenstehende bloße Richtungsangaben, kaum zu unterscheiden, wie „da“ und „dort“. Für die Eingeweihten übermitteln sie gegensätzliche Botschaften. Ein Missverständnis könnte tödliche Folgen haben. 

David muss seinem Freund absolut vertrauen. Jonathan könnte in David einen Rivalen sehen. Dies wäre die Gelegenheit, sich seiner gefahrlos zu entledigen. Sie schließen daher aufs Neue einen feierlichen Bund im Namen des Herrn.

Jonathan ist seinem Versprechen treu. Er riskiert, vom Speer seines zornigen Vaters getroffen zu werden. Als er weiß, dass Saul David sofort töten würde, wenn er ihn sieht, geht Jonathan mit einem Knaben hinaus aufs Feld, schießt und ruft laut, der Pfeil liege hinwärts. Dann schickt er den Knaben zurück — das ist der gezogene Vers. 

Mir fällt etwas auf. Des geheimen Zeichens hätte es eigentlich gar nicht bedurft, denn nachdem der Knabe gegangen ist, können die beiden Vertrauten ungehindert reden. Nach Lage der Dinge hätte Jonathan den Knaben einfach heimschicken können, ohne Pfeile zu verschießen und laut Codewörter zu rufen. Warum tut Jonathan es dennoch?

Ich denke, Jonathan zeigt, dass seine Botschaft im Zeichen ihres heiligen Bundes steht. 

Es ist wie mit der Schriftform, die es für manche Verträge gibt, oder mit kirchlicher Liturgie. Ein Zeichen gewinnt seine Kraft durch die gemeinsame Verabredung und die Treue derer, die sich daran gebunden fühlen.

Laute werden Sprache durch eine von der Sprachgemeinschaft getragene Vereinbarung zwischen Sprecher und Hörer. Ich kann die Worte „Berg“ oder „Tal“ gebrauchen, wenn ich weiß, welche Vorstellung sie beim anderen auslösen. Wenn nötig, können wir spezielle Verabredungen treffen. Jonathan gibt hier zum Ausdruck, dass er im Namen ihres Bundes spricht und dass er um die heilige Verbindlichkeit weiß. Das Zeichen selbst verbürgt den Inhalt! David kann kaum anders, er muss Jonathan glauben. Denn das ist die andere Seite des Bundes.

Es wäre schön, wenn wir die Fähigkeit hätten, so miteinander zu sprechen, wenn es wirklich nötig ist. Auf unsere Worte könnten andere unbedingt vertrauen, sie könnten darauf bauen. Das kann viel bewirken. 

Aber vielleicht können wir das wirklich? 

Gegenseitiges Vertrauen im Namen eines heiligen Bundes könnte entscheidend sein für die Bewältigung der Klimakrise. Ich arbeite gerade an einem Blogartikel darüber. 

Gottes Segen und sein Schutz seien mit uns in der kommenden Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 31/2026

Der König und Feldherr aus Ps 110 trinkt Wasser am Bach

Er wird trinken vom Bach auf dem Wege; darum wird er das Haupt emporheben.
Ps 110,7

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Wasser des Lebens

Ein rätselhafter Vers in einem rätselhaften Psalm. Bitte folgen Sie dem Link oben und lesen Sie den Psalm erst einmal ganz. Er ist nicht lang. Aber er hat es in sich.

Von zwei Herren ist die Rede. Der eine ist unzweifelhaft Gott, der Herr. Im Original steht hier das Tetragramm, der Name Gottes. Der andere wird vom Psalmisten als „mein Herr“ angesprochen. Wer ist es?

Der Psalm gehört zu den Davidspsalmen. Wenn David ihn geschrieben hat, so ist „sein Herr“ ein Mensch, der mächtiger und größer ist als er selbst. Manche jüdische Exegeten denken an den Messias, andere an Abraham. Ihn könnte David „mein Herr“ genannt haben. Manche denken auch an David selbst. Im Original lautet die Zueignung des Psalms „le David„, das kann „von David“ oder auch „für David“ bedeuten. Der Autor könnte dann ein Höfling Davids sein, ein Tempelsänger oder ein Priester. Christen verweisen auf Jesus Christus. Jesus selbst spricht über den Psalm. Der Messias sei gemeint, sagt er, und folglich könne der Messias nicht einfach Sohn Davids sein, sonst würde David ihn nicht „mein Herr“ nennen (Matth 22,41–46).

Geheimnisvoll ist auch, dass der Besungene nicht nur oberster König, sondern auch oberster Priester ist, und zwar Priester nach der Weise Melchisedeks, einer anderen Ordnung als die der Nachfolger Aarons. Priestertum und Königtum waren in Israel klar verschiedenen Ämtern und Abstammungslinien zugeordnet.

Der Psalm beschreibt, wie dieser große Priester und König machtvoll auftritt und im Volk Gottes ein großes Heer aufbietet, das ihm „willig folgt im heiligen Schmuck“. Der König und sein Heer vernichten die Feinde Israels. Und dann kommt der sonderbare Vers 7, der letzte des Psalms: 

Er wird trinken vom Bach des Weges, darum wird er das Haupt emporheben. 

Was ist das? Psalm 110 entwirft eine gewaltige, bis ins Endzeitliche reichende Vision. Er steigert sich in immer größere Höhen: der Herr sitzt zur Rechten Gottes, er herrscht, er ist Priester in Ewigkeit, er richtet die Völker und zerschmettert Könige – und die letzte Notiz zeigt ihn beim Trinken aus einem Bach. Das ist das Gegenteil eines Höhepunkts.

Es gibt Exegeten, die gerade in dieser Unscheinbarkeit die Botschaft sehen: der Priesterkönig schreitet als Feldherr unaufhaltsam voran, und er hält nur kurz inne, um seinen Durst zu stillen. Nichts Unnötiges lenkt ihn ab von seiner Aufgabe. Verwandt damit ist die Deutung von Augustinus: Der Menschensohn muß sich erniedrigen, Mensch werden, leiden, um sein Erlösungswerk zu vollbringen. 

Aber was hat es mit dem Wasser auf sich? Man kann es als die Quelle jener Kraft lesen,  die der heiligen Priester, König und Feldherrn braucht, um den Kopf über seine Feinde zu erheben. 

Wiesenbach bei Biberach an der Riß

Mir fällt Psalm 1 ein. Dort steht Wasser als Bild für die Kraft und das Heil, das der Glaubende aus seinem Leben mit Gott zieht. Auch Jesus verwendet das Bild des Wassers in dieser Weise, in seinem Gespräch mit der Samariterin. In der Taufe schließlich wird der Mensch in die Gemeinschaft mit Christus hineingenommen.

Wenn Jesus der Priester und König des Psalms ist, dann sagt uns der Vers, was seine Kraft und Macht ist: es ist die Kraft Gottes, der er sich verbunden weiß bis hin zur Identität: „Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir?“, Joh 14,10.

Wir sind Kinder Gottes. In der Gemeinschaft mit Christus sind wir Könige und Priester, sagt die Offenbarung. Auch wir dürfen aus dem Wasser des Lebens Kraft und Reinheit empfangen. Der Herr sei mit uns in der Woche, die kommt.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 30/2026

Denn die Grube ist von gestern her zugerichtet; ja sie ist auch dem König bereitet, tief und weit genug; der Scheiterhaufen darin hat Feuer und Holz die Menge. Der Odem des HErrn wird ihn anzünden wie ein Schwefelstrom.
Jes 30,33

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Worauf kommt es an?

Das klingt wahrhaft bedrohlich. Der Spruch Jesajas richtet sich gegen Sanherib, den König von Assyrien. Zum Zeitpunkt der Niederschrift unseres Verses hatte (vermutlich) Assyrien den Nordstaat Israel bereits vernichtet, im Jahr 722 v. Chr., und nun bedrohte die Supermacht das Südreich.

Hiskia, König von Juda, suchte sich durch Bündnisse mit Ägypten abzusichern. Ägypten war die andere Supermacht, sie stellte sich der Expansion Assyriens entgegen. Jesaja wendet sich hier und anderswo strikt gegen ein Bündnis mit Ägypten. Das Volk Judas solle sich nicht auf die Krieger, Streitwagen und Rosse Ägyptens verlassen, sondern auf ihren Bund mit Gott dem Herrn. Dieser werde das Volk für seine Abwendung von Gott strafen (V. 8-17), ihm aber auch wieder gnädig sein (V. 18-26). Um Assyrien will Gott sich selbst kümmern (V. 27-33).

Das Großreich ist Gottes Werkzeug bei der Bestrafung Israels und Judas, gerät am Ende aber selbst unter Gottes Gericht. Sanherib fällt schließlich in spektakulärer Weise dem Zorn Gottes anheim, sagt unser Vers. 

Haltet stille, und vertraut auf Gott, sagt Jesaja, versucht nicht, euch durch Machtspiele zu sichern. Nicht Angst wird euch retten, sondern Vertrauen auf Gott den Herrn.

Als ich den Spruch las und seinen Kontext verstand, regte sich Widerspruch in mir. In der Lage Hiskias hätte jeder vernünftige Herrscher Ausschau nach Bündnispartnern gehalten, und Ägypten war die logische Adresse. In der Zeitung lese ich, dass die Bundeswehr sich kurzfristig an einer Nuklearübung mit Frankreich beteiligen will. Und wer sich von China bedroht fühlt, wird das Einvernehmen mit den USA suchen. So geht Politik, damals wie heute. Und die Aussicht darauf, dass nach der Zerstörung Judas der Aggressor irgendwann bestraft würde, konnte für Hiskia nicht relevant sein. 

Man sollte aber Kapitel 30 nicht als Gutachten eines externen militärpolitischen Beraters lesen. Jesaja weist auf die tieferliegenden Ursachen des Konflikts hin. Das Volk hat sich von Gott dem Herrn abgewendet, dem Fels, auf dem es steht. In der Rückkehr zu Gott sollte die Priorität liegen, die Suche nach Bündnissen kann hierfür kein Ersatz sein.

Hat jemand Herzbeschwerden und erhält eine ungünstige Diagnose, so tut er gut daran, die verschriebenen Medikamente zu nehmen und die Einschränkungen zu akzeptieren, die seine Krankheit mit sich bringt. Aber langfristig ist es noch wichtiger, würde Jesaja sagen, nach den tieferliegenden Ursachen zu suchen. Wo hat er Raubbau getrieben an seinen Kräften? Was bedeutet gesundes Leben wirklich? Was will er tun mit diesem Leben, dessen Ende sich nun klarer zeigt? Worauf kommt es an? 

Für die kommende Woche wünsche ich uns allen einen ungetrübten Blick auf das Wesentliche. Gott sei mit uns,
Ulf von Kalckreuth 

Bibelvers der Woche 29/2026

…und besehet das Land, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt, ob’s stark oder schwach, wenig oder viel ist;…
Num 13,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Seid mutig!

Nachdem die Hebräer zwei Jahre lang durch die Wüste gewandert sind, nähern sie sich dem großen Ziel: dem Gelobten Land, das Gott versprochen hat. Die Vision, die sie gemeinsam mit sich tragen, wird nun erstmals mit der Realität konfrontiert.

Ein gefährlicher Augenblick. Kann die Vision bestehen?

Mose schickt Kundschafter aus. Hier ist Num 13, 17-20a, nach der Lutherbibel 1984: 

Als sie nun Mose aussandte, das Land Kanaan zu erkunden, sprach er zu ihnen: Zieht da hinauf ins Südland und geht auf das Gebirge und seht euch das Land an, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt, ob’s stark oder schwach, wenig oder viel ist; und was es für ein Land ist, darin sie wohnen, ob’s gut oder schlecht ist; und was es für Städte sind, in denen sie wohnen, ob sie in Zeltdörfern oder festen Städten wohnen; und wie der Boden ist, ob fett oder mager, und ob Bäume da sind oder nicht. Seid mutig und bringt mit von den Früchten des Landes.

Das ist ein Schlüsselmoment. Wenn man aufgefordert ist, die Zukunft zu betrachten — in welcher Haltung sollte man es tun? Mose gibt seinen Kundschaftern das Wichtigste mit: Seid mutig! 

Sie sind es nicht. Sie sehen mächtige Städte in Kanaan, gewaltige Krieger, unüberwindliche Hindernisse, sie entwickeln Zerrbilder und Angstvorstellungen und erfinden — gewollt oder ungewollt — noch Phantastereien hinzu, Riesen gar. Nur zwei der Späher, Kaleb und Josua, bleiben objektiv und ruhig. Die Einnahme des Landes sei möglich, sagen sie. 

Aber die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Für das Volk ist ein weiteres Vorgehen völlig undenkbar.  Eine Revolte bricht aus. Da erscheint die Herrlichkeit des Herrn über der Stiftshütte. Mose hat Mühe zu verhindern, dass Gott sein Volk tötet. Die Israeliten müssen zurück in die Wüste, urteilt Gott, und dort bleiben, bis sie sterben. Erst ihre Nachkommen werden das Gelobte Land sehen — und Kaleb und Josua. 

Vierzig Jahre lang wandern die Israeliten durch die Wüste Zin, im Kreis, ohne Perspektive. Das Bild einer kollektiven Depression!

Manchmal öffnet sich die Landschaft und wir können einen Blick auf Möglichkeiten in der Gegenwart und der Zukunft werfen. Ein Studium vielleicht, ein Wohnort, ein Mensch, der in unser Leben tritt, eine Gemeinde, eine neue Aufgabe. Wir dürfen dann nicht durch die Brille unserer Vergangenheit hinschauen. Sonst sehen wir nicht das Neue, das vor uns liegt, Gottes Geschenk, sondern nur unsere eigenen Ängste, 

Dann laufen wir im Kreis, in einer Wüste, in der wir nie leben wollten, so lange vielleicht, bis es vorbei ist und wir gar nichts mehr sehen.

Herr — hilf uns zu sehen, was ist, nicht wovor wir Angst haben! 
Ulf von Kalckreuth