Mich aber erhältst du um meiner Frömmigkeit willen und stellst mich vor dein Angesicht ewiglich.
Ps 41,13
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Wenn, weil oder während?
Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm! So lautete ein Spottvers meiner Kindheit. Mit etwas bösem Willen könnte man unseren Vers so lesen.
Bei näherer Betrachtung geht es aber um das nackte, irdische Weiterleben. David ist krank, todkrank sogar, und seine Feinde versammeln sich schon und zeigen ihr wahres Gesicht. In seiner Bedrängnis fleht er zum Herrn um Errettung. Er verweist dabei auf seine Habenseite: Er habe sich der Schwachen angenommen und sei „fromm“ gewesen – man könnte hier auch unschuldig, tugendhaft oder integer schreiben.
Warum aber ist es gut, tugendhaft zu leben? Was frommt es? Ich denke immer wieder mal darüber nach. Die Bibel erzwingt es geradezu, siehe die BdW 50/2021 und 03/2025. Und es ist mein dreiundsechzigster Geburtstag. Da darf man mal ein wenig weise sein — wenn nicht jetzt, wann dann?
Wenn
Die erste Antwort lautet: Gesetzestreue bringt Belohnung, Ungehorsam bringt Bestrafung. Es ist die Antwort, die vielleicht auch Kinder erwarten: der klassische „Tun-Ergehens-Zusammenhang“. Auf ihn verlässt sich der Betende in Psalm 41. Er verweist auf seine Tugend, und appelliert gleichzeitig an Gottes Gnade. Er weiß, dass er gegen Gott gesündigt hat und seine aktuelle Lage die Strafe sein könnte.
Psalm 18,21–25 formuliert das Prinzip in reiner Form, wenn David sagt:
Der HERR tut wohl an mir nach meiner Gerechtigkeit; er vergilt mir nach der Reinheit meiner Hände. Denn ich halte die Wege des HERRN und bin nicht gottlos wider meinen Gott. Denn alle seine Rechte hab ich vor Augen, und seine Gebote werfe ich nicht von mir, sondern ich bin ohne Tadel vor ihm und hüte mich vor Schuld. Darum vergilt mir der HERR nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor seinen Augen.
Weil
Eine andere Antwort besagt: Das Gesetz an sich ist gut. Es zu befolgen, dient unmittelbar dem eigenen Leben. Das ist für Erwachsene. Hier besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Gesetzestreue und Wohlergehen, der gar kein gesondertes Eingreifen Gottes erfordert – das Gesetz selbst bewirkt ihn. Es verhält sich wie mit der Gesundheit: Wer viel Gemüse, Obst und gute Fette zu sich nimmt, dafür wenig rotes Fleisch, Zucker und Alkohol, wer zudem nicht raucht und sich genug bewegt, fördert sein Wohlbefinden. Das ist die Denkart der jüdischen Weisheitslehre, wie sie das Buch der Sprüche vielfach variiert. Ein wunderbares Beispiel bietet Psalm 19,8–10:
Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise. Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. Die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen.
Während
Verwandt damit ist eine dritte Perspektive, die mir persönlich die liebste ist. Ich glaube, es ist die Antwort Jesu, wenn es um das rechte Verständnis der Gebote Gottes geht. Wenn wir Gott von ganzem Herzen lieben und uns von seiner Gegenwart verändern lassen, folgt daraus zweierlei gleichermaßen: Zum einen werden wir das Richtige tun wollen, weil wir zu Gott gehören und die Ordnung lieben, in der er sich offenbart. Und wir werden Glück und Frieden finden, weil wir im Einklang mit dem leben, was die Schöpfung durchwebt und durchschwingt.
Die beiden Folgen sind nicht kausal verknüpft. Wir sind nicht glücklich, weil wir das Richtige tun, sondern wir sind glücklich, während wir es tun – beides entspringt parallel unserer lebendigen Verbindung mit Gott. Ein Bild dafür gibt uns Psalm 1,3. Der Mensch bei Gott wird mit einem Baum verglichen, der an Wasserbächen gepflanzt ist:
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, /
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.
Das Wasser steht für das Wort und die Nähe Gottes. Weil der Baum an dieser Quelle steht, bringt er saftige Frucht und seine Blätter verwelken nicht. Er gedeiht. Nicht die eigene Tugend, die Frucht, bewirkt das Gedeihen, sondern die Quelle bewirkt beides gleichzeitig.
Existenzangst
Wenn, Weil und Während sind Stufen. Sehr elementar die erste, aufs Weltganze gerichtet die dritte. Aber alle drei haben „ihren“ Raum. Wenn es einem sehr schlecht geht, wenn die Neider am Bett stehen und tuscheln: „Wer so daliegt, steht nicht wieder auf“ – hilft es dann, der Schönheit des Gesetzes nachzusinnen? Oder sich daran zu erinnern, dass Gottesnähe zu einem gelingenden Leben führt? In existentieller Not ist der Mensch pragmatisch. David fleht in Psalm 41 um Hilfe, versichert Gott seine Treue und erinnert daran, dass er sie schon oft bewiesen hat.
Martin Luther war ein erbitterter Feind der Werkgerechtigkeit; darin liegt eine Wurzel der Reformation. Aber als er beinahe starb mit einem Darmverschluss, der ihn von innen her zu erdrücken drohte, als er zu Gott schrie und um Gnade flehte – da hat er gewiss auch Kraft aus dem Bewusstsein gezogen, dass er ein treuer Diener Gottes war und Gott ihn kannte. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Luther liebte die Psalmen; sie waren für ihn die Bibel im Kleinen. Ob er in jenen dunklen Stunden wohl Psalm 41 gebetet hat?
Der Herr schütze uns und helfe uns in der Not, ob wir es nun verdienen oder nicht. Er schenke uns die Kraft, seine Diener zu sein und dabei im Leben zu bestehen. Amen.
Ulf von Kalckreuth









