Bibelvers der Woche 34/2026

Bund und Weg -- zu Ri 2,11

So ergrimmte der Zorn des HErrn über Israel und gab sie in die Hand der Räuber, dass diese sie beraubten, und verkaufte sie in die Hände ihrer Feinde umher. Und sie konnten nicht mehr ihren Feinden widerstehen;…
Ri 2,14

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Bund und Weg

Die Zeit der Landnahme unter Mose und Josua ist vorbei, und längst nicht überall konnten die Israeliten sich durchsetzen. Mancherorts können sie nur in kleinen Siedlungstaschen leben, und werden von anderen Völkern dominiert. Die Erinnerung verblasst: an den Herrn, der das Volk führte, und an den Bund. Das Volk wendet sich anderen Göttern zu. 

Gott hat einen Bund mit seinem Volk. An dieser Stelle, in diesen Versen, entzieht er ihm seinen Schutz. Der Bund ist nicht aufgehoben, aber Gott schützt das Volk nicht mehr vor den Folgen seiner Abkehr. Es fällt — buchstäblich — unter die Räuber.

Das ist der erzählerische Rahmen für das Buch Richter. Siehe hierzu die BdW 10/2025 und 03/2020. Es sind nun Einzelne, die Richter, die auf Gottes Ruf hin das Volk gegen äußere Bedrohungen einen, manchmal besser, manchmal schlechter.

Wie schon früher muß ich hier an den Präsidenten der Vereinigten Staaten denken, Donald Trump. Mit seinen Partnern geht er rabiat um. Bündnisse werden relativiert, von politischen Gefälligkeiten abhängig gemacht, und über den Wert der Bündniszusage im Ernstfall gibt es allerseits ernste Zweifel — durchaus auch beim möglichen Gegner. Damit wird möglich, was eigentlich verhindert werden soll. 

Müssen wir uns Gott so vorstellen? Uns wegen seiner Treue Sorgen machen und deshalb ständig unsere eigene Treue hinterfragen? 

Genau darum geht es in dem Text, kann man argumentieren. Die historisch-kritische Bibelwissenschaft liest diese und viele vergleichbare Stellen in Deuteronomium, Josua und den Büchern der Könige vor dem Hintergrund von Untergang und Exil, dem Zusammenbrechen der staatlichen Ordnungen im Nordstaat Israel und im Südstaat Juda. Damals argumentierte die geistliche Elite, dass das Fernbleiben des Allmächtigen in der existenziellen Not darauf zurückzuführen sei, dass das Volk den Bund gebrochen habe. Aber Rückkehr sei möglich. Und bei der Redaktion der biblischen Texte, die seinerzeit stattfand, erhält diese Aussage breiten Raum.

Was hilft uns das? Nun ja — wenn die Erzählung vom Schutz, der nur bei Wohlverhalten besteht, einen rein zeitgeschichtlichen, identitätsstiftenden Hintergrund hätte, dann wäre der Text für uns und den heutigen Tag von nur eingeschränkter Relevanz. Kann man ihn nicht einfach ignorieren? Ich stelle die Frage mit Absicht so deutlich, denn vergleichbare Argumente kann man für viele Teile der Bibel machen. Was bliebe übrig? 

Ich bin kein Theologe und versuche in der Regel, die Texte so zu lesen, wie sie geschrieben stehen. Wie gehe ich damit um, dass mein Schutz, mein Seinsgrund auf Abruf steht, jederzeit widerrufen werden kann? 

Das Problem ist vielleicht das Bild. Wenn ich Gott als Person vor mir sehe, als König oder übermächtigen Präsidenten, dann finde ich aus dieser Unsicherheit schwer heraus. Wie der junge Luther muß ich dann fragen: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? — und Angst vor der Antwort haben. 

Vielleicht hilft ein anderes Bild. Im Neuen Testament, besonders in der Apostelgeschichte wird die Jesus-Bewegung als „der Weg“ bezeichnet. Das war eine der frühesten Selbstbezeichnungen der Anhänger Jesu.

Wege sind Grundlagen für die Existenz einer Gemeinschaft, das Wegenetz gehört zum Wichtigsten, das ein Volk hat. Wenn ich mein Leben mit Gott als Weg sehe, wird alles klarer. Ein Weg führt nur dann zum Ziel, wenn man auf ihm bleibt — verlässt man ihn, geht es eben anderswo hin oder nirgends.

Auch mit diesem Bild im Kopf bleiben Fragen. Bin ich auf dem Weg? Bin ich noch auf dem Weg? Und wenn ich auf einer Seitenstraße bin — führt sie auf den Weg zurück? 

Aber Angst vor einem erratischen, übellaunigen und irrationalen Gott-Präsidenten muß ich nicht haben. Gott ruft auf einen Weg und bleibt auf diesem Weg ansprechbar. Ich kann den Weg verlassen, ich kann mich verirren – aber ich kann auch umkehren. Der Weg bleibt.

Gottes Schutz begleite uns auf dem Weg durch die kommende Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 33/2026

Abraham aber betete zu Gott; da heilte Gott Abimelech und sein Weib und seine Mägde, dass sie Kinder gebaren.
Gen 20,17

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Amazing Grace

Es ist eine unglaubliche Geschichte. Und weil sie so unglaublich ist, wird sie dreimal berichtet. In Gen 20, aus dem unser Vers stammt, wird sie so erzählt: Abraham und Sara wandern in das Gebiet der Philister, zu Königs Abimelech in Gerar, zwischen Gaza und Be’er Scheva. Abraham hat Angst vor Konflikten, daher gibt er Sara als seine Schwester aus und verschweigt, dass sie verheiratet sind. Abimelech interessiert sich für sie und lässt sie holen, um sie in seinen Harem zu nehmen. 

Gerade noch rechtzeitig zeigt sich ihm der Herr im Traum, sagt ihm, dass Sara eines anderen Mannes Frau ist und dass es Todsünde wäre, sie zu sich zu nehmen. Abimelech ist sehr erschrocken. Er stellt Abraham zur Rede und fragt ihn, was er denn getan habe, dass Abraham eine derartige Sünde über ihn bringen wolle. 

Abimelech verzichtet auf die geplante Hochzeit, gibt Abraham seine Frau wieder und überhäuft ihn mit Geschenken — „Schafe und Rinder, Knechte und Mägde“. Er erlaubt ihm sogar, in seinem Land zu siedeln. Abraham betet für ihn, und Abimelechs Frauen und Mägde können wieder gebären. Das ist der gezogene Vers – „denn der HERR hatte zuvor hart verschlossen jeden Mutterschoß im Hause Abimelechs um Sarah, Abrahams Frau, willen.“

Die kollektive Unfruchtbarkeit im Hause Abimelechs lässt vermuten, dass Sara schon eine ganze Weile in seinem Harem gelebt haben könnte. Das wird deutlicher in der älteren Version der Geschichte. In Gen 12 wird erzählt, wie Abraham und Sara wegen einer Hungersnot nach Ägypten fliehen. Sie verschweigen ihre Ehe und der Pharao nimmt Sara in seinen Harem. Abraham bekommt viele Geschenke, und zwar vor der Aufklärung des Irrtums. Es ist also ein Brautpreis! 

Auch hier treffen Plagen das Haus des Pharao, auch hier greift der Herr ein. Der Pharao ist erzürnt und lässt die beiden von seinen Leuten außer Landes bringen.

In Gen 26 schließlich wird die Geschichte in abgemilderter Form ein drittes Mal erzählt. Das Ehepaar ist hier Isaak und Rebekka. Sie sind bei König Abimelech in Gerar zu Gast und verschweigen ihre Ehe, aber dieser bemerkt den Betrug selbst, noch bevor Schlimmeres geschieht. 

Man darf annehmen, dass es sich eigentlich um eine einzige Geschichte handelt, die auf unterschiedlichen Wegen in die Genesis-Erzählung gelangt ist. Sonst müsste man glauben, dass Abraham und Sara aus ihren Erfahrungen in Ägypten nichts gelernt haben, Die Beziehung zwischen den Geschichten gibt Stoff für theologische Diskussionen. Hier finden Sie eine längere Betrachtung dieser drei Geschichten und ihres Zusammenhangs. Und hier gibt es eine Synopse

Ich will den Blick gern auf etwas anderes lenken. Gott rettet – aber wen? 

Zunächst natürlich rettet er Sara. Abrahams Frau und Halbschwester steht im Begriff, auf Nimmerwiedersehen im Harem des Philisterkönigs zu verschwinden. In der Beziehung der beiden Männer ist sie Objekt. Zweitens rettet Gott auch Abimelech, der dabei ist, sich tödlich zu versündigen und eigentlich keine Möglichkeit hat, den Irrtum selbst zu erkennen. Der Herr erscheint ihm im Traum, und Abimelech, der Heide, reagiert sofort. Darin liegt Ironie, denn zu seiner Entschuldigung sgt Abraham, er glaubte, es sei keine Gottesfurcht an diesem Ort.  

Wirklich unmoralisch hat nämlich vor allem Abraham sich verhalten. Es war die hohe Zeit des Patriarchats. Männer hatten dabei nicht nur Rechte. Oberste Pflicht des Mannes war es, seine Frau zu schützen. Aus Opportunität entledigt sich Abraham dieser Pflicht und überlässt Sara ihrem Schicksal. Er versündigt sich an seiner Frau, an Abimelech bzw. dem Pharao und an Gott. 

Abraham ist so tief gefallen wie kaum ein Mensch fallen kann.

Und deshalb ist er es, der in erster Linie gerettet wird! Der Vater vieler Völker hat moralisch vollständig versagt. Und der Herr macht es rückgängig, und das nicht nur einmal! Gott rettet die Verheißung. Ohne sein Eingreifen – wie hätte die biblische Geschichte weitergehen können? Nur als Parodie.

Gott ist seinem Bund treu. Da ist die frohe Botschaft, hier ist sie wirklich! Deshalb wird die Geschichte dreimal erzählt! Amazing Grace: Gott rettet uns nicht nur ohne unser Verdienst, sondern manchmal sogar ohne unseren Willen, auch aus schwersten Verfehlungen. Er gibt uns auch dann nicht preis, wenn wir an unserer Schuld zu scheitern drohen. Seine Treue kann weiter reichen als unsere Untreue. Das macht die Sünde nicht harmlos. Aber es nimmt ihr das letzte Wort. 

Ist es nicht großartig, wie jemand so tief fallen und dennoch Grundstein sein kann für das Volk Gottes und für die ganze biblische Geschichte?

Gottes Schutz ist mit uns in der kommenden Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 32/2026

Illustration zu 1 Sam 20,40: Bogen, Köcher und zwei Pfeile

Da gab Jonathan seine Waffen seinem Knaben und sprach zu ihm: Gehe hin und trage sie in die Stadt.
1 Sam 20,40

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Hinwärts oder herwärts?

Der Vers trägt uns mitten in die sonderbare Dreiecksgeschichte zwischen König Saul, seinem Sohn Jonathan und dem jungen David. Jonathan, der natürliche Thronfolger Sauls, liebt David herzlich. Gleich nach dem Kampf Davids gegen Goliath übergibt er ihm sein Gewand, seinen Bogen, seinen Gürtel und sein Schwert. In BdW 09/2024 haben wir gesehen, wie unglaublich wertvoll dieses Schwert ist.

Anfangs liebt auch Saul David. Aber die Liebe schlägt um in Hass, als er sieht, wie gefährlich David ihm werden kann und wie Jonathan David den Vorrang einzuräumen scheint. Saul ist verblendet; ein dunkler Geist beherrscht ihn. David schließlich erwidert die Liebe zu Jonathan. Gegenüber König Saul ist er hin- und hergerissen zwischen Loyalität und Selbsterhaltung. Vielleicht denkt er auch an seine eigene Berufung.

Schließlich greift König Saul David tätlich an. Während der junge Mann mit der Harfe spielt, wirft Saul mit dem Spieß nach ihm, vgl. BdW 33/2020. Der König schickt seine Kriegsleute, um David festzunehmen und zu töten. David flieht. Nach einem Intermezzo versteckt er sich auf dem Feld und weiß nicht, ob er dauerhaft untertauchen muss oder ob Sauls mörderischer Zorn vielleicht nur vorübergehend ist. 

David und Jonathan treffen sich. Jonathan verspricht David, herauszufinden, was es mit dem Hass Sauls auf sich hat. Wie kann er sein Wissen weitergeben? Der Sohn des Königs ist selten allein und wird beobachtet. Also verabreden sie ein geheimes Zeichen. Jonathan will sich auf dem Feld, wo David sich versteckt hält, mit dem Bogen üben. Wenn er den Knaben, der bei ihm ist, schickt und sagt: „Hol den Pfeil, er liegt herwärts“, so kann David gefahrlos an den Hof zurückkehren. Sagt er aber: „Der Pfeil liegt hinwärts“, so soll David fliehen. 

Die beiden Sätze sind für Außenstehende bloße Richtungsangaben, kaum zu unterscheiden, wie „da“ und „dort“. Für die Eingeweihten übermitteln sie gegensätzliche Botschaften. Ein Missverständnis könnte tödliche Folgen haben. 

David muss seinem Freund absolut vertrauen. Jonathan könnte in David einen Rivalen sehen. Dies wäre die Gelegenheit, sich seiner gefahrlos zu entledigen. Sie schließen daher aufs Neue einen feierlichen Bund im Namen des Herrn.

Jonathan ist seinem Versprechen treu. Er riskiert, vom Speer seines zornigen Vaters getroffen zu werden. Als er weiß, dass Saul David sofort töten würde, wenn er ihn sieht, geht Jonathan mit einem Knaben hinaus aufs Feld, schießt und ruft laut, der Pfeil liege hinwärts. Dann schickt er den Knaben zurück — das ist der gezogene Vers. 

Mir fällt etwas auf. Des geheimen Zeichens hätte es eigentlich gar nicht bedurft, denn nachdem der Knabe gegangen ist, können die beiden Vertrauten ungehindert reden. Nach Lage der Dinge hätte Jonathan den Knaben einfach heimschicken können, ohne Pfeile zu verschießen und laut Codewörter zu rufen. Warum tut Jonathan es dennoch?

Ich denke, Jonathan zeigt, dass seine Botschaft im Zeichen ihres heiligen Bundes steht. 

Es ist wie mit der Schriftform, die es für manche Verträge gibt, oder mit kirchlicher Liturgie. Ein Zeichen gewinnt seine Kraft durch die gemeinsame Verabredung und die Treue derer, die sich daran gebunden fühlen.

Laute werden Sprache durch eine von der Sprachgemeinschaft getragene Vereinbarung zwischen Sprecher und Hörer. Ich kann die Worte „Berg“ oder „Tal“ gebrauchen, wenn ich weiß, welche Vorstellung sie beim anderen auslösen. Wenn nötig, können wir spezielle Verabredungen treffen. Jonathan gibt hier zum Ausdruck, dass er im Namen ihres Bundes spricht und dass er um die heilige Verbindlichkeit weiß. Das Zeichen selbst verbürgt den Inhalt! David kann kaum anders, er muss Jonathan glauben. Denn das ist die andere Seite des Bundes.

Es wäre schön, wenn wir die Fähigkeit hätten, so miteinander zu sprechen, wenn es wirklich nötig ist. Auf unsere Worte könnten andere unbedingt vertrauen, sie könnten darauf bauen. Das kann viel bewirken. 

Aber vielleicht können wir das wirklich? 

Gegenseitiges Vertrauen im Namen eines heiligen Bundes könnte entscheidend sein für die Bewältigung der Klimakrise. Ich arbeite gerade an einem Blogartikel darüber. 

Gottes Segen und sein Schutz seien mit uns in der kommenden Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 31/2026

Der König und Feldherr aus Ps 110 trinkt Wasser am Bach

Er wird trinken vom Bach auf dem Wege; darum wird er das Haupt emporheben.
Ps 110,7

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Wasser des Lebens

Ein rätselhafter Vers in einem rätselhaften Psalm. Bitte folgen Sie dem Link oben und lesen Sie den Psalm erst einmal ganz. Er ist nicht lang. Aber er hat es in sich.

Von zwei Herren ist die Rede. Der eine ist unzweifelhaft Gott, der Herr. Im Original steht hier das Tetragramm, der Name Gottes. Der andere wird vom Psalmisten als „mein Herr“ angesprochen. Wer ist es?

Der Psalm gehört zu den Davidspsalmen. Wenn David ihn geschrieben hat, so ist „sein Herr“ ein Mensch, der mächtiger und größer ist als er selbst. Manche jüdische Exegeten denken an den Messias, andere an Abraham. Ihn könnte David „mein Herr“ genannt haben. Manche denken auch an David selbst. Im Original lautet die Zueignung des Psalms „le David„, das kann „von David“ oder auch „für David“ bedeuten. Der Autor könnte dann ein Höfling Davids sein, ein Tempelsänger oder ein Priester. Christen verweisen auf Jesus Christus. Jesus selbst spricht über den Psalm. Der Messias sei gemeint, sagt er, und folglich könne der Messias nicht einfach Sohn Davids sein, sonst würde David ihn nicht „mein Herr“ nennen (Matth 22,41–46).

Geheimnisvoll ist auch, dass der Besungene nicht nur oberster König, sondern auch oberster Priester ist, und zwar Priester nach der Weise Melchisedeks, einer anderen Ordnung als die der Nachfolger Aarons. Priestertum und Königtum waren in Israel klar verschiedenen Ämtern und Abstammungslinien zugeordnet.

Der Psalm beschreibt, wie dieser große Priester und König machtvoll auftritt und im Volk Gottes ein großes Heer aufbietet, das ihm „willig folgt im heiligen Schmuck“. Der König und sein Heer vernichten die Feinde Israels. Und dann kommt der sonderbare Vers 7, der letzte des Psalms: 

Er wird trinken vom Bach des Weges, darum wird er das Haupt emporheben. 

Was ist das? Psalm 110 entwirft eine gewaltige, bis ins Endzeitliche reichende Vision. Er steigert sich in immer größere Höhen: der Herr sitzt zur Rechten Gottes, er herrscht, er ist Priester in Ewigkeit, er richtet die Völker und zerschmettert Könige – und die letzte Notiz zeigt ihn beim Trinken aus einem Bach. Das ist das Gegenteil eines Höhepunkts.

Es gibt Exegeten, die gerade in dieser Unscheinbarkeit die Botschaft sehen: der Priesterkönig schreitet als Feldherr unaufhaltsam voran, und er hält nur kurz inne, um seinen Durst zu stillen. Nichts Unnötiges lenkt ihn ab von seiner Aufgabe. Verwandt damit ist die Deutung von Augustinus: Der Menschensohn muß sich erniedrigen, Mensch werden, leiden, um sein Erlösungswerk zu vollbringen. 

Aber was hat es mit dem Wasser auf sich? Man kann es als die Quelle jener Kraft lesen,  die der heiligen Priester, König und Feldherrn braucht, um den Kopf über seine Feinde zu erheben. 

Wiesenbach bei Biberach an der Riß

Mir fällt Psalm 1 ein. Dort steht Wasser als Bild für die Kraft und das Heil, das der Glaubende aus seinem Leben mit Gott zieht. Auch Jesus verwendet das Bild des Wassers in dieser Weise, in seinem Gespräch mit der Samariterin. In der Taufe schließlich wird der Mensch in die Gemeinschaft mit Christus hineingenommen.

Wenn Jesus der Priester und König des Psalms ist, dann sagt uns der Vers, was seine Kraft und Macht ist: es ist die Kraft Gottes, der er sich verbunden weiß bis hin zur Identität: „Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir?“, Joh 14,10.

Wir sind Kinder Gottes. In der Gemeinschaft mit Christus sind wir Könige und Priester, sagt die Offenbarung. Auch wir dürfen aus dem Wasser des Lebens Kraft und Reinheit empfangen. Der Herr sei mit uns in der Woche, die kommt.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 30/2026

Denn die Grube ist von gestern her zugerichtet; ja sie ist auch dem König bereitet, tief und weit genug; der Scheiterhaufen darin hat Feuer und Holz die Menge. Der Odem des HErrn wird ihn anzünden wie ein Schwefelstrom.
Jes 30,33

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Worauf kommt es an?

Das klingt wahrhaft bedrohlich. Der Spruch Jesajas richtet sich gegen Sanherib, den König von Assyrien. Zum Zeitpunkt der Niederschrift unseres Verses hatte (vermutlich) Assyrien den Nordstaat Israel bereits vernichtet, im Jahr 722 v. Chr., und nun bedrohte die Supermacht das Südreich.

Hiskia, König von Juda, suchte sich durch Bündnisse mit Ägypten abzusichern. Ägypten war die andere Supermacht, sie stellte sich der Expansion Assyriens entgegen. Jesaja wendet sich hier und anderswo strikt gegen ein Bündnis mit Ägypten. Das Volk Judas solle sich nicht auf die Krieger, Streitwagen und Rosse Ägyptens verlassen, sondern auf ihren Bund mit Gott dem Herrn. Dieser werde das Volk für seine Abwendung von Gott strafen (V. 8-17), ihm aber auch wieder gnädig sein (V. 18-26). Um Assyrien will Gott sich selbst kümmern (V. 27-33).

Das Großreich ist Gottes Werkzeug bei der Bestrafung Israels und Judas, gerät am Ende aber selbst unter Gottes Gericht. Sanherib fällt schließlich in spektakulärer Weise dem Zorn Gottes anheim, sagt unser Vers. 

Haltet stille, und vertraut auf Gott, sagt Jesaja, versucht nicht, euch durch Machtspiele zu sichern. Nicht Angst wird euch retten, sondern Vertrauen auf Gott den Herrn.

Als ich den Spruch las und seinen Kontext verstand, regte sich Widerspruch in mir. In der Lage Hiskias hätte jeder vernünftige Herrscher Ausschau nach Bündnispartnern gehalten, und Ägypten war die logische Adresse. In der Zeitung lese ich, dass die Bundeswehr sich kurzfristig an einer Nuklearübung mit Frankreich beteiligen will. Und wer sich von China bedroht fühlt, wird das Einvernehmen mit den USA suchen. So geht Politik, damals wie heute. Und die Aussicht darauf, dass nach der Zerstörung Judas der Aggressor irgendwann bestraft würde, konnte für Hiskia nicht relevant sein. 

Man sollte aber Kapitel 30 nicht als Gutachten eines externen militärpolitischen Beraters lesen. Jesaja weist auf die tieferliegenden Ursachen des Konflikts hin. Das Volk hat sich von Gott dem Herrn abgewendet, dem Fels, auf dem es steht. In der Rückkehr zu Gott sollte die Priorität liegen, die Suche nach Bündnissen kann hierfür kein Ersatz sein.

Hat jemand Herzbeschwerden und erhält eine ungünstige Diagnose, so tut er gut daran, die verschriebenen Medikamente zu nehmen und die Einschränkungen zu akzeptieren, die seine Krankheit mit sich bringt. Aber langfristig ist es noch wichtiger, würde Jesaja sagen, nach den tieferliegenden Ursachen zu suchen. Wo hat er Raubbau getrieben an seinen Kräften? Was bedeutet gesundes Leben wirklich? Was will er tun mit diesem Leben, dessen Ende sich nun klarer zeigt? Worauf kommt es an? 

Für die kommende Woche wünsche ich uns allen einen ungetrübten Blick auf das Wesentliche. Gott sei mit uns,
Ulf von Kalckreuth 

Bibelvers der Woche 29/2026

…und besehet das Land, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt, ob’s stark oder schwach, wenig oder viel ist;…
Num 13,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Seid mutig!

Nachdem die Hebräer zwei Jahre lang durch die Wüste gewandert sind, nähern sie sich dem großen Ziel: dem Gelobten Land, das Gott versprochen hat. Die Vision, die sie gemeinsam mit sich tragen, wird nun erstmals mit der Realität konfrontiert.

Ein gefährlicher Augenblick. Kann die Vision bestehen?

Mose schickt Kundschafter aus. Hier ist Num 13, 17-20a, nach der Lutherbibel 1984: 

Als sie nun Mose aussandte, das Land Kanaan zu erkunden, sprach er zu ihnen: Zieht da hinauf ins Südland und geht auf das Gebirge und seht euch das Land an, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt, ob’s stark oder schwach, wenig oder viel ist; und was es für ein Land ist, darin sie wohnen, ob’s gut oder schlecht ist; und was es für Städte sind, in denen sie wohnen, ob sie in Zeltdörfern oder festen Städten wohnen; und wie der Boden ist, ob fett oder mager, und ob Bäume da sind oder nicht. Seid mutig und bringt mit von den Früchten des Landes.

Das ist ein Schlüsselmoment. Wenn man aufgefordert ist, die Zukunft zu betrachten — in welcher Haltung sollte man es tun? Mose gibt seinen Kundschaftern das Wichtigste mit: Seid mutig! 

Sie sind es nicht. Sie sehen mächtige Städte in Kanaan, gewaltige Krieger, unüberwindliche Hindernisse, sie entwickeln Zerrbilder und Angstvorstellungen und erfinden — gewollt oder ungewollt — noch Phantastereien hinzu, Riesen gar. Nur zwei der Späher, Kaleb und Josua, bleiben objektiv und ruhig. Die Einnahme des Landes sei möglich, sagen sie. 

Aber die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Für das Volk ist ein weiteres Vorgehen völlig undenkbar.  Eine Revolte bricht aus. Da erscheint die Herrlichkeit des Herrn über der Stiftshütte. Mose hat Mühe zu verhindern, dass Gott sein Volk tötet. Die Israeliten müssen zurück in die Wüste, urteilt Gott, und dort bleiben, bis sie sterben. Erst ihre Nachkommen werden das Gelobte Land sehen — und Kaleb und Josua. 

Vierzig Jahre lang wandern die Israeliten durch die Wüste Zin, im Kreis, ohne Perspektive. Das Bild einer kollektiven Depression!

Manchmal öffnet sich die Landschaft und wir können einen Blick auf Möglichkeiten in der Gegenwart und der Zukunft werfen. Ein Studium vielleicht, ein Wohnort, ein Mensch, der in unser Leben tritt, eine Gemeinde, eine neue Aufgabe. Wir dürfen dann nicht durch die Brille unserer Vergangenheit hinschauen. Sonst sehen wir nicht das Neue, das vor uns liegt, Gottes Geschenk, sondern nur unsere eigenen Ängste, 

Dann laufen wir im Kreis, in einer Wüste, in der wir nie leben wollten, so lange vielleicht, bis es vorbei ist und wir gar nichts mehr sehen.

Herr — hilf uns zu sehen, was ist, nicht wovor wir Angst haben! 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 28/2026

Und niemand müsse ihm Gutes tun, und niemand erbarme sich seiner Waisen.
Ps 109,12

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Segnen, Fluchen und Beten

Wir haben aus einem Fluchpsalm gezogen. Es ist einer der fünf Psalmen, die von der katholischen Kirche aus dem Stundenbuch für das mönchische Beten getilgt wurden, weil sie die christliche Botschaft verdunkeln können. 

Dennoch sollten Sie nun dem Link zum Psalm folgen, damit Sie sehen, worum es geht. Der zweite Abschnitt enthält einen langen Fluch. Der dritte Abschnitt gibt uns eine Vorstellung davon, was den Psalmisten dazu bringt, so zu beten. 

Psalmen sind Lieder vom menschlichen Reden zu Gott. Und solches Reden handelt durchaus nicht nur von Themen, Bitten und Wünschen, die uns als angemessen erscheinen. Menschen haben Angst. Menschen lernen hassen. Und auch dann rufen sie Gott zu Hilfe.. 

Ein Fluch ist, wie ein Segen, kein einfaches Gebet. In den älteren Teilen der Bibel geht von ihnen eine autonome Wirkung aus, wie von einem Steinwurf. In den Vätergeschichten gibt Isaak dem Jakob irrtümlich den Erstgeburtssegen. Er kann aber diesen Segen nicht zurückrufen, obwohl sein Sohn ihn betrügt und Isaak es im Nachhinein klar erkennt. Jahrzehnte später ringt Jakob am Jabbokfluß mit einem Engel, um mit Gewalt dessen Segen zu erzwingen.

Im Kontext eines magischen Verständnisses ist das Beten eines Fluchpsalms vergleichbar mit der heimlichen Gabe von Gift. Psalm 109 wurde im Mittelalter zum „Totbeten“ von persönlichen Feinden eingesetzt. Dabei wurde auch die Unterstützung von Geistlichen in Anspruch genommen.

Was Ist denn ein Fluch? Welche Realität steckt dahinter? Manches wird an den Rändern deutlich, und das ist so ein Rand. Ich denke nicht magisch. Wie viele aber glaube ich, dass unseren Gebeten Kraft zukommt, dass sie wirken können in unserem Leben und dem Leben anderer. Das passt nicht recht zu der Vorstellung, dass Gott völlig autonom allwissend, allmächtig und allgütig über unser Leben und Schicksal entscheidet. Dann käme es auf unser Gebet nicht an. Wenn wir beten, nehmen wir etwas von Gottes Macht in Anspruch. Es ist eine Art Mitverantwortung. Und vielleicht haben unsere Worte solche Macht nicht nur zum Guten. Vielleicht werden wir am Ende nicht nur gefragt, was wir getan, sondern auch, was wir gebetet haben — und was nicht.

Wie wir zu unseren Kindern und unseren Mitmenschen sprechen, greift in ihr Leben ein. Worte haben Kraft und Macht. Mit Worten erschafft Gott die Welt, mit Worten heilt Jesus Kranke und lässt Tote auferstehen. Unsere geistige Welt konstituiert sich vor allem durch Worte. Wir müssen auf unsere Worte achtgeben.

Der gezogene Vers soll dem Todfeind die Hilfe und den Schutz seiner Gemeinschaft nehmen. Im zweiten Teil, „… und niemand erbarme sich seiner Waisen“, wird nicht nur implizit des Feindes Tod beschworen. Der Halbvers weist darüber hinaus: auch Söhne und Töchter sollen ausgestoßen und ohne den Schutz der Gemeinschaft leben.

Wie in einem fotografischen Negativ listet der Psalm auf, was Glück ausmacht. Es sind eben die Dinge, die dem Feind genommen werden sollen:

  • Gerechtigkeit und Rechtssicherheit in der größeren Gemeinschaft,
  • eine angesehene soziale Stellung,
  • ein langes Leben in Gesundheit,
  • Sicherheit und Auskommen für die Familie, Frau und Kinder, 
  • Wachstum und Gedeihen der Nachkommen,
  • finanzielle Selbstbestimmung und Freiheit von drückenden Schulden,
  • Einbindung in die Gemeinschaft, zuverlässige Unterstützung aus dem Umfeld, auch für die Liebsten (unser Vers),
  • Gottes Vergebung für die Sünden der Eltern, denn sie wirken weiter, 
  • Gottes Segen in allem.

Mir bleibt an dieser Stelle eins: uns all dies zu erbitten, in Gottes reichem Segen. In dieser Woche und immer!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 27/2026

Mich aber erhältst du um meiner Frömmigkeit willen und stellst mich vor dein Angesicht ewiglich.
Ps 41,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Wenn, weil oder während? 

Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm! So lautete ein Spottvers meiner Kindheit. Mit etwas bösem Willen könnte man unseren Vers so lesen.

Bei näherer Betrachtung geht es aber um das nackte, irdische Weiterleben. David ist krank, todkrank sogar, und seine Feinde versammeln sich schon und zeigen ihr wahres Gesicht. In seiner Bedrängnis fleht er zum Herrn um Errettung. Er verweist dabei auf seine Habenseite: Er habe sich der Schwachen angenommen und sei „fromm“ gewesen – man könnte hier auch unschuldig, tugendhaft oder integer schreiben.

Warum aber ist es gut, tugendhaft zu leben? Was frommt es? Ich denke immer wieder mal darüber nach. Die Bibel erzwingt es geradezu, siehe die BdW 50/2021 und 03/2025. Und es ist mein dreiundsechzigster Geburtstag. Da darf man mal ein wenig weise sein — wenn nicht jetzt, wann dann?

Wenn

Die erste Antwort lautet: Gesetzestreue bringt Belohnung, Ungehorsam bringt Bestrafung. Es ist die Antwort, die vielleicht auch Kinder erwarten: der klassische „Tun-Ergehens-Zusammenhang“. Auf ihn verlässt sich der Betende in Psalm 41. Er verweist auf seine Tugend, und appelliert gleichzeitig an Gottes Gnade. Er weiß, dass er gegen Gott gesündigt hat und seine aktuelle Lage die Strafe sein könnte. 

Psalm 18,21–25 formuliert das Prinzip in reiner Form, wenn David sagt:

Der HERR tut wohl an mir nach meiner Gerechtigkeit; er vergilt mir nach der Reinheit meiner Hände. Denn ich halte die Wege des HERRN und bin nicht gottlos wider meinen Gott. Denn alle seine Rechte hab ich vor Augen, und seine Gebote werfe ich nicht von mir, sondern ich bin ohne Tadel vor ihm und hüte mich vor Schuld. Darum vergilt mir der HERR nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor seinen Augen.

Weil

Eine andere Antwort besagt: Das Gesetz an sich ist gut. Es zu befolgen, dient unmittelbar dem eigenen Leben. Das ist für Erwachsene. Hier besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Gesetzestreue und Wohlergehen, der gar kein gesondertes Eingreifen Gottes erfordert – das Gesetz selbst bewirkt ihn. Es verhält sich wie mit der Gesundheit: Wer viel Gemüse, Obst und gute Fette zu sich nimmt, dafür wenig rotes Fleisch, Zucker und Alkohol, wer zudem nicht raucht und sich genug bewegt, fördert sein Wohlbefinden. Das ist die Denkart der jüdischen Weisheitslehre, wie sie das Buch der Sprüche vielfach variiert. Ein wunderbares Beispiel bietet Psalm 19,8–10:

Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise. Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. Die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen.

Während

Verwandt damit ist eine dritte Perspektive, die mir persönlich die liebste ist. Ich glaube, es ist die Antwort Jesu, wenn es um das rechte Verständnis der Gebote Gottes geht. Wenn wir Gott von ganzem Herzen lieben und uns von seiner Gegenwart verändern lassen, folgt daraus zweierlei gleichermaßen: Zum einen werden wir das Richtige tun wollen, weil wir zu Gott gehören und die Ordnung lieben, in der er sich offenbart. Und wir werden Glück und Frieden finden, weil wir im Einklang mit dem leben, was die Schöpfung durchwebt und durchschwingt.

Die beiden Folgen sind nicht kausal verknüpft. Wir sind nicht glücklich, weil wir das Richtige tun, sondern wir sind glücklich, während wir es tun – beides entspringt parallel unserer lebendigen Verbindung mit Gott. Ein Bild dafür gibt uns Psalm 1,3. Der Mensch bei Gott wird mit einem Baum verglichen, der an Wasserbächen gepflanzt ist:

Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, /
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.

Das Wasser steht für das Wort und die Nähe Gottes. Weil der Baum an dieser Quelle steht, bringt er saftige Frucht und seine Blätter verwelken nicht. Er gedeiht. Nicht die eigene Tugend, die Frucht, bewirkt das Gedeihen, sondern die Quelle bewirkt beides gleichzeitig.

Existenzangst

Wenn, Weil und Während sind Stufen. Sehr elementar die erste, aufs Weltganze gerichtet die dritte. Aber alle drei haben „ihren“ Raum. Wenn es einem sehr schlecht geht, wenn die Neider am Bett stehen und tuscheln: „Wer so daliegt, steht nicht wieder auf“ – hilft es dann, der Schönheit des Gesetzes nachzusinnen? Oder sich daran zu erinnern, dass Gottesnähe zu einem gelingenden Leben führt? In existentieller Not ist der Mensch pragmatisch. David fleht in Psalm 41 um Hilfe, versichert Gott seine Treue und erinnert daran, dass er sie schon oft bewiesen hat.

Martin Luther war ein erbitterter Feind der Werkgerechtigkeit; darin liegt eine Wurzel der Reformation. Aber als er beinahe starb mit einem Darmverschluss, der ihn von innen her zu erdrücken drohte, als er zu Gott schrie und um Gnade flehte – da hat er gewiss auch Kraft aus dem Bewusstsein gezogen, dass er ein treuer Diener Gottes war und Gott ihn kannte. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Luther liebte die Psalmen; sie waren für ihn die Bibel im Kleinen. Ob er in jenen dunklen Stunden wohl Psalm 41 gebetet hat?

Der Herr schütze uns und helfe uns in der Not, ob wir es nun verdienen oder nicht. Er schenke uns die Kraft, seine Diener zu sein und dabei im Leben zu bestehen. Amen.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 26/2026

…und ganz Israel musste hinabziehen zu den Philistern, wenn jemand hatte eine Pflugschar, Haue, Beil oder Sense zu schärfen.
1 Sam 13,20

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Freiheit, die ich meine

Haben Sie es auch gelesen? Die amerikanische Regierung unter Präsident Donald Trump hat hinsichtlich der KI-Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 jegliche Nutzung durch „ausländische Staatsangehörige“ verboten. Angeführt werden „Sicherheitsgründe“, ohne weitere Erläuterungen. Der US-Anbieter Anthropic hat die beiden Modelle daraufhin vom Markt genommen. 

Längst ist der Zugang zu den Grundlagen und Komponenten für IT zur scharfen Waffe im globalen Machtkampf geworden. China setzt diese Waffe ebenso ein wie die USA. Künstliche Intelligenz ist Schlüsseltechnologie. Kulturgeschichtlich wird man einst unsere Zeit nach ihr benennen: Wir stehen heute am Beginn der KI-Zeit. Gegen 1200 v. Chr. begann im Nahen Osten die sogenannte Eisenzeit. Mit Eisen wurde vieles möglich und alles einfacher: in der Landwirtschaft, der Waffentechnik, demTransportwesen. Eisen war Hi-Tech und Schmiede waren angesehene Spezialisten. Denken Sie an Wieland den Schmied und an Daedalos.

Die Israeliten waren ihrem Schicksal als Bausklaven in Ägypten entflohen. Über Jahrzehnte hatten sie nomadisierend in der Wüste gelebt, bis sie in Kanaan Fuß fassen konnten. Die Erzählung der großangelegter Eroberung weiter Teile des Landes im Buch Josua ist nicht vollständig, um das mindeste zu sagen. In den Bergen Judäas lebten die Hebräer zurückgezogen und in Abhängigkeit von den Philistern. Diese hatten an der Küste fünf reiche Stadtstaaten gegründet und kontrollierten den Handel über das Meer ebenso wie die Verkehrswege von Norden nach Süden in der Ebene.

Die Hebräer auf ihren kargen Bergen unterlagen nicht formal der Herrschaft der Philister, aber — frei waren sie nicht. Sie durften keine Waffen aus Eisen besitzen und Geräte aus Metall nicht selbst herstellen, oder bearbeiten, ja nicht einmal ihre Sensen durften sie selbst schärfen. Das Bergland war durchsetzt von philistäischen Befestigungen.

Eisenbearbeitung verboten! Ein Messer und ein Schleifstab. Illustration zu Sam 13,
Eisenbearbeitung verboten!

Solche Beschränkungen gab es auch in der europäischen Kolonialzeit. Die Briten verteuerten durch Zölle und Steuern die indischen Textilwaren, so dass die indische Textilindustrie unterging — zugunsten der englischen. In vielen afrikanischen Kolonien verhinderten die Kolonialherren bewusst die Entstehung von Schwerindustrie. 

Für die Philister waren die Hebräer marginalisierte, auf Viehwirtschaft beschränkte Bergbewohner, eine Bedrohung der Sicherheit, weil sie in der Sommerdürre immer wieder einmal ins Tiefland einfielen. 

Sklaven waren sie nicht mehr, aber sie verfügten nicht selbst über die Grundlagen für ihre Entwicklung. 

In Sam 13 wird weiter erzählt, wie Jonathan, der Sohn Sauls, mit seinem Schwertträger eine wundergleiche Einzeltat vollbrachte und damit in einer atemberaubenden Kaskade die latenten Kräfte des Volks freisetzte. Das durfte ich im vergangenen Jahr ausführlich kommentieren, siehe den BdW 09/2024

Unser Vers erinnert in diesem Zusammenhang daran, was Freiheit wirklich ist: nicht die Freiheit von Läusen und Krankheit, und auch nicht die Freiheit zum Strandurlaub, sondern die Freiheit, die eigene Entwicklung in die Hand zu nehmen. Autonomie.

Diese Freiheit ist ein Gottesgeschenk, vielleicht das größte, und es will erworben, bewahrt, genutzt, verteidigt und entwickelt werden.

Kollektiv und individuell. Und wenn wir alt werden, bis zum Tod.

Morgen ist der längste Tag des Jahres. Ein Höhepunkt aus Licht. Und das ist der Wunsch für diese Woche und auch den Rest dieses Jahrs: Der Herr helfe uns, unsere Freiheit zu finden und richtig zu gebrauchen. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 25/2026

Und dies ist der Stamm des Vaters Etams: Jesreel, Jisma, Jidbas; und ihre Schwester hieß Hazlelponi;
1 Ch 4,3

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Hur und seine Kinder

Hur ist einer der Söhne von Juda. Er wird in diesem Vers als Stammvater Etams bezeichnet. Das ist der Name einer Stadt und der umliegenden Gegend in der Nähe von Bethlehem. Der Vers gibt uns die Namen der Kinder Hurs: Jesreel, Jisma, Jidbas und eine Frau, Hazlelponi. 

Genealogien reihen Namen aneinander und verbinden sie miteinander. Zwischen A, B, C und D schafft sie Beziehungen, zum Beispiel die folgende: A ist Vater von B. B heiratet C und das Kind der beiden ist D. 

Wie macht man daraus eine Betrachtung? 

Man könnte zum Beispiel Näheres zu den angesprochenen Personen in Erfahrung bringen. Um wen geht es hier eigentlich? Da gibt es eine Überraschung. KI-gestützte Suche führt zu dem Ergebnis, dass keine der im Vers genannten Personen in der Bibel ein weiteres Mal erwähnt wird. Nicht Jisma, nicht Jisma, nicht Jidbas und leider auch Hazlelponi nicht, die eine besondere Frau gewesen sein muß — die Genealogien der Bibel nennen sonst nur Väter und ihre Söhne.  Der Talmud sieht sie als Mutter von Simson, aber die Bibel schweigt.

Ein totes Ende also, vier Geschwister ohne bekannte Nachkommen, von denen man sonst nichts weiß. Gäbe es diesen Vers nicht, würde man ihn vermissen? Hur und seine Nachkommen sind nicht Teil der zentralen Ahnreihe, die von Adam über Jakob und Juda zu König David führt, dann zu den anderen Königen Judas und schließlich auch zu Jesus.

Und doch würde der Vers fehlen.

Unaufhörlich schafft das Alte Testament Beziehungen. Es sieht diese Beziehungen in der Vergangenheit begründet, und drückt das mit Genealogien aus, durch Blutsverwandtschaft also, ganz archaisch. Hur wird im Vers als Stammvater Etams bezeichnet. Die vier Nachkommen stehen wohl für die führenden Patrizierfamilien. Land ist an Stämme und Clans gebunden, und in der Bibel führen sich diese konsequent auf Einzelpersonen zurück.

Jakob steht für ganz Israel, Juda für die Einwohner des Südreichs, Hur für die Einwohner der Region Etam, und die vier Geschwister vermutlich für große Güter dort. Im anschließenden Vers werden noch weitere Kinder Hurs genannt, die zu anderen Städten gehören. Genealogie schafft in der Bibel Beziehungen zwischen großen Menschengruppen und ganzen Ländern und Völkern. Ohne unseren Vers wäre die Region Etam und ihre Menschen nicht in Juda und die biblische Geschichte eingebunden!

Denken wir noch einmal an die zentrale Ahnreihe. Wenn David von Juda abstammt ( 1 Chr 2,3-15) und Jesus von David (Mt 1,1-6 und Lk 3,31-33) — dann gehört Jesus zu David und zu Juda. Das vergißt man leicht, nicht wahr? Aber die Genealogie der Bibel hält es unauslöschlich fest, in dem ihr eigenen Code.

Wer bist du? Wohin gehörst du? Hierfür stehen in der Bibel Name und Abkunft. Wir können dem Herrn danken für unsere Namen und unseren Platz im Leben!

Der Herr segne unsere Woche
Ulf von Kalckreuth


Nachtrag: Vielleicht würde der Vers auch an anderer Stelle fehlen. Seit Tagen schon schauen meine Frau und ich abends Ben Hur, den Monumentalfilms von 1959 mit dreieinhalb Stunden Gesamtdauer. Absolut faszinierend: Jerusalem und das Heilige Land der Zeitenwende. Ich bin auf den Film gestoßen, als ich unseren Vers recherchierte. Judah Ben Hur — Judah aus dem Hause Hur — ist ein jüdischer Fürst, dessen Wege sich mit denen Jesu kreuzen. Lew Wallace, der Autor des zugrundeliegenden Buchs hat sehr genau recherchiert, als er den Namen seines Protagonisten wählte. Unseren Vers kannte er, da bin ich sicher!