…und sind Viehhirten, denn es sind Leute, die mit Vieh umgehen; ihr kleines und großes Vieh und alles, was sie haben, haben sie mitgebracht.
Gen 46,32
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Ein unverhofftes Wiedersehen
Die Verhältnisse zwischen den Brüdern sind geklärt. Josef, der Ausgestoßene, den seine Brüder nach Ägypten verkauft hatten, ist dort zum mächtigen Vizekönig geworden. Die Versöhnung ist sehr schwierig und komplex, doch am Ende gelingt sie.
Die Brüder sind als Bettler nach Ägypten gekommen, die Familie braucht eine Zukunft. Josef denkt nach: wie soll er seine Brüder beim Pharao einführen? Und er kommt zu einem eigentümlichen Ergebnis. Dies sind meine Brüder und Schwestern, will er sagen. Und dass sie Viehhirten seien, denn Viehhirten sind den Ägyptern ein Greuel. Der Pharao werde sie dann im Land Goschen wohnen lassen.
Wie soll man das verstehen? Zunächst einmal ist das die Wahrheit: Jakob und seine Söhne sind Viehhirten, auch Josef ist so aufgewachsen. Aber es ist eine wenig schmeichelhafte Wahrheit, die zu gesellschaftlicher Isolation führt. Als nomadisierende Viehhirten sind sie in Ägypten Menschen zweiter und dritter Klasse. Warum betont Josef diesen Punkt dezidiert?
Die Kommentatoren sind sich einig: Josef will, dass die Familie ihre Identität bewahrt und sich nicht vermischt mit den Ägyptern. Es geht um religiöse Identität — die Ägypter beten zu verschiedenen Göttern, und der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist nicht darunter. Josef kalkuliert, dass der Pharao den großen nomadisierenden Clan nicht in seinen Kernlanden wird siedeln lassen, sondern an der Peripherie, in einer Gegend, die sich für Viehzucht eignet.
Und so kommt es. War es gut? Die Bibel meint: ja, denn die Söhne Israels wachsen heran zu dem Volk, das Gott sich erwählt hat. Aber die Hebräer sind Pariahs und in dieser Stellung gefangen. Zu den Ägyptern haben sie kaum Kontakt. Die Bibel ist realistisch. Was da heranwächst, ist ein Volk von Bausklaven. Und nur das direkte Eingreifen Gottes kann sie schließlich dort herausführen.
Das Wort „Hebräer“ lässt sich aus einer Wurzel ableiten, die „umherschweifen“, „herübergehen“ bedeutet, und viele Kommentatoren bringen es in Beziehung zu „hapiru“ ein Wort für rechtlose Menschen am Rande der Gesellschaft. Kann es richtig sein, auf die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten zu verzichten, die im Austausch mit der dominierenden Kultur liegen?
Man könnte Doktorarbeiten über diese Frage schreiben. Zum Glück habe ich das vor rund dreissig Jahren schon erledigt 🙂 Ja, wirklich, hier der Beweis. Ein Teil meiner Arbeit hat sich mit der Frage befasst, wie Verteilung und Wachstum in dualistischen Gesellschaften sich gegenseitig bedingen. In dualistischen Gesellschaften koexistieren Angehörige moderner und traditioneller Kulturen. Forcierte Kapitalakkumulation beschleunigt das Wachstum auf Kosten verstärkter Ungleichheit, ein klassischer Zielkonflikt in der Entwicklungspolitik.
Der Schlüssel ist soziale Integration und kulturelles Lernen. Kulturelles Lernen bewirkt Wachstum und verringert dabei Ungleichheit. Es ist ein Wachstumsmotor, der neue Ressourcen schafft, und es gleicht Lebenschancen verschiedener Gruppen einander an, langfristig wie kurzfristig. Josefs Sätze habe ich darum gelesen, als seien sie fett in roter Farbe gedruckt — ein unverhofftes Wiedersehen mit einer alten und für mich sehr wichtigen Frage.
Die Stammväter kommen in Kontakt mit der höchstentwickelten Kultur ihrer Zeit weltweit. Was für eine Chance! Und hier werden die Bedingungen dieser Begegnung verhandelt. Wenn es ausschließlich darum geht, das Volk Gottes rein zu halten — das große Thema der Torah — dann mag es richtig sein, am Rand dieser Gesellschaft zu bleiben und auf ihre übervollen Möglichkeiten zu verzichten. In allen anderen Fällen ist es bedauerlich. Die europäische Geschichte ist übervoll von Migrationsereignissen aller Art, und fast immer verschwinden ethnische Binnendifferenzierungen nach wenigen Generationen. Kulturelle Begegnung ist eine Chance. Im günstigen Fall setzen sich im Austausch die überlegenen Techniken, Routinen, Verhaltensmuster, Kommunikationswege durch, all das eben, was Kultur ausmacht. So hat die ganze Welt Ackerbau und Viehzucht gelernt, den Städtebau und arbeitsteiliges Wirtschaften. Was wäre Musik, wenn wir nicht voneinander lernen könnten?
Wir werden alt und sterben, und allein dadurch gerät viel in Vergessenheit und verschwindet, ganz von selbst. Unsere Chance besteht darin, voneinander zu lernen. Unsere Identität, individuell wie kollektive, wird davon nicht unberührt bleiben. Josef, dem großen Träumer und Visionär ist zuzutrauen, dass er all dies gesehen und erwogen hat.
Ich wünsche uns allen Gottes Segen im Austausch mit denen, die anderes kennen, wissen und verstehen als wir selbst.
Ulf von Kalckreuth
Anmerkung: Ich stelle eben fest, dass die im Netz verfügbare Fassung meines ausgekoppelten Diskussionspapiers zu sozialem Lernen in dualistischen Volkswirtschaften beschädigt ist, es fehlen alle Grafiken. Deshalb nutze ich die Gelegenheit, es hier noch einmal einzustellen:
Ulf von Kalckreuth, Social learning in dualistic societies: Segregation, growth and distribution. Institut für Volkswirtschaftslehre und Statistik. Universität Mannheim, Discussion Paper No. 571-99, January 2000
Using a simple model of social learning, we endogenize growth and distribution in a dualistic developing society. For given parameters of the learning technology, a trade-off between growth and equity results. On the other hand, more intensive social interaction between agents will raise the growth rate and lower the income differential at the same time. The economic consequences of lacking social integration are sluggish growth and high inequality.





