Bibelvers der Woche 19/2021

Wenn ein Ochse einen Mann oder ein Weib stößt, dass sie sterben, so soll man den Ochsen steinigen und sein Fleisch nicht essen; so ist der Herr des Ochsen unschuldig.
Ex 21,28

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Haftung — in Exodus und im BGB 

Achtung: in dieser Woche wird’s juristisch, aber trotzdem ziemlich spannend, finde ich! In den Büchern Exodus, Leviticus und Numeri finden sich Elemente nicht nur für ein eisenzeitliches Strafrecht, sondern auch für ein Zivilrecht. Unser Vers steht im „Bundesbuch“, unmittelbar im Anschluß an die zehn Gebote. Es wird die Frage geregelt, ob und unter welchen Umständen der Besitzer eines Rinds für einen etwaigen Personenschaden haftet, den das Tier anrichtet. Erstaunlicherweise ist die Antwort aus dem Buch Exodus im wesentlichen dieselbe wie im modernen BGB. Hier noch einmal unser Vers, gemeinsam mit den beiden darauf folgenden (28-30).

Wenn ein Rind einen Mann oder eine Frau stößt, dass sie sterben, so soll man das Rind steinigen und sein Fleisch nicht essen; aber der Besitzer des Rindes soll nicht bestraft werden. Ist aber das Rind zuvor stößig gewesen und seinem Besitzer war’s bekannt und er hat das Rind nicht verwahrt und es tötet nun einen Mann oder eine Frau, so soll man das Rind steinigen, und sein Besitzer soll sterben. Will man ihm aber ein Lösegeld auferlegen, so soll er geben, was man ihm auferlegt, um sein Leben auszulösen.

Der Besitzer haftet nicht, wenn er seinen Sorgfaltspflichten nachkommt. Verletzt er diese jedoch, so wird er zur Verantwortung gezogen. In der Torah ist bekanntlich grundsätzlich ein Leben der Preis für ein Leben, aber oft — und in diesem Fall sogar explizit — ist als Ersatz die Zahlung eines Lösegeldes möglich. Das Rind aber wird in jedem Fall getötet (gesteinigt), und sein Fleisch darf nicht gegessen werden. Ersteres verhindert, dass der Vorfall sich wiederholt und letzteres, dass der Eigentümer den ihm dadurch entstehenden wirtschaftlichen Schaden durch Verkauf oder Verzehr mindern kann. 

Und hier die entsprechende Norm im BGB: 

§ 833
Haftung des Tierhalters

(1) Wird durch ein Tier ein Mensch getötet oder der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist derjenige, welcher das Tier hält, verpflichtet, dem Verletzten den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen. (2) Die Ersatzpflicht tritt nicht ein, wenn der Schaden durch ein Haustier verursacht wird, das dem Beruf, der Erwerbstätigkeit oder dem Unterhalt des Tierhalters zu dienen bestimmt ist, und entweder der Tierhalter bei der Beaufsichtigung des Tieres die im Verkehr erforderliche Sorgfalt beobachtet oder der Schaden auch bei Anwendung dieser Sorgfalt entstanden sein würde.

In Deutschland haftet grundsätzlich der Eigentümer für die „Tiergefahr“, und zwar verschuldungsunabhängig, es gilt Gefährdungshaftung. Absatz (2) schränkt diese für den Eigentümer sehr ungünstige Regel allerdings auf sog. Luxustiere ein, die ohne wirtschaftlichen Hintergrund gehalten werden, z.B. Haushunde. Für Nutztiere, deren Haltung wirtschaftlichen Zwecken dient, gilt hingegen die Regel aus Exodus: wenn der Halter die Sorgfaltspflichten beachtet, ist er frei, wenn nicht, ist er ersatzpflichtig. Die Unterscheidung soll die gewerbsmäßige Haltung von Tieren, insbesondere in der Landwirtschaft,  von den unkalkulierbaren wirtschaftlichen Risiken bei Gefährdungshaftung freistellen. Anders als der Eigentümer eines Luxustieres kann der Landwirt die Tiergefahr nicht ganz vermeiden, will er seinen Beruf nicht aufgeben. 

Es ist spannend zu sehen, dass die „Privilegierung“ der Landwirte modernen Juristen ein Dorn im Auge ist. In einem einschlägigen Fall ließ das OLG Schleswig im Jahr 2008 eine Revision beim BGH zu, weil §833(2) möglicherweise den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes verletze. Die Besserstellung von Landwirten werde in der Literatur als unzeitgemäß betrachtet, diese könnten sich schließlich versichern — hier ein Link.

Die jüdische Schriftgelehrsamkeit zählt 613 Ge- und Verbote (Mitzwot) auf, die aus den Texten der Torah folgen, hier ist ein Link zur Liste von Maimonides. Unser Vers kommt in dieser Liste gleich zweimal vor: Als Verbot, vom Fleisch des gesteinigten Rinds zu essen (#189), und als Gebot an die Richter, den Fall gebührend zu untersuchen (#463). Auf Maimonides und die Bibel kann der OLG Schleswig sich in seinem Kampf gegen unzeitgemäße Privilegien also nicht berufen. So sah es 2009 auch der BGH: er verwies den Fall an das Oberlandesgericht zurück, weil es in seiner Entscheidung versäumt habe zu prüfen, ob der beklagte Landwirt die erforderliche Sorgfalt an den Tag gelegt habe. Dies, statt der Erwägungen zum Gleichheitsgrundsatz, wäre seine Aufgabe gewesen. 

In der Sammlung von Maimonides sind viele der Mitzwot direkt als Forderung an Richter und Gerichte formuliert. Sollen Gesetze wirksam sein, muß es Menschen geben, die sie durchsetzen. Die neuere ökonomische Forschung zeigt, dass Rechtsstaatlichkeit einen großen Teil des Unterschiedes zwischen armen und reichen Ländern ausmacht. Die Bibel sieht das Gesetz als „Gottesgabe“, und unser Vers mag uns daran erinnern.

Der Herr behüte uns in dieser Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 18/2021

Den Gottlosen wird das Unglück töten; und die den Gerechten hassen, werden Schuld haben.
Ps 34,22

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Rezepte fürs Glück

Damit muss man leben, wenn man zufällig zieht. Der Vers droht demjenigen schlimmes Unheil an, der dem ‚richtigen‘ Weg nicht folgt und er passt damit gut zu einer verbreiteten Erwartungshaltung der Bibel gegenüber. Auch in Kirchenkreisen spricht man gern von der ‚Drohbotschaft‘ als traurigem Gegensatz zur ‚Frohbotschaft‘. Ein schrecklicher Kalauer übrigens, den meine Rechtschreibhilfe nicht verzeiht. 

Man mag es kaum glauben, aber unser Vers hat tatsächlich eine frohe Botschaft. Der zweite Teil von Psalm 34 ist ein Lehrgedicht, wie es auch im Buch der Sprüche stehen könnte. Es geht um Rezepte fürs Glück. Die Einstiegsfrage lautet: „Wer ist’s, der Leben begehrt und gerne gute Tage hätte?“ Der Autor des Psalms zählt Wege auf: Wahrhaftigkeit, gute Werke und die Suche nach Frieden, und verweist dann ausführlich auf Gottes umfassende Sorge, die er den Seinen widmet (18-23):

Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr
und errettet sie aus all ihrer Not.
Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind,
und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.
Der Gerechte muss viel leiden,
aber aus alledem hilft ihm der Herr.
Er bewahrt ihm alle seine Gebeine,
dass nicht eines von ihnen zerbrochen wird.
Den Frevler wird das Unglück töten,
und die den Gerechten hassen, fallen in Schuld.
Der Herr erlöst das Leben seiner Knechte,
und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.

Wie in den Spruchsammlungen üblich (siehe den Kommentar zum BdW 50/2020), wird die Botschaft rhetorisch als Gegensatzpaar formuliert. Positiv gewendet sagt unser Vers: Wer den Herrn liebt und ihm folgt, dessen Leben gelingt und er wird frei von Schuld.

Im Kern ist das eine empirische Aussage, wie sie für die Weisheitsliteratur typisch ist. Aber trifft sie denn zu? Es gibt in den Sozialwissenschaften eine gewachsene Literatur über die Determinanten der Lebenszufriedenheit, und in vielen Untersuchungen zeigt sich ein positiver Effekt von Religiosität. Ein großer Teil des Einflusses ist nicht direkt, sondern vermittelt über andere Größen wie gesundheitsbewusstem Verhalten, Familienleben, Altruismus. Hier (Link) ist eine neue Studie zu Deutschland, die mir methodisch gut gefällt, ich kenne einen der Autoren und sie stammt aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das über den Verdacht der Kirchennähe erhaben ist. Kirchgang oder Religiosität an sich fördert das Glück nicht so sehr wie die Dinge, die damit korreliert sind. Religiosität ist ein lebenspraktisches Muster, die Autoren sprechen von einem Rezept. Es würde mich übrigens nicht wundern, wenn Wahrhaftigkeit, gute Werke und die Suche nach Frieden in diesem Rezept eine wichtige Rolle spielten, leider sagt die Studie dazu nichts.

Unser Vers gibt der Schuld eine besondere Rolle für das Lebensglück — genauer gesagt: ihrer Abwesenheit. Die Seinen befreit der Herr von Schuld. Das ist im Christentum zentral. Aber warum sollte Gott das eigentlich tun? Regelbruch ist Regelbruch, und wenn Gott Regeln aufstellt und die Einhaltung verlangt, warum verzeiht er den Bruch? 

Schwierige Frage. Ich habe in der vergangenen Woche in einem Lied eine Antwort gefunden. Nicht in einem alten Choral diesmal, sondern in einem neuen Anbetungslied, Ever be von Bethel Music. Darin heisst es:

You’re making me like you, 
Clothing me in white,
Bringing beauty from ashes. 
For you will have your bride
Free of all her guilt and rid of all her shame
And known by her true name 
and it’s why I sing:
Your praise will ever be on my lips, ever be on my lips

Das Lied nimmt das Bild vom Volk Gottes als Braut auf, der Gott in herzlicher Liebe zugetan ist. Und dann ist es ganz natürlich, eigentlich selbstverständlich: Gott kann uns nicht erstickt in Schuld wollen, er will uns, seine Braut, frei und schön. Hier ist ein Link zum Lied,

Ich wünsche uns allen eine glückliche Woche!
Ulf von Kalckreuth

P.S. In dieser Woche erreichte mich die Email einer Freundin. Sie hat einen Blog begonnen, Tee mit Gott, worin sie den jeweiligen Wochenspruch mit einer kleinen Andacht versieht. Die Wochensprüche der evangelischen Kirchen in Deutschland werden nicht zufällig gezogen, sie sind eine kreisförmige und im Kirchenjahr sich wiederholende Bewegung durch die Bibel im Licht des Glaubens. Bei Desirées Blog geht es also nicht in der selben Weise wie hier um eine offene Entdeckungsreise durch die Bibel; sie legt statt dessen den Schwerpunkt auf das innere Erleben. Ich wünsche Desirée alles Gute auf der Fahrt und bin gern dabei!

Bibelvers der Woche 17/2021

Zu der Zeit werden fünf Städte in Ägyptenland reden nach der Sprache Kanaans und schwören bei dem HErrn Zebaoth. Eine wird heißen Ir-Heres.
Jes 19,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Heil im Unheil

Jesaja verkündet Heil und Unheil. Er prophezeit den Untergang beider hebräischen Reiche, aber er richtet das Augenmerk auch auf Gottes Gnade und Gottes Heil — von ihm stammen die ersten Visionen vom Messias und dem künftigen Reich Gottes. Dieser Dualismus von Heil und Unheil gilt für Jesaja nicht allein dem Gottesvolk, sondern der ganzen Erde. 

Wir haben aus einem spannenden Kapital gezogen. Jesaja 19 spricht über das Schicksal Ägyptens. Das Reich im Süden ist ein Pol für die wechselvolle Geschichte Israels. Der kulturelle und wirtschaftliche Austausch mit dem Großreich war stets von existentieller Bedeutung, militärisch war Ägypten manchmal Bedrohung, manchmal wertvoller Verbündeter. Und ebenso wie dem Gottesvolk wird Ägypten ein hartes Schicksal vorhergesagt, das in weitgehende Zerstörung mündet. 

Aber auch für Ägypten gibt es Gottes Heil und Gnade, und beim Lesen des Abschnitts meint man zu hören, wie Jesaja selbst sich wundert über das, was er sieht: „… der HERR wird Ägypten schlagen und heilen, und sie werden sich bekehren zum Herrn, und er wird sich von ihnen bitten lassen und sie heilen“. Jesaja sieht vor sich eine große Straße, die von Ägypten über Juda nach Assyrien führt, und die drei so ungleichartigen und oft verfeindeten Länder sind gleichwertige Partner: 

Zu der Zeit wird Israel der Dritte sein mit Ägypten und Assyrien, ein Segen mitten auf Erden; denn der HERR Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und du, Assur, meiner Hände Werk, und du, Israel, mein Erbe! (Jes 19,24f)

Diese einzigartige Wendung wurde bereits im BdW 7/2019 kommentiert. Hier weitet sich der Blick des Alten Testaments von der Fokussierung auf das Gottesvolk hin zur Welt!

Und unser Vers steht genau an der Nahtstelle zwischen Heil und Unheil. Ägypten wird von Katastrophen heimgesucht, aber in sich selbst birgt es die Rettung: In fünf Städten gibt es große hebräische Kolonien. Dort wird Gott der Herr verehrt und sein Kult breitet sich aus im ganzen Land. Die Ägypter schreien zum Herrn und dieser sendet einen Erretter. 

Es ist ein Prozess der kulturellen Diffusion, den Jesaja hier vor sich sieht. In der Tat waren in späterer Zeit an mehreren Orten Ägyptens Hebräer ansässig. Und obwohl das Jerusalemer Zentralheiligtum einzigartig sein sollte, gab es mindestens zwei Tempel des Herrn in Ägypten, einen älteren in Elephantine und später einen anderen in Leontopolis, bei Heliopolis. Die Stadt Heliopolis wird in unserem Vers mit „Ir Heres“ explizit genannt, sie war eine Tempelstadt für den Sonnengott, ein zentrales Heiligtum der Ägypter am Ausgangspunkt der Karawanen zum Sinai. Ausgerechnet diese Stadt wird in Jesajas Vision zur Keimzelle für die religiöse Wende. 

Ägypten verlor im Lauf der Jahrhunderte in mehreren Krisen an Bedeutung und geriet unter fremde Herrschaft, zunächst der Ptolemäer, dann der Römer. Einen vernichtenden Zusammenbruch gab es dabei nicht. Tatsächlich aber betete in späteren Jahrhunderten ein Großteil der Bevölkerung Ägyptens zu Gott dem Herrn: Vor der Islamisierung im 7. Jahrhundert als Christen, und bis heute als Muslime.

Mich spricht die Ambivalenz an, die blaue Stunde zwischen Unheil und Heil, in der unser Vers sich bewegt. Das Unheil birgt in seinem Kern das Heil. So können wir die Welt betrachten — wenn wir es denn wollen. Und vielleicht ist das gar der Kern unseres Glaubens.

Ein anderer Vers Jesajas fällt mir ein: 

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde. (Jes 43, 18f)

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Blaue Stunde, 20. Feb 2021, Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 16/2021

Darum, welcher mit Zungen redet, der bete also, dass er’s auch auslege.
1.Ko 14,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Vom Zungenreden

Im 14. Abschnitt des ersten Korintherbriefs spricht Paulus über verschiedene Formen der Sprache zu Gott, vor allem über Zungenreden, auch Glossolalie genannt. Im Neuen Testament ist verschiedentlich die Rede davon, auch in der Apostelgeschichte und bei Markus. Es handelt sich um eins von mehreren sogenannten Charismen, Gaben des Heiligen Geistes. Darunter fällt auch das prophetische Reden, die Fähigkeit, die Offenbarung zu verstehen und weiterzugeben, das Heilen und — die Liebe.

Der Zungenredner ist vom heiligen Geist erfüllt und betet in Sprachen, die den Umstehenden unverständlich sind, ebenso wie meist auch ihm selbst. Der Geist spricht alle Sprachen der Menschen und keine, und der Geisterfüllte tut es ebenso. Paulus verfügt selbst über diese Gabe, aber er betrachtet sie mit Vorsicht und wendet sich gegen ihre Überbewertung. Im Gemeindekontext komme es darauf an, dass Menschen mit ihrer Frömmigkeit und ihrem Beten andere mitnehmen. Wenn ihre Sprache unverständlich ist, ist dies unmöglich. In unserem Vers sagt er deshalb, fast ein wenig ironisch, dass derjenige, der in Zungen zu reden vermag, darum beten möge, dass er die Rede auch auslegen könne. Das Auslegen von Zungenrede galt übrigens als ein Charisma eigener Art. 

Paulus spitzt seine Reserven wie folgt zu:

Ich danke Gott, dass ich mehr in Zungen rede als ihr alle. Aber ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen. (1. Ko 14,19f)

In den großen Kirchen wird über Zungenreden nicht viel gesprochen — nicht nur wegen der Vorbehalte von Paulus, sondern auch wegen der Missbrauchsmöglichkeiten. Glossolalie aber gab es nicht nur bei den ersten Christen, sie hat auch heute noch große Bedeutung in Kirchen und Gemeinden der Pfingstbewegung. In solchen Gemeinden ist sie wesentliches Zeichen einer erfolgten Geistestaufe.

Glossolalie gilt als religionsübergreifendes Phänomen, sie kommt in vielen Religionen und Kulturen vor. Ich selbst habe keine Erfahrung, die ich hier weitergeben könnte. Oder doch? In Gottesdiensten ist das Singen der Gemeinde wegen des Ansteckungsrisikos nach wie vor unmöglich. Vielerorts übernehmen ein oder zwei Sänger stellvertretend den Gesang der Gemeinde. So auch in meiner Gemeinde: gemeinsam mit einer Sopranistin und Instrumentalisten stehe ich sonntags vorn und singe für die Gemeinde im Gottesdienst. Vier Lieder sind es meistens. Und gelegentlich geschieht es, dass mich dies verwandelt. Nicht so sehr bei zeitgenössischen Liedern mit modernen Texten. Singe ich Musik meiner Zeit, bleibe ich ich selbst.

Es geschieht bei den großen alten Chorälen. Wenn ich vor der Gemeinde stehe und „Lobet den Herren“ oder „Schönster Herr Jesus“ für alle singe, bin ich nicht mehr der Ulf des Alltags. Jemand oder etwas anderes spricht aus mir, aus einer anderen Zeit und in einer Sprache, die nicht die meine ist. Ich selbst trete zurück und bin erfüllt. Singen ist eine besondere religiöse Sprache, die Musik geht über den Inhalt des Texts hinaus. Bei Wikipedia steht zu lesen, dass die Aktivitätsmuster im Gehirn bei Glossolalie und beim Singen von Spirituals dieselben sind. Das verstehe ich gut. Und Paulus‘ Vorbehalt greift hier nicht: Der Singende teilt seine Erfahrung und seine Botschaft mit, die Sprache der Musik wird unmittelbar verstanden. 

Für diese Woche wünsche ich uns ein Lied!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 15/2021

Laban antwortete und sprach zu Jakob: Die Töchter sind meine Töchter, und die Kinder sind meine Kinder, und die Herden sind meine Herden, und alles, was du siehst, ist mein. Was kann ich meinen Töchtern heute oder ihren Kindern tun, die sie geboren haben?
Gen 31,43

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Die Macht der Perspektive

In dieser Woche bin ich in der Nutzung meiner Augen ein wenig eingeschränkt, soll nicht lesen und auch möglichst wenig schreiben… Wie schön ist es da, dass ich vor fast drei Jahren Gen 31,42 gezogen habe, der dem Vers dieser Woche unmittelbar vorangeht. In jenem Vers erfährt eine lange schwelende Konfliktsituation ihre letzte Zuspitzung. Ein Gewaltausbruch scheint zwingend. In dem für diese Woche gezogenen Folgevers verwandelt einer der Antagonisten die Situation tiefgreifend. Hier gibt es Näheres zu dieser faszinierenden Szene und einen Kommentar:

Link zum Bibelvers der Woche 26/2018

Es ist wie ein Wunder: Laban erhält seinen Anspruch aufrecht, und dies durchaus mit gewissem Recht. Dies alles ist seins. Aber statt sich mit diesem Anspruch weiter gegen seinen Schwiegersohn zu wenden, fragt er plötzlich, wie er seinen Töchtern und deren Nachkommen am besten dienen kann. Die Antwort ist klar — sicher nicht, indem er den Schwiegersohn umbringt. Er bietet diesem statt dessen ein Bündnis an. Und den beiden Skorpionen in einer Flasche, Laban und Jakob, gelingt eine friedliche Trennung. 

Das ist mehr als Zauberei. Zauberei ist nämlich unmöglich, Perspektivwechsel sind möglich! 

Der Herr sei mit uns in dieser Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 14/2021

Und weil sie den HErrn auch fürchteten, machten sie sich Priester auf den Höhen aus allem Volk unter ihnen; die opferten für sie in den Häusern auf den Höhen.
2.Kö 17,32

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Ungleiche Geschwister

Manchmal ist die Bibel nicht so großherzig, wie ‚man‘ sie gern hätte. Gottes Wort ist sie, überliefert aber von Menschen, die in ihrem eigenen Leben stehen und in dem ihrer Gemeinschaft. Da tut sich gelegentlich ein Spalt auf.

Der Abschnitt, in dem unser Vers steht, berichtet von der Entstehung der samaritanischen Gemeinschaft. In der letzten Woche war schon die Rede davon: das Nordreich Israel war im Jahr 720 v. Chr. vom assyrischen König Sargon II im Rahmen einer Strafaktion erobert und als selbständiger Staat zerschlagen worden. Teile der Bevölkerung wurden deportiert und andere Bevölkerungsgruppen auf dem Land um die frühere Hauptstadt Samaria angesiedelt. Im 2. Buch der Könige wird berichtet, dass alle Einwohner des Nordreichs deportiert wurden und die Bevölkerung vollständig ausgetauscht wurde. Das ist schwer vorstellbar, aber es hat klare Konsequenzen: ihre Nachfahren waren nicht Volk Gottes, sie gehörten nicht ‚dazu‘. Die zehn der zwölf Stämme Israels, aus denen sich das große Nordreich zusammensetzte, gelten in der Tradition als ‚verschwunden‘. Aber viele Jahrhunderte später, zu Jesu Zeiten, selbst heute noch, leben im Norden Palästinas „Samariter“, oder Samaritaner, die den Gott Israels verehren und eine hebräische Tora haben — die fünf Bücher Mose, mit einigen Unterschieden zur jüdischen Fassung. Sie sind Nachfahren der Bevölkerung, die sich nach dem Untergang des Nordreichs herausbildete. Die Samaritaner haben einen Tempel auf dem Berg Garizim, in dem der traditionelle Opferbetrieb während der letzten zweieinhalb Tausend Jahre nie ganz eingestellt wurde, und sie sehen sich als Träger einer Tradition, die unverfälscht ist von späteren Zusätzen. 

Später brach auch das Südreich Juda zusammen, auch dort mussten viele Menschen die Heimat verlassen. Das Exil und dann die Rückkehr bedeutete eine schwierigen Zeit der Identitätsfindung, der Wiedergeburt und des Neubeginns. In dieser Zeit entstanden die Bücher der Könige. Die Samaritaner waren für das sich neu formierende Judentum eine Herausforderung. Sie hatten eine Tradition und einen Anspruch, der ebenso weit zurück reichte wie der eigene. Und sie vertraten das größere der ehemaligen Brudervölker.

Der Abschnitt aus 2. Kö weist diesen Anspruch schlicht von der Hand. Die Samaritaner seien gar keine Nachfahren Abrahams, Isaaks und Jakobs. Dass sie dennoch Gott den Herrn verehren, erklärt der Text so: die neuen Siedler aus fremden Völkern wurden ständig von bösartigen Löwen angegriffen. Die Assyrer führten die ungewöhnlichen Attacken darauf zurück, dass der Herr des Landes, der Gott Israels, nicht ordnungsgemäß verehrt worden sei, und der assyrische König befahl daher seine kultische Verehrung. Ein Priester des früheren Nordreichs sei entsandt worden, eine Priesterkaste auszubilden. Daneben aber führten die neuen Einwohner ihre eigenen, spezifischen Kulte fort. „So fürchteten diese Völker den Herrn und dienten zugleich ihren Götzen. Auch ihre Kinder und Kindeskinder tun, wie ihre Väter getan haben, bis auf diesen Tag“ (2.Kö.17,41). Der Text delegitimiert die Samaritaner, und er ist Grundlage für fortwährende Aus- und Abgrenzung, in biblischer Zeit und weiter bis heute.

In der vergangenen Woche hatten wir einen Vers gezogen, in dem Gott nach seinen Kindern im untergegangenen Nordreich ruft. Und ich schrieb, dass der Ruf ohne Antwort blieb. War das richtig? Kam nicht die Antwort von den Samaritanern? 

Die Fortexistenz dieser uralten Gemeinschaft über die Jahrtausende hat in meinen Augen Zeugnischarakter. Ihre Anzahl ist heute auf 800 Menschen geschrumpft. Aber geschichtlich sind sie — beständig über die Zeit — Kinder einer uralten Katastrophe, des Untergangs des Nordreichs im Jahr 720 v. Chr. Das Judentum in seiner heutigen Form ist Ergebnis einer anderen Katastrophe, des Untergangs des Südreichs 586 v. Chr. und des Exils. Und ist das Christentum, als eigenständige Religion jedenfalls, nicht teilweise Ausfluss einer dritten Katastrophe: der Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Römer, gepaart mit massenhafter Vertreibung? 

Hier liegt ein Geheimnis, eine Art geistliche Dialektik. In der Konsequenz sind diese drei gleichartigen Katastrophen identitätsstiftend, werden Grund für neues geistliches Leben, auf je verschiedene Art. Neue Welten auf den Trümmern der alten. Gottes Treue zeigt sich darin auf sehr eigene Art. Verweist dieses Muster etwa auch auf die Auferstehung? 

Frohe Ostern!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 13/2021

So kehret nun wieder, ihr abtrünnigen Kinder, so will ich euch heilen von eurem Ungehorsam. Siehe wir kommen zu dir; denn du bist der HErr, unser Gott.
Jer 3,22

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Ruf ohne Antwort

Früh im Buch Jeremia spricht Gott zu seinen beiden Völkern, Israel und Juda. Israel, das Nordreich mit Hauptstadt Samaria, war reichlich 100 Jahre zuvor von den Assyrern in seiner staatlichen Existenz ausgelöscht worden. Viele Menschen waren deportiert worden, umgekehrt hatten die Assyrer auf dem Gebiet des Nordreichs fremde Völker angesiedelt, deren Nachkommen nun neben den Nachkommen der Hebräer lebten. Juda, dem Südreich mit Hauptstadt Jerusalem, steht ein ähnliches Schicksal durch die Babylonier kurz bevor. Das ganze Buch handelt davon, die ersten Kapitel stehen im Zeichen einer Warnung.

Gott will Israel verzeihen und ruft sein Volk. Die Abschnitte enthalten eine vorweggenommene Vision von der Rückkehr aus dem Exil. Wo sie auch sind, sollen sie kommen und sich in Jerusalem versammeln und dort gemeinsam mit Juda Leuchtturm aller Völker sein. Wer eine frohe Botschaft sucht, kann sie hier finden — noch 100 Jahre nach dem Untergang gedenkt der Herr seines Bundes und seines Volks. 

Im ersten Satz ruft Gott sein Volk, es möge zurückkommen. Im zweiten Satz imaginiert er die Antwort: ein freudiges Ja, verbunden mit tiefer Reue. In der Übersetzung von 2017 lautet der Text im Zusammenhang der folgenden beiden Verse:

Kehrt zurück, ihr abtrünnigen Kinder, so will ich euch heilen von eurem Ungehorsam. »Siehe, wir kommen zu dir; denn du bist der Herr, unser Gott. Wahrlich, es ist ja nichts als Betrug mit den Hügeln und mit dem Lärm auf den Bergen. Wahrlich, es hat Israel keine andere Hilfe als am Herrn, unserm Gott. Der schändliche Baal hat gefressen, was unsere Väter erworben hatten, von unsrer Jugend an, ihre Schafe und Rinder, Söhne und Töchter. So müssen wir uns betten in unsere Schande, und unsre Schmach soll uns bedecken. Den wir haben gesündigt wider den Herrn, unsern Gott, wir und unsere Väter, von unsrer Jugend an bis auf den heutigen Tag, und haben nicht gehorcht der Stimme des Herrn, unseres Gottes.«

Die in der neuen Übersetzung hinzugefügten Anführungszeichen erhellen den Text und verdunkeln ihn zugleich. Sie trennen sauber zwei Ebenen: das Rufen Gottes und die imaginierte Antwort seines Volks. Eigentlich ist beides eines: Gott ruft, weil er diese Antwort erhofft. Wie ein Vater, der nach seinem Kind ruft. 

Der Vers ist tragisch. Die Antwort kommt nicht. Es kommt gar keine Antwort. Vielleicht ist auch niemand mehr da, der antworten könnte. Gott, der Herr der Welt, zeigt sich hier hilflos und verletzlich. Er, dessen Wort die Wirklichkeit schöpft, spricht, und was er sagt, kommt leer zurück. Ich muß an König Lear denken, wie er auf der Heide im Sturm seine Töchter ruft — und Jeremia ist Zeuge, als hilfloser Narr.

Der Herr geleite uns durch diese Karwoche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 12/2021

Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.
Mat 10,16

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Von Schafen und Wölfen

Wir stellen uns Jesus gern inmitten seines Gefolges von Jüngern vor. Aber die Evangelien berichten von einer Zeit, in der die Jünger ohne ihren Meister unterwegs waren, selbständig predigten und Wunder wirkten, schon vor Ostern. Im Matthäusevangelium steht die Begebenheit etwas isoliert: die Jünger werden mit einer langen Rede ausgesandt, sind aber in den folgenden Kapiteln weiter bei Jesus,. Von ihrer Rückkehr und ihren Erlebnissen erfährt man nichts. Lukas berichtet von zwei Aussendungen, einmal der Zwölf (Lk 9), ein anderes Mal von 72 Jüngern (Lk 10). Bei der zweiten Aussendung fallen viele der Worte, die wir auch bei Matthäus finden. 

Was Jesus seinen Jüngern in der Aussendungsrede sagt, ist harte Kost — Passionskost. Sie werden Verfolgung erleiden, sagt er ihnen, von ihren nächsten Verwandten verraten, und alle Welt wird sie hassen. Wenn sie vor Gericht gestellt würden, sollten sie sich nicht sorgen, der Heilige Geist werde ihnen eingeben, was zu sagen sei. Wie ernst das gemeint war, konnten die Jünger nicht wissen,. Ich muss an Stephanus denken, an seine große Rede und an sein Ende, siehe den BdW 3/2019

Unser Vers stellt eine schwer zu erfüllende Forderung. Sie wird in ein Paradoxon gekleidet, ein Bild mit vier Tieren. Jesu Jünger seien wie Schafe, die unter Wölfen leben müssten. Sie sollen daher listig sein wie Schlangen, aber doch wie Tauben, ganz ohne Falsch. Sie sollen sein, was sie sind, dabei aber ihre Fähigkeiten und ihr Wissen um menschliches Verhalten bestmöglich nutzen. 

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir ein Held meiner Jugend ein, ein bekennender Atheist übrigens: Michail Sergejewitsch Gorbatschow. Nach einer Bilderbuchkarriere in der KPdSU wurde er Generalsekretär des ZK. Nach zwei rasch verstorbenen Interimsführern wollte die Partei Reformen, aber in Maßen — alles sollte sich ändern, damit alles so bleiben könne, wie es war. Gorbatschows Auftrag war, den Repressionsapparat zu stabilisieren und zukunftsfähig zu machen. Er kannte diesen Apparat genau, konnte sich frei darin bewegen, konnte ihn steuern und für seine Ziel nutzen. Mental war er zu gewaltsamen Lösungen durchaus fähig.

Und — oder besser aber — auf fast magische Weise setzte er Jesu Forderung um. Seine Ziele legte er offen, ohne Falsch wie die Tauben, und wie eine Schlange gelang es ihm, das Wichtigste davon umzusetzen und so lange an der Macht und am Leben zu bleiben, bis der Prozess unumkehrbar war. Ein Wunder in Zeitlupe, vor laufenden Kameras. Das Risiko kannte er, auch sein persönliches. Sechs Jahre nach seinem Amtsantritt war die Gewaltherrschaft in Ost- und Mitteleuropa fast gewaltfrei beendet und die Länder konnten ihren Weg selbst wählen. „Fast“ — denn in Litauen und in Aserbaidschan setzte er die Armee tatsächlich ein und hunderte Menschen starben. 

Gorbatschow war nicht wirklich Schaf im Wolfspelz, eher wohl Leitwolf unter Wölfen, der verstanden hatte, dass Schafe besser leben. Ein Wolf mit einer großen Idee. Der Bezug auf ihn aber mag zeigen, wie schwer die Forderung Jesu ist. Fast eine Quadratur des Kreises: in der Welt leben und überleben mit dem Wissen um die Welt, doch aber dem treu, worum es wirklich geht. Und diese Forderung richtet sich an uns alle, jeden Tag neu. In unserem eigenen Leben und dem unserer Nächsten sind wir die Spitzenpolitiker. Die nötige Kraft aber muss der Herr verleihen.

In zwei Wochen ist Ostern. Der Herr geleite uns durch diese Passionszeit!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 11/2021

Seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt viele Kronen; und er hatte einen Namen geschrieben, den niemand wusste denn er selbst.
Off 19,12

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Namen

Die Offenbarung des Johannes beschreibt den Untergang der alten Welt und die Heraufkunft einer neuen. In Kapitel 19 hat der Endkampf den Höhepunkt erreicht. Die Hure Babylon, sie steht für das römische Weltreich, ist untergegangen. Nun tritt Christus selbst auf. Er führt seine Heiligen und Engel in den Kampf gegen „das Tier“, den Antichrist. Jener führt ein mächtiges Bündnis der Könige der Welt, er steht vielleicht für die Macht der Welt an sich. Vor ziemlich genau einem Jahr, in Woche 13 /2020, hatten wir einen Vers aus demselben Kapitel gezogen.

Vor der Entscheidungsschlacht steht die Vorstellung des Protagonisten. Wir hatten ihn kennengelernt als Heiler, Prediger, Lehrer, Prophet und leidender Gottesknecht. In diesem Abschnitt aber ist er Kämpfer, Führer, König — ganz Messias. Er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit, so heißt es. Im Endkampf von Gut und Böse ist von Liebe, Mitleid, Erbarmen und Gnade keine Rede. Hier ist der ganze Abschnitt: 

Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Kronen; und er trug einen Namen geschrieben, den niemand kannte als er selbst. Und er war angetan mit einem Gewand, das in Blut getaucht war, und sein Name ist: Das Wort Gottes. Und ihm folgten die Heere im Himmel auf weißen Pferden, angetan mit weißer, reiner Seide. Und aus seinem Munde ging ein scharfes Schwert, dass er damit die Völker schlage; und er wird sie regieren mit eisernem Stabe; und er tritt die Kelter, voll vom Wein des grimmigen Zornes Gottes, des Allmächtigen, und trägt einen Namen geschrieben auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte: König aller Könige und Herr aller Herren. (Off 19, 11-16)

Dem Christus werden Namen beigegeben. Nach alter Tradition offenbaren Namen die Eigenschaften des Bezeichneten. Sie stehen für seine Identität, und machen ihn in gewisser Weise verfügbar. Die Nennung steht in Entsprechung, aber auch in gewissem Kontrast zu Jes 9,5: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“. 

Die hier genannten Namen sind „Treu und Wahrhaftig“, „Wort Gottes“ und „König aller Könige, Herr aller Herren“. Im gezogenen Vers ist darüber hinaus von einem vierten Namen die Rede. Er wird nicht genannt, weil er nicht genannt werden kann, weil niemand ihn weiß denn er selbst. 

Gott hat viele Namen in der Bibel. Als er sich offenbaren, nahbar machen will, stellt er sich Mose mit seinem Eigennamen vor. Wir haben diesen Namen teilweise vergessen: Die Konsonanten kennen wir noch, nicht mehr die Vokale. Das setzt der Verfügbarkeit Grenzen. Mit der Gestalt des Christus ist es vergleichbar. Wir sind mit ihr vertraut — dafür stehen die bekannten Namen. Aber Wesentliches an ihr bleibt unverfügbar, bleibt ein Geheimnis.

Die Bilder des Abschnitts sind in mancherlei Hinsicht erschreckend. Aber ich denke an den Reiter auf dem weissen Pferd, dem die Heere des Himmels folgen, sie alle angetan mit weisser Seide, und ich empfinde in eigentümlicher Weise Trost dabei. Oh when the saints go marching in… Vielleicht kommt es am Ende auf das an, was wir nicht wissen.

Gottes Segen sei mit uns in dieser Woche und immer
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 10/2021

Und der HErr sandte einen Engel, der vertilgte alle Gewaltigen des Heeres und Fürsten und Obersten im Lager des Königs von Assyrien, dass er mit Schanden wieder in sein Land zog. Und da er in seines Gottes Haus ging, fällten ihn daselbst durchs Schwert, die von seinem eigenen Leib gekommen waren.
2 Chr 32,21

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

„Aber“-Glauben

Erinnern Sie sich noch an den Vers der letzten Woche? Der jetzt gezogene Vers führt uns in fast dieselbe Situation, aber die Ergebnisse sind spektakulär verschieden. 

Im Vers der vergangenen Woche erhält Hesekiel von Gott die Nachricht, dass die Belagerung des weit entfernten Jerusalems durch die Truppen des babylonischen Großkönigs Nebukadnezar begonnen habe. Das war der Anfang vom Ende des judäischen Reichs und König Zedekias, der versucht hatte, die Oberhoheit der Babylonier loszuwerden und die Großmächte der Zeit gegeneinander auszuspielen.

Und jetzt haben wir einen Vers, der die Errettung Jerusalems verkündet, aus derselben auswegslosen Lage. Allerdings 120 Jahre früher, im Jahr 701 vor Chr. Der judäische König ist Hiskia, der Belagerer Sanherib, Großkönig von Assyrien, und Jesaja ist der Prophet. Sanherib steht mit einem riesigen Heer vor Jerusalem, weil Hiskia ihm in den Rücken gefallen war. Die Assyrer hatten bereits eine Schneise der Verwüstung durch das Land gezogen, die Festungen waren gefallen, nur Jerusalems Mauern stehen noch. Und eigentlich ist alles vorbei. Doch dann geschieht ein veritables Wunder: Eine große Zahl assyrischer Soldaten sterben über Nacht. 2 Kön 18f gibt mehr Details. Es wird gesagt, dass 185.000 assyrische Soldaten umkommen. Sanherib bricht den Feldzug ab. Viele Jahre später wird er durch seine eigenen Söhne getötet.

Ich will nicht unerwähnt lassen, dass assyrische Quellen die Geschehnisse anders berichten und von einem Sieg mit großer Beute sprechen. Mir ist die Historizität hier weniger wichtig als die Aussage an sich, die bibelimmanente Wahrheit sozusagen. Wie in einem Laborexperiment zeigen uns die Bibelverse dieser und der vergangenen Woche zweimal dieselbe Situation, mit entgegengesetztem Ausgang. Während der babylonischen Belagerung erinnerten sich die Bewohner Jerusalems durchaus an die wundersame Errettung vor den Assyrern und zogen daraus Hoffnung, es könne auch diesmal gut gehen. Aber es ging nicht gut. 

Was will das heissen? Straft Gott oder rettet er? 

Bibelverse uneingeschränkt zufällig zu ziehen, stellt Erzählstränge nebeneinander, die sonst getrennt sind. Wenn man es aushält, kann das eine Stärke sein. Die Propheten, besonders die drei „großen Propheten“, Jesaja, Jeremia und Heskiel, verkünden ja beides — Strafe und Gnade, Vernichtung und Erlösung. Die Geschichtswerke der Bibel stützen dies Bild einerseits und versuchen es andererseits zu ordnen, zu erklären, welche Verfehlungen welcher Könige das Unheil heraufbeschwören und wie es sich immer wieder auch abwenden lässt. Wie etwa durch Hiskia übrigens, dem Reformkönig, der den Gottesdienst neu ordnet und auf dessen Gebet hin Gott die Zeiger der Weltuhr zurückdreht, siehe 2. Kön 20.

Beides also, Unheil und Erlösung. Auch im Neuen Testament ist beides präsent, am deutlichsten in der Apokalypse und bei Johannes. Gott rettet nicht ständig, sonst sähe die Welt anders aus. Aber er hat auch keinen unbedingten Vernichtungswillen. Selbst nach der Katastrophe von 586 v. Chr. fand sich das Judentum im fernen Exil geistlich neu, und 2000 Jahre nach einer weiteren Katastrophe, nach Diaspora und Shoa, gibt es einen lebendigen Staat Israel, welcher der Welt in manchem Respekt abnötigt. 

Regenfall und Sonne an der Saalburg, UvK 2021
Regenfall und Sonne an der Saalburg, UvK 2021

Unter Christen hat es sich eingebürgert, Unheil und Erlösung zeitlich und in der Realitätsebene zu ordnen — die Welt als Ganze geht dem Untergang entgegen, die Rettung erfolgt „nachher“, in der Transzendenz. Aber geht es hier nicht auch im Kern um die Bedingtheit des menschlichen Lebens zwischen Geburt und Tod, zwischen Wachstum und Katastrophe? Legt nicht immer eines den Keim des anderen, auch in den menschlichen Gemeinschaften? Gehören sie nicht zusammen wie Zwillinge und damit notwendigerweise zu Gott, wenn er Schöpfer der Welt und des Lebens ist? Muß nicht Gott Herr zugleich von Licht und Dunkel sein, wenn er Herr der Welt ist? 

Es kann also nicht genügen, in jeder Lebenslage auf Rettung zu vertrauen. Ein solches Vertrauen würde am Ende enttäuscht. Ich denke, es geht statt dessen darum, sich in beidem, Unheil und Erlösung, in Gott geborgen zu fühlen. Ein Freund von mir bezeichnet diese paradoxe Haltung als „Aber“-Glauben. In 2 Kor 4, 8-9 schreibt Paulus: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. 

Gottes Segen sei mit uns in dieser Woche, ob nun die Mauer fällt oder nicht!
Ulf von Kalckreuth