Der Tempel — seine Vorgeschichte mit dr Bundeslade, sein Bau, die Regeln, seine Zerstörung, der Aufbau eines zweiten Tempels, und die Angst vor seiner Vernichtung, sind das größte wiederkehrende Thema des Alten Testaments
Er soll die Lampen auf dem feinen Leuchter zurichten vor dem HErrn täglich. Lev 24,4
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.
Licht vor dem Herrn
Die Wüste … Ein großer Lagerplatz. Zehntausende Menschen in Sichtweite, viel mehr noch in der unmittelbaren Umgebung. Es ist Nacht, die Feuer erlöschen. In der Mitte des Platzes steht ein großes Zelt über einem kunstvoll gefertigten Gerüst aus Holz. Im Inneren des Zeltes gibt es zwei Bereiche. In einem perfekten Kubus von 10 x 10 x 10 Ellen ist die Gottheit gegenwärtig. Ein Vorhang trennt diesen Raum vom übrigen Heiligtum. Dort stehen ein Räucheraltar, ein Tisch mit Broten und ein großer Leuchter mit sieben Armen. Das Licht in den Lampen dieses Leuchters brennt Nacht für Nacht.
Die Rede ist von der Menorah, die vor dem Allerheiligsten steht, in der Stiftshütte, welche die Israeliten auf ihrer Wanderung durch die Wüste mit sich tragen. Mit dem gezogenen Vers wird der regelmäßige Dienst der Priester an der Menorah angeordnet — Gott beauftragt die Priester, Sorge zu tragen, dass ihr Licht beständig brennt.
Gott braucht kein Licht. Aber Menschen brauchen Zeichen seiner Gegenwart.
Juden feiern Chanukka und gedenken dabei einer wunderbaren Begebenheit. Lange nach der Wüstenwanderung, im Jahr 164 v. Chr., hatten die Heere der Seleukiden den Tempel in Jerusalem besetzt und entweiht. Unter Führung der Makkabäer gelang die Rückeroberung. Eine rabbinische Überlieferung erzählt, dass es kein reines Öl für die Menorah mehr gab. Nur ein einziges Kännchen war geblieben. Ein Wunder geschah: Während der acht Tage, die nötig waren, reines Öl herzustellen, genügte für den riesigen Leuchter dieses eine kleine Kännchen. Die Menorah verlosch nicht.
Nachbildung der Menorah vor dem Allerheiligsten. Foto: Ulf von Kalckreuth, Jerusalem, April 2017
Licht, von nichts genährt als dem Licht an sich. Juden feiern Chanukka mit einem besonderen Leuchter, der Chanukkia. Sie hat acht Lichter sowie ein neuntes, den Schamasch, mit dem die anderen entzündet werden. Die Kerzen werden nacheinander angezündet, jeden Tag eine mehr, ähnlich wie in den Wochen vor Weihnachten die Adventskerzen. Und oft fallen Chanukka und Advent zusammen.
Weihnachten und Chanukka: 24. Dezember 2014. Foto: Ulf von Kalckreuth
Mich erinnert Chanukka an die Speisung der Fünftausend. Und das Lichtsymbol haben Christen vielfältig übernommen und weitergetragen. Das Ewige Licht neben dem Tabernakel und auf Friedhöfen. Die Kerzen auf dem Weihnachtsbaum und auf dem Altar. Taufkerzen. Votivkerzen. Das Licht in der Osternacht. Und in einer Schwundstufe vielleicht auch die Kerzen auf der Geburtstagstorte…
Votivkerzen in Genua. Foto: Ulf von Kalckreuth, 20. April 2023
Der Herr segne uns und behüte uns. Er lasse sein Licht leuchten über uns, in dieser Woche und immer. Licht, von nichts genährt als dem Licht an sich. Ulf von Kalckreuth
Denn es waren drei Gemächer hoch, und sie hatten keine Säulen, wie die Vorhöfe Säulen hatten. Darum war von den untern und mittleren Kammern Raum weggenommen von untenan. Hes 42,6
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Back to the Future
Unser Vers ist Teil von Hesekiels Beschreibung der neuen Welt, dem Reich Gottes in den letzten Kapiteln seines Buchs. Im Zentrum seiner Darstellung steht der Tempel. Ein Engel führt ihn dorthin, erklärt ihm die Anlage und misst dabei alles genau aus.
Hesekiel hatte als junger Mensch in Jerusalem eine Priesterausbildung durchlaufen. Er kannte die Topographie und die Arbeitsabläufe im alten Tempel genau. Dann wurde er deportiert. Weit entfernt von seiner Stadt hört er eines Tages die Nachricht der Zerstörung der Stadt und des Tempels. Alles, was er kannte, war untergegangen!
Dann erzählt ihm Gott von einem neuen Tempel in einer neuen Stadt in einer neuen Welt.
Der gezogene Vers handelt von den Kammern für die Priester. Es sind heilige Räume, in denen sie Opfergaben aufbewahren, von den Opfern essen und ihre Dienstkleider ablegen. Sie liegen nördlich und südlich des eigentlichen Tempelhauses.
Aus den Abschnitten zum Tempel haben wir schon einmal einen Vers gezogen: den BdW 02/2022. Damals schrieb ich, wie schwierig es ist, einen Text zu lesen, zu verstehen und richtig wiederzugeben, der etwas zeigt, das niemand je gesehen hat. Manches ist schlicht unverständlich. Diesmal dachte ich mir: Vielleicht kann es die KI? Das ist bei vielen von uns eine Art Reflex geworden. Und ich bat ChatGPT um eine Gesamtansicht des Tempels nach Hes 40-48. Der erste Entwurf war beeindruckend. Er entsprach meinen Vorstellungen und ich dachte: das ist es, was ich dem Blog geben kann — eine Ansicht des Tempels in der neuen Welt gemäß der Schrift!
Als ich mich nun aber heute Morgen an die Arbeit machte, sah ich, dass es viele Inkonsistenzen zwischen den einzelnen Bildelementen gab, und auch zum Text. Ich habe dann geschlagene dreieinhalb Stunden lang mit ChatGPT um eine bessere Darstellung gerungen. Unten sehen Sie, worauf wir uns schließlich verständigt haben. Die Grafik gibt in meinen Augen einen guten Eindruck der Gesamtanlage und wir haben die Häuser mit den Priesterkammern sorgfältig herausgestellt. Andere Einzelheiten gibt das Bild weniger zuverlässig wieder.
Der Tempel in der neuen Welt nach Hes 40-48 und die Kammern für die Priester. Ulf von Kalckreuth mit ChatGPT, Oktober 2026
Auch ChatGPT entschlüsselt Hesekiel nicht perfekt. Und die KI zur Bildgenerierung hat ihre ganz eigenen Schwierigkeiten. Das ist zwar irgendwie tröstlich, aber ich bin jetzt völlig erschöpft…!
Was können wir lernen? Etwas fällt sofort auf: in seinen Grundzügen sieht der neue Tempel aus wie der alte. Jeder Bibelkundige kennt diesen Aufbau: das Allerheiligste, den Altar vorne, die inneren Vorhöfe für die Priester, die äußeren Vorhöfe für das Volk, die Tore.
Aber es gibt auch Unterschiede. Die neue Anlage ist größer, genauer gegliedert und von strengen Grenzen zwischen heiligen und gewöhnlichen Bereichen bestimmt. Und dann: im Tempel entspringt der Lebensstrom. Er tritt als Quelle aus dem Heiligtum, verlässt den Tempel südlich des verschlossenen Osttors und ergießt sich, wunderbarerweise dabei immer breiter und tiefer werdend, durchs Heilige Land zum Toten Meer, um zu befruchten und zu beleben. Man denkt an den Garten Eden – und als Christ auch an die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes.
Hesekiels Vision der neuen Welt ist eine Art Version 2.0 — vollkommen und geheilt, aber der alten Schöpfung durchaus ähnlich. Das gilt für den Tempel, aber auch für seine Beschreibung der Stadt Jerusalem und des Landes. Dieses Land hat Grenzen und Nachbarn und wird als Erbland auf die Stämme aufgeteilt, wie in Jos 13 und 14. Zur Zeit Hesekiels hatten die Stämme ihre originäre Bedeutung längst verloren — die Vision enthält also eine Art Durchbruch zu den Ursprüngen.
Wir neigen heute dazu, uns das Reich Gottes transzendental und außerweltlich vorzustellen. Wir sterben und gelangen dann (hoffentlich) in irgendeiner Weise zu Gott. Aber nicht auf dieser Erde, sondern im Jenseits, und in der Vorstellung der meisten auch nicht körperlich.
Die Bibel sieht das anders. In Hesekiels neuer Welt brauchen die Priester Räume für ihre Arbeit. Das Reich Gottes Hesekiels ist keine körperlose Idee, sondern eine Welt, in der Menschen leben und handeln. Das Reich Gottes ist hier. Es ist nicht einfach eine andere Welt, sondern die Erneuerung und Vollendung seiner Schöpfung. Eigentlich eine Art Wiedergeburt. Für Jesus beginnt das Reich Gottes hier und heute, mitten unter uns. Und Paulus erwartet die Auferstehung und Verwandlung des Leibes, keine Ewigkeit als entstofflichte Existenz.
Als Gott den Mann schuf, übte sie nur…? Auf unsere Welt bezogen gilt dieses Bonmot nicht. Sie ist wichtig. Sie ist keine Blechdose, die man austrinkt und wegwirft, sondern die Vorstufe, der Trailer zum Reich Gottes. Das Reich Gottes ist kein neues Spiel, sondern ein neues Level. Was wir in und mit der Welt tun, ist nicht gleichgültig, auch wenn es das Reich Gottes ist, auf das wir warten.
Ich wünsche uns eine gesegnete Woche auf unserer Reise dorthin, Ulf von Kalckreuth
…dass aller Gefäße, golden und silbern, waren fünftausend und vierhundert. Alle brachte sie Sesbazar herauf mit denen, die aus der Gefangenschaft von Babel heraufzogen gen Jerusalem. Esr 1,11
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Englisch, neu und alt
Etwas eigentümliches geschah. Babylon, die Supermacht im Nordosten, hatte die Elite eines kleinen, unbotmäßigen und rebellischen Landes namens Juda deportieren lassen und in anderen Teilen des Imperiums ansiedeln lassen. Die Hauptstadt Jerusalem verfiel rasch. Dann aber, im Jahr 539, fraß ein junger Hai, ein Newcomer, den alten Hai. Babylon fiel der Expansion des persische Reich unter Kyros zum Opfer. Ein Machtwechsel zwischen zwei altorientalischen Despotien, könnte man denken, na und? Aber schon ein Jahr später schickte der neue Großkönig einen Erlass durch die Lande, das den Völkern des Reichs die Religionsfreiheit zusicherte und die Rückführung deportierter Völker ausdrücklich erlaubte. Die „Kyros-Bulle“ gilt als erste Menschenrechtserklärung der Welt. Unten sehen sie das Foto einer Replik in Jerusalem, das Original befindet sich im British Museum. Siehe dazu den BdW 23/2020.
Der Kyros-Zylinder, Jerusalem-Museum
Die Judäer sehen auf sich und ihren alten Wohnsitz, Jerusalem und auf den Tempel, den die Babylonier vollkommen zerstört hatten, weil sie mit gewissem Recht darin die Energiequelle hinter all der Widerständigkeit des Kleinstaats erblickten.
Man könnte nun also zurückkehren. Versuchen, die verfallene Stadt wieder bewohnbar machen, und dann beginnen, einen Tempel zu bauen. Niemand, der das in Angriff nähme, würde das Ende erleben, das ist klar. Und wirklich alles aufgeben? Die historische Forschung belegt, dass es viele Judäer im babylonischen Reich gut getroffen hatten: ihre Fähigkeiten wurden gebraucht, und sie waren in Führungspositionen gelangt. Nach Jerusalem zu gehen wäre in etwa vergleichbar der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil in ein weitgehend kriegszerstörtes Nachkriegsdeutschland — würde man das tun, wenn man in den Vereinigten Staaten erfolgreich Fuß gefasst hatte?
Viele Judäer sind damals in Babylon geblieben. In den babylonischen Städten entwickelten sich jüdischen Zentren der Gelehrsamkeit, die weit über tausend Jahre Bestand hatten, noch weit über das Ende des römischen Reichs hinaus. Die bedeutendere der beiden Fassungen des Talmud wurde in Babylon zusammengestellt.
Gab es denn überhaupt IRGENDEINEN Grund, das Wagnis auf sich zu nehmen? Unser Vers zeigt, das Kyros selbst einen solchen Grund schuf, wohl sehr bewußt und gezielt. Auf Neudeutsch sagt man First things first — kümmere dich erst einmal um das Nächstliegende. Das wäre dann vielleicht der Proviant für die lange Reise, und sichere Wege, und vielleicht noch die Aussicht auf ein Stück Land. Aber was dann? Wo führt das hin — meint die neue Supermacht es überhaupt ernst? Was tun in der bergigen Halbwüste, wenn die Perser der Aktion schließlich indifferent oder feindlich gegenüberstehen, wenn es so weit ist?
Hier muß man statt dessen ans Ende denken, sonst fängt niemand an. Kyros händigt Scheschbasar, einem führenden Organisator unter den Juden, die reichen Tempelschätze aus, welche die Babylonier in Jerusalem beschlagnahmt und in ihre Schatzkammern verbracht hatten. Ein Schatz von ganz beträchtlichem materiellem Wert, aber von Nutzen nur, wenn man einen Tempel baut. Kyros ermöglicht und finanziert den letzten Schritt, und versichert damit, dass alle Schritte zuvor sinnvoll sind. Geht zurück mit euren Familien, siedelt euch neu an, baut eure Stadt und eine Mauer um sie herum, baut einen Tempel, und was ihr dann braucht, um euren Gott zu verehren — seht, das gebe ich euch heute. Das ist es, wovon unser Vers erzählt.
Im Shakespeare-Englisch gibt es ein Wort dafür: earnest. Ich habe es vor langer Zeit kennengelernt, als der Englischlehrer uns in ‚Macbeth‘ geworfen hatte wie ein Kleinkind ins Schwimmbad. Ein earnest ist das Pfand, das jemand dem anderen beim Abschluss eines Vertrags gibt, und zwar nicht nicht in erster Linie als Anzahlung, sondern als Bekundung des ernsten Willens. Wer einen earnest gibt, bindet sich selbst und erzeugt Glaubwürdigkeit. Damit erreicht er, dass der andere seinerseits ins Risiko gehen kann. Heute würde man vielleicht Geld auf ein Sperrkonto einzahlen.
Die spätere Geschichte zeigt, wie sinnvoll es war, in langen Zeiträumen zu denken. Die nationale Wiedergeburt der Judäer war schwierig, und langwierig, und das Versprechen des persischen Königs drohte in Vergessenheit zu geraten, siehe Esr 4 und den BdW 38/2018. Aber tatsächlich: am Ende stand ein neuer Tempel in einer neugegründeten Stadt, die es heute noch gibt. Das ist eine andere Geschichte.
Was mich nachhaltig verblüfft, ist das Vorgehen von Kyros. Den Judäern ging es auch so. Mit klassischer Machtpolitik im Stil der orientalischen Despotien hatte es nichts zu tun. Viele hielten Kyros daher für den von Jesaja angekündigten Messias. Was er verfolgte, war nation building nach Art der amerikanischen Nachkriegspolitik. Wenn es heute ein gefestigtes Deutschland in einem funktionsfähigen Mitteleuropa gibt, dann als späte Folge amerikanischer Machtpolitik. Vom sowjetischen Rivalen hob sich diese Politik ebenso ab wie Kyros‘ Vorgehen im vom Stil der Vorgänger — Babylonier, Assyrer, Ägypter.
Und heute? Persien heißt heute Iran und steht seinerseits den USA gegenüber, weitgehend ohne eigene Optionen. Wie und mit welchem Ziel die Amerikaner ihre Macht jetzt einsetzen, wird den Weg dieses Landes auf absehbare Zeit prägen. Und kein Kyros ist zu sehen. Wird in zehn Jahren jemand in Teheran leben wollen?
Gott gebe uns seinen Segen, auch und besonders dem iranischen Volk, Ulf von Kalckreuth
Und er baute einen Umgang an der Wand des Hauses ringsumher, dass er um den Tempel und um den Chor her ging, und machte Seitengemächer umher. 1 Kö 6,5
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.
Tür an Tür mit Gott
Zum vierten Advent einen Vers über den Bau des Tempels… Das Buch der Könige wurde nach der Zerstörung des ersten Tempels geschrieben. Diese liebevolle Erzählung vom seinem Bau mit seinen vielen Einzelheiten, ein Bauplan sozusagen — sie dient der Erinnerung.
Hier ist ein Grundriss des Tempels nach den Angaben der Bibel. Unser Vers berichtet von einer Struktur aus Räumen, die den Kern des Tempelbaus auf drei Seiten umgab, eingezeichnet in hellem Orange.
Hellblau = Das „Heilige“
Hellrosa = Das „Allerheiligste“
Kräftiges Grün = Tisch für Schaubrote
Kräftiges Blau = Vorhang
Kräftiges Pink = Schleier
Hellorange = Kammern und mögliche Wohnstätten. Dieser Bereich ist in kleine Zellen unterteilt und auf drei Etagen verteilt – eine Wendeltreppe diente dem Zugang zwischen den Stockwerken. Quelle:: Wikipedia Commons, entnommen aus der Encyclopaedia Biblica (1903) mit farblichen Hervorhebungen durch den Wikipedia-Autor..
Die beiden zentralen Örtlichkeiten, das „Heilige“ und das „Allerheiligste“, waren auf drei Stockwerken rings umbaut mit einer Vielzahl von Räumen, die wohl auch als Wohnungen für Priester dienten. Hes 40-41 berichtet von solchen Wohnstätten, und in 2.Kön 11 und 2.Chr 22 wird erzählt, wie ein Priesterpaar ein Kind im Tempel versteckte, den späteren König Joasch, dessen Großmutter Atalja in Jerusalem ein blutiges Terrorregiment errichtet hatte, siehe BdW 43/2023.
Das Allerheiligste des Tempels wurde als Wohnstatt Gottes angesehen, ein Ort also von unfassbarer spiritueller Kraft. Man glaubte, dass niemand Gott sehen könne, ohne zu sterben. Unmittelbar daneben aber arbeiteten und wohnten Menschen, nur durch eine Mauer getrennt. Die Priester unterlagen keinem Zölibat, ich erinnere an Zacharias im BdW 50/2025. In ihren Wohnungen wurden Kinder gezeugt, geboren, und erzogen, dort wurde gegessen, gefeiert und gestorben.
Wie mag sich das angefühlt haben? Beim Aufstehen und beim Schlafengehen, beim Streiten und beim Feiern? Schön, schrecklich, beides? Nach den Erzählungen der Bibel bestanden die Tempel in Jerusalem über tausend Jahre. Während dieser ganzen Zeit gab es Menschen, die sozusagen Tür an Tür mit Gott wohnten.
Juden feiern dieser Tage Chanukka, das Licht im Tempel. Acht Tage und acht Nächte erhellte eine einzige koschere Kerze diesen Tempel, den Eroberer geplündert und verwüstet hatten. Die Kerze hält durch, bis wieder reines Öl zur Verfügung steht. Für Christen ist Jesus der Inbegriff der Begegnung Gottes mit den Menschen, und in der Woche, die nun kommt, feiern wir das Fest seiner Geburt. Wie wäre es, wenn wir wüssten, dass Gott unser Nachbar ist? Wie würden wir leben? Und wissen wir, dass es nicht so ist?
Ich wünsche uns allen ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest und chag sameach chanukka, beides mit viel Gegenwart Gottes, so viel es (uns) eben möglich ist. Er möge uns bewahren, Sein Name sei gelobt! Ulf von Kalckreuth
…nach Gewohnheit des Priestertums, und an ihm war, dass er räuchern sollte, ging er in den Tempel des Herrn. Lk 1,9
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.
Und alles ändert sich…
Hier ist Advent, und zwar so sehr, dass der Empfänger der Botschaft völlig überfordert ist.
Stellen Sie sich folgendes vor: Sie bereiten sich auf eine wichtige Videokonferenz vor. Konzentriert auf Ihre Aufgabe betreten Sie den Arbeitsraum, um die Verbindung aufzubauen. Der Raum ist dunkel. Als Sie das Licht einschalten, steht am Tisch, auf der rechten Seite, eine Gestalt, riesig groß, schwer bewaffnet und in militärischer Kleidung, von innen heraus leuchtend.
Sie würden die Tür wieder zuschlagen und laut um Hilfe rufen. Oder Sie würden stumm dastehen, in Angst — Sie haben den Verstand verloren, glauben Sie, hoffentlich hört es wieder auf. Ein schreckliches Erlebnis. Es ist, was dem alten Priester Zacharias geschieht, als er den Tempel betritt, um das Rauchopfer zu vollziehen. Fliehen kann er nicht, draussen in den Vorhöfen des Tempels steht das Volk und wartet. Er erkennt in der Gestalt einen Engel Gottes. Das machte es durchaus nicht leichter, Zacharias dürfte an den Todesengel gedacht haben.
Und dann spricht die furchtbare Gestalt und verkündet — Freude. Der alte Priester und seine sehr betagte Frau Elisabeth werden einen Sohn haben: Johannes, den Propheten, der zum Wegbereiter Jesu werden sollte. Zacharias kann es nicht fassen. Da lässt der Engel ihn verstummen, so lange, bis der angekündigte Sohn geboren ist. Als der Priester den Tempel verlässt und das wartende Volk sieht, kann er nur noch winken.
Es gibt eine enge Parallele zur Geburtsgeschichte Jesu, siehe die BdWs 17/2020 und 20/2024. Der Engel erscheint Maria, und auch sie hat sehr gute Gründe für Unglauben — nie hatte sie Verkehr mit einem Mann. Ihr Schicksal und das von Elisabeth bleiben verschränkt, wie auch das Leben und Sterben ihrer Söhne, Johannes und Jesus.
Die Erzählung birgt zwei starke, zeichenhafte Verweise. Vorzeiten war der Engel auch Abraham und Sarah erschienen, den Erzeltern des jüdischen Volks. Auch sie hatten ihre Hoffnung auf Kinder längst aufgegeben. Und das Verstummen des Priesters erinnert sehr an die Berufung des Propheten Ezechiel.
Eine Adventsgeschichte zur zweiten Adventswoche…! Unwahrscheinlich genug. Was kann sie uns sagen?
Wissen Sie, ich habe den Vers der letzten Woche noch im Ohr, aus Jesu Gespräch mit der Samariterin. Die ‚wahren Anbeter‘ werden den Herrn „im Geist und in der Wahrheit“ anbeten, nicht in Liturgie, festgelegter Routine und institutionalisierter Rollenverteilung. Als er den Tempel betritt, ist Zacharias fester Teil der überkommenen Anbetungsmaschine. Nach einem bestimmten Schema ist seine ‚Ordnung‘ an der Reihe, eine Teilmenge der Priesterschaft, und innerhalb dieser Ordnung trifft es per Losentscheid ihn, das Rauchopfer zu vollziehen. Das ist, was unser Vers beschreibt. Opfer ist Kommunikation mit Gott. Aber dann vollzieht die Kommunikation sich unvermittelt ganz anders — direkt, ausserhalb von Reihe und Regel, machtvoll und opferfrei. Alles ändert sich. Der Tempelpriester verstummt. Seinen Dienst kann er nicht mehr tun, vielleicht nie wieder. Aber er wird Vater, Vater eines großen Propheten.
Advent. Unser Weltwissen gilt nicht mehr. Und unsere Routinen laufen leer. Mit extremen Szenarien können wir nicht umgehen. wir sind darauf angewiesen, dass die Welt heute ungefähr so ist wie gestern, als wir eingeschlafen sind. Deshalb Plätzchen, betriebliche Weihnachtsfeiern, Adventslieder, Nikolaus und Weihnachtsgeld. Wir wollen die Welt so. Aber Gott und die Welt können auch ganz anders.
Alles ändert sich… Im Geist und in der Wahrheit mag das geschehen. Darf ich darum bitten, dass der Herr mit uns rede wie mit Zacharias? Dass alles sich ändert? Oder wollen wir es so direkt dann lieber doch nicht…?
Unsere Woche sei gesegnet, Ulf von Kalckreuth
Nachtrag: Mit zwei Wochen Abstand sehe ich noch einen anderen Aspekt in Zacharias‘ Erschrecken. Er und seine Frau werden als „hochbetagt“ bezeichnet. Ich selbst bin 62 — vielleicht war er so alt wie ich? Meine Töchter werden gerade erwachsen. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn jemand mir eröffnete, dass ich demnächst wieder Vater würde. Biologisch kein Ding der Unmöglichkeit. Aber ich wäre über achtzig, wenn auch dieser Sohn erwachsen würde, und schon jetzt ist alles so schwierig… Armer Zacharias! Ulf von Kalckreuth, 20.12.2025
Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Joh 4,24
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.
Geist und Wahrheit
Jesus ist auf der Durchreise, von Judäa in sein Heimatland Galiläa im Norden. Dabei durchquert er Samarien, das Herzland des alten Nordstaats Israel. Dieser Staat wurde vor Zeiten zerstört, die Einwohner großenteils verschleppt. Aber immer noch wird in Samarien Gott der Herr angebetet. Für die Juden ist der Kult der Samariter auf dem Berg Garizim illegitim. Nur der Tempel in Jerusalem ist Anbetungs- und Opferstätte. Siehe hierzu den BdW 14/2021
Am Brunnen trifft Jesus auf eine samaritische Frau. Sie sind allein, die Jünger sind ins Dorf gegangen, Brot zu holen. Sie reden.
Die Frau spricht an, dass die Juden Glauben und Anbetung der Samariter nicht für rechtens halten. Nicht, etwa, weil Jesus das nicht wüsste, sondern weil es zwischen ihnen steht, mehr noch als der Umstand, dass er Mann ist und sie Frau.
Jesus antwortet: ja, so ist es. Das Heil wird von den Juden kommen, sie kennen Gott, und die Samariter nicht. Aber es kommt die Zeit und sie ist schon da, sagt er, dass die Samariter weder auf dem Garizim noch in Jerusalem den Herrn anbeten werden. Die wahren Anbeter nämlich werden Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten. Und das wird wiederholt, in unserem Vers, weil es so wichtig ist: Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
Jesus hält dabei die Schrift hoch, die den Kult der Samariter verdammt. Zwischen den Zeilen sagt er aber, dass auch Samariter wahre Anbeter sein können und sein werden. Der institutionalisierte Opferkult der Juden in Jerusalem ist nicht wahre Anbetung. Wahre Anbetung vollzieht sich im Geist und in der Wahrheit.
Der Satz ist schön. Ich habe aber Mühe damit, denn ich weiss nicht genau, was er bedeutet. Der Kontext macht deutlich, dass wahre Anbetung nicht an einem bestimmten Ort und durch bestimmte, dazu ausgebildete und legitimierte Personen nach festen Regeln vollzogen wird. Gott ist Geist, und der Geist ist überall. Was aber bedeutet es positiv?
In der Wahrheit anbeten, im Geist anbeten… Aus unserem Geist heraus, aus unserer Wahrheit? Es gibt acht Milliarden mal den menschlichen Geist und acht Milliarden Wahrheiten, die sich ständig ändern. Die eine Wahrheit, den einen Geist gibt es nur in Gott. Jesus meint, dass wir Gott aus Gottes Geist heraus anbeten sollen. Dazu muß er in uns sein, dazu muß er in uns wirken.
Wie geht das? Ich bin Lobpreismusiker, und eigentlich sollte ich es ganz genau wissen… In dieser Woche habe ich es immer wieder versucht — Gott aus Gottes Geist heraus anzubeten. Was ich dann finde, ist vor allem mein eigener Geist, meine unerfüllten Bedürfnisse und mein Versagen.
Aber ich habe doch etwas entdeckt. Als ihn seine Jünger bitten, sie das Beten zu lehren, gibt ihnen Jesus das Vaterunser. Gehen Sie es im Kopf einmal durch. Die ersten drei Bitten nach der Anrufung beschreiben Gottes vollkommene Präsenz in der Welt: „Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe“. Man kann das in sich selbst nachvollziehen, ganz langsam. Erst dann wechselt die Perspektive hin zum Betenden und das Gebet kulminiert in der Bitte, dass die Verbindung zu Gott erhalten bleiben möge, trotz aller Sünde, durch Vergebung und Erlösung. Am Ende kehrt das Gebet zurück zu Gott: „Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Amen“
Das hilft sehr. Vielleicht ist der Vers eine Aufforderung, sich ins Unsagbare vorzutasten und eigene Wege zu finden. Wenn es den einen, allgemeinen Weg gäbe, hätten wir eine Liturgie, und die soll es ja nicht sein.
Im Geist und in der Wahrheit. Jesu Gespräch mit der Frau am Brunnen steht jenseits von Zeit und Raum. Ich wünsche uns in dieser Woche Berührung: unserer Wahrheit mit Gottes Wahrheit, unseres Geistes mit Gottes Geist. Was wird dann geschehen? Ulf von Kalckreuth
Aber den Namen Aarons sollst du schreiben auf den Stecken Levis. Denn je für ein Haupt ihrer Vaterhäuser soll ein Stecken sein. Num 17,18
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.
Auftrag
Es ist ein Gottesurteil aus der Zeit der Wüstenwanderung und zunächst einmal geht es darum, welcher Stamm Gott besonders nahe stehen soll. Jeder Stamm der Israeliten gibt Mose einen Stab. Die Stäbe der Stämme werden vor die Stiftshütte gelegt. Am nächsten Morgen geht Mose hin und findet, dass der Stab des Stammes Levi ergrünt ist, blüht, und Mandeln trägt. Ein klares Zeichen Gottes.
Das Zeichen würde gut passen in den Kontext der Berufung der Leviten zum Dienst am Tempel, siehe den BdW 16/2025. Aber in solch einem Kontext steht die Geschichte nicht, im Gegenteil. Vorher wurde nämlich erzählt, wie sich die Elite der Leviten auflehnt gegen den Anspruch Aarons, des Bruders Mose, das Priestertum allein zu verwalten, er und seine Söhne, so dass den Leviten nur die nichtpriesterlichen Dienste bleiben. Die Revolte einer Gruppe um Korach, eines levitischen Fürsten, wird von Gott persönlich niedergeschlagen, der Boden tut sich auf und verschlingt Korachs Gefolgsleute, die „Rotte Korachs“. Ein furchtbares Feuer tut ein Übriges. Als sich Unmut im ganzen Volk ausbreitet, beginnt eine Epidemie zu wüten, die nur der Eingriff Moses noch aufhalten kann.
Die Kohaniter, die Nachkommen Aarons, sind Leviten. Aber sie sind besonders: Nur Kohaniter durften Priester und Hohepriester sein. Andere Leviten taten Dienst im Tempel, ohne aber Priester sein zu können. Wie die Frauen in der katholischen Kirche. Im BdW 34/2023 geht es um die Berufung von Leviten zu einem nicht-priesterlichen Dienst. Mit dem Wunder vom grünenden Stab soll die besondere Rolle Aarons und seiner Söhne abgesichert werden, sein Priestertum. Hier ist unser Vers absolut entscheidend — auf den Stab des Stammes Levi nämlich wird der Name Aarons geschrieben, seines obersten Repräsentanten. Der Stab wird daher Aaronsstab genannt, und man kann das Ergebnis so interpretieren, dass Gott das Priestertum Aarons bestätigt. Wenn aber der Stamm Levi mit dem Namen Aarons identifiziert wird — wie lassen sich durch dieses Gottesurteil die Ansprüche der Leviten im allgemeinen und der Kohaniter im besonderen trennen?
Ohne unseren Vers würde die Geschichte vom grünenden Stab eine komplett andere Botschaft überbringen! Wenn ich Theologe wäre, würde ich jetzt weiterfragen. Aber das bin ich nicht. Ich fahre in einem Regionalzug durch die Toskana, mit einem Interrail-Ticket in der Tasche, und bewege mich langsam auf Siena zu. Und wie ich nach draussen schaue, interessiert mich etwas anderes. Im Kontext des gezogenen Verses greift Gott selbst an mehreren Stellen massiv ein und tut seinen Willen kund. Im Leben ist das die Ausnahme. Wie äußert sich Berufung, was sind die Zeichen — gibt es welche? Und wenn jemand meint, die Zeichen lesen zu können, wie geht er damit um?
Blick aus dem Zugfenster, in der Toskana
Berufungen haben etwas finales. Typischerweise gibt es nicht einmal Rente oder Pension. Einige Propheten, von denen das erste Testament berichtet, haben sich verzweifelt gegen ihre Berufung gewehrt, aus gutem Grund. Wer berufen wird, ist herausgenommen in ein Leben auf dem Präsentierteller, von der Umwelt ständig in Frage gestellt. Und es geschieht nicht oft, dass die Widersacher von der Erde verschluckt werden.
Ich wünsche uns eine gesegnete Woche unter dem Schutz des Herrn, Ulf von Kalckreuth
…welchen Gott hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut, damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, darbiete in dem, dass er Sünde vergibt, welche bisher geblieben war unter göttlicher Geduld;… Röm 3,25
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.
Gnadenstuhl
Jede Woche ziehe ich zufällig einen Vers und versuche mich in einer Betrachtung. Nie habe ich versprochen, dass der Versuch immer glückt. Heute kann er nicht glücken, aus zwei Gründen.
Die Bibel ist nicht Theologie, Theologie wird „über“ die Bibel gemacht. Das ermöglicht auch Nichttheologen einen vollgültigen Zugang, und nur so kann etwas wie der „Bibelvers der Woche“ gelingen. Es gibt eine Ausnahme — Paulus. Paulus sammelt nicht nur, er reflektiert, ordnet und systematisiert das, was er über Jesus gehört hat, weiss und selbst erfahren hat. Paulus ist Theologe — neben dem, was er sonst ist: Missionar, Kirchenpolitiker, Gründer vieler Gemeinden und bei Licht betrachtet der ganzen Weltkirche. Unser Vers ist reine Theologie, Wissenschaft von Gott. Viele Fäden nimmt er auf und verknüpft sie, sie laufen zusammen in diesem einen Vers. Die Botschaft des neuen Testaments in einer Nussschale. Der Vers und sein zentrales Bild, der Gnadenstuhl, haben eine eigene große Webseite in Wikipedia. Es kann mir nicht gelingen, die zentralen Aspekte leicht fasslich auf einer Seite zu reflektieren. Allein die Sprache ist eine Herausforderung…
Ich selbst stehe unter den Nachwirkungen eines seelischen Schlags und habe nicht die Kraft und Souveränität, einen Aspekt herauszugreifen und darin das Ganze aufscheinen zu lassen, vielleicht mit einem Lied oder einem Bild. Immerhin kann ich die Fäden benennen, die hier zusammenlaufen:
Gottes Gerechtigkeit — sie verlangt Bestrafung von Sünde und Vergehen;
Gottes Gnade und Vergebung — sie beinhalten das Gegenteil, nicht wahr?
Gottes Geduld — Aufschub der Strafe, aber bis wann?
das Blut Christi und sein Opfertod — wie kann das gerecht sein?
Glauben — den Weg gehen;
Versöhnung — von Mensch und Gott.
Alles dies kommt zusammen im Bild des „Gnadenstuhls“. Das ist Luthers Übersetzung des hebräischen Worts für eine goldene Platte, welche die Bundeslade im Allerheiligsten des Temples bedeckt, ohne selbst ein Teil von ihr zu sein. Das Wort „Stuhl“ steht hier für „Sitz, Örtlichkeit“, nicht für ein reales Sitzmobiliar. Gott selbst wird über dem Gnadenstuhl als anwesend gedacht. Beim Opfer am Versöhnungstag, Jom Kippur, spritzt der Priester das Blut des Opfertiers in Richtung des Gnadenstuhls.
Bildlich findet dort die Versöhnung statt. Für Paulus ist Jesus Christus selbst dieser Gnadenstuhl: in ihm laufen die Fäden zusammen, findet die Versöhnung statt. Und nun kann ich ihnen doch eine Gemme geben: Wie dieser Gnadenstuhl ist irgendwie der Vers selbst: er nimmt all diese Fäden auf, in ihrer Widersprüchlichkeit, und verwebt sie zu einer festen Struktur. Der Vers kann also für den Gnadenstuhl stehen, dieser steht für Jesus Christus, und der wiederum steht für die Versöhnung von Mensch und Gott — er ist diese Versöhnung.
Versöhnung — der Friede Gottes sei mit uns, Ulf von Kalckreuth
Und die Kinder Israel, die aus der Gefangenschaft waren wiedergekommen, und alle, die sich zu ihnen abgesondert hatten von der Unreinigkeit der Heiden im Lande, zu suchen den HErrn, den Gott Israels, aßen… Esr 6,21
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.
Zirkuläre Zeit
…und hielten das Fest der ungesäuerten Brote sieben Tage mit Freuden; denn der Herr hatte sie fröhlich gemacht und das Herz des Königs von Assyrien zu ihnen gewandt, daß sie gestärkt würden im Werk am Hause Gottes, der der Gott Israels ist. (Vers 22, Lutherbibel 1912).
So die Fortsetzung des begonnenen Satzes. Er hat so viele Bestandteile, dass auch ein deutscher Muttersprachler leicht ins Schleudern kommen kann, aber sein Kern ist die schlichte Aussage: „Und die Kinder Israel aßen.“ Kann man Wohlbefinden gegenständlicher ausdrücken? Was aßen sie? Das Passamahl, das schon so lange nicht mehr regelrecht gefeiert worden war. Es gab jetzt wieder einen (notdürftigen) Tempel, es gab wieder Leviten für die Opferdienste. Das Leben Tür an Tür mit Gott hat wieder begonnen. Mit dabei waren Nichtjuden, die sich zum Gott dem Herrn bekannten, auch das sagt der Vers. Gültiges Recht: Ex 12,48 lässt die Teilnahme von beschnittenen Nichtjuden ausdrücklich zu.
Tür an Tür mit Gott: Der alte Tempel wurde als Seine Wohnstatt betrachtet. Und als immer größere Teile der nach Babylon verschleppten Elite wieder nach Jerusalem zurückkehrte, bauten die Juden einen neuen.
Wie einst die Stiftshütte, welche die Kinder Israels auf ihrer Wanderung begleitete, noch in der äußersten Entfremdung, als der Herr beschloss, dass die ganze Generation derer, die aus Ägypten geflohen war, in der Wüste sterben sollten. Erst ihre Kinder würden das gelobte Land sehen. Wie einst der salomonische Tempel, den dann die Babylonier in Flammen aufgehen ließen. Wiederum äußerste Entfremdung: die Juden verloren alles, nicht nur Gott und seinen Wohnsitz, sondern auch ihre Freiheit und ihre Heimat.
Der Vers und sein Umfeld erzählen vom Ende dieser Phase. Gott und sein Volk waren wieder zusammengekommen. Nicht dauerhaft, wieder nicht: Im Jahr 70, auch an einem Passafest, begann Titus seinen Angriff auf Jerusalem. Er endete mit der völligen Zerstörung des Tempels und der Zerstreuung des jüdischen Volks im römischen Reich. Flavius Josephus berichtet, dass sich wegen des Passafests während der Belagerung etwa 3 Millionen Menschen in der Stadt befanden, von denen 1,1 Millionen ums Leben kamen.
Die alte hebräische Sprache kennt keine Zeitformen, nur Aspekte: Handlungen können entweder punktförmig und faktisch sein, oder sich auf einen Zeitraum beziehen, Möglichkeitscharakter haben oder Regelmäßigkeiten beschreiben. Vergangenheit und Zukunft sind dabei keine eigenständigen Kategorien. Im alten Judentum waren sie nicht wesentlich unterschieden: In der Wahrnehmung der Menschen vollzog Zeit sich in Zyklen, die sich nicht exakt wiederholten, sondern spiralförmig verliefen. Vergangenes blieb relevant für die Zukunft, die nahe und ferne Geschichte des Volks hat stets Bedeutung auch für das Leben des Einzelnen.
Hier also, mit unserem Vers, treffen Gott und sein Volk sich wieder, und eine glückliche Phase der jüdischen Geschichte setzt ein. Wie die Bewegung eines Pendels, der Schlag eines gigantischen Herzens. Diese Bewegung, hin und her, bestimmt die ganze Bibel, bis hin zu den letzten Kapiteln der Offenbarung. Wer oder was treibt das Pendel? Wann kommt es zur Ruhe?
Der Herr sei mit uns in dieser Woche, Ulf von Kalckreuth
Im vierhundertachtzigsten Jahr nach dem Ausgang der Kinder Israel aus Ägyptenland, im vierten Jahr des Königreichs Salomo über Israel, im Monat Siv, das ist der zweite Monat, ward das Haus des HErrn gebaut. 1 Kö 6,1
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.
Sieben Jahre Advent
Spatenstich für das Haus des Herrn. Jahrelang zuvor hat eine Armee von Fronarbeitern Bauholz und Steine zusammengetragen, und nun beginnt der Bau. Sieben Jahre wird es dauern, bis der Tempel eingeweiht werden kann. Die exakte Datumsangabe markiert die Bedeutung des Ereignisses. Am Ende des zweiten Buchs der Könige wird die Zerstörung des Tempels beschrieben, ihr Beginn wird gleichfalls genau datiert:, siehe auch den BdW 10/2018 für eine Parallelstelle:
Am siebenten Tage des fünften Monats, das ist das neunzehnte Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babel, kam Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, als Feldhauptmann des Königs von Babel nach Jerusalem und verbrannte das Haus des HERRN und das Haus des Königs und alle Häuser in Jerusalem; alle großen Häuser verbrannte er mit Feuer. 2 Kö 25, 8+9
Aber so weit sind wir hier längst nicht. Hier, heute, in unserem Vers, wird der Tempel gebaut — der ganze Text bebt geradezu vor Erwartung. Das Haus des Herrn entsteht, bald ist es so weit, er wird kommen, in Jerusalem zu wohnen. Das ist Advent, nicht wahr? Sieben Jahre lang.
Ich wünsche uns allen einen gesegneten zweiten Advent, Ulf von Kalckreuth