So ergrimmte der Zorn des HErrn über Israel und gab sie in die Hand der Räuber, dass diese sie beraubten, und verkaufte sie in die Hände ihrer Feinde umher. Und sie konnten nicht mehr ihren Feinden widerstehen;…
Ri 2,14
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Bund und Weg
Die Zeit der Landnahme unter Mose und Josua ist vorbei, und längst nicht überall konnten die Israeliten sich durchsetzen. Mancherorts können sie nur in kleinen Siedlungstaschen leben, und andere Völker dominieren. Die Erinnerung verblasst: an den Herrn, der das Volk führte, und an den Bund. Das Volk wendet sich anderen Göttern zu.
Gott hat einen Bund mit seinem Volk. An dieser Stelle, in diesen Versen, entzieht er ihm seinen Schutz. Der Bund ist nicht aufgehoben, aber Gott schützt das Volk nicht mehr vor den Folgen seiner Abkehr. Es fällt — buchstäblich — unter die Räuber.
Das ist der erzählerische Rahmen für das Buch Richter. Siehe hierzu die BdW 10/2025 und 03/2020. Es sind nun Einzelne, die Richter, die auf Gottes Ruf hin das Volk gegen äußere Bedrohungen einen, manchmal besser, manchmal schlechter.
Wie schon früher muß ich hier an den Präsidenten der Vereinigten Staaten denken, Donald Trump. Mit seinen Partnern geht er rabiat um. Bündnisse werden relativiert, von politischen Gefälligkeiten abhängig gemacht, und über den Wert der Bündniszusage im Ernstfall gibt es allerseits ernste Zweifel — durchaus auch beim möglichen Gegner. Damit wird möglich, was eigentlich verhindert werden soll.
Müssen wir uns Gott so vorstellen? Uns wegen seiner Treue Sorgen machen und deshalb ständig unsere eigene Treue hinterfragen?
Genau darum geht es in dem Text, kann man argumentieren. Die historisch-kritische Bibelwissenschaft liest diese und viele vergleichbare Stellen in Deuteronomium, Josua und den Büchern der Könige vor dem Hintergrund von Untergang und Exil, dem Zusammenbrechen der staatlichen Ordnungen im Nordstaat Israel und im Südstaat Juda. Damals argumentierte die geistliche Elite, dass das Fernbleiben des Allmächtigen in der existenziellen Not darauf zurückzuführen sei, dass das Volk den Bund gebrochen habe. Aber Rückkehr sei möglich. Und bei der Redaktion der biblischen Texte, die seinerzeit stattfand, erhält diese Aussage breiten Raum.
Was hilft uns das? Nun ja — wenn die Erzählung vom Schutz, der nur bei Wohlverhalten besteht, einen rein zeitgeschichtlichen, identitätsstiftenden Hintergrund hätte, dann wäre der Text für uns und den heutigen Tag von nur eingeschränkter Relevanz. Kann man ihn nicht einfach ignorieren? Ich stelle die Frage mit Absicht so deutlich, denn vergleichbare Argumente kann man für viele Teile der Bibel machen. Was bliebe übrig?
Ich bin kein Theologe und versuche in der Regel, die Texte so zu lesen, wie sie geschrieben stehen. Wie gehe ich damit um, dass mein Schutz, mein Seinsgrund auf Abruf steht, jederzeit widerrufen werden kann?
Das Problem ist vielleicht das Bild. Wenn ich Gott als Person vor mir sehe, als König oder übermächtigen Präsidenten, dann finde ich aus dieser Unsicherheit schwer heraus. Wie der junge Luther muß ich dann fragen: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? — und Angst vor der Antwort haben.
Vielleicht hilft ein anderes Bild. Im Neuen Testament, besonders in der Apostelgeschichte wird die frühe Jesus-Bewegung als „der Weg“ bezeichnet. Das war eine der frühesten Selbstbezeichnungen der Anhänger Jesu.
Wege sind Grundlagen für die Existenz einer Gemeinschaft, das Wegenetz gehört zum wichtigsten, das ein Volk hat. Wenn ich mein Leben mit Gott als Weg sehe, wird alles klarer. Ein Weg führt nur dann zum Ziel, wenn man auf ihm bleibt — verlässt man ihn, geht es eben anderswo hin oder nirgends.
Auch mit diesem Bild im Kopf bleiben Fragen. Bin ich auf dem Weg? Bin ich noch auf dem Weg? Und wenn ich auf einer Seitenstraße bin — führt sie auf den Weg zurück?
Aber Angst vor einem erratischen, übellaunigen und irrationalen Gott-Präsidenten muß ich nicht haben. Gott ruft auf einen Weg und bleibt auf diesem Weg ansprechbar. Ich kann ihn verlassen, ich kann mich verirren – aber ich kann auch umkehren. Der Weg bleibt.
Gottes Schutz begleite uns auf dem Weg durch die kommende Woche!
Ulf von Kalckreuth

