Bibelvers der Woche 36/2026

„Ich will deinen Samen bestätigen ewiglich und deinen Stuhl bauen für und für.“ (Sela.)
Ps 89,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Dynamit und Morgenstern

Der Vers ist eine Zusage Gottes an David. Seine Nachkommen werden regieren bis in alle Ewigkeit, oder jedenfalls bis in eine ferne, unbestimmte Zukunft. 

Mir liegt das zunächst einmal sehr fern. Zwar bin auch ich männlichen Geschlechts, aber sonst habe ich mit David nichts gemein: keine Söhne, keine Krone, kein Thron. Ihnen. liebe Leser, wird es ähnlich gehen. 

Wenn man aber auf den Psalm schaut, zieht es einem fast die Schuhe aus. Er hat zwei Teile. Der erste überbietet sich selbst mit Heilszusagen an das Volk Gottes und seinen König und mit Lobpreis Gottes, dem mächtigen Herrn der Herren, der die Erde lenkt und das Chaos der Urzeit seiner Ordnung unterwirft — er vernichtet Rahab, das mythische Ungeheuer des Urmeers, Sinnbild des Chaos. 

Aber dann, ab Vers 39, kommt der Absturz:

Aber nun hast du verstoßen und verworfen
und zürnst mit deinem Gesalbten!
Du hast zerbrochen den Bund mit deinem Knecht
und seine Krone entweiht in den Staub.
Du hast eingerissen alle seine Mauern
und hast zerstört seine Festungen.
Es berauben ihn alle, die vorübergehen;
er ist seinen Nachbarn ein Spott geworden.
(Vers 39-42)

Und so weiter, mit steigender Intensität. Gott hat sein Volk und den König fallen lassen, hat scheinbar alle Versprechungen gebrochen und bricht sie weiter. Der Psalm ist nicht nur Klage, er ist regelrecht Anklage, mit der rhetorisch hoch aufgeladenen und unbedingten Heilszusage im ersten Teil und der übergangslos darauf folgenden erbarmungslosen Inventur der Realität von Staat und Volk. 

In der Bibel ist das Dynamit. Vielleicht ist der erste Teil des Psalms eine alte Königs-und Bundesüberlieferung, und der zweite stammt aus der Zeit des Zusammenbruchs. Vielleicht aber sind auch beide Teile gemeinsam verfasst: sehr stark sind sie aufeinander bezogen, wie Licht und Schatten. Der Psalm endet mit einer intensiven Bitte, die ohne Antwort bleibt. 

Mich erinnert das sehr an den BdW 34/2026 vor zwei Wochen, worin Gott seinem Volk den Schutz entzieht. Wie gehen wir damit um, wenn unsere Welt mit ihren Gewissheiten sich auflöst, obwohl wir doch auf Gottes Schutz bauen und vertrauen? Der Tod ist uns gewiss und unseren Kindern auch und – so fürchte ich – unserer Kultur. All das wird nicht schön.

Mit seiner im Wortsinn krassen Gegenüberstellung von Zusage und Realität fordert der Psalm vom Leser – und von Gott – eine Antwort. Das Alte Testament gibt sie nicht, nicht endgültig. Die Bücher Esra und Nehemia berichten zwar, wie nach der Katastrophe das Schlimmste überwunden wird: das Exil endet, Juden dürfen sich wieder in Jerusalem und der Umgebung sammeln und können die Stadt neu aufbauen, mit Mauer und Tempel. Aber das davidische Königtum kehrt nicht zurück. Das Land wechselt den Besitzer mehrfach. Zur Zeit von Christi Geburt steht es unter römischer Oberhoheit. Wenig später ist Jerusalem völlig zerstört und seine Bewohner vertrieben. Das Haus David scheint verschwunden. 

„Ich will deinen Samen bestätigen ewiglich und deinen Stuhl bauen für und für.“

???

Eine überraschende Antwort auf die klaffende Frage gibt das Neue Testament. Die Bezeichnung „Sohn Davids“ war im Lauf der Zeit zum messianischen Titel geworden, sie steht für den König, der da kommen soll, das Reich wieder aufzurichten. Viele erwarteten einen König aus Fleisch und Blut, der mit militärischer Macht auch politisch wieder aufrichtet. Das Neue Testament deutet den Königstitel um. Jesus ist kosmischer König, der das Reich Gottes errichtet. Sein Reich, sagt er, ist nicht von dieser Welt. 

In seiner großen Predigt nach dem Pfingstwunder erklärt Petrus den Zuhörern, wie ausgerechnet der jämmerlich m Kreuz gestorbene Jesus der verheißene David-König sein kann. Jesus ist auferstanden, er ist nicht im Tod geblieben. Er ist Nachkomme Davids und mit der Auferstehung beginnt sein Königtum: So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat (Apg 2,36).

Die Auferstehung ist für die Autoren des Neuen Testaments die Krönung Christi, das Ereignis, mit dem Gott sein feierliches Versprechen aus Psalm 89 einlöst. Das Königtum Davids und sein Same sind nicht erloschen. Das Reich Davids ist transformiert, in unfassbarer Weise ausgeweitet. Es überschreitet die Grenzen von Land, Volk, Macht und schließlich sogar des Todes. Das große Bild dieser neuen Welt geben uns die letzten Abschnitte der Offenbarung am Ende der Bibel. Dort sagt Jesus von sich selbst: Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern. Und er setzt fort: Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst. (Off 22,16b+17).

Der helle Morgenstern -- Jesus löst das Versprechen Gottes ein.
Der helle Morgenstern. Ulf von Kalckreuth mit ChatGPT, Aug. 2026

Der Herr segne und behüte uns in der kommenden Woche und immer. 
Ulf von Kalckreuth


Ein kleines Postscriptum: Wie auch schon in den drei vergangenen Jahren ist der „Bibelvers der Woche“ wieder als akkreditierter Blog auf der Buchmesse in Frankfurt vertreten. Über diese Akkreditierung freue ich mich auch deshalb, weil nur Content-Producer mit einer geschätzten Reichweite von mehr als 2000 Followern noch einen Presseausweis erhalten…! Ich werde berichten.

Bibelvers der Woche 34/2026

Bund und Weg -- zu Ri 2,11

So ergrimmte der Zorn des HErrn über Israel und gab sie in die Hand der Räuber, dass diese sie beraubten, und verkaufte sie in die Hände ihrer Feinde umher. Und sie konnten nicht mehr ihren Feinden widerstehen;…
Ri 2,14

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Bund und Weg

Die Zeit der Landnahme unter Mose und Josua ist vorbei, und längst nicht überall konnten die Israeliten sich durchsetzen. Mancherorts können sie nur in kleinen Siedlungstaschen leben, und werden von anderen Völkern dominiert. Die Erinnerung verblasst: an den Herrn, der das Volk führte, und an den Bund. Das Volk wendet sich anderen Göttern zu. 

Gott hat einen Bund mit seinem Volk. An dieser Stelle, in diesen Versen, entzieht er ihm seinen Schutz. Der Bund ist nicht aufgehoben, aber Gott schützt das Volk nicht mehr vor den Folgen seiner Abkehr. Es fällt — buchstäblich — unter die Räuber.

Das ist der erzählerische Rahmen für das Buch Richter. Siehe hierzu die BdW 10/2025 und 03/2020. Es sind nun Einzelne, die Richter, die auf Gottes Ruf hin das Volk gegen äußere Bedrohungen einen, manchmal besser, manchmal schlechter.

Wie schon früher muß ich hier an den Präsidenten der Vereinigten Staaten denken, Donald Trump. Mit seinen Partnern geht er rabiat um. Bündnisse werden relativiert, von politischen Gefälligkeiten abhängig gemacht, und über den Wert der Bündniszusage im Ernstfall gibt es allerseits ernste Zweifel — durchaus auch beim möglichen Gegner. Damit wird möglich, was eigentlich verhindert werden soll. 

Müssen wir uns Gott so vorstellen? Uns wegen seiner Treue Sorgen machen und deshalb ständig unsere eigene Treue hinterfragen? 

Genau darum geht es in dem Text, kann man argumentieren. Die historisch-kritische Bibelwissenschaft liest diese und viele vergleichbare Stellen in Deuteronomium, Josua und den Büchern der Könige vor dem Hintergrund von Untergang und Exil, dem Zusammenbrechen der staatlichen Ordnungen im Nordstaat Israel und im Südstaat Juda. Damals argumentierte die geistliche Elite, dass das Fernbleiben des Allmächtigen in der existenziellen Not darauf zurückzuführen sei, dass das Volk den Bund gebrochen habe. Aber Rückkehr sei möglich. Und bei der Redaktion der biblischen Texte, die seinerzeit stattfand, erhält diese Aussage breiten Raum.

Was hilft uns das? Nun ja — wenn die Erzählung vom Schutz, der nur bei Wohlverhalten besteht, einen rein zeitgeschichtlichen, identitätsstiftenden Hintergrund hätte, dann wäre der Text für uns und den heutigen Tag von nur eingeschränkter Relevanz. Kann man ihn nicht einfach ignorieren? Ich stelle die Frage mit Absicht so deutlich, denn vergleichbare Argumente kann man für viele Teile der Bibel machen. Was bliebe übrig? 

Ich bin kein Theologe und versuche in der Regel, die Texte so zu lesen, wie sie geschrieben stehen. Wie gehe ich damit um, dass mein Schutz, mein Seinsgrund auf Abruf steht, jederzeit widerrufen werden kann? 

Das Problem ist vielleicht das Bild. Wenn ich Gott als Person vor mir sehe, als König oder übermächtigen Präsidenten, dann finde ich aus dieser Unsicherheit schwer heraus. Wie der junge Luther muß ich dann fragen: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? — und Angst vor der Antwort haben. 

Vielleicht hilft ein anderes Bild. Im Neuen Testament, besonders in der Apostelgeschichte wird die Jesus-Bewegung als „der Weg“ bezeichnet. Das war eine der frühesten Selbstbezeichnungen der Anhänger Jesu.

Wege sind Grundlagen für die Existenz einer Gemeinschaft, das Wegenetz gehört zum Wichtigsten, das ein Volk hat. Wenn ich mein Leben mit Gott als Weg sehe, wird alles klarer. Ein Weg führt nur dann zum Ziel, wenn man auf ihm bleibt — verlässt man ihn, geht es eben anderswo hin oder nirgends.

Auch mit diesem Bild im Kopf bleiben Fragen. Bin ich auf dem Weg? Bin ich noch auf dem Weg? Und wenn ich auf einer Seitenstraße bin — führt sie auf den Weg zurück? 

Aber Angst vor einem erratischen, übellaunigen und irrationalen Gott-Präsidenten muß ich nicht haben. Gott ruft auf einen Weg und bleibt auf diesem Weg ansprechbar. Ich kann den Weg verlassen, ich kann mich verirren – aber ich kann auch umkehren. Der Weg bleibt.

Gottes Schutz begleite uns auf dem Weg durch die kommende Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 32/2026

Illustration zu 1 Sam 20,40: Bogen, Köcher und zwei Pfeile

Da gab Jonathan seine Waffen seinem Knaben und sprach zu ihm: Gehe hin und trage sie in die Stadt.
1 Sam 20,40

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Hinwärts oder herwärts?

Der Vers trägt uns mitten in die sonderbare Dreiecksgeschichte zwischen König Saul, seinem Sohn Jonathan und dem jungen David. Jonathan, der natürliche Thronfolger Sauls, liebt David herzlich. Gleich nach dem Kampf Davids gegen Goliath übergibt er ihm sein Gewand, seinen Bogen, seinen Gürtel und sein Schwert. In BdW 09/2024 haben wir gesehen, wie unglaublich wertvoll dieses Schwert ist.

Anfangs liebt auch Saul David. Aber die Liebe schlägt um in Hass, als er sieht, wie gefährlich David ihm werden kann und wie Jonathan David den Vorrang einzuräumen scheint. Saul ist verblendet; ein dunkler Geist beherrscht ihn. David schließlich erwidert die Liebe zu Jonathan. Gegenüber König Saul ist er hin- und hergerissen zwischen Loyalität und Selbsterhaltung. Vielleicht denkt er auch an seine eigene Berufung.

Schließlich greift König Saul David tätlich an. Während der junge Mann mit der Harfe spielt, wirft Saul mit dem Spieß nach ihm, vgl. BdW 33/2020. Der König schickt seine Kriegsleute, um David festzunehmen und zu töten. David flieht. Nach einem Intermezzo versteckt er sich auf dem Feld und weiß nicht, ob er dauerhaft untertauchen muss oder ob Sauls mörderischer Zorn vielleicht nur vorübergehend ist. 

David und Jonathan treffen sich. Jonathan verspricht David, herauszufinden, was es mit dem Hass Sauls auf sich hat. Wie kann er sein Wissen weitergeben? Der Sohn des Königs ist selten allein und wird beobachtet. Also verabreden sie ein geheimes Zeichen. Jonathan will sich auf dem Feld, wo David sich versteckt hält, mit dem Bogen üben. Wenn er den Knaben, der bei ihm ist, schickt und sagt: „Hol den Pfeil, er liegt herwärts“, so kann David gefahrlos an den Hof zurückkehren. Sagt er aber: „Der Pfeil liegt hinwärts“, so soll David fliehen. 

Die beiden Sätze sind für Außenstehende bloße Richtungsangaben, kaum zu unterscheiden, wie „da“ und „dort“. Für die Eingeweihten übermitteln sie gegensätzliche Botschaften. Ein Missverständnis könnte tödliche Folgen haben. 

David muss seinem Freund absolut vertrauen. Jonathan könnte in David einen Rivalen sehen. Dies wäre die Gelegenheit, sich seiner gefahrlos zu entledigen. Sie schließen daher aufs Neue einen feierlichen Bund im Namen des Herrn.

Jonathan ist seinem Versprechen treu. Er riskiert, vom Speer seines zornigen Vaters getroffen zu werden. Als er weiß, dass Saul David sofort töten würde, wenn er ihn sieht, geht Jonathan mit einem Knaben hinaus aufs Feld, schießt und ruft laut, der Pfeil liege hinwärts. Dann schickt er den Knaben zurück — das ist der gezogene Vers. 

Mir fällt etwas auf. Des geheimen Zeichens hätte es eigentlich gar nicht bedurft, denn nachdem der Knabe gegangen ist, können die beiden Vertrauten ungehindert reden. Nach Lage der Dinge hätte Jonathan den Knaben einfach heimschicken können, ohne Pfeile zu verschießen und laut Codewörter zu rufen. Warum tut Jonathan es dennoch?

Ich denke, Jonathan zeigt, dass seine Botschaft im Zeichen ihres heiligen Bundes steht. 

Es ist wie mit der Schriftform, die es für manche Verträge gibt, oder mit kirchlicher Liturgie. Ein Zeichen gewinnt seine Kraft durch die gemeinsame Verabredung und die Treue derer, die sich daran gebunden fühlen.

Laute werden Sprache durch eine von der Sprachgemeinschaft getragene Vereinbarung zwischen Sprecher und Hörer. Ich kann die Worte „Berg“ oder „Tal“ gebrauchen, wenn ich weiß, welche Vorstellung sie beim anderen auslösen. Wenn nötig, können wir spezielle Verabredungen treffen. Jonathan gibt hier zum Ausdruck, dass er im Namen ihres Bundes spricht und dass er um die heilige Verbindlichkeit weiß. Das Zeichen selbst verbürgt den Inhalt! David kann kaum anders, er muss Jonathan glauben. Denn das ist die andere Seite des Bundes.

Es wäre schön, wenn wir die Fähigkeit hätten, so miteinander zu sprechen, wenn es wirklich nötig ist. Auf unsere Worte könnten andere unbedingt vertrauen, sie könnten darauf bauen. Das kann viel bewirken. 

Aber vielleicht können wir das wirklich? 

Gegenseitiges Vertrauen im Namen eines heiligen Bundes könnte entscheidend sein für die Bewältigung der Klimakrise. Ich arbeite gerade an einem Blogartikel darüber. 

Gottes Segen und sein Schutz seien mit uns in der kommenden Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 30/2026

Denn die Grube ist von gestern her zugerichtet; ja sie ist auch dem König bereitet, tief und weit genug; der Scheiterhaufen darin hat Feuer und Holz die Menge. Der Odem des HErrn wird ihn anzünden wie ein Schwefelstrom.
Jes 30,33

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Worauf kommt es an?

Das klingt wahrhaft bedrohlich. Der Spruch Jesajas richtet sich gegen Sanherib, den König von Assyrien. Zum Zeitpunkt der Niederschrift unseres Verses hatte (vermutlich) Assyrien den Nordstaat Israel bereits vernichtet, im Jahr 722 v. Chr., und nun bedrohte die Supermacht das Südreich.

Hiskia, König von Juda, suchte sich durch Bündnisse mit Ägypten abzusichern. Ägypten war die andere Supermacht, sie stellte sich der Expansion Assyriens entgegen. Jesaja wendet sich hier und anderswo strikt gegen ein Bündnis mit Ägypten. Das Volk Judas solle sich nicht auf die Krieger, Streitwagen und Rosse Ägyptens verlassen, sondern auf ihren Bund mit Gott dem Herrn. Dieser werde das Volk für seine Abwendung von Gott strafen (V. 8-17), ihm aber auch wieder gnädig sein (V. 18-26). Um Assyrien will Gott sich selbst kümmern (V. 27-33).

Das Großreich ist Gottes Werkzeug bei der Bestrafung Israels und Judas, gerät am Ende aber selbst unter Gottes Gericht. Sanherib fällt schließlich in spektakulärer Weise dem Zorn Gottes anheim, sagt unser Vers. 

Haltet stille, und vertraut auf Gott, sagt Jesaja, versucht nicht, euch durch Machtspiele zu sichern. Nicht Angst wird euch retten, sondern Vertrauen auf Gott den Herrn.

Als ich den Spruch las und seinen Kontext verstand, regte sich Widerspruch in mir. In der Lage Hiskias hätte jeder vernünftige Herrscher Ausschau nach Bündnispartnern gehalten, und Ägypten war die logische Adresse. In der Zeitung lese ich, dass die Bundeswehr sich kurzfristig an einer Nuklearübung mit Frankreich beteiligen will. Und wer sich von China bedroht fühlt, wird das Einvernehmen mit den USA suchen. So geht Politik, damals wie heute. Und die Aussicht darauf, dass nach der Zerstörung Judas der Aggressor irgendwann bestraft würde, konnte für Hiskia nicht relevant sein. 

Man sollte aber Kapitel 30 nicht als Gutachten eines externen militärpolitischen Beraters lesen. Jesaja weist auf die tieferliegenden Ursachen des Konflikts hin. Das Volk hat sich von Gott dem Herrn abgewendet, dem Fels, auf dem es steht. In der Rückkehr zu Gott sollte die Priorität liegen, die Suche nach Bündnissen kann hierfür kein Ersatz sein.

Hat jemand Herzbeschwerden und erhält eine ungünstige Diagnose, so tut er gut daran, die verschriebenen Medikamente zu nehmen und die Einschränkungen zu akzeptieren, die seine Krankheit mit sich bringt. Aber langfristig ist es noch wichtiger, würde Jesaja sagen, nach den tieferliegenden Ursachen zu suchen. Wo hat er Raubbau getrieben an seinen Kräften? Was bedeutet gesundes Leben wirklich? Was will er tun mit diesem Leben, dessen Ende sich nun klarer zeigt? Worauf kommt es an? 

Für die kommende Woche wünsche ich uns allen einen ungetrübten Blick auf das Wesentliche. Gott sei mit uns,
Ulf von Kalckreuth 

Bibelvers der Woche 47/2025

Und wenn es kommt, dass ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.
Gen 9,14 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Over the rainbow

Eine der bekanntesten und strahlendsten Stellen in der ganzen Bibel. Die Sintflut ist vorbei, die Wasser laufen ab, Noah und seine Familie sind gerettet, gemeinsam mit einem minimalen Bestand an Pflanzen und Tieren, Grundstock für den Wiederaufbau der Biosphäre. 

Und Gott schwört, dass er die Grundlagen des Lebens auf der Erde nicht wieder antasten will. Unter keinen Umständen. Er könnte es tun, aber er beschränkt seine Macht selbst: 

Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Gen 9, 12-15

Das ist gute Nachricht. Wir können sie an zwei Bruchkanten betrachten. Da ist zum einen Gottes Macht, die Welt zu vernichten. Die Sintflutgeschichte hat lokale Vorbilder, aber eine große, weltumspannende Flut hat es in der Geschichte nicht gegeben. Planetare Katastrophen gab es jedoch mehrere. Solare Eruptionen, Supernovas in der stellaren Nachbarschaft, sich aufschaukelnde Bahnunregelmäßigkeiten im Sonnensystem oder der Einschlag eines Kometen können dem höheren Leben auf unserem Planeten ein abruptes Ende setzen. Langfristig gibt es diesbezüglich nicht einmal Unsicherheit. Das Ende unserer Welt ist physikalisch vorprogrammiert. Die Sonne verändert sich im Laufe der Jahrmillionen in einer Weise, die Leben auf der Erde unmöglich macht. 

Aber ‚for the time being‘, für den relevanten Zeithorizont, müssen wir uns keine Sorgen machen, sagt die Bibel. Gott wird die Welt erhalten! 

Aber wovor schützt uns Gott? Auch vor uns selbst? Was ist mit der anderen Bruchkante — unserem eigenen Verhalten? Wir verstehen die Vorgänge rund um die Dynamik des Klimawandels und der ökologischen Folgen wirtschaftlichen Handelns immer besser. Aber die Emissionen wachsen ungebremst weiter. Im Aggregat verhalten wir uns wie die Bakterien im Teich, die so lange von den organischen Schwebstoffen prächtig leben und sich vermehren, bis der Sauerstoffvorrat vollständig aufgebraucht ist. Ein deterministischer, mechanisch anmutender Vorgang. Am Ende steht ein umgekippter Teich. Alles ist tot, auch die Bakterien.

Was ist das für eine Mechanik? Jeder kennt die Wirkung der Klimagase, aber die Folgen treffen nur zu einem verschwindend kleinen Teil den Verursacher selbst. Im wesentlichen trifft es andere. Ökonomen bezeichnen das als Externalität. Warum auf etwas verzichten, das man haben könnte — die anderen tun es ja auch nicht! Die Kohlenstoffwirtschaft macht die Produktion billig und uns künstlich reich. Auf dieser Erkenntnis aufbauend kann man ethisch wohlbegründete Forderungen aufstellen. Aber was tun wir, wenn das Wachstum erlischt, die Reallöhne sinken müssten statt zu steigen, die Renten unbezahlbar werden, etablierte Parteien plötzlich mit neuen und radikalen Konkurrenten zu kämpfen haben? — na? Keine Frage. Und alle anderen machen es genauso.

Eine Höllenmaschine. Sie hat die unbarmherzige Kraft einer Naturgewalt — in uns selbst! Individuelle Rationalität ist irrational im Kollektiv. Denken Sie an die Bakterien im Teich. Wenn Gott uns davor schützen wollte, müsste er uns etwas von seinem Geist geben. Wir könnten uns dann als Teil eines Ganzen erleben, das größer ist und wichtiger als unser Ich. Ich weiß keinen Weg dahin, aber vielleicht kennt Gott ihn? 

Unser Vers enthält ein ungeheures Bild. Gott stellt den Regenbogen in die Welt, als Zeichen seines Versprechens und um sich selbst daran zu erinnern, dass er verzichten will auf Dinge, die er tun könnte und vielleicht auch tun wollte. 

Over the rainbow… Können wir solidarisch sein mit der Welt? Uns beschränken? Was ist unser Regenbogen? Lassen Sie uns in dieser Woche einen Blick darauf wagen, und vielleicht auch einen dahinter, mit Gottes Hilfe. Eine andere Hilfe sehe ich nicht.  
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 32/2025

…wie der Mond soll er ewiglich erhalten sein, und gleich wie der Zeuge in den Wolken gewiss sein.” (Sela.)
Ps 89,38

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Glaube und Zweifel und Glaube

Wie der Mond, der stets aufs neue wiederkehrt, und in seinen Formen so verlässlich sich wandelt, dass die Hebräer ihren Kalender darauf stützen können. So verlässlich wie dieser Mond, der treue Zeuge in den Wolken, ist die Treue des Herrn zu König David und seinen Nachfolgern. Mit den Worten unseres Verses endet der erste Teil von Psalm 89, ein anrührender Lobpreis der Treue Gottes zu seinem Volk und den von Gott eingesetzten Königen.  Das Wort „Sela“ beschließt den Abschnitt.

Dann, unmittelbar anschließend, kommt der große Bruch: „Aber nun hast du verstoßen und verworfen, und zürnst mit deinem Gesalbten“. In der Gegenwart des Betenden ist die Treue Gottes ganz und gar abwesend — und wenn Treue Konstanz über die Zeit impliziert, ist sie aufgehoben, hat im Grunde nie bestanden. Die Treue Gottes ist unverbrüchlich und ewig — und nun ist sie aufgehoben und nichtig? Das ist eine Antinomie, ein Widerspruch, und er wird im Psalm nicht aufgelöst. Beide Aussagen stehen nebeneinander, gleichermaßen gültig, als Klage.

Sonnenfinsternis über Jerusalemf

Der Mond verfinstert die Sonne. Die Situation, in welcher der Betende sich an Gott wendet, ist katastrophal, und die Aspekte der Katastrophe werden genannt. Vermutlich ist der Psalm im babylonischen Exil entstanden oder noch zuvor, im Zusammenbruch des judäischen Reichs. Der Psalm ist blankes Unverständnis, aber gleichzeitig Ausdruck eines Glaubens der besonderen Art. Das Vertrauen in das Heilsversprechen Gottes besteht weiter, obwohl die Erfahrung unüberhörbar eine andere Sprache spricht — auf der Waage des Psalms sind die beiden Teile im Gleichgewicht. 

Und dann kommt dieses lakonische, heroische, rührende Ende: „Gelobt sei der HERR ewiglich! Amen! Amen!“ Der Sänger lobt Gott im Angesicht dieses Widerspruchs, ohne zu verstehen, ohne weiterhin Verständnis zu verlangen. Da ist eine Dialektik: Glaube — Zweifel — Glaube einer übergeordneten und reinen Art, der sich löst von der Empirie und selbst Voraussetzung wird. Sehr hart an der Grenze zur Widersinnigkeit. So mögen es die Babylonier empfunden haben, als sie sahen, wie die unterworfenen Judäer an ihrem Gott festhielten. Und so hat die Verbindung mit JHWH den Zeitenbruch überstanden.

Ein Glaubensbekenntnis sehr eigener Art. Wie ist es entstanden — aus einem Guss? Ist der erste Teil vielleicht älter? Hat jemand seine Klage im Angesicht der Katastrophe daneben gestellt, hat dann er oder jemand drittes die beiden Teile mit dem alles duldenden Schlussvers zueinander gefügt?

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche, in Glaube und Zweifel und Glaube,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 14/2025

Allerlei habe ich gesehen in den Tagen meiner Eitelkeit. Da ist ein Gerechter, und geht unter mit seiner Gerechtigkeit; und ein Gottloser, der lange lebt in seiner Bosheit.
Pred 7,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Was erwarten wir? 

Kohelet, der Prediger, ist ein echter Querdenker. Er ist Empiriker, betrachtet alles genau. Er sieht, dass vieles nur in unserem Kopf existiert, das wir für wahr halten, und unsere Ziele, Absichten, Ideale keinen bleibenden Wert haben. Auch solche nicht, die wir als religiös bezeichnen. Für den Prediger gibt es die Unterscheidung zwischen weltlich und ausserweltlich ohnehin nicht. Die Dinge sind vorbestimmt, Gott lenkt wohl — aber er sagt uns nichts über seine Pläne, wir erkennen sie nicht und das Wirken und Weben der Welt bleibt uns verborgen. So werden unsere großen Ideen „eitel“, der Zeit verfallen, und am besten ist’s, man lebt einfach und im Frieden mit der Welt. 

Hier, in unserem Vers, spricht er eine der grundlegenden Wahrheiten an, die vor allem in den Psalmen betont wird. Wer im Bund mit Gott steht, „gerecht“ ist — „Gott liebt und fürchtet“, würde Luther sagen — den beschützt er, dem hilft er gegen seine Feinde, dem gibt er ein langes Leben. Den Gottlosen, Frevlern, Feinden hingegen steht ein schlimmes Schicksal bevor, sie enden in Verzweiflung. Nicht notwendigerweise in der kurzen Frist, so doch aber in der langen. Diesem Grundmuster sind wir im ‚Bibelvers der Woche‘ oft schon begegnet, vor allem in den Psalmen. Es ist dem „Tun-Ergehens-Zusammenhang“ vorgelagert, es beschreibt gewissermaßen das Wesen des Bundes.

Und der Prediger sagt uns hier, so sei es gar nicht, jedenfalls nicht zuverlässig, man beobachte oft genug das Gegenteil. Und er setzt fort:

Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt… (V 16-17a).

Auf Neudeutsch nennt man das 360° — wir sollen auf alles schauen und nichts außer acht lassen, die Gebote Gottes nicht, aber auch nicht die der Welt. Bibel für Anfänger ist das nicht, und ich frage mich gelegentlich, wie der Prediger/Kohelet dort hineingelangt ist. Hier ist ein Link zum BdW 37/2019 mit einer Betrachtung zum Ende von Kapitel 7, und da kann es einem die Schuhe ausziehen. 

Aber zurück zum Ausgangspunkt — was erwarte ich, was hoffe ich von Gott? Die Frage mag unziemlich erscheinen, aber die Bibel stellt sie oft genug, und hier liegt sie vor mir, in einem Vers, der kommentiert werden will. „Was er mir gibt, „, könnte die erwachsene Antwort lauten, „er wird’s wohl machen“. Es geht mir eigentlich wie dem Prediger, ich erwarte nicht, dass der Gottesfürchtige allen Lebenskrisen heil entrinnt, und auch nicht, dass denjenigen, der sich Gott nicht verschreibt, immer der Abgrund erwartet. Das entspräche meiner Lebenserfahrung nicht. 

Und doch weiss ich mich getragen. Gott war immer da, wenn ich zu ihm rief. In existenziellen Bedrohungen gab es stets einen Weg, auch in Bedrohungen, die ich erst im Nachhinein erkannte. So war es stets, eigentümlich genug, und seit einiger Zeit schon verlasse ich mich darauf. Auch das ist Lebenserfahrung, und ich finde sie in den Psalmen Davids wieder. Ich kann es eigentlich nicht erklären, es liegt sicherlich nicht an meiner Gottesfurcht, mit meiner „Gerechtigkeit“ ist es nicht weit her. Psalm 91,7 sagt, „Auch wenn tausende fallen zu deiner Seite, es wird dich nicht treffen“. Ja, tausende andere fallen, und es sind auch Gottesfürchtige darunter. Das ist ein Rätsel, und ich sehe die Lösung nicht. 

Irgendwann wird es auch mich treffen, werden mein Körper, mein Geist oder beides in seinen Funktionszusammenhängen auseinanderbrechen, werde ich „rufen“, wie es im Judentum heißt. Und ich hoffe, ich erwarte, ich glaube, dass Gott dann antwortet.

Dein Segen sei mit uns allen, Herr! 
Ulf von Kalckreuth

P.S. Noch ein Gedanke, noch einmal Luther. Die 62. der 95 Thesen, die er an das Tor der Schlosskirche in Wittenberg nagelte, lautet: Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes. Vielleicht geht es am Ende gar nicht so sehr um uns. Vielleicht geht es um etwas, das an und für sich unendlich kostbar ist!

Bibelvers der Woche 11/2025

Er aber redete noch weiter: Ja, wenn ich mit dir auch sterben müsste, wollte ich dich doch nicht verleugnen. Desgleichen sagten sie alle.
Mk 14,31

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Treue

Erhalte uns Deine Treue, Herr — wie auch wir sie erhalten wollen. Und vergib uns, wo wir untreu werden

So habe ich die Betrachtung zum Bibelvers der vergangenen Woche geendet. Der Vers dieser Woche ist wie ein Echo. Jesus hatte Petrus auf den Kopf hin gesagt, dass dieser ihn noch in derselben Nacht dreimal verleugnen werde. Und genau so geschieht es, Es ist die Nacht vor Jesu Foltertod am Kreuz — er weiß es, aber Petrus weiß es nicht. Er aber redete noch weiter…

Die Szene hat ein anrührendes Gegenstück am Ende des Johannesevangeliums, in Joh 21, 15-17. Der auferstandene Jesus begegnet Petrus in Tiberias, am See Genezareth, wo Petrus zuhause war. Jesus fragt ihn dreimal: Hast du mich lieb? Petrus bejaht dreimal, mit wachsender Verzweiflung, und Jesus antwortet immer „Weide meine Schafe“! 

Am lichten See Genezareth wird mit jedem Ja von Petrus ein Nein in der Todesnacht getilgt. 

So will ich’s wiederholen: Erhalte uns Deine Treue, Herr — wie auch wir sie erhalten wollen. Und vergib uns, wo wir untreu werden.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 10/2025

…und hießen die Stätte Bochim und opferten daselbst dem HErrn.
Ri 2,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Siehe, ich sende einen Engel vor dir her…

Heute morgen habe ich sehen können, wie der amerikanische Präsident Donald Trump im Oval Office vor laufenden Fernsehkameras seinen Verbündeten, den Präsidenten der Ukraine, heftig beschimpfte und der Undankbarkeit bezichtigte. Dann brach er den Pressetermin ab und warf wenig später Präsident Selenski aus dem Weißen Haus. 

Das war wie ein sehr unangenehmes Zerrbild der Szene, von der unser Vers berichtet.  

Am Anfang des Buchs Richter ist die Landnahme in Kanaan / Palästina nicht etwa abgeschlossen, sie ist zum Stillstand gekommen. Längst nicht alle Gebiete, die Gott den Israeliten versprochen hatte, konnten eingenommen werden., siehe hierzu den Bibelvers der Woche 03/2020. In der Wüste, während der langen Wanderung des Volks, hatte Gott Mose und Israel ein Beistandsversprechen gegeben: 

Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe. Hüte dich vor ihm und gehorche seiner Stimme und erbittere ihn nicht, denn er wird euer Übertreten nicht vergeben, weil mein Name in ihm ist. Wirst du aber auf seine Stimme hören und alles tun, was ich dir sage, so will ich deiner Feinde Feind und deiner Widersacher Widersacher sein. Ja, mein Engel wird vor dir hergehen und dich bringen zu den Amoritern, Hetitern, Perisitern, Kanaanitern, Hiwitern und Jebusitern, und ich will sie vertilgen. Du sollst ihre Götter nicht anbeten noch ihnen dienen noch tun, wie sie tun, sondern du sollst sie umreißen und ihre Steinmale zerbrechen. Aber dem HERRN, eurem Gott, sollt ihr dienen, so wird er dein Brot und dein Wasser segnen, und ich will alle Krankheit von dir wenden. (Ex 23,20-33) 

Hierzu gibt es den Bibelvers der Woche 06/2019. Es war kein unbedingtes Versprechen. Treue verlangt Gott und die Bereitschaft, sich von den Bewohnern des Landes und ihren Göttern, ihren Frauen, ihren Bräuchen und Gewohnheiten fernzuhalten. Nun tritt der Engel persönlich auf, als Vertreter Gottes, und nimmt das Versprechen feierlich zurück:

Ich habe euch aus Ägypten heraufgeführt und ins Land gebracht, das ich euren Vätern zu geben geschworen habe, und gesprochen, ich wollte meinen Bund mit euch nicht brechen ewiglich. Ihr aber solltet keinen Bund schließen mit den Bewohnern dieses Landes und ihre Altäre zerbrechen. Aber ihr habt meiner Stimme nicht gehorcht. Warum habt ihr das getan?

Das Volk reagiert mit Trauer, die Menschen weinen, und der Ort der Erscheinung wird ‚Bochim‘, genannt, ‚die Weinenden‘. Und in der Tat ist es eine unendlich traurige Szene. Sie ist eine Vergegenständlichung, eine Art vorangestellte Zusammenfassung, für den nachfolgenden Bericht darüber, wie die Israeliten in der Richterzeit den Bund mit ihrem Gott vergaßen.

Ein Bund verlangt Treue von beiden Seiten, das ist die Kernbotschaft des Deuteronomiums und der davon abhängigen Geschichtserzählung. Moderne Theologen sehen großen Grund zur Klage über das Deuteronomium und seine Darstellung der Wirklichkeit Gottes und der Menschen. Diese Kernbotschaft aber steht und trägt weiter. 

Erhalte uns Deine Treue, Herr — wie auch wir sie erhalten wollen. Und vergib uns, wo wir untreu werden.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 35/2024

Und also machten sie den Bund zu Beer-Seba. Da machten sich auf Abimelech und Phichol, sein Feldhauptmann, und zogen wieder in der Philister Land.
Gen 21,32

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Gaza und Be’er Sheva

Der Vers bezeichnet den Abschluß einer wichtigen Begebenheit in der „ersten“, der friedlichen Erzählung zur Einwanderung ins Gelobte Land. Diese Erzählung lautet kurz gefasst wie folgt: Abraham kommt als halbnomadisch lebender Viehzüchter von Norden aus Haran nach Kanaan. Er erwirbt Güter, Gefolgschaft und Einfluss. In hohem Alter wird er Vater zweier Söhne, die als Stammväter der Araber (Ismael) und der Israeliten (Isaak) gelten. Er schwört dem Philisterkönig Abimelech einen Lehenseid und erwirbt von dem Hethiter Efron ein Erbbegräbnis. Er ordnet er sich in die bestehenden Strukturen des Landes ein, bleibt dabei aber stets eigenständig. Am Ende ihres Lebens gehören seine Frau und er zu den Großen des Landes.  

Im Vers geht es um den Eid, den er dem Philisterkönig Abimelech schwört. Abraham wohnt zu dieser Zeit in der Halbwüste westlich des Toten Meers, an der Peripherie des Herrschaftsgebiets der Philister. Deren Städte liegen an der Küste. Abraham ist zu einer lokalen Macht herangewachsen, er ist in der Lage, kleinere Kriege zu führen (Gen 14). Das Verhältnis zur politischen Herrschaft ist ungeklärt. Abimelech, ein König der Hethiter, erscheint bei Abraham mit einer bewaffneten Streitmacht und fordert ihn auf, seine Treue zu bekunden — sehr freundlich, unter Lobesbekundungen. Ihm wäre es am liebsten, am unruhigen Rand seines Herrschaftsgebiets einen loyalen Vasallen zu haben. Abraham ist dazu grundsätzlich bereit, fordert aber seinerseits Garantien hinsichtlich der Wasserstellen, die er für sein Vieh braucht. Abimelech und Abraham schwören einander die Treue. Dies geschieht bei Beerscheba, einem Ort, der deshalb „Schwurbrunnen“ heißt. Abimelech gibt den Ort und die Wasserstellen Abraham als Lehen. Die Peripherie ist befriedet. Unser Vers erzählt, wie Abimelech und sein General in seine Stadt zurückkehren.

Be’er Sheva gibt es noch heute, es ist eine größere israelische Stadt am Rand der Negev. Der Name von Abimelechs Stadt wird nicht genant. Ist es Gaza, die nächstgelegene und größte der alten Philisterstädte?

Die Begebenheit habe ich früher bereits kommentiert, siehe den BdW 18/2022. Es ist spannend, heute wieder darauf zu schauen. Die Palästinenser leiten sich und den Namen ihres Volks von den Philistern ab. Die Israelis wiederum sehen sich als Nachkommen Abrahams und Isaaks. Vor zwei Jahren konnte ich hoffnungsvoll schreiben. Heute gibt es einen blutigen Krieg, der nicht aufhören will. In diesen Tagen sind die Vermittlungsbemühungen der USA, Ägyptens und Katars im Krieg um Gaza erneut gescheitert, vielleicht endgültig. Ein größerer Krieg steht nun vor der Tür. Was muss denn noch geschehen? In der frühen Eisenzeit fanden Abimelech und Abraham eine Lösung, die beiden Seiten nutzte. Mit Händen lässt sich greifen, dass dies auch heute möglich wäre.

Guter Wille ist wohl zu viel verlangt. So gebe der Herr, Gott Israels und der Völker, den Menschen wenigstens Einsicht und einen Blick fürs Wesentliche! Lasst uns darum beten.

Ulf von Kalckreuth