Bibelvers der Woche 15/2026

Simson trägt die Tore der Stadt Gaza auf seinen Schultern fort

Da ward den Gazitern gesagt: Simson ist hereingekommen. Und sie umgaben ihn und ließen auf ihn lauern die ganze Nacht in der Stadt Tor und waren die ganze Nacht still und sprachen: Harre; morgen, wenn’s licht wird, wollen wir ihn erwürgen.
Ri 16,2

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Mann Gottes

Superman ist unverwundbar. Beinahe. Metall, das von seinem untergegangenen Heimatplaneten Krypton stammt, kann ihn verletzten und töten. Aber solange niemand das weiss, macht es keinen Unterschied.

Der Superman der hebräischen Bibel heißt Simson. Seine Kräfte sind legendär. Er war „Mann Gottes“, so der Text. Ein Engel war seiner Mutter erschienen, die unfruchtbar war und keine Kinder bekommen konnte und er verkündete ihr, sie werde nun einen Sohn gebären. Sie dürfe keinen Alkohol trinken und nichts unreines essen. Ihr Sohn sei Gott geweiht von Geburt an. Nie dürfe er sich seine Haare schneiden. Ihr Sohn werde die ersten Schritte tun, das Volk Gottes von den Philistern zu befreien.

Mir fällt dabei der Prolog zur Geburtsgeschichte von Jesus und Johannes dem Täufer ein, BdW 50/2025

Das Volk Israel hatte sich in Kanaan ausgebreitet. Die reichen und gut befestigten Städte der Philister aber konnte es nicht einnehmen. Im Gegenteil, die Könige der fünf großen Philisterstädte an der Küste herrschten über große Teile des Landes. Das Wort „Palästina“ leitet sich von „Philistäa“ ab, dem Namen für das Herrschaftsgebiet der Philister. Simsons Auftrag also war es, das Volk gegen die Philister zu führen. Ein Auftrag, der in der Folge immer weitergegeben wird. 

Simson geht mit ihm auf sehr eigene Weise um. Er ist Choleriker, rachsüchtig und unkontrolliert. Immer wieder entgleiten ihm Situationen. Er eskaliert, bis nur noch seine Superkräfte ihn retten können. Frauen nimmt er sich, wie es ihm einfällt, als Ehefrauen, Huren, Geliebte, und lässt sie wieder fallen. Sein Wirken beginnt damit, dass er eine Philisterin heiratet und auf seiner Hochzeitsfeier alle gegen sich aufbringt. Die Hochzeit explodiert. In der nahegelegenen Stadt tötet Simson dann 30 Menschen und verschwindet. Der Brautvater muß seine Tochter dem Brautführer geben. 

Aber sonderbar: auch Jesu öffentliches Wirken beginnt mit Wundertaten auf einer Hochzeit.

Unser Vers ist Teil einer dieser Geschichten aus Gewalttaten und Superheldentum. Simson dringt in Gaza ein, eine der großen Städte der Philister. Er sieht eine Hure, folgt ihr ins Haus und legt sich zu ihr. Die Einwohner Gazas erkennen ihn und Wachen umstellen das Haus und bewachen das Tor. Am Morgen, wenn es hell wird, wollen sie ihn greifen. Simson ist aber im Haus der Hure nur bis Mitternacht beschäftigt. Dann geht er hinaus, ohne dass die Wachen ihn halten können, zum Stadttor. Es ist verschlossen. Da nimmt er die beiden Flügel des Tors samt den Pfosten, hebt sie aus ihrer Verankerung in der Erde, legt sie auf seine Schultern und trägt sie fort, auf die Hügel vor Hebron. Einfach so. 

Noch größer als seine Kraft ist die Hybris. Die Geschichte dreht sich. Simson hält sich für unverwundbar und erzählt einer Geliebten, was es auf sich hat mit seiner Kraft, dass sie in seinen Haaren liege, die er nie im Leben schneiden lässt. Die Handlung wird nun im Wortsinn tragisch. Die Philister kennen sein Geheimnis. Die Geliebte schert im Schlaf sein Haar, und er wird zum Sklaven, zum Narren der Philister, geblendet und gebunden. Auf einer großen Siegesfeier der Philister im Tempel soll er Späße machen. Seine Haare aber sind nachgewachsen.

Als er betet, gibt Gott ihm die Kraft, den Auftrag doch noch erfüllen, trotz allem, das vorgefallen ist. Blind wie er ist, tastet er die Säulen des Tempels, eine Säule mit der rechten Hand die andere mit der linken. Dann drückt er die beiden Säulen aus ihren Sockeln. Der Tempel der Philister stürzt ein und begräbt ihn zusammen mit den feiernden Philistern, vielen Tausenden. Im Tod ist er wieder Mann Gottes. 

„Die Geschichte hat keine Botschaft“, sagte ich meiner Frau, bevor ich begann, am Text zu arbeiten. Auf sonderbare Weise ist das falsch. Heute ist Karfreitag. Ich kann gar nicht anders, ich sehe noch einmal Parallelen mit Jesus. In ihm sahen viele den Messias, der das jüdische Volk vom Joch der Römer befreien würde, wie ein Superheld. Es ging in Wahrheit um eine Befreiung anderer Art. Wie Simson aber erfüllte Jesus seinen Auftrag im Tod. Und auch dies noch: Als er stirbt, zerreißt der Vorhang im Tempel.

Simson — geboren als Mann Gottes. Dann sein Leben, tiefer als er kann ein Mensch kaum fallen. Und Mann Gottes doch im Tode. 

Gott vergebe uns unsere Schuld. Er sei mit uns im Osterfest und in unserem ganzen Leben. 
Ulf von Kalckreuth

Anm: Das Beitragsbild ist ein Werk des französischen Illustrators Gustave Doré von 1866 und zeigt, wie Simson das Tor von Gaza in die Berge trägt. Das Bild ist frei verfügbar über Wikimedia Commons, hier der Link.

Bibelvers der Woche 11/2026

Schwere eisenzeitliche Tür, die das rote Glühen der Nacht draussen halten soll

Also schlug der HErr den Benjamin vor den Kindern Israel, dass die Kinder Israel auf den Tag verderbten fünfundzwanzigtausend und hundert Mann in Benjamin, die alle das Schwert führten.
Ri 20,35

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Die Tür

Es ist eine der dunkelsten Geschichten, die die Bibel zu bieten hat, und das will etwas heißen. Sie beginnt fast idyllisch und endet im Herzen der Finsternis. Ich tue es nicht gern, aber ich muß die Geschichte erzählen, bevor ich etwas dazu sagen kann. Sie spielt in der Zeit nach der Landnahme der Israeliten, bevor sich ein Königtum etablieren kann. Es gibt zwei Teile: der erste handelt von Individuen, der andere von großen Kollektiven. 

Die Menschen — Richter 19

Die Nebenfrau eines Leviten trennt sich im Streit von ihrem Mann und geht zurück zu ihrem Vater nach Bethlehem in Juda. Nach vier Monaten reist der Ehemann ihr nach, versöhnt sich mit ihr und der Vater bittet sie, noch einige Tage zu bleiben. Sie essen und sie trinken. Auf ihrer Reise zurück ins Gebirge Ephraim wollen die Eheleute in der Stadt Gibea übernachten. Das ist eine Stadt im Land Benjamin, dem kleinsten Stamm der Israeliten. 

Niemand will ihnen Obdach geben. Als sie daher im Freien auf dem Platz der Stadt kampieren wollen, nimmt ein alter Mann sie in sein Haus. Er kommt aus der gleichen Gegend wie die Reisenden und sagt, sie dürften nicht auf dem Patz übernachten. Als es ganz dunkel wird, umstellen Männer aus Gibea das Haus und verlangen von dem alten Mann, seinen Gast herauszugeben, damit sie ihn mißbrauchen können. Der alte Mann verweigert das und bietet der Meute seine eigene Tochter und die Nebenfrau des Leviten an. Den Männern reicht das nicht. Da packt der Levit seine Nebenfrau und liefert sie den Männern draussen aus. Dann schließt sich die Tür des Hauses.

Am Morgen öffnet sie sich wieder. Der Levit war aufgestanden und will weiterziehen. Er sieht seine Nebenfrau vor der Tür liegen. Sie lebt nicht mehr. Die Männer draußen hatten die Frau die ganze Nacht über vergewaltigt und erst gehen lassen, als der Tag anbrach. Sie schleppte sich zur Tür des alten Mannes und war dort liegen geblieben. Der Levit packt den Leichnam auf seinen Esel und zieht zurück in sein Haus im Gebirge Ephraim. Dort zerteilt er den Körper seiner Frau in zwölf Stücke. Er schickt sie an die Stämme in ganz Israel und verlangt ein Urteil.

Die Stämme — Richter 20

Und die Stämme versammeln sich. Das Urteil ist einhellig — Blutrache! Elf Stämme ziehen nach Gibea. Benjamin soll die Vergewaltiger herausgeben. Aber der Stamm verweigert das, und so wird die Stadt belagert. In Bethel fragen die Israeliten Gott, was zu tun sei. Der Herr spricht: Juda soll den ersten Angriff führen. Die Kämpfer von Juda attackieren die Stadt und werden nach einem Ausfall der belagerten Benjaminiter vernichtend geschlagen — 22.000 Gefallene. Gott verlangt einen weiteren Angriff, diesmal von allen Stämmen gemeinsam. Aber nach einem gewaltigen Ausbruch der Belagerten scheitert auch dieser Versuch. Noch einmal 18.000 Gefallene auf Seiten der verbündeten Israeliten. 

Beim dritten Mal wenden die Angreifer eine List an. Die Israeliten teilen sich in zwei Heerhaufen. Der erste wendet sich gut sichtbar gegen Gibea und greift an. Der zweite Haufen hält sich versteckt. Als die Kämpfer von Benjamin wiederum einen Ausfall machen, fliehen die Kämpfer der ersten Armee und die Verteidiger setzen nach. Da kommt der zweite Heerhaufen aus dem Hintergrund, fällt in die unverteidigte Stadt ein und setzt sie in Brand. Die Kämpfer aus Gibea ausserhalb der Stadt  sehen den Rauch und wenden sich erschrocken um. Aber jetzt geraten sie zwischen die beiden israelitischen Heerhaufen und werden zerrieben. 

Das ist unser Vers. Eine Katastrophe. Aus Benjamin fallen 25.100 Kämpfer, so steht es geschrieben, und die Gibea ist vernichtet. Mit den Opfern aus den ersten beiden Schlachten zählt man auf beiden Seiten mindestens 65.100 Gefallene. Es sind viel mehr: die Erzählung nennt für jede der Schlachten ausdrücklich nur die Gefallenen der unterlegenen Seite, und über die Einwohnerschaft der Stadt, darunter Frauen und Kinder, wird gar nicht erst gesprochen. 

Was soll das? Was haben uns diese vielen Toten zu sagen?

Die Bibel spricht hier mit sich selbst. Der erste Teil ist deutlich sichtbar und in Teilen fast wörtlich ein Re-enactment der Vorgeschichte zum Untergangs von Sodom, siehe Gen 19 und den BdW 25/2023. Des Herren Wertung ist bekannt: Gott selbst vernichtet Sodom. Auch der zweite Teil ist ein sprechendes Zitat: Die List der Israeliten hatte in exakt derselben Weise schon Josua bei der Eroberung von Ai in Kanaan gebraucht, siehe Jos 8, 15-17. Das Vorhaben der vereinten Israeliten gelingt erst, als sie den Krieg führen wie weiland bei der Einnahme des Heiligen Landes — als Bannkrieg, mit vollem Einsatz und ohne jede Rücksicht auf den Feind. So muß man vorgehen, wenn Volksgenossen das Gesetz des Herrn verletzen, sagt die Geschichte. Solche Menschen stellen sich ausserhalb des Bundes. Sie sind Gottes Feinde und werden so behandelt.

Beide Teile der Geschichte werfen viele Fragen auf. Was denken Sie über das Verhalten des alten Mannes? Und über das des Ehemanns? Er verhält sich seiner Nebenfrau gegenüber kaum besser als die Männer draussen vor der Tür. Und das Ende — am Ende ist der Konflikt gelöst und das Recht wieder hergestellt. Aber was denken Sie, hätte es einen weniger blutigen Weg dahin gegeben, mit des allmächtigen Gottes Hilfe? 

Diese letzte Frage ist ein Schlüssel für die Geschichte als Ganze. Im Buch Richter wird immer deutlicher, dass ein Königtum in Israel nötig ist — NOTwendig. Ein starker König hätte die Mittel, den Willen der Marodeure und ihres Stammes einfacher und mit geringeren Folgen zu brechen. Oder besser noch: der Übergriff wäre nie geschehen. Das war vielleicht der Traum desjenigen, der diese Geschichte aufgeschrieben hat. 

Ich habe in dieser Woche einen Bericht einer Missionarin aus Mexiko gelesen. Der Führer eines mächtigen Drogenkartells wurde getötet, und nun herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände in mehreren Landesteilen. Die Menschen dort würden vermutlich alles tun für einen starken und gerechten Staat. Auch solche Geschichten würden sie schreiben, wenn es etwas helfen könnte. Aber die Staatsgewalt ist schwach und korrupt und manchmal selbst kriminell. 

Deutsche neigen dazu, schlecht über ihre Heimat zu reden. Manchmal mit gutem Grund. Und manchmal zeigt es nur, wie wenig sie wissen von der Welt. 

Gott ist gut. Das äußert sich wesentlich auch darin, dass er uns hilft, das Gute zu tun, und nicht das Böse. Angesichts dieser furchtbaren Geschichte will ich das zuspitzen, auch mit Blick auf die Verse der letzten beiden Wochen: Gott ist so gut, wie wir es zulassen!

Vielleicht hilft das, Gibea zu verstehen — und Mexiko und Gaza, die Ukraine, den Iran und den Sudan.

Gottes Segen sei mit uns, in dieser Woche und immer,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 10/2025

…und hießen die Stätte Bochim und opferten daselbst dem HErrn.
Ri 2,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Siehe, ich sende einen Engel vor dir her…

Heute morgen habe ich sehen können, wie der amerikanische Präsident Donald Trump im Oval Office vor laufenden Fernsehkameras seinen Verbündeten, den Präsidenten der Ukraine, heftig beschimpfte und der Undankbarkeit bezichtigte. Dann brach er den Pressetermin ab und warf wenig später Präsident Selenski aus dem Weißen Haus. 

Das war wie ein sehr unangenehmes Zerrbild der Szene, von der unser Vers berichtet.  

Am Anfang des Buchs Richter ist die Landnahme in Kanaan / Palästina nicht etwa abgeschlossen, sie ist zum Stillstand gekommen. Längst nicht alle Gebiete, die Gott den Israeliten versprochen hatte, konnten eingenommen werden., siehe hierzu den Bibelvers der Woche 03/2020. In der Wüste, während der langen Wanderung des Volks, hatte Gott Mose und Israel ein Beistandsversprechen gegeben: 

Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe. Hüte dich vor ihm und gehorche seiner Stimme und erbittere ihn nicht, denn er wird euer Übertreten nicht vergeben, weil mein Name in ihm ist. Wirst du aber auf seine Stimme hören und alles tun, was ich dir sage, so will ich deiner Feinde Feind und deiner Widersacher Widersacher sein. Ja, mein Engel wird vor dir hergehen und dich bringen zu den Amoritern, Hetitern, Perisitern, Kanaanitern, Hiwitern und Jebusitern, und ich will sie vertilgen. Du sollst ihre Götter nicht anbeten noch ihnen dienen noch tun, wie sie tun, sondern du sollst sie umreißen und ihre Steinmale zerbrechen. Aber dem HERRN, eurem Gott, sollt ihr dienen, so wird er dein Brot und dein Wasser segnen, und ich will alle Krankheit von dir wenden. (Ex 23,20-33) 

Hierzu gibt es den Bibelvers der Woche 06/2019. Es war kein unbedingtes Versprechen. Treue verlangt Gott und die Bereitschaft, sich von den Bewohnern des Landes und ihren Göttern, ihren Frauen, ihren Bräuchen und Gewohnheiten fernzuhalten. Nun tritt der Engel persönlich auf, als Vertreter Gottes, und nimmt das Versprechen feierlich zurück:

Ich habe euch aus Ägypten heraufgeführt und ins Land gebracht, das ich euren Vätern zu geben geschworen habe, und gesprochen, ich wollte meinen Bund mit euch nicht brechen ewiglich. Ihr aber solltet keinen Bund schließen mit den Bewohnern dieses Landes und ihre Altäre zerbrechen. Aber ihr habt meiner Stimme nicht gehorcht. Warum habt ihr das getan?

Das Volk reagiert mit Trauer, die Menschen weinen, und der Ort der Erscheinung wird ‚Bochim‘, genannt, ‚die Weinenden‘. Und in der Tat ist es eine unendlich traurige Szene. Sie ist eine Vergegenständlichung, eine Art vorangestellte Zusammenfassung, für den nachfolgenden Bericht darüber, wie die Israeliten in der Richterzeit den Bund mit ihrem Gott vergaßen.

Ein Bund verlangt Treue von beiden Seiten, das ist die Kernbotschaft des Deuteronomiums und der davon abhängigen Geschichtserzählung. Moderne Theologen sehen großen Grund zur Klage über das Deuteronomium und seine Darstellung der Wirklichkeit Gottes und der Menschen. Diese Kernbotschaft aber steht und trägt weiter. 

Erhalte uns Deine Treue, Herr — wie auch wir sie erhalten wollen. Und vergib uns, wo wir untreu werden.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 49/2024

Und Juda zog hin mit seinem Bruder Simeon, und schlugen die Kanaaniter zu Zephath und verbannten sie und nannten die Stadt Horma.
Ri 1,17

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Gelobtes Land

In den ersten Abschnitten des Buchs Richter wird die Landnahme der Stämme Juda und Simeon beschrieben, und zwar nach dem Tod Josuas, also konkurrierend zu Jos 10. Die Kämpfer erobern das Hügelland und das Südland, den Negev. Auch Jerusalem wird genommen (1,8), bleibt aber offenbar den Judäern nicht — viel später wird es von David noch einmal erobert (2 Sam 5,6-10).

Unser Vers spricht von der Eroberung einer Stadt Zefat, die danach Horma genannt wurde. In diesem Namen steckt die hebräische Wurzel hrm, „den Bann vollstrecken“ — restlos töten und vernichten, zum Opfer weihen. So ist im Vers auch das Wort „verbannt“ gemeint. Unser Vers leitet den Namen der Stadt davon ab, dass bei ihrer Eroberung niemand am Leben blieb. Über die Vernichtungsweihe wurde in den BdW 06/2023, 07/2023 und 23/2023 gesprochen: Dtn 20 1-20 gebot den Stämmen, im Gelobten Land alle Einwohner der eroberten Städte zu töten. Im darauf folgenden Vers 1,18 wird berichtet, dass die Judäer drei weitere wichtige Städte einnehmen: Dazu eroberte Juda Gaza mit seinem Gebiet und Aschkelon mit seinem Gebiet und Ekron mit seinem Gebiet. Der Stadt Gaza waren wir vor kurzem im BdW 35/2024 begegnet —  zu Zeiten Abrahams konnte man Differenzen noch gütlich beilegen. 

Man darf von diesem Text keine historische Präzision verlangen. Er ist kein zusammenhängender Kriegsbericht, sondern eine Sammlung von Notizen, wohl aus unterschiedlichen Quellen. Wo die Stadt Horma gelegen hat, ist ungeklärt. Was es mit der berichteten Eroberung der drei Philisterstädte Gaza, Aschkelon und Ekron auf sich hat, ist auch nicht klar: in späteren Erzählungen sind diese Städte Hochburgen der Feinde im Rahmen bittererer kriegerischer Auseinandersetzungen. 

Anmerkung: Die Lutherbibel 1984 weicht deshalb vom hebräischen Text ab und fügt ein vermeintlich fehlendes „nicht“ in den Text ein. Die Lutherbibel 2017 hält sich, ebenso wie die Fassung von 1912, an den Wortlaut der hebräischen Urfassung. Ich habe daher oben ausnahmsweise auf die Übersetzung von 2017 verlinkt. 

Aber die historische Wahrheit ist vielleicht nicht die wichtigste. Die Erzählung von der Landnahme, unfassbar blutig und dabei gänzlich von Gott geführt, ist Dreh- und Angelpunkt des jüdischen und des christlichen Narrativs von der Verheissung Gottes. Die Idee vom „Gelobten Land“ hat viele Formen, aber hier ist die nackte Wurzel: Land, das anderen gehört. Sie müssen vertrieben, notfalls auch getötet werden, um es in Besitz zu nehmen. Man kann das sehr wörtlich nehmen. Die Nordamerikaner taten es in der Vergangenheit und die Deutschen auch, auf der Suche nach ihrem „Lebensraum im Osten“. Heute ist die Vorstellung in Teilen der israelischen Gesellschaft fest verankert. Und ein Ministerpräsident steht unter Anklage wegen Kriegsverbrechen. 

Ich bin traurig. Vor einigen Tagen sprach ich mit meiner Tochter darüber, ob und wie die in der Bibel erzählte Landnahme zum Heilsplan Gottes gehören kann. Ich sagte ihr, dass der archäologische Befund durchaus im Widerspruch zu den Erzählungen in den Büchern Josua und Richter steht. Es gibt keine Spuren großer Vernichtungswellen. Aber sie bestand darauf, dass die biblische Erzählung in allen Punkten wahr sei. Gott habe sich geändert. Er hat seinen Sohn für uns gegeben — die Sintflut, Sodom, Jericho und Horma sind Vergangenheit. Sein Heiliger Geist ist Gegenwart.

Gott hat sich geändert? Oder unser Blick auf ihn, den ewig gleichen? Welcher Blick gilt? Beide?

Sein Segen sei mit uns und führe uns in ein besseres Land, das wir errichten und niemandem wegnehmen. Mit seiner Kraft und seiner Hilfe. Ich wünsche uns allen einen gesegneten ersten Advent!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 51/2021

Gaal zog aus vor den Männern zu Sichem her und stritt mit Abimelech.
Ri 9,39 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Höllenmaschine

Wer war der erste König in Israel? David? Saul? Nein: er hieß Abimelech. Und er herrschte drei Jahre.

Es ist eine dunkle Geschichte. Gideon, auch Jerubbaal genannt, war als charismatischer Führer sehr erfolgreich. Das Königtum wurde ihm angetragen, doch er lehnte ab. Später jedoch herrschten Gideons siebzig (!) Söhne gemeinsam in der Nordregion, eine Art Oligarchie. Wenn nicht Ri 8,30 darauf bestünde, dass dies alles leibliche Söhne waren, könnte man annahmen, dass sich hier eine ganze Führungselite auf den legendären Gideon zurückführte.

Einer aber ist unzufrieden — Abimelech, der Sohn einer Nebenfrau Gideons. Er wiegelt die Einwohner der Stadt Sichem auf, ihn zum König zu machen, wenn er die siebzig aus dem Weg räumt. Sichem war der Ort eines Heiligtum und Zentrum des nördlichen Siedlungsgebiets der Israeliten. Da er aus der Stadt stammt, hat er Anhänger unter den Bürgern und sie stimmen zu. Abimelech schreitet zur Tat. In Ofra lässt er alle siebzig auf demselben Stein hinrichten — bis auf einen, der entrinnt, Jotam mit Namen, der jüngste der Söhne Gideons. 

Abimelech lässt sich zum König krönen. Jotam aber, sein Bruder, ruft den Bürgern von Sichem vom heiligen Berg Garizim aus mit lauter Stimme zu: erst die Fabel vom Dornbusch als dem König der Bäume (hier Wikipedia zur Jotamfabel) und dann einen Fluch:

Habt ihr nun heute recht und redlich gehandelt an Jerubbaal (Gideon, d.V.) und an seinem Hause, so seid fröhlich über Abimelech, und er sei fröhlich über euch. Wenn aber nicht, so gehe Feuer aus von Abimelech und verzehre die Herren von Sichem und die Bewohner des Millo, und gehe auch Feuer aus von den Herren von Sichem und von den Bewohnern des Millo und verzehre Abimelech.  (Ri 9,19f) 

Abimelech und die mörderischen Bürger von Sichem werden sich gegenseitig vernichten, sagt der Fluch. Nach drei Jahren der Herrschaft Abimelechs zieht mit Gaal eine weitere Führungsfigur in die Königsstadt. Gaal wiegelt die Bewohnder gegen Abimelech auf, und sie unterstützen ihn bei einem Feldzug gegen ihren ungeliebten König. Das ist unser Vers — der Bürgerkrieg beginnt. 

Abimelech schlägt seinen Widersacher mit Täuschung und überlegener militärischer Führung und drängt ihn fort. Die jetzt schutzlosen Bürger von Sichem lässt er töten, soweit sie nicht vorher schon in der Schlacht gefallen sind. Das ist nicht das Ende. Auch die Nachbarstadt Tebez hatte sich aufgelehnt. Abimelech erobert sie zurück und ist im Begriff, die in der Stadt gelegene Festung zu nehmen, als er von einem Mühlstein getroffen wird, der vom Dach der Burg auf ihn gekippt wird — von einer Frau. Abimelech befiehlt seinem Schwertträger, ihn zu töten, damit niemand sagen könne, dies wäre einer Frau gelungen. Der Schwertträger führt den Befehl aus. Damit endet das erste Königtum in Israel. Abimelechs Tod hat erstaunliche Parallelen zum Tod Sauls in 1. Sam 21. 

Ich kannte die Geschichte nicht. Als ich sie las, fiel mir Macbeth ein, das Drama von Shakespeare, mit dem ich vor vielen Jahren unvermittelt und unvorbereitet in der Schule konfrontiert wurde, und das ich nie vergessen habe. Wie Macbeth macht sich Abimelech zum König durch einen brutalen Mord und sieht sich mit einer Prophezeiung konfrontiert, die auf unerwartete Weise wahr wird und ihn zerstört. Und wie im Drama der Wald von Birnham auf Schloss Dunisane vorrückt, setzen sich im Buch Richter beim Sturm auf Sichem Bäume in Bewegung, die in Wahrheit Soldaten sind. Nichts ist, was es zu sein vorgibt, schließlich führt eine verzweifelte Frau in einer fast schon gefallenen Burg eine überschwere, tödliche Waffe. 

Was tun mit dieser Geschichte? Wo ist die frohe Botschaft? Ein Happy End, einen strahlenden Sieger gibt es nicht. Alle Schauplätze der Handlung verwandeln sich in Leichenfelder. Man kann immerhin annehmen, dass Jotam überlebt hat, und wohl auch die namenlose Frau: „Als aber die Israeliten sahen, dass Abimelech tot war, ging ein jeder heim“, heisst es in Ri 9,55. Wäre dies ein Film, könnte man die beiden Überlebenden einander finden lassen…

Die Musik in den Erzählungen des Buchs Richter hat andere, dunklere Leitmotive und Rythmen als der biblische „Mainstream“, das konnten wir bei den BdWs zu Jeftah und Gideon/Jerubaal sehen. Aber auch hier können wir über Gott und Menschen lernen. Ich denke, Macbeth ist ein Schlüssel. Das Böse kreist um sich selbst und geht schließlich unter, einer geheimen Dramaturgie folgend. Die Gewalt, die von Abimelech und den Bürgern von Sichem ausgeht, ist wie eine dunkle Energie. Mit dem Massaker an der alten Führungsschicht hat sie sich nicht entladen, sie besteht fort und richtet sich gegen die Parteien selbst. Einmal angestoßen — durch unseren Vers — spult die Geschichte sich ab wie eine Höllenmaschine, mit großer Präzision. Kein Wort ist überflüssig. 

Vielleicht ist dies die „frohe“ Botschaft dieser uralten Geschichte: dem Bösen wohnt eine Dynamik inne, die sich ihr Ende selbst bereitet. Auch darauf kann man hoffen. Diese Perspektive kommt ganz ohne die Figur eines starken Retters aus. Und sie ist realistisch, wenn man an das Ende der DDR und anderer Gewaltherrschaften denkt.

Nur in der Dunkelheit kann ein Licht hell strahlen! Ich wünsche uns allen eine gesegnete Adventszeit.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 22/2021

…was zu meiner Haustür heraus mir entgegengeht, wenn ich mit Frieden wiederkomme von den Kindern Ammon, das soll des HErrn sein, und ich will’s zum Brandopfer opfern.
Ri 11,31

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Abgründe und Trauer

Unser Vers ist der zweite Teil eines Gelübdes, er sagt, was geschehen soll, wenn die im ersten Teil genannte Bedingung eintritt. Jeftah (oder Jiftach) ist regionaler Führer und will den Widerstand gegen einen Einfall der Ammoniter in die Landschaft Gilead in Gad organisieren. Er ist Sohn des Fürsten von Gilead, gezeugt allerdings mit einer Hure und daher von der Familie verstoßen. In der Verbannung lebt er als Freibeuter, ähnlich wie David nach seiner Flucht vor Saul.

In der Not nun rufen ihn die Ältesten von Gilead und bieten ihm Herrschaft an: militärische Herrschaft jetzt und politische Herrschaft später. Jeftah hat wenig zu verlieren, aber viel zu gewinnen. Vor den Schlachten wendet er sich an den Herrn, hier ist das ganze Gelübde im Zusammenhang (in der Übersetzung von 2017): 

Und Jeftah gelobte dem Herrn ein Gelübde und sprach: Gibst du die Ammoniter in meine Hand, so soll, was mir aus meiner Haustür entgegengeht, wenn ich von den Ammonitern heil zurückkomme, dem Herrn gehören, und ich will’s als Brandopfer darbringen. (Ri 11, 30+31)

Er gewinnt die Schlachten und demütigt die Ammoniter, er kehrt siegreich heim. Und es kommt ihm seine Tochter entgegen, sein einziges Kind, eine junge Frau in heiratsfähigem Alter, tanzend, mit der Handpauke, dem Musikinstrument der jungen Mädchen!

Jeftah muß mit einem solchen Ausgang gerechnet haben — der hebräische Text wäre besser mit „wer mir entgegenkommt“ übersetzt. Sonderbar genug aber macht er seiner Tochter Vorwürfe. Sie weist seine Klage zurück und erinnert ihn, dass er es war, der das Gelübde getan hatte. Sie akzeptiert ihr Schicksal, bittet aber, zwei Monate lang in die Berge gehen zu können, um mit ihren Freundinnen zu trauern. Danach könne das Opfer gebracht werden. Und so geschah es.  Wenn ich richtig lese, starb sie von des Vaters eigener Hand.

Der Vers und die Geschichte treffen auf eine Tiefenschicht unseres kollektiven Unterbewusstseins. Ganz ähnliche Begebenheiten werden aus sehr unterschiedlichen Quellen berichtet. Das singende springende Löweneckerchen ist ein Märchen der Gebrüder Grimm, und Idomeneus eine griechische Sagengestalt. 

Ein Führer im vorstaatlichen Israel, ein Richter, opfert dem Herrn sein Kind. Es gibt in der Bibel einige Parallelen. In 2. Kö 3 ist es ein moabitischer König, der in höchster Not seinem Gott Kemosch den ersten Sohn opfert, um die Israeliten zurückzuschlagen — gleichfalls mit Erfolg. Ahas und Manasse, Könige von Juda, opfern ihre Söhne fremden Göttern. Auf Gottes Geheiß soll Abraham seinen Sohn opfern und er ist bereit dazu, nur Gottes Eingreifen rettet Isaak. In Sam 21 liefert David sieben Söhne Sauls den Gibeonitern aus, einem nichtisraelitischen Sassenvolk, damit diese ihre Feinde Gott zum Opfer bringen können. Und die Schilderung des furchtbaren Feldzugs der Israeliten gegen die Midianiter in Num 31 ist an einer wichtigen Stelle ambivalent, siehe den BdW 19/2019.

Menschenopfer sind in der hebräischen Bibel streng untersagt, und sie werden als Greueltaten dargestellt. Es ist jedoch möglich, dass dies nicht immer so gesehen wurde. Im kulturellen Umfeld Israels waren Menschenopfer etwas Natürliches: Opfer ist Kommunikation mit der Gottheit und die höchste Opfergabe war ein Mensch. Wie Baal erhebt der Gott der Israeliten an vielen Stellen des Tanach Anspruch auf den erstgeborenen Sohn, anders als für Baal muss dieser Anspruch allerdings durch ein Tieropfer ausgelöst werden. 

Es fällt mir nicht leicht, darüber zu schreiben, und ich kann für mich nicht klären, ob und mit welcher Regelmäßigkeit in frühester Zeit auch Menschen für Gott geopfert wurden — ganz sicher aber spielten menschliche Opfer eine Rolle in den vielfältigen Vorstellungen, aus denen sich erst die jüdische und dann die christliche Religion herausbildete. Ohne diese uralten Muster im spirituellen Genom könnten Christen nicht in einem Opfer die höchste Erlösungstat erkennen, dem Tod eines eingeborenen Sohns.

Wenn man nun die Geschichte von Jeftah und seiner Tochter noch einmal liest, mag man diese vielgestalte Vorstellungswelt erfühlen, und dann verschwimmen plötzlich die Grenzen zwischen „unserem“ Gott, dem Gott der Israeliten, und den anderen Göttern dieser Zeit. Und da ist sie, die schöne Tochter Jeftahs, wir kennen ihren Namen nicht, wie sie ihrem Vater lachend mit der Handpauke entgegentanzt und sich damit um ihr junges Leben bringt. Ich kann sehen, wie sie mit ihren Freundinnen in die kargen Berge Gileads zieht, um Abschied zu nehmen vom Leben — unendlich kostbar, mit dunklen Augen und schmalem Gesicht unter der Sonne Palästinas, auf einem Esel, angetan mit dem Goldschmuck ihres Vaters und begleitet von seinen bewaffneten Knechten, sie zu schützen und zu bewachen.

Am Ende des biblischen Berichts ist die Rede von alljährlichen Trauertagen für die namenlose Tochter Jeftahs, ausgerichtet von den jungen Mädchen Israels. Ja, manchmal ist es gut zu trauern. Gerade auch über das, was auf dem Weg liegt, der dorthin führt, wo wir stehen. Jetzt und hier.  

Der Herr behüte diesen Weg,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 03/2020

Safed, Nordgaliläa

Und Manasse vertrieb nicht Beth-Sean mit den zugehörigen Orten noch Thaanach mit den zugehörigen Orten noch die Einwohner zu Dor mit den zugehörigen Orten noch die Einwohner zu Jibleam mit den zugehörigen Orten noch die Einwohner zu Megiddo mit den zugehörigen Orten; und die Kanaaniter blieben wohnen im Land.
Ri 1,27

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Identität

Aus der Wüste fallen Siedler in Palästina ein. Zwölf Stämme, sie sprechen Hebräisch. Es eint sie dies und der gemeinsame Glaube an einen Gott, der ihr Volk erwählt hat und ihnen dies Land zum Erbe bestimmt hat. Das Land soll gereinigt werden von seinen Bewohnern, die dort Städte gebaut und Landwirtschaft betrieben haben, seit mehreren tausend Jahren schon. Im Gelobten Land soll niemand wohnen als das Gottes Volk.

Aber so entwickeln sich die Dinge nicht. Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte nach dem Beginn der Landnahme gibt es weiterhin Siedlungstaschen, Ortschaften und befestigte Städte der älteren Einwohnerschaft, manche davon mächtig und übermächtig, wie die Philisterstädte am Meer. Die Eroberer sind unter sich vor allem in den unzugänglichen Gebirgszügen. Woanders leben sie Seite an Seite mit den Kanaanitern, manchmal freiwillig und im friedlichen Austausch, andernorts kriegerisch oder in stabilen Machtverhältnissen, als Tributpflichtige oder als Tributempfänger. 

Das ist die Lage nach den Eroberungsfeldzügen Josuas vor rund 3000 Jahren, wie die Bibel sie beschreibt. Der gezogene Vers ist eine Anklage: der Stamm Manasse erfüllt seinen Auftrag nicht! Wie andere Stämme auch. Im nächsten Abschnitt tritt der Engel Gottes auf und beklagt den Ungehorsam der Israeliten. Sie werden den unbedingten Schutz des Herrn verlieren.

Dahinter steht ein Alptraum, der sich wie ein roter Faden durch viele Teile des Alten Testaments zieht, vor allem die Bücher Deuteronomium, Josua, Richter und Könige: Die Israeliten vermischen sich mit den Völkern, verlieren ihre Reinheit, nehmen die Gewohnheiten der Kanaaniter an, heiraten ihre Frauen und verehren schließlich ihre Götter. Sie gehen verloren. Die Bücher durchzieht ein Schrecken vor der Durchmischung, dem Verlust der Identität.

Ich schicke diesen Vers aus Israel. Er passt gut, erschreckend gut, auf Palästina hier und jetzt. Und wirklich wird die Bibel mit Versen und Abschnitten wie diesen von ultraorthodoxen Juden als Vorlage für eine unnachgiebige Siedlungspolitik genutzt. Religionsgeschichtlich ist diese Lesart nicht „falsch“, soviel Realismus ist nötig im Umgang mit der Bibel. 

Eine andere Lesart gibt es auch. Wir alle haben ein Land zum Lehen erhalten — unser Leben. Wir können fragen, welche Siedlungstaschen unsere Reinheit vor Gott heute gefährden, unsere Identität. Wer sind uns Beth-Sean, Thaanach, Dor, Jibleam, Megiddo? Sind es Fremde und ihre Kultur? Oder eher unsere eigenen Gewohnheiten und Wege? Fernsehen, Faulheit, Achtlosigkeit? Alkohol und die neue elektronische Kultur, welche die Begrenzungen des Raums aufhebt und unsere Zeit in sich aufsaugt? 

Ich wünsche uns in dieser Woche Standhaftigkeit, Neugier und Vertrauen in Gottes große Kraft zum Guten, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 33/2018

Joas aber sprach zu allen, die bei ihm standen: Wollt ihr um Baal hadern? Wollt ihr ihm helfen? Wer um ihn hadert, der soll dieses Morgens sterben. Ist er Gott, so rechte er um sich selbst, dass sein Altar zerbrochen ist.
Ri 6,31

Was ist Wahrheit?

Hier ist der Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. Der folgende Vers 32 gehört untrennbar dazu, daher sei er hier angefügt: 

Von dem Tag an nannte man Gideon Jerubbaal, das heißt „Baal streite mit ihm“, weil er seinen Altar niedergerissen hat.

Wenn man lange genug auf einen Vers blickt, geraten manchmal Kategorien ins Wanken. Das Richterbuch erzählt von einer Zeit großer Unbestimmtheit. Das Gelobte Land ist erobert — oder vielleicht doch nicht? Liest man die ersten Seiten des Richterbuchs, so hat es eher den Anschein, als bewohnten die Israeliten in Kanaan einzelne Geländetaschen, und sind ihren jeweiligen Nachbarn mal überlegen, mal unterlegen, mal im Frieden. Das „Volk“ Israels besteht aus zwölf Stämmen, die kaum kooperieren, manchmal sogar Krieg gegeneinander führen und außer ihrem Gott wenig gemein haben. Und oft noch nicht einmal diesen: die Kulte der Kanaaniter um Ba’al und Astarte sind allgegenwärtig und sehr attraktiv für die Stämme. Und warum auch nicht? Die Idee von Gott, seine „Person“, unterscheidet sich noch nicht sehr von der anderer Götter in Kanaan. Aber auch in dieser frühen Zeit ist bereits das Bilderverbot ein hartes Unterscheidungsmerkmal.

Der Abschnitt, in dem der Vers steht, handelt von Gideon, dem Sohn des Joas. Für ihn gibt es in zwei Erzählkreisen zwei Namen. Als junger Mann zerschlägt er die Altare Baals, die seinem Vater gehören, und zerhackt die Statue der Astarte. Er nimmt das Holz der Statue, um dem Gott Israels ein Opfer zu bringen. In diesem Erzählkreis heißt er Gideon, der gezogene Vers steht an seinem Ende. In der folgenden Erzählung schlägt er vernichtend die Midianiter, welche die Israeliten hart bedrücken. Hier heißt er an mehreren Stellen „Jerubbaal“. Der Name lässt aufhorchen. Er bedeutet „Baal streitet“. Es ist ein „theophorischer“ Name, wie Jisra’el (Gott kämpft) und Jisma‘el (Gott hört). Im zweiten Teil dieser Namen steht „El“, eines der Namen Gottes, der erste Teil ist das Imperfekt eines Verbs in der 3. Person Sg. Ähnlich gebildet ist auch Johannes („Gott ist gnädig“), wobei dort die Kurzform „Ja“ des Gottesnamens in der ersten Silbe steht. 

Der Name „Jerubbaal“ bezieht sich deutlich hörbar nicht auf den Gott Israels, sondern auf Baal! Der Kämpfer gegen Baal trägt also einen Namen, der ihn unter den Schutz Baals stellt. Die Verse 31 und 32 adressieren dieses Problem und machen zwei Festlegungen. Zum einen wird der Name politisch korrekt gedeutet — Jerubbaal heißt nicht einfach „Baal streitet“, sondern der Name bedeutet „Baal soll nur streiten (wenn er kann)“. Grammatisch ist das denkbar, das hebräische Imperfekt gibt das her, und mit dieser Interpretation wäre es ein Spottname auf Baal — allerdings einer mit einem enormen Potential für Missverständnisse. Weiterhin stellen die beiden Verse fest, dass Gideon den Namen Jerubbaal als Zweitnamen erhält, wie Jakob den Namen Jisra‘el. Die mit diesen beiden Namen bezeichneten Personen sind also in Wahrheit eine einzige.

Und wenn die Verse nicht im Buch stünden? Dann gäbe es einerseits Jerubbaal, einen genialen und furchtlosen, dem Baal zugewandten israelitischen Heerführer, der die Midianiter vernichtend schlägt und dessen Sippe ins Unglück gerät, weil er Gold aus der Beute einschmelzen lässt, um ein Standbild zu erstellen und zu verehren — sowie andererseits Gideon, einen zornigen jungen Anhänger des Gottes Israels, der sich im Kampf gegen den Baalskult gegen den eigenen Vater wendet, von diesem schließlich aber vor der aufgebrachten Menge gerettet werden muss. 

Sehr unbestimmte Zeiten waren das! 

Für diese Woche wünsche ich uns Klarheit in den Kategorien. Wir selbst müssen sie schaffen, die Welt schenkt sie uns nicht…
Ulf von Kalckreuth