Liebe Leserinnen und Leser,
Robert Eccles hat gerade meinen Beitrag Carbon, Coordination and Religion in seinem Blog zu Nachhaltigkeitsfragen veröffentlicht. Hier, auf den Seiten zum Bibelvers der Woche, habe ich eine deutsche Fassung eingestellt.
Darin vertrete ich die These, dass der Klimawandel im Grunde ein Problem gemeinschaftlichen Handelns ist. Fast alles, was wir an Treibhausgasen ausstoßen, betrifft nicht uns selbst, sondern Menschen überall auf der Welt. Zugleich gibt es auf globaler Ebene keine Instanz, die wirksam überwachen und durchsetzen könnte, was zum Schutz des Klimas notwendig wäre. Mit den herkömmlichen Mitteln von Wirtschaft und Politik scheint die erforderliche weltweite Zusammenarbeit daher kaum erreichbar.
Aber die Menschheit verfügt seit Jahrtausenden über eine alte und mächtige „Technologie“ gemeinschaftlichen Handelns, mit deren Hilfe sie immer wieder Probleme bewältigt hat, die sonst kaum lösbar erschienen: Religion.
Religion kann unmittelbar beeinflussen, was Menschen wichtig ist und wie sie die Welt wahrnehmen – beim Einzelnen ebenso wie in Gruppen und ganzen Gesellschaften. Sie verbindet ethische Überzeugungen mit dem persönlichen Handeln. Sie berührt unsere tiefsten Gefühle und unsere Vorstellung davon, was ein gutes Leben ausmacht. Und sie hilft uns, zwischen dem zu unterscheiden, was wir für richtig und falsch, gut und böse halten. Die Religionen, die ich kenne, haben dabei eine starke soziale Orientierung und kennen die Verantwortung für die Bewahrung der Welt, in der wir leben.
Ich selbst bin Ökonom und gläubiger Christ, und in meinem Beitrag versuche ich, beide Perspektiven miteinander zu verbinden. Zunächst untersuche ich aus wissenschaftlicher Sicht, welche Rolle Religion bei der Lösung eines globalen Koordinationsproblems wie dem Klimawandel spielen kann – zunächst ohne Bezug auf einen bestimmten Glauben. Anschließend frage ich aus christlicher Perspektive, was daraus folgt. Dabei möchte ich zeigen, dass der Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung und die Verantwortung für die gesamte Menschheit nicht etwas sind, das dem christlichen Glauben nachträglich hinzugefügt werden müsste. Beides ergibt sich unmittelbar aus seinem Kern.
Aus der zuvor entwickelten wissenschaftlichen Perspektive ist das Christentum damit zugleich ein konkretes Beispiel, ein proof of concept: Es zeigt, dass religiöser Glaube und der Schutz des Klimas tatsächlich sehr eng miteinander verbunden sein können.
Natürlich kann es dabei nicht beim Christentum bleiben. Auch andere Religionen müssen angesprochen und einbezogen werden. Ich bin zuversichtlich, dass dies möglich ist. Vielversprechende erste Schritte sind bereits getan.
Für mich selbst ist dies eine überraschend hoffnungsvolle Botschaft. Religion ist angesichts der Klimakrise nicht ein Überbleibsel aus einer vergangenen Welt. Vielleicht besitzt sie gerade hier eine Fähigkeit, die unsere modernen Institutionen dringend benötigen – Menschen über Grenzen hinweg zu gemeinsamem Handeln zu bewegen.
Viele Gedanken in diesem Beitrag sind in Gesprächen entstanden. Ich bin sehr dankbar für die Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen bei der Bundesbank, darunter Sandra Eickmeier und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer Seminare zu Wirtschaft und Bewusstsein, sowie auch für die Gespräche in meiner Gemeinde, wo ich eine Predigt zu dem Thema halten konnte. Besonders aber danke ich Robert Eccles: Sein Angebot und seine Anregungen haben mich geradezu gezwungen, die Gedanken so weit auszuarbeiten, dass sie nun geteilt, diskutiert und weitergetragen werden können.
Hier geht es zum Blogbeitrag — englischsprachiges Original und deutsche Fassung. Ich freue mich über Kommentare und Widerspruch.
Ulf von Kalckreuth

