Extrablatt: Religion, Koordination und Klimawandel

Liebe Leserinnen und Leser,

Robert Eccles hat gerade meinen Beitrag Carbon, Coordination and Religion in seinem Blog zu Nachhaltigkeitsfragen veröffentlicht. Hier, auf den Seiten zum Bibelvers der Woche, habe ich nun eine deutsche Fassung eingestellt.

Darin vertrete ich die These, dass der Klimawandel im Grunde ein Problem gemeinschaftlichen Handelns ist. Fast alles, was wir an Treibhausgasen ausstoßen, betrifft nicht uns selbst, sondern Menschen überall auf der Welt. Zugleich gibt es auf globaler Ebene keine Instanz, die wirksam überwachen und durchsetzen könnte, was zum Schutz des Klimas notwendig wäre. Mit den herkömmlichen Mitteln von Wirtschaft und Politik scheint die erforderliche weltweite Zusammenarbeit daher kaum erreichbar.

Aber die Menschheit verfügt seit Jahrtausenden über eine alte und mächtige „Technologie“ gemeinschaftlichen Handelns, mit deren Hilfe sie immer wieder Probleme bewältigt hat, die sonst kaum lösbar erschienen: Religion.

Religion kann unmittelbar beeinflussen, was Menschen wichtig ist und wie sie die Welt wahrnehmen – beim Einzelnen ebenso wie in Gruppen und ganzen Gesellschaften. Sie verbindet ethische Überzeugungen mit dem persönlichen Handeln. Sie berührt unsere tiefsten Gefühle und unsere Vorstellung davon, was ein gutes Leben ausmacht. Und sie hilft uns, zwischen dem zu unterscheiden, was wir für richtig und falsch, gut und böse halten. Die Religionen, die ich kenne, haben dabei eine starke soziale Orientierung und kennen die Verantwortung für die Bewahrung der Welt, in der wir leben.

Ich selbst bin Ökonom und gläubiger Christ, und in meinem Beitrag versuche ich, beide Perspektiven miteinander zu verbinden. Zunächst untersuche ich aus wissenschaftlicher Sicht, welche Rolle Religion bei der Lösung eines globalen Koordinationsproblems wie dem Klimawandel spielen kann – zunächst ohne Bezug auf einen bestimmten Glauben. Anschließend frage ich aus christlicher Perspektive, was daraus folgt. Dabei möchte ich zeigen, dass der Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung und die Verantwortung für die gesamte Menschheit nicht etwas sind, das dem christlichen Glauben nachträglich hinzugefügt werden müsste. Beides ergibt sich unmittelbar aus seinem Kern.

Aus der zuvor entwickelten wissenschaftlichen Perspektive ist das Christentum damit zugleich ein konkretes Beispiel, ein proof of concept: Es zeigt, dass religiöser Glaube und der Schutz des Klimas tatsächlich sehr eng miteinander verbunden sein können.

Natürlich kann es dabei nicht beim Christentum bleiben. Auch andere Religionen müssen angesprochen und einbezogen werden. Ich bin zuversichtlich, dass dies möglich ist. Vielversprechende erste Schritte sind bereits getan.

Für mich selbst ist dies eine überraschend hoffnungsvolle Botschaft. Religion ist angesichts der Klimakrise nicht ein Überbleibsel aus einer vergangenen Welt. Vielleicht besitzt sie gerade hier eine Fähigkeit, die unsere modernen Institutionen dringend benötigen – Menschen über Grenzen hinweg zu gemeinsamem Handeln zu bewegen.

Viele Gedanken in diesem Beitrag sind in Gesprächen entstanden. Ich bin sehr dankbar für die Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen bei der Bundesbank, darunter Sandra Eickmeier und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer Seminare zu Wirtschaft und Bewusstsein, sowie auch für die Gespräche in meiner Gemeinde, wo ich eine Predigt zu dem Thema halten konnte. Besonders aber danke ich Robert Eccles: Sein Angebot und seine Anregungen haben mich geradezu gezwungen, die Gedanken so weit auszuarbeiten, dass sie nun geteilt, diskutiert und weitergetragen werden können.

Hier geht es zum Blogbeitrag — englischsprachiges Original und deutsche Fassung. Ich freue mich über Kommentare und Widerspruch.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 33/2026

Abraham aber betete zu Gott; da heilte Gott Abimelech und sein Weib und seine Mägde, dass sie Kinder gebaren.
Gen 20,17

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Amazing Grace

Es ist eine unglaubliche Geschichte. Und weil sie so unglaublich ist, wird sie dreimal berichtet. In Gen 20, aus dem unser Vers stammt, wird sie so erzählt: Abraham und Sara wandern in das Gebiet der Philister, zu Königs Abimelech in Gerar, zwischen Gaza und Be’er Scheva. Abraham hat Angst vor Konflikten, daher gibt er Sara als seine Schwester aus und verschweigt, dass sie verheiratet sind. Abimelech interessiert sich für sie und lässt sie holen, um sie in seinen Harem zu nehmen. 

Gerade noch rechtzeitig zeigt sich ihm der Herr im Traum, sagt ihm, dass Sara eines anderen Mannes Frau ist und dass es Todsünde wäre, sie zu sich zu nehmen. Abimelech ist sehr erschrocken. Er stellt Abraham zur Rede und fragt ihn, was er denn getan habe, dass Abraham eine derartige Sünde über ihn bringen wolle. 

Abimelech verzichtet auf die geplante Hochzeit, gibt Abraham seine Frau wieder und überhäuft ihn mit Geschenken — „Schafe und Rinder, Knechte und Mägde“. Er erlaubt ihm sogar, in seinem Land zu siedeln. Abraham betet für ihn, und Abimelechs Frauen und Mägde können wieder gebären. Das ist der gezogene Vers – „denn der HERR hatte zuvor hart verschlossen jeden Mutterschoß im Hause Abimelechs um Sarah, Abrahams Frau, willen.“

Die kollektive Unfruchtbarkeit im Hause Abimelechs lässt vermuten, dass Sara schon eine ganze Weile in seinem Harem gelebt haben könnte. Das wird deutlicher in der älteren Version der Geschichte. In Gen 12 wird erzählt, wie Abraham und Sara wegen einer Hungersnot nach Ägypten fliehen. Sie verschweigen ihre Ehe und der Pharao nimmt Sara in seinen Harem. Abraham bekommt viele Geschenke, und zwar vor der Aufklärung des Irrtums. Es ist also ein Brautpreis! 

Auch hier treffen Plagen das Haus des Pharao, auch hier greift der Herr ein. Der Pharao ist erzürnt und lässt die beiden von seinen Leuten außer Landes bringen.

In Gen 26 schließlich wird die Geschichte in abgemilderter Form ein drittes Mal erzählt. Das Ehepaar ist hier Isaak und Rebekka. Sie sind bei König Abimelech in Gerar zu Gast und verschweigen ihre Ehe, aber dieser bemerkt den Betrug selbst, noch bevor Schlimmeres geschieht. 

Man darf annehmen, dass es sich eigentlich um eine einzige Geschichte handelt, die auf unterschiedlichen Wegen in die Genesis-Erzählung gelangt ist. Sonst müsste man glauben, dass Abraham und Sara aus ihren Erfahrungen in Ägypten nichts gelernt haben, Die Beziehung zwischen den Geschichten gibt Stoff für theologische Diskussionen. Hier finden Sie eine längere Betrachtung dieser drei Geschichten und ihres Zusammenhangs. Und hier gibt es eine Synopse

Ich will den Blick gern auf etwas anderes lenken. Gott rettet – aber wen? 

Zunächst natürlich rettet er Sara. Abrahams Frau und Halbschwester steht im Begriff, auf Nimmerwiedersehen im Harem des Philisterkönigs zu verschwinden. In der Beziehung der beiden Männer ist sie Objekt. Zweitens rettet Gott auch Abimelech, der dabei ist, sich tödlich zu versündigen und eigentlich keine Möglichkeit hat, den Irrtum selbst zu erkennen. Der Herr erscheint ihm im Traum, und Abimelech, der Heide, reagiert sofort. Darin liegt Ironie, denn zu seiner Entschuldigung sgt Abraham, er glaubte, es sei keine Gottesfurcht an diesem Ort.  

Wirklich unmoralisch hat nämlich vor allem Abraham sich verhalten. Es war die hohe Zeit des Patriarchats. Männer hatten dabei nicht nur Rechte. Oberste Pflicht des Mannes war es, seine Frau zu schützen. Aus Opportunität entledigt sich Abraham dieser Pflicht und überlässt Sara ihrem Schicksal. Er versündigt sich an seiner Frau, an Abimelech bzw. dem Pharao und an Gott. 

Abraham ist so tief gefallen wie kaum ein Mensch fallen kann.

Und deshalb ist er es, der in erster Linie gerettet wird! Der Vater vieler Völker hat moralisch vollständig versagt. Und der Herr macht es rückgängig, und das nicht nur einmal! Gott rettet die Verheißung. Ohne sein Eingreifen – wie hätte die biblische Geschichte weitergehen können? Nur als Parodie.

Gott ist seinem Bund treu. Da ist die frohe Botschaft, hier ist sie wirklich! Deshalb wird die Geschichte dreimal erzählt! Amazing Grace: Gott rettet uns nicht nur ohne unser Verdienst, sondern manchmal sogar ohne unseren Willen, auch aus schwersten Verfehlungen. Er gibt uns auch dann nicht preis, wenn wir an unserer Schuld zu scheitern drohen. Seine Treue kann weiter reichen als unsere Untreue. Das macht die Sünde nicht harmlos. Aber es nimmt ihr das letzte Wort. 

Ist es nicht großartig, wie jemand so tief fallen und dennoch Grundstein sein kann für das Volk Gottes und für die ganze biblische Geschichte?

Gottes Schutz ist mit uns in der kommenden Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 30/2026

Denn die Grube ist von gestern her zugerichtet; ja sie ist auch dem König bereitet, tief und weit genug; der Scheiterhaufen darin hat Feuer und Holz die Menge. Der Odem des HErrn wird ihn anzünden wie ein Schwefelstrom.
Jes 30,33

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Worauf kommt es an?

Das klingt wahrhaft bedrohlich. Der Spruch Jesajas richtet sich gegen Sanherib, den König von Assyrien. Zum Zeitpunkt der Niederschrift unseres Verses hatte (vermutlich) Assyrien den Nordstaat Israel bereits vernichtet, im Jahr 722 v. Chr., und nun bedrohte die Supermacht das Südreich.

Hiskia, König von Juda, suchte sich durch Bündnisse mit Ägypten abzusichern. Ägypten war die andere Supermacht, sie stellte sich der Expansion Assyriens entgegen. Jesaja wendet sich hier und anderswo strikt gegen ein Bündnis mit Ägypten. Das Volk Judas solle sich nicht auf die Krieger, Streitwagen und Rosse Ägyptens verlassen, sondern auf ihren Bund mit Gott dem Herrn. Dieser werde das Volk für seine Abwendung von Gott strafen (V. 8-17), ihm aber auch wieder gnädig sein (V. 18-26). Um Assyrien will Gott sich selbst kümmern (V. 27-33).

Das Großreich ist Gottes Werkzeug bei der Bestrafung Israels und Judas, gerät am Ende aber selbst unter Gottes Gericht. Sanherib fällt schließlich in spektakulärer Weise dem Zorn Gottes anheim, sagt unser Vers. 

Haltet stille, und vertraut auf Gott, sagt Jesaja, versucht nicht, euch durch Machtspiele zu sichern. Nicht Angst wird euch retten, sondern Vertrauen auf Gott den Herrn.

Als ich den Spruch las und seinen Kontext verstand, regte sich Widerspruch in mir. In der Lage Hiskias hätte jeder vernünftige Herrscher Ausschau nach Bündnispartnern gehalten, und Ägypten war die logische Adresse. In der Zeitung lese ich, dass die Bundeswehr sich kurzfristig an einer Nuklearübung mit Frankreich beteiligen will. Und wer sich von China bedroht fühlt, wird das Einvernehmen mit den USA suchen. So geht Politik, damals wie heute. Und die Aussicht darauf, dass nach der Zerstörung Judas der Aggressor irgendwann bestraft würde, konnte für Hiskia nicht relevant sein. 

Man sollte aber Kapitel 30 nicht als Gutachten eines externen militärpolitischen Beraters lesen. Jesaja weist auf die tieferliegenden Ursachen des Konflikts hin. Das Volk hat sich von Gott dem Herrn abgewendet, dem Fels, auf dem es steht. In der Rückkehr zu Gott sollte die Priorität liegen, die Suche nach Bündnissen kann hierfür kein Ersatz sein.

Hat jemand Herzbeschwerden und erhält eine ungünstige Diagnose, so tut er gut daran, die verschriebenen Medikamente zu nehmen und die Einschränkungen zu akzeptieren, die seine Krankheit mit sich bringt. Aber langfristig ist es noch wichtiger, würde Jesaja sagen, nach den tieferliegenden Ursachen zu suchen. Wo hat er Raubbau getrieben an seinen Kräften? Was bedeutet gesundes Leben wirklich? Was will er tun mit diesem Leben, dessen Ende sich nun klarer zeigt? Worauf kommt es an? 

Für die kommende Woche wünsche ich uns allen einen ungetrübten Blick auf das Wesentliche. Gott sei mit uns,
Ulf von Kalckreuth 

Bibelvers der Woche 20/2026

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Gen 8,22

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Deus ex machina

Für mich und andere gibt es derzeit Grund, die Welt als einen Ort zu sehen, der auf einen katastrophalen Umbruch zuläuft. Da mag deutscher Zeitgeist eine Rolle spielen, die familiäre Situation, mein Lebensalter. Viele Menschen projizieren ihren eigenen Untergang aufs Universum. Aber da ist auch Realität: Die Auflösung der Nachkriegsordnung, die Kriege in der Ukraine, im Iran und in Israel, die Schwäche Europas, die Verletzlichkeit der globalen Arbeitsteilung — sie sind keine Einbildung, und der Klimawandel auch nicht. 

Wie schön, diesen Bibelvers zu ziehen. Gott gelobt den Fortbestand der Welt. Er hat die Sintflut über die Welt geschickt, hat das Ergebnis gesehen, und er nimmt Noahs Opfer an, das Opfer des letzten überlebenden erwachsenen Mannes.  

Ein allmächtiger, allwissender Gott, der Reue zeigt. Der sich umstimmen lässt. Sonderbar, beinahe unpassend — sein Ratschluss müsste eigentlich unveränderlich sein. Aber bedeutet Gnade denn nicht immer, dass ein Mächtiger abkehrt von einer Regel oder einem Entschluss? Wie ein allmächtiger, allwissender und allgütiger Gott in diesem Sinne gnädig sein kann, ist für mich verstandesmäßig ein Geheimnis. Aber ohne diese Gnade könnte ich nicht leben. 

Ist es Liebe?

Vor einigen Monaten, mit dem BdW 47/2025, gab es hier einen Vers aus dem unmittelbar anschließenden Kapitel von Genesis. Darin gelobt Gott nach dem Bund mit Noah, die Welt nie wieder zu zerstören. Das Zeichen, das Gott dafür in die Welt setzt, ist der Regenbogen. Seinerzeit fragte ich, ob er uns wohl daran hindern würde, dies selbst zu tun. Ein menschengemachter Weltuntergang ist heute leicht vorstellbar. Vor dreitausend Jahren, als der Text redigiert wurde, war diese Unterscheidung noch nicht möglich. Wenn die Welt untergeht, mußte dies denknotwendig von Gott ausgehen; allenfalls konnte es als Reaktion auf Fehlverhalten der Menschen geschehen.

Sie haben es vielleicht gesehen: Der Vers dieser Woche beantwortet die Frage. Das Versprechen, dass die Welt bis zu ihrem physischen Ende bewohnbar bleibe, ist unbedingt — Gott verzichtet nicht nur darauf, selbst die Welt zu zerstören, er garantiert ihren Bestand! 

Der blaue Planet
NASA / Apollo 17 crew; taken December 7, 1972.

Ein unerhörtes Versprechen. Umso unerhörter, je länger ich darüber nachdenke. Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein (Ps 118,24). Ich arbeite viel an Klimastatistiken und Regeln für unternehmerische Klimagasbuchhaltung. Ja, wir brauchen einen Gott, einen Deus ex machina, der die Maschine stoppt, die wir gebaut haben und am Laufen halten.

Sein Segen sei immer mit uns!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 10/2026

Aber Zedekia ließ er die Augen ausstechen und ihn in Ketten binden, dass er ihn gen Babel führte.
Jer 39,7

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Gott, der Herr, verläßt uns nicht…!

Hier, mit unserem Vers, ist alles vorbei. Nach langem Kampf, der am Ende sinnlos wurde, ist die Niederlage endgültig, das Reich und die Stadt zerstört, der König geblendet.

Hier kulminieren die vielen Stränge des Jeremiabuchs. Es ist eine Auseinandersetzung des Propheten mit der „herrschenden Meinung“, der Meinung der Herrschenden, repräsentiert durch König Zedekia. Dieser war ursprünglich von Nebukadnezar, König des babylonischen Großreichs, als Vasall eingesetzt. Nun wollte er eine vermeintliche Schwäche des Riesenreichs nutzen und sich selbständig machen. Er stellte die Tributzahlungen ein.

Als Nebukadnezar daraufhin mit einer riesigen Armee anrückte, die Städte Judas eine nach der anderen eroberte und Jerusalem belagerte, wähnten er und seine Generäle sich im Besitz einer Superkraft: Gottes Schutz und Hilfe. In der Theologie gibt es einen Namen dafür: Zionsdogma. Gott wird sein Volk immer und unter allen Umständen schützen, glaubte man. Die Vorstellung ist in vielen Psalmen verankert. Man konnte sich auf frühere Erfahrungen stützen: Jesaja berichtet, dass die assyrischen Eroberer bei erdrückender Übermacht plötzlich abziehen mußten.

Jeremia warnt früh, dass Gott die Stadt zerstören könnte. Anfangs als Ruf zur Umkehr. Später, als der Ring sich enger und enger schloß und Jeremia selbst als innerer Feind behandelt wurde, predigt er, dass der König den sinnlosen Kampf aufgeben müsse, um sich und das Volk zu retten.

Mit dem Zionsdogma setzt sich Jeremia öffentlich in seiner Tempelrede auseinander. „Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel!“, Jer 7,4. Dieser dreifache Ruf war eine Art magischer Schutzspruch. Die Menschen glaubten, dass Gott nicht zulassen könnte, dass sein „Haus“ von den Babyloniern zerstört würde. Jeremia wurde daher gefangengenommen und beinahe getötet (Jer 26). 

Schutz und Hilfe des Herrn sind nicht bedingungslos. Jeremia weist mit zunehmender Verzweiflung darauf hin, dass zu einem Bund zwei gehören. Das Volk muß sich als Gottes Volk verstehen und verhalten, um als Gottes Volk behandelt zu werden. Jer 26 berichtet von einem Showdown mit dem Propheten Hanania: Dieser verspricht den Sieg durch Gottes Hilfe innerhalb von zwei Jahren. Auf offener Bühne sprechen beide Propheten sich wechselseitig ab, vom Herrn gesandt zu sein. Das ist massiv, denn für falsche Propheten sieht das mosaische Gesetz die Todesstrafe vor. Hanania stirbt kurze Zeit später.  

Kurz vor dem Untergang rät Jeremia dem König in einer geheimen Audienz, er möge den Kampf aufgeben, und er werde überleben. Zedekia gesteht seine große Angst vor den Babyloniern und lässt den Kampf fortsetzen — bis zu dem Ende, das unser Vers markiert. 

Was hat er falsch gemacht? Sein magisch gefärbter Glaube hat in der biblischen Geschichte viele Vorbilder, siehe den BdW 43/2025. Wer kann sich auf Gottes wunderbare Hilfe verlassen, wer nicht? Jeremia sagt, Volk und König hätten die Geschäftsgrundlage verlassen. Aber so argumentieren auch die Freunde Hiobs, und sie liegen falsch: Hiobs Existenz wird vernichtet, obwohl er gerecht ist. 

Vielleicht mag ein Zeichen darin liegen, dass Zedekias Blendung, die Zerstörung der Stadt und des Tempels, die Vernichtung des Staatswesens und die Verbannung der Elite tatsächlich nicht das Ende waren. Die Geschichte des Volks Gottes ging weiter. Bis heute, 2500 Jahre lang.

Wird Gott uns immer schützen und bewahren, wenn wir seinen Willen tun? Auf dieser Welt vielleicht nicht — nicht immer jedenfalls. Das lehrt uns die Vita so vieler Märtyrer. Und auch, wie um jeden Zweifel zu beseitigen, das Leben Jesu selbst. Nachts, im Garten Gethsemane, bittet er in Todesangst den Herrn um Verschonung. Er schwitzt dabei Blut, schreibt Lukas. Den Foltertod erleidet er dennoch. 

Es muss einen übergeordneten Zusammenhang geben, denke ich, in dem die Treue zum Herrn ihren Sinn erfüllt. Eine unsichtbare Welt, in der das, was wir tun, einen Unterschied macht. Von uns wird verlangt, in Treue fest zu bleiben im Vertrauen auf eine Welt, die wir nicht sehen. Eine unglaubliche Zumutung, wenn man es bedenkt.

Manchmal, wenn man intensiv fragt, erhält man Antworten zugespült. Gerade sehe ich auf dem Schreibtisch meiner Frau einen Spruch, er steht auf ihrer Urkunde zum 25. Dienstjubiläum: 

Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte, und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun. Ps 73,28

Der Sinn unseres Tun im Herrn liegt in sich selbst, steht da geschrieben, nicht wahr? Und ich finde noch etwas. In unserer Wohnung hängt ein Kalender mit illustrierten Gedichten von Hanns Dieter Hüsch. Das Gedicht für den März geht an die Grenze des Sagbaren:

Gott, der Herr, verlässt uns nicht,
wenn ich mein Herz mit ihm teile,
so dass ich nichts bin und alles bin,
so dass ich nichts habe und alles habe,
so dass ich nichts werde und doch alles werde
.

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 47/2025

Und wenn es kommt, dass ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.
Gen 9,14 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Over the rainbow

Eine der bekanntesten und strahlendsten Stellen in der ganzen Bibel. Die Sintflut ist vorbei, die Wasser laufen ab, Noah und seine Familie sind gerettet, gemeinsam mit einem minimalen Bestand an Pflanzen und Tieren, Grundstock für den Wiederaufbau der Biosphäre. 

Und Gott schwört, dass er die Grundlagen des Lebens auf der Erde nicht wieder antasten will. Unter keinen Umständen. Er könnte es tun, aber er beschränkt seine Macht selbst: 

Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Gen 9, 12-15

Das ist gute Nachricht. Wir können sie an zwei Bruchkanten betrachten. Da ist zum einen Gottes Macht, die Welt zu vernichten. Die Sintflutgeschichte hat lokale Vorbilder, aber eine große, weltumspannende Flut hat es in der Geschichte nicht gegeben. Planetare Katastrophen gab es jedoch mehrere. Solare Eruptionen, Supernovas in der stellaren Nachbarschaft, sich aufschaukelnde Bahnunregelmäßigkeiten im Sonnensystem oder der Einschlag eines Kometen können dem höheren Leben auf unserem Planeten ein abruptes Ende setzen. Langfristig gibt es diesbezüglich nicht einmal Unsicherheit. Das Ende unserer Welt ist physikalisch vorprogrammiert. Die Sonne verändert sich im Laufe der Jahrmillionen in einer Weise, die Leben auf der Erde unmöglich macht. 

Aber ‚for the time being‘, für den relevanten Zeithorizont, müssen wir uns keine Sorgen machen, sagt die Bibel. Gott wird die Welt erhalten! 

Aber wovor schützt uns Gott? Auch vor uns selbst? Was ist mit der anderen Bruchkante — unserem eigenen Verhalten? Wir verstehen die Vorgänge rund um die Dynamik des Klimawandels und der ökologischen Folgen wirtschaftlichen Handelns immer besser. Aber die Emissionen wachsen ungebremst weiter. Im Aggregat verhalten wir uns wie die Bakterien im Teich, die so lange von den organischen Schwebstoffen prächtig leben und sich vermehren, bis der Sauerstoffvorrat vollständig aufgebraucht ist. Ein deterministischer, mechanisch anmutender Vorgang. Am Ende steht ein umgekippter Teich. Alles ist tot, auch die Bakterien.

Was ist das für eine Mechanik? Jeder kennt die Wirkung der Klimagase, aber die Folgen treffen nur zu einem verschwindend kleinen Teil den Verursacher selbst. Im wesentlichen trifft es andere. Ökonomen bezeichnen das als Externalität. Warum auf etwas verzichten, das man haben könnte — die anderen tun es ja auch nicht! Die Kohlenstoffwirtschaft macht die Produktion billig und uns künstlich reich. Auf dieser Erkenntnis aufbauend kann man ethisch wohlbegründete Forderungen aufstellen. Aber was tun wir, wenn das Wachstum erlischt, die Reallöhne sinken müssten statt zu steigen, die Renten unbezahlbar werden, etablierte Parteien plötzlich mit neuen und radikalen Konkurrenten zu kämpfen haben? — na? Keine Frage. Und alle anderen machen es genauso.

Eine Höllenmaschine. Sie hat die unbarmherzige Kraft einer Naturgewalt — in uns selbst! Individuelle Rationalität ist irrational im Kollektiv. Denken Sie an die Bakterien im Teich. Wenn Gott uns davor schützen wollte, müsste er uns etwas von seinem Geist geben. Wir könnten uns dann als Teil eines Ganzen erleben, das größer ist und wichtiger als unser Ich. Ich weiß keinen Weg dahin, aber vielleicht kennt Gott ihn? 

Unser Vers enthält ein ungeheures Bild. Gott stellt den Regenbogen in die Welt, als Zeichen seines Versprechens und um sich selbst daran zu erinnern, dass er verzichten will auf Dinge, die er tun könnte und vielleicht auch tun wollte. 

Over the rainbow… Können wir solidarisch sein mit der Welt? Uns beschränken? Was ist unser Regenbogen? Lassen Sie uns in dieser Woche einen Blick darauf wagen, und vielleicht auch einen dahinter, mit Gottes Hilfe. Eine andere Hilfe sehe ich nicht.  
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche, 43/2025

Maji-Maji Aufstand -- Wunder, Gottvertrauen und Kugelzauber

Da nun das Volk ganz über den Jordan gegangen war, sprach der HErr zu Josua:…
Jos 4,1

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Maji-Maji

Lassen Sie uns zunächst das Fragment ergänzen. In der Lutherbibel 1984 lautet die Sinneinheit vollständig wie folgt: 

Als nun das Volk ganz über den Jordan gegangen war, sprach der HERR zu Josua: Nehmt euch aus dem Volk zwölf Männer, aus jedem Stamm einen, und gebietet ihnen: Hebt mitten aus dem Jordan zwölf Steine auf von der Stelle, wo die Füße der Priester stillstehen, und bringt sie mit euch hinüber und legt sie in dem Lager nieder, wo ihr diese Nacht bleiben werdet.

Josua hat die Führung im Krieg um die Landnahme in Kanaan übernommen und muss dem Volk beweisen, dass Gott ihm ebenso zur Seite steht wie bis dahin Mose. Als die Lade des Herrn von den Priestern zum Jordan getragen wurde, fließt der Fluß nicht weiter in Richtung des Salzmeers — das Wasser türmt sich auf als große Wand, und das ganze Volk kann trockenen Fußes den Fluß passieren. Wie einst am Schilfmeer. Der Herr zitiert sich selbst, und dies in voller Absicht, es geht ja um den Wiedererkennungseffekt. 

Damit die Lektion sich einprägt, lässt Josua zwölf große Steine aus dem Flussbett holen und am ersten Lagerplatz aufstellen. Das ist unser Vers. Darüber hinaus werden zwölf andere Steine im Flussbett aufgestellt, so dass sie das Wasser überragen und die Stelle des Übergangs markieren. 

Die Begebenheit, die hier erzählt wird, wurde bereits in zwei anderen Betrachtungen thematisiert, BdW 06/2018 und BdW 24/2023. Ich will hier auf einen Aspekt eingehen, der noch nicht beleuchtet wurde — die Psychologie des Wunders. 

Kriegführung in der Bibel ist immer wieder auch ein Management der Furcht. Es ging darum, Furcht in den Reihen der Feinde zu erzeugen, und andererseits Furcht in den eigenen Reihen zu verhindern. Die eigenen Kämpfer sollen unüberwindlichen Mut empfinden. Daran hängt alles. 

Die Bibel berichtet, dass das Volk unter Josua sehr recht daran tat, mit radikalem Gottvertrauen die Furcht beiseite zu legen. So war möglich, was sonst undenkbar gewesen wäre. Wer Wunder vollbringen will, muss an Wunder glauben. Sonst geht es nicht. Auch im täglichen Leben hat das seine Gültigkeit. Jüdische und christliche Prediger werden nicht müde zu beteuern, dass dem alles möglich ist, der Gott an seiner Seite weiß. 

Das kann ein Ritt über den Bodensee sein. Wer kann wissen, ob er wirklich Gott an seiner Seite hat oder eine Chimäre? In der kurzen Kolonialgeschichte Deutschlands gab es eine schreckliche Episode. Im Jahr 1905 erhob sich im Süden der Kolonie Deutsch-Ostafrika, im heutigen Tansania, die Bevölkerung gegen ihre Kolonialherren — der sogenannte Maji-Maji-Aufstand.

Die Angriffe der Aufständischen wurden mit unglaublicher Wucht vorgetragen, ohne Rücksicht auf eigene Verluste. Heiler und Magier hatten die Kämpfer mit einem wunderbaren Wasser geweiht, Maji-Maji. Durch seine Kraft sollten die feindlichen Kugeln an ihrer Haut abperlen. Die Maschinengewehre der Deutschen aber taten unbeeindruckt ihre Arbeit. Die Aufständischen erlitten furchtbare Verluste. Nach mehreren Angriffswellen gaben sie den offenen Kampf auf und wechselten in den Guerillakrieg. Die Deutschen antworteten mit einer Taktik der verbrannten Erde. Der Krieg endete als Katastrophe für die ostafrikanische Bevölkerung. Hier gibt es einen Überblick vom Deutschlandfunk, und zusätzlich ein Radiofeature des BR — ich hoffe, beides bleibt eine Weile im Netz. 

Man muß nicht viel googeln, um Parallelen zu finden. Im Jahr 2012 wiederholte sich die Geschichte im Kleinen, bei einem blutig eskalierten Streik unter Minenarbeitern in Südafrika, Und auch in der Simba-Rebellion der Jahre 1964-67 im Osten der Demokratischen Republik Kongo spielte Kugelzauber eine große Rolle — erst sehr erfolgreich, dann als Desaster. 

Ich verstehe den Mechanismus. Und ich frage mich, ob und wie die Kämpfer in Ostafrika hätten wissen können, dass ihr Wunderglaube keine Grundlage hat, anders als bei der Glaube der Israeliten? Gibt es auf diese Frage eine Antwort? Wenn sie noch stärker und noch unbedingter geglaubt hätten — wären sie vielleicht doch erfolgreich gewesen? Heutigentags ziehen die israelischen Soldaten mit Psalm 91 in den Kampf. Ein wunderbarer Psalm, ich liebe ihn — und man kann ihn als Kugelzauber lesen: 

Er wird dich mit seinen Fittichen decken, 
und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,
vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
vor der Pest, die im Finstern schleicht,
vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.

Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite 
und zehntausend zu deiner Rechten,
so wird es doch dich nicht treffen.
Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen
und schauen, wie den Gottlosen vergolten wird.
Ps 91,4-8

Wo ist der Herr, wo ist er nicht? 

Etwas ratlos will ich mit den ersten Zeilen von Psalm 91 enden: Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

Gott sei mit uns, in der kommenden Woche und immer. Er behüte und bewahre uns. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 27/2025

Denn die, so irrigen Geist haben, werden Verstand annehmen, und die Schwätzer werden sich lehren lassen.
Jes 29,24

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Unsere Kinder sehen

Lesen Sie den Vers zweimal und atmen Sie tief ein und wieder aus: Die, so irrigen Geist haben, werden Verstand annehmen und die Schwätzer werden sich lehren lassen!

Das Buch Jesaja speist sich aus mindestens drei verschiedenen Quellen und unterlag einem Redaktionsprozess, der sich über viele Jahrhunderte hinzog. Aber in allen seinen Teilen ist es gekennzeichnet durch einen Wechsel von Gericht, Untergang und Errettung — ein Wechsel, der manchmal so schnell geschnitten ist, dass eine Art Gleichzeitigkeit entsteht: die drei werden eins. Unser Abschnitt entstammt den ältesten und ursprünglichsten Teilen. Er richtet sich an Jerusalem, von Jesaja hier „Ariel“ genannt. Ariel bedeutet „Löwe Gottes“, ist also eigentlich ein Kampfname. Aber schnell zeigt sich, dass Jesaja üblen Spott im Sinn hat: Der Held ist hohl und leer und bar aller Kraft und wird am Ende wahrhaftig zu „Ariel“ — das Wort kann nämlich auch Opferschale bedeuten (V.2).

Aber auch hier: wenn die Ränke und Ausflüchte versagt haben, wenn die Lage militärisch unhaltbar geworden ist und gleichzeitig alle inneren Strukturen zerbrechen, wenn die trübe Wahrheit offenkundig ist — dann wird Gott retten. Und die Rettung gipfelt in unserem Bibelvers. 

Spannend und ein wenig geheimnisvoll ist der unmittelbar vorangehende Vers: Geschehen wird dies alles, wenn wir — gemeinsam, als Volk Gottes — unsere Kinder betrachten, die Gott geschaffen hat als Werk seiner Hände, und wenn wir daraufhin seinen Namen heiligen und ihn fürchten. 

Ich habe manchmal Angst, was aus unseren Kindern wird, welche Chancen sie haben, und wie wichtig Menschen überhaupt noch sind in einer Welt, die verzahnt ist durch KI und nicht mehr durch Beziehungen lebender Menschen. Die uralte Vision Jesajas ist überraschend und zutiefst hoffnungsvoll: Wir betrachten unsere Kinder, sehen sie, erkennen sie als großartige Schöpfung Gottes, wir loben Gott und die Welt wird neu, klar und hell, durch uns, aber mit seiner Kraft. Und das Geschwätz verstummt! 

Es ist eine Frage der Perspektive. Was wir sehen, hängt davon ab, wie wir schauen. Aber wie geschieht, was uns Jesaja verspricht? Hat es mit den Kindern selbst zu tun? Was ändert es, wenn sie erfahren, dass sie Gottes großartiges Werk sind und von uns so gesehen werden?

Gern will ich meine Kinder so betrachten, in der kommenden Woche und immer. Auch wenn es nicht immer leicht ist.

Gottes Segen sei mit uns allen,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 14/2025

Allerlei habe ich gesehen in den Tagen meiner Eitelkeit. Da ist ein Gerechter, und geht unter mit seiner Gerechtigkeit; und ein Gottloser, der lange lebt in seiner Bosheit.
Pred 7,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Was erwarten wir? 

Kohelet, der Prediger, ist ein echter Querdenker. Er ist Empiriker, betrachtet alles genau. Er sieht, dass vieles nur in unserem Kopf existiert, das wir für wahr halten, und unsere Ziele, Absichten, Ideale keinen bleibenden Wert haben. Auch solche nicht, die wir als religiös bezeichnen. Für den Prediger gibt es die Unterscheidung zwischen weltlich und ausserweltlich ohnehin nicht. Die Dinge sind vorbestimmt, Gott lenkt wohl — aber er sagt uns nichts über seine Pläne, wir erkennen sie nicht und das Wirken und Weben der Welt bleibt uns verborgen. So werden unsere großen Ideen „eitel“, der Zeit verfallen, und am besten ist’s, man lebt einfach und im Frieden mit der Welt. 

Hier, in unserem Vers, spricht er eine der grundlegenden Wahrheiten an, die vor allem in den Psalmen betont wird. Wer im Bund mit Gott steht, „gerecht“ ist — „Gott liebt und fürchtet“, würde Luther sagen — den beschützt er, dem hilft er gegen seine Feinde, dem gibt er ein langes Leben. Den Gottlosen, Frevlern, Feinden hingegen steht ein schlimmes Schicksal bevor, sie enden in Verzweiflung. Nicht notwendigerweise in der kurzen Frist, so doch aber in der langen. Diesem Grundmuster sind wir im ‚Bibelvers der Woche‘ oft schon begegnet, vor allem in den Psalmen. Es ist dem „Tun-Ergehens-Zusammenhang“ vorgelagert, es beschreibt gewissermaßen das Wesen des Bundes.

Und der Prediger sagt uns hier, so sei es gar nicht, jedenfalls nicht zuverlässig, man beobachte oft genug das Gegenteil. Und er setzt fort:

Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt… (V 16-17a).

Auf Neudeutsch nennt man das 360° — wir sollen auf alles schauen und nichts außer acht lassen, die Gebote Gottes nicht, aber auch nicht die der Welt. Bibel für Anfänger ist das nicht, und ich frage mich gelegentlich, wie der Prediger/Kohelet dort hineingelangt ist. Hier ist ein Link zum BdW 37/2019 mit einer Betrachtung zum Ende von Kapitel 7, und da kann es einem die Schuhe ausziehen. 

Aber zurück zum Ausgangspunkt — was erwarte ich, was hoffe ich von Gott? Die Frage mag unziemlich erscheinen, aber die Bibel stellt sie oft genug, und hier liegt sie vor mir, in einem Vers, der kommentiert werden will. „Was er mir gibt, „, könnte die erwachsene Antwort lauten, „er wird’s wohl machen“. Es geht mir eigentlich wie dem Prediger, ich erwarte nicht, dass der Gottesfürchtige allen Lebenskrisen heil entrinnt, und auch nicht, dass denjenigen, der sich Gott nicht verschreibt, immer der Abgrund erwartet. Das entspräche meiner Lebenserfahrung nicht. 

Und doch weiss ich mich getragen. Gott war immer da, wenn ich zu ihm rief. In existenziellen Bedrohungen gab es stets einen Weg, auch in Bedrohungen, die ich erst im Nachhinein erkannte. So war es stets, eigentümlich genug, und seit einiger Zeit schon verlasse ich mich darauf. Auch das ist Lebenserfahrung, und ich finde sie in den Psalmen Davids wieder. Ich kann es eigentlich nicht erklären, es liegt sicherlich nicht an meiner Gottesfurcht, mit meiner „Gerechtigkeit“ ist es nicht weit her. Psalm 91,7 sagt, „Auch wenn tausende fallen zu deiner Seite, es wird dich nicht treffen“. Ja, tausende andere fallen, und es sind auch Gottesfürchtige darunter. Das ist ein Rätsel, und ich sehe die Lösung nicht. 

Irgendwann wird es auch mich treffen, werden mein Körper, mein Geist oder beides in seinen Funktionszusammenhängen auseinanderbrechen, werde ich „rufen“, wie es im Judentum heißt. Und ich hoffe, ich erwarte, ich glaube, dass Gott dann antwortet.

Dein Segen sei mit uns allen, Herr! 
Ulf von Kalckreuth

P.S. Noch ein Gedanke, noch einmal Luther. Die 62. der 95 Thesen, die er an das Tor der Schlosskirche in Wittenberg nagelte, lautet: Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes. Vielleicht geht es am Ende gar nicht so sehr um uns. Vielleicht geht es um etwas, das an und für sich unendlich kostbar ist!

Bibelvers der Woche 39/2024

…denn es steht geschrieben: „Er wird befehlen seinen Engeln von dir, dass sie dich bewahren…
Luk 4,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Wenn zwei das gleiche sagen…

… so ist es nicht das gleiche, sagt das Sprichwort. Im vorliegenden Fall ist einer der Psalmist, der andere der Teufel höchstpersönlich. In der Wüste trifft er auf Jesus, der vom Fasten geschwächt ist, und versucht ihn. Dabei bezieht er sich auf die überlieferten heiligen Gebete. Es ist Psalm 91, 11+12, den der Teufel zitiert:

Denn er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
dass sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest

Das sind beliebte Taufverse — Eltern wünschen das ihren Kindern. Der Teufel interpretiert die Verse messianisch: der Psalm richte sich an den Sohn Gottes. Er kann tun, was er will, er kann vom Turm springen, Gott wird ihn schützen. Damit will der Teufel Jesus versuchen. 

Hat er vielleicht recht? Ist der Sohn Gottes gemeint, oder wenigstens der König? Im Psalm geht es weiter: „Auch wenn tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten: es wird dich nicht treffen“. Wer sind die Tausende, die es erwischt? Wer ist der Angesprochene, den es nicht trifft — bin das ich? Wer unter uns wird von Engeln getragen, wer stößt seinen Fuß nicht an einen Stein? Vor einigen Jahren habe ich zu Psalm 91 ein Lied geschrieben. Aber es lässt mir keine Ruhe: wer fällt, wen wird es nicht treffen? 

Es ist Freitagmorgen. In einer Stunde muß ich aufbrechen zu einer Beisetzung. Ein Bruder unserer Gemeinde ist gestorben. Nach einem Herzinfarkt und vor einer Operation, die ihn hätte retten sollen, fiel er in ein Koma und erwachte nicht mehr. N. war 59 Jahre alt. Er hinterlässt eine Frau und vier Söhne.

Im Sommer dieses Jahres ist auch L. ins Koma gefallen, ein anderer Bruder unserer Gemeinde. Nach einem Herzstillstand war sein Gehirn wohl etwa zehn Minuten ohne Versorgung. Aber nach mehreren Wochen erwachte er. Er hat sich sehr weitgehend erholt und alles spricht dafür, dass keine wesentlichen Beeinträchtigungen verbleiben werden. L. ist etwa gleich alt wie N., auch er hat vier Kinder. Beide gehörten zur Kerngemeinde, gingen ihren Weg mit Gott, für beide wurde viel gebetet, intensiv, und auch verzweifelt. Warum L., warum nicht N.? 

Das wirkt beinahe erfunden, nicht wahr, fast wie ein Gleichnis. Aber es ist die reine Wahrheit. Mich erinnert es an den Bibelvers der Woche 04/2024. Im Gefängnis, dem Vorhof des Todes, trifft Josef auf den Mundschenk und den Bäcker des Pharao. Der Mundschenk wird begnadigt, der Bäcker aber gehängt. Der Ratschluss Gottes und des Pharao, und Josef erfährt ihn im Traum. Von Gründen erfährt er nichts. 

Jesus gibt dem Teufel eine Antwort. Es stehe auch geschrieben, so Jesus, dass wir den Herrn, unseren Gott, nicht versuchen dürfen. Vom Turm zu springen, hieße Gott zwingen zu wollen. Gott ist unverfügbar. Am Anfang und am Ende. Für Martin Luther war es die Frage seines Lebens: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Unter den Antworten, auf die er im Laufe seines Lebens stieß, ist sola gratia vielleicht die wichtigste: Allein durch Gnade. Das ist in machtvoller Weise zirkulär. Wir können uns die Gnade nicht verdienen. Oder mit Gebeten erzwingen. 

Der Teufel ist der Verwirrer. Wenn er Psalmen wörtlich zitiert, so dürfen wir davon ausgehen, dass seine Interpretation in die Irre leiten will. Nein, es ist nicht nur der Sohn Gottes gemeint. Und noch einmal nein, die Zusage kann nicht eingefordert werden. Sie gilt dem, der ‚unter dem Schirm des Höchsten sitzt‘, dem Gott gnädig ist, den er in dieser Welt behalten will. Wer das ist, entscheidet Er. Der HERR spricht: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich (2. Mose 33,19).

Das ist schwer zu akzeptieren, schwer zu tragen. Juden beten Psalm 91 auf Beerdigungen. Darin steckt eine Interpretation. Zum Ende seiner Traueransprache für N. sagte unser Pfarrer, dass der Herr unseren Ausgang und unseren Eingang behüten möge — unseren Ausgang aus dieser Welt und unseren Eingang in eine neue Welt, in der Gott all unsere Tränen abwischt…! 

So sei es.
Ulf von Kalckreuth