Bibelvers der Woche 46/2026

Denn ich bin arm und elend; der HErr aber sorgt für mich. Du bist mein Helfer und Erretter; mein Gott, verziehe nicht!
Ps 40,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Zirkuläre Zeit

Was um aller Welt bedeutet ‚verziehe nicht‘? Es ist kein Druckfehler, und mit ‚verzeihen‘ hat es nichts zu tun, eher mit ‚Verzug‘. Die Lutherbibel von 1984 übersetzt ’säume nicht‘. Auch das ist heute schwer verständlich; man würde vielleicht schreiben: Mein Gott, hilf rechtzeitig, komm nicht zu spät!

So sprechen wir heute nicht mit Gott, nicht wahr? Jedenfalls nicht im Gottesdienst. Es liegt ja deutlich hörbar ein Zweifel darin — Gott könnte unaufmerksam oder zögerlich sein oder desinteressiert.

Lesen Sie den Psalm bitte. Unser Vers steht ganz am Ende, es ist der Satz, der nachhallt. Der Psalm erzählt in aller Kürze von einem Leben mit Gott.

Die Beziehung beginnt mit Hoffnung: Der Betende harrt auf den Herrn, und Gott rettet ihn aus furchtbarer Not. Der Betende erkennt, woher die Hilfe kommt, und im zweiten Abschnitt stellt er sich Gott zur Verfügung. Hey, sagt er, „Siehe, ich komme, im Buch ist von mir geschrieben“! Ein wunderbarer Satz, ebenso wie ein Satz im ersten Teil: „Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben“. Der Betende verkündet laut, ‚vor der großen Gemeinde‘ Gottes Gerechtigkeit, Güte und Treue, und das, obwohl er sich damit nicht beliebt macht: „Siehe, ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen“.

Nun aber, im dritten Teil, ist der Betende wieder in großer Not und schreit nach Hilfe. Wir sind zurück am Anfang. Das Leben mit Gott hat einen vollständigen Kreis durchlaufen, oder vielleicht die Windung einer Spirale. Wieder ist es die Hoffnung, die bleibt, aber da ist auch Angst.

Der Psalm selbst lässt ahnen, wie es weitergehen könnte. Zirkuläre Zeit. Wieder wird Gott den Betenden erretten, so hofft er, und wieder wird jener mit Treue antworten, die auf persönliche Kosten nicht schaut. Der zweite Abschnitt des Psalms erzählt zwar von der Vergangenheit, ist aber gleichzeitig ein Versprechen des Betenden für die Zukunft.

Zirkuläre Zeit — im Alten Testament schreitet Zeit nicht immer linear fort. Oft ist sie kreisförmig.

Eines Tages aber hört die Drehung auf, hält die Spirale in ihrer Bewegung inne. Irgendwann wird eine Not kommen, aus der es in diesem Leben keine Rettung mehr gibt. Aber immer wird da noch die Hoffnung sein und auch die Angst, dass der Herr vielleicht zu spät komme.

Ich verstehe diese Angst. Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden!
Ulf von Kalckreuth

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