Bibelvers der Woche 28/2026

Und niemand müsse ihm Gutes tun, und niemand erbarme sich seiner Waisen.
Ps 109,12

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Segnen, Fluchen und Beten

Wir haben aus einem Fluchpsalm gezogen. Es ist einer der fünf Psalmen, die von der katholischen Kirche aus dem Stundenbuch für das mönchische Beten getilgt wurden, weil sie die christliche Botschaft verdunkeln können. 

Dennoch sollten Sie nun dem Link zum Psalm folgen, damit Sie sehen, worum es geht. Der zweite Abschnitt enthält einen langen Fluch. Der dritte Abschnitt gibt uns eine Vorstellung davon, was den Psalmisten dazu bringt, so zu beten. 

Psalmen sind Lieder vom menschlichen Reden zu Gott. Und solches Reden handelt durchaus nicht nur von Themen, Bitten und Wünschen, die uns als angemessen erscheinen. Menschen haben Angst. Menschen lernen hassen. Und auch dann rufen sie Gott zu Hilfe.. 

Ein Fluch ist, wie ein Segen, kein einfaches Gebet. In den älteren Teilen der Bibel geht von ihnen eine autonome Wirkung aus, wie von einem Steinwurf. In den Vätergeschichten gibt Isaak dem Jakob irrtümlich den Erstgeburtssegen. Er kann aber diesen Segen nicht zurückrufen, obwohl sein Sohn ihn betrügt und Isaak es im Nachhinein klar erkennt. Jahrzehnte später ringt Jakob am Jabbokfluß mit einem Engel, um mit Gewalt dessen Segen zu erzwingen.

Im Kontext eines magischen Verständnisses ist das Beten eines Fluchpsalms vergleichbar mit der heimlichen Gabe von Gift. Psalm 109 wurde im Mittelalter zum „Totbeten“ von persönlichen Feinden eingesetzt. Dabei wurde auch die Unterstützung von Geistlichen in Anspruch genommen.

Was Ist denn ein Fluch? Welche Realität steckt dahinter? Manches wird an den Rändern deutlich, und das ist so ein Rand. Ich denke nicht magisch. Wie viele aber glaube ich, dass unseren Gebeten Kraft zukommt, dass sie wirken können in unserem Leben und dem Leben anderer. Das passt nicht recht zu der Vorstellung, dass Gott völlig autonom allwissend, allmächtig und allgütig über unser Leben und Schicksal entscheidet. Dann käme es auf unser Gebet nicht an. Wenn wir beten, nehmen wir etwas von Gottes Macht in Anspruch. Es ist eine Art Mitverantwortung. Und vielleicht haben unsere Worte solche Macht nicht nur zum Guten. Vielleicht werden wir am Ende nicht nur gefragt, was wir getan, sondern auch, was wir gebetet haben — und was nicht.

Wie wir zu unseren Kindern und unseren Mitmenschen sprechen, greift in ihr Leben ein. Worte haben Kraft und Macht. Mit Worten erschafft Gott die Welt, mit Worten heilt Jesus Kranke und lässt Tote auferstehen. Unsere geistige Welt konstituiert sich vor allem durch Worte. Wir müssen auf unsere Worte achtgeben.

Der gezogene Vers soll dem Todfeind die Hilfe und den Schutz seiner Gemeinschaft nehmen. Im zweiten Teil, „… und niemand erbarme sich seiner Waisen“, wird nicht nur implizit des Feindes Tod beschworen. Der Halbvers weist darüber hinaus: auch Söhne und Töchter sollen ausgestoßen und ohne den Schutz der Gemeinschaft leben.

Wie in einem fotografischen Negativ listet der Psalm auf, was Glück ausmacht. Es sind eben die Dinge, die dem Feind genommen werden sollen:

  • Gerechtigkeit und Rechtssicherheit in der größeren Gemeinschaft,
  • eine angesehene soziale Stellung,
  • ein langes Leben in Gesundheit,
  • Sicherheit und Auskommen für die Familie, Frau und Kinder, 
  • Wachstum und Gedeihen der Nachkommen,
  • finanzielle Selbstbestimmung und Freiheit von drückenden Schulden,
  • Einbindung in die Gemeinschaft, zuverlässige Unterstützung aus dem Umfeld, auch für die Liebsten (unser Vers),
  • Gottes Vergebung für die Sünden der Eltern, denn sie wirken weiter, 
  • Gottes Segen in allem.

Mir bleibt an dieser Stelle eins: uns all dies zu erbitten, in Gottes reichem Segen. In dieser Woche und immer!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 27/2026

Mich aber erhältst du um meiner Frömmigkeit willen und stellst mich vor dein Angesicht ewiglich.
Ps 41,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Wenn, weil oder während? 

Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm! So lautete ein Spottvers meiner Kindheit. Mit etwas bösem Willen könnte man unseren Vers so lesen.

Bei näherer Betrachtung geht es aber um das nackte, irdische Weiterleben. David ist krank, todkrank sogar, und seine Feinde versammeln sich schon und zeigen ihr wahres Gesicht. In seiner Bedrängnis fleht er zum Herrn um Errettung. Er verweist dabei auf seine Habenseite: Er habe sich der Schwachen angenommen und sei „fromm“ gewesen – man könnte hier auch unschuldig, tugendhaft oder integer schreiben.

Warum aber ist es gut, tugendhaft zu leben? Was frommt es? Ich denke immer wieder mal darüber nach. Die Bibel erzwingt es geradezu, siehe die BdW 50/2021 und 03/2025. Und es ist mein dreiundsechzigster Geburtstag. Da darf man mal ein wenig weise sein — wenn nicht jetzt, wann dann?

Wenn

Die erste Antwort lautet: Gesetzestreue bringt Belohnung, Ungehorsam bringt Bestrafung. Es ist die Antwort, die vielleicht auch Kinder erwarten: der klassische „Tun-Ergehens-Zusammenhang“. Auf ihn verlässt sich der Betende in Psalm 41. Er verweist auf seine Tugend, und appelliert gleichzeitig an Gottes Gnade. Er weiß, dass er gegen Gott gesündigt hat und seine aktuelle Lage die Strafe sein könnte. 

Psalm 18,21–25 formuliert das Prinzip in reiner Form, wenn David sagt:

Der HERR tut wohl an mir nach meiner Gerechtigkeit; er vergilt mir nach der Reinheit meiner Hände. Denn ich halte die Wege des HERRN und bin nicht gottlos wider meinen Gott. Denn alle seine Rechte hab ich vor Augen, und seine Gebote werfe ich nicht von mir, sondern ich bin ohne Tadel vor ihm und hüte mich vor Schuld. Darum vergilt mir der HERR nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor seinen Augen.

Weil

Eine andere Antwort besagt: Das Gesetz an sich ist gut. Es zu befolgen, dient unmittelbar dem eigenen Leben. Das ist für Erwachsene. Hier besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Gesetzestreue und Wohlergehen, der gar kein gesondertes Eingreifen Gottes erfordert – das Gesetz selbst bewirkt ihn. Es verhält sich wie mit der Gesundheit: Wer viel Gemüse, Obst und gute Fette zu sich nimmt, dafür wenig rotes Fleisch, Zucker und Alkohol, wer zudem nicht raucht und sich genug bewegt, fördert sein Wohlbefinden. Das ist die Denkart der jüdischen Weisheitslehre, wie sie das Buch der Sprüche vielfach variiert. Ein wunderbares Beispiel bietet Psalm 19,8–10:

Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise. Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. Die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen.

Während

Verwandt damit ist eine dritte Perspektive, die mir persönlich die liebste ist. Ich glaube, es ist die Antwort Jesu, wenn es um das rechte Verständnis der Gebote Gottes geht. Wenn wir Gott von ganzem Herzen lieben und uns von seiner Gegenwart verändern lassen, folgt daraus zweierlei gleichermaßen: Zum einen werden wir das Richtige tun wollen, weil wir zu Gott gehören und die Ordnung lieben, in der er sich offenbart. Und wir werden Glück und Frieden finden, weil wir im Einklang mit dem leben, was die Schöpfung durchwebt und durchschwingt.

Die beiden Folgen sind nicht kausal verknüpft. Wir sind nicht glücklich, weil wir das Richtige tun, sondern wir sind glücklich, während wir es tun – beides entspringt parallel unserer lebendigen Verbindung mit Gott. Ein Bild dafür gibt uns Psalm 1,3. Der Mensch bei Gott wird mit einem Baum verglichen, der an Wasserbächen gepflanzt ist:

Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, /
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.

Das Wasser steht für das Wort und die Nähe Gottes. Weil der Baum an dieser Quelle steht, bringt er saftige Frucht und seine Blätter verwelken nicht. Er gedeiht. Nicht die eigene Tugend, die Frucht, bewirkt das Gedeihen, sondern die Quelle bewirkt beides gleichzeitig.

Existenzangst

Wenn, Weil und Während sind Stufen. Sehr elementar die erste, aufs Weltganze gerichtet die dritte. Aber alle drei haben „ihren“ Raum. Wenn es einem sehr schlecht geht, wenn die Neider am Bett stehen und tuscheln: „Wer so daliegt, steht nicht wieder auf“ – hilft es dann, der Schönheit des Gesetzes nachzusinnen? Oder sich daran zu erinnern, dass Gottesnähe zu einem gelingenden Leben führt? In existentieller Not ist der Mensch pragmatisch. David fleht in Psalm 41 um Hilfe, versichert Gott seine Treue und erinnert daran, dass er sie schon oft bewiesen hat.

Martin Luther war ein erbitterter Feind der Werkgerechtigkeit; darin liegt eine Wurzel der Reformation. Aber als er beinahe starb mit einem Darmverschluss, der ihn von innen her zu erdrücken drohte, als er zu Gott schrie und um Gnade flehte – da hat er gewiss auch Kraft aus dem Bewusstsein gezogen, dass er ein treuer Diener Gottes war und Gott ihn kannte. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Luther liebte die Psalmen; sie waren für ihn die Bibel im Kleinen. Ob er in jenen dunklen Stunden wohl Psalm 41 gebetet hat?

Der Herr schütze uns und helfe uns in der Not, ob wir es nun verdienen oder nicht. Er schenke uns die Kraft, seine Diener zu sein und dabei im Leben zu bestehen. Amen.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 23/2026

…dass die Leute werden sagen: Der Gerechte wird ja seiner Frucht genießen; es ist ja noch Gott Richter auf Erden.
Ps 58,12

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Für Mikis Theodorakis

Harte Kost. Lesen Sie erst einmal den kurzen Psalm. Die beiden letzte Verse dröhnen in den Ohren: 

Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht,
und wird seine Füße baden in des Gottlosen Blut;
und die Leute werden sagen: 
Ja, der Gerechte empfängt seine Frucht,
ja, Gott ist noch Richter auf Erden.

Als ich den Psalm ein zweites und drittes Mal las, fiel mir, lang verschüttet, ein Lied ein: Für Mikis Theodorakis von F. J. Degenhardt. In den 70er Jahren habe ich als Teenager gelernt, Gitarre zu spielen und zu singen, im wesentlichen mit einem Liederheft: LiederbuchStudent für Europa. Schöne internationale Folklore war darin, und auch vieles, was der sozialistischen Szene in Deutschland wichtig und teuer war. Studenten waren damals anders drauf als heute, und ich wollte so sein wie diese (imaginierten) Studenten. Ich werde nicht vergessen, wie ich als Schüler mit der Gitarre vor der italienischen Eisdiele unserer kleinen oberschwäbischen Stadt saß und „Bella Ciao“ sang — mit grauenhafter Aussprache, denn in Wahrheit konnte ich kein Wort Italienisch.

Hier ist ein Live-Mitschnitt des Lieds von Degenhardt, und hier der Text. Der Sänger lässt keinen Zweifel, dass seine Sache gerecht ist und dass die Feinde an den Laternenpfahl gehören:

Ihre greisen, kalten Hände suchen jedes heiße Herz
Theodorakis, und du weißt, wie kalt sie sind
Doch wir wissen auch, daß sie zu kalt sind
Daß sie viеl zu alt sind, daß sie tot sind
Dann, wenn unser Tag bеginnt, 
Jener Tag, an dem die Sonne tanzt,
roter Tag der Freiheit in Athen

Das Lied ist gebaut wie der Psalm. Im ersten Satz werden die Feinde mit Schlagworten aufgerufen. Degenhardts beginnt mit ‚Da sind sie, die Konzern- und Landbesitzer, Popen, Panzer die bekannte Kumpanei…‘ Der Psalm setzt ein mit ‚Sprecht ihr in Wahrheit Recht, ihr Mächtigen? Richtet ihr in Gerechtigkeit die Menschenkinder?‘ und nennt diese Mächtigen dann Frevler und Lügner. Beide beschreiben anschließend das Schicksal, das unausweichlich auf diese Feinde der Menschen wartet, der Psalm etwa so: Sie vergehen, wie eine Schnecke verschmachtet, wie eine Fehlgeburt sehen sie die Sonne nicht…

"Liederbuch" Student für Europa -- internationale und sozialistische Folklore
„Liederbuch“ Student für Europa — internationale und sozialistische Folklore

So singt man, wenn man sicher weiß, dass man im Recht ist, und dass der Feind im Grunde nichts Menschliches hat. So klingt die Marseillaise aus der französischen Revolution, so klingen sozialistische Kampflieder wie die Internationale oder die Warschawjanka, und so klingen Lieder auch aus anderen Quellen, auf die ich nicht verlinke. 

Ist nun Degenhardt ein Psalmdichter? Das sei fern. Er ist nämlich stehen geblieben bei seinem Hass. Die Psalmen dagegen öffnen sich weit für alle Möglichkeiten, mit Gott zu sprechen. Nutzen Sie die Suchfunktion des Blogs und schauen nach den Beiträgen zu Psalmversen. Das ist ein Universum. 

Ein besserer Kandidat als Degenhardt wäre der Mann, dem er sein Lied gewidmet hat: Mikis Theodorakis, großer Komponist, Schriftsteller und Politiker, Widerstandskampfer und Sozialist. Ein Held der Linken: Zweimal war er in den Folterkellern der griechischen Faschisten. Aber als es wichtig und richtig wurde, kandidierte er als Parteiloser für die konservative Partei und nahm ein Ministeramt bei Mitsoutakis an — im Kampf gegen Drogen und Terrorismus, für Kultur und Erziehung und für Frieden und verbesserte Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei.

Degenhardt hätte sich gewiss im Grab herumgedreht, wenn er damals schon tot gewesen wäre. Aber Theodorakis ging es nie darum, irgendwelche Feinde zu vernichten — er wollte eine bessere Welt. Und er hat mit seiner Musik dazu beigetragen, mit vielen Liedern und einer großen Vertonung des Canto General von Pablo Neruda. 

Für Mikis Theodorakis also, ja! Und über allem für unseren großen Gott, der unser Leben beschützt, oft genug auch vor uns selbst. 
Ulf von Kalckreuth

Mikis Theodorkakis dirigiert ein Orchester im Kunst- und Kulturzentrum „Fabrik“ in Hamburg, 1971. Quelle und Lizenz: Wikimedia Commons

Bibelvers der Woche 17/2026

Dunkelheit ist wie das Licht -- Ps 188 und 139

Ich liege unter den Toten verlassen wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, deren du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hand abgesondert sind.
Ps 88,6

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Gottesfinsternis

Das Buch der Psalmen spiegelt getreu die ganze Lebenswirklichkeit mit Gott: Freude, Erleichterung, Dank für Errettung, Liebe, Lobpreis und Ehrerbietung, aber auch Flehen, Angst, Wut und — die Finsternis. Dieser Psalm geht hinein in die Finsternis und bleibt dort. Ein Beter schreit zu Gott und erhält keine Antwort. Lesen Sie den Psalm bitte ganz — oben ist der Link.

Kein Hoffnungsschimmer. In anderen Psalmen scheint auch in der Verzweiflung die Rettung auf. Gott erbarmt sich seiner Diener und gedenkt des Bunds. Als Beispiel für viele andere mag Ps 22 gelten, mit Jesu Worten am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieser Psalm endet im Lobpreis. 

Finsternis ist wie das Licht Teil von Gottes Schöpfung und Teil des Lebens mit Gott. Der Schöpfer von Tag und Nacht ist unser Gegenüber auch dann, wenn alle Welt wegbricht. 

Wenn man die Eltern, die Kinder, den Partner verliert. In terminaler Krankheit, wenn der Sog des Todes unerträglich wird. In Sucht, Scham und Schande. In unauflöslicher Schuld anderen Menschen gegenüber. In der Überforderung, in der Einsamkeit, im Wahn. Im Gefängnis. Manchen Menschen ist Gottverlassenheit Dauerzustand. 

Psalm 88 benennt das schonungslos. Gott ist auch in der Gottverlassenheit ein Gegenüber. Aber wo ist er, was ist seine Antwort? 

Aus der Bibel kenne ich zwei. Eine ist in Psalm 139 zu finden: 

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? 
Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. 
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, 
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. 
Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –, 
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht. 

Für Gott, den Schöpfer des Lichts und der Finsternis, gilt beides gleich. Er ist im Licht die Finsternis und in der Finsternis das Licht. Oberhalb und jenseits unserer Perspektive, die ja oft keine mehr ist, steht immer noch die Perspektive Gottes. Ich kannte einmal eine Frau gut, die mir sagte: „Weißt du, wenn es mir richtig schlecht geht, denke ich an Gott. Einfach nur an Gott. Und dann ist es besser!“  

Die andere Antwort gibt Gott mit Jesus am Kreuz. In seiner Todesangst schwitzt Jesus in Getsemane Blut und Wasser, er schreit bei Golgatha seine Gottverlassenheit in den Himmel. Und Gott schweigt. Seine Antwort ist eine neue Welt, in der die Gesetze der alten nicht mehr gelten. In der alten Welt gehn wir mit Jesus zugrunde, in der neuen wird Gott mit Jesus unsere Tränen abwischen. 

Ich kenne noch eine dritte Antwort. Sie steht nicht in der Bibel, sondern im letzten Vers eines uralten Chorals — Nun bitten wir den Heiligen Geist. Ich habe das Lied meinem Vater gesungen, als er im Sterben lag. Er wollte diese Strophe immer wieder hören, Zeilen für Zeile: 

Du höchster Tröster in aller Not, 
hilf, dass wir nicht fürchten Schand noch Tod,
dass in uns die Sinne nicht verzagen,
wenn der Feind wird das Leben verklagen.
Kyrieleis.

Gott sei immer mit uns, auch wenn wir ihn nicht sehen!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 09/2026

Ja, Gott wird den Kopf seiner Feinde zerschmettern, den Haarschädel derer, die da fortfahren in ihrer Sünde.
Ps 68,22

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Gottes Feinde

Starker Tobak, nicht wahr? Gott wird den Kopf seiner Feinde zerschmettern, den Haarschädel derer, die da fortfahren in ihrer Sünde. Da wächst nichts mehr, kein Gras und auch kein Haar. 

Psalm 68 ist ein Lied vom Sieg Gottes. Wir hatten daraus früher schon den BdW 17/2022. Ich bitte Sie, hineinzuschauen, dort ist der Psalm auch vollständig wiedergegeben. Nur zwei Wochen später gab es den BdW 19/2022, ein Vers, der dem jetzt gezogenen unmittelbar folgt. 

Ein altorientalisches Lied vom Siege Gottes, als großer König seines Volks und der Welt, und als Herrscher, der sich um die Seinen liebevoll kümmert, um die Schwachen zuvörderst. Die Härte unseres Verses ist sicherlich auch durch diese Form bedingt — die Siege der Könige über ihre Feinde wurden seinerzeit mit sehr starker Sprache gefeiert. 

Heute singen und beten wir nicht mehr auf diese Weise. Ähnliche Schwierigkeiten gibt es mit den Stellen, die von den persönlichen Feinde des Betenden handeln. Im Psalter wird kaum eine Verwünschung, kaum ein Todesfluch ausgelassen. Im Gottesdienst werden solche Verse vermieden, aber es gibt sie, und sie sind hier wiederkehrendes Thema, siehe erst vor kurzem den BdW 05/2026.

Hier nun also die Feinde Gottes… wer oder was ist das? Was auffällt, ist die Körperlichkeit des Verses, die physische Unmittelbarkeit. So spricht man nicht über Abstraktes: die Sünde, die Häresie, den Götzendienst. Wer so dichtet und singt, hat jemanden sehr konkret vor Augen, dessen Haarschädel er zerschmettert sehen will, in unbändiger Vorfreude. Bei der Betrachtung habe ich zwei Zugänge gefunden. Vielleicht finden Sie eigene. 

Das Neue Testament, beschreibt das Leben der Nachfolger Jesu als Kampf gegen die Mächte der Finsternis. Im Epheserbrief wählt Paulus martialische Bilder:

Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, mit den Herren der Welt, die über diese Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. (Eph 6,12-17)

Ein Freund, der mit seiner Familie in schwierigem Fahrwasser ist, sprach in der vergangenen Woche davon, dass all die existenziellen Angriffe, Krankheit, Unsicherheit, Überforderung, nicht auf diese Welt gehören. Das ist nicht Gottes Wille. „Und wir müssen dies beten“, sagt er. „Dies hier ist Jesu Land, hier haben die Feinde nichts zu suchen. Wir müssen es ihnen klar sagen, wir müssen unsere Grenzen ziehen und verteidigen. Geht fort, geht woanders hin! Im Namen Jesu, Amen!“ 

Da habe ich recht deutlich unseren Vers gehört, in der moderateren Sprache unserer Zeit. Und ich wiederhole seine Worte hier gern, für ihn und seine Familie und auch für die meine. Amen.

Aber vielleicht ist der Vers noch konkreter gemeint? Zielt er auf ganz bestimmte Feinde Gottes und Israels? Ausländische Herrscher, die das Land bedrohen, Tyrannen, Unruhestifter? 

Man darf unterstellen, dass Feinde Gottes keine Menschenfreunde sind. Wie würde eine ukrainische Mutter diesen Psalm lesen? An wessen Haarschädel könnte ein russischer Regimegegner denken? Die Opfer Epsteins und seiner Partnerin, Ghislaine Maxwell, wen wohl hätten die vor Augen? Und wäre das falsch, unchristlich?

Wer Gottes Feind ist, das weiß nur Gott allein. Aber es ist uns erlaubt, Vermutungen zu bilden. Und ja: Gott wird seine Feinde vernichten. Das ist es. Und daran läßt die Bibel nirgends den geringsten Zweifel.

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche — die Feinde Gottes ausgenommen!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 07/2026

Richte mich, Gott, und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten.
Ps 43,1

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Lifehack

Wie vor zwei Wochen: der erste Vers eines Psalms. Wenn man hinschaut, so ist es wohl nicht immer der erste Vers gewesen. Die Psalmen 42 und 43 gehören zusammen, ein Psalm wie ein modernes Lied, mit Strophen und Refrain. Psalm 43 ist die dritte Strophe mit abschließendem Refrain.

Ausgangspunkt ist die vollkommene Verzweiflung. Der Betende wird der feindlichen Welt um ihn nicht mehr Herr. Er ertrinkt, die Fluten rauschen über ihn (Ps 42), den bösen Menschen ist er hilflos ausgeliefert. In unserem Vers ruft er den Herrn an, eingeleitet mit einem trotzigen „Richte mich!“ Die Bitte kulminiert in den Worten:

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

Der Betende ist nicht angekommen im sicheren Hafen, nein, aber er stellt es sich vor, er sieht es vor sich. Er glaubt und hofft. Und dann kommt der den Psalmen gemeinsame Refrain:

Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Eine durchaus bemerkenswerte Struktur: Der Betende wartet. Er dankt nicht, aber er antizipiert den Dank, fast so, als gäbe es schon Grund dazu: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken…“ Das ist wie Medizin, die Seele wird ruhig. Beklemmung und Lähmung weichen.

Als ich ein Kind war, erzählte mir mein Vater eine Geschichte, der eine oder andere kennt sie vielleicht: Zwei Frösche auf der Suche nach Nahrung fielen in einen großen Krug voll Milch. Die Wand des Krugs war glatt, die Frösche konnten nicht klettern, und springen konnten sie aus der Flüssigkeit heraus auch nicht. Sie paddelten, dann gab einer der Frösche auf: „Es hat keinen Sinn, stundenlang ums Leben zu kämpfen, wenn man am Ende doch ertrinkt!“, und der ertrank in der Milch. Der andere Frosch paddelte weiter, bis an die Grenze seiner Kraft. So bildete sich in der Milch ein Butterklumpen. Dieser trug ihn und er konnte aus dem Krug springen.

Die Kunst besteht darin, die Seele zur Ruhe zu bringen, OBWOHL in der Welt nichts darauf hindeutet, dass sich die Lage bessern oder lösen könnte. Das geht nicht ohne geerdeten Glauben — Glaube und Hoffnung gehen hier eine innige Verbindung ein. Sie werden unmittelbar wirksam: die von ihrer Unruhe befreite Seele wird Wege finden. Der Teufelskreis aus der Übermächtigkeit der „Feinde“ und der eigener Machtlosigkeit ist gebrochen.

Der Lifehack eines Menschen auf seinem Weg mit Gott durchs Leben. Kann ich gut gebrauchen!

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche, mit einem Gruß aus Schlüchtern,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 05/2026

Ein Psalm Davids, vorzusingen.
Ps 21,1

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, diesmal zur Einheitsübersetzung.

Dank und Triumph

Wir haben die Überschrift des Psalms gezogen, den Einstieg, der den Autor oder die Widmung angibt. Wenn ich dazu schreiben will, muss ich wohl ein wenig an meinen Fingern saugen. Mal sehen, was dabei herauskommt…!

Von den 150 Liedern im Psalter werden 73 David zugeschrieben. In den Überschriften werden sie als „von David“ gekennzeichnet. Zu beachten ist, dass „von David“ und „für David“ auf Hebräisch dasselbe heißt: le David. Manche Psalmen wirken in der Tat so, als seien sie nicht VON David geschrieben, sondern FÜR ihn, oder für einen seiner Nachfolger. In unserem Vers tritt die doppelte Bedeutung ins Rampenlicht. Das „le“ taucht im hebräischen Fassung nämlich zweimal auf: der Vers lautet: le menazeach. le David. Wörtlich übersetzt „Für den Chormeister. Von David.“ So gibt es die Einheitsübersetzung wieder, auf die ich diesmal verlinkt habe. Genauso richtig und eigentlich intuitiver wäre „Vom Chormeister. Für David „

Die Mehrdeutigkeit ist charakteristisch für das, was nachher kommt. Während der erste Teil ein Dankgebet für die Gnade ist, die Gott dem König erweist, also wohl „von David“ kommt, bittet der zweite Teil um Kraft für den König gegen seine Feinde, also eigentlich „für David“. Das „Du“ bezieht sich auf den König. Mit Gottes Hilfe wird er mit seinen Feinden fertig, in recht brutaler Weise übrigens. 

Die Sprache des zweiten Teils klingt für heutige Ohren abstoßend. Man kann damit in verschiedener Weise umgehen. In der Eisenzeit hat man über Gewalt anders gesprochen als heute, was nicht heißen muss, dass Politik in jedem Fall gewalttätiger war. Diesbezüglich lernen wir ja derzeit jeden Tag dazu. Man kann den Psalm auch christologisch deuten. Dann ist Christus der König. Er obsiegt über das Böse, zu dessen Vernichtung er ausgesandt ist. Das ist eine sehr viel jüngere Perspektive. Solche Lesarten versuche ich, zu vermeiden. Bibeltexte sollten aus der Situation ihrer Entstehung heraus verständlich sein — wie sonst hätten sie den weiten Weg durch die Zeit zurücklegen können?

Hier aber kann uns die christologische Lesart einen Fingerzeig geben. Mein Vater legte mir einmal nahe, in den „Feinden“ der Psalmen, BdW 12/2023, das Böse in uns selbst zu sehen. Ich weiß nicht, wie „theologisch“ das ist, aber wenn wir das Gebet so lesen, dann ist es nicht Dank und Triumph eines Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, dann sind wir alle der König, der für Gottes Schutz und Beistand danken kann und der mit Gottes Hilfe dem Bösen widersteht. Je nach Zeitgeist kann solcher Dank recht kernig sein. Hier ist als Beispiel ein Link zu einem Lied aus dem Jahr 1932, das sich auch heute noch in vielen evangelischen Gesangbüchern findet: Herr, wir stehen Hand in Hand. 

In diesem Sinne wünsche ich uns eine gesegnete Woche!
Ulf von Kalckreuth

Nachtrag: Ich bin in Hamburg, und gerade war ich mit meiner Frau im Michel, dem Wahrzeichen der Stadt. Dort gibt es eine Statue des Erzengel Michael. Man sieht, wie er das Böse erschlägt, und man sieht auch, mit welcher Freude er es tut.

Erzengel Michael erschlägt mit dem Schwert das Böse. Statue im Hamburger Michel
Erzengel Michael erschlägt das Böse mit dem Schwert. Statue im Hamburger Michel, Ulf von Kalckreuth 2026.

Bibelvers der Woche 39/2025

Es sage nun Israel: Seine Güte währet ewiglich.
Ps 118,2

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich!

Noch einmal ein Psalm, wie in der vergangenen Woche. Und einer, den ich sehr liebe. Den ersten Vers dieses Psalms hat mein Vater immer vor den Mahlzeiten gebetet: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich“. 

Der Psalm erzählt dann von der Rettung, die dem Betenden zuteil wurde und singt von der Heilserwartung für die Welt, immer ekstatischer — man meint zu hören, dass Teile davon gerufen, geschrien oder getanzt wurden. Psalm 118 gilt als Messiaspsalm, und in der Erzählung von Matthäus sangen die Menschen ihn, als Jesus in Jerusalem einzog (Mt 21,9). Eine Betrachtung des ganzen Psalms würde mich überfordern, aber ich stelle ihn unten ein. Bitte lesen Sie ihn, vielleicht ändert er Ihren Tag oder Ihr Leben. Am Ende steht wieder der Dank, mit denselben Worten, mit denen der Psalm einsetzt: ‚Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich‘. 

Wer dankt hier Gott? Die Verse 2-4 nehmen das Thema auf und gehen in die Beziehungsebene. Nacheinander treten drei Gruppen von Menschen auf die Bühne und werden mit einer eigenen Beziehung zu Gott erkennbar.  

Es sage nun Israel:
Seine Güte währet ewiglich.
Es sage nun das Haus Aaron:
Seine Güte währet ewiglich.
Es sagen nun, die den HERRN fürchten:
Seine Güte währet ewiglich.

Vielleicht sind sie in der alten Zeit wirklich vorgetreten und haben je gesondert die Güte Gottes bekannt, ich stelle mir das so vor. Vers 2, den wir gezogen haben, thematisiert das Volk Gottes. Israel ist in besonderer Weise „Gottes Eigentum“, wer diesem Volk angehört, hat eine Beziehung zu Gott, die mit der Geburt beginnt. Vers 3 nennt die Söhne Aarons, also die Priester. Sie stammen von Urpriester Aaron ab, dem Bruder Mose. Die Katholiken haben die Vorstellung einer direkten Nachfolge aufgenommen: Römisch-katholische Priester stehen in einer ‚apostolischen Sukzession‘ zu Petrus, durch eine ununterbrochenen Kette von Priesterweihen. Priestertum ist in besonderer Weise Berufung, es gehört eine lange Ausbildung dazu und Ausschließlichkeit. Jüdische Priester durften kein Land besitzen oder bearbeiten, katholische Priester stehen abseits von Ehe und Familie. 

Der Psalm kennt noch eine dritte Beziehung zu Gott  — „Es sagen nun die, die den Herrn fürchten: seine Güte währet ewiglich“. Die „Gottesfürchtigen“, jirei adonai, sind Nichtjuden, die sich dem Herrn zuwenden und ihn anbeten, freiwillig gewissermaßen, ohne dazu per Geburt auserwählt oder verpflichtet zu sein. Ursprünglich waren das im Lande ansässigen Nichtisraeliten. Später gehörten auch Ausländer dazu. Im Tempel gab es nicht nur einen eigenen Vorhof für Frauen, sondern auch für Heiden. Judentum war keine Religion, sondern eine Volkszugehörigkeit, aber in römischer Zeit beteten in den Synagogen neben den Juden auch sogenannte Proselyten, Nichtjuden, die sich Gott dem Herrn verschrieben hatten. Sie werden hier gesondert genannt. 

Als ich den Psalm mit meiner Hebräischlehrerin las, sagte ich ihr, dass dies wohl „meine“ Gruppe sei. Aus jüdischer Perspektive richtig, sie widersprach nicht. Ich weiß, dass sie mich lieber in der ersten Gruppe gesehen hätte. Im Christentum gibt es die drei Gruppen auch. Da sind die ‚geborenen‘ Christen, in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, als Kind getauft oder, in Freikirchen, als Heranwachsender oder junger Erwachsener. Da sind die Priester und Pfarrer, Diakone, Religionslehrer, Ordensleute, Missionsschwestern und Diakonissen, mit ihrer dezidiert beruflichen und auch ausschließlichen Zuwendung. Und da sind diejenigen, die Gott auf anderem Weg gefunden haben, oder Gott sie. Sagt uns der Psalm, dass die Beziehung dieser Menschen zu Gott etwas Besonderes bleibt? Und zu welcher Gruppe gehöre ich selbst? Kan das im Leben einem Wandel unterliegen?

Hier ist nun der ganze Psalm, in der Übersetzung von 1984. Wenn sie ihn lese, denken Sie daran, dass er für alle drei Gruppen spricht, die anfangs hervortreten. Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche. Dies ist der Tag, den der HERR macht, lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen!

Ulf von Kalckreuth

Psalm 118

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.

Es sage nun Israel:
Seine Güte währet ewiglich.
Es sage nun das Haus Aaron:
Seine Güte währet ewiglich.
Es sagen nun, die den HERRN fürchten:
Seine Güte währet ewiglich.

In der Angst rief ich den HERRN an;
und der HERR erhörte mich und tröstete mich.
Der HERR ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht;
was können mir Menschen tun?
Der HERR ist mit mir, mir zu helfen;
und ich werde herabsehen auf meine Feinde.
Es ist gut, auf den HERRN vertrauen
und nicht sich verlassen auf Menschen.
Es ist gut, auf den HERRN vertrauen
und nicht sich verlassen auf Fürsten.

Alle Heiden umgeben mich;
aber im Namen des HERRN will ich sie abwehren.
Sie umgeben mich von allen Seiten;
aber im Namen des HERRN will ich sie abwehren.
Sie umgeben mich wie Bienen, /
sie entbrennen wie ein Feuer in Dornen;
aber im Namen des HERRN will ich sie abwehren
Man stößt mich, dass ich fallen soll;
aber der HERR hilft mir.
Der HERR ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.

Man singt mit Freuden vom Sieg /
in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des HERRN behält den Sieg!
Die Rechte des HERRN ist erhöht;
die Rechte des HERRN behält den Sieg!
Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des HERRN Werke verkündigen.
Der HERR züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.

Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,
dass ich durch sie einziehe und dem HERRN danke.
Das ist das Tor des HERRN;
die Gerechten werden dort einziehen.
Ich danke dir, dass du mich erhört hast
und hast mir geholfen.

Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist vom HERRN geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen.

Dies ist der Tag, den der HERR macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
O HERR, hilf!
O HERR, lass wohlgelingen!
Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!
Wir segnen euch, die ihr vom Hause des HERRN seid.

Der HERR ist Gott, der uns erleuchtet.
Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!
Du bist mein Gott und ich danke dir;
mein Gott, ich will dich preisen.

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.

Bibelvers der Woche 38/2025

Ps 4,3: David und die Lüge. Ulf von Kalckreuth mit Dall-E, September 2025

Liebe Herren, wie lange soll meine Ehre geschändet werden? Wie habt ihr das Eitle so lieb und die Lüge so gern! (Sela.)
Ps 4,3

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Lüge und Wahrheit

Als ich in den Vers in der vergangenen Woche zog, glaubte ich, sofort zu verstehen. Hier ruft die gequälte Seele eines Opfers seiner Umgebung und ihrer Hierarchien. In einer großen Organisation bekommt man genügend Anschauungsmaterial: Wer nicht in den Kram passt, wird zur Zielscheibe, viele zerbrechen daran. Ich las den Vers meiner Frau vor und sagte ihr: „Dieser Psalm 4 ist gewiss kein Psalm Davids“. 

Und ich lag falsch. Hier spricht König David. Wer sind denn die „lieben Herren“, von denen er so bitter spricht? Die Granden seines Hofs, die Stammesfürsten, auf deren Wohlwollen er angewiesen war, die Könige und Fürsten anderer Reiche? Von Willy Brandt wird gesagt, dass sein Aufstieg sich auf einer Kette von Demütigungen vollzog — vielleicht hat auch David das so empfunden?

Es geht hier um eine Grunderfahrung, die Könige und Bettler teilen, und auch Angestellte.

Der Psalm spricht vom Vertrauen in Gott, Gott als Bezugspunkt, der alles heilt. Wenn Menschen  zueinander in Konflikt stehen, hat jeder „seine“ Wahrheit und glaubt sie in der Regel selbst. Und die Wahrheit des einen ist dem anderen Lüge. ‚Was ist Wahrheit‘, fragt Pilatus, und nur an der Oberfläche ist das Ironie.  Die eine, intersubjektiv nachprüfbare Wahrheit der Wissenschaftstheoretiker gibt es im sozialen Gegeneinander nicht, es gibt so viele Wahrheiten wie Beteiligte und machmal noch einmal so viel. Schmutzig wird die Welt dabei und — ja, demütigend.  

Gott als Bezugspunkt. Gott als Lokus der Wahrheit — wenn zwei miteinander reden und beide denken an Gott, dann werden sie dieselbe Wahrheit sehen. Davon bin ich überzeugt. Und wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. 

Der Herr behüte uns in dieser Woche und erhalte unsere Wahrhaftigkeit,
Ulf von Kalckreuth

Nachtrag: Über Gott und die Wahrheit lässt sich viel finden in der Bibel. Heute (Samstag) Abend bin ich durch Zufall auf zwei Verse gestoßen, die ich hier weitergeben will:

Doch es kommt die Zeit – ja, sie ist schon da –, in der die Menschen den Vater überall anbeten werden, weil sie von seinem Geist und seiner Wahrheit erfüllt sind. Von solchen Menschen will der Vater angebetet werden. Denn Gott ist Geist. Und wer Gott anbeten will, muss von seinem Geist erfüllt sein und in seiner Wahrheit leben.
Joh 4, 23-24, zitiert nach „Hoffnung für alle“

Bibelvers der Woche 34/2025

Psalm 139, 19-22. Ulf von kalckreuth mit Dell-E, 15. August 2025

Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.
Ps 139,20

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Gottes Feinde und meine Feinde

Wir haben eine Doublette: der selbe Vers wurde vor knapp zweienhalb Jahren schon einmal gezogen, als Bibelvers der Woche 12/2023. Und es ist nicht die erste. Vor zwei Jahren wurde als BdW 29/2023 ein Vers gezogen, der schon früher in Erscheinung getreten war — hier ist meine Betrachtung dazu. Wie damals schon gesagt: Doubletten sind nichts überraschendes. Wir haben im Lauf der Jahre 440 Bibelverse gezogen, das sind nun bereits 1,37% der Verse im Gesamtbestand der Bibel, und ebenso hoch liegt nun auch die Wahrscheinlichkeit, einen Vers erneut zu ziehen. Und das Woche für Woche, 52 Mal im Jahr. Mit zunehmender Zeit und Zahl der Ziehungen werden Doubletten immer wahrscheinlicher.  

Seinerzeit, vor zweieinhalb Jahren, stellte ich fest, dass ich der ersten Betrachtung eigentlich nichts hinzufügen konnte. Ich plante dann, die umfangreiche Ziehung mit den Betrachtungen nun endlich auszuwerten, aus der großen Ziehung ein Gesamtbild der Bibel zu erarbeiten. Im Anschluß hatte ich dazu aber weder die Zeit noch die Kraft. Ein Versuch, die Betrachtungen oder Teile davon in ein Buch zu fassen, scheiterte vorläufig. Statt dessen zog ich weiter. Der „Bibelvers der Woche “ hat eine Dynamik, die ich selbst nicht wirklich kontrolliere.

Im gezogenen Vers stellt der Betende fest, das die Feinde Gottes seine eigenen Feinde geworden sind, er „hasst sie mit ganzem Ernst“. Was kann ich meiner Betrachtung dazu hinzufügen? Vielleicht dies, im Anschluß an den Vers der vergangenen Woche: Der Umgang mit den Feinden — was auch immer es ist, das wir als feindlich erleben — ist für unser Leben ebenso prägend wie der Umgang mit Versagen und Schuld. Sind wir dabei auf die Zukunft bezogen, die wir uns wünschen? Oder auf die Vergangenheit, die wir fürchten? Wenn wir an das denken, was uns bedroht, können wir dabei gleichzeitig an Gott denken, der uns liebt? 

Der Name „Satan“ bedeutet auf Hebräisch „Verwirrer“ oder „Ankläger“. Ich liebe das Lied „Nun bitten wir den Heiligen Geist“. Es endet mit den Worten: Du höchster Tröster in aller Not: Hilf, daß wir nicht fürchten Schand noch Tod, daß in uns die Sinne nicht verzagen, wenn der Feind wird das Leben verklagen. Kyrieleis!

So sei es. 
Ulf von Kalckreuth