Bibelvers der Woche 41/2026

Denn du hast meine Seele aus dem Tode gerissen, meine Augen von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.
Ps 116,8

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Im Lande der Lebendigen

Aufatmen. Und tiefer Dank. Der Psalm setzt ein mit den Worten: Ich liebe den Herrn, denn er erhört die Stimme meines Flehens. Der Betende war in tiefer Not, in Krankheit, dem Tode nahe. Er rief den Namen des Herrn an und wurde gerettet. 

Die Übersetzung ist etwas unglücklich geraten. Das sehr körperliche „gerissen“ passt nicht zu allen drei Bildern. Die Seele vom Tod? Okay. Die Augen von den Tränen? Hoffentlich nicht. Und beinahe widersinnig wird es, wenn der Fuß vom Gleiten weggerissen wird… 

Ich finde die Lösung der Neuen Genfer Übersetzung sehr schön: 

Ja, du hast mich vor dem Tod gerettet, meine Tränen hast du getrocknet und meine Füße vor dem Ausgleiten bewahrt, damit ich nicht zu Fall komme.

Das klingt so zärtlich und vertrauensvoll, wie es gemeint ist. 

Gibt es noch etwas zu sagen? Vielleicht eine kleine Geschichte. Über dem Portal am Neuen Jüdischen Friedhof an der Eckenheimer Landstraße in Frankfurt steht in großen Buchstaben diese Inschrift:

אתהלך לפני הי בארצות החיים

Ich fuhr dort früher oft mit dem Fahrrad vorbei, und weil ich in dieser Zeit Hebräisch lernte, wollte ich die Inschrift entziffern. Für mich als Anfänger erwies sie sich als ausgesprochen sperrig. Eines Tages, mit viel Mühe, konnte ich sie lesen. Später habe ich den Vers in der Bibel gefunden. Es ist Ps 116,9, unmittelbar im Anschluss an unseren Bibelvers der Woche: 

Ich werde wandeln vor dem Herrn im Land der Lebendigen. 

Über dem Portal des Friedhofs stehend weist der Vers über unsere Welt hinaus. Und weil die Frucht so hoch hing, habe ich ihn nie vergessen. Gott gibt uns seine Geschenke überall, manchmal auch an der Eckenheimer Landstraße…

Ja, Herr, errette uns vor dem Tod, trockne unsere Tränen und bewahre unsere Füße vor dem Ausgleiten, damit wir nicht zu Fall kommen.
Ulf von Kalckreuth

Portal des Neuen Jüdischen Friedhofs in Frankfurt. Fotografie: Joachim Kaiser, Ausschnitt: Ulf von Kalckreuth. Lizensiert unter Wikimedia Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported.

Bibelvers der Woche 39/2026

Denn du, Gott, hörst meine Gelübde; du belohnst die wohl, die deinen Namen fürchten.
Ps 61,6

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Was sind meine Gelübde?

Der Betende ist in Angst und Isolation. Er schreit zu Gott „vom Ende der Erde“ und wünscht sich, aus seiner Angst herausgenommen zu werden; Gott möge ihn auf einen hohen Felsen führen. Er braucht Gottes Schutz, möchte im Zelt Gottes wohnen. Üblicherweise ist das eine Umschreibung für den Tempel.

Unser Vers ist der Wendepunkt des Psalms. Der Betende wird zuversichtlich, denn Gott ‚hört Gelübde‘. Wer Gott fürchtet, also Ihn und seine Gesetze achtet, steht unter seinem Schutz. Was er Gott in der Not versprochen hat, will er erfüllen. Der Psalm sagt nicht ausdrücklich, wer der Betende ist und worin sein Gelübde besteht. Wir erfahren nur, dass er täglich erfüllen will, was er Gott versprochen hat.

Ein Gelübde ist ein Versprechen, das ein Mensch Gott gegenüber abgibt. Oft in einer Notsituation: er verspricht eine Gegenleistung, wenn Gott ihn erhört (z.B. Ps 116,14). Solche Versprechen sind unmittelbar bindend und müssen unbedingt eingehalten werden (Dtn 23, 22-24). Deshalb warnt die Bibel ausdrücklich vor unbedachten Gelübden (Spr 20,25). Einen tragischen Fall haben wir im BdW 22/2021 kennengelernt. Der israelitische Richter Jiftach verspricht Gott für den Fall des Siegs als Brandopfer „das erste, was aus meiner Haustür mir entgegentritt, wenn ich in Frieden wiederkomme…“ (Ri 11,31), und wer ihm entgegenkommt, ist seine eigene, seine einzige Tochter, mit einer Pauke in der Hand. 

Ein Gelübde etabliert eine Bindung zwischen Mensch und Gott. Anders als die großen Bünde in der Bibel ist diese Bindung persönlich. Ein Gelübde schafft eine persönliche Pflicht und hofft auf persönliche Rettung. 

Eine Freundin, der ich den Vers in der vergangenen Woche schickte, sagte mir, sie sei „gespannt, was deine Gedanken zu deinem Gelübde vor Gott“ seien. Das setzt voraus, dass ich eines abgegeben habe. Die Frage hat mich wirklich überrascht und zum Nachdenken gebracht. 

Ja, für zwei Menschen, meine Kinder, habe ich Gott gegenüber ausdrücklich Verantwortung übernommen. Etwas Vergleichbares habe ich bei meinem Eheversprechen getan. Auch als ich in unsere Gemeinde eintrat, bin ich eine Bindung eingegangen, in die Gott einbezogen ist. Und als Beamter habe ich einen Eid auf die Verfassung, die geltenden Gesetze der Bundesrepublik Deutschland und meine dienstlichen Pflichten geleistet. 

Aber diese Bindungen sind abstrakt. Sie müssen situativ konkretisiert werden, um eine Wirkung zu entfalten. Ist das gemeint? Die Gelübde, von denen in der Bibel die Rede sind, betreffen sehr konkrete Handlungen — ein Opfer, eine Zahlung, eine Wallfahrt, einen speziellen Dienst.

Eine solche Rolle spielt für mich seit längerer Zeit der Bibelvers der Woche. Damit im Zusammenhang stehen Abläufe, die in vieler Hinsicht genau bestimmt sind. Vor Sonntag um 0 Uhr muß der Bibelvers für die kommende Woche im Netz stehen, gemeinsam mit einer Betrachtung. Eine E-Mail geht an eine Reihe von interessierten Menschen, anschließend wird der Vers für die neue Woche gezogen. 

In seiner Regelmäßigkeit erinnert das an eine kultische Handlung. Heute bin ich morgens um halb vier aufgestanden, um diese Betrachtung zu schreiben, weil ich weiß, dass ich wegen anderer Verpflichtungen heute den Tag über keine Zeit haben werde. Vielleicht ist sie deshalb auch nicht gut fokussiert. Wo ich dies schreibe, ist es 5.40 Uhr und jetzt mache mir einen Kaffee.

Das Sonderbare ist: ein ausdrückliches Gelübde habe ich nie abgelegt. Ich fühle klar eine Verpflichtung, aber sie hat sich konkludent ergeben, im Vollzug gewissermaßen. 

Ich habe ein Versprechen gegeben, indem ich es gehalten habe. 

Biblisch ist es kein Gelübde — das Versprechen wurde nie ausgesprochen. Und doch glaube ich, dass viele unserer wirksamen Bindungen so entstehen. Wir kommen in einen Dienst und erfüllen ihn, und die Bindungswirkung, das Versprechen, ergibt sich daraus. 

Kaffeetasse und Bibelvers der Woche
Kaffeetasse und Bibelvers der Woche

Nicht jede Bindung gilt für immer. Vielleicht müssen wir uns von Zeit zu Zeit fragen, ob Gott einen Dienst von uns noch will — oder ob nur wir selbst es sind, die uns daraus nicht entlassen können. 

Was sind Ihre Gelübde? Wie sind sie zustande gekommen? Und gibt es eine Ausstiegsklausel? 

Gott schütze uns und sei uns gnädig!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 36/2026

Der helle Morgenstern -- Jesus löst das Versprechen Gottes ein.

„Ich will deinen Samen bestätigen ewiglich und deinen Stuhl bauen für und für.“ (Sela.)
Ps 89,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Dynamit und Morgenstern

Der Vers ist eine Zusage Gottes an David. Seine Nachkommen werden regieren bis in alle Ewigkeit, oder jedenfalls bis in eine ferne, unbestimmte Zukunft. 

Mir liegt das zunächst einmal sehr fern. Zwar bin auch ich männlichen Geschlechts, aber sonst habe ich mit David nichts gemein: keine Söhne, keine Krone, kein Thron. Ihnen. liebe Leser, wird es ähnlich gehen. 

Wenn man aber den Psalm liest, zieht es einem fast die Schuhe aus. Er hat zwei Teile. Der erste überbietet sich selbst mit Heilszusagen an das Volk Gottes und seinen König und mit Lobpreis Gottes, dem mächtigen Herrn der Herren, der die Erde lenkt und das Chaos der Urzeit seiner Ordnung unterwirft – er vernichtet Rahab, das mythische Ungeheuer des Urmeers, Sinnbild des Chaos. 

Aber dann, ab Vers 39, kommt der Absturz:

Aber nun hast du verstoßen und verworfen
und zürnst mit deinem Gesalbten!
Du hast zerbrochen den Bund mit deinem Knecht
und seine Krone entweiht in den Staub.
Du hast eingerissen alle seine Mauern
und hast zerstört seine Festungen.
Es berauben ihn alle, die vorübergehen;
er ist seinen Nachbarn ein Spott geworden.
(Vers 39-42)

Und so weiter, mit steigender Intensität. Gott hat sein Volk und den König fallen lassen, hat scheinbar alle Versprechungen gebrochen und bricht sie weiter. Der Psalm ist nicht nur Klage, er ist regelrecht Anklage, mit der rhetorisch hoch aufgeladenen und unbedingten Heilszusage im ersten Teil und der übergangslos darauf folgenden erbarmungslosen Inventur der Realität von Staat und Volk. 

In der Bibel ist das Dynamit. Vielleicht ist der erste Teil des Psalms eine alte Königs-und Bundesüberlieferung, und der zweite stammt aus der Zeit des Zusammenbruchs. Vielleicht aber sind auch beide Teile gemeinsam verfasst: sehr stark sind sie aufeinander bezogen, wie Licht und Schatten. Der Psalm endet mit einer intensiven Bitte, die ohne Antwort bleibt. 

Mich erinnert das sehr an den BdW 34/2026 vor zwei Wochen, worin Gott seinem Volk den Schutz entzieht. Wie gehen wir damit um, wenn unsere Welt mit ihren Gewissheiten sich auflöst, obwohl wir doch auf Gottes Schutz bauen und vertrauen? Der Tod ist uns gewiss und unseren Kindern auch und – so fürchte ich – unserer Kultur. All das wird nicht schön.

Mit seiner im Wortsinn krassen Gegenüberstellung von Zusage und Realität fordert der Psalm vom Leser – und von Gott – eine Antwort. Das Alte Testament gibt sie nicht, nicht endgültig. Die Bücher Esra und Nehemia berichten zwar, wie nach der Katastrophe das Schlimmste überwunden wird: das Exil endet, Juden dürfen sich wieder in Jerusalem und der Umgebung sammeln und können die Stadt neu aufbauen, mit Mauer und Tempel. Aber das davidische Königtum kehrt nicht zurück. Das Land wechselt den Besitzer mehrfach. Zur Zeit von Christi Geburt steht es unter römischer Oberhoheit. Wenig später ist Jerusalem völlig zerstört und seine Bewohner vertrieben. Das Haus David scheint verschwunden. 

„Ich will deinen Samen bestätigen ewiglich und deinen Stuhl bauen für und für.“

???

Eine überraschende Antwort auf die klaffende Frage gibt das Neue Testament. Die Bezeichnung „Sohn Davids“ war im Lauf der Zeit zum messianischen Titel geworden, sie steht für den König, der da kommen soll, das Reich wieder aufzurichten. Viele erwarteten einen König aus Fleisch und Blut, der mit militärischer Macht auch politisch wieder aufrichtet. Das Neue Testament deutet den Königstitel um. Jesus ist kosmischer König, der das Reich Gottes errichtet. Sein Reich, sagt er, ist nicht von dieser Welt. 

In seiner großen Predigt nach dem Pfingstwunder erklärt Petrus den Zuhörern, wie ausgerechnet der jämmerlich m Kreuz gestorbene Jesus der verheißene David-König sein kann. Jesus ist auferstanden, er ist nicht im Tod geblieben. Er ist Nachkomme Davids und mit der Auferstehung beginnt sein Königtum: So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat (Apg 2,36).

Die Auferstehung ist für die Autoren des Neuen Testaments die Krönung Christi, das Ereignis, mit dem Gott sein feierliches Versprechen aus Psalm 89 einlöst. Das Königtum Davids und sein Same sind nicht erloschen. Das Reich Davids ist transformiert, in unfassbarer Weise ausgeweitet. Es überschreitet die Grenzen von Land, Volk, Macht und schließlich sogar des Todes. Das große Bild dieser neuen Welt geben uns die letzten Abschnitte der Offenbarung am Ende der Bibel. Dort sagt Jesus von sich selbst: Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern. Und er setzt fort: Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst. (Off 22,16b+17).

Der Herr segne und behüte uns in der kommenden Woche und immer. 
Ulf von Kalckreuth


Ein kleines Postscriptum: Wie auch schon in den drei vergangenen Jahren ist der „Bibelvers der Woche“ wieder als akkreditierter Blog auf der Buchmesse in Frankfurt vertreten. Über diese Akkreditierung freue ich mich auch deshalb, weil in diesem Jahr nur Content-Producer mit einer geschätzten Reichweite von mehr als 2000 Followern noch einen Presseausweis erhalten…! Ich werde berichten.

Bibelvers der Woche 31/2026

Der König und Feldherr aus Ps 110 trinkt Wasser am Bach

Er wird trinken vom Bach auf dem Wege; darum wird er das Haupt emporheben.
Ps 110,7

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Wasser des Lebens

Ein rätselhafter Vers in einem rätselhaften Psalm. Bitte folgen Sie dem Link oben und lesen Sie den Psalm erst einmal ganz. Er ist nicht lang. Aber er hat es in sich.

Von zwei Herren ist die Rede. Der eine ist unzweifelhaft Gott, der Herr. Im Original steht hier das Tetragramm, der Name Gottes. Der andere wird vom Psalmisten als „mein Herr“ angesprochen. Wer ist es?

Der Psalm gehört zu den Davidspsalmen. Wenn David ihn geschrieben hat, so ist „sein Herr“ ein Mensch, der mächtiger und größer ist als er selbst. Manche jüdische Exegeten denken an den Messias, andere an Abraham. Ihn könnte David „mein Herr“ genannt haben. Manche denken auch an David selbst. Im Original lautet die Zueignung des Psalms „le David„, das kann „von David“ oder auch „für David“ bedeuten. Der Autor könnte dann ein Höfling Davids sein, ein Tempelsänger oder ein Priester. Christen verweisen auf Jesus Christus. Jesus selbst spricht über den Psalm. Der Messias sei gemeint, sagt er, und folglich könne der Messias nicht einfach Sohn Davids sein, sonst würde David ihn nicht „mein Herr“ nennen (Matth 22,41–46).

Geheimnisvoll ist auch, dass der Besungene nicht nur oberster König, sondern auch oberster Priester ist, und zwar Priester nach der Weise Melchisedeks, einer anderen Ordnung als die der Nachfolger Aarons. Priestertum und Königtum waren in Israel klar verschiedenen Ämtern und Abstammungslinien zugeordnet.

Der Psalm beschreibt, wie dieser große Priester und König machtvoll auftritt und im Volk Gottes ein großes Heer aufbietet, das ihm „willig folgt im heiligen Schmuck“. Der König und sein Heer vernichten die Feinde Israels. Und dann kommt der sonderbare Vers 7, der letzte des Psalms: 

Er wird trinken vom Bach des Weges, darum wird er das Haupt emporheben. 

Was ist das? Psalm 110 entwirft eine gewaltige, bis ins Endzeitliche reichende Vision. Er steigert sich in immer größere Höhen: der Herr sitzt zur Rechten Gottes, er herrscht, er ist Priester in Ewigkeit, er richtet die Völker und zerschmettert Könige – und die letzte Notiz zeigt ihn beim Trinken aus einem Bach. Das ist das Gegenteil eines Höhepunkts.

Es gibt Exegeten, die gerade in dieser Unscheinbarkeit die Botschaft sehen: der Priesterkönig schreitet als Feldherr unaufhaltsam voran, und er hält nur kurz inne, um seinen Durst zu stillen. Nichts Unnötiges lenkt ihn ab von seiner Aufgabe. Verwandt damit ist die Deutung von Augustinus: Der Menschensohn muß sich erniedrigen, Mensch werden, leiden, um sein Erlösungswerk zu vollbringen. 

Aber was hat es mit dem Wasser auf sich? Man kann es als die Quelle jener Kraft lesen,  die der heiligen Priester, König und Feldherrn braucht, um den Kopf über seine Feinde zu erheben. 

Wiesenbach bei Biberach an der Riß

Mir fällt Psalm 1 ein. Dort steht Wasser als Bild für die Kraft und das Heil, das der Glaubende aus seinem Leben mit Gott zieht. Auch Jesus verwendet das Bild des Wassers in dieser Weise, in seinem Gespräch mit der Samariterin. In der Taufe schließlich wird der Mensch in die Gemeinschaft mit Christus hineingenommen.

Wenn Jesus der Priester und König des Psalms ist, dann sagt uns der Vers, was seine Kraft und Macht ist: es ist die Kraft Gottes, der er sich verbunden weiß bis hin zur Identität: „Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir?“, Joh 14,10.

Wir sind Kinder Gottes. In der Gemeinschaft mit Christus sind wir Könige und Priester, sagt die Offenbarung. Auch wir dürfen aus dem Wasser des Lebens Kraft und Reinheit empfangen. Der Herr sei mit uns in der Woche, die kommt.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 28/2026

Und niemand müsse ihm Gutes tun, und niemand erbarme sich seiner Waisen.
Ps 109,12

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Segnen, Fluchen und Beten

Wir haben aus einem Fluchpsalm gezogen. Es ist einer der fünf Psalmen, die von der katholischen Kirche aus dem Stundenbuch für das mönchische Beten getilgt wurden, weil sie die christliche Botschaft verdunkeln können. 

Dennoch sollten Sie nun dem Link zum Psalm folgen, damit Sie sehen, worum es geht. Der zweite Abschnitt enthält einen langen Fluch. Der dritte Abschnitt gibt uns eine Vorstellung davon, was den Psalmisten dazu bringt, so zu beten. 

Psalmen sind Lieder vom menschlichen Reden zu Gott. Und solches Reden handelt durchaus nicht nur von Themen, Bitten und Wünschen, die uns als angemessen erscheinen. Menschen haben Angst. Menschen lernen hassen. Und auch dann rufen sie Gott zu Hilfe.. 

Ein Fluch ist, wie ein Segen, kein einfaches Gebet. In den älteren Teilen der Bibel geht von ihnen eine autonome Wirkung aus, wie von einem Steinwurf. In den Vätergeschichten gibt Isaak dem Jakob irrtümlich den Erstgeburtssegen. Er kann aber diesen Segen nicht zurückrufen, obwohl sein Sohn ihn betrügt und Isaak es im Nachhinein klar erkennt. Jahrzehnte später ringt Jakob am Jabbokfluß mit einem Engel, um mit Gewalt dessen Segen zu erzwingen.

Im Kontext eines magischen Verständnisses ist das Beten eines Fluchpsalms vergleichbar mit der heimlichen Gabe von Gift. Psalm 109 wurde im Mittelalter zum „Totbeten“ von persönlichen Feinden eingesetzt. Dabei wurde auch die Unterstützung von Geistlichen in Anspruch genommen.

Was Ist denn ein Fluch? Welche Realität steckt dahinter? Manches wird an den Rändern deutlich, und das ist so ein Rand. Ich denke nicht magisch. Wie viele aber glaube ich, dass unseren Gebeten Kraft zukommt, dass sie wirken können in unserem Leben und dem Leben anderer. Das passt nicht recht zu der Vorstellung, dass Gott völlig autonom allwissend, allmächtig und allgütig über unser Leben und Schicksal entscheidet. Dann käme es auf unser Gebet nicht an. Wenn wir beten, nehmen wir etwas von Gottes Macht in Anspruch. Es ist eine Art Mitverantwortung. Und vielleicht haben unsere Worte solche Macht nicht nur zum Guten. Vielleicht werden wir am Ende nicht nur gefragt, was wir getan, sondern auch, was wir gebetet haben — und was nicht.

Wie wir zu unseren Kindern und unseren Mitmenschen sprechen, greift in ihr Leben ein. Worte haben Kraft und Macht. Mit Worten erschafft Gott die Welt, mit Worten heilt Jesus Kranke und lässt Tote auferstehen. Unsere geistige Welt konstituiert sich vor allem durch Worte. Wir müssen auf unsere Worte achtgeben.

Der gezogene Vers soll dem Todfeind die Hilfe und den Schutz seiner Gemeinschaft nehmen. Im zweiten Teil, „… und niemand erbarme sich seiner Waisen“, wird nicht nur implizit des Feindes Tod beschworen. Der Halbvers weist darüber hinaus: auch Söhne und Töchter sollen ausgestoßen und ohne den Schutz der Gemeinschaft leben.

Wie in einem fotografischen Negativ listet der Psalm auf, was Glück ausmacht. Es sind eben die Dinge, die dem Feind genommen werden sollen:

  • Gerechtigkeit und Rechtssicherheit in der größeren Gemeinschaft,
  • eine angesehene soziale Stellung,
  • ein langes Leben in Gesundheit,
  • Sicherheit und Auskommen für die Familie, Frau und Kinder, 
  • Wachstum und Gedeihen der Nachkommen,
  • finanzielle Selbstbestimmung und Freiheit von drückenden Schulden,
  • Einbindung in die Gemeinschaft, zuverlässige Unterstützung aus dem Umfeld, auch für die Liebsten (unser Vers),
  • Gottes Vergebung für die Sünden der Eltern, denn sie wirken weiter, 
  • Gottes Segen in allem.

Mir bleibt an dieser Stelle eins: uns all dies zu erbitten, in Gottes reichem Segen. In dieser Woche und immer!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 27/2026

Mich aber erhältst du um meiner Frömmigkeit willen und stellst mich vor dein Angesicht ewiglich.
Ps 41,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Wenn, weil oder während? 

Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm! So lautete ein Spottvers meiner Kindheit. Mit etwas bösem Willen könnte man unseren Vers so lesen.

Bei näherer Betrachtung geht es aber um das nackte, irdische Weiterleben. David ist krank, todkrank sogar, und seine Feinde versammeln sich schon und zeigen ihr wahres Gesicht. In seiner Bedrängnis fleht er zum Herrn um Errettung. Er verweist dabei auf seine Habenseite: Er habe sich der Schwachen angenommen und sei „fromm“ gewesen – man könnte hier auch unschuldig, tugendhaft oder integer schreiben.

Warum aber ist es gut, tugendhaft zu leben? Was frommt es? Ich denke immer wieder mal darüber nach. Die Bibel erzwingt es geradezu, siehe die BdW 50/2021 und 03/2025. Und es ist mein dreiundsechzigster Geburtstag. Da darf man mal ein wenig weise sein — wenn nicht jetzt, wann dann?

Wenn

Die erste Antwort lautet: Gesetzestreue bringt Belohnung, Ungehorsam bringt Bestrafung. Es ist die Antwort, die vielleicht auch Kinder erwarten: der klassische „Tun-Ergehens-Zusammenhang“. Auf ihn verlässt sich der Betende in Psalm 41. Er verweist auf seine Tugend, und appelliert gleichzeitig an Gottes Gnade. Er weiß, dass er gegen Gott gesündigt hat und seine aktuelle Lage die Strafe sein könnte. 

Psalm 18,21–25 formuliert das Prinzip in reiner Form, wenn David sagt:

Der HERR tut wohl an mir nach meiner Gerechtigkeit; er vergilt mir nach der Reinheit meiner Hände. Denn ich halte die Wege des HERRN und bin nicht gottlos wider meinen Gott. Denn alle seine Rechte hab ich vor Augen, und seine Gebote werfe ich nicht von mir, sondern ich bin ohne Tadel vor ihm und hüte mich vor Schuld. Darum vergilt mir der HERR nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinheit meiner Hände vor seinen Augen.

Weil

Eine andere Antwort besagt: Das Gesetz an sich ist gut. Es zu befolgen, dient unmittelbar dem eigenen Leben. Das ist für Erwachsene. Hier besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Gesetzestreue und Wohlergehen, der gar kein gesondertes Eingreifen Gottes erfordert – das Gesetz selbst bewirkt ihn. Es verhält sich wie mit der Gesundheit: Wer viel Gemüse, Obst und gute Fette zu sich nimmt, dafür wenig rotes Fleisch, Zucker und Alkohol, wer zudem nicht raucht und sich genug bewegt, fördert sein Wohlbefinden. Das ist die Denkart der jüdischen Weisheitslehre, wie sie das Buch der Sprüche vielfach variiert. Ein wunderbares Beispiel bietet Psalm 19,8–10:

Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise. Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. Die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen.

Während

Verwandt damit ist eine dritte Perspektive, die mir persönlich die liebste ist. Ich glaube, es ist die Antwort Jesu, wenn es um das rechte Verständnis der Gebote Gottes geht. Wenn wir Gott von ganzem Herzen lieben und uns von seiner Gegenwart verändern lassen, folgt daraus zweierlei gleichermaßen: Zum einen werden wir das Richtige tun wollen, weil wir zu Gott gehören und die Ordnung lieben, in der er sich offenbart. Und wir werden Glück und Frieden finden, weil wir im Einklang mit dem leben, was die Schöpfung durchwebt und durchschwingt.

Die beiden Folgen sind nicht kausal verknüpft. Wir sind nicht glücklich, weil wir das Richtige tun, sondern wir sind glücklich, während wir es tun – beides entspringt parallel unserer lebendigen Verbindung mit Gott. Ein Bild dafür gibt uns Psalm 1,3. Der Mensch bei Gott wird mit einem Baum verglichen, der an Wasserbächen gepflanzt ist:

Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, /
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.

Das Wasser steht für das Wort und die Nähe Gottes. Weil der Baum an dieser Quelle steht, bringt er saftige Frucht und seine Blätter verwelken nicht. Er gedeiht. Nicht die eigene Tugend, die Frucht, bewirkt das Gedeihen, sondern die Quelle bewirkt beides gleichzeitig.

Existenzangst

Wenn, Weil und Während sind Stufen. Sehr elementar die erste, aufs Weltganze gerichtet die dritte. Aber alle drei haben „ihren“ Raum. Wenn es einem sehr schlecht geht, wenn die Neider am Bett stehen und tuscheln: „Wer so daliegt, steht nicht wieder auf“ – hilft es dann, der Schönheit des Gesetzes nachzusinnen? Oder sich daran zu erinnern, dass Gottesnähe zu einem gelingenden Leben führt? In existentieller Not ist der Mensch pragmatisch. David fleht in Psalm 41 um Hilfe, versichert Gott seine Treue und erinnert daran, dass er sie schon oft bewiesen hat.

Martin Luther war ein erbitterter Feind der Werkgerechtigkeit; darin liegt eine Wurzel der Reformation. Aber als er beinahe starb mit einem Darmverschluss, der ihn von innen her zu erdrücken drohte, als er zu Gott schrie und um Gnade flehte – da hat er gewiss auch Kraft aus dem Bewusstsein gezogen, dass er ein treuer Diener Gottes war und Gott ihn kannte. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Luther liebte die Psalmen; sie waren für ihn die Bibel im Kleinen. Ob er in jenen dunklen Stunden wohl Psalm 41 gebetet hat?

Der Herr schütze uns und helfe uns in der Not, ob wir es nun verdienen oder nicht. Er schenke uns die Kraft, seine Diener zu sein und dabei im Leben zu bestehen. Amen.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 23/2026

…dass die Leute werden sagen: Der Gerechte wird ja seiner Frucht genießen; es ist ja noch Gott Richter auf Erden.
Ps 58,12

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Für Mikis Theodorakis

Harte Kost. Lesen Sie erst einmal den kurzen Psalm. Die beiden letzte Verse dröhnen in den Ohren: 

Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht,
und wird seine Füße baden in des Gottlosen Blut;
und die Leute werden sagen: 
Ja, der Gerechte empfängt seine Frucht,
ja, Gott ist noch Richter auf Erden.

Als ich den Psalm ein zweites und drittes Mal las, fiel mir, lang verschüttet, ein Lied ein: Für Mikis Theodorakis von F. J. Degenhardt. In den 70er Jahren habe ich als Teenager gelernt, Gitarre zu spielen und zu singen, im wesentlichen mit einem Liederheft: Liederbuch — Student für Europa. Schöne internationale Folklore war darin, und auch vieles, was der sozialistischen Szene in Deutschland wichtig und teuer war. Studenten waren damals anders drauf als heute, und ich wollte so sein wie diese (imaginierten) Studenten. Ich werde nicht vergessen, wie ich als Schüler mit der Gitarre vor der italienischen Eisdiele unserer kleinen oberschwäbischen Stadt saß und „Bella Ciao“ sang — mit grauenhafter Aussprache, denn in Wahrheit konnte ich kein Wort Italienisch.

Hier ist ein Live-Mitschnitt des Lieds von Degenhardt, und hier der Text. Der Sänger lässt keinen Zweifel, dass seine Sache gerecht ist und dass die Feinde an den Laternenpfahl gehören:

Ihre greisen, kalten Hände suchen jedes heiße Herz
Theodorakis, und du weißt, wie kalt sie sind
Doch wir wissen auch, daß sie zu kalt sind
Daß sie viеl zu alt sind, daß sie tot sind
Dann, wenn unser Tag bеginnt, 
Jener Tag, an dem die Sonne tanzt,
roter Tag der Freiheit in Athen

Das Lied ist gebaut wie der Psalm. Im ersten Satz werden die Feinde mit Schlagworten aufgerufen. Degenhardts beginnt mit ‚Da sind sie, die Konzern- und Landbesitzer, Popen, Panzer die bekannte Kumpanei…‘ Der Psalm setzt ein mit ‚Sprecht ihr in Wahrheit Recht, ihr Mächtigen? Richtet ihr in Gerechtigkeit die Menschenkinder?‘ und nennt diese Mächtigen dann Frevler und Lügner. Beide beschreiben anschließend das Schicksal, das unausweichlich auf diese Feinde der Menschen wartet, der Psalm etwa so: Sie vergehen, wie eine Schnecke verschmachtet, wie eine Fehlgeburt sehen sie die Sonne nicht…

"Liederbuch" Student für Europa -- internationale und sozialistische Folklore
„Liederbuch“ Student für Europa — internationale und sozialistische Folklore

So singt man, wenn man sicher weiß, dass man im Recht ist, und dass der Feind im Grunde nichts Menschliches hat. So klingt die Marseillaise aus der französischen Revolution, so klingen sozialistische Kampflieder wie die Internationale oder die Warschawjanka, und so klingen Lieder auch aus anderen Quellen, auf die ich nicht verlinke. 

Ist nun Degenhardt ein Psalmdichter? Das sei fern. Er ist nämlich stehen geblieben bei seinem Hass. Die Psalmen dagegen öffnen sich weit für alle Möglichkeiten, mit Gott zu sprechen. Nutzen Sie die Suchfunktion des Blogs und schauen nach den Beiträgen zu Psalmversen. Das ist ein Universum. 

Ein besserer Kandidat als Degenhardt wäre der Mann, dem er sein Lied gewidmet hat: Mikis Theodorakis, großer Komponist, Schriftsteller und Politiker, Widerstandskampfer und Sozialist. Ein Held der Linken: Zweimal war er in den Folterkellern der griechischen Faschisten. Aber als es wichtig und richtig wurde, kandidierte er als Parteiloser für die konservative Partei und nahm ein Ministeramt bei Mitsoutakis an — im Kampf gegen Drogen und Terrorismus, für Kultur und Erziehung und für Frieden und verbesserte Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei.

Degenhardt hätte sich gewiss im Grab herumgedreht, wenn er damals schon tot gewesen wäre. Aber Theodorakis ging es nie darum, irgendwelche Feinde zu vernichten — er wollte eine bessere Welt. Und er hat mit seiner Musik dazu beigetragen, mit vielen Liedern und einer großen Vertonung des Canto General von Pablo Neruda. 

Für Mikis Theodorakis also, ja! Und über allem für unseren großen Gott, der unser Leben beschützt, oft genug auch vor uns selbst. 
Ulf von Kalckreuth

Mikis Theodorkakis dirigiert ein Orchester im Kunst- und Kulturzentrum „Fabrik“ in Hamburg, 1971. Quelle und Lizenz: Wikimedia Commons

Bibelvers der Woche 17/2026

Dunkelheit ist wie das Licht -- Ps 188 und 139

Ich liege unter den Toten verlassen wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, deren du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hand abgesondert sind.
Ps 88,6

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Gottesfinsternis

Das Buch der Psalmen spiegelt getreu die ganze Lebenswirklichkeit mit Gott: Freude, Erleichterung, Dank für Errettung, Liebe, Lobpreis und Ehrerbietung, aber auch Flehen, Angst, Wut und — die Finsternis. Dieser Psalm geht hinein in die Finsternis und bleibt dort. Ein Beter schreit zu Gott und erhält keine Antwort. Lesen Sie den Psalm bitte ganz — oben ist der Link.

Kein Hoffnungsschimmer. In anderen Psalmen scheint auch in der Verzweiflung die Rettung auf. Gott erbarmt sich seiner Diener und gedenkt des Bunds. Als Beispiel für viele andere mag Ps 22 gelten, mit Jesu Worten am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieser Psalm endet im Lobpreis. 

Finsternis ist wie das Licht Teil von Gottes Schöpfung und Teil des Lebens mit Gott. Der Schöpfer von Tag und Nacht ist unser Gegenüber auch dann, wenn alle Welt wegbricht. 

Wenn man die Eltern, die Kinder, den Partner verliert. In terminaler Krankheit, wenn der Sog des Todes unerträglich wird. In Sucht, Scham und Schande. In unauflöslicher Schuld anderen Menschen gegenüber. In der Überforderung, in der Einsamkeit, im Wahn. Im Gefängnis. Manchen Menschen ist Gottverlassenheit Dauerzustand. 

Psalm 88 benennt das schonungslos. Gott ist auch in der Gottverlassenheit ein Gegenüber. Aber wo ist er, was ist seine Antwort? 

Aus der Bibel kenne ich zwei. Eine ist in Psalm 139 zu finden: 

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? 
Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. 
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, 
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. 
Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –, 
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht. 

Für Gott, den Schöpfer des Lichts und der Finsternis, gilt beides gleich. Er ist im Licht die Finsternis und in der Finsternis das Licht. Oberhalb und jenseits unserer Perspektive, die ja oft keine mehr ist, steht immer noch die Perspektive Gottes. Ich kannte einmal eine Frau gut, die mir sagte: „Weißt du, wenn es mir richtig schlecht geht, denke ich an Gott. Einfach nur an Gott. Und dann ist es besser!“  

Die andere Antwort gibt Gott mit Jesus am Kreuz. In seiner Todesangst schwitzt Jesus in Getsemane Blut und Wasser, er schreit bei Golgatha seine Gottverlassenheit in den Himmel. Und Gott schweigt. Seine Antwort ist eine neue Welt, in der die Gesetze der alten nicht mehr gelten. In der alten Welt gehn wir mit Jesus zugrunde, in der neuen wird Gott mit Jesus unsere Tränen abwischen. 

Ich kenne noch eine dritte Antwort. Sie steht nicht in der Bibel, sondern im letzten Vers eines uralten Chorals — Nun bitten wir den Heiligen Geist. Ich habe das Lied meinem Vater gesungen, als er im Sterben lag. Er wollte diese Strophe immer wieder hören, Zeilen für Zeile: 

Du höchster Tröster in aller Not, 
hilf, dass wir nicht fürchten Schand noch Tod,
dass in uns die Sinne nicht verzagen,
wenn der Feind wird das Leben verklagen.
Kyrieleis.

Gott sei immer mit uns, auch wenn wir ihn nicht sehen!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 09/2026

Ja, Gott wird den Kopf seiner Feinde zerschmettern, den Haarschädel derer, die da fortfahren in ihrer Sünde.
Ps 68,22

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Gottes Feinde

Starker Tobak, nicht wahr? Gott wird den Kopf seiner Feinde zerschmettern, den Haarschädel derer, die da fortfahren in ihrer Sünde. Da wächst nichts mehr, kein Gras und auch kein Haar. 

Psalm 68 ist ein Lied vom Sieg Gottes. Wir hatten daraus früher schon den BdW 17/2022. Ich bitte Sie, hineinzuschauen, dort ist der Psalm auch vollständig wiedergegeben. Nur zwei Wochen später gab es den BdW 19/2022, ein Vers, der dem jetzt gezogenen unmittelbar folgt. 

Ein altorientalisches Lied vom Siege Gottes, als großer König seines Volks und der Welt, und als Herrscher, der sich um die Seinen liebevoll kümmert, um die Schwachen zuvörderst. Die Härte unseres Verses ist sicherlich auch durch diese Form bedingt — die Siege der Könige über ihre Feinde wurden seinerzeit mit sehr starker Sprache gefeiert. 

Heute singen und beten wir nicht mehr auf diese Weise. Ähnliche Schwierigkeiten gibt es mit den Stellen, die von den persönlichen Feinde des Betenden handeln. Im Psalter wird kaum eine Verwünschung, kaum ein Todesfluch ausgelassen. Im Gottesdienst werden solche Verse vermieden, aber es gibt sie, und sie sind hier wiederkehrendes Thema, siehe erst vor kurzem den BdW 05/2026.

Hier nun also die Feinde Gottes… wer oder was ist das? Was auffällt, ist die Körperlichkeit des Verses, die physische Unmittelbarkeit. So spricht man nicht über Abstraktes: die Sünde, die Häresie, den Götzendienst. Wer so dichtet und singt, hat jemanden sehr konkret vor Augen, dessen Haarschädel er zerschmettert sehen will, in unbändiger Vorfreude. Bei der Betrachtung habe ich zwei Zugänge gefunden. Vielleicht finden Sie eigene. 

Das Neue Testament, beschreibt das Leben der Nachfolger Jesu als Kampf gegen die Mächte der Finsternis. Im Epheserbrief wählt Paulus martialische Bilder:

Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, mit den Herren der Welt, die über diese Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. (Eph 6,12-17)

Ein Freund, der mit seiner Familie in schwierigem Fahrwasser ist, sprach in der vergangenen Woche davon, dass all die existenziellen Angriffe, Krankheit, Unsicherheit, Überforderung, nicht auf diese Welt gehören. Das ist nicht Gottes Wille. „Und wir müssen dies beten“, sagt er. „Dies hier ist Jesu Land, hier haben die Feinde nichts zu suchen. Wir müssen es ihnen klar sagen, wir müssen unsere Grenzen ziehen und verteidigen. Geht fort, geht woanders hin! Im Namen Jesu, Amen!“ 

Da habe ich recht deutlich unseren Vers gehört, in der moderateren Sprache unserer Zeit. Und ich wiederhole seine Worte hier gern, für ihn und seine Familie und auch für die meine. Amen.

Aber vielleicht ist der Vers noch konkreter gemeint? Zielt er auf ganz bestimmte Feinde Gottes und Israels? Ausländische Herrscher, die das Land bedrohen, Tyrannen, Unruhestifter? 

Man darf unterstellen, dass Feinde Gottes keine Menschenfreunde sind. Wie würde eine ukrainische Mutter diesen Psalm lesen? An wessen Haarschädel könnte ein russischer Regimegegner denken? Die Opfer Epsteins und seiner Partnerin, Ghislaine Maxwell, wen wohl hätten die vor Augen? Und wäre das falsch, unchristlich?

Wer Gottes Feind ist, das weiß nur Gott allein. Aber es ist uns erlaubt, Vermutungen zu bilden. Und ja: Gott wird seine Feinde vernichten. Das ist es. Und daran läßt die Bibel nirgends den geringsten Zweifel.

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche — die Feinde Gottes ausgenommen!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 07/2026

Richte mich, Gott, und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten.
Ps 43,1

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Lifehack

Wie vor zwei Wochen: der erste Vers eines Psalms. Wenn man hinschaut, so ist es wohl nicht immer der erste Vers gewesen. Die Psalmen 42 und 43 gehören zusammen, ein Psalm wie ein modernes Lied, mit Strophen und Refrain. Psalm 43 ist die dritte Strophe mit abschließendem Refrain.

Ausgangspunkt ist die vollkommene Verzweiflung. Der Betende wird der feindlichen Welt um ihn nicht mehr Herr. Er ertrinkt, die Fluten rauschen über ihn (Ps 42), den bösen Menschen ist er hilflos ausgeliefert. In unserem Vers ruft er den Herrn an, eingeleitet mit einem trotzigen „Richte mich!“ Die Bitte kulminiert in den Worten:

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

Der Betende ist nicht angekommen im sicheren Hafen, nein, aber er stellt es sich vor, er sieht es vor sich. Er glaubt und hofft. Und dann kommt der den Psalmen gemeinsame Refrain:

Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Eine durchaus bemerkenswerte Struktur: Der Betende wartet. Er dankt nicht, aber er antizipiert den Dank, fast so, als gäbe es schon Grund dazu: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken…“ Das ist wie Medizin, die Seele wird ruhig. Beklemmung und Lähmung weichen.

Als ich ein Kind war, erzählte mir mein Vater eine Geschichte, der eine oder andere kennt sie vielleicht: Zwei Frösche auf der Suche nach Nahrung fielen in einen großen Krug voll Milch. Die Wand des Krugs war glatt, die Frösche konnten nicht klettern, und springen konnten sie aus der Flüssigkeit heraus auch nicht. Sie paddelten, dann gab einer der Frösche auf: „Es hat keinen Sinn, stundenlang ums Leben zu kämpfen, wenn man am Ende doch ertrinkt!“, und der ertrank in der Milch. Der andere Frosch paddelte weiter, bis an die Grenze seiner Kraft. So bildete sich in der Milch ein Butterklumpen. Dieser trug ihn und er konnte aus dem Krug springen.

Die Kunst besteht darin, die Seele zur Ruhe zu bringen, OBWOHL in der Welt nichts darauf hindeutet, dass sich die Lage bessern oder lösen könnte. Das geht nicht ohne geerdeten Glauben — Glaube und Hoffnung gehen hier eine innige Verbindung ein. Sie werden unmittelbar wirksam: die von ihrer Unruhe befreite Seele wird Wege finden. Der Teufelskreis aus der Übermächtigkeit der „Feinde“ und der eigener Machtlosigkeit ist gebrochen.

Der Lifehack eines Menschen auf seinem Weg mit Gott durchs Leben. Kann ich gut gebrauchen!

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche, mit einem Gruß aus Schlüchtern,
Ulf von Kalckreuth