Da gab Jonathan seine Waffen seinem Knaben und sprach zu ihm: Gehe hin und trage sie in die Stadt.
1 Sam 20,40
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Hinwärts oder herwärts?
Der Vers trägt uns mitten in die sonderbare Dreiecksgeschichte zwischen König Saul, seinem Sohn Jonathan und dem jungen David. Jonathan, der natürliche Thronfolger Sauls, liebt David herzlich. Gleich nach dem Kampf Davids gegen Goliath übergibt er ihm sein Gewand, seinen Bogen, seinen Gürtel und sein Schwert. In BdW 09/2024 haben wir gesehen, wie unglaublich wertvoll dieses Schwert ist.
Anfangs liebt auch Saul David. Aber die Liebe schlägt um in Hass, als er sieht, wie gefährlich David ihm werden kann und wie Jonathan David den Vorrang einzuräumen scheint. Saul ist verblendet; ein dunkler Geist beherrscht ihn. David schließlich erwidert die Liebe zu Jonathan. Gegenüber König Saul ist er hin- und hergerissen zwischen Loyalität und der Selbsterhaltung. Vielleicht denkt er auch an seine eigene Berufung.
Schließlich greift König Saul David tätlich an. Während der junge Mann mit der Harfe spielt, wirft Saul mit dem Spieß nach ihm, vgl. BdW 33/2020. Der König schickt seine Kriegsleute, um David festzunehmen und zu töten. David flieht. Nach einem Intermezzo versteckt er sich auf dem Feld und weiß nicht, ob er dauerhaft untertauchen muss oder ob Sauls mörderischer Zorn vielleicht nur vorübergehend ist.
David und Jonathan treffen sich. Jonathan verspricht David, herauszufinden, was es mit dem Hass Sauls auf sich hat. Wie kann er sein Wissen weitergeben? Der Sohn des Königs ist selten allein und wird beobachtet. Also verabreden sie ein geheimes Zeichen. Jonathan will sich auf dem Feld, wo David sich versteckt hält, mit dem Bogen üben. Wenn er den Knaben, der bei ihm ist, schickt und sagt: „Hol den Pfeil, er liegt herwärts“, so kann David gefahrlos an den Hof zurückkehren. Sagt er aber: „Der Pfeil liegt hinwärts“, so soll David fliehen.
Die beiden Sätze sind für Außenstehende bloße Richtungsangaben, kaum zu unterscheiden, wie „da“ und „dort“. Für die Eingeweihten übermitteln sie gegensätzliche Botschaften. Ein Missverständnis könnte tödliche Folgen haben.
David muss seinem Freund absolut vertrauen. Jonathan könnte in David einen Rivalen sehen. Dies wäre die Gelegenheit, sich seiner gefahrlos zu entledigen. Sie schließen daher aufs Neue einen feierlichen Bund im Namen des Herrn.
Jonathan ist seinem Versprechen treu. Er riskiert, vom Speer seines zornigen Vaters getroffen zu werden. Als er weiß, dass Saul David sofort töten würde, wenn er ihn sieht, geht Jonathan mit einem Knaben hinaus aufs Feld, schießt und ruft laut, der Pfeil liege hinwärts. Dann schickt er den Knaben zurück — das ist der gezogene Vers.
Mir fällt etwas auf. Des geheimen Zeichens hätte es eigentlich gar nicht bedurft, denn nachdem der Knabe gegangen ist, können die beiden Vertrauten ungehindert reden. Nach Lage der Dinge hätte Jonathan den Knaben einfach heimschicken können, ohne Pfeile zu verschießen und laut Codewörter zu rufen. Warum tut Jonathan es dennoch?
Ich denke, Jonathan zeigt, dass seine Botschaft im Zeichen ihres heiligen Bundes steht.
Es ist wie mit der Schriftform, die es für manche Verträge gibt, oder mit kirchlicher Liturgie. Ein Zeichen gewinnt seine Kraft durch die gemeinsame Verabredung und die Treue derer, die sich daran gebunden fühlen.
Laute werden Sprache durch eine von der Sprachgemeinschaft getragene Vereinbarung zwischen Sprecher und Hörer. Ich kann die Worte „Berg“ oder „Tal“ gebrauchen, wenn ich weiß, welche Vorstellung sie beim anderen auslösen. Wenn nötig, können wir spezielle Verabredungen treffen. Jonathan gibt hier zum Ausdruck, dass er im Namen ihres Bundes spricht und dass er um die heilige Verbindlichkeit weiß. Das Zeichen selbst verbürgt den Inhalt! David kann kaum anders, er muss Jonathan glauben. Denn das ist die andere Seite des Bundes.
Es wäre schön, wenn wir die Fähigkeit hätten, so miteinander zu sprechen, wenn es wirklich nötig ist. Auf unsere Worte könnten andere unbedingt vertrauen, sie könnten darauf bauen. Das kann viel bewirken.
Aber vielleicht können wir das wirklich?
Gegenseitiges Vertrauen im Namen eines heiligen Bundes könnte entscheidend sein für die Bewältigung der Klimakrise. Ich arbeite gerade an einem Blogartikel darüber.
Gottes Segen und sein Schutz seien mit uns in der kommenden Woche!
Ulf von Kalckreuth

