…dass die Leute werden sagen: Der Gerechte wird ja seiner Frucht genießen; es ist ja noch Gott Richter auf Erden.
Ps 58,12
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Für Mikis Theodorakis
Harte Kost. Lesen Sie erst einmal den kurzen Psalm. Die beiden letzte Verse dröhnen in den Ohren:
Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht,
und wird seine Füße baden in des Gottlosen Blut;
und die Leute werden sagen:
Ja, der Gerechte empfängt seine Frucht,
ja, Gott ist noch Richter auf Erden.
Als ich den Psalm ein zweites und drittes Mal las, fiel mir, lang verschüttet, ein Lied ein: Für Mikis Theodorakis von F. J. Degenhardt. In den 70er Jahren habe ich als Teenager gelernt, Gitarre zu spielen und zu singen, im wesentlichen mit einem Liederheft: Student für Europa. Schöne internationale Folklore war darin, und auch vieles, was der sozialistischen Szene in Deutschland wichtig und teuer war. Studenten waren damals anders drauf als heute, und ich wollte so sein wie diese imaginierten Studenten. Ich werde nicht vergessen, wie ich als Schüler mit der Gitarre vor der italienischen Eisdiele unserer kleinen oberschwäbischen Stadt saß und „Bella Ciao“ sang — mit grauenhafter Aussprache, denn ich sprach in Wirklichkeit kein Wort Italienisch.
Hier ist ein Live-Mitschnitt des Lieds von Degenhardt, und hier der Text. Der Sänger lässt keinen Zweifel, dass seine Sache gerecht ist und dass die Feinde an den Laternenpfahl gehören:
Ihre greisen, kalten Hände suchen jedes heiße Herz
Theodorakis, und du weißt, wie kalt sie sind
Doch wir wissen auch, daß sie zu kalt sind
Daß sie viеl zu alt sind, daß sie tot sind
Dann, wenn unser Tag bеginnt,
Jener Tag, an dem die Sonne tanzt,
roter Tag der Freiheit in Athen
Das Lied ist gebaut wie der Psalm. Im ersten Satz werden die Feinde mit Schlagworten aufgerufen. Degenhardts beginnt mit ‚Da sind sie, die Konzern- und Landbesitzer, Popen, Panzer die bekannte Kumpanei…‘ Der Psalm setzt ein mit ‚Sprecht ihr in Wahrheit Recht, ihr Mächtigen? Richtet ihr in Gerechtigkeit die Menschenkinder?‘ und nennt diese Mächtigen dann Frevler und Lügner. Beide beschreiben anschließend das Schicksal, das unausweichlich auf diese Feinde der Menschen wartet, der Psalm etwa so: Sie vergehen, wie eine Schnecke verschmachtet, wie eine Fehlgeburt sehen sie die Sonne nicht…
So singt man, wenn man sicher weiß, dass man im Recht ist, und dass der Feind im Grunde nichts Menschliches hat. So klingt die Marseillaise aus der französischen Revolution, so klingen sozialistische Kampflieder wie die Internationale oder die Warschawjanka, und so klingen Lieder auch aus anderen Quellen, auf die ich nicht verlinke.
Ist nun Degenhardt ein Psalmdichter? Das sei fern. Er ist nämlich stehen geblieben bei seinem Hass. Das Buch der Psalmen dagegen öffnet sich weit für alle Möglichkeiten, mit Gott zu sprechen. Nutzen Sie die Suchfunktion des Blogs und schauen nach den Beiträgen zu Psalmversen. Das ist ein Universum.
Ein besserer Kandidat als Degenhardt wäre der Mann, dem er sein Lied gewidmet hat: Mikis Theodorakis, großer Komponist, Schriftsteller und Politiker, Widerstandskampfer und Sozialist. Ein Held der Linken: Zweimal war er in den Folterkellern der griechischen Faschisten. Aber als es wichtig und richtig wurde, kandidierte er als Parteiloser für die konservative Partei und nahm ein Ministeramt bei Mitsoutakis an — im Kampf gegen Drogen und Terrorismus, für Kultur und Erziehung und für Frieden und verbesserte Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei.
Degenhardt hätte sich gewiss im Grab herumgedreht, wenn er damals schon tot gewesen wäre. Aber Theodorakis ging es nie darum, irgendwelche Feinde zu vernichten — er wollte eine bessere Welt. Und er hat mit seiner Musik dazu beigetragen, mit vielen Liedern und einer großen Vertonung des Canto General von Pablo Neruda.
Für Mikis Theodorakis also, ja! Und über allem für unseren großen Gott, der unser Leben beschützt, oft genug auch vor uns selbst.
Ulf von Kalckreuth

