Bibelvers der Woche 40/2026

…aber von dem Sohn: „Gott, dein Stuhl währt von Ewigkeit zu Ewigkeit; das Zepter deines Reichs ist ein richtiges Zepter.„
Hebr 1,8

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Reise zur Wahrheit

In seiner Einleitung will der Autor des Hebräerbriefs zeigen, dass Christus über allem steht, auch über den Engeln, den Dienern Gottes. Hier zunächst der nähere Kontext, die Verse 7-9:

7Von den Engeln spricht er zwar (Ps 104,4): »Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen«, 8aber von dem Sohn (Ps 45,7-8): »Gott, dein Thron währt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und das Zepter der Gerechtigkeit ist das Zepter deines Reiches. 9Du hast geliebt die Gerechtigkeit und gehasst die Ungerechtigkeit; darum hat dich, o Gott, dein Gott gesalbt mit Freudenöl wie keinen deinesgleichen.«

Ich tue mich schwer mit dem Vers. Aber zunächst einmal gibt es etwas, das hilft: vor gut zweieinhalb Jahren habe ich den unmittelbar vorangehenden Vers 7 gezogen. Hier ist der Link zum BdW 02/2024, schauen Sie gern hinein. Damals vermied ich, über Vers 8 zu schreiben. Er wirft grundsätzliche Fragen auf.

Liest man nämlich den vom Autor des Hebräerbriefs zitierten Ps 45, so stößt man auf einen Königspsalm, der dem Herrscher am Tage seiner Hochzeit gilt. Der erste Teil ehrt seine Schönheit, seine Wahrheit, Sanftmut und Gerechtigkeit, sein militärisches Geschick. Der dritte Teil besingt, wie die Braut sich aus ihrem Umfeld in das des Königs begibt, den es nach ihrer Schönheit verlangt. Der zweite Teil aber setzt ein mit den Worten: „Gott, dein Thron bleibt immer und ewig; das Zepter deines Reichs ist ein gerechtes Zepter.“ 

Moderne Exegeten weisen darauf hin, dass hier wahrscheinlich der menschliche König mit dem ungewöhnlich hohen Titel „Elohim“, Gott, angeredet wurde.

Der Autor des Hebräerbriefs deutet den Vers auf Christus und nutzt ihn, um die Größe Christi in den Schriften zu verankern. Auch für die ersten Christen waren die Schriften Quelle ewiger Wahrheit. In mir wehrt sich etwas — kann er mit diesem Vers etwas belegen, wovon der Verfasser des Psalms nichts wissen konnte?  

Können Bibeltexte mehr sagen als das, was ihre Autoren wussten und sagen wollten?  

Das Königtum in Israel war untergegangen. Aber die Sprache und die Königspsalmen mit ihren berauschenden Bildern waren geblieben. Wir hatten das vor wenigen Wochen bei der Diskussion von Ps 89 gesehen, siehe Dynamit und Morgenstern, BdW 36/2026. Der Autor des Hebräerbriefs drückt die Wahrheit, die er erkannt hat, mit der Sprache, den Bildern und den Zusammenhängen aus, auf die er zurückgreifen kann. 

So mache ich es auch, so macht es jeder. Es ist ein Weg zur Wahrheit. Und die Wahrheit suche ich, in jedem Bibelvers. Für den Autor des Hebräerbriefs steht Christus über allem. Das sieht er in den alten Schriften gespiegelt. 

Von Friedrich Rückert gibt es einen Aphorismus: 

Das sind die Weisen,
Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen,
Die bei dem Irrtum verharren,
Das sind die Narren.

Die Bibel ist eine Reise zur Wahrheit. Sie ist ständig in Bewegung: ihre Schriften werden kompiliert, redigiert, übersetzt, neu zusammengestellt. Ihre Leser verknüpfen die Texte mit ihren Erfahrungen und erkennen Bedeutungen, alte Bedeutungen und neue, die frühere Leser nicht gesehen haben, seit Jahrtausenden schon und immer weiter. Neue Kirchen entstehen dabei und verschwinden wieder, manchmal sogar neue Religionen. 

Und die Wahrheit, zu der wir mit der Bibel unterwegs sind — sie ist und bleibt und wird sein. Sie überstrahlt alles. 

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert