Bibelvers der Woche 36/2026

Der helle Morgenstern -- Jesus löst das Versprechen Gottes ein.

„Ich will deinen Samen bestätigen ewiglich und deinen Stuhl bauen für und für.“ (Sela.)
Ps 89,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Dynamit und Morgenstern

Der Vers ist eine Zusage Gottes an David. Seine Nachkommen werden regieren bis in alle Ewigkeit, oder jedenfalls bis in eine ferne, unbestimmte Zukunft. 

Mir liegt das zunächst einmal sehr fern. Zwar bin auch ich männlichen Geschlechts, aber sonst habe ich mit David nichts gemein: keine Söhne, keine Krone, kein Thron. Ihnen. liebe Leser, wird es ähnlich gehen. 

Wenn man aber den Psalm liest, zieht es einem fast die Schuhe aus. Er hat zwei Teile. Der erste überbietet sich selbst mit Heilszusagen an das Volk Gottes und seinen König und mit Lobpreis Gottes, dem mächtigen Herrn der Herren, der die Erde lenkt und das Chaos der Urzeit seiner Ordnung unterwirft – er vernichtet Rahab, das mythische Ungeheuer des Urmeers, Sinnbild des Chaos. 

Aber dann, ab Vers 39, kommt der Absturz:

Aber nun hast du verstoßen und verworfen
und zürnst mit deinem Gesalbten!
Du hast zerbrochen den Bund mit deinem Knecht
und seine Krone entweiht in den Staub.
Du hast eingerissen alle seine Mauern
und hast zerstört seine Festungen.
Es berauben ihn alle, die vorübergehen;
er ist seinen Nachbarn ein Spott geworden.
(Vers 39-42)

Und so weiter, mit steigender Intensität. Gott hat sein Volk und den König fallen lassen, hat scheinbar alle Versprechungen gebrochen und bricht sie weiter. Der Psalm ist nicht nur Klage, er ist regelrecht Anklage, mit der rhetorisch hoch aufgeladenen und unbedingten Heilszusage im ersten Teil und der übergangslos darauf folgenden erbarmungslosen Inventur der Realität von Staat und Volk. 

In der Bibel ist das Dynamit. Vielleicht ist der erste Teil des Psalms eine alte Königs-und Bundesüberlieferung, und der zweite stammt aus der Zeit des Zusammenbruchs. Vielleicht aber sind auch beide Teile gemeinsam verfasst: sehr stark sind sie aufeinander bezogen, wie Licht und Schatten. Der Psalm endet mit einer intensiven Bitte, die ohne Antwort bleibt. 

Mich erinnert das sehr an den BdW 34/2026 vor zwei Wochen, worin Gott seinem Volk den Schutz entzieht. Wie gehen wir damit um, wenn unsere Welt mit ihren Gewissheiten sich auflöst, obwohl wir doch auf Gottes Schutz bauen und vertrauen? Der Tod ist uns gewiss und unseren Kindern auch und – so fürchte ich – unserer Kultur. All das wird nicht schön.

Mit seiner im Wortsinn krassen Gegenüberstellung von Zusage und Realität fordert der Psalm vom Leser – und von Gott – eine Antwort. Das Alte Testament gibt sie nicht, nicht endgültig. Die Bücher Esra und Nehemia berichten zwar, wie nach der Katastrophe das Schlimmste überwunden wird: das Exil endet, Juden dürfen sich wieder in Jerusalem und der Umgebung sammeln und können die Stadt neu aufbauen, mit Mauer und Tempel. Aber das davidische Königtum kehrt nicht zurück. Das Land wechselt den Besitzer mehrfach. Zur Zeit von Christi Geburt steht es unter römischer Oberhoheit. Wenig später ist Jerusalem völlig zerstört und seine Bewohner vertrieben. Das Haus David scheint verschwunden. 

„Ich will deinen Samen bestätigen ewiglich und deinen Stuhl bauen für und für.“

???

Eine überraschende Antwort auf die klaffende Frage gibt das Neue Testament. Die Bezeichnung „Sohn Davids“ war im Lauf der Zeit zum messianischen Titel geworden, sie steht für den König, der da kommen soll, das Reich wieder aufzurichten. Viele erwarteten einen König aus Fleisch und Blut, der mit militärischer Macht auch politisch wieder aufrichtet. Das Neue Testament deutet den Königstitel um. Jesus ist kosmischer König, der das Reich Gottes errichtet. Sein Reich, sagt er, ist nicht von dieser Welt. 

In seiner großen Predigt nach dem Pfingstwunder erklärt Petrus den Zuhörern, wie ausgerechnet der jämmerlich m Kreuz gestorbene Jesus der verheißene David-König sein kann. Jesus ist auferstanden, er ist nicht im Tod geblieben. Er ist Nachkomme Davids und mit der Auferstehung beginnt sein Königtum: So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat (Apg 2,36).

Die Auferstehung ist für die Autoren des Neuen Testaments die Krönung Christi, das Ereignis, mit dem Gott sein feierliches Versprechen aus Psalm 89 einlöst. Das Königtum Davids und sein Same sind nicht erloschen. Das Reich Davids ist transformiert, in unfassbarer Weise ausgeweitet. Es überschreitet die Grenzen von Land, Volk, Macht und schließlich sogar des Todes. Das große Bild dieser neuen Welt geben uns die letzten Abschnitte der Offenbarung am Ende der Bibel. Dort sagt Jesus von sich selbst: Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern. Und er setzt fort: Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst. (Off 22,16b+17).

Der Herr segne und behüte uns in der kommenden Woche und immer. 
Ulf von Kalckreuth


Ein kleines Postscriptum: Wie auch schon in den drei vergangenen Jahren ist der „Bibelvers der Woche“ wieder als akkreditierter Blog auf der Buchmesse in Frankfurt vertreten. Über diese Akkreditierung freue ich mich auch deshalb, weil in diesem Jahr nur Content-Producer mit einer geschätzten Reichweite von mehr als 2000 Followern noch einen Presseausweis erhalten…! Ich werde berichten.

Bibelvers der Woche 31/2026

Der König und Feldherr aus Ps 110 trinkt Wasser am Bach

Er wird trinken vom Bach auf dem Wege; darum wird er das Haupt emporheben.
Ps 110,7

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Wasser des Lebens

Ein rätselhafter Vers in einem rätselhaften Psalm. Bitte folgen Sie dem Link oben und lesen Sie den Psalm erst einmal ganz. Er ist nicht lang. Aber er hat es in sich.

Von zwei Herren ist die Rede. Der eine ist unzweifelhaft Gott, der Herr. Im Original steht hier das Tetragramm, der Name Gottes. Der andere wird vom Psalmisten als „mein Herr“ angesprochen. Wer ist es?

Der Psalm gehört zu den Davidspsalmen. Wenn David ihn geschrieben hat, so ist „sein Herr“ ein Mensch, der mächtiger und größer ist als er selbst. Manche jüdische Exegeten denken an den Messias, andere an Abraham. Ihn könnte David „mein Herr“ genannt haben. Manche denken auch an David selbst. Im Original lautet die Zueignung des Psalms „le David„, das kann „von David“ oder auch „für David“ bedeuten. Der Autor könnte dann ein Höfling Davids sein, ein Tempelsänger oder ein Priester. Christen verweisen auf Jesus Christus. Jesus selbst spricht über den Psalm. Der Messias sei gemeint, sagt er, und folglich könne der Messias nicht einfach Sohn Davids sein, sonst würde David ihn nicht „mein Herr“ nennen (Matth 22,41–46).

Geheimnisvoll ist auch, dass der Besungene nicht nur oberster König, sondern auch oberster Priester ist, und zwar Priester nach der Weise Melchisedeks, einer anderen Ordnung als die der Nachfolger Aarons. Priestertum und Königtum waren in Israel klar verschiedenen Ämtern und Abstammungslinien zugeordnet.

Der Psalm beschreibt, wie dieser große Priester und König machtvoll auftritt und im Volk Gottes ein großes Heer aufbietet, das ihm „willig folgt im heiligen Schmuck“. Der König und sein Heer vernichten die Feinde Israels. Und dann kommt der sonderbare Vers 7, der letzte des Psalms: 

Er wird trinken vom Bach des Weges, darum wird er das Haupt emporheben. 

Was ist das? Psalm 110 entwirft eine gewaltige, bis ins Endzeitliche reichende Vision. Er steigert sich in immer größere Höhen: der Herr sitzt zur Rechten Gottes, er herrscht, er ist Priester in Ewigkeit, er richtet die Völker und zerschmettert Könige – und die letzte Notiz zeigt ihn beim Trinken aus einem Bach. Das ist das Gegenteil eines Höhepunkts.

Es gibt Exegeten, die gerade in dieser Unscheinbarkeit die Botschaft sehen: der Priesterkönig schreitet als Feldherr unaufhaltsam voran, und er hält nur kurz inne, um seinen Durst zu stillen. Nichts Unnötiges lenkt ihn ab von seiner Aufgabe. Verwandt damit ist die Deutung von Augustinus: Der Menschensohn muß sich erniedrigen, Mensch werden, leiden, um sein Erlösungswerk zu vollbringen. 

Aber was hat es mit dem Wasser auf sich? Man kann es als die Quelle jener Kraft lesen,  die der heiligen Priester, König und Feldherrn braucht, um den Kopf über seine Feinde zu erheben. 

Wiesenbach bei Biberach an der Riß

Mir fällt Psalm 1 ein. Dort steht Wasser als Bild für die Kraft und das Heil, das der Glaubende aus seinem Leben mit Gott zieht. Auch Jesus verwendet das Bild des Wassers in dieser Weise, in seinem Gespräch mit der Samariterin. In der Taufe schließlich wird der Mensch in die Gemeinschaft mit Christus hineingenommen.

Wenn Jesus der Priester und König des Psalms ist, dann sagt uns der Vers, was seine Kraft und Macht ist: es ist die Kraft Gottes, der er sich verbunden weiß bis hin zur Identität: „Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir?“, Joh 14,10.

Wir sind Kinder Gottes. In der Gemeinschaft mit Christus sind wir Könige und Priester, sagt die Offenbarung. Auch wir dürfen aus dem Wasser des Lebens Kraft und Reinheit empfangen. Der Herr sei mit uns in der Woche, die kommt.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 25/2026

Und dies ist der Stamm des Vaters Etams: Jesreel, Jisma, Jidbas; und ihre Schwester hieß Hazlelponi;
1 Ch 4,3

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Hur und seine Kinder

Hur ist einer der Söhne von Juda. Er wird in diesem Vers als Stammvater Etams bezeichnet. Das ist der Name einer Stadt und der umliegenden Gegend in der Nähe von Bethlehem. Der Vers gibt uns die Namen der Kinder Hurs: Jesreel, Jisma, Jidbas und eine Frau, Hazlelponi. 

Genealogien reihen Namen aneinander und verbinden sie miteinander. Zwischen A, B, C und D schafft sie Beziehungen, zum Beispiel die folgende: A ist Vater von B. B heiratet C und das Kind der beiden ist D. 

Wie macht man daraus eine Betrachtung? 

Man könnte zum Beispiel Näheres zu den angesprochenen Personen in Erfahrung bringen. Um wen geht es hier eigentlich? Da gibt es eine Überraschung. KI-gestützte Suche führt zu dem Ergebnis, dass keine der im Vers genannten Personen in der Bibel ein weiteres Mal erwähnt wird. Nicht Jisma, nicht Jisma, nicht Jidbas und leider auch Hazlelponi nicht, die eine besondere Frau gewesen sein muß — die Genealogien der Bibel nennen sonst nur Väter und ihre Söhne.  Der Talmud sieht sie als Mutter von Simson, aber die Bibel schweigt.

Ein totes Ende also, vier Geschwister ohne bekannte Nachkommen, von denen man sonst nichts weiß. Gäbe es diesen Vers nicht, würde man ihn vermissen? Hur und seine Nachkommen sind nicht Teil der zentralen Ahnreihe, die von Adam über Jakob und Juda zu König David führt, dann zu den anderen Königen Judas und schließlich auch zu Jesus.

Und doch würde der Vers fehlen.

Unaufhörlich schafft das Alte Testament Beziehungen. Es sieht diese Beziehungen in der Vergangenheit begründet, und drückt das mit Genealogien aus, durch Blutsverwandtschaft also, ganz archaisch. Hur wird im Vers als Stammvater Etams bezeichnet. Die vier Nachkommen stehen wohl für die führenden Patrizierfamilien. Land ist an Stämme und Clans gebunden, und in der Bibel führen sich diese konsequent auf Einzelpersonen zurück.

Jakob steht für ganz Israel, Juda für die Einwohner des Südreichs, Hur für die Einwohner der Region Etam, und die vier Geschwister vermutlich für große Güter dort. Im anschließenden Vers werden noch weitere Kinder Hurs genannt, die zu anderen Städten gehören. Genealogie schafft in der Bibel Beziehungen zwischen großen Menschengruppen und ganzen Ländern und Völkern. Ohne unseren Vers wäre die Region Etam und ihre Menschen nicht in Juda und die biblische Geschichte eingebunden!

Denken wir noch einmal an die zentrale Ahnreihe. Wenn David von Juda abstammt ( 1 Chr 2,3-15) und Jesus von David (Mt 1,1-6 und Lk 3,31-33) — dann gehört Jesus zu David und zu Juda. Das vergißt man leicht, nicht wahr? Aber die Genealogie der Bibel hält es unauslöschlich fest, in dem ihr eigenen Code.

Wer bist du? Wohin gehörst du? Hierfür stehen in der Bibel Name und Abkunft. Wir können dem Herrn danken für unsere Namen und unseren Platz im Leben!

Der Herr segne unsere Woche
Ulf von Kalckreuth


Nachtrag: Vielleicht würde der Vers auch an anderer Stelle fehlen. Seit Tagen schon schauen meine Frau und ich abends Ben Hur, den Monumentalfilms von 1959 mit dreieinhalb Stunden Gesamtdauer. Absolut faszinierend: Jerusalem und das Heilige Land der Zeitenwende. Ich bin auf den Film gestoßen, als ich unseren Vers recherchierte. Judah Ben Hur — Judah aus dem Hause Hur — ist ein jüdischer Fürst, dessen Wege sich mit denen Jesu kreuzen. Lew Wallace, der Autor des zugrundeliegenden Buchs hat sehr genau recherchiert, als er den Namen seines Protagonisten wählte. Unseren Vers kannte er, da bin ich sicher!

Bibelvers der Woche 03/2026

Ich kann nichts von mir selber tun. Wie ich höre, so richte ich, und mein Gericht ist recht; denn ich suche nicht meinen Willen, sondern des Vaters Willen, der mich gesandt hat.
Joh 5,30

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Weltenrichter

Das letzte Gericht wieder, wie in der vergangenen Woche und in der vorvergangenen und auch schon vor vier Wochen. Nie in meinem Leben mußte ich so viel darüber nachdenken. Vielleicht liegt das auch an unserer Welt. Der Gedanke ans Gericht mag uns daran erinnern, dass es nicht gleichgültig ist, was wir tun und wie wir es tun — im Kollektiv nicht und auch nicht individuell.

Hier im Vers spricht der Richter selbst zu uns. Es ist Jesus Christus, wussten Sie das? Was im Mittelalter jedem gewärtig war, haben wir verdrängt. Jesus ist gütig, milde, barmherzig, er ist Heiler und ein Mittler zu Gott, in dessen Hände wir uns fallen lassen können, der uns trägt, fleischgewordenes Wort Gottes… Aber er ist eben auch König und Richter. Am Ende der Apokalypse, des Untergangs unserer Welt steht in den Schriften des Neuen Testaments das Weltgericht, mit Christus als Richter. 

In unserem Vers sagt Jesus etwas Eigenartiges. „Ich kann nichts von mir aus tun. Wie ich höre, so richte ich.“ Der Weltenrichter hat drei unabänderliche Vorgaben, die ihn festlegen: das Gesetz Gottes, seinen Auftrag und das, was in der Welt nun einmal geschehen oder unterblieben ist. Nicht seinen Willen sucht er, sondern den seines Vaters. 

Der Herr selbst, JHWH, tritt nicht in Erscheinung. Denn der Vater richtet niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben, damit sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren (V. 22f). In den alten Schriften wäre der Weltenrichter ein Erzengel gewesen, Michael vielleicht. Im Neuen Testament ist es der auf die Welt zurückgekehrte Christus, der diese machtvolle, aber ausführende Rolle übernimmt. 

Und gerade eben lese ich folgendes. Auf die Frage, ob es Einschränkungen für seine weltweite Macht gebe, antwortete der amerikanische Präsident Donald Trump, es gebe nur eine Sache: „Mein eigener Sinn für Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das einzige, was mich stoppen kann.“ (FAZ, 10.01.2026, S.1)

Klingt das nicht sonderbar, im Licht unseres Verses? Gott schütze uns alle, er schütze auch Donald Trump. Der Herr führe uns aus dem Gericht, er führe uns zum wahren Leben schon in dieser Welt,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 22/2025

…welchen Gott hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut, damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, darbiete in dem, dass er Sünde vergibt, welche bisher geblieben war unter göttlicher Geduld;…
Röm 3,25

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Gnadenstuhl

Jede Woche ziehe ich zufällig einen Vers und versuche mich in einer Betrachtung. Nie habe ich versprochen, dass der Versuch immer glückt. Heute kann er nicht glücken, aus zwei Gründen. 

Die Bibel ist nicht Theologie, Theologie wird „über“ die Bibel gemacht. Das ermöglicht auch Nichttheologen einen vollgültigen Zugang, und nur so kann etwas wie der „Bibelvers der Woche“ gelingen. Es gibt eine Ausnahme — Paulus. Paulus sammelt nicht nur, er reflektiert, ordnet und systematisiert das, was er über Jesus gehört hat, weiss und selbst erfahren hat. Paulus ist Theologe — neben dem, was er sonst ist: Missionar, Kirchenpolitiker, Gründer vieler Gemeinden und bei Licht betrachtet der ganzen Weltkirche. Unser Vers ist reine Theologie, Wissenschaft von Gott. Viele Fäden nimmt er auf und verknüpft sie, sie laufen zusammen in diesem einen Vers. Die Botschaft des neuen Testaments in einer Nussschale. Der Vers und sein zentrales Bild, der Gnadenstuhl, haben eine eigene große Webseite in Wikipedia. Es kann mir nicht gelingen, die zentralen Aspekte leicht fasslich auf einer Seite zu reflektieren. Allein die Sprache ist eine Herausforderung…

Ich selbst stehe unter den Nachwirkungen eines seelischen Schlags und habe nicht die Kraft und Souveränität, einen Aspekt herauszugreifen und darin das Ganze aufscheinen zu lassen, vielleicht mit einem Lied oder einem Bild. Immerhin kann ich die Fäden benennen, die hier zusammenlaufen: 

  • Gottes Gerechtigkeit — sie verlangt Bestrafung von Sünde und Vergehen;
  • Gottes Gnade und Vergebung — sie beinhalten das Gegenteil, nicht wahr?
  • Gottes Geduld — Aufschub der Strafe, aber bis wann? 
  • das Blut Christi und sein Opfertod — wie kann das gerecht sein?
  • Glauben — den Weg gehen;
  • Versöhnung — von Mensch und Gott.

Alles dies kommt zusammen im Bild des „Gnadenstuhls“. Das ist Luthers Übersetzung des hebräischen Worts für eine goldene Platte, welche die Bundeslade im Allerheiligsten des Temples bedeckt, ohne selbst ein Teil von ihr zu sein. Das Wort „Stuhl“ steht hier für „Sitz, Örtlichkeit“, nicht für ein reales Sitzmobiliar. Gott selbst wird über dem Gnadenstuhl als anwesend gedacht. Beim Opfer am Versöhnungstag, Jom Kippur, spritzt der Priester das Blut des Opfertiers in Richtung des Gnadenstuhls. 

Bildlich findet dort die Versöhnung statt. Für Paulus ist Jesus Christus selbst dieser Gnadenstuhl: in ihm laufen die Fäden zusammen, findet die Versöhnung statt. Und nun kann ich ihnen doch eine Gemme geben: Wie dieser Gnadenstuhl ist irgendwie der Vers selbst: er nimmt all diese Fäden auf, in ihrer Widersprüchlichkeit, und verwebt sie zu einer festen Struktur. Der Vers kann also für den Gnadenstuhl stehen, dieser steht für Jesus Christus, und der wiederum steht für die Versöhnung von Mensch und Gott — er ist diese Versöhnung. 

Versöhnung — der Friede Gottes sei mit uns,
Ulf von Kalckreuth

Interludium: Betrachtung zu Palmsonntag

Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus: Was ist Wahrheit?
Joh 18,37

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Königtum

Dies ist kein „Bibelvers der Woche“, zufällig gezogen, sondern meine Betrachtung zum Palmsonntag im Gottesdienst des vergangenen Sonntags. Sie schließt sich aber sehr unmittelbar an den Bibelvers dieser Woche an und hat mir geholfen, den Sinn der Karwoche besser zu verstehen. Sie können diesen Text also als Nachtrag betrachten.


Königtum, Tod, Fasten

Liebe Gemeinde, es ist Palmsonntag. Palmsonntag steht für ein großes Ereignis. Jesus zieht ein in Jerusalem, ins Zentrum der Macht – dort wo die Könige residierte und der Tempel stand. Es ist aber auch das Zentrum der Macht seiner Gegner. In Jerusalem wird sich alles entscheiden.

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« 
Joh 12, 12-15

Palmsonntag hat etwas sehr Irritierendes – dieser Tag im funkelt und blitzt in allen Farben des Regenbogens und dazu auch in weiß, blendend hell. Eine große Wahrheit scheint auf: zu sehen für jedermann. In alptraumhafter Weise verkehrt aber diese Wahrheit sich dann in ihr Gegenteil, wird zur fetten, feisten Lüge. Um nochmals später doch wahr zu sein, auf gänzlich unerwartete Weise, in einer anderen Welt eigentlich.

Als Jesus später vor Pilatus steht, fragt dieser ihn: „Bist Du der Juden König?“ Und Jesus antwortet (Joh, 18):

Mein Reich ist nicht von dieser Welt… Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?

Wahrheit zeigt uns manchmal ständig ein anderes Gesicht. Und manchmal ist sie gar nicht wiederzuerkennen.

Palmsonntag: Jesus gibt sich als Messias zu erkennen – endlich! Es muss eine unglaublich dichte Atmosphäre gewesen sein, damals. Heilserwartung lag in der Luft. Die Menschen jubelten: sie hatten von Jesus gehört und von seinen Wundertaten und nun kam er tatsächlich nach Jerusalem, die Hochgebaute, wo sich das Schicksal Israels und der Welt wenden würde. Alle vier Evangelien berichten von dem Einzug, in leicht unterschiedlicher Weise. Auf einem Füllen sitzend kam Jesus, die Menschen haben ihre Kleider — die seinerzeit lange Tücher waren — auf das Füllen und über den Boden gelegt, für den König. Palmzweige wurden gestreut. Alles war möglich, alles konnte nun geschehen. Die Welt war weit offen. Das Reich Gottes und die Welt der Menschen waren verschränkt wie niemals vorher und niemals nachher. Die Menschen sangen den Messiaspsalm, Psalm 118. Ich will ihn nachher mit euch beten. Dieses Lied ist an vielen Stellen geradezu ekstatisch, es besingt den Einzug in die Heilige Stadt und den Anbruch des Reichs Gottes. In der Zukunft. Doch die war ja gerade Gegenwart geworden…!

Jesus durchschreitet das Tor. Was aber dort auf ihn wartet, ist nicht Königtum, sondern der Tod. Er wird verfolgt – versteckt feiert er mit seinen Jüngern das Pessachmahl, wird dann verraten, verhaftet, verurteilt und verspottet. Eine Dornenkrone setzen sie ihm auf, dem „König der Juden“, und einen Purpurmantel. Dann wird er gefoltert bis zum Tod. Die Welt bleibt stehen, der große Schabbat, einen ganzen Tag lang!

Und dann ist alles GANZ anders. Dann ist Jesus wirklich König, dann steht er auf von den Toten, ist Christus, der Gesalbte, der zur Rechten des Vaters sitzt.

Das ist eine unglaubliche Geschichte, nicht wahr? Als ich darüber nachdachte, merkte ich, dass sie aber auch etwas hat, das uns alle betrifft, etwas fast Alltägliches. Wir sind Kinder Gottes, sind als Kinder Gottes geboren und als Christen dazu bestimmt, die Krone zu empfangen. Das ist Palmsonntag, nicht wahr? Was aber dann mit uns geschieht, ist nicht schön. Bei vielen dauert es lange, bei manchen geht es schneller – wir desintegrieren, lösen uns auf. Im Alter verlieren wir alles: Kraft, Geist, Schnelligkeit, oft auch den Verstand und die Erinnerungen, am Ende sogar die grundlegendsten Fähigkeiten. Das Leben ist sehr gut darin, uns die Dornenkrone aufzusetzen. Ich denke an einen Menschen, der mir sehr nahe steht. Er wird neunzig und hat fast alles verloren, ausser seinem Verstand und seinem Gehör und seiner Familie. Diese drei sind ihm geblieben. Dornenkrone, nicht wahr? Karfreitag

Gottes großes Versprechen ist, dass dies nicht das Ende ist. Das wir zu Recht Gottes Söhne und Töchter heißen, dass wir Könige sind und Königinnen. In dieser Welt und in der nächsten. In Ostern liegt die eigentliche, die letzte Wahrheit.

Auf dem Weg dorthin aber verlieren wir alles. So ist es, unausweichlich, die Bibel sagt das deutlich, im Buch Kohelet wie auch in den Psalmen. Gott nimmt uns das nicht ab. Der Weg ist nicht schön, oft ist er gar entwürdigend, so wie die Dornenkrone. Und wir sollen lernen, damit umzugehen. Ich sehe darin den eigentlichen Sinn des Fastens. Lernen, frei zu bleiben.

Palmsonntag ist der Einstieg in die Karwoche. Mich hat die Fastenzeit in diesem Jahr überfallen und eingefangen, fast wie ein Räuber. Ich wollte eigentlich lediglich auf Alkohol und Videos verzichten. Fleisch esse ich ohnehin nicht. Meine jüngere Tochter hat dann beschlossen, tagsüber nicht zu essen, nur noch abends nach acht Uhr. Ich fand das überzeugend und habe mich angeschlossen. Jeden Abend haben wir um acht Uhr gemeinsam gegessen.

Und die kommende Woche, Montag bis Karsamstag, werde ich in einem kleinen Zimmerchen in der Mitte eines Kirchturms verbringen. Weißfrauenkirche, Gutleutstraße. Ich will versuchen, ein Buch aus meinen Betrachtungen zum Bibelvers der Woche zu machen. Das war ein recht kurzfristiger Entschluss, aber irgendwie passt er zum ganzen Rest. Ich werde sehr reduziert sein da oben, und ich bin gespannt, was es mit mir macht. Später werde ich es vielleicht wiedererkennen, in einigen Jahren, wenn ich selbst neunzig bin.

Und dann wissen, dass ich König bin. Wie Jesus, wie wir alle!

Amen! So sei es, so soll es sein!

Bibelvers der Woche 13/2024

Da führten sie Jesum von Kaiphas vor das Richthaus. Und es war früh; und sie gingen nicht in das Richthaus, auf dass sie nicht unrein würden, sondern Ostern essen möchten.
Joh 18,28

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Radwechsel

Die Karwoche ist eine Höllenfahrt zum Tod. Sie beginnt mit einer Blüte aus dieser Welt: Jesus zieht in Jerusalem ein und die Menschen erkennen ihn als Messias. Und sie endet mit einer Blüte aus einer anderen Welt.

Unser Vers — zufällig gezogen ! — führt uns mitten hinein in die Karwoche. Jesus ist verraten und verhaftet worden, in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag. Der jüdische Hohe Rat verhört ihn und berät und befindet, dass dieser sterben müsse, damit das Volk sicher vor den Römern leben könne. Aber mit seinem Tod will man nichts zu tun haben. Die Wachen bringen Jesus zum Richthaus der Römer, ins Prätorium. Sehr früh am Morgen ist es. Auf der Höllenfahrt ist dies eine Art Radwechsel. Und ein wunderlicher Dialog entspinnt sich: 

TextSubtext
28 Da führten sie Jesus von Kaiphas zum Prätorium; es war früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten.Wir wollen uns nicht die Hände schmutzig machen!
29 Da kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Was für eine Klage bringt ihr gegen diesen Menschen vor?Was wollt ihr von mir um diese Zeit? Was fällt euch ein, mich herauszurufen?
30 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überantwortet. Dein Job ist’s der dich ruft…!
31 Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz. Kümmert euch um eure Angelegenheiten selbst!
Da sprachen die Juden zu ihm: Wir dürfen niemand töten.Nein, großer Besatzer, es ist wirklich dein Job, hier geht es um ein Kapitalverbrechen!
Joh 18, 28-31

Schließlich nimmt Pilatus die heiße Kartoffel. Es ist der Tag vor Pessach, das Volk ist erregbar, und er will keinen Fehler machen. Der Hohe Rat bezichtigt Jesus, er gebe sich als König der Juden aus und das kann Kampfansage gegen die römischen Besatzer sein. 

Sehen Sie, wie tief Jesus gesunken ist? Von ihm gibt es hier keine Aktion, Reaktion oder Äußerung. Er wird zwischen zwei Gruppen hergeschoben, die nichts mit ihm zu tun haben wollen. Lukas berichtet, Pilatus habe gar versucht, ihn an Herodes Antipas, den Statthalter von Galiläa loszuwerden. Der aber schickte ihn postwendend zurück.

Jesus ist nun Objekt der Dispositionen anderer, bestimmt dazu, Schläge entgegenzunehmen und schließlich den Tod. Sein Königtum beginnt danach… 

Gott bleibe bei uns in unserer Karwoche!
Ulf von Kalckreuth


Ein P.S. zur Karwoche: Ich werde sie auf ganz eigene Weise verbringen — in einer Zelle im Turm der Frankfurter Weißfrauenkirche. Mitten in Frankfurt, vielleicht 800 m von meinem Arbeitsplatz entfernt. Die Gitarre nehme ich mit und den Computer. Ich will versuchen, aus den Bibelversen der Woche ein Buch zu machen — und mal sehen, was sonst noch geschieht…

Das Türmerzimmer in der Frankfurter Weißfrauenkirche

Bibelvers der Woche 08/2024

Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird…
Luk 2,34

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Ecce homo

Ich mußte meine Betrachtung zu diesem Vers heute neu schreiben. Während des Tags erreichte mich gestern die Nachricht, dass Alexej Nawalnyj in einem russischen Straflager gestorben ist. Alexej Nawalnyj, der fest an ein besseres Russland glaubte und die Menschen seines Landes aufrief, gegen Putins Terror aufzustehen und an diesem Russland zu arbeiten, ist tot.  

So weit sollte es eigentlich schon vor dreieinhalb Jahren sein. Im August 2020 brach er auf einem Flug von Sibirien nach Moskau zusammen. Nach einer Notlandung und einer ersten Behandlung in Omsk gelangte er in die Berliner Charité. Dort wurde eine Vergiftung mit einem Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe diagnostiziert. Statt im einigermaßen sicheren Westen zu bleiben — wirklich sicher war er nicht, der FSB mordet auch im Ausland — kehrte er nach Russland zurück, nach Moskau. Am Flughafen schon wurde er verhaftet. Seither, bis zu seinem Tod gestern, lebte er in Gefängnissen und Straflagern, oft in Isolation und Folter. Aber vergessen ist er nicht, und auch nach seinem Tod noch weckt er Mut.

Dabei war er sicherlich kein Mann nach dem Bild des bundesdeutschen Zeitgeists. Sich selbst bezeichnete er als „nationalistischen Demokraten“, und das trifft es, in beiden Teilen des Ausdrucks. 

Was hat dies mit dem Bibelvers der Woche zu tun?

Jesu Eltern brachten ihr Kind kurz nach der Geburt in den Tempel. Nach jüdischer Vorstellung waren erstgeborene Knaben in besonderer Weise Eigentum des Herrn. Das Leben dieser Kinder gehörte Gott und wurde mit einem Opfer im Tempel ausgelöst. Simeon, ein frommer Mann, wird an der Schwelle des Todes Seher: er erkennt Jesus, dankt Gott, dass er ihn diese Stunde erleben läßt, und gibt eine eigentümliche, visionäre Zusammenfassung von Jesu Leben. Dabei spricht er Maria an. Hier ist der Vers im Zusammenhang: 

Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wirdauch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

An Jesus werden sich die Geister scheiden — er ist ein Zeichen, dem widersprochen wird. Die einen fallen, andere stehen auf, ein Schwert wird ins Herz Mariens dringen. Und am Streit um Jesus wird das Innere der Menschen offenbar. Wie eine Art Lackmustest für das, was sonst unsichtbar bliebe. 

Was Lukas damit meint, wird elf Kapitel weiter hinten im Text klarer. Jesus spricht harte Worte (Luk 12,49-53): 

Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte! Aber ich muss mich taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist! Meint ihr, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht. Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei gegen zwei und zwei gegen drei. Es wird der Vater gegen den Sohn sein und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.

Man muss das zweimal lesen. Das ist nicht das herze Jesulein, das wir so gern sehen und gut zu kennen meinen. Hier geht es um elementare Wahrheiten, und da bleibt Streit nicht aus. Sie ist eben nicht zu haben, die Wahrheit, ohne Streit, und die letzte Wahrheit schon gar nicht. 

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen um ihn und seine Lehre ging Jesus vom einigermaßen sicheren Norden des jüdischen Landes schutzlos nach Jerusalem, dem Zentrum der Macht seiner Gegner, geradewegs in den Tempel, um dort zu predigen. Nawalnyj war gläubiger Christ. Einen Vergleich mit Jesus hätte er abgelehnt. Aber auch er hat sich für seine Welt, seine Gemeinschaft und das Gute darin freiwillig in die Gewalt seiner Feinde gegeben. ‚If they decide to kill me, it means that we are incredibly strong‘ sagte er. Er wusste, was er tat, und er tat es, weil er es wusste.  

Ecce homo. 

Der Herr behüte uns in dieser Woche
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 37/2023

Da das sah Judas, der ihn verraten hatte, dass er verdammt war zum Tode, gereute es ihn, und brachte wieder die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und den Ältesten.
Mat 27,3

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

In der Geisterbahn

Der Vorhang zum letzten Akt hat sich geöffnet. Judas, einer der engsten Vertrauten Jesu, hat diesen an die Miliz des Sanhedrin, des Hohen Rats verraten, gegen Geld. Jesus wird verhaftet und abgeführt. Der Sanhedrin tagt, gemeinsam mit dem Hohepriester, und sie beschließen Jesu Tod, wegen Gotteslästerung. Er wird der römischen Besatzungsmacht überantwortet, weil die Juden selbst keine Todesurteile fällen und vollstrecken dürfen. Es bleibt daher noch zu prüfen, ob Jesus auch gegen römisches Recht verstoßen hat, aber der Ausgang scheint nun hinreichend klar. Für Judas ist das Geschehen unerträglich, er wird von tiefer Reue erfasst. Hier der Textzusammenhang, Mat 27, 3-5:

Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe gesündigt, unschuldiges Blut habe ich verraten. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging davon und erhängte sich.

Nur Matthäus berichtet von Judas‘ Selbstmord. Beim zweiten Hinsehen ist Judas‘ Reaktion nicht unmittelbar einleuchtend. Das Ergebnis der Verhandlung war eigentlich gut vorhersehbar. Judas hatte eine hohe Belohnung erhalten, und die Hohepriester oder ihre Miliz haben sie gezahlt, um etwas damit zu erreichen. Ein öffentlichkeitswirksamer Freispruch war sicherlich nicht das Ziel. Warum bringt sich Judas also um?

Die kritische Veränderung kommt nicht aus der Umwelt, sie muß sich in ihm selbst vollzogen haben.  Oder aber seine Verzweiflung war zuvor schon übergroß, und er hat zuerst die geistliche Seite seines Lebens getötet und dann die körperliche. Jesu Tod wäre dann die letzte Station auf Judas‘ persönlicher Reise in die Nacht. 

Wie ja auch umgekehrt. Judas‘ und Jesu Leben sind am Ende auf geheimnisvolle Weise miteinander verschränkt, Bild und Gegenbild, sie beide sterben mit und wegen des jeweils anderen.

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche!
Ulf von Kalckreuth

Nachts am, Fluss, Ulf von Kalckreuth, 2019

Bibelvers der Woche 38/2022

Er redete aber von dem Judas, Simons Sohn, Ischariot; der verriet ihn hernach, und war der Zwölfe einer.
Joh 6,71

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Fast allein

Jesus war streitbar — die Evangelien berichten, wie seine harten Formulierungen harte Gegenwehr erzeugen konnten, bis hin zu Gewalttätigkeit, und oft tat er nichts, dies zu vermeiden. 

Der Streit in Kapernaum, von dem hier die Rede ist, ist der erste, von dem Johannes berichtet. Und er kostete den Wanderprediger den größten Teil seiner Anhängerschaft, die durch das Wunder der Brotvermehrung gewaltig zugenommen hatte. 

Was war geschehen? Jesus sagt den Zuhörern, dass sie eins werden müssen mit ihm, dass sie nur so zum Vater kommen können. Ob dies gelingt, ob jemand diesen Weg findet, entscheidet der Vater. Jesus gebraucht für das Einssein mit Jesus ein krasses Bild, und es bleibt ausgesprochen unklar, ob es nur ein Bild ist oder mehr: Die Menschen, so sagt er, müssen sein — Jesu — Fleisch essen und sein Blut trinken, um zum ewigen Leben zu kommen. 

Da schießen explosiv Empfindlichkeiten hoch. Für Juden ist es eine grauenvolle Vorstellung. Menschenopfer sind abscheulich. Das Trinken von Blut ist absolut verboten, Fleischgenuß ist nur möglich, wenn dem Fleisch durch Schächten alles Blut entnommen wurde. Denn im Blut ist das Leben des Tieres, sagt Mose. Gemeint ist im Evangelium zunächst der Opfertod Jesu — das Opfer ist heilsnotwendig. Aber man kann Jesu Worte darüber hinaus auf das Heilige Abendmahl, die Eucharistie beziehen, und dann geht es um physisches Fleisch und physisches Blut. Auch unter Christen werden die Diskussionen hierzu sehr scharf, wenn sie nicht vermieden werden

Jesus vermeidet gar nichts und beharrt auf der Formulierung. Die Menschen wenden sich angeekelt ab. Nur die zwölf Schüler, die er sich selbst erwählt hatte, blieben. Er fragt, ob sie nicht auch gehen wollen, und Petrus antwortet für alle mit den Worten: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt,: Du bist der Heilige Gottes.

Ein anrührendes Bekenntnis. Jedem anderen hätte es an dieser Stelle die Stimme verschlagen. Aber Jesus antwortet: Habe ich nicht euch zwölf erwählt? Und einer von euch ist ein Teufel.

Der gezogene Vers nun ist die Erklärung des Evangelisten: Jesus meint Judas Ischariot, der ihn später verraten würde. Johannes liefert diese Erklärung, weil die Antwort sehr schroff ist und ihr Sinn nicht offensichtlich — beweisen die Zwölf nicht gerade ihre Treue? Das ist doch wahrlich nicht dasselbe: herausgehobener Anhänger eines Stars zu sein, des angehenden Königs und Heilsbringers, oder zu den letzten Getreuen eines gemiedenen Aussenseiters zu zählen. Die zwölf bleiben bei ihrer Entscheidung für den Messias, den sie gefunden haben. 

Vielleicht meint Jesus wirklich Judas. Vielleicht aber bricht sich in ihm auch Enttäuschung Bahn. Die Zukunft, die vor ihm liegt, wird eben kein Siegeszug sein, keine erfolgreiche Bekehrung großer Massen, sondern ein leidensvoller und oft recht einsamer Weg. Das wird jetzt sehr deutlich.

Wie hätte ich mich entschieden? Wie die zwölf oder wie die vielen anderen? In Mat 7,14 spricht Jesus, dass der Weg zum Leben schmal sei und nur wenige ihn finden. Hat er das vor oder nach Kapernaum gesagt? Es ist die Gnade des Vaters, die zum Vater führt, so sagt er hier, in Joh. 6. 

Der Herr sei uns gnädig auch in der kommenden Woche!
Ulf von Kalckreuth