Denn du, Gott, hörst meine Gelübde; du belohnst die wohl, die deinen Namen fürchten.
Ps 61,6
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Was sind meine Gelübde?
Der Betende ist in Angst und Isolation. Er schreit zu Gott „vom Ende der Erde“ und wünscht sich, aus seiner Angst herausgenommen zu werden; Gott möge ihn auf einen hohen Felsen führen. Er braucht Gottes Schutz, möchte im Zelt Gottes wohnen. Üblicherweise ist das eine Umschreibung für den Tempel.
Unser Vers ist der Wendepunkt des Psalms. Der Betende wird zuversichtlich, denn Gott ‚hört Gelübde‘. Wer Gott fürchtet, also Ihn und seine Gesetze achtet, steht unter seinem Schutz. Was er Gott in der Not versprochen hat, will er erfüllen. Der Psalm sagt nicht ausdrücklich, wer der Betende ist und worin sein Gelübde besteht. Wir erfahren nur, dass er täglich erfüllen will, was er Gott versprochen hat.
Ein Gelübde ist ein Versprechen, das ein Mensch Gott gegenüber abgibt. Oft in einer Notsituation: er verspricht eine Gegenleistung, wenn Gott ihn erhört (z.B. Ps 116,14). Solche Versprechen sind unmittelbar bindend und müssen unbedingt eingehalten werden (Dtn 23, 22-24). Deshalb warnt die Bibel ausdrücklich vor unbedachten Gelübden (Spr 20,25). Einen tragischen Fall haben wir im BdW 22/2021 kennengelernt. Der israelitische Richter Jiftach verspricht Gott für den Fall des Siegs als Brandopfer „das erste, was aus meiner Haustür mir entgegentritt, wenn ich in Frieden wiederkomme…“ (Ri 11,31), und wer ihm entgegenkommt, ist seine eigene, seine einzige Tochter, mit einer Pauke in der Hand.
Ein Gelübde etabliert eine Bindung zwischen Mensch und Gott. Anders als die großen Bünde in der Bibel ist diese Bindung persönlich. Ein Gelübde schafft eine persönliche Pflicht und hofft auf persönliche Rettung.
Eine Freundin, der ich den Vers in der vergangenen Woche schickte, sagte mir, sie sei „gespannt, was deine Gedanken zu deinem Gelübde vor Gott“ seien. Das setzt voraus, dass ich eines abgegeben habe. Die Frage hat mich wirklich überrascht und zum Nachdenken gebracht.
Ja, für zwei Menschen, meine Kinder, habe ich Gott gegenüber ausdrücklich Verantwortung übernommen. Etwas Vergleichbares habe ich bei meinem Eheversprechen getan. Auch als ich in unsere Gemeinde eintrat, bin ich eine Bindung eingegangen, in die Gott einbezogen ist. Und als Beamter habe ich einen Eid auf die Verfassung, die geltenden Gesetze der Bundesrepublik Deutschland und meine dienstlichen Pflichten geleistet.
Aber diese Bindungen sind abstrakt. Sie müssen situativ konkretisiert werden, um eine Wirkung zu entfalten. Ist das gemeint? Die Gelübde, von denen in der Bibel die Rede sind, betreffen sehr konkrete Handlungen — ein Opfer, eine Zahlung, eine Wallfahrt, einen speziellen Dienst.
Eine solche Rolle spielt für mich seit längerer Zeit der Bibelvers der Woche. Damit im Zusammenhang stehen Abläufe, die in vieler Hinsicht genau bestimmt sind. Vor Sonntag um 0 Uhr muß der Bibelvers für die kommende Woche im Netz stehen, gemeinsam mit einer Betrachtung. Eine E-Mail geht an eine Reihe von interessierten Menschen, anschließend wird der Vers für die neue Woche gezogen.
In seiner Regelmäßigkeit erinnert das an eine kultische Handlung. Heute bin ich morgens um halb vier aufgestanden, um diese Betrachtung zu schreiben, weil ich weiß, dass ich wegen anderer Verpflichtungen heute den Tag über keine Zeit haben werde. Vielleicht ist sie deshalb auch nicht gut fokussiert. Jetzt, wo ich dies schreibe, ist es 5.40 Uhr und ich mache mir einen Kaffee.
Das Sonderbare ist: ein ausdrückliches Gelübde habe ich nie abgelegt. Ich fühle klar eine Verpflichtung, aber sie hat sich konkludent ergeben, im Vollzug gewissermaßen.
Ich habe ein Versprechen gegeben, indem ich es gehalten habe.
Biblisch ist es kein Gelübde — es fehlt das ausgesprochene Versprechen. Und doch glaube ich, dass viele unserer wirksamen Bindungen so entstehen. Wir kommen in einen Dienst und erfüllen ihn, und die Bindungswirkung, das Versprechen, ergibt sich daraus.

Nicht jede Bindung gilt für immer. Vielleicht müssen wir uns von Zeit zu Zeit fragen, ob Gott einen Dienst von uns noch will — oder ob nur wir selbst es sind, die uns daraus nicht entlassen können.
Was sind Ihre Gelübde? Wie sind sie zustande gekommen? Und gibt es eine Ausstiegsklausel?
Gott schütze uns und sei uns gnädig!
Ulf von Kalckreuth
