Abraham aber betete zu Gott; da heilte Gott Abimelech und sein Weib und seine Mägde, dass sie Kinder gebaren.
Gen 20,17
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Amazing Grace
Es ist eine unglaubliche Geschichte. Und weil sie so unglaublich ist, wird sie dreimal berichtet. In Gen 20, aus dem unser Vers stammt, wird sie so erzählt: Abraham und Sara wandern in das Gebiet der Philister, zu Königs Abimelech in Gerar, zwischen Gaza und Be’er Scheva. Abraham hat Angst vor Konflikten, daher gibt er Sara als seine Schwester aus und verschweigt, dass sie verheiratet sind. Abimelech interessiert sich für sie und lässt sie holen, um sie in seinen Harem zu nehmen.
Gerade noch rechtzeitig zeigt sich ihm der Herr im Traum, sagt ihm, dass Sara eines anderen Mannes Frau ist und dass es Todsünde wäre, sie zu sich zu nehmen. Abimelech ist sehr erschrocken. Er stellt Abraham zur Rede und fragt ihn, was er denn getan habe, dass Abraham eine derartige Sünde über ihn bringen wolle.
Abimelech verzichtet auf die geplante Hochzeit, gibt Abraham seine Frau wieder und überhäuft ihn mit Geschenken — „Schafe und Rinder, Knechte und Mägde“. Er erlaubt ihm sogar, in seinem Land zu siedeln. Abraham betet für ihn, und Abimelechs Frauen und Mägde können wieder gebären. Das ist der gezogene Vers – „denn der HERR hatte zuvor hart verschlossen jeden Mutterschoß im Hause Abimelechs um Sarah, Abrahams Frau, willen.“
Die kollektive Unfruchtbarkeit im Hause Abimelechs lässt vermuten, dass Sara schon eine ganze Weile in seinem Harem gelebt haben könnte. Das wird deutlicher in der älteren Version der Geschichte. In Gen 12 wird erzählt, wie Abraham und Sara wegen einer Hungersnot nach Ägypten fliehen. Sie verschweigen ihre Ehe und der Pharao nimmt Sara in seinen Harem. Abraham bekommt viele Geschenke, und zwar vor der Aufklärung des Irrtums. Es ist also ein Brautpreis!
Auch hier treffen Plagen das Haus des Pharao, auch hier greift der Herr ein. Der Pharao ist erzürnt und lässt die beiden von seinen Leuten außer Landes bringen.
In Gen 26 schließlich wird die Geschichte in abgemilderter Form ein drittes Mal erzählt. Das Ehepaar ist hier Isaak und Rebekka. Sie sind bei König Abimelech in Gerar zu Gast und verschweigen ihre Ehe, aber dieser bemerkt den Betrug, noch bevor Schlimmeres geschieht.
Man darf annehmen, dass es sich eigentlich um eine einzige Geschichte handelt, die auf unterschiedlichen Wegen in die Genesis-Erzählung gelangt ist. Sonst müsste man glauben, dass Abraham und Sara aus ihren Erfahrungen in Ägypten nichts gelernt haben, Die Beziehung zwischen den Geschichten gibt Stoff für theologische Diskussionen. Hier finden Sie eine längere Betrachtung dieser drei Geschichten und ihres Zusammenhangs. Und hier gibt es eine Synopse.
Ich will den Blick aber gern auf etwas anderes lenken. Gott rettet – aber wen?
Zunächst natürlich rettet er Sara. Abrahams Frau und Halbschwester steht im Begriff, auf Nimmerwiedersehen im Harem des Philisterkönigs zu verschwinden. In der Beziehung der beiden Männer ist sie Objekt. Zweitens aber rettet Gott auch Abimelech, der drauf und dran ist, sich tödlich zu versündigen und der eigentlich keine Möglichkeit hat, den Irrtum selbst zu erkennen. Der Herr erscheint ihm im Traum, und Abimelech, der Heide, reagiert sofort. Darin liegt Ironie, denn zu seiner Entschuldigung sgt Abraham, er glaubte, es sei keine Gottesfurcht an diesem Ort.
Wirklich unmoralisch hat nämlich Abraham sich verhalten. Es war die hohe Zeit des Patriarchats. Männer hatten dabei nicht nur Rechte. Oberste Pflicht des Mannes war es, seine Frau zu schützen. Aus Opportunität entledigt sich Abraham dieser Pflicht und überlässt Sara ihrem Schicksal. Er versündigt sich an seiner Frau, an Abimelech bzw. dem Pharao und an Gott.
Abraham ist so tief gefallen wie kaum ein Mensch fallen kann.
Und gerade er ist es, der in erster Linie gerettet wird! Der Vater vieler Völker hat moralisch vollständig versagt. Und der Herr macht es rückgängig, und das nicht nur einmal! Ohne dieses Eingreifen Gottes – wie hätte die biblische Geschichte weitergehen können? Nur als Parodie.
Gott ist seinem Bund treu. Da ist die frohe Botschaft, hier ist sie wirklich! Deshalb wird die Geschichte dreimal erzählt! Amazing Grace: Gott rettet uns nicht nur ohne unser Verdienst, sondern manchmal sogar ohne unseren Willen, auch aus schwersten Verfehlungen. Gott gibt uns auch dann nicht preis, wenn wir an unserer Schuld zu scheitern drohen. Seine Treue kann weiter reichen als unsere Untreue. Das macht die Sünde nicht harmlos. Aber es nimmt ihr das letzte Wort.
Ist es nicht großartig, wie jemand so tief fallen und dennoch Grundstein sein kann für das Volk Gottes und für die ganze biblische Geschichte?
Gottes Schutz ist mit uns in der kommenden Woche!
Ulf von Kalckreuth

