Bibelvers der Woche 15/2021

Laban antwortete und sprach zu Jakob: Die Töchter sind meine Töchter, und die Kinder sind meine Kinder, und die Herden sind meine Herden, und alles, was du siehst, ist mein. Was kann ich meinen Töchtern heute oder ihren Kindern tun, die sie geboren haben?
Gen 31,43

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Die Macht der Perspektive

In dieser Woche bin ich in der Nutzung meiner Augen ein wenig eingeschränkt, soll nicht lesen und auch möglichst wenig schreiben… Wie schön ist es da, dass ich vor fast drei Jahren Gen 31,42 gezogen habe, der dem Vers dieser Woche unmittelbar vorangeht. In jenem Vers erfährt eine lange schwelende Konfliktsituation ihre letzte Zuspitzung. Ein Gewaltausbruch scheint zwingend. In dem für diese Woche gezogenen Folgevers verwandelt einer der Antagonisten die Situation tiefgreifend. Hier gibt es Näheres zu dieser faszinierenden Szene und einen Kommentar:

Link zum Bibelvers der Woche 26/2018

Es ist wie ein Wunder: Laban erhält seinen Anspruch aufrecht, und dies durchaus mit gewissem Recht. Dies alles ist seins. Aber statt sich mit diesem Anspruch weiter gegen seinen Schwiegersohn zu wenden, fragt er plötzlich, wie er seinen Töchtern und deren Nachkommen am besten dienen kann. Die Antwort ist klar — sicher nicht, indem er den Schwiegersohn umbringt. Er bietet diesem statt dessen ein Bündnis an. Und den beiden Skorpionen in einer Flasche, Laban und Jakob, gelingt eine friedliche Trennung. 

Das ist mehr als Zauberei. Zauberei ist nämlich unmöglich, Perspektivwechsel sind möglich! 

Der Herr sei mit uns in dieser Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 5/2021

Aber ehe sie sich legten, kamen die Leute der Stadt Sodom und umgaben das ganze Haus, jung und alt, das ganze Volk aus allen Enden,…
Gen 19,4

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Straft Gott?

Im Buch Genesis stehen viele der schönsten und einige der furchtbarsten Geschichten in der Bibel, zu letzteren gehört die Vernichtung von Sodom. Ihre grobe Struktur ist ganz ähnlich der Sintflutgeschichte. Gott hört von den unseligen Taten und dem sündigen Leben der Einwohner dieser Stadt und will sie als Kollektiv vernichten. Er spricht mit Abraham davon, und dieser wendet ein, es könnte doch auch Gerechte unter den Bewohnern geben. Sicher denkt er dabei auch an seinen Bruder Lot, der in Sodom lebt, seitdem er sich von Abraham getrennt hat. Und Abraham handelt regelrecht mit Gott darum, wieviele Gerechte die Vernichtung der ganzen Stadt zu einem Unrecht machen würden — siehe den Bibelvers der Woche 40/2019. Gott verspricht, sich die Stadt und ihre Einwohner anzusehen, aus der Mikroperspektive. Zwei Engel Gottes besuchen die Stadt, Lot lädt sie ein, bei ihm zu speisen und zu nächtigen. 

An dieser Stelle steht der Vers. Hier soll ein Exempel statuiert werden, auch für den Leser. Deshalb macht die Bibel den Fall ganz klar: Die Einwohner der Stadt, ALLE ohne Ausnahme, versammeln sich um Lots Haus, um schreckliches Unrecht zu begehen: gemeinschaftlich wollen sie die beiden Engel des Herrn vergewaltigen. Dabei wird ganz irdisch das Gastrecht verletzt, mit einer sexuellen Aberration, welche die Bibel zutiefst verabscheut. Die Engel aber stehen stellvertretend für Gott selbst, daher ist das Vergehen nicht mehr zu steigern.

Obwohl Lot über das Wesen seiner Gäste im Unklaren bleibt, tut er alles — wirklich alles — das Gastrecht zu verteidigen, sein Schutzversprechen einzulösen. Er bietet der Meute als Ersatz seine beiden Töchter an, und macht sich dabei selbst schuldig. Die Städter wollen statt dessen über ihn, den Fremden herfallen, da ziehen die Engel ihn ins Haus und schlagen die Anwohner mit Blindheit. Im Schutz der Dunkelheit flieht die Familie: die Engel führen Lot, sein Weib und die beiden Töchter aus Sodom, bevor sie die Stadt mit Feuer und Schwefel vernichten, und später auch die umliegenden Siedlungen.

Der Vergewaltigungsversuch, von einer ganzen Stadt getragen, ist an sich vollkommen unplausibel. Die Geschichte hat Lehrcharakter und will nicht wörtlich verstanden werden. Die Aussage ist: Gott straft, wenn es zu viel wird, und er straft auch kollektiv. Dabei ist er gnädig, sieht auf das Verdienst und er gibt auch zweite und dritte Chancen, aber es gibt einen Punkt, an dem alles zu spät ist. Das ist im Vers der letzten Woche übrigens auch die Aussage des zweite Teils, über den ich nicht so viel gesprochen habe. Diese Aussage zieht sich nicht nur durch das Alte Testament — in einer großen Zahl apokalyptischer Bilder wird das Gericht auch im Neuen Testament ausbuchstabiert. 

Das Gericht ist unmodern geworden. Evangelische Theologen halten heute meist dafür, dass Gott sich aus der Geschichte herausgezogen habe und uns Menschen die Verantwortung dafür überlasse. Wie man früher hinter jedem Übel eine Sünde gesehen hat, die damit ihrer gerechte Strafe zugeführt wird, sieht man heute gern gesellschaftliche Missstände aller Art, nicht aber Gottes Wirken. 

Die Aussage der Bibel ist klar eine andere: Gott sieht, was geschieht und reagiert darauf. Geschichte entsteht in einem Wechselspiel der Aktionen Gottes und der Menschen. Auch die Bibel betont eine Verantwortung des Menschen, aber nicht direkt einer abstrakten Schöpfung oder „der“ Menschheit gegenüber, sondern konkret vor Gott. Diese Überzeugung hat sich in den beiden Katastrophen der Geschichte Israels gebildet, der Vernichtung erst des Nordreichs, und dann des Südreichs. Sie durchtränkt alle Fasern der jüdischen Bibel, deren Texte während und nach dem Exil kompiliert und redigiert wurden. Die Vernichtung Jerusalems und des Tempels durch die Römer hat die Sicht bestätigt, auch für die sich bildende christliche Kirche. 

Was ist wahr? Offen gestanden, ich weiss es nicht. Warum eigentlich sollte Gott permanent die Verletzungen seiner Gebote verfolgen? Tut er das wirklich? Das fragen oft auch die Psalmen. Sie fragen, weil das Gegenteil Unrecht wäre. Wenn Putin nun für seine Taten einfach ein gutes Leben hätte, in einem riesigen, königlichen Palast am Schwarzen Meer, dazu blendende Gesundheit und schöne Frauen? Werden nur manche Menschen bestraft, nicht aber alle? 

Uns muss klar sein, dass der christliche Glaubenskern — von der Gnade, die der Tod des Sohns für die erwirkt, die die Gnade annehmen — ausgesprochen sinnfrei ist, wenn es nichts gibt, das diese Gnade wichtig und not-wendig machte. Das Christentum ist eine Antwort auf die Vorstellung vom strafenden Gott. Die sozialdemokratische Vision Gottes verträgt sich nicht mit dem Bild des sterbenden Christus, er muß einen schrecklichen Fehler gemacht haben, er hat offenbar etwas ganz  Wichtiges nicht verstanden.

Noch einmal, wie ich hier sitze und schreibe, weiss ich es nicht. Zieht Gott uns zur Verantwortung? Um es an einem konkreten Beispiel festzumachen: ist Corona Ausdruck einer überzogenen Globalisierung und Interaktionsdichte, ganz hydraulisch sozusagen, oder steckt eine Botschaft darin? Eine Aufforderung? Lassen Sie uns mit dieser Frage in die nächste Woche gehen, ich glaube, die Antwort ist wichtig, auch wenn sie nur vorläufig, partiell und persönlich ist. 

Vielleicht hilft der folgende Test: ich selbst habe durchaus das Gefühl, ein Gegenüber zu haben, wenn ich über Corona nachdenke.

Gottes Segen sei mit uns in dieser Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 52/2020

Und er ging zu Hagar, die ward schwanger. Als sie nun sah, dass sie schwanger war, achtete sie ihre Frau gering gegen sich.
Gen 16,4

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Maschine und Keil

Im Jahr 1985 veröffentlichte Margaret Atwood einen Roman, der später verfilmt wurde und als Vorlage für eine Serie diente. Der deutsche Titel lautet Der Report der Magd. Aufgrund chemischer, bakteriologischer und radioaktiver Verseuchung sinkt die Fruchtbarkeit der Menschen in den USA drastisch. In der Folge wird sie wichtiger als alles andere. Eine christlich-fundamentalistische Gruppierung übernimmt die Macht und verwandelt das Land in einen Gottesstaat. Die Frau wird auf ihre Funktion als Gebärerin konzentriert und beschränkt. Frauen verlieren ihre bürgerlichen Rechte. Sie sind darin aber ausgesprochen ungleich. Während Ehefrauen den höchsten Status einnehmen, gibt es neben einer Kaste von Unberührbaren auch „Mägde“. Das sind Frauen, die wegen ihrer Fertilität in ein spezielles Dienstverhältnis zu Angehörigen der Elite gestellt werden und diesen Kinder gebären sollen. Atwood erzählt ihre Geschichte aus der Sicht einer Magd.

Die Welt Abrahams, vielleicht 4000 Jahre vor unserer Zeit, ist nicht weit weg von Atwoods Fiktion. Abraham ist Chef eines großen halbnomadischen Clans. Unter seinem Befehl stehen so viele waffenfähige Knechte (Gen 14,14), dass er damit kleine Kriege führen kann. Er und seine Frau Sara sind alt geworden und trotz einer Zusage Gottes sind sie immer noch kinderlos. Im Clan sind Kinder alles: sie tragen die kollektive Identität fort und stützen die Erwachsenen im Alter, stehen für Wehrhaftigkeit und Vitalität, mit ihnen steht und fällt der Status der Frauen. 

Sara gibt auf und bietet Abraham ihre ägyptische Magd Hagar als Zweitfrau an, sie soll ihm an ihrer Statt Kinder gebären. Das war in solchen Fällen ein gängiges Verfahren, auch die beiden Ehefrauen Jakobs lassen sich von ihren Mägden helfen. Die Ehe wird geschlossen und vollzogen, Hagar wird schwanger. Sofort entsteht ein Konflikt zwischen den Frauen — das ist der gezogene Vers. 

Wir sind hier im Inneren einer Maschine, der Clanwelt, wo ein Rädchen ins andere greift, und die Akteure wenig Wahlmöglichkeiten haben. In dem Moment, als Hagars Schwangerschaft offenbar wird, nimmt Sara einen Wandel an ihrer Magd wahr — sie achte ihre Herrin gering. Es ist nicht wichtig, ob Hagar sich tatsächlich anders verhält oder ob sich Saras Wahrnehmung ändert — beide sind in ihrer Rolle gefangen. Die Schwangerschaft bedeutet für die Sklavin einen ungeheuren Bedeutungszuwachs und für die Herrin ist sie eine Bedrohung. Sie interveniert bei Abraham, und der sagt einen Satz, der Hagars Tod bedeuten könnte: „Siehe, deine Magd ist unter deiner Gewalt: tu mit ihr, wie dir’s gefällt!“ Sara drangsaliert ihre Sklavin derart, dass diese das Lager flieht. 

Des Herrn Engel findet sie an einer Wasserquelle in der Wüste und bedeutet ihr, zurückzugehen und sich unter das Joch ihrer Herrin zu beugen. Sie folgt und bringt ihren Sohn Ismael zur Welt. Der Name des Kindes bedeutet „Gott hört“. Gen 21 erzählt, wie sich viele Jahre später das Geschehen verschärft wiederholt. In höchstem Alter bringt Sara selbst ihren Sohn Isaak zur Welt, und nun kennt ihre Eifersucht keine Grenzen: der erste Sohn und ihre Mutter müssen weg. Abraham willigt ein, und Hagar und ihr Sohn werden in die Wüste geschickt. Hagar legt ihren Sohn unter einen Strauch und setzt sich einen Bogenschuss entfernt hin, um das Weinen des sterbenden Kindes nicht hören zu müssen. Eine unfassbare, herzzerreissende Szene.

Gott hat alles zugelassen und gar noch Abrahams Zweifel zerstreut. Nun wird er im Wortsinn Deus ex Machina — die Maschine wird angehalten und aufgebrochen. Eine Quelle bricht hervor, mitten in der Wüste, und Gott sagt Hagar zu, auch ihr Sohn werde der Vater eines großen Volks von zwölf Fürsten. Es ist das arabische Volk, das sich auf Ismael zurückführt, etwa 370 Millionen Menschen sprechen heute die arabische Sprache.

Der gezogene Vers berichtet von einem Kind und seiner unglaublichen Geburt. Bei der Geburt Ismaels war Abraham sechsundachtzig Jahre alt. Der Vers für sich selbst hat dennoch nichts weihnachtliches. Die Maschine rattert und klickt wie gewohnt, selbst unter außergewöhnlichen Umständen. Das ändert sich erst, als der Herr selbst in sengender Wüste einen Keil hineinwirft…!

عيد ميلاد سعيد — so schreibt man „Frohe Weihnachten“ auf arabisch!

Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 46/2020

…dass er viel Gut hatte an kleinem und großem Vieh und ein großes Gesinde. Darum beneideten ihn die Philister.
Gen 26,14

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Vom Zuschütten und vom Wiederausgraben 

Hier zunächst die Ergänzung des Fragments: Und er [Isaak] wurde ein reicher Mann und wurde immer reicher, bis er sehr reich war, sodass er viel Gut hatte an kleinem und großem Vieh und ein großes Gesinde. Darum beneideten ihn die Philister.

Isaak, einer der Stammväter Israels, macht sich in Kanaan heimisch, das Land, in das sein Vater Abraham eingewandert war. Man sollte sich Abraham, Isaak und Jakob in diesen Erzählungen nicht (nur) als Einzelperson vorstellen: in den Vätergeschichten stehen viele Akteure für größere Gruppen, manchmal ganze Völker. Abraham, Isaak und Jakob sind Protagonisten einer Einwanderung, die zumeist friedlich verläuft, in einer manchmal kritischen, manchmal kooperativen Koexistenz mit dem Völkergemisch Kanaans. Das ist eine Alternative zur Erzählung von der Landnahme mit Feuer und Schwert, siehe den Vers der Woche 33/2019

Die Geschichte, die der Vers einleitet, führt uns mitten hinein. Der steil ansteigende Reichtum Isaaks führt bei der einheimischen Bevölkerung zu Widerstand und Neid. Ein embryonales Pogrom ist die Folge: die Philister schütten Isaaks Brunnen zu, die er braucht, um sein Vieh zu tränken, und König Abimelech zieht seine schützende Hand von ihm ab. Isaak und seine vielen Knechte müssen fortgehen, nach Gerar. Dort gräbt er die Brunnen seines Vaters Abraham wieder aus, die nach dessen Tod gleichfalls zugeschüttet worden waren. Und um die neuen, alten Brunnen gibt es sofort wieder Streit…!

Liest man diese Geschichte von Einwanderung, zunehmendem Reichtum, gewaltsamer Reaktion und erzwungenem Ausweichen im Deutschland der Gegenwart, dann stellen sich unweigerlich Assoziationen ein. Da ist ein uralter Mechanismus, der in vielen Konstellationen und in allen Zeiten funktioniert. Aber nicht immer auf dieselbe Weise: Isaaks Leben unter den Philistern bleibt auf prekäre Weise stabil. Philisterkönig Abimelech schützt ihn wieder, es kommt gar zu einem feierlich beeideten Bund, und Esau, sein erster Sohn, heiratet zwei Töchter aus hetitischen Familien. Das hat seinen Preis: Die Bibel berichtet, dass diese Ehen Anlass für bitteren Gram bei den Eltern Isaak und Rebekka sind. 

Die Vätergeschichten erzählen, wie Einwanderer auf sehr vielfältige Weise auf den Druck der Umwelt reagieren, mal angstvoll oder ausweichend, mal mit Integration, mal auch selbstbewusst und konfrontativ. Gott lässt sie nicht in großen Schlachten siegen, lässt keine Mauern einstürzen. Er hilft beim Überleben in den Gemeinheiten des Alltags und den Rückschlägen einer Existenz am Rand der Mehrheitsgesellschaft. Das Narrativ der Vätergeschichten hat sich in der Bibel nicht durchgesetzt. Der Rest der Thora berichtet von der Zeit mit Gott in der Wüste, einfach und rein, erhaben fast, und ohne Berührung mit den Einwohnern Kanaans. Die Väter und die komplizierte erste Zeit im Heiligen Land voller Kompromisse sind vergessen. Die Landnahme wird schließlich zu einem reinen Gewaltakt. 

In welcher der Großerzählungen können wir Gott klarer sehen? Wenn Menschen meine Brunnen verschütten, möge mich Gott an andere Brunnen erinnern und mir dann die Kraft geben, sie wieder auszugraben!

Gottes Segen sei mit uns in dieser Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 29/2020

Denn als Gott der HErr gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Felde und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen.
Gen 2,19

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Namen

Der Vers bringt uns zurück an den Anfang. Die Welt taucht auf aus ihrem Urgrund und ihre Konturen, die Unterscheidungen, werden eingezogen. Die Schöpfung wird zweimal erzählt. Die „erste“, jüngere Schöpfungsgeschichte berichtet einen geordneten kosmologischen Vorgang: Durch sein Wort schafft Gott Licht, Himmel, Meer, Pflanzen, Sterne, Mond und Sonne, Fische und Vögel, die Tiere des Feldes und schließlich Menschen, als Mann und Frau. Der zweite Schöpfungsbericht, der ältere, setzt eine Welt bereits voraus. Er berichtet von der Schöpfung erst des Mannes, dann der Tiere und schließlich der Frau. Adam wird nicht durch das Wort erschaffen, sondern in Gottes Händen aus Lehm geformt und durch seinen Atem belebt. 

Im älteren Bericht dient das Wort der Kommunikation mit dem Menschen. Gott schafft sich ein Gegenüber und setzt es in den Garten Eden. Jetzt wird gesprochen, vorher nicht: Gott bestimmt dem Menschen Grenzen für sein Tun. Dann will er dem Menschen ein Gegenüber schaffen, so wie er sich selbst ein Gegenüber geschaffen hat. Es geschieht das, wovon der gezogene Vers spricht: Gott schafft Tiere und bringt sie dem Menschen in den Garten Eden, um zu sehen, wie er sie nennen werde, denn so sollten sie fortan heißen. Dabei ist Gott passiv: er zeigt sie dem Menschen und hört zu, wie dieser die neuen Mitgeschöpfe seiner Welt verbalisiert.

Ein erstaunliches Bild. Der Mensch ist hier Partner im Schöpfungsvorgang, beinahe gleichberechtigt. Der Schöpfungsakt ist erst abgeschlossen, wenn das Geschöpf nicht nur physisch, sondern auch geistig in der Welt verankert ist, und diesen zweiten Teil führt — in Gottes Auftrag — der Mensch aus. 

Namen haben im alten Orient eine große Bedeutung. Durch Namensgebung wird ein Mensch ansprechbar und auch empfänglich für Fluch und Segen. Den Namen eines Menschen zu kennen, bedeutet ein gewisses Maß an Macht. Den Namen geben zu können, ist große, beinahe uneingeschränkte Macht. Der Name steht für den Wesenskern eines Menschen und seinen Platz in der Welt, und er definiert beides. Das Recht zur Namensgebung liegt bei den Eltern — das Buch Genesis berichtet von Namensgebung durch Mütter wie auch durch Väter — und sonst nur bei Königen und bei Gott. Gott und Könige können Namen ändern und den Menschen und seine Beziehung zur Welt dadurch gewissermaßen neu schaffen.

Namensgebung ist Unterscheidung, die Schaffung von Kategorien, die Möglichkeit, zu beschreiben, zu verstehen, zu planen. Der Vers spricht davon, dass wir einen eigenständigen, geistigen Schöpfungsauftrag haben. Das wir ihn, wenn er gelingen soll, als Partner Gottes, in seinem Auftrag ausführen sollen. Dass diese Schöpfung Leben schafft, belebt. 

Vielleicht weiss der Vers davon, was ein junger oder auch ein älterer Mensch mit seinem Leben anfangen kann. Ich will es gar nicht ausbuchstabieren. Es ein großes, schönes, ungeheuer archaisches Bild: Gott bringt dem Menschen seine Tiere und lauscht, wie er sie nennen werde!

Ich wünsche uns eine Woche, in der wir Mitschöpfer sein können,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 4/2020

Und wie er uns deutete, so ist’s ergangen; denn ich bin wieder in mein Amt gesetzt, und jener ist gehenkt.
Gen 41,13

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Rot und Schwarz

Josef war ein Visionär, ein Träumer, den seine Träume in Sklaverei und Gefängnis gebracht haben, aber auch ins höchste Staatsamt der Supermacht Ägypten. Unser Vers berichtet davon, wie dieser Wechsel gelingt, wie Josef eine Reputation als Traumdeuter erlangt. Er sitzt im Gefängnis des Pharao, zusammen mit zwei anderen Gefangenen, dem Mundschenk und den Bäcker des Pharao. Die beiden hatten in derselben Nacht zwei unterschiedliche, aber strukturähnliche Träume. Josef deutet sie: der Mundschenk wird in drei Tagen vom Pharao wieder in sein Amt eingesetzt, und den Bäcker wird der Pharao in drei Tagen hinrichten lassen. Und so geschieht es auch, auf einem Fest, für den Pharao. 

Die beiden Gefangenen, nennen wir sie B und M, sindcexakt in derselben Situation, und die Begleitumstände legen nahe, dass der Ausgang entweder Tod oder Befreiung sein würde. Es gab also vier Möglichkeiten: B stirbt, M kommt frei, B kommt frei und M stirbt, beide kommen frei und beide sterben. 

Wenn Josef nichts von Träumen verstünde, wäre klar, wie er sich verhalten müsste. Er würde beiden die Freilassung voraussagen. Ist die Deutung für einen der Gefangenen falsch, wird er hingerichtet, so bliebe dies ohne Folgen. Kommt er aber frei, so könnte er sich an die ihm günstige Prophezeiung erinnern und Josef helfen. Und tatsächlich bittet Josef den Mundschenken (nicht aber den Bäcker), nach der Begnadigung seiner zu gedenken.

Spieltheoretisch ist Josefs Strategie nur dann sinnvoll, wenn er tatsächlich WEISS, wie die Sache ausgeht. Im Nachhinein belegt dies seine Fähigkeiten. Der freigelassene Mundschenk vergisst ihn dennoch zunächst, erinnert sich aber seiner, als am Hof verzweifelt ein Traumdeuter gesucht wird, und er erzählt die Geschichte dem Pharao. An dieser Stelle steht unser Vers.

In unserem Vers wird der Pharao unvermittelt damit konfrontiert, dass Josef seine eigene Entscheidung (!) vorhersagt, vielleicht noch bevor er sie getroffen hat. B stirbt, M lebt. Warum nicht umgekehrt? Josef bezieht seine Traumdeutung von Gott. Gott kennt den Ausgang und lässt ihn Josef wissen. Wer nun hat den Mundschenk sterben lassen? Der Pharao? Gott? Beide? 

Unser Schicksal ist weitgehend durch das bedingt, was andere Menschen tun — und natürlich durch unser Verhalten ihnen gegenüber. Hier gibt es für mich ein geheimnisvolles Zwischenreich: Handelt Gott durch die Menschen? Oder ist er Notar? Oder beides? Die Bibel lässt die Antwort offen, nicht nur hier, auch anderswo.

Der Pharao jedenfalls, der seine eigene Autonomie in Frage gestellt sieht, ist ungeheuer beeindruckt. Nach der Deutung seines eigenen Traums von den Kühen und den Ähren setzt er den Gefangenen zu seinem Stellvertreter ein. Er beauftragt ihn mit der Planung und Durchführung von Rettungsmaßnahmen, noch bevor es den mindesten Hinweis darauf geben kann, ob Josefs Deutung trägt.

Ich wünsche uns eine Woche, in der wir zu träumen wagen, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 40/2019

Es möchten vielleicht fünf weniger denn fünfzig Gerechte darin sein; wolltest du denn die ganze Stadt verderben um der fünf willen? Er sprach: Finde ich darin fünfundvierzig, so will ich sie nicht verderben.
Gen 18, 28

Hier ist der Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Disputation — um die Existenz einer Stadt

Wenn man genau liest, ist in dem Vers die ganze Geschichte enthalten. Zwei Sprecher gibt es, Abraham und den Herrn, und es geht um die Existenz einer Stadt: Sodom. Der Herr enthüllt seinem erwählten Gegenüber, Abraham gesprächsweise seinen Ratschluss: er will die Stadt vernichten, ihrer Sünden wegen. Für Abraham ist das katastrophal, nicht nur allgemein menschlich, sondern auch persönlich. In der Stadt lebt sein Bruder Lot mit seiner Familie, von dem er sich kürzlich erst getrennt hat.

Abraham bleibt geradezu unheimlich ruhig. Er beschließt, seine Stellung als Gegenüber des Herrn zu nutzen und verwickelt ihn in ein moralphilosophisches Argument — Mensch gegen Gott –, das er mit vollem Einsatz führt. Er wächst dabei über sich selbst und die Möglichkeiten seiner Zeit weit hinaus. 

Abraham macht eine Prämisse über das Wesen von Gerechtigkeit: Gerechtigkeit behandelt Gleiches gleich, Ungleiches aber ungleich. „Das sei ferne von Dir, dass du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, so dass der Gerechte gleich wäre wie der Gottlose. Das sei ferne von Dir. Soll der Richter dieser Welt nicht gerecht richten?“  Der Rest von Abrahams Argument ist induktiv:

Induktionsanfang: Du bist gerecht. Nimm an, es gebe 50 Gerechte in der Stadt. Dann kannst du nicht fünfzig Gerechten mit den Ungerechten töten.

Der Herr akzeptiert den Induktionsanfang mit k = 50. Damit akzeptiert er auch Abrahams Prämisse zum Wesen der Gerechtigkeit. 

Dann folgt der gezogene Bibelvers. Wenn es fünf weniger sind als fünfzig, dann ist es mit der Prämisse vom Wesen der Gerechtigkeit nicht vereinbar, die Stadt zu vernichten, weil dann mit den fünf Ungerechten die fünfundvierzig Gerechten sterben. Man beachte, dass Abraham nunmehr die große Gesamtheit der ungerechten Bewohner Sodoms außer Betracht lässt und nur auf die kleine Zahl der fünfzig möglicherweise Gerechten abhebt. 

Induktionsschritt: Wenn unter k Personen einer ungerecht ist, die anderen k-1 aber gerecht, so wäre es ungerecht, die k-1 Gerechten umkommen zu lassen wegen eines Ungerechten.

Der Herr akzeptiert auch den Induktionsschritt. Abraham ist jetzt in einer sehr starken Position. Die Induktion endet bei k=1. Erst, wenn es gar keinen Gerechten mehr gibt, führt der Induktionsschritt ins Leere. Sehr verbindlich, aber in der Sache absolut kompromisslos, führt Abraham die Induktion durch: 50, 45, 40, 30, 20, 10. Der Herr bestätigt jedes Mal. 

Aber nach der 10 bricht er das Gespräch ab und lässt Abraham stehen. Ist der Induktionsschritt falsch? Oder gar die Prämisse? 

Nein. Der Herr schlägt einen anderen Weg ein. Mit Hilfe seiner Engel betrachtet und prüft er die Stadt. In einer alptraumhaften Szene stellt sich dabei heraus, dass es in Sodom nur einen einzigen (halbwegs) gerechten Einwohner gibt: Abrahams Bruder Lot — dessen Entscheidung, das Gastrecht über das Leben und die körperliche Unversehrtheit seiner beiden Töchter zu stellen, sich angreifen ließe. Der Herr geleitet ihn und seine Töchter aus der Stadt, er lässt also nicht die Gerechten sterben mit den Ungerechten. 

Für mich ist es atemberaubend, wie leicht Abrahams Argument in eine anspruchsvolle formal-logische Gestalt gebracht werden kann. Die Vätergeschichten in der Genesis gehören zu den ältesten Teilen der Bibel. Als sie aufgezeichnet wurden, gab es noch keine Philosophie und keine Logik.  Aber die Szene hat auch etwas Gruseliges. Hier führen zwei einen Diskurs, der in eine Jeschiva oder eine philosophische Akademie zu gehören scheint — dabei geht es um das Leben einer Vielzahl von Menschen. 

In dieser Geschichte akzeptiert der Herr der Welt die Forderungen und Beschränkungen, die das Wesen von Gerechtigkeit ausmachen. Nicht notwendigerweise aber in der Weise, die wir für die richtige halten. Abrahams Argument ist mächtig, noch mächtiger ist Gott, der einen anderen Weg geht, seine Gerechtigkeit zu wahren. In dieser Geschichte sieht man sogar, wie dies geschieht. In unserer Lebenswirklichkeit können wir es oft nicht sehen.

            Er aber sprach: Ich will sie nicht verderben um der zehn willen.

Das sagt der Herr hinsichtlich der Stadt, bevor er Abraham verlässt. Im Judentum leitet sich daraus die Vorstellung ab, es müsse zu jedem Zeitpunkt auf der Welt zehn Gerechte geben, damit die Welt fortbestehen kann, zehn Gerechte, irgendwo. 

Abrahams Vernunft hat nicht genügt, Sodom zu retten. Ich wünsche uns eine Woche in Gottes Frieden, der höher ist als alle Vernunft. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 33/2019

Da kam einer, der entronnen war, und sagte es Abram an, dem Ausländer, der da wohnte im Hain Mamres, des Amoriters, welcher ein Bruder war Eskols und Aners. Diese waren mit Abram im Bunde.
Gen 14,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Einwanderung — zwei Geschichten

Die fünf Bücher Mose stehen am Anfang der Bibel, sie stellen uns nicht nur Gott vor, als Person, in Auseinandersetzung mit den Menschen, sondern auch das israelitische Volk, ebenfalls als Person, in Auseinandersetzung mit Gott, der Umwelt und sich selbst. Sie enthalten den Gründungsmythos: wie kam das Volk Gottes ins Land, wie wurde es zu dem, was es war, in welcher Beziehung steht es zu seinen Nachbarvölkern? 

Wir kennen eine Antwort: nach der Emigration der Stammväter wuchs das Volk in Ägypten heran. Es wurde von Moses herausgeführt, um dann vierzig Jahre durch die Wüste zu ziehen. Unter seinem Nachfolger Josua fiel es in Palästina, das Gelobte Land ein, sengend, brennend und mordend, und zwar von AUSSEN. Verwandtschaftliche Beziehungen gab es zu Völkern des Umlandes: Moabitern, Edomitern, Ammonitern, Arabern — mit den in Kanaan einheimischen Ethnien hatte das Volk Gottes aber rein gar nichts zu tun. 

Die Genesis enthält aber noch eine ganz andere Erzählung. Abraham, ein aramäischer Halbnomade, erhält in der Stadt Haran von seinem Gott den Befehl, alles hinter sich zu lassen und sich aufzumachen in ein Land, das sein Gott ihm zeigen wird. Er folgt diesem sonderbaren Auftrag und macht sich in Kanaan heimisch: er schließt Bündnisse mit den Clans in der Umgebung, siedelt auf einem Eichenhain auf dem Land des Amoriters(!) Mamre und erwirbt schließlich von einem Hethiter(!) namens Efron ein Erbbegräbnis, die Höhle Machpela, damit er dort seine Frau Sarah bestatten kann (Gen 23). Der Kauf des Grundstücks findet vor einer großen Gruppe von Hethitern statt und verschafft dem alten Mann Abraham Anerkennung und notariell beurkundetes Bürgerrecht. Als er stirbt, findet er selbst in Machpela seine Ruhestätte, und nach ihm auch Isaak und Jakob und ihre Frauen. 

Abrahams Geschichte erzählt vom langsamen Heimischwerden in Kontakt, Konflikt und Kooperation mit der gebietsansässigen Umgebung in Palästina. Unser BdW zeigt einen Ausschnitt. Ein kanaanitischer König hat gemeinsam mit einigen Verbündeten seinem Oberherren die Gefolgschaft gekündigt. Dieser zieht, unterstützt von Verbündeten, gegen die Aufrührer zu Felde: vier Könige gegen fünf. Unter den letzteren sind auch die Könige von Sodom und Gomorrha, in deren Land sich Lot, Abrahams Bruder, heimisch gemacht hat. Die vier verbündeten Könige verlieren die Schlacht und Lot wird verschleppt. Abraham ist Oberhaupt eines größeren Clans, und gemeinsam mit dem Amoriter Mamre und seinen beiden Brüdern bildet er einen Stoßtrupp von 318 berittenen Kämpfern. In einer Kommandoaktion befreit er Lot und das den Königen von Sodom und Gomorrha geraubte Gut aus der Gewalt der fünf Könige. Dafür wird er von Melchisedek gesegnet, selbst König und Priester Gottes in Salem (vermutlich Jerusalem), dem er dafür den Zehnten gibt. Diese eigenartige Stelle haben wir in 2019 KW 8 kennengelernt. 

Spätestens mit der Befreiungsaktion und der rituellen Anerkennung durch Melchisedek gehört Abraham, „der Ausländer“, dazu. Er ist Mitspieler in Kanaan mit gewissem lokalen Gewicht. Zur Befreiung seines Bruders nutzt er bestehende Bündnisse und geht neue ein. Ganz friedlich verläuft diese Einwanderung offensichtlich nicht, aber — welch ein Gefälle zum Buch Josua. Das Narrativ von Landnahme und Eroberung ist zum Mainstream des Alten Testaments geworden und hat die Erzählung von Besiedlung durch Infiltration und Integration überlagert. 

Aber ich liebe diese Geschichte. An Abraham denke ich immer gern, wie er dem Ruf Gottes folgt, ins Heilige Land reist, dort auf dem Eichenhain lebt, immer mit seinem Gott und der Verheißung, schließlich sehr spät Kinder zeugt und am Ende stirbt, „alt und lebenssatt“. Seine Urenkel sind die Väter der zwölf Stämme Israels, allesamt Sabras, im Heiligen Land geboren. Und sein erster Sohn ist Ismael, der Stammvater der Araber und Midianiter. Beim Buch Josua hingegen habe ich vor mehr als vierzig Jahren den ersten Versuch abgebrochen, die Bibel ganz zu lesen. Viel später habe ich erfahren, dass die archäologische Evidenz im Grunde durchaus auf Seiten der uralten Abrahamsgeschichte liegt. Für eine großflächige Vernichtung kanaanitischer Städte und Siedlungen in kurzer Zeit gibt es nämlich keine Belege, wohl aber für eine dauerhafte kulturelle Koexistenz von Kanaanitern und Hebräern. Schön, nicht wahr?

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche, in lebendiger Auseinandersetzung mit unserer Umwelt.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 12/2019

Und man setzte sie ihm gegenüber, den Erstgeborenen nach seiner Erstgeburt und den Jüngsten nach seiner Jugend. Des verwunderten sie sich untereinander.
Gen 43,33

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Im September des vergangenen Jahrs hatten wir in Woche 36 bereits einen Vers aus der Josephsgeschichte gezogen. Josephs Verwalter durchsucht das Gepäck der Brüder, bis er zuletzt den „gestohlenen“ Becher bei Benjamin findet. Zutiefst entehrt müssen die Brüder dem Verwalter folgen, als Gefangene. Als Gedächtnisstütze und Einführung in die komplizierte Josephsgeschichte füge ich unten den Text meiner Email vom September an. 

Der jetzt gezogene Vers ist in der Genesis kurz vorher zu finden. Auf ihrer zweiten Fahrt nach Ägypten werden die elf Brüder an den Tisch Josephs mit den ägyptischen Würdenträgern geladen. Trennung und Machtgefälle werden deutlich. Joseph, die Ägypter und die Brüder erhalten je eigene Speisen, denn die Ägypter essen nicht mit den Hebräern, und Joseph als Vizekönig hat gesellschaftlich keine Gemeinsamkeit mit den Bittstellern aus Palästina. Aber Joseph tut etwas, das alle Anwesenden verblüfft. Den Ehrenplatz ihm gegenüber vergibt er doppelt: an den ältesten und den jüngsten der Söhne, Ruben und Benjamin. Ruben ist erstgeborener Sohn und Haupt der Sippe in Abwesenheit des Vaters. Benjamin ist der zweite Sohn von Rachel, er hat also als einziger nicht nur denselben Vater wie Joseph, sondern auch dieselbe Mutter. Und Joseph lässt den Brüdern von seinem Essen geben, Benjamin aber fünfmal mehr als den anderen. Mit der doppelten Besetzung des Ehrenplatzes achtet Joseph formal das Erstgeburtsrecht Rubens, gibt aber gleichzeitig seinen Präferenzen Raum.  

Dem Erstgeburtsrecht kommt in der Kultur der Hebräer ein geradezu verfassungsmäßiger Rang zu. Der Erstgeborene erhält den doppelten Erbteil und auf ihm ruht ein besonderer Segen. Er gehört Gott dem Herrn selbst und mußte durch ein besonderes Opfer ausgelöst werden — hier werden archaische Abgründe sichtbar. Die Erstgeburt berechtigt zur Priesterschaft und zur Stellvertretung des Vaters, solange Geschwister zusammenleben. Einfache Regeln haben eine wichtige friedensstiftende Funktion. Für das Recht der ersten Geburt gilt dies offensichtlich in besonderer Weise. Die Erbfolgekriege der Geschichte zeigen, was geschieht, wenn die einfachen Regeln versagen.

Die Regel wird jedoch in den Vätergeschichten immer wieder durchbrochen. In Kap. 49, am Ende der Josephgeschichte, benennt Jakob auf dem Totenbett das Erstgeburtsrecht Rubens ausdrücklich: „Ruben, mein erster Sohn bist du, meine Kraft und der Erstling meiner Stärke, der Oberste in der Würde und der Oberste in der Macht“. Das ist fast wie eine Definition. Im nächsten Atemzug aber entzieht er Ruben ebendieses Recht: „Du sollst nicht der Oberste bleiben, denn du bist auf deines Vaters Lager gestiegen, daselbst hast du das Bett entweiht, das du bestiegst.“Jakob gibt das Erstgeburtsrecht an Joseph, den er mit seinen Söhnen Ephraim und Manasse doppelt erben lässt. Was Jakob tut, ist nur wegen einer schweren sittlichen Verfehlung möglich, grundsätzlich war es nach hebräischem Recht ausdrücklich verboten. 5. Mose 21,15-17 bestimmt, dass ein Vater, der einen Erstgeborenen von einer ungeliebten Frau hat, auf keinen Fall das Recht der Erstgeburt an ein Kind der von ihm geliebten Frau weitergeben darf. Vielleicht bereitet der gezogene Vers mit dem geteilten Ehrenplatz den Entzug von Rubens Erstgeburtsrechts symbolisch vor. 

Mehr noch solche Brüche gibt es. Jakob selbst hat das Erstgeburtsrecht Esaus betrügerisch an sich gebracht. Und noch für die Folgegeneration zieht er seinen Enkel Ephraim dem erstgeborenen Manasse vor, an Joseph vorbei, gegen dessen Einspruch gar. In der Generation vorher wurden Ismael und seine Mutter Hagar von Abraham und Sarah in die Wüste gejagt. Das Motiv blitzt schon bei Kain und Abel auf: Eigentlich hätte nur Kain das Opfer vollziehen dürfen — den drohenden Verlust seines Erstgeburtsrechts verhindert er auf seine Weise. Auf der Geschichte der Erwählung lastet eine rätselhafte, geradezu unheimliche Spannung, wie zwischen Kontinentalsockeln: ein wirkmächtiges und immer wieder bekräftigtes Prinzip wird immer wieder durchbrochen, in einem Kontext von Gewalt, Schande und Betrug.

Man kann versuchen, in dieser Dialektik von Regel und Verstoß einen in den ältesten Geschichten fortdauernden Rest einer archaischen Ultimogenitur zu finden. Dafür scheint es jedoch keine Belege zu geben. Richtiger ist es vielleicht, in der Bevorzugung der Jüngeren eine ausdrückliche Hervorhebung des Ausnahmecharakters zu sehen. Die Regel und ihre normative Kraft wird genutzt, um das Außergewöhnliche des Vorgangs besonders hervorzuheben. Es mag zwar das Erbe und sogar der väterliche Segen einer einfachen und akzeptierten Regel folgen —für Gott, für Seine Erwählung und für Seine Wege gilt dies aber gerade nicht. Hier gibt es keine Regel, auch nicht die Ultimogenitur, nur Sein Wille; hier gibt es nur Ausnahmen.  

Wie mögen Ruben und Benjamin sich gefühlt haben, als sie unvermittelt nebeneinandersaßen, dem fremden Herrscher gegenüber? Wie kamen sie mit den Extraportionen zurecht, die dem Jüngsten vor den Augen seiner Brüder aufgetischt bekam? Der Herr verleihe uns Abstand in dieser Woche, von uns selbst und von unseren Wertungen.
Ulf von Kalckreuth  

Bibelvers der Woche 8/2019

Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein hervor. Und er war ein Priester Gottes des Höchsten.
Gen 14,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Eine Begegnung

Abraham, sonst halbnomadischer Viehzüchter, begegnet uns hier als Feldherr. Sein Bruder Lot war in einem Krieg zwischen zwei verfeindeter Bündnissen gefangen genommen worden. An der Spitze von 318 Knechten und den Männern befreundeter Clans erzwingt Abraham die Entscheidung, befreit seinen Bruder und rettet die Könige von Sodom und Gomorrha. 

Was dann kommt, beschäftigt Juden wie Christen bis heute. Hier die Zeilen, die unseren Vers umgeben: 

17 Als er nun zurückkam von dem Sieg über Kedor-Laomer und die Könige mit ihm, ging ihm entgegen der König von Sodom in das Tal Schawe, das ist das Königstal. 18 Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein heraus. Und er war ein Priester Gottes des Höchsten 19 und segnete ihn und sprach: Gesegnet seist du, Abram, vom höchsten Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat; 20 und gelobt sei Gott der Höchste, der deine Feinde in deine Hand gegeben hat. Und Abram gab ihm den Zehnten von allem.

Melchisedek ist hier nicht nur König, sondern auch Priester des Herrn. Er segnet Abraham und dieser gibt ihm den Zehnten. Der Stammvater des auserwählten Volks erkennt damit Melchisedeks Hoheit als Priester an. Die Priester der Hebräer stammen von Aaron ab, dem Bruder Moses, ein Levit und damit Nachkomme Abrahams. Melchisedek muss also einer anderen, ursprünglichen und höheren Ordnung des Priestertums Gottes angehören. So sieht es der Hebräerbrief im Neuen Testament, und nennt Jesus Christus einen „Hohepriester der Ordnung Melchisedeks“. Auch das Alte Testament erkennt in Psalm 110 Melchisedek als Priester eigener Art und sieht ihn als Urbild eines Königs von Israel, vielleicht Davids, vielleicht des Messias.

Zwei Heilige begegnen sich! Es ist schwer zu entscheiden, ob der Vers in dieser sehr alten Textschicht wirklich messianisch gedeutet werden sollte. Aber etwas anderes tritt klar hervor. Abraham ist nicht der erste mit einer definierten Beziehung zu Gott. Es gab bereits Priester des Herrn in Kanaan. 

Es gibt in der Torah nicht nur ein auserwähltes Volk, es gibt auch besondere, heilige Orte. „Salem“ ist vermutlich Jerusalem. Auch Mose begegnet (am Beginn der Exoduserzählung) einem Priester des Herrn weit entfernt von den Hebräern. Auf der Flucht aus Ägypten wegen eines Mordes kommt er nach Midian, ein Land südlich von Kanaan und östlich der Halbinsel Sinai, wohl in der Landschaft um das heutige Eilat. Die Midianiter sind kriegerische Wüstenbewohner. Bei ihnen trifft er Zippora. Ihr Vater ist Priester beim Horeb, dem Gottesberg. Nach vielen Jahren, in denen er für seinen Schwiegervater die Schafe gehütet hat, begegnet Mose in der Wüste am Horeb dem Herrn, im brennenden Dornbusch. Dort eröffnet ihm dieser seinen heiligen Namen: JHWH. 

Wir treffen Gott dort, wo er sich zeigt. Nicht unbedingt dort, wo oder bei wem wir es erwarten. Seien wir offen für besondere Begegnungen – vielleicht in dieser Woche? 
Ulf von Kalckreuth