Bibelvers der Woche 14/2026

Rembrandt van Rijn: Jakob segnet Ephraim und Manasse

Da aber Joseph sah, dass sein Vater die rechte Hand auf Ephraims Haupt legte, gefiel es ihm übel, und er fasste seines Vaters Hand, dass er sie von Ephraim Haupt auf Manasses Haupt wendete,…
Gen 48,17

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Väter, Söhne,… und Töchter

Der Vers ist zufällig gezogen, und doch sind wir nah am Vers der letzten Woche, nur zwei Kapitel weiter hinten. Jakob und seine Söhne haben siebzehn Jahre im Land Goschen gelebt. Der Patriarch zählt 147 Jahre und es geht ans Sterben. Er strukturiert die Zukunft, die Zeit nach ihm. Bevor er seine egenen Söhne am Sterbebett segnet, adoptiert er die Söhne Josefs, Ephraim und Manasse. Josef erhält damit doppeltes Erbteil, und seine Söhne werden Erzväter eines eigenen Stammes.

Als Jakob seine Adoptivsöhne segnet, tut er etwas sonderbares: Er legt seine rechte Hand auf den links neben ihm knieenden Ephraim und legt die linke auf Manasse. Die rechte Hand gebührt dem Erstgeborenen, das war Manasse. Josef versucht, seinen fast blinden Vater auf den Irrtum hinzuweisen. Jakob aber wehrt ab: Ephraim wird der größere der beiden sein. Als Beitragsbild sehen Sie die berühmte Darstellung dieser Szene von Rembrandt.

Erstgeburt ist das große Thema in Jakobs langem Leben. Schon bei der Geburt versucht er, an seinem Zwillingsbruder Esau vorbei als erster ans Licht der Sonne zu gelangen. Als Jugendlicher will er Esau das Erstgeburtsrecht abzuhandeln. Dann betrügt er seinen blinden Vater, um den Erstgeburtssegen zu erhalten, und muss deshalb sehr weit fliehen. Vor seinem eigenen Tod entzieht er das Erstgeburtsrecht Reuben, seinem ältesten Sohn, um es auf drei andere zu verteilen. Juda erhält die Würde des Erstgeborenen, Josef die materielle Besserstellung durch ein doppeltes Erbteils, und Levi die priesterliche Funktion.

Was hat es mit mit Ephraim und Manasse, auf sich, den Enkelsöhnen? Viel später, als aus den Söhnen Israels die Stämme Israels wuchsen, war Manasse ein Stamm an der Peripherie, dessen Land bald zur Hälfte an die Königreiche östlich des Jordan verloren ging. Auf dem Gebiet Ephraims dagegen lag Samaria, die Hauptstadt des Nordreichs namens Israel, das um ein Vielfaches größer, reicher und mächtiger war als das arme Südreich Juda, mit Hauptstadt Jerusalem. Die Verbindung war so eng, dass das mächtige Nordreich in der hebräischen Bibel oft auch einfach „Ephraim“ genannt wird. 

Es sollte wohl sein, und Jakob vollzieht vorauseilend Gottes Willen, den er schauen durfte. So geht es bei den Erzvätern mit der Erstgeburt über Generationen. In die Nachfolge Abrahams tritt Isaak, nicht Ismael — diesen schickt Abraham in die Wüste, buchstäblich. Isaaks Segen erschleicht sich Jakob und verdrängt seinen Bruder Esau. Jakobs Kinder Josef, Juda und Levi treten an die Stelle Reubens. Die Enkel werden adoptiert, und nun nimmt Ephraim den Platz Manasses ein. Das ist durchaus unkonventionell, um es milde zu sagen.

Gott ist unverfügbar. Sein Wille, sein Segen und sein Auftrag sind autonom und halten sich nicht an menschliche Konventionen, auch wenn er selbst sie stiftet — im BdW 12/2019 gibt es hierzu eine Betrachtung. Ich wüsste an dieser Stelle gern etwas anderes. Was ist mit Autonomie und Verantwortung der Väter? Vollziehen sie nur Gottes Wille oder haben sie einen eigenen? Gibt es eine Verantwortungsgemeinschaft von Gott und den Eltern? Welcher Art ist sie? 

Ich will konkreter werden. Mir hat Gott Verantwortung für zwei Töchter übertragen, das weiß und spüre ich. „Du bist verantwortlich!“, das habe ich gehört und verstanden. Aber was ist mit Gott selbst? Ist er auch verantwortlich? Wenn ja, ist er dann nicht auch verantwortlich für die Fehler, die ich mache, und für das, was mir gelingt? Und wenn Gott sie trägt, welche Verantwortung bleibt für mich? Bin ich Zuschauer? Manchmal scheint es so.

Juristisch kann man sich eine delegierte Verantwortlichkeit vorstellen, principal und agent. Wenn ich im Restaurant einen Fisch bestelle, haftet mir gegenüber der Restaurantbesitzer dafür, dass der Fisch gut ist. Ziehe ich mir eine Vergiftung zu, trifft die Verantwortung ihn, auch wenn es der Koch war, der den Fisch hat in der Sonne stehen lassen. Auch der Koch haftet, aber nur Im Innenverhältnis dem Arbeitgeber gegenüber. 

Wenn das Bild stimmt, dann könnten die Töchter sich zu Recht bei Gott über ihre schrecklichen Eltern beklagen. Und ich stehe ihm allein gegenüber. Manchmal ziemlich allein.

Gott gebe mir ein, was zu tun sei. Seine Verantwortung bleibt, und meine auch.

Und sein Segen sei mit uns allen und unseren Kindern,
Ulf von Kalckreuth

Beitragsbild: Rembrandt van Rijn, Jakob segnet Ephraim und Manasse.
Entnommen aus Wikimedia. Urheber: The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202

Bibelvers der Woche 13/2026

…und sind Viehhirten, denn es sind Leute, die mit Vieh umgehen; ihr kleines und großes Vieh und alles, was sie haben, haben sie mitgebracht.
Gen 46,32

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Unverhofftes Wiedersehen

Die Verhältnisse zwischen den Brüdern sind geklärt. Josef, der Ausgestoßene, den seine Brüder nach Ägypten verkauft hatten, ist dort zum mächtigen Vizekönig geworden. Die Versöhnung ist sehr schwierig und komplex, doch am Ende gelingt sie. 

Die Brüder sind als Bettler nach Ägypten gekommen, die Familie braucht eine Zukunft. Josef denkt nach: wie soll er seine Brüder beim Pharao einführen? Und er kommt zu einem eigentümlichen Ergebnis. Dies sind meine Brüder und Schwestern, will er sagen. Und dass sie Viehhirten seien, denn Viehhirten sind den Ägyptern ein Greuel. Der Pharao werde sie dann im Land Goschen wohnen lassen.

Wie soll man das verstehen? Zunächst einmal ist es schlicht die Wahrheit: Jakob und seine Söhne sind Viehhirten, auch Josef ist so aufgewachsen. Aber es ist eine wenig schmeichelhafte Wahrheit, die zu gesellschaftlicher Isolation führt. Als nomadisierende Viehhirten sind sie in Ägypten Menschen zweiter und dritter Klasse. Warum betont Josef diesen Punkt dezidiert?

Die Kommentatoren sind sich einig: Josef will, dass die Familie ihre Identität bewahrt und sich nicht vermischt mit den Ägyptern. Es geht um religiöse Identität — die Ägypter beten zu verschiedenen Göttern, und der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist nicht darunter. Josef kalkuliert, dass der Pharao den großen nomadisierenden Clan nicht in seinen Kernlanden wird siedeln lassen, sondern an der Peripherie, in einer Gegend, die sich für Viehzucht eignet. 

Und so kommt es. War es gut? Die Bibel meint: ja, denn die Söhne Israels wachsen heran zu dem Volk, das Gott sich erwählt hat. Aber die Hebräer sind Pariahs und in dieser Stellung gefangen. Zu den Ägyptern haben sie kaum Kontakt. Die Bibel ist realistisch. Was da heranwächst, ist ein Volk von Bausklaven. Und nur das direkte Eingreifen Gottes kann sie schließlich dort herausführen.

Das Wort „Hebräer“ lässt sich aus einer Wurzel ableiten, die „umherschweifen“, „herübergehen“ bedeutet, und viele Kommentatoren bringen es in Beziehung zu „hapiru“ ein Wort für rechtlose Menschen am Rande der Gesellschaft. Kann es richtig sein, auf die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten zu verzichten, die im Austausch mit der dominierenden Kultur liegen?

Man könnte Doktorarbeiten über diese Frage schreiben. Zum Glück habe ich das vor rund dreissig Jahren schon erledigt 🙂 Ja, wirklich, hier der Beweis. Ein Teil meiner Arbeit hat sich mit der Frage befasst, wie Verteilung und Wachstum in dualistischen Gesellschaften sich gegenseitig bedingen. In dualistischen Gesellschaften koexistieren Angehörige moderner und traditioneller Kulturen. Forcierte Kapitalakkumulation beschleunigt das Wachstum auf Kosten verstärkter Ungleichheit, ein klassischer Zielkonflikt in der Entwicklungspolitik.

Der Schlüssel ist soziale Integration und kulturelles Lernen. Kulturelles Lernen bewirkt Wachstum und verringert dabei Ungleichheit. Es ist ein Wachstumsmotor, der neue Ressourcen schafft, und es gleicht Lebenschancen verschiedener Gruppen einander an, langfristig wie kurzfristig. Josefs Sätze habe ich darum gelesen, als seien sie fett in roter Farbe gedruckt — ein unverhofftes Wiedersehen mit einer alten und für mich sehr wichtigen Frage. 

Die Stammväter kommen in Kontakt mit der höchstentwickelten Kultur ihrer Zeit weltweit. Was für eine Chance! Und hier werden die Bedingungen dieser Begegnung verhandelt. Wenn es ausschließlich darum geht, das Volk Gottes rein zu halten — das große Thema der Torah — dann mag es richtig sein, am Rand dieser Gesellschaft zu bleiben und auf ihre übervollen Möglichkeiten zu verzichten. In allen anderen Fällen ist es bedauerlich. Die europäische Geschichte handelt von Migrationsereignissen aller Art, und fast immer verschwinden ethnische Binnendifferenzierungen nach wenigen Generationen. Kulturelle Begegnung ist eine Chance. Im günstigen Fall setzen sich im Austausch die überlegenen Techniken, Routinen, Verhaltensmuster, Kommunikationswege durch, all das eben, was Kultur ausmacht. So hat die ganze Welt Ackerbau und Viehzucht gelernt, den Städtebau und arbeitsteiliges Wirtschaften. Was wäre Musik, wenn wir nicht voneinander lernen könnten? 

Wir werden alt und sterben, und allein dadurch gerät viel in Vergessenheit und verschwindet, ganz von selbst. Unsere Chance besteht darin, voneinander zu lernen. Unsere Identität, individuell wie kollektiv, bleibt davon nicht unberührt.

Josef, dem großen Träumer und Visionär ist zuzutrauen, dass er all dies gesehen und erwogen hat. Ein hoher Preis. Und seine Brüder haben ihn nicht gekannt.

Ich wünsche uns allen Gottes Segen im Austausch mit denen, die anderes kennen, wissen und verstehen als wir selbst.
Ulf von Kalckreuth


Anmerkung: Ich stelle eben fest, dass die im Netz verfügbare Fassung meines ausgekoppelten Diskussionspapiers zu sozialem Lernen in dualistischen Volkswirtschaften beschädigt ist, es fehlen alle Grafiken. Deshalb nutze ich die Gelegenheit, es hier noch einmal einzustellen: 

Ulf von Kalckreuth, Social learning in dualistic societies: Segregation, growth and distribution. Institut für Volkswirtschaftslehre und Statistik. Universität Mannheim, Discussion Paper No. 571-99, January 2000

Using a simple model of social learning, we endogenize growth and distribution in a dualistic developing society. For given parameters of the learning technology, a trade-off between growth and equity results. On the other hand, more intensive social interaction between agents will raise the growth rate and lower the income differential at the same time. The economic consequences of lacking social integration are sluggish growth and high inequality.

Bibelvers der Woche 47/2025

Und wenn es kommt, dass ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.
Gen 9,14 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Over the rainbow

Eine der bekanntesten und strahlendsten Stellen in der ganzen Bibel. Die Sintflut ist vorbei, die Wasser laufen ab, Noah und seine Familie sind gerettet, gemeinsam mit einem minimalen Bestand an Pflanzen und Tieren, Grundstock für den Wiederaufbau der Biosphäre. 

Und Gott schwört, dass er die Grundlagen des Lebens auf der Erde nicht wieder antasten will. Unter keinen Umständen. Er könnte es tun, aber er beschränkt seine Macht selbst: 

Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Gen 9, 12-15

Das ist gute Nachricht. Wir können sie an zwei Bruchkanten betrachten. Da ist zum einen Gottes Macht, die Welt zu vernichten. Die Sintflutgeschichte hat lokale Vorbilder, aber eine große, weltumspannende Flut hat es in der Geschichte nicht gegeben. Planetare Katastrophen gab es jedoch mehrere. Solare Eruptionen, Supernovas in der stellaren Nachbarschaft, sich aufschaukelnde Bahnunregelmäßigkeiten im Sonnensystem oder der Einschlag eines Kometen können dem höheren Leben auf unserem Planeten ein abruptes Ende setzen. Langfristig gibt es diesbezüglich nicht einmal Unsicherheit. Das Ende unserer Welt ist physikalisch vorprogrammiert. Die Sonne verändert sich im Laufe der Jahrmillionen in einer Weise, die Leben auf der Erde unmöglich macht. 

Aber ‚for the time being‘, für den relevanten Zeithorizont, müssen wir uns keine Sorgen machen, sagt die Bibel. Gott wird die Welt erhalten! 

Aber wovor schützt uns Gott? Auch vor uns selbst? Was ist mit der anderen Bruchkante — unserem eigenen Verhalten? Wir verstehen die Vorgänge rund um die Dynamik des Klimawandels und der ökologischen Folgen wirtschaftlichen Handelns immer besser. Aber die Emissionen wachsen ungebremst weiter. Im Aggregat verhalten wir uns wie die Bakterien im Teich, die so lange von den organischen Schwebstoffen prächtig leben und sich vermehren, bis der Sauerstoffvorrat vollständig aufgebraucht ist. Ein deterministischer, mechanisch anmutender Vorgang. Am Ende steht ein umgekippter Teich. Alles ist tot, auch die Bakterien.

Was ist das für eine Mechanik? Jeder kennt die Wirkung der Klimagase, aber die Folgen treffen nur zu einem verschwindend kleinen Teil den Verursacher selbst. Im wesentlichen trifft es andere. Ökonomen bezeichnen das als Externalität. Warum auf etwas verzichten, das man haben könnte — die anderen tun es ja auch nicht! Die Kohlenstoffwirtschaft macht die Produktion billig und uns künstlich reich. Auf dieser Erkenntnis aufbauend kann man ethisch wohlbegründete Forderungen aufstellen. Aber was tun wir, wenn das Wachstum erlischt, die Reallöhne sinken müssten statt zu steigen, die Renten unbezahlbar werden, etablierte Parteien plötzlich mit neuen und radikalen Konkurrenten zu kämpfen haben? — na? Keine Frage. Und alle anderen machen es genauso.

Eine Höllenmaschine. Sie hat die unbarmherzige Kraft einer Naturgewalt — in uns selbst! Individuelle Rationalität ist irrational im Kollektiv. Denken Sie an die Bakterien im Teich. Wenn Gott uns davor schützen wollte, müsste er uns etwas von seinem Geist geben. Wir könnten uns dann als Teil eines Ganzen erleben, das größer ist und wichtiger als unser Ich. Ich weiß keinen Weg dahin, aber vielleicht kennt Gott ihn? 

Unser Vers enthält ein ungeheures Bild. Gott stellt den Regenbogen in die Welt, als Zeichen seines Versprechens und um sich selbst daran zu erinnern, dass er verzichten will auf Dinge, die er tun könnte und vielleicht auch tun wollte. 

Over the rainbow… Können wir solidarisch sein mit der Welt? Uns beschränken? Was ist unser Regenbogen? Lassen Sie uns in dieser Woche einen Blick darauf wagen, und vielleicht auch einen dahinter, mit Gottes Hilfe. Eine andere sehe ich nicht.  
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 41/2025

Nun, so ich heimkäme zu deinem Knecht, meinem Vater, und der Knabe wäre nicht mit uns, an des Seele seine Seele hanget,…
Gen 44,30

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Emotionale Intelligenz

Kennen Sie das Buch? Es gibt mehrere großartige Verfilmungen. Ein junger Mann wird von seinen eigenen Freunden ‚abgeräumt‘. Mit guten Kontakten nach ganz oben fingieren diese ein Verbrechen gegen die Krone, dessen er schuldig sei. Der junge Mann wird zu Festungshaft verurteilt, unter Bedingungen, die sein sicherer Tod sein müssten. Aber es kommt anders. Mit ungeheurer Willenskraft und Einfallsreichtum sowie mit der Hilfe eines geheimnisvollen Mitgefangenen gelingt ihm die Flucht. Dieser Mitgefangene hatte ihm vor seinem Tod das Versteck eines großen Schatzes verraten. Diesen macht sich der junge Mann zu eigen und kehrt zurück in die Gesellschaft, als unbekannter Edelmann mit sagenhaftem Vermögen. Niemand erkennt ihn, aber er kennt jeden und weiss alles. Zug um Zug und ohne Skrupel setzt er seine Machtmittel ein, um das Leben seiner Verderber, der Freunde von früher, zu zerstören. 

Joseph, Mantel und Degen
Joseph alias Edmond Dantés

Wie der „Graf von Monte Christo“ hätte sich auch die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern entfalten können. Edmond Dantés und Joseph haben viel gemeinsam, und wie der vermeintliche Graf nutzt Joseph seine Machtmittel und das Inkognito, um seine Brüder in eine ausweglose Lage zu bringen, die er vollständig kontrolliert. Er stellt seine Brüder auf die Probe. Der Vers, den wir gezogen haben, markiert den Wendepunkt. Es ist nicht der Ort, die komplexe Geschichte im einzelnen wiederzugeben, siehe dazu BdW 21/2021. Benjamin ist scheinbar eines gemeinen Diebstahls unrettbar schuldig, und die Brüder hatten versprochen, dass der Dieb, so er einer der ihren sei, den Ägyptern als Sklave ausgeliefert würde. Benjamin ist der hundertprozentige Bruder Josephs, sie haben nicht nur denselben Vater, sondern auch dieselbe Mutter. Er steht für Joseph. Was tun die Brüder?

Ganz anders verhalten sie sich als früher Joseph gegenüber. Juda weiß um den Schmerz, den der Verlust Josephs seinem Vater zugefügt hat, und er hatte sich verbürgt, dass Benjamin nicht auch verlorengehen würde. Nun, so ich heimkäme zu deinem Knecht, meinem Vater, und der Knabe wäre nicht mit uns, an des Seele seine Seele hanget,.. Und er will dafür einstehen, er bietet sich selbst als Sklave an. 

Joseph und seine Brüder sind in exakt derselben Lage wie Edmond und seine „Freunde“.Aber die Geschichte endet ganz anders. Joseph ist ein genialer Träumer, ein brillanter Organisator und ein Experte der Macht. Und er besitzt etwas seltenes — emotionale Intelligenz nennen wir es heute. Er hat Zugang zu seinen Gefühlen, konstruktiven Zugang. Als er sieht, wie seine Brüder sich entscheiden und warum sie es tun, lässt er zu, dass diese Gefühle ihn überwältigen. Die Auflösung und ein gutes Ende bahnen sich an. 

Trotz aller Ähnlichkeiten: die uralte Josephsgeschichte ist moderner und hoffnungsvoller als die düstere Erzählung von Dumas. Wir alle werden auf die Probe gestellt. Und wenn wir mit dem Kern unserer Persönlichkeit antworten, wie Juda, wird Gott dasselbe tun, so wie Joseph. 

Ich nehme das gern als Hoffnung für uns in die nächste Woche. Der Herr behüte uns alle!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 26/2025

Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist obgelegen.
Gen 32,29

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Namen

Halbzeit, Sommersonnenwende. Willkommen auf dem Gipfel, von hier führen alle Wege bergab.

Gestern dachte ich, dass ich die Betrachtung zum Vers eigentlich schon geschrieben habe, vor gut zwei Jahren nämlich. Der Bibelvers 33/2023 geht dem Vers dieser Woche unmittelbar voran, und eigentlich ist alles gesagt, dachte ich. Gucken Sie bitte rein, wollte ich Ihnen deshalb einfach zurufen.

Aber jetzt sitze ich in einem Zug. Er fährt in meine Heimatstadt. Ich will ein Grab besuchen, und die Landschaft zieht vorüber. In ein paar Tagen habe ich Geburtstag. Und vielleicht lässt sich doch noch etwas sagen. 

Da erhält jemand einen neuen Namen — von Gott. Nachdem er gekämpft hat, mit Gott, mit den Menschen und mit sich selbst. Die meisten von uns behalten ihren Namen ein Leben lang, zumindest den Vornamen. Ulf ist Ulf ist Ulf — aber ist das so? Bin ich derselbe wie vor einem Jahr, vor zehn, vierzig, sechzig? Sicher nicht. Mit diesen früheren Verkörperungen teile ich Erinnerungen. Sie können auf Ereignisse zurückgreifen, die mir auch zugänglich sind. Mehr oder weniger — ich erinnere mich anders, als sie das tun, und die Menge der gemeinsamen Erfahrungen wird mit zunehmendem Abstand schnell kleiner. Immerhin: wir, ich heute und meine Verkörperungen in der Zeit, wir tragen denselben genetischen Code mit uns herum, er konstituiert und limitiert unsere Entwicklungsmöglichkeiten. Und es gibt Konventionen: wir haben dieselben biographischen Daten, dieselben Eltern — wirklich dieselben? — und Geschwister, die denselben Namen tragen.

Eine Ähnlichkeit, also, die mit zunehmender zeitlicher Distanz abnimmt. Eigentlich müsste man von Ulf (2025), Ulf (2015), Ulf (1985) und Ulf (1965) sprechen. Das wäre nützlich. Ulf (2025) könnte sich dann mit Ulf (2015) streiten, ohne dass dabei Missverständnisse entstehen… Aber solange die Diskontinuität das normale Maß nicht überschreitet, ignorieren wir sie einfach. Auch ein Toter behält seinen Namen. Name steht für Identität. Identität ist eine nützliche Fiktion. 

Es gibt Brüche, die über das normale Maß hinausgehen. Solche Brüche können mit einem neuen Namen markiert werden. Jemand wird geadelt. Jemand wird zum Papst gewählt. Jemand wird aus der Fremdenlegion entlassen. Konvertiten erhalten oft einen neuen Namen, wenn sie mit der Taufe das Christentum annehmen. In der Bibel wird Abram zu Abraham, Sarai zu Sarah, Simon zu Petrus, Saulus zu Paulus. Und Jakob, der ‚Hinterlistige‘, wird zu Israel, ‚der mit Gott streitet‘ — oder für den Gott streitet?

New game, clean slate. Gibt es das? Im Leben nicht wirklich. Die abnehmende Ähnlichkeit mit den früheren Verkörperungen bleibt, auch wenn jemand zum Papst gewählt wird. Und die gemeinsame Erinnerung an vergangene, prägende Abscheulichkeiten auch. 

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind!“. So stand es auf der Traueranzeige für meinen Vater. Im Reich Gottes werden wir vielleicht einen neuen Namen empfangen. Von Gott, wie Jakob. Beunruhigeńd ist diese Vorstellung, und schön. Wie könnte er klingen, dieser Name?

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibvelvers der Woche 51/2024

…und sah Ephraims Kinder bis ins dritte Glied. Auch wurden dem Machir, Manasses Sohn, Kinder geboren auf den Schoß Josephs.
Gen 50,23

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Pluribus ex unum

Ich muß Sie heute um etwas Geduld bitten — von den Vätergeschichten geht es über die Stämme zu einer Wahrheit, die uns alle angeht. 

Wir haben hier einen der letzten Verse des Buchs Genesis. Josef wird in Ägypten hundertzehn Jahre alt, reich und mächtig. Seine Familie ist wiedervereint. Unser Vers folgt unmittelbar auf die Segenswünsche und Schutzzusagen an seine Brüder. Joseph hat zwei Söhne, Ephraim und Manasse. Im Vers wird außerdem Machir genannt, ein Sohn Manasses. 

Der Bibel ist sehr wichtig, dass sich die Stämme Israels auf einen gemeinsamen Vater zurückführen lassen — Jakob. Ihm wurde von Gott der Beiname Israel verliehen. Die Zahl zwölf steht für Vollkommenheit. Zwölf Söhne, zwölf Stämme, im Grunde aber eins. Pluribus ex unum — viele aus einem.

In der editorischen Durchführung ist das gar nicht so einfach. Es gab zwölf Stammesterritorien, ja. Aber es gab auch die landlosen Leviten, eine Kaste von Tempeldienern, die sich als eigenen Stamm verstanden und ebenfalls auf Jakob zurückführten. Also führt man zwei der Territorien — Manasse und Ephraim — auf Joseph zurück, einen der Söhne Jakobs. Also: zwölf Territorien, zwölf Söhne, davon einer auf ewige Zeiten landlos, und ein anderer mit zwei Söhnen begabt, die ihrerseits  Stammväter eigener Stämme wurden.  

Stimmt jetzt alles? Nein, da ist noch Machir. Machir wird in dem sehr alten Deborahlied (Ri 5) als eigenständiger Stamm genannt. In unserem Vers ist Machir als Person Sohn Manasses. Er ist „auf dem Schoß Josephs“ geboren, wird also als Kind Josephs angesehen. Betrachtet man die Siedlungskarte Israels, so sieht man, dass der Stamm Manasse ungefähr zu gleichen Teilen östlich und westlich des Jordan siedelt. Die östliche Hälfte wird auch Machir genannt. In den Erzählungen zur Landnahme wird diese östliche Hälfte früher erobert als die westliche, nämlich noch von Mose selbst, vor Josuas Invasion im Kernland Kanaans. Der „halbe Stamm Manasse“ ließ, so wird erzählt, Frauen und Kinder im eroberten Land, während die Männer sich dem übrigen Heerhaufen Israels anschlossen und den Stammesbrüdern bei der weiteren Landnahme halfen. 

Online-today CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons — Link

Es gibt in der Forschung die Vorstellung, dass Machir und Manasse in alter Zeit zwei separate Stämme waren und Manasse den östlichen Nachbarn mit Expansion und Durchdringung in sich aufnahm. Unser Vers reflektiert dies in recht eigentümlicher und bezeichnender Weise. Machir ist Sohn Manasses, aber doch irgendwie auch sein Bruder. 

Vor genau vier Jahren, zum dritten Advent, hatten wir einen Vers, der an Simeon erinnert. In der Karte oben ist er als Enklave zu sehen. Auch dieser Stamm verschwand mit der Zeit, er ging in Juda auf, siehe Vers 51/2020.

Aber immer blieben es zwölf. Wir sehen hier etwas Bedeutungsvolles, wie ich finde. Es gibt eine Wirklichkeit, die ständig neue Formen annimmt, und daneben und darüber die Vorstellung, dass hinter diesem Wandel unveränderliche Urgründe stehen — ewig gleich, projiziert in eine Zeit, als die Territorien mit ihren vielen Menschen einzelnen Personen entsprachen. Das hat etwas mit dem Wesen von Glauben an sich zu tun. Ist die Botschaft falsch, wenn die Geschichte, mit der sie transportiert wird, nicht den geschichtlichen Realitäten entspricht? 

Pluribus ex unum — in unserer Vielfalt sind wir eins!

Ich wünsche uns allen einen gesegneten dritten Advent, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 46/2024

Da aber Jakob sah Rahel, die Tochter Labans, des Bruders seiner Mutter, und die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter, trat er hinzu und wälzte den Stein von dem Loch des Brunnens und tränkte die Schafe Labans, des Bruders seiner Mutter.
Gen 29,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Die Frau, die Herde, der Brunnen

Hier kondensiert die ganze Geschichte — in einem einzigen Bild. Jakob, der Flüchtling, sieht Labans Tochter Rahel, und er begehrt sie sofort. Für sie wird er 14 Jahre lang dienen. Und Jakob sieht die Schafe Labans. An ihnen wird er sich abarbeiten müssen während dieser vielen Jahre. Aber Labans Tochter wird seine Frau sein, und sie wird ihm Söhne schenken, und Labans Schafe werden ihn reich machen. So wird es sein. Hier, mit diesem Vers, bricht Jakob in die Szene ein. Er kennt niemanden, und das Drehbuch hat er noch nicht verstanden. Er sieht die Frau und die Herde. Die Herde kommt auf ihn zu, die Frau sieht ihn an. Er bringt beides zusammen und greift ein: gegen die Regel und zu seinem Vorteil. 

Dabei ist die Regel wertvoll,. Das wenige Wasser soll gerecht geteilt werden zwischen allen, die ein Anrecht darauf haben, ohne gewalttätigen Streit, und ohne dass jeder früher dort sein muss als die anderen. Deshalb liegt ein Stein auf dem Brunnen, der erst entfernt wird, wenn alle Herden da sind. Jakob sieht, dass Rahels Schafe bis zum Abend noch einige Zeit weiden könnten, wenn man sie jetzt tränkt. Er will die junge Frau beeindrucken und sich dem Onkel zu empfehlen, den er noch gar nicht kennt. Die Regel drückt er beiseite: Er tritt zum Brunnen und deckt ihn auf. In der Bilderwelt des Alten Testaments hat das eine erotische Konnotation.  

Diese Miniatur charakterisiert Jakob perfekt. Auf dem Weg zu dem, was er will, wird Jakob immer wieder Regeln brechen. Der Showdown mit Laban, viele Jahre später, ist ein zweites Bild, in dem alles zusammenläuft, siehe BdW 15/2921.

Jakob sieht. Er kann gar nicht erkennen, was er sieht. Träume sind mächtig. Sie prägen unser Schicksal. Und sie tragen die Tendenz in sich, Wirklichkeit zu werden. Der Herr lasse uns sehen. Und er gebe uns das Gespür für die rechten Mittel. 
Ulf von Kalckreuth 

P.S. Das Bild steht ja eigentlich schon. Deshalb habe ich mit GhatGPT an einer Illustration gearbeitet. Es hat ein wenig gedauert, aber ich finde, wir haben es recht gut gemacht. 

Bibelvers der Woche 40/2024

Er sprach: Ich will dir einen Ziegenbock von der Herde senden. Sie antwortete: So gib mir ein Pfand, bis dass du mir’s sendest.
Gen 38,17

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Wer es sagt, ist’s selber…!

Eine schmutzige Geschichte, keine, die unmittelbar das Herz erheben könnte. Aber unser Vers steht mitten darin und spielt dort eine Schlüsselrolle, und so muß ich sie ganz erzählen. Bitte bleiben Sie dran, ich glaube, es lohnt sich!

Juda, der Sohn Jakobs und Stammvater Davids, hat drei Söhne. Sein ältester Sohn, Er, heiratet Tamar. Aber bald darauf stirbt er, und Tamar ist Witwe. Juda gibt ihr seinen zweiten Sohn, Onan, zum Mann. Eine sogenannte Leviratsehe zur Sicherung der Witwe, der Erbfolge und der Verbindung zweier Familien: Starb ein verheirateter Mann kinderlos, so mußte sein Bruder die Witwe zur Frau nehmen und an seiner Stelle für Nachwuchs sorgen. Der erste Sohn galt als Kind des Bruders, siehe Dtn 25,5-10. 

Onan aber will seine Pflicht nicht erfüllen. Im ehelichen Verkehr mit Tamar läßt er seinen Samen „auf die Erde fallen und verderben“. Coitus interruptus — wenn wir heute von ‚Onanie‘ sprechen, benutzen wir eigentlich ein falsches Wort. 

Dem Herrn ‚mißfiel dies‘, schreibt die Bibel, und er läßt auch Onan sterben. Nun müsste Juda eigentlich Tamar seinen jüngsten Sohn Schela zum Mann geben. Aber er hat Sorge, dass auch sein dritter Sohn sterben könnte. Er sagt Tamar, sie könne Schela heiraten, wenn er groß geworden sei. Bis dahin möge sie bitte bei ihrem Vater bleiben. Viele Jahre gehen ins Land, Judas Frau stirbt und Tamar versteht, dass dieses Versprechen auf immer ein Versprechen bleiben soll. Juda verweigert Tamar „seinen Samen“, wie in Genesis die Nachkommenschaft eines Mannes genannt wird — im Grunde wie sein Sohn Onan.

Tamar ist in der Ecke, scheinbar ohne Handlungsmöglichkeiten, in völliger Passivität. Im Hause ihres Vaters soll sie warten, bis Schela kommt. Sie ist mit ihm verlobt und die Verpflichtungen aus ihren beiden Ehen gelten fort. Sie kann nicht einmal einen anderen Mann suchen. So geht es viele Jahre. Ihre Uhr tickt, immer lauter. Schließlich bricht sie aus und holt sich Judas Samen auf eigene Art.

Sie setzt sich an den Weg, auf dem Juda kommen muss, der einen Freund besuchen will. Tamar trägt einen Schleier und macht sich unkenntlich. Juda hält sie für eine Prostituierte und will sich ihr nähern. Er einigt sich mit ihr über den Preis, den er allerdings nicht an Ort und Stelle bezahlen kann. Sie bittet um ein Pfand — das ist unser Vers! — und er hinterlässt ihr seine Siegelkette, seine Schnur und seinen Stab. Die Insignien seiner Stellung als Patriarch. Es ist fast, als habe er seinen Personalausweis als Pfand gegeben. 

Sie verkehren miteinander und Juda geht seiner Wege. Tamar taucht ab. Als Judas Freund sie sucht, um den verabredeten Preis zu entrichten, weiß niemand von ihr — nie war an diesem Ort eine Prostituierte tätig. Tamar war ins Haus ihres Vaters zurückgekehrt, und sie ist schwanger. Bald sehen es die Leute, und sie hinterbringen es Juda: Deine Schwiegertochter hat gehurt und bekommt ein Kind. Sie soll sterben, sagt Juda, sie soll herausgeführt und hingerichtet werden. 

Tamar läßt ihm die drei Teile des Pfandes bringen: Der Vater des Kinds ist, wem diese Dinge gehören, sagt sie — erkennst du sie? Juda erkennt sie, und er erkennt auch, welchen Fehler er gemacht hat. Tamar bringt Zwillinge zur Welt und Juda akzeptiert sie als seine Söhne und Tamar als seine Frau. „Aber er ging nicht mehr zu ihr ein“, sagt die Bibel.

Wir können die Geschichte aus Genderperspektive betrachten. Das ist einfach, harte Worte wären wohlfeil, aber die Wertungen wären nutzlos, und ich will Ihnen und mir das ersparen. Die Geschichte ist eine Miniatur aus der frühen Eisenzeit. Sie steht isoliert mitten in der Josephsgeschichte, und ich denke, sie steht dort, weil sie eine interessante Botschaft hat. 

Es geht um das Wesen von Schuld. Onan und Juda verweigern sich und berauben damit Tamar der Grundlage ihres Lebens als Frau m alten Orient. Beide geben nicht, aber sie nehmen: Sex. Tamar wird schwanger. Juda sieht die Gelegenheit, die fortwährende Schuld endgültig aus der Welt zu schaffen und fordert ihren Tod. Die Bibel spricht es nicht aus, aber ich vermute, dass er sich auf das mit Todesdrohung bewehrte Verbot des Ehebruchs beruft (Lev 20,10). Wenn aber sie eine Ehebrecherin ist, dann ist er der Ehebrecher — er bricht die fortwirkende Ehe seiner Söhne und verstößt noch dazu gegen das explizite Verbot sexueller Beziehungen zu Schwiegertöchtern (Lev 18,12).

Sein Finger zeigt auf Tamar, aber indem er das tut, weisen drei Finger zurück auf ihn selbst: Bruch zweier Ehen und Sex mit einer nahen Verwandten. Dabei ist seine eigentliche Schuld eine andere. In diesem Augenblick steht er da als vollkommenes Monster — vor uns und wohl auch vor sich selbst. „Sie ist gerechter als ich“, stöhnt er.

Weit mehr als 1000 Jahre später steht ein direkter Nachkomme von Tamar und Juda auf einem Platz im Jerusalemer Tempel. Aufgebrachte Menschen zerren eine Frau zu ihm. Sie ist Ehebrecherin und von ihm, dem Gesetzeslehrer, verlangen die Leute ein Urteil. Es kann nur eines geben. Jesus spricht es nicht aus, sondern malt in den Sand. Schließlich sagt er, dass derjenige den ersten Stein werfen möge, der ohne Schuld sei. Keiner rührt sich, und die Menge verläuft sich schließlich. 

Hat Jesus an Tamar gedacht, als er im Sand malte? 

‚Wer es sagt, ist’s selber‘, sagen unsere Kinder, und es stimmt. Schuld ist Gift und in gewisser Weise wird es geschaffen durch den, der die Beschuldigung ausspricht. Etwas bleibt hängen. Manchmal ist es viel. Vielleicht kann nur Gott Schuld zuweisen, ohne schuldig zu werden? 

Gelobt sei, der unsere Schuld vergibt — so wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…!
Ulf von Kalckreuth


Nachspiel: Richtig vergeben ist gar nicht so einfach. Ich habe diesen Text in den Pausen eines großen Musikfestivals geschrieben. Vielleicht merkt man das. Als ich aufstand, rempelte eine Frau, die rasch in den nächsten Saal wollte, mich hart von hinten. Wir sahen uns an und schließlich sagte sie genervt: „Entschuldigung!“ Ich erwiderte: „Ich habe darüber nachgedacht, wer von uns beiden sich entschuldigen muß, aber wenn Sie es nun tun, will auch ich Sie gern um Verzeihung bitten!“ Ihre etwas rätselhafte Antwort war: „Aber ich habe mich als erste entschuldigt…!!“ Mmh. Besser hätte ich gesagt: „Ist schon ok, ist die Musik nicht großartig? 

Bibelvers der Woche 35/2024

Und also machten sie den Bund zu Beer-Seba. Da machten sich auf Abimelech und Phichol, sein Feldhauptmann, und zogen wieder in der Philister Land.
Gen 21,32

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Gaza und Be’er Sheva

Der Vers bezeichnet den Abschluß einer wichtigen Begebenheit in der „ersten“, der friedlichen Erzählung zur Einwanderung ins Gelobte Land. Diese Erzählung lautet kurz gefasst wie folgt: Abraham kommt als halbnomadisch lebender Viehzüchter von Norden aus Haran nach Kanaan. Er erwirbt Güter, Gefolgschaft und Einfluss. In hohem Alter wird er Vater zweier Söhne, die als Stammväter der Araber (Ismael) und der Israeliten (Isaak) gelten. Er schwört dem Philisterkönig Abimelech einen Lehenseid und erwirbt von dem Hethiter Efron ein Erbbegräbnis. Er ordnet er sich in die bestehenden Strukturen des Landes ein, bleibt dabei aber stets eigenständig. Am Ende ihres Lebens gehören seine Frau und er zu den Großen des Landes.  

Im Vers geht es um den Eid, den er dem Philisterkönig Abimelech schwört. Abraham wohnt zu dieser Zeit in der Halbwüste westlich des Toten Meers, an der Peripherie des Herrschaftsgebiets der Philister. Deren Städte liegen an der Küste. Abraham ist zu einer lokalen Macht herangewachsen, er ist in der Lage, kleinere Kriege zu führen (Gen 14). Das Verhältnis zur politischen Herrschaft ist ungeklärt. Abimelech, ein König der Hethiter, erscheint bei Abraham mit einer bewaffneten Streitmacht und fordert ihn auf, seine Treue zu bekunden — sehr freundlich, unter Lobesbekundungen. Ihm wäre es am liebsten, am unruhigen Rand seines Herrschaftsgebiets einen loyalen Vasallen zu haben. Abraham ist dazu grundsätzlich bereit, fordert aber seinerseits Garantien hinsichtlich der Wasserstellen, die er für sein Vieh braucht. Abimelech und Abraham schwören einander die Treue. Dies geschieht bei Beerscheba, einem Ort, der deshalb „Schwurbrunnen“ heißt. Abimelech gibt den Ort und die Wasserstellen Abraham als Lehen. Die Peripherie ist befriedet. Unser Vers erzählt, wie Abimelech und sein General in seine Stadt zurückkehren.

Be’er Sheva gibt es noch heute, es ist eine größere israelische Stadt am Rand der Negev. Der Name von Abimelechs Stadt wird nicht genant. Ist es Gaza, die nächstgelegene und größte der alten Philisterstädte?

Die Begebenheit habe ich früher bereits kommentiert, siehe den BdW 18/2022. Es ist spannend, heute wieder darauf zu schauen. Die Palästinenser leiten sich und den Namen ihres Volks von den Philistern ab. Die Israelis wiederum sehen sich als Nachkommen Abrahams und Isaaks. Vor zwei Jahren konnte ich hoffnungsvoll schreiben. Heute gibt es einen blutigen Krieg, der nicht aufhören will. In diesen Tagen sind die Vermittlungsbemühungen der USA, Ägyptens und Katars im Krieg um Gaza erneut gescheitert, vielleicht endgültig. Ein größerer Krieg steht nun vor der Tür. Was muss denn noch geschehen? In der frühen Eisenzeit fanden Abimelech und Abraham eine Lösung, die beiden Seiten nutzte. Mit Händen lässt sich greifen, dass dies auch heute möglich wäre.

Guter Wille ist wohl zu viel verlangt. So gebe der Herr, Gott Israels und der Völker, den Menschen wenigstens Einsicht und einen Blick fürs Wesentliche! Lasst uns darum beten.

Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 11/2024

Das Wort gefiel Abraham sehr übel um seines Sohnes willen.
Gen 21,11

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Explosion in Zeitlupe

Hier bahnt sich eine Scheidung an, die beinahe einen tödlichen Verlauf nimmt: Sarah verlangt von Abraham, dass er Hagar und Ismael, seinen Sohn, verstößt und in die Wüste schickt. Die Geschichte wurde beim BdW 20/2020 ausführlich angesprochen. Hier will ich Ihnen von einem Gespräch erzählen, das einen überraschenden Verlauf nimmt.  

Ich wollte für den Blog ein Bild von dieser Szene mit Dall-E erstellen. Man muß dazu ChatGPT erklären, was man haben möchte. Ich habe folgendes probiert: 

ChatGPT, ich benötige wieder eine Illustration für einen Bibelvers. Ich werde dir zuerst die Geschichte erzählen. Abraham hatte zwei Söhne, Ismael und Isaak. Lange Zeit konnte Sarah, seine Frau, selbst keine Kinder bekommen. Sie bat daher Abraham, Kinder mit ihrer Sklavin Hagar zu zeugen, an ihrer Stelle. Abraham folgte ihrem Vorschlag und zeugte seinen ersten Sohn, Ismael, mit Hagar, Sarahs Sklavin. Viele Jahre später bekommt Sarah selbst ein Kind — Isaak. Sie wird eifersüchtig und wütend auf Hagar und fordert von Abraham, Hagar mit ihrem Sohn Ismael zu vertreiben, sie auszustoßen. Der Bibelvers, den ich illustrieren möchte, lautet wie folgt: „Das betrübte Abraham sehr, denn Ismael war sein Sohn.“, Genesis 21,11. Verstehst du die Situation?

ChatGPT verstand gut, gab eine korrekte Zusammenfassung und machte einen Vorschlag für eine visuelle Umsetzung. Ich hatte aber etwas Bestimmtes im Kopf:

Ich dachte eher an Folgendes: Sarah spricht sehr eindringlich zu Abraham, packt seine Kleidung und zeigt auf Hagar und Ismael, die im Hintergrund zu sehen sind. Abraham versucht, sie abzuwehren, und zeigt dabei Abscheu. Bitte lass uns das zuerst versuchen.

ChatGPT machte zwei Entwürfe, die zeichnerisch gelungen, inhaltlich aber falsch waren. Nach weiteren Konkretisierungen weigerte sich die KI und verwies auf Richtlinien:  

Ich kann die spezifische Illustration, die du angefragt hast, aufgrund unserer Richtlinien für Inhalte nicht erstellen. Die Darstellung von emotionalem Leid und Konflikten, insbesondere im Zusammenhang mit familiären Dynamiken, wie beschrieben, ist nicht in Einklang mit diesen Richtlinien zu bringen.

Eine zeitaufwendige Reihe weiterer Versuche schloß sich an, unter anderem mit kubistischen Formen. Unten sehen Sie eines der Bilder. Ästhetisch beachtlich, aber der Konflikt ist nur angedeutet, und von der Explosion in Zeitlupe, die sich hier vollzieht, ist nichts zu sehen. Ich beendete die Sitzung: „Wenn du keine Konflikte darstellen kannst, dann kannst du die Welt nicht darstellen.“ Die KI pflichtete bei: das sei in der Tat ein grundsätzliches Problem. Sie verwies aber ein weiteres Mal auf die Richtlinien. 

Trotz aller dummen politischen Korrektheit — in der Weigerung der KI ist Wahrheit. Die Richtlinien sollen verhindern, dass Bilder entstehen, die als anstößig empfunden werden können. Und ist das nicht anstößig? Eine Patchwork-Familie löst sich auf, zerfleischt sich geradezu. Hagar hat ein Kind von Abraham empfangen, an der Stelle ihrer Herrin, als Leihmutter eigentlich, und sie wird von dieser mit ihrem Kind vertrieben, in die Wüste geschickt, in den Tod. Und Abraham, dem es leid tut — um den Sohn! — willigt ein, als Gott ihm sagt, er solle seiner Frau gehorchen, auch aus Ismael werde ein großes Volk.  

Vielleicht können Sie ein Bild davon in Ihrem Kopf entstehen lassen, so anstößig wie Sie es wollen und ertragen. Am Ende rettet der Herr selbst Hagar und ihren Sohn Ismael,. Eine andere Rettung gibt es nicht mehr. 

Hagar. Stammutter der Araber. Sarah. Stammutter der Juden. Da fällt mir Gaza ein. Was für ein Gleichnis!

Der Herr rette die Menschen dort,
Ulf von Kalckreuth

Abraham, Sarah und Hagar
Abraham, Sarah und Hagar. Ulf von Kalckreuth mit Dall-E und ChatGPT, 4. März 2024