Bibelvers der Woche 47/2022

Die Kinder der Knechte Salomos waren: die Kinder Sotai, die Kinder Sophereth, die Kinder Perida,…
Neh 7,57

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Nachfahren versklavter Kriegsgefangener

Die judäische Gesellschaft konstituiert sich nach der Zeit des erzwungenen Exils in Babylon neu, und auch ein Tempel soll gebaut werden. Wer soll dazugehören? Wer kann Dienst im Tempel tun? Siehe den BdW 20/2020 zu einer Parallelstelle in Esra.

Im Alten Testament sind solche Fragen fast immer wie folgt geregelt: du gehörst dazu, wenn deine Eltern dazugehören. So definierte sich Volkszugehörigkeit, und so bestimmt die Halacha noch heute, ob jemand Jude ist oder nicht. Und auch hier: die Angehörigen der drei genannten Sippen dürfen im Tempel Dienst tun, weil ihre Vorfahren es auch schon getan haben, sie sind die „Kinder der Knechte Salomons“. 

Hier wird es spannend: Wenn in der Bibel von „Knechten“ die Rede ist, kann man „Sklaven“ setzen — die Lutherbibel 1984 tut dies im Unterschied zur Übersetzung 2017 konsequent. Salomo setzte für den Tempelbau in umfangreichem Maße ausländische Zwangsarbeiter ein, israelitische Volksangehörige waren von Zwangsarbeit ausdrücklich ausgenommen, siehe 1. Kö 9,20-22. Einige von ihnen wurden dauerhaft für den Tempeldienst rekrutiert — nicht als Sänger oder Priester, sondern wohl als Arbeiter. Ursprünglich gehörten sie gerade nicht dazu!

Zwischen der goldenen Zeit Salomos und der schwierigen Rückkehr der Judäer aus dem babylonischen Exil liegen fast sechshundert Jahre. Die „Knechte Salomos“ waren längst durch Beschneidung zum Judentum übergetreten. Als nun gefragt wird, wer unter den Zurückkgekehrten für den Tempeldienst geeignet ist, bestehen sie die Prüfung; man weiss, wer sie sind. Andere, deren Vorfahren vermutlich Priester waren, können ihre Credentials weniger gut belegen und bleiben aussen vor, siehe wieder BdW 20/2020

Nachfahren versklavter Kriegsgefangener… davon gibt es vielleicht sehr viele auf der Welt. Wie fühlt es sich an, wenn diese Vergangenheit noch nach Jahrhunderten den Platz in der Gesellschaft definiert? 

Es geht um Identität. Identität gibt es nicht umsonst. Die Nachfahren der versklavten Kriegsgegner wissen um ihre Vergangenheit und ihr soziales Umfeld auch. Dasjenige, was uns heute als gefestigte Diskriminierung erschiene, dient hier zum Erweis der Zugehörigkeit. Das hat etwas Folgerichtiges: wie können wir dazugehören ohne Identität? Und setzt uns Identität nicht immer auch ab von anderen? Als Jesus vom Himmelreich spricht, sagt er, dass die letzten die ersten sein werden. Hier geht es „nur“ um den Tempeldienst, aber vielleicht passt das Jesuswort trotzdem.

Food for thought…

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

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