Bibelvers der Woche 31/2021

Und Esra, der Schriftgelehrte, stand auf einem hölzernen, hohen Stuhl, den sie gemacht hatten, zu predigen, und standen neben ihm Matthithja, Sema, Anaja, Uria, Hilkia und Maaseja, zu seiner Rechten, aber zu seiner Linken Pedaja, Misael, Malchia, Hasum, Hasbaddana, Sacharja und Mesullam.
Neh 8,4

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Re-Formation

Ein langer Vers, mit vierzehn Namen. Aber dennoch ist er spannend: hier erzählt uns die Bibel, wie in der Bibel gelesen wird.

Die Zeit des erzwungenen Exils war zu Ende. Juden durften aus Babylon in ihr Heimatland zurückkehren und Jerusalem konnte neu aufgebaut werden. Nachdem es wieder einen Tempel gab, kam Esra aus Babylon, um den Tempeldienst neu einzurichten. Zu den dürftigen ersten Anfängen und der Bedeutung des großen Reformators für das Judentum siehe die beiden BdW 30/2020 und 32/2020

Esra stand vor einer gewaltigen Aufgabe. Die Kontinuität der Religionsausübung war gebrochen und neue Formen waren entstanden, etwa der Gottesdienst in Synagogen. Die überlieferten Schriften wurden während und nach dem Exil redigiert, neu kompiliert und ergänzt. Das Neue und das Alte mußten zu einem Ganzen integriert werden. Der entstehenden Gemeinschaft fehlte eine Identität. 

Der religiöse Führer entschließt sich zu einem Schritt von großer symbolischer Kraft. Im neuen Tempel — einer Baustelle eigentlich — stellt er sich auf und liest laut, an alle gerichtet, das Gesetz. Er wiederholt damit eine Handlung Josias, des großen Reformkönigs vor dem Exil. Damals, in einer Zeit religiöser Ambivalenz und Gleichgültigkeit, war bei Reparaturarbeiten am Tempel das „Buch des Gesetzes“ gefunden worden. Josia ließ es verlesen und leitete damit eine Reinigungsbewegung ein, siehe den BdW 20/2021

Esra liest das Gesetz laut. Damit sagt er gleichzeitig, wie das Wort Gottes gelesen werden soll: wörtlich nämlich, nicht in termini von Abstraktionen und Interpretationen. Esra ist „Reformator“ im ältesten Sinn des Wortes. Er stellt in seiner Gegenwart eine idealisierte, in die Vergangenheit projizierte Struktur wieder her. Dabei tritt er nicht als Person auf, sondern als Repräsentant einer neuen geistlichen Elite. Sechs spirituelle Würdenträger stehen rechts von ihm und sieben links. Viele Stunden lang stehen sie und lesen laut das Gesetz Gottes. So wie Juden überall in der Welt es in der Synagoge heute noch tun. 

Was für ein Bild!

Ich wünsche uns allen eine gute Woche in Gottes Segen,
Ulf von Kalckreuth

Faksimile einer Megillat Esther. Bild: Ulf von Kalckreuth, Juli 2021
Faksimile einer Megillat Esther. Bild: Ulf von Kalckreuth, Juli 2021

Bibelvers der Woche 38/2020

Da aber Saneballat und Tobia und die Araber und Ammoniter und Asdoditer hörten, daß die Mauern zu Jerusalem zugemacht wurden und daß sie die Lücken hatten angefangen zu verschließen, wurden sie sehr zornig.
Neh 4,1

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Die Stadtmauer Jerusalems — Jerusalem Museum, Januar 2020

Tobe, Welt und springe…!

Die Geschichte einer Heilung. Jerusalem, die entvölkerte und unter den Babyloniern ihrer Elite beraubte Stadt, deren Mauern zerstört und deren Tempel Gottes vernichtet war, füllt sich wieder mit Leben. Unter dem persischen Herrscher Kyros durften die Nachkommen der Exilierten wieder in die einstige Hauptstadt des judäischen Reichs zurückkehren. Mit dem Hohepriester Esra und dem Statthalter Nehemia begann, nach geraumer Zeit, die Konsolidierung und das nation building — aus den Nachkommen der Judäer wurden Juden. Nach diesen Männern sind zwei Bücher der Bibel benannt, die ursprünglich gemeinsam Teile einer einzigen Schrift waren. 

Das große Thema bei Nehemia ist die Stadtmauer. Im Altertum war eine Stadt ohne Mauer schlicht keine Stadt — jeder, der eine Anzahl Bewaffneter aufbrachte, konnte sie berauben, schädigen und zu Zahlungen pressen. Die Mauer war die Haut der Stadt, ihre Identität, sie unterschied und trennte Innen von Aussen. Hundertvierzig Jahre nach der Eroberung durch die Babylonier war die alte Mauer ein vielfach durchlöcherter, schründiger Trümmerhaufen ohne alle Tore. Eine ergreifende Szene am Anfang des Buchs beschreibt, wie Nehemia nachts heimlich, ohne Begleitung, die Mauer entlang reitet, um sich ein Bild von seiner Aufgabe zu machen. 

Und er stellt sich dieser Aufgabe, unbeirrbar, Schritt für Schritt. Und immer dabei — als Kommentatoren, Spötter, Intriganten und schließlich militärische Gegner sind drei Gegenspieler: Sanbalat, der Horoniter, Tobija, der Ammoniter und Geschem, der Araber. Sie stehen für Fremdvölker, die sich in in den letzten hundertvierzig Jahren im judäischen Land festgesetzt hatten und der Befestigung der Stadt naturgemäß feindlich gesinnt sein mussten. 

Die Mauer heilt und die drei Feindfiguren spiegeln das Geschehen. Die Bewertung der Vorgänge wird im Text nicht durch jubelnde Einwohner Jerusalems verankert, sondern durch die mit dem Fortschreiten des Projekts immer schärfere, ja schließlich panische Reaktion der drei Gegner. Wie bei einem fotografischen Negativ. Das verschafft dem Text Authentizität. Schließlich soll die langsam sich schließende Mauer gegen Feinde schützen, und es wäre kein gutes Zeichen, wenn der Bau diese gleichgültig ließe. 

Im Anschluß an den gezogenen Vers beschließen die drei Feindgestalten, militärisch einzugreifen. Nehemia und die Seinen werden gewarnt und füllen die vielfach noch bestehenden Lücken der Mauer mit Kämpfern aus Fleisch und Blut. Die Fortsetzung des Mauerbaus geschieht dann mit der Waffe in der Hand — die Arbeiter sind jederzeit bereit, sich umstandslos in eine Armee zu verwandeln. Es fällt schwer, dabei nicht an die ersten Jahrzehnte des modernen Israel zu denken. 

Die drei Feindfiguren als kontrastierende Perspektive in der Ich-Erzählung Nehemias sind sehr wirkungsvoll. Ähnliches findet sich auch in den Psalmen. In der christlichen Kirche werden von alters her Hölle und Teufel so eingesetzt. Ihre Macht, ihre Abwehr und die mit ihnen verbundene Bedrohung erweisen im Umkehrschluss die Größe des Erlösungswerks Jesu Christi. Die Strophen 2 und 3 des Chorals „Jesus meine Freude“ lauten:

Unter deinem Schirmen
Bin ich vor den Stürmen
Aller Feinde frei.
Laß den Satan wittern,
Laß den Feind erbittern,
Mir steht Jesus bei.
Ob es itzt gleich kracht und blitzt,
Ob gleich Sünd und Hölle schrecken:
Jesus will mich decken.

Trotz dem alten Drachen,
Trotz des Todes Rachen,
Trotz der Furcht darzu!
Tobe, Welt, und springe,
Ich steh hier und singe
In gar sichrer Ruh.
Gottes Macht hält mich in acht;
Erd und Abgrund muss verstummen,
Ob sie noch so brummen.

Wer das liest und singt, kann Sanbalat, Tobija und Geschem vor sich stehen sehen… machtlos!

Eine gesegnete Woche wünsche ich uns, ohne alle bösen Feinde,
Ulf von Kalckreuth