Bibelvers der Woche 16/2026

Der sah in einem Gesicht offenbarlich um die neunte Stunde am Tage einen Engel Gottes zu sich eingehen, der sprach zu ihm: Kornelius!
Apg 10,3

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Ein Sack unreinen Getiers…

Ein veritabler römischer Hauptmann wird mit einem Sack voll vierfüßiger, kriechender Tiere der Erde und allerlei Vögel des Himmels verglichen. Dieser Vergleich ist überhaupt nicht freundlich, öffnet ihm aber schließlich den Zutritt zur Gemeinschaft der ersten Christen. 

Wer waren die ersten Christen? Es waren Juden. Juden mit einer besonderen religiösen Sicht: sie hatten in Jesus ihren Messias erkannt und seine Befreiungstat für sich angenommen, und damit auch Gottes Gnade. So berichtet es die Apostelgeschichte in ihren ersten Kapiteln. Die Römer machten in den ersten Jahrzehnten keinen Unterschied zwischen Christen und Juden. Die Betroffenen selbst waren sich der trennenden Unterschiede schmerzlich bewusst, auch Hass und Gewalt rührten daraus. Aber es waren Differenzen in einer Volks- und Religionsgemeinschaft, nicht zwischen zwei Gemeinschaften.  

Das änderte sich in Stufen, als die frohe Botschaft auch zu Nichtjuden gelangte. Zuerst in Judäa, unter römischen und griechischsprachigen Nichtjuden, immer mehr aber auch im nahen Ausland. Sehr erfolgreich war das Evangelium unter den sogenannten Proselyten, den „Gottesfürchtigen“. Solche Menschen verehrten den Gott der Juden, waren aber den Juden nicht gleichgestellt. Sie werden schon in Psalm 118 als eigenständige Gruppe genannt. Damals wie heute definierte sich Zugehörigkeit zum Judentum über die Abstammung. Paulus der große Missionar unter den Heiden, war immer stolz darauf, jüdischer Christ zu sein. 

Petrus muss umdenken und eine Aufgabe annehmen, die er gar nicht schätzt. Kapitel 10 der Apostelgeschichte berichtet von einer Vision und einer Begegnung und einem Zugnis des Heiligen Geistes. Er sieht, wie vom Himmel ein großes Tuch gereicht wird, gefüllt mit unreinen Tieren aller Art. Zu seinem Entsetzen hört er die Aufforderung: Petrus, steh auf, schlachte und iss. Es muß sich ihm der Magen umgedreht haben. Noch nie habe er, ruft er in den Himmel, etwas unreines gegessen. Die Antwort weist ihn zurecht: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten!

Peter's vision of a sheet full of unclean animals, from Acts 10:11

Domenico Fatti (geb 1589), Vision des Heiligen Petrus von den unreinen Tieren, ca 1619, Kunsthistorisches Museum Wien, Public Domain via Wikimedia Commons

Als er noch darüber nachdenkt, kommen Boten eines Hauptmanns der Römer mit Namen Kornelius, der ihn dringend bittet, zu kommen und das Evangelium zu predigen. Kornelius ist Proselyt, ein gepflügtes Feld also, das selbst um die Saat bittet. Auch der Hauptmann hatte nämlich eine Erscheinung: ein Engel des Herrn war zu ihm getreten — das ist unser Vers –und sagte ihm, dass seine Gebete erhört und seine Almosen gesehen worden seien: er solle nach Petrus in Jaffa schicken und ihn holen lassen. 

Petrus versteht jetzt die Bedeutung seiner eigenen Vision und begibt sich umgehend zu Kornelius, obgleich sich das mit seiner Rolle als geistlicher Lehrer der Juden nicht verträgt. Die beiden Männer werden durch ihre Erscheinungen zueinander geführt, und Petrus hat die Weisung, das als rein anzuerkennen, was Gott rein gemacht hat. 

Als Petrus dann vor dem Hauptmann und vielen anderen predigt, drückt der Heilige Geist selbst sein Siegel auf das Geschehen — er gießt sich aus über alle Anwesenden, Juden und Nichtjuden, und die jüdischen Christen sind regelrecht entsetzt, weil auch die Nichtjuden in Zungen reden und in Verzückung geraten. 

Klarer Fall? Nein, noch nicht. Denn wie geht es weiter? Wie wird aus einem gläubigen Nichtjuden ein ordentlicher Christ? Petrus hat für sich die Aufgabe akzeptiert, Nichtjuden zu lehren. Viele aber sind der Meinung, dass aus den gläubig gewordenen Nichtjuden erst Juden werden müssten, damit sie Christen sein können. Beschneidung sei nötig und eine Übernahme der Speisegesetze. Das ist eine herbe Forderung — für erwachsene Männer war eine Beschneidung unter den damaligen Bedingungen lebensgefährlich. Einige Jahre später, auf einem Apostelkonzil, erklärt es Petrus schließlich öffentlich als ausreichend, dass die neuen Christen der Unzucht abschwören und recht wenige und sehr grundlegenden Einschränkungen der Speisekarte akzeptieren (Apg 15).  

Das ist Petrus nicht leicht gefallen. Seine Vision, der Sack voll unreinen Getiers, spricht eine deutliche Sprache. Aber er hat die Kröte geschluckt und den Sack in seine Obhut genommen. Und dem Christentum damit den langen Weg zu einer Weltreligion geöffnet. 

Heute sind die Christen in Deutschland und Europa in gewisser Weise auf dem Rückweg, einem Weg in die Diaspora. Aufhalten lässt sich dieser Vorgang nicht. Deshalb geht es darum, gut anzukommen in der Diaspora, als starke Gemeinde Gottes mit einem Auftrag in der Welt. Man kann von Petrus‘ Vision und ihren Folgen lernen — etwa, wenn es um die Einführung neuer, von manchen ungeliebter Gesangbücher geht, um alternative Liturgien, um die politische Ausrichtung der Kirche, um Mission und Gemeindereform. Die Frage muß immer lauten: Worauf kommt es an? Was ist christliche Identität? Was stützt die Botschaft und was nicht? Der Antwort muß sich alles andere unterordnen. Und ganz sicher muß die Gemeinde Gottes nicht jeden Waggon entern, der irgendwo herumsteht. 

Gott sei immer mit uns!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 13/2026

…und sind Viehhirten, denn es sind Leute, die mit Vieh umgehen; ihr kleines und großes Vieh und alles, was sie haben, haben sie mitgebracht.
Gen 46,32

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Unverhofftes Wiedersehen

Die Verhältnisse zwischen den Brüdern sind geklärt. Josef, der Ausgestoßene, den seine Brüder nach Ägypten verkauft hatten, ist dort zum mächtigen Vizekönig geworden. Die Versöhnung ist sehr schwierig und komplex, doch am Ende gelingt sie. 

Die Brüder sind als Bettler nach Ägypten gekommen, die Familie braucht eine Zukunft. Josef denkt nach: wie soll er seine Brüder beim Pharao einführen? Und er kommt zu einem eigentümlichen Ergebnis. Dies sind meine Brüder und Schwestern, will er sagen. Und dass sie Viehhirten seien, denn Viehhirten sind den Ägyptern ein Greuel. Der Pharao werde sie dann im Land Goschen wohnen lassen.

Wie soll man das verstehen? Zunächst einmal ist es schlicht die Wahrheit: Jakob und seine Söhne sind Viehhirten, auch Josef ist so aufgewachsen. Aber es ist eine wenig schmeichelhafte Wahrheit, die zu gesellschaftlicher Isolation führt. Als nomadisierende Viehhirten sind sie in Ägypten Menschen zweiter und dritter Klasse. Warum betont Josef diesen Punkt dezidiert?

Die Kommentatoren sind sich einig: Josef will, dass die Familie ihre Identität bewahrt und sich nicht vermischt mit den Ägyptern. Es geht um religiöse Identität — die Ägypter beten zu verschiedenen Göttern, und der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist nicht darunter. Josef kalkuliert, dass der Pharao den großen nomadisierenden Clan nicht in seinen Kernlanden wird siedeln lassen, sondern an der Peripherie, in einer Gegend, die sich für Viehzucht eignet. 

Und so kommt es. War es gut? Die Bibel meint: ja, denn die Söhne Israels wachsen heran zu dem Volk, das Gott sich erwählt hat. Aber die Hebräer sind Pariahs und in dieser Stellung gefangen. Zu den Ägyptern haben sie kaum Kontakt. Die Bibel ist realistisch. Was da heranwächst, ist ein Volk von Bausklaven. Und nur das direkte Eingreifen Gottes kann sie schließlich dort herausführen.

Das Wort „Hebräer“ lässt sich aus einer Wurzel ableiten, die „umherschweifen“, „herübergehen“ bedeutet, und viele Kommentatoren bringen es in Beziehung zu „hapiru“ ein Wort für rechtlose Menschen am Rande der Gesellschaft. Kann es richtig sein, auf die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten zu verzichten, die im Austausch mit der dominierenden Kultur liegen?

Man könnte Doktorarbeiten über diese Frage schreiben. Zum Glück habe ich das vor rund dreissig Jahren schon erledigt 🙂 Ja, wirklich, hier der Beweis. Ein Teil meiner Arbeit hat sich mit der Frage befasst, wie Verteilung und Wachstum in dualistischen Gesellschaften sich gegenseitig bedingen. In dualistischen Gesellschaften koexistieren Angehörige moderner und traditioneller Kulturen. Forcierte Kapitalakkumulation beschleunigt das Wachstum auf Kosten verstärkter Ungleichheit, ein klassischer Zielkonflikt in der Entwicklungspolitik.

Der Schlüssel ist soziale Integration und kulturelles Lernen. Kulturelles Lernen bewirkt Wachstum und verringert dabei Ungleichheit. Es ist ein Wachstumsmotor, der neue Ressourcen schafft, und es gleicht Lebenschancen verschiedener Gruppen einander an, langfristig wie kurzfristig. Josefs Sätze habe ich darum gelesen, als seien sie fett in roter Farbe gedruckt — ein unverhofftes Wiedersehen mit einer alten und für mich sehr wichtigen Frage. 

Die Stammväter kommen in Kontakt mit der höchstentwickelten Kultur ihrer Zeit weltweit. Was für eine Chance! Und hier werden die Bedingungen dieser Begegnung verhandelt. Wenn es ausschließlich darum geht, das Volk Gottes rein zu halten — das große Thema der Torah — dann mag es richtig sein, am Rand dieser Gesellschaft zu bleiben und auf ihre übervollen Möglichkeiten zu verzichten. In allen anderen Fällen ist es bedauerlich. Die europäische Geschichte handelt von Migrationsereignissen aller Art, und fast immer verschwinden ethnische Binnendifferenzierungen nach wenigen Generationen. Kulturelle Begegnung ist eine Chance. Im günstigen Fall setzen sich im Austausch die überlegenen Techniken, Routinen, Verhaltensmuster, Kommunikationswege durch, all das eben, was Kultur ausmacht. So hat die ganze Welt Ackerbau und Viehzucht gelernt, den Städtebau und arbeitsteiliges Wirtschaften. Was wäre Musik, wenn wir nicht voneinander lernen könnten? 

Wir werden alt und sterben, und allein dadurch gerät viel in Vergessenheit und verschwindet, ganz von selbst. Unsere Chance besteht darin, voneinander zu lernen. Unsere Identität, individuell wie kollektiv, bleibt davon nicht unberührt.

Josef, dem großen Träumer und Visionär ist zuzutrauen, dass er all dies gesehen und erwogen hat. Ein hoher Preis. Und seine Brüder haben ihn nicht gekannt.

Ich wünsche uns allen Gottes Segen im Austausch mit denen, die anderes kennen, wissen und verstehen als wir selbst.
Ulf von Kalckreuth


Anmerkung: Ich stelle eben fest, dass die im Netz verfügbare Fassung meines ausgekoppelten Diskussionspapiers zu sozialem Lernen in dualistischen Volkswirtschaften beschädigt ist, es fehlen alle Grafiken. Deshalb nutze ich die Gelegenheit, es hier noch einmal einzustellen: 

Ulf von Kalckreuth, Social learning in dualistic societies: Segregation, growth and distribution. Institut für Volkswirtschaftslehre und Statistik. Universität Mannheim, Discussion Paper No. 571-99, January 2000

Using a simple model of social learning, we endogenize growth and distribution in a dualistic developing society. For given parameters of the learning technology, a trade-off between growth and equity results. On the other hand, more intensive social interaction between agents will raise the growth rate and lower the income differential at the same time. The economic consequences of lacking social integration are sluggish growth and high inequality.

Bibelvers der Woche 35/2025

Der ganzen Gemeinde sei eine Satzung, euch sowohl als den Fremdlingen; eine ewige Satzung soll das sein euren Nachkommen, dass vor dem HErrn der Fremdling sei wie ihr.
Num 15,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Perfekte Nicht-Diskriminierung

Ein erstaunlicher Vers. In dem Abschnitt geht es eigentlich um ein Detail im Opferritus — wer ein Brandopfer bringt, soll dazu eine bestimmte Menge feines Mehl und Öl geben, abgestuft nach der Größe des Opfertiers. Das Opferfleisch diente zu großen Teilen der Ernährung der Priester, und da waren Mehl und Öl auch wichtig.

Diese Regel, so heißt es, gilt für einheimische Israeliten. Wenn aber ein Fremder bei ihnen wohnt und dem Herrn opfern will, so soll auch er es so halten. Das mag noch fiskalisch motiviert sein, auch die Fremdlinge sollen Mehl und Öl geben. Schließlich folgt ein dritter Schritt, völlig losgelöst vom Opfer: es soll überhaupt nicht unterschieden werden zwischen Einheimischen und Fremden. Das ist unser Vers. Ein perfektes Diskriminierungsverbot: alle Regeln gelten gleichermaßen für alle. Das wird mit einer Emphase ausgesprochen, die sich kaum steigern lässt. Oft geht das erste Testament so vom Konkreten zum Abstrakten. Hier ist der ganze Absatz (Vers 13-16):

Wer ein Einheimischer ist, der soll es so halten, wenn er dem HERRN opfern will ein Feueropfer zum lieblichen Geruch. Und wenn ein Fremdling bei euch wohnt oder unter euch bei euren Nachkommen lebt und will dem HERRN ein Feueropfer zum lieblichen Geruch darbringen, so soll er es halten wie ihr. Für die ganze Gemeinde gelte nur eine Satzung, für euch wie auch für die Fremdlinge. Eine ewige Satzung soll das sein für eure Nachkommen, dass vor dem HERRN der Fremdling sei wie ihr. Einerlei Gesetz, einerlei Recht soll gelten für euch und für den Fremdling, der bei euch wohnt.

Ich bin überrascht — diese Bestimmung kannte ich nicht. Im ersten Testament wird oft genug recht deutlich unterschieden zwischen Israeliten und Fremden. So dürfen Hebräer unter Volksgenossen keine Sklaven nehmen, unter Nicht-Israeliten sehr wohl. Und es gibt strenge Regeln hinsichtlich Heirat und Erbe. 

Man muß den Vers zweimal lesen. Perfekte Nicht-Diskriminierung, ohne jede Ausnahme. Wie gut passt das zu Israel heute, wie gut zu seiner von religiös-orthodoxen Parteien energetisierten Politik hinsichtlich der Palästinenser in Gaza und im Westjordanland? Heute, am Mittwoch, den 20.08.2025 lese ich auf Seite 1 meiner Zeitung, dass vom israelischen Parlament der Bau einer großen Siedlung genehmigt wurde, die das Westjordanland in zwei Hälften zerschneiden wird. Außerdem ist die militärische Eroberung von Gaza-Stadt beschlossen. 60.000 Reservisten werden dafür neu eingezogen, der Dienst von 20.000 Reservisten wird verlängert. 

Und die Christen, z.B. in den USA und Europa?

…eine ewige Satzung soll das sein euren Nachkommen, dass vor dem HErrn der Fremdling sei wie ihr.

Da klingt eine Melodie auf, wie Frieden und Gerechtigkeit. Nicht leise, sondern laut. Das Gebot bindet auch Fremdlinge, für sie gibt es ebensowenig Sonderrechte wie für Einheimische. Wie steht es damit bei uns? 

Das Wort ‚Fremdling‘ gilt hierzulande heute als politisch inkorrekt, ebenso wie ‚Flüchtling‘. Warum eigentlich? Es könnte abwertend sein, wird gesagt. Interessant. Und auch sehr bequem — wie lässt sich Diskriminierung feststellen, wenn Unterschiede sprachlich nicht zugelassen sind? So segne uns Gott und behüte uns. Und den Fremdling, der bei uns wohnt.
Ulf von Kalckreuth 

P.S. Auf meine Frage bekam ich schnell eine Antwort, gleich am Tag danach. Derzeit findet im Frankfurter Grüneburgpark das ‚System Change Camp‘ statt, wo sich zehn Tage lang rund 1000 linksdrehende, meist junge Menschen aus ganz Deutschland treffen, die die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Jeden Tag fahre ich zweimal vorbei, und manchmal gucke ich auch herein. Es ist eine für mich recht weit entfernte, exotische Welt, aber ich will sehen und lernen. Fremde nennt man im Aktivistencamp ‚migrantisch gelesene Personen‘. Der Sprechende erlaubt sich dabei kein Urteil, ob die so angesprochene Person zugewandert ist oder nicht, es wird statt dessen festgestellt, dass sie als Migrant oder Migrantin wahrgenommen wird — noch genauer: sie wird so ‚gelesen‘. Beim Lesen wird die Wahrnehmung aktiv vom Betrachter selbst erzeugt, geht also nicht vom Betrachteten aus. 

Echt jetzt? Bleibt zu hoffen, dass die als migrantisch gelesenen Personen verstehen, wenn über sie gesprochen wird. Wie schön ist da die klare Sprache der Bibel!

Bibelvers der Woche 12/2025

…und sprachen zu ihnen: Ihr sollt die Gefangenen nicht hereinbringen; denn ihr gedenkt nur, Schuld vor dem HErrn über uns zu bringen, auf dass ihr unsrer Sünden und Schuld desto mehr macht; denn es ist schon der Schuld zu viel und der Zorn über Israel ergrimmt.
2 Chr 28,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Stufen

König Asaf von Juda, dem Südreich, hat den Krieg verloren. Und wie! Im Kampf gegen das Nordreich Israel fielen 120.000 seiner Männer — an einem einzigen Tag! Und die Armee des feindlichen Brudervolks führt 200.000 Frauen, Jugendliche und Kinder aus Juda in die Gefangenschaft nach Samaria fort. So berichtet es der Text.

Das sind gewaltige Zahlen. Juda war ein kleines, eisenzeitliches Land in den Bergen. Zum Vergleich: In Stalingrad waren rund 200.000 deutsche Soldaten eingekesselt, von denen etwa 30.000 überlebten. Die anderen starben: in Kampfhandlungen, an Hunger, an Krankheiten oder recht bald nach ihrer Gefangennahme. Die Katastrophe zog sich hin über viele Monate. „Stalingrad“ ereignete sich nicht an einem einzigen Tag.

Man muß die biblischen Zahlen nicht wörtlich nehmen, gemeint ist wohl eine „Unzahl“. Eine Unzahl Gefangener also hatte der israelische König Pekach in Juda gemacht und nun machte er sich daran, sie nach Samaria zu führen, seiner Hauptstadt. So war es üblich. Die Gefangenen erwartete ein hartes Schicksal als Sklaven.

Aber es geschieht etwas Überraschendes. Oded, ein Prophet, geht dem Heer Pekachs entgegen und sagt den Führern, dass sie sich schuldig machen vor Gott. Bei den Judäern handelte es sich zwar um ein anderes Volk, aber doch um ein verwandtes, und um Glaubensbrüder dazu. Der Prophet appelliert an das Gewissen der Entscheidungsträger im Nordreich Israel — und diese fügen sich! Sie lassen die Gefangenen frei, geben ihnen Kleidung und Nahrung, und wo sie krank sind, werden sie behandelt und gepflegt, damit sie den Heimweg antreten können. 

Ein rundherum erstaunliches, fast wunderbares Ereignis, gerade auch, wenn man an Stalingrad denkt. 

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Es sind ursprünglich nicht Worte Jesu, der Satz findet sich schon in der Thora. Aber wer ist dein Nächster? Jesus antwortet auf diese Frage mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Gemeint waren ursprünglich die Angehörigen der eigenen Sippe und des eigenen Stammes. Die Stelle lautet vollständig (Lev 19, 17-18) : Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR. Feinde waren jedenfalls nicht gemeint, auch nicht solche verwandter Völker. In Richter 19f wird erzählt, wie elf der Stämme Israels über den zwölften und kleinsten erbarmungslos herfallen, aus Rache über einen Sexualmord. 

Aber hier, in unserem Vers, kippt das Liebesgebot der Thora sichtbar ins Allgemeinere. Auch Feinde sind einbezogen. Die Sieger üben hier nicht nur Verzicht auf ihre Beute, sie wenden gar erhebliche eigene Ressourcen auf, um den Besiegten das Weiterleben zu ermöglichen. Meine Großmutter hat uns immer wieder von den amerikanischen CARE-Paketen erzählt, die ihr und ihrer kleinen Familie nach dem Krieg das Weiterleben in der ausgebombten Stadt Essen ermöglicht haben.

Bis zum verallgemeinerten Gebot der Nächsten- und Feindesliebe ist die Bibel einen weiten Weg gegangen, und man kann ihr „buchstäblich“ dabei zusehen.

Herr, hilf uns dabei, unseren Nächsten zu lieben. Lass uns erkennen, dass manchmal gerade die Feinde uns am allernächsten sind — wenn sie hilflos sind, wenn nur wir noch helfen können. Gib diese Kraft uns allen, auch der Regierung des heutigen Israel.

Damit Gaza nicht endet wie Stalingrad…!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 15/2024

Und es wurden gefunden unter den Kindern der Priestern, die fremde Weiber genommen hatten, nämlich unter den Kindern Jesuas, des Sohnes Jozadaks, und seinen Brüdern Maaseja, Elieser, Jarib und Gedalja
Esr 10,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Unterscheidungen und Unterschiede

Nach dem Ende des babylonischen Exils, als viele Einwohner Jerusalems in ihre Heimat zurückgekehrten, wurde der Aufbau eines zweiten Tempels in Angriff genommen. Schließlich wird er eingeweiht. Ein Gott, ein Volk, ein Tempel — dies ist wieder in greifbarer Nähe. Aber Esra, der Hohepriester, sieht eine große Gefahr. Viele der Zurückgekehrten hatten in der Fremde nichtjüdische Frauen geheiratet und Kinder mit ihnen gezeugt. Esra  setzt durch, dass diese sich von ihren Kindern und ihren Nachkommen trennen. Im Vers der Woche werden die Priesterfamilien genannt, in denen sich ausländische Frauen finden. Vor einigen Jahren, in Woche 02/2018, haben wir Esr 10, 24 gezogen, einen analogen Vers, der sich auf Türhüter bezog.

Es ist eine erbarmungswürdige Szene: im strömenden Regen versammeln sich alle Männer in Jerusalem und müssen geloben, sich von ihren Frauen und Kindern zu trennen, wenn diese nicht dem Volk angehören. Die schwierigen Einzelheiten werden von den Sippenältesten geregelt, getrennt nach Tempeldienern — Priestern, Sängern, Türhütern — und den übrigen Israeliten. 

Es wird uns nicht mitgeteilt, was mit Männern geschieht, die sich weigern. Jedenfalls hatten sie kein Recht, den ihrer Familie zustehenden Platz in der sich neu formierenden Gesellschaft einzunehmen, zum Beispiel als Priester, siehe den BdW 34/2023. Welchen Platz gab es für sie? Auch wird nicht gesagt, was mit den Frauen und Kindern derjenigen geschieht, die Esras Aufruf gehorchen. Die Torah sieht vor, dass geschiedene Frauen einen Scheidebrief erhalten und zu ihrer Familie zurückkehren. Wenn es denn eine gibt, so weit entfernt von Babylon. Die Kinder gehören dem Volk nicht an. Sie können versklavt werden, siehe Lev 25,45, und den BdW 15/2018. Das mutet heute schlicht absurd an. 

Die Bibel gibt Unterscheidungen großes Gewicht. Die Schöpfung Gottes besteht im Kern darin, Dinge zu trennen und damit kenntlich zu machen, die vorher unterschiedslos waren: Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Wasser und Land, Mann und Frau, Gut und Böse. Das war Thema in den Versen der Woche 09/2023. und 29/2020. Unterscheidungen aber führen zu Unterschieden, und Unterschiede sind angreifbar und potentiell ungerecht. Wir ebnen lieber ein. Im Zweifel sagen wir, dass Unterscheidungen keine objektive Realität zukomme, sie vielmehr soziale Konstrukte seien. 

Überraschenderweise ist das immer wahr. Unterscheidungen gibt es nicht in der Natur, nur im Kopf und in der Sprachgemeinschaft, und Sprache ist in der Tat ein soziales Konstrukt. Aber sollten wir deshalb keine Unterscheidungen treffen? Was tun wir ohne Kategorien? Zurück in die Begrifflosigkeit? Was hätten Platon, Aristoteles, Hegel, Marx und Rosa Luxemburg zu den Diskussionen gesagt, die wir über Geschlechtsidentitäten führen? Auch hier gibt es eine Grenze zum Absurden.

Beide Pole lassen frösteln. Der Herr helfe uns, die Unterscheidungen zu treffen, die dem Leben dienen. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 25/2023

Sie aber sprachen: Geh hinweg! und sprachen auch: Du bist der einzige Fremdling hier und willst regieren? Wohlan, wir wollen dich übler plagen denn jene. Und sie drangen hart auf den Mann Lot. Und da sie hinzuliefen und wollten die Tür aufbrechen,…
Gen 19,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Gut und Böse — und jenseits davon

… griffen die Männer hinaus und zogen Lot hinein zu sich ins Haus und schlossen die Tür zu. Und die Männer vor der Tür am Hause wurden mit Blindheit geschlagen, klein und groß, bis sie müde wurden und die Tür nicht finden konnten.

So geht der angefangene Satz zu Ende. Die Lage ist hochdramatisch. Zwei Engel Gottes kommen nach Sodom, um zu schauen, ob es nicht doch Gerechte gibt in der Stadt, die der Herr zu vernichten gedenkt. Lot, der Neffe Abrahams, lädt die Engel in sein Haus — ohne zu wissen, wen er da beherbergt –, und ALLE Einwohner Sodoms, ohne Ausnahme, kommen, und umringen das Haus. Sie verlangen von Lot die Herausgabe der beiden Gäste, um sie sexuell mißbrauchen zu können. Das verstößt gleichzeitig gegen das Gastrecht und gegen sexuellen Normen zu Homosexualität und Vergewaltigung und verletzt obendrein die Heiligkeit der Boten Gottes. Die Wahrheit, die abgrundtief böse Haltung der Bewohner, liegt glasklar offen. Die Engel brauchen nicht weiter nach Gerechten zu suchen. Sie können zur Tat schreiten: die Rettung Lots und seiner Familie und die Vernichtung der Stadt. 

Ich habe zu den Versen dieses Abschnittes bei früherer Gelegenheit schon geschrieben, siehe den BdW 05/2021. Die Betrachtung zum strafenden Gott brauche ich nicht zu wiederholen. Mir fällt indes auf, das zwar der Angriff der Sodomiten auf die Engel und Lot die Frage nach der Gerechtigkeit der Stadtbewohner eindeutig und letztgültig klärt, was aber Lot betrifft, gilt das nicht. Die Gäste stehen unter Lots Schutz. Die Forderung der Sodomiten ist ihm vollkommen unerträglich, und er bietet den Anwohnern seine beiden Töchter statt der Gäste zur Massenvergewaltigung an. Hier der Text, der unserem Bibelvers unmittelbar vorangeht:

Lot ging heraus zu ihnen vor die Tür und schloss die Tür hinter sich zu und sprach: Ach, liebe Brüder, tut nicht so übel! Siehe, ich habe zwei Töchter, die wissen noch von keinem Manne; die will ich herausgeben unter euch und tut mit ihnen, was euch gefällt; aber diesen Männern tut nichts, denn darum sind sie unter den Schatten meines Dachs gekommen. (Gen 19,6-8)

Mit diesem erstaunlichen Angebot verletzt er seinerseits Schutzpflichten, die noch höher stehen als das Gastrecht. Warum tut er das? Will er recht behalten? 

Lot und seine Töchter werden gerettet. Die Töchter aber haben das Angebot des Vaters nicht vergessen. Sie setzen ihn unter Alkohol und in aufeinanderfolgenden Nächten schänden die beiden Frauen ihren Vater abwechselnd, systematisch und planvoll. Daraus entstehen Lot und seinen Töchtern gar männliche Nachkommen, die Stammväter der verhassten Moabiter und Ammoniter. 

Sie sind nicht glasklar „gut“, Lot und seine Familie, alles andere als das. Sie sind ambivalent, wie wirkliche Menschen, und am Ende sind sie moralisch erledigt. Beim Lesen ist man froh, die Szene verlassen zu dürfen. Und doch werden sie gerettet. Hierin liegt vielleicht, im Schmutze hell glänzend, ein Stück Frohe Botschaft?

Es ist kaum zu fassen. Gestern suchte ich in einem alten Notizbuch nach einer Adresse, und fand dabei die Skizze für ein Gedicht über Lot, das ich völlig vergessen hatte. Ich habe nur noch ein wenig daran gefeilt, hier also ist die Erstveröffentlichung:

Lot

Ganz unten:
Verloren sind Herden und Reichtum, 
Verloren sind Heimat und Frau.
Volltrunken im Erbrochnen, auf der Höhle Boden,
von den Töchtern furchtbar mißbraucht!

Doch auch: 
Vater von Völkern,
Vater von Israels König,
Vater des Königs der Welt -- 
Doch auch!

Ulf von Kalckreuth, 16. Juni 2023

Wieder diese Ambivalenz, auch bei der Rettung. So wie Lot möchte man nicht allzu oft gerettet werden. Aber aus dem Schmutz geht er in den Heilsplan ein. Wieviel von ihm steckt in jedem von uns?

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 47/2022

Die Kinder der Knechte Salomos waren: die Kinder Sotai, die Kinder Sophereth, die Kinder Perida,…
Neh 7,57

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Nachfahren versklavter Kriegsgefangener

Die judäische Gesellschaft konstituiert sich nach der Zeit des erzwungenen Exils in Babylon neu, und auch ein Tempel soll gebaut werden. Wer soll dazugehören? Wer kann Dienst im Tempel tun? Siehe den BdW 20/2020 zu einer Parallelstelle in Esra.

Im Alten Testament sind solche Fragen fast immer wie folgt geregelt: du gehörst dazu, wenn deine Eltern dazugehören. So definierte sich Volkszugehörigkeit, und so bestimmt die Halacha noch heute, ob jemand Jude ist oder nicht. Und auch hier: die Angehörigen der drei genannten Sippen dürfen im Tempel Dienst tun, weil ihre Vorfahren es auch schon getan haben, sie sind die „Kinder der Knechte Salomons“. 

Hier wird es spannend: Wenn in der Bibel von „Knechten“ die Rede ist, kann man „Sklaven“ setzen — die Lutherbibel 1984 tut dies im Unterschied zur Übersetzung 2017 konsequent. Salomo setzte für den Tempelbau in umfangreichem Maße ausländische Zwangsarbeiter ein, israelitische Volksangehörige waren von Zwangsarbeit ausdrücklich ausgenommen, siehe 1. Kö 9,20-22. Einige von ihnen wurden dauerhaft für den Tempeldienst rekrutiert — nicht als Sänger oder Priester, sondern wohl als Arbeiter. Ursprünglich gehörten sie gerade nicht dazu!

Zwischen der goldenen Zeit Salomos und der schwierigen Rückkehr der Judäer aus dem babylonischen Exil liegen fast sechshundert Jahre. Die „Knechte Salomos“ waren längst durch Beschneidung zum Judentum übergetreten. Als nun gefragt wird, wer unter den Zurückkgekehrten für den Tempeldienst geeignet ist, bestehen sie die Prüfung; man weiss, wer sie sind. Andere, deren Vorfahren vermutlich Priester waren, können ihre Credentials weniger gut belegen und bleiben aussen vor, siehe wieder BdW 20/2020

Nachfahren versklavter Kriegsgefangener… davon gibt es vielleicht sehr viele auf der Welt. Wie fühlt es sich an, wenn diese Vergangenheit noch nach Jahrhunderten den Platz in der Gesellschaft definiert? 

Es geht um Identität. Identität gibt es nicht umsonst. Die Nachfahren der versklavten Kriegsgegner wissen um ihre Vergangenheit und ihr soziales Umfeld auch. Dasjenige, was uns heute als gefestigte Diskriminierung erschiene, dient hier zum Erweis der Zugehörigkeit. Das hat etwas Folgerichtiges: wie können wir dazugehören ohne Identität? Und setzt uns Identität nicht immer auch ab von anderen? Als Jesus vom Himmelreich spricht, sagt er, dass die letzten die ersten sein werden. Hier geht es „nur“ um den Tempeldienst, aber vielleicht passt das Jesuswort trotzdem.

Food for thought…

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 29/2022

Und der König fand sie in allen Sachen, die er sie fragte, zehnmal klüger und verständiger denn alle Sternseher und Weisen in seinem ganzen Reich.
Dan 1,20

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Assimilation und Integration

Schabbat schalom! Diese Betrachtung ist meinem Freund Dani gewidmet. Er hat mir die einfache Methode erklärt, mit der er in der Fremde die jüdischen Speisevorschriften einigermaßen halten kann und dabei aktionsfähig bleibt. Von Georgien kam er als Student in die USA. Dort gab er seine jüdische Identität nicht auf, sondern nutzte im Gegenteil die neuen Chancen, sie zu entwickeln. Heute lebt er in Israel. Und zufällig heißt er wie der Held unseres Verses.

Worum geht es? Vier Jugendliche, darunter der Prophet Daniel, werden verschleppt, von ihrer Heimat im königlichen Palast in Jerusalem in die mehrere tausend Kilometer entfernte Hauptstadt des Imperiums. Nebukadnezar, Herrscher von Babylon, will sein riesiges Reich zusammenzuhalten. Er kann es nicht zentral regieren, dafür ist die Hauptstadt zu weit entfernt von der Peripherie. Er braucht funktionsfähige Vasallenstaaten, mit einer Führungsschicht, die ihm treu ergeben ist. 

Und so „importiert“ er Knaben aus der Führungschicht des eroberten Landes, um sie zu Babyloniern zu erziehen. Sie sollen alles lernen, was adelige babylonische Kinder lernen und ihre Lebensart annehmen.

Vom Rand der Welt in ihr Zentrum. Einen fortschrittlicheren Ort als Babylon gibt es zu dieser Zeit nicht — Macht, Wissenschaft, Kultur sind dort zuhaus. Eine gewaltige Verlockung. Es ist so, als seien die vier nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von Tiflis nach Boston gelangt. Eine Einladung zur Assimilation. Mehr als das, es ist sanfter Zwang. Die vier sollen auch die Speisen der Babylonier essen, von der Tafel des Königs. Die jüdischen Speisevorschriften verbieten das jedoch. Und so bittet Daniel ihren Mentor, den Kämmerer Aschpenas, sie mit Gemüse zu verköstigen. Fleisch und Milchprodukte nach jüdischen Regeln richtig zuzubereiten ist schwierig und kompliziert, und im Einzelfall hätten die vier die Regeln nicht einmal genau gekannt. Aber mit Gemüse kann man nicht viel falsch machen. Mein Freund Dani macht es genauso.

Aschpenas hat Angst. Er hat strikte Anweisung, dass die Kinder nur das beste Essen erhalten, und er sorgt sich, dass die frugale Kost seine Schützlinge blass und mager aussehen lassen könnte. Und so gibt es ein Experiment: Daniel schlägt Aschpenas vor, er möge es zehn Tage lang probieren und dann nach dem Ergebnis entscheiden. Aschpenas lässt sich darauf ein. Die nunmehr vegan (und koscher!) ernährten Knaben blühen regelrecht auf. Und es fällt ihnen viel leichter, schwierige Texte aufzunehmen. Als der König sie schließlich examiniert, ist das Ergebnis verblüffend —  „zehnmal klüger und verständiger denn alle Sternseher und Weisen in seinem ganzen Reich“!

Gott ist mit denen, die mit ihm sind. Vegane Ernährung sichert das Abitur…! Und sonst?

Nebukadnezar verlangt Assimilation. Die vier leisten statt dessen Integration: sie fügen sich erfolgreich in die Wirtsgesellschaft ein, behalten aber ihre kulturelle Identität. Daniel steht vor einer brillianten Karriere. Sie wird ihn zum Großwesir machen, zum Verweser des riesigen Reichs. Alles, was er dabei braucht, lernt er in Babylon, und doch macht er diese Karriere als Jude. Am Ende steht ein scheinbar unauflösbarer Konflikt, ein Konflikt, der ihn und seine Freunde in den Feuerofen führt — und wieder hinaus. Aber das ist eine andere Geschichte, siehe den BdW 31/2018.

Uns allen, besonders aber Dani, wünsche ich eine gesegnete Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 28/2022

…und sprach weiter: Gelobt sei der HErr, der Gott Sems; und Kanaan sei sein Knecht!
Gen 9,26

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Ex unum, pluribus!

Ein schwieriger Vers, Sie werden gleich sehen, warum. Nur vier Männer gab es noch auf der Welt: Noah, und seine Söhne Sem, Ham und Japhet. Von diesen drei Söhnen und ihren Frauen stammen wir alle ab, sagt die Bibel. Ham vergeht sich gegen seinen Vater Noah und wird in seinem Segen nicht berücksichtigt. Hams Sohn Kanaan, Stammvater der nichtisraelitischen Ureinwohner des gelobten Landes, wird verflucht und zum Sklaven Sems erklärt, dem Stammvater Abrahams und der Israeliten! Dabei wird Gott der Herr explizit als „Gott Sems“ bezeichnet. Aber auch der Sklave Japhets soll Kanaan sein.

In der Bibel wird die Identität von Völkern und ihre Verwandtschaften untereinander konsequent auf die Identität von Gründervätern und ihre Verwandtschaften zurückgeführt. Völker werden mit den Namen ihrer Stammväter belegt, z.B. Israel, Edom, Ammon, ganz so, als handele es sich um Personen. Gelegentlich wird der Unterschied von Person und Volk durch die Beifügung des Worts „Kinder“ bezeichnet — Kinder Israel, Kinder Edom, Kinder Ammon. Konsequent werden in Gen 9 und 10 Völker und Völkergruppen als Nachkommen dieser drei Söhne Noahs identifiziert. Diesen Zusammenhang bezeichnet man als „Völkertafel“, hier ist ein Link zum Wikipedia-Artikel.

Bis heute hat dieser Wurf als Anregung zur Bildung großer Kategorien gebildet. Im Mittelalter gruppierte man so die Bewohner der drei klassischen Kontinente: die Asiaten als Nachkommen Sems, die Europäer als Nachkommen Japhets und die Afrikaner als Nachkommen Hams. So habe ich es selbst von meiner Großmutter gelernt, und auch im Religionsunterricht der katholischen Konfessionsschule, die ich als Kind besuchte. Mit der Völkertafel in der Bibel stimmt diese Charakterisierung der Kontinente im einzelnen nicht überein, ebensowenig wie die Bezeichnungen großer Sprachfamilien (semitische, hamitische Sprachen), die man im neunzehnten Jahrhundert fand, als man begann, die Bildungsgesetze hinter den Sprachen zu verstehen.

Auch Rassisten nutzten die Kategorien, die die Bibel hier anbot. In Nordamerika half die Geschichte rund um den gezogenen Vers, die Sklaverei zu begründen: sie schafft eine Unterordnung Hams (der Afrikaner) unter die hellhäutigen Nachkommen Sems und Japhets. Und nationalsozialistische Rassenideologen und ihre Vorgänger sprachen dann von „Semiten“ als einer real existierenden biologischen Einheit, der sie spezifische Attribute beilegten. 

Diese Rezeptionsgeschichte ist durchaus häßlich. Und man muß wohl feststellen, dass eine solche Nutzung im biblischen Text angelegt ist. Er begründet zwar keine biologische Überlegenheit — diese Vorstellung ist der Bibel fremd — aber ein göttliches Recht hinter der Landnahme der Israeliten. Die Verheissung an Abraham, Isaak und Jakob (Israel) konkretisiert dies Recht. Es erlaubt den Kindern Israel, die Kinder Kanaan im Gelobten Land zu vernichten und zu unterdrücken. 

Was ich dagegen liebe und bewundere, ist die Art und Weise, wie Genesis die Entfaltung der Welt erzählt. Genesis schreitet von der Einheit in die Vielheit vor, und erklärt die Vielheit konsequent mit Brüchen in der ursprünglichen Einheit. Es erinnert mich daran, wie die moderne Kosmologie die „heisse Anfangsphase“ unseres Universums beschreibt. Aus einer unteilbaren und strukturlosen Singularität in Raum und Zeit entstehen zunächst Kernteilchen: Quarks, Protonen und Neutronen, dann leichte Atomkerne. Erst 300.000 Jahre später entkoppeln sich Strahlung und Materie. Hundert Millionen Jahre darauf bilden sich die Kerne erster Galaxien.  Ausdifferenzierung als Prinzip der Schöpfung. 

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche!
OUlf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 33/2021

…darum habe ich auch mich selbst nicht würdig geachtet, dass ich zu dir käme; sondern sprich ein Wort, so wird mein Knecht gesund.
Luk 7,7

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Von ‚Abstandsregeln‘ und ihrer Überwindung

Der Hauptmann von Kapernaum, ein römischer Zenturio, bittet Jesus, seinen Knecht zu heilen, den er sehr liebt. Als Jesus in die Nähe des Hauses kommt, bittet er ihn ausserdem, nicht näherzutreten, sondern die Heilung aus der Entfernung zu bewirken, nur durch sein Wort.

Die Geschichte wird in Matthäus 8 und in Lukas 7 erzählt. Der parallele Vers aus Matthäus ist eine wichtige Formel in der katholischen Abendmahlsliturgie. Bei Lukas tritt das Motiv des Abstands viel deutlicher hervor. Hier bittet der Hauptmann nicht selbst, sondern lässt jüdische Freunde, Älteste in der Gemeinde, ein Wort für ihn einlegen. Die haben guten Grund, der Bitte Folge zu leisten: der Hauptmann hatte den Bau der Synagoge in Kapernaum finanziert. Jesus selbst hat dort schon gepredigt. Und als Jesus in die Nähe des Hauses kommt, spricht wiederum nicht der Hauptmann selbst ihn an. Er schickt vielmehr Freunde, die Jesus bitten, die Heilung aus der Ferne zu bewirken. Diesen Inhalt trägt unser Vers.

Der Hauptmann ist Zenturio, Chef einer Garnison der verhassten römischen Besatzungsmacht. Ihm sind selbst Beschränkungen im Umgang mit der einheimischen Bevölkerung auferlegt — wie in jeder Besatzungssituation gab es in der römischen Armee Fraternisierungsverbote. Aber das Problem ist wechselseitig: Juden durften nur sehr eingeschränkt Umgang mit Menschen haben, die nicht dem jüdischen Volk angehörten. Dabei galt der Umgang mit den römischen Besatzern in besonderer Weise als unmoralisch, schlimmer noch als der Kontakt mit Prostitutierten, Zöllnern und Dieben, die dem eigenen Volk angehörten.  

Für den Zenturio war dies zum Trauma geworden. Er „liebte“ die jüdische Gemeinde, schreibt Lukas. Der Zenturio war Proselyt, ein Mensch, der den Gott der Hebräer als seinen Gott anerkannte, ohne selbst Jude zu sein und ohne vollgültig der Gemeinde angehören zu können — und dies, obwohl er ihren Versammlungsort finanziert hatte. Er dürfte seine Erfahrungen mit religiösen Lehrern gemacht haben. Auch heute behandeln ultraorthodoxe Juden in Israel Andersgläubige gelegentlich mit ablehnender Indifferenz. Das kann verletzend sein, und diese Art Verletzung kann sich der Führer der Kommandantur am See Genezareth nicht leisten, auch aus politischen Gründen nicht. 

In seiner Verzweiflung versucht der Hauptmann die Quadratur des Kreises. Er bittet Jesus, an dessen Wirkmacht er glaubt, um Hilfe, und gleichzeitig um sicheren Abstand. Er selbst macht es vor: Älteste der jüdischen Gemeinde bitten für ihn, und dann Freunde. Jesus soll den Knecht aus der Entfernung heilen!

Sonst heilt Jesus mit körperlichem Kontakt. An dieser Stelle könnte die Handlung aus mehreren Gründen kippen. Der Hauptmann geht sehr weit, indem er Jesus sagt, wie dieser die erbetene Hilfe zu leisten hat. Ausserdem hat Jesus selbst sich um ‚Abstandsregeln‘ nie gekümmert und durch seinen unterschiedslosen Umgang mit Prostituierten, Zöllnern und anderen Sündern viel Anstoß erregt. Mit der Frage, warum denn der Zenturio es nicht ebenso halte, könnte er die Bitte mit einer klaren Botschaft abweisen. Stünde die Geschichte so im Evangelium, würde es nicht auffallen.

Aber frei wählt Jesus eine andere Interpretation. Er sieht die Not des Hauptmanns und erkennt, dass dieser das Unmögliche versucht. Jesus staunt, schreibt Lukas! Und er sagt laut: Ja, du hast recht, das Unmögliche ist möglich. Und genau darauf kommt es an. Dein erstaunlicher Glaube ist besser und tiefer als derjenige der rechtgläubigen Umstehenden. Und dann bewirkt er die Heilung, ganz genau so, wie der Hauptmann sie sich wünscht. 

Später, lange nach Jesu Tod, verbreitete seine Lehre sich besonders schnell und leicht unter den Proselyten der griechisch-römischen Welt. In gewisser Weise war der Hauptmann von Kapernaum der erste von vielen. Unten sind zwei Bilder, von den Resten des Fischerdorfs Kapernaum und vom See Genezareth. Es war Anfang April 2017. Bei diesem Licht fällt es leichter als anderswo, das Unmögliche für möglich zu halten! 

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche, 
Ulf von Kalckreuth