Aber Zedekia ließ er die Augen ausstechen und ihn in Ketten binden, dass er ihn gen Babel führte.
Jer 39,7
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Gott hilft — unter allen Umständen?
Hier, mit unserem Vers, ist alles vorbei. Nach langem Kampf, der am Ende sinnlos wurde, ist die Niederlage endgültig, das Reich und die Stadt zerstört, der König geblendet.
Hier kulminieren die vielen Stränge des Jeremiabuchs. Es ist eine Auseinandersetzung des Propheten mit der „herrschenden Meinung“, der Meinung der Herrschenden, repräsentiert durch König Zedekia. Dieser war ursprünglich von Nebukadnezar, König des babylonischen Großreichs, als Vasall eingesetzt. Nun wollte er eine vermeintliche Schwäche des Riesenreichs nutzen und sich selbständig machen. Er stellte die Tributzahlungen ein.
Als Nebukadnezar daraufhin mit einer riesigen Armee anrückte, die Städte Judas eine nach der anderen eroberte und Jerusalem belagerte, wähnten er und seine Generäle sich im Besitz einer Superkraft: Gottes Schutz und Hilfe. In der Theologie gibt es einen Namen dafür: Zionsdogma. Gott wird sein Volk immer und unter allen Umständen schützen, glaubte man. Die Vorstellung ist in vielen Psalmen verankert. Man konnte sich auf frühere Erfahrungen stützen: Jesaja berichtet, dass die assyrischen Eroberer bei erdrückender Übermacht plötzlich abziehen mußten.
Jeremia warnt früh, dass Gott die Stadt zerstören könnte. Anfangs als Ruf zur Umkehr. Später, als der Ring sich enger und enger schloß und Jeremia selbst als innerer Feind behandelt wurde, predigt er, dass der König den sinnlosen Kampf aufgeben müsse, um sich und das Volk zu retten.
Mit dem Zionsdogma setzt sich Jeremia öffentlich in seiner Tempelrede auseinander. „Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel!“, Jer 7,4. Dieser dreifache Ruf war eine Art magischer Schutzspruch. Die Menschen glaubten, dass Gott nicht zulassen könnte, dass sein „Haus“ von den Babyloniern zerstört würde. Jeremia wurde daher gefangengenommen und beinahe getötet (Jer 26).
Schutz und Hilfe des Herrn sind nicht bedingungslos. Jeremia weist mit zunehmender Verzweiflung darauf hin, dass zu einem Bund zwei gehören. Das Volk muß sich als Gottes Volk verstehen und verhalten, um als Gottes Volk behandelt zu werden. Jer 26 berichtet von einem Showdown mit dem Propheten Hanania: Dieser verspricht den Sieg durch Gottes Hilfe innerhalb von zwei Jahren. Auf offener Bühne sprechen beide Propheten sich wechselseitig ab, vom Herrn gesandt zu sein. Das ist massiv, denn für falsche Propheten sieht das mosaische Gesetz die Todesstrafe vor. Hanania stirbt kurze Zeit später.
Kurz vor dem Untergang rät Jeremia dem König in einer geheimen Audienz, er möge den Kampf aufgeben, und er werde überleben. Zedekia gesteht seine große Angst vor den Babyloniern und lässt den Kampf fortsetzen — bis zu dem Ende, das unser Vers markiert.
Was hat er falsch gemacht? Sein magisch gefärbter Glaube hat in der biblischen Geschichte viele Vorbilder, siehe den BdW 43/2025. Wer kann sich auf Gottes wunderbare Hilfe verlassen, wer nicht? Jeremia sagt, Volk und König hätten die Geschäftsgrundlage verlassen. Aber so argumentieren auch die Freunde Hiobs, und sie liegen falsch: Hiobs Existenz wird vernichtet, obwohl er gerecht ist.
Wird Gott uns immer schützen und bewahren, wenn wir seinen Willen tun?
Auf dieser Welt vielleicht nicht — nicht immer jedenfalls. Das lehrt uns der Tod so vieler Märtyrer. Und auch das Leben Jesu selbst. Nachts, im Garten Gethsemane, bittet er in Todesangst den Herrn um Verschonung. Den Foltertod erleidet er dennoch.
Es muß einen übergeordneten Zusammenhang geben, denke ich, in dem die Treue zum Herrn ihren Sinn erfüllt. Eine unsichtbare Welt, in der das, was wir tun, einen Unterschied macht. Von uns wird verlangt, in Treue fest zu bleiben im Vertrauen auf eine Welt, die wir nicht sehen. Eine unglaubliche Zumutung, wenn man es bedenkt.
Vielleicht mag ein Zeichen darin liegen, dass Zedekias Blendung, die Zerstörung der Stadt und des Tempels, die Vernichtung des Staatswesens und die Verbannung der Elite tatsächlich nicht das Ende waren. Die Geschichte des Volks Gottes ging weiter. Bis heute, 2500 Jahre lang.
Und da ist noch etwas. Gerade sehe ich auf dem Schreibtisch meiner Frau zufällig einen Spruch, er steht auf ihrer Urkunde zum 25. Dienstjubiläum:
Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte, und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun. Ps 73,28
Der Sinn unseres Tun im Herrn liegt in sich selbst, steht da geschrieben, nicht wahr?
Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth
