Bibelvers der Woche 36/2022

So höret nun und merket auf und trotzt nicht; denn der HErr hat’s geredet.
Jer 13,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Subway wall

Was hat der Herr geredet? Jeremia erzählt erst von einer Zeichenhandlung. Auf Weisung Gottes legt er sich einen Gürtel zu, trägt ihn eine Weile und legt ihn dann in einer Felsspalte in der Nähe eines Bachs ab. Als er lange Zeit später wiederkommt und den Gürtel sucht, findet er ihn verrottet. So kann Gott das Volk, mit dem er sich gegürtet hat, auch wieder von sich lösen, dann wird es verrotten. Im Anschluß kündigt Jeremia die Vernichtung an, die dem Volk wiederfahren wird — jeder wird wie volltrunken sein und der eine am andern zerschmettern. 

Das Buch Jeremia ist voll solcherlei Ankündigungen, und im Großen und Ganzen werden sie wahr. Das Königreich Juda büßt seine staatliche Existenz ein, die Hauptstadt und der Tempel werden vernichtet, ein großer Teil der Bevölkerung ins babylonische Ausland deportiert. In Kapitel 13 des Buchs ist das angekündigte Ende noch bedingt darauf, dass das Volk die eingeschlagenen Wege weitergeht. Das Unheil kann noch abgewendet werden. Dafür steht der gezogene Vers. Später schwindet die Bedingtheit: aus der Drohung wird eine einfache, hilflose Vorhersage.

Hier wird kollektive Vernichtung angedroht, als Konsequenz für kollektives Versagen. Aus der katholischen Konfessionsschule meiner Kindheit habe ich mitgenommen, dass — nach dem Tod übrigens, nicht vorher —  meine individuellen Sünden gewogen würden. Und aus evangelischen Gottesdiensten heutigen Tags scheint uns Gott als Allerbarmer auf, der möglichst vielen Menschen möglichst großes Glück schenken will. 

Es ist sonderbar, wie die Vorstellungen sich immer weiter von der Bibel und auch von der erfahrbaren Wirklichkeit entfernen. Kollektives Versagen bringt kollektives Unheil mit sich, das ist sehr bodenständig, hier gilt das Gesetz der großen Zahl. Beim Individuum ist der Zusammenhang längst nicht so streng: Glück, günstige Umstände und Zufall können verhindern, dass jemand für seine Fehler büßt. Mit Glück erntet auch ein dummer Bauer große Kartoffeln. Ob jemand für seine Fehler büßt scheint mir vor allem davon abzuhängen, wie gut er vernetzt ist. Und die letzte Vorstellung — gehen Sie gedanklich die Geschichte zurück: scheint es möglich, dass ein allmächtiger Gott zu jedem Zeitpunkt das größtmögliche Glück aller verfolgt hätte? 

Mit der Bibel hat diese Vorstellung nicht viel zu tun. Das Alte Testament spricht vom Bund, der Treue Gottes zu diesem Bund und der Strafe für die fehlende Bundestreue des Volk Gottes. Ebenso das Neue Testament. Diese Welt ist gefallen, sie bewegt sich unabwendbar ihrem Ende zu, sagt das Neue Testament. Gerettet wird, wer das Angebot des Bundes annimmt und hält, jenes diesmal, das Gott uns in Seinem Sohn macht. 

Gibt es kollektive Strafe? An den Judäern, an den Babyloniern, an den Deutschen wegen des Genozids, an den Reichen wegen der Armut der anderen, an uns allen wegen unseres Umgangs mit der Ökosphäre? Und wer ist gerettet? Alle? Das Volk Gottes in seinen zwei Gestalten? Die unter ihnen, die den Bund halten? Ich? Mein Nachbar? Und wenn ich, warum nicht er? Auch wenn Tausende fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, es wird dich nicht treffen! sagt Psalm 91. Wer sind die, die fallen, und wer ist hier gerettet? Was kann zur Rettung geschehen? Kann etwas geschehen?

Das sind Rätsel und Fragen, die mich verfolgen. And the sign said: The words of the prophets are written on a subway wall. „So höret nun und merket auf und trotzt nicht, denn der HErr hat’s geredet.“ Die Bibel ist eigentlich ziemlich deutlich. Was die Kirchen sagen, verstehe ich nicht. 

Uns allen wünsche ich die Gnade Gottes, derer wir bedürfen!  
Ulf von Kalckreuth


In dieser Woche starb Michail Gorbatschow, letzter Präsident der Sowjetunion und Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU bis zu ihrem Untergang. Im vergangenen Jahr gab es zum BdW 12/2021 eine Betrachtung, die Elemente eines Nachrufs enthält.

Bibelvers der Woche 24/2022

Ich kannte dich, ehe denn ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe denn du von der Mutter geboren wurdest, und stellte dich zum Propheten unter die Völker.
Jer 1,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Ein Auftrag

Wie manche andere Berichte zu Propheten des Alten Testaments beginnt das Buch Jeremia mit einer Berufung: Aussonderung zum Dienst Gottes. Es ist eine Art Urteil. Jeremia wird nie eine Frau und Kinder haben und immer eine prekäre Existenz leben, unter Beobachtung stehen, von denen bedroht sein, deren Position er gefährdet. Das ahnt er, und er versucht, der Berufung zu entgehen. Er sei zu jung, diese Bürde zu tragen, sagt er. 

Unser Vers baut allen Ausflüchten vor: Gott hat Jeremia auf diese Berufung hin geschaffen. Mit anderen Worten: Jeremia kann gar nicht ablehnen. Und der Herr gibt seinem Propheten eine Vision an die Hand, die ihm zeigt, dass es nie zu viel werde, dass Gott ihn immer vor dem Äußersten schützen werde.   

Jeremia führte ein hartes Leben, und nicht viele würden mit ihm tauschen wollen. Aber er kannte seine Berufung. Er verzweifelte manches Mal an seinem Auftrag, aber er musste sich nie fragen, ob er wohl eine Aufgabe in der Welt habe. Es gibt im Judentum die Vorstellung, dass alle Menschen einen Auftrag von Gott haben, und dass niemand stirbt, bevor er diesen seinen besonderen Auftrag erfüllt hat. Niemand kommt umhin, seine Aufgabe im Rahmen des Schöpfungsganzen zu verrichten. 

Das ist eine faszinierende Idee. Was wohl wäre dann mein Auftrag? Ich bin fast 59 Jahre alt und weiss es nicht genau…!

Der Unterschied zwischen Jeremia und allen anderen Menschen bestünde nur darin, dass Jeremia seinen Auftrag kannte. Er sollte als Sprachrohr Gottes wirken, das kann nicht unbewusst geschehen. Ich weiss nicht, wie verbreitet diese Vorstellung im Judentum ist. Ich habe sie bei meiner Hebräischlehrerin kennengelernt. Sie ist stimmig und konsequent — die Idee betont Gottes Allmacht und lässt auch alle Verantwortung bei ihm. Sie läuft damit quer zu unserer Vorstellung einer fast schrankenlosen Selbstbestimmung des Menschen, vor der Gott sich kleiner und kleiner machen muss. 

Ich wünsche uns für diese Woche, dass wir unseren Auftrag besser kennenlernen mögen,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 13/2022

Ich will sie herunterführen wie Lämmer zur Schlachtbank, wie die Widder mit den Böcken.
Jer 51,40

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Die Katastrophe nach der Katastrophe

Der Vers ist aus der Prophezeiung Jeremias zum Untergang Babylons. Sie ist datiert, und zwar auf das Jahr 3 der Regentschaft Zedekias, des letzten König Judas. König Zedekia ist Vasall Babylons und versucht sich in einem Ränkespiel gegen das Großreich. Juda bewegt sich auf einen Abgrund zu, und Jeremia warnt seine Landsleute mit immer schriller werdender Stimme — das ist das Leitmotiv des Buchs.

An dieser Stelle aber, lange noch bevor sich der Untergang Judas tatsächlich materialisiert, sieht Jeremia den Zusammenbruch Babylons. Der gezogene Vers beschreibt den blutigen Untergang der Armee. Eine Rolle mit den Worten dieser Prophezeihung lässt Jeremia an den Euphrat bringen und dort versenken, um sie in Kraft zu setzen.

Es ist nicht klar, wann dieser Text wirklich entstanden ist. Recht deutlich verweist er auf den Sieg der Perser über das babylonische Reich rund fünfzig Jahre später. In jedem Fall enthält er eine Botschaft, die in der Bibel immer wiederkehrt: alles trägt den Keim des eigenen Gegenteils in sich, der Anstieg des Pegels heute steht auch für die künftige Ebbe, und Gott allein ist Herr der Geschichte. 

Mir fällt der Krieg im Osten unseres Landes ein, der uns bedrückt. Auch Putin wird sein Ende finden. Bald vielleicht. Was kommt danach? 

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 10/2022

Also gehorchen wir der Stimme unsres Vater Jonadab, des Sohnes Rechabs, in allem, was er uns geboten hat, dass wir keinen Wein trinken unser Leben lang, weder wir noch unsre Weiber noch Söhne noch Töchter,…
Jer 35,8

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Gehorsam über Jahrhunderte

Der Herr spricht hier mit Jeremia in einer Art Gleichnis. Er verweist auf die nomadisch lebenden Rechabiter, die sich vielem enthalten, was das Leben in den Augen der Zeitgenossen erst lebenswert macht. Obwohl das Lebensmodell ihres Stammvaters Jonadab höchst unbequem ist: die Rechabiter folgen ihm klaglos seit Jahrhunderten. Die Fortsetzung des Satzes lautet, in Jer 35, 9+10:

…und bauen auch keine Häuser, darin wir wohnten, und haben weder Weinberge noch Äcker noch Samen, sondern wohnen in Hütten und gehorchen und tun alles, wie unser Vater Jonadab geboten hat.

Wenn wir solche Menschen träfen, was würden wir wohl denken?

Bibelvers der Woche 47/2021

So spricht der HErr: Wir hören ein Geschrei des Schreckens; es ist eitel Furcht da und kein Friede.
Jer 30,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Spott und Trost

Der Bibelvers der Woche wird uneingeschränkt zufällig gezogen. Ab und zu aber scheint er ein Thema zu vertiefen, das schon in der Vorwoche angerissen wurde. Das kann subjektiv sein und mit spezifischer Sensibilisierung zu tun haben: oft gibt es vielfältige Wege, sich einem Vers oder einem Text zu nähern, und dann wählt jeder den Weg, auf dem er ohnehin schon ist.

Wieder haben wir aus dem Buch Jeremia gezogen. In der letzten Woche gab es höhnische Worte für Konja, den gefallenen König von Judäa. In dieser Woche sind es höhnische Worte für das ganze Volk. Der folgende Satz lautet (Vers 6): 

Forscht doch und seht, ob Männer gebären! Wie geht’s denn zu, dass ich alle Männer sehe, wie sie ihre Hände an die Hüften halten wie Frauen in Kindsnöten, und alle Gesichter verstört und so bleich sind?

Muß man den Gefallenen noch treten? Die Lage ist verzweifelt, und der Herr vergleicht den Anblick der Edlen und Krieger von Juda und Israel mit dem von gebärenden Frauen in höchster Angst und Not. Im orientalischen Kontext ist diese Sprache ausgesprochen aggressiv.  

In der letzten Woche verbarg sich, kaum sichtbar, hinter der verletzenden Charakterisierung ein Weg zu Gnade und Heil. Das ist auch diesmal so, aber viel deutlicher. Unser Vers bewertet den Zustand, genau wie der Vers zu Konja, und er steht in der Einleitung zum sogenannten „Trostbüchlein“ von Jeremia, Kap 30-31. Vor der Erzählung zum Ende der Stadt Jerusalem aus der Sicht Jeremias steht sonderbar isoliert ein Text, in dem es um Urteil, Gnade und kommendes Heil geht. 

Gottes Heilszusage ist unverbrüchlich, sagt das Trostbüchlein. Das Volk hat sich weit von Gott entfernt, zu weit, als das dies ohne Folgen bleiben könne. Die Menschen sind unfähig, Gottes Weisung, die Torah, zu erfüllen. Das Versprechen Gottes ist überraschend: er bietet einen neuen Bund an. Weil die Menschen sind, was sie sind, als Ergebnis der Schöpfung Gottes, will Gott diese Schöpfung ergänzen. Er will das Herz der Seinen ändern, ihre Persönlichkeit also, in einer Weise, dass sie den neuen Bund gern und freiwillig erfüllen:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Gott will seine eigene Schöpfung heilen, und zwar in unserem Herzen! Darauf will ich gern warten, und den Spott der Verse dieser Wochen muß ich derweil erdulden. Ich muß und werde mich wandeln, und es wird mein Gott sein, der dies bewirkt. Aus dem Trostbüchlein stammt auch mein Taufspruch (Jer. 31,3): Der HERR ist mir erschienen von ferne: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. 

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche, mit mehr Trost als Spott, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 46/2021

Wie ein elender, verachteter, verstoßener Mann ist doch Chonja! ein unwertes Gefäß! Ach wie ist er doch samt seinem Samen so vertrieben und in ein unbekanntes Land geworfen!
Jer 22,28

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Urteil und Gnade

Wir schreiben das Jahr 587 v. Chr. König Nebukadnezar II von Babylonien ist mit einer großen Interventionsarmee ins jüdische Kernland eingefallen, um den unbotmäßigen Vasallenstaat unter seinem König Zedekia unter Kontrolle zu bekommen. Jeremia empfiehlt die Kapitulation und wird damit zum inneren Feind. Kapitel 22 hält inne. Der Abschnitt ist eine Art Rückblick und Ausblick, er sammelt Sprüche Jeremias gegen Zedekia und frühere Könige Judas. Zum Kontext siehe die Betrachtung zum BdW 41/2019. Unser Vers bezieht sich auf Jojachin, genannt Konja. Der harte Spruch und die scheinbar endgültige Zuschreibung seines Schicksals sind faszinierend — weil sie sich als falsch erweisen. Jojachin stirbt nicht als verachteter und verstoßener Mann, im Gegenteil. 

Jojachin/Konja war der Vorgänger Zedekias. . Er war eine tragische Figur — hier ein Link zur Erzählung in 2. Kö 24,8ff. Sein Vater Jojakim hatte versucht, sich aus der Rolle als Vasall Nebukadnezars zu befreien und stellte die Tributzahlungen ein, in einer Zeit, da das babylonische Reich schwach schien. Auch damals setzte Nebukadnezar aus mehreren tausend Kilometern Entfernung eine Armee in Marsch. Jojakim starb, und Konja trat seines Vaters Nachfolge an. Im dritten Monat seiner Regentschaft, im Jahr 597 v. Chr., erreichte Nebukadnezar Jerusalem. Mit anderen Worten: Die Lage war genau die gleiche wie zehn Jahre später unter Zedekia!

Jojachin war damals achtzehn Jahre alt. Er hätte sich in der Stadt verschanzen können wie es später Zedekia tun würde. Jerusalem war nicht leicht zu nehmen. Trotz seiner Jugend aber traf er eine große Entscheidung. Er lieferte sich, seine Familie und den Hofstaat den babylonischen Eroberern aus, um sein Land zu retten! 

Viele müssen ihn dafür verachtet haben. Und die Strafe der babylonischen Großmacht war hart. Der Tempel und die Stadt wurden geplündert, und ein Teil der Elite musste das Land verlassen und sich in Babylonien ansiedeln — das sogenannte erste Exil. Aber das Land, Konjas Land, blieb in weiten Teilen intakt und konnte sich in der Folge erholen. Konja aber lebte marginalisiert, gefangen in Babylon. Hierauf und auf diesen Stand der Dinge bezieht sich unser Vers. 

In der Luther-Übersetzung von 1912 klingt unser Vers nun durchaus so, als ob auch Jeremia ihn verachtete. Aber warum sollte er? Konja/Jojakin hat seinerzeit genau das getan, was Jeremia selbst vehement von König Zedekia fordert, als die Geschichte sich in alptraumhafter Weise wiederholt. In der neuen Luther-Übersetzung von 2017 wird unser Vers als Frage gesetzt — „Ist denn dieser Mann Konja ein verachtetes, zerschlagenes Gefäß oder ein Gerät, das niemand haben will?“ Auch die katholische Einheitsübersetzung und die Übersetzung von Buber und Rosenzweig verfahren so. Die Lesart ist plausibel, aber letztlich eine Interpretation. Der hebräische Urtext lässt es schlicht offen. Fragezeichen gibt es im alten Hebräisch nicht und die Wortstellung von Frage- und Aussagesätzen ist dieselbe. 

Das Buch Jeremia endet mit der Rehabilitation Konjas — Jer 52, 31ff. Der Nachfolger Nebukadnezars, Ewil-Merodoch, erhebt Jojachin nach 37 Jahren der Gefangenschaft und bringt ihn zu hohen Ehren. Konja wurde zum ständigen Tischgenossen des mächtigsten Mannes der Welt. Die Erzählung steht an sehr herausgehobener Stelle am Ende der Schrift, und der Abschnitt ist ein wörtliches Zitat eines anderen Schlusses, des Endes des 2. Buchs der Könige. Es ist fast wunderbar zu nennen, dass diese Wendung, anders als viele andere Inhalte der Königsbücher, sich historisch-archäologisch klar belegen lässt: mit Funden babylonischer Keilschrifttafeln aus dem Jahr 1899! 

Wir können das auf zwei Arten lesen: aus der Perspektive Gottes und der eines Menschen. Ewil-Merodoch hat aus großer zeitlicher Entfernung (37 Jahre!) die Entscheidung Konjas bewundert, die Entscheidung eines damals sehr jungen Mannes, der unvermittelt vor eine existentielle Frage gestellt wird. Und bei Gott — bei Gott stehen Urteil und Gnade nebeneinander, für uns oft nicht zu entwirren. 

Auf geheimnisvolle Weise ist unser Vers tatsächlich beides. Er ist eine Aussage über Konja, zu der Zeit, als Jeremia spricht, aber auch eine offene Frage — eine Frage, die schließlich beantwortet wird, ausserhalb des Texts eigentlich, in einem Epilog. Die Gnade scheint im Buch Jeremia immer wieder als Möglichkeit auf. Hier wird sie ganz konkret. Man könnte das schwierige Buch aus dieser Dreiheit interpretieren: Aussage, Frage und Antwort.

Urteil und Gnade!

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche, 
Ulf von Kalckreuth

P.S. Von Jojachin ist in der Bibel später noch einmal die Rede: In Mat 1 wird er in der Ahnreihe eines anderen Königs genannt, Jesus von Nazareth.

Bibelvers der Woche 13/2021

So kehret nun wieder, ihr abtrünnigen Kinder, so will ich euch heilen von eurem Ungehorsam. Siehe wir kommen zu dir; denn du bist der HErr, unser Gott.
Jer 3,22

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Ruf ohne Antwort

Früh im Buch Jeremia spricht Gott zu seinen beiden Völkern, Israel und Juda. Israel, das Nordreich mit Hauptstadt Samaria, war reichlich 100 Jahre zuvor von den Assyrern in seiner staatlichen Existenz ausgelöscht worden. Viele Menschen waren deportiert worden, umgekehrt hatten die Assyrer auf dem Gebiet des Nordreichs fremde Völker angesiedelt, deren Nachkommen nun neben den Nachkommen der Hebräer lebten. Juda, dem Südreich mit Hauptstadt Jerusalem, steht ein ähnliches Schicksal durch die Babylonier kurz bevor. Das ganze Buch handelt davon, die ersten Kapitel stehen im Zeichen einer Warnung.

Gott will Israel verzeihen und ruft sein Volk. Die Abschnitte enthalten eine vorweggenommene Vision von der Rückkehr aus dem Exil. Wo sie auch sind, sollen sie kommen und sich in Jerusalem versammeln und dort gemeinsam mit Juda Leuchtturm aller Völker sein. Wer eine frohe Botschaft sucht, kann sie hier finden — noch 100 Jahre nach dem Untergang gedenkt der Herr seines Bundes und seines Volks. 

Im ersten Satz ruft Gott sein Volk, es möge zurückkommen. Im zweiten Satz imaginiert er die Antwort: ein freudiges Ja, verbunden mit tiefer Reue. In der Übersetzung von 2017 lautet der Text im Zusammenhang der folgenden beiden Verse:

Kehrt zurück, ihr abtrünnigen Kinder, so will ich euch heilen von eurem Ungehorsam. »Siehe, wir kommen zu dir; denn du bist der Herr, unser Gott. Wahrlich, es ist ja nichts als Betrug mit den Hügeln und mit dem Lärm auf den Bergen. Wahrlich, es hat Israel keine andere Hilfe als am Herrn, unserm Gott. Der schändliche Baal hat gefressen, was unsere Väter erworben hatten, von unsrer Jugend an, ihre Schafe und Rinder, Söhne und Töchter. So müssen wir uns betten in unsere Schande, und unsre Schmach soll uns bedecken. Den wir haben gesündigt wider den Herrn, unsern Gott, wir und unsere Väter, von unsrer Jugend an bis auf den heutigen Tag, und haben nicht gehorcht der Stimme des Herrn, unseres Gottes.«

Die in der neuen Übersetzung hinzugefügten Anführungszeichen erhellen den Text und verdunkeln ihn zugleich. Sie trennen sauber zwei Ebenen: das Rufen Gottes und die imaginierte Antwort seines Volks. Eigentlich ist beides eines: Gott ruft, weil er diese Antwort erhofft. Wie ein Vater, der nach seinem Kind ruft. 

Der Vers ist tragisch. Die Antwort kommt nicht. Es kommt gar keine Antwort. Vielleicht ist auch niemand mehr da, der antworten könnte. Gott, der Herr der Welt, zeigt sich hier hilflos und verletzlich. Er, dessen Wort die Wirklichkeit schöpft, spricht, und was er sagt, kommt leer zurück. Ich muß an König Lear denken, wie er auf der Heide im Sturm seine Töchter ruft — und Jeremia ist Zeuge, als hilfloser Narr.

Der Herr geleite uns durch diese Karwoche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 32/2020

… und sprach zu ihnen: So spricht der HErr, der Gott Israels, zu dem ihr mich gesandt habt, dass ich euer Gebet vor ihn sollte bringen:…
Jer 42,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Entscheidung

Vor zwei Wochen hatten wir einen Vers zu einem erfolgreichen Neubeginn. Heute geht es um einen Neubeginn, der nicht stattfand. Judäa hat den Krieg gegen Babylon verloren. Das Land ist besetzt, die Hauptstadt zerstört, der Tempel vernichtet. Ein großer Teil der Elite wurde in das Innere des babylonischen Reichs deportiert. Doch im Umland gibt es noch Judäer, und auch einige Familien aus der Oberschicht sind da, die den Nukleus für eine Selbstverwaltung bilden könnten. Die Babylonier setzen Gedalja als Statthalter ein. 

Es gelingt Gedalja, das zivile Leben wieder in Gang zu bringen und mit Erfolg organisiert er die Ernte. Aus den Nachbarländer kehren geflohene Judäer ins Land zurück. Der Beginn einer ganz anderen biblischen Geschichte beginnt sich abzuzeichnen — als Jischmael, ein Verwandter des letzten Königs, Gedalja tötet und ein Massaker an seinen Leuten und an Pilgern anrichtet. Siehe hierzu den BdW 2019 Woche 39

Jischmael wird schließlich von Jochanan überwunden und vertrieben. Aber nun weiß die Gruppe der Überlebenden nicht, was tun. Warten, bleiben, und den Zorn der Babylonier auf sich nehmen? Oder nach Ägypten fliehen, dem Verbündeten im verlorenen Krieg? Sie beschließen, Jeremia zu fragen — was immer dieser auch vom Herrn erfahre, werden sie tun, sagen sie.  

Warten und dem Übel ins Auge sehen oder fliehen? Jeremia nimmt sich viel Zeit. Nach zehn Tagen kennt er die Antwort des Herrn. Unser Vers ist die Einleitung. Im Lauf der späteren Geschichte taten Juden oft gut daran, rechtzeitig zu fliehen. Hier nicht: Der durch Jeremia verkündete Wille des Herrn ist es, dass sie bleiben und das Land wieder aufbauen. Gott sagt ihnen seinen Schutz zu.

Die Männer weigern sich und fliehen, in offener Auflehnung gegen Gottes Wort. Verständlich ist das durchaus. Im Buch Jeremia ist es jedoch eine Art Todesurteil: den Flüchtlingen wird die Vernichtung vorhergesagt. Jeremia geht mit ihnen, und seine Spur verliert sich in Ägypten. 

In Elephantine gab es dort seit der Zeit des Exils über mehrere Jahrhunderte eine bedeutende jüdische Kolonie. Jüdische Religion wurde dort in heterodoxer Welse gepflegt, es gab sogar einen Tempel. mit Opferdienst. Vielleicht hat die Gruppe um Jochanan individuell das richtige getan. Jeremia aber und das nach ihm benannte Buch verurteilen die Flucht. Aus Sicht des Volks war es die falsche Wahl. Der durch Gedalja vorgezeichntete Weg der Erneuerung hätte jetzt gegangen werden können, nicht erst lange Zeit später durch Männer wie Nehemia und Esra, unter ganz anderen Vorzeichen. Mit der Flucht retten die Männer und ihre Familien sich. Das judäische Volk aber gibt sich an dieser Stelle auf.

Was hätten wir getan? Ich bin heute südlich der Elbe am Rand der Altmark mit dem Fahrrad den früheren Todesstreifen abgefahren. In der Zeit dieses Streifens gab es viele Entscheidungen, die individuell richtig waren und kollektiv falsch. Wie zur Zeit Jeremias hatte man vorher in einem langen Krieg den Menschen im Namen des Volks Dinge abverlangt, die das Volk in den Ruin geführt hatten. Druck und Zwang von oben verstärken einen Zwiespalt, dem wir uns ohnehin täglich stellen müssen. Ein Erfolg kann dann auch darin bestehen, dass wir beim Rasieren noch ruhig in den Spiegel gucken können, auch wenn Gott dabei zuguckt.

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche, die uns Entscheidungen dieser Art nicht abverlangt!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 28/2020

Der zwei Säulen aber war eine jegliche achtzehn Ellen hoch, und eine Schnur, zwölf Ellen lang, reichte um sie her, und war eine jegliche vier Finger dick und inwendig hohl;…
Jer 52,21

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Ein letzter Blick

Vor zwei Wochen erst haben wir sie im Bibelvers der Woche kennengelernt, Jachin und Boas, die beiden bronzenen Säulen vor dem Allerheiligsten. Das erste Buch der Könige gibt Bericht von ihrem Bau. Im letzten Kapitel des Buchs Jeremia, wird erzählt, wie Nebusaradan, der Statthalter des babylonischen Königs, den Tempel zerstört. Hierzu siehe den BdW 10/2018. Dieser ganze Abschnitt ist fast wörtlich dem Ende des zweiten Königsbuch entnommen.

Unser Vers ist ein letzter Blick auf Jachin und Boas. Darin wird die Beschreibung der Baugeschichte, 1. Kö 7,15-22, noch einmal vergegenwärtigt. So schließt sich ein Kreis. Was auf dem Höhepunkt der Geschichte Jerusalems zur Ehre Gottes gebaut wurde, lässt dieser auf dem unteren Totpunkt zerstören! Die Eroberer verwenden die Säulen als Altmetall und geben sie zurück in den Materialkreislauf.

Ich ziehe diese Verse zufällig. Sie sollen ein vergröbertes, aber möglichst objektives Bild der ganzen Bibel liefern. Es fühlt sich nun ausgesprochen sonderbar an, um es zurückhaltend zu sagen, wenn diese Verse plötzlich zusammenhängen, fast Klartext sprechen. Die Verse der Wochen 25 und 26 berichteten vom Bau des Allerheiligsten und der Säulen. In der vergangenen Woche lasen wir im Dankgebet Salomons bei der Einweihung des Tempels und nun, in Woche 27, sehen wir die Säulen fallen. 

Es ist, was es ist. Aber was ist es? Gott lässt sich nieder, aber er gibt seine Wohnstatt wieder auf. Das Kostbarste — gewonnen und verloren. Warum tut Gott das und unter welchen Umständen? Was sagt die Geschichte von Aufbau und Vernichtung des Tempels und seines Kerns, des Allerheiligsten?

Man kann die kollektiven Erfahrungen mit Gott, wie sie im Alten Testament niedergelegt sind, auch individualistisch auf das eigene Leben beziehen, Juden wie Christen tun dies. Wen Gott berührt hat, wer ihn in sein Leben aufgenommen hat, kann sich seines Besitzes nicht sicher fühlen — Gott ist kein Konto in der Schweiz.

Im Allerheiligsten war die Bundeslade verwahrt, darin die Bundestafeln mit den zehn Geboten. Die Königsbücher sagen, dass das Leben mit Gott ein Bund ist, der fortbesteht, solange beide Seiten ihn halten. Eine Seite, Gott, ist unbedingt treu. Somit liegt es in unserer Hand. Individuell wie kollektiv.

Diese Zusammenfassung aus fünfhundert Jahren biblischer Geschichte ist durch den Neuen Bund nicht hinfällig geworden. Im Gegenteil. 

Jachin und Boas sind gegenwärtig. Sie sind in der Geschichte aufgehoben. Und in unseren Gedanken an das Allerheiligste, was auch immer die Gestalt ist, die es für uns hat. Sie können uns entstehen und vergehen. Und vielleicht wieder erstehen. Denn auch davon spricht die Bibel, in beiden ihrer Teile, gerade auch in Jeremia.

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 16/2020

Und wenn ihr schon schlüget das ganze Heer der Chaldäer, so wider euch streiten, und blieben ihrer etliche verwundet übrig, so würden sie doch, ein jeglicher in seinem Gezelt, sich aufmachen und diese Stadt mit Feuer verbrennen.
Jer 37,10

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Ruhe vor dem Sturm

Die Auseinandersetzung des judäischen Reichs mit der babylonischen Supermacht nähert sich dem Höhepunkt. Nebukadnezar hatte zuvor den widerspenstigen Vasallen bereits einmal zur Raison gebracht — er war in Jerusalem einmarschiert, hatte viele Bewohner als Gefangene weggeführt, einen Teil des Tempelschatzes geplündert und einen neuen König eingesetzt, Zedekia. Zum Amtsantritt schwor er Nebukadnezar einen Treueeid. Aber nach einigen Jahren schon will sich Zedekia sich selbständig machen — er baut auf die Unterstützung Ägyptens, des strategischen Gegners von Babylon und stellt die Tributzahlungen an Babylon ein. Nebukadnezar reagiert schnell und eilt mit einem Heer nach Judäa, besetzt das Umland und belagert Jerusalem.

Der Prophet Jeremia warnt schon lange Zeit vor dem Ränkespiel Zedekias, mit Visionen, die immer dringlicher und katastrophaler werden. Er zieht damit den Hass des Königs und der politischen Elite auf sich. Immer stärker gerät er unter Druck. Am Ende muß er in einer mit Schlamm gefüllten Zisterne um sein Leben kämpfen, so wie im Großen die eingeschlossene, untergehende Stadt.

Aber vor diesem Endspiel gibt es eine eigenartige Entspannung, ein retardierendes Moment. Die Ägypter nämlich halten ihre Zusage ein und schicken dem babylonischen König ein großes Heer entgegen. Nebukadnezar vermeidet die offene Schlacht, zieht sich ins Umland zurück und wartet einfach ab. Jerusalem ist scheinbar wieder frei.

Zedekia schickt Emissäre zu Jeremia. Vielleicht haben sich die schrecklichen Visionen Jeremias der neuen Situation angepasst? Vielleicht lässt sich der Bruch mit dem wortmächtigen und bekannten Propheten nun heilen?

Nein, sagt Jeremia, nichts da, der Untergang ist beschlossen, das Schicksal Jerusalems steht fest. Selbst wenn es den Truppen Judäas gelänge, die Babylonier in der Feldschlacht zu schlagen — ein Ding der Unmöglichkeit angesichts der Kräfteverhältnisse –, so würden die verwundeten Feinde aus ihren Zelten sich erheben wie Zombies und die Stadt dennoch niederbrennen!

Das klingt endzeitlich, und so ist es auch gemeint. In Jer 32-38 lassen sich die Bilder, die Jeremia in sich trägt, in der Auseinandersetzung mit Gott nachvollziehen. Die Prophezeiungen zum Untergang der Stadt ist unbedingt geworden, nicht wie früher an das Verhalten der Bewohner geknüpft. Aber genauso unbedingt mischt sich nun ein zweiter Klang in den ersten: die Stadt wird neu gebaut, wird wieder aufstehen, man wird (Jer 33,11) darin wieder hören den Jubel der Freude und der Wonne, die Stimme des Bräutigams und der Braut und „Und ich will einen ewigen Bund schließen, dass ich nicht ablassen will, ihnen Gutes zu tun, und will ihnen Furcht vor mir ins Herz geben, dass sie nicht von mir weichen“ (Jer 32,40).

Dieser Zweiklang eigentlich unvereinbarer Töne ist die bleibende Botschaft Jeremias — beide Teile dieser Botschaft haben sich erfüllt und erfüllen sich immer wieder neu, auch in unserem persönlichen Leben. Sie sind wie Karfreitag und Ostern, unvereinbar und doch untrennbar.

Ich wünsche uns eine gesegnete Osterwoche in unserer belagerten Zeit, 
Ulf von Kalckreuth