Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
Joh 4,24
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.
Geist und Wahrheit
Jesus ist auf der Durchreise, von Judäa in sein Heimatland Galiläa im Norden. Dabei durchquert er Samarien, das Herzland des alten Nordstaats Israel. Dieser Staat wurde vor Zeiten zerstört, die Einwohner großenteils verschleppt. Aber immer noch wird in Samarien Gott der Herr angebetet. Für die Juden ist der Kult der Samariter auf dem Berg Garizim illegitim. Nur der Tempel in Jerusalem ist Anbetungs- und Opferstätte. Siehe hierzu den BdW 14/2021
Am Brunnen trifft Jesus auf eine samaritische Frau. Sie sind allein, die Jünger sind ins Dorf gegangen, Brot zu holen. Sie reden.
Jesus ist Jude. Die Frau spricht an, dass die Juden Glauben und Anbetung der Samariter nicht für rechtens halten. Nicht, etwa, weil Jesus das nicht wüsste, sondern weil es zwischen ihnen steht, mehr noch als der Umstand, dass er Mann ist und sie Frau.
Jesus antwortet: ja, so ist es. Das Heil wird von den Juden kommen, sie kennen Gott, und die Samariter nicht. Aber es kommt die Zeit und sie ist schon da, sagt er, dass die Samariter weder auf dem Garizim noch in Jerusalem den Herrn anbeten werden. Die wahren Anbeter nämlich werden Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten. Und das wird wiederholt, in unserem Vers, weil es so wichtig ist: Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
Jesus hält die Schrift hoch, die den Kult der Samariter verdammt. Zwischen den Zeilen sagt er aber, dass auch Samariter wahre Anbeter sein können. Der institutionalisierte Opferkult der Juden in Jerusalem ist nicht wahre Anbetung. Wahre Anbetung vollzieht sich im Geist und in der Wahrheit.
Ich habe Mühe mit diesem Satz, ich weiss nicht genau, was er bedeutet. Der Text macht deutlich, dass wahre Anbetung nicht ein an einem bestimmten Ort und durch bestimmte, dazu ausgebildete und legitimierte Personen vollzogenes physisches Opfer ist. Gott ist Geist, und der Geist ist überall. Was aber bedeutet das positiv?
In der Wahrheit anbeten, im Geist anbeten… Aus unserem Geist heraus, aus unserer Wahrheit? Ohne Gott gibt es acht Milliarden Wahrheiten und acht Milliarden mal den menschlichen Geist. Die eine Wahrheit, den einen Geist gibt es nur in Gott. Jesus meint, dass wir Gott aus Gottes Geist heraus anbeten sollen. Dazu muß er in uns sein, dazu muß er in uns wirken.
Wie geht das? Ich bin Lobpreismusiker, und eigentlich sollte ich das genau wissen. Ich habe es in dieser Woche immer wieder versucht — Gott aus Gottes Geist heraus anzubeten. Was ich dann finde, ist im Wesentlichen mein eigener Geist, meine unerfüllten Bedürfnisse und mein Versagen…
Aber ich habe etwas entdeckt. Jesus lehrt seine Jünger das Vaterunser, als sie ihn bitten, sie das beten zu lehren. Gehen Sie es im Kopf einmal durch. Die ersten drei Bitten nach der Anrufung beschreiben Gottes vollkommene Präsenz in der Welt: „Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe“. Man kann das in sich selbst nachvollziehen, ganz langsam. Erst dann wechselt die Perspektive hin zum Betenden und das Gebet kulminiert in der Bitte, dass die Verbindung zu Gott erhalten bleiben möge, trotz aller Sünde, durch Vergebung und Erlösung.
Das hilft mir sehr. Vielleicht ist der Vers eine Aufforderung, sich ins Unsagbare vorzutasten und eigene Wege zu finden. Wenn es den einen, allgemeinen Weg gäbe, hätten wir eine Liturgie, und um die geht es ja gerade nicht.
Jesu Gespräch mit der Frau am Brunnen steht jenseits von Zeit und Raum. Im Geist und in der Wahrheit. Ich wünsche uns in dieser Woche Berührung: unseres Geistes mit Gottes Geist, unserer Wahrheit mit Gottes Wahrheit. Was wird dann geschehen?
Ulf von Kalckreuth

