Bibelvers der Woche 38/2026

Und es kamen zu ihm alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle, die ihn vormals kannten, und aßen mit ihm in seinem Hause und kehrten sich zu ihm und trösteten ihn über alles Übel, das der HErr hatte über ihn kommen lassen. Und ein jeglicher gab ihm einen schönen Groschen und ein goldenes Stirnband.
Hiob 42,11

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Heilung

Das klingt nach einem schönen Ende. In der Tat ist es ein Ende, das Ende des Buchs Hiob. Aber ist mit diesem Ende alles gut?  

Gott prüft Hiob, sehenden Auges lässt er zu, dass der Satan ihm fast alles nimmt: Söhne und Töchter und den Besitz — Rinder, Schafe und Kamele — und auch die Gesundheit. Nur das nackte Leben behält er. Mit Geschwüren bedeckt sitzt er in der Asche. 

Hiob hält die Prüfung aus. Er behält seinen Glauben und bleibt Gott treu, obwohl er ihn mit unglaublichen Worten bitter verklagt: Gott ist dabei sein Anwalt und sein Richter. Als Gott ihm antwortet und sich offenbart, verstummt seine Klage. Er bekennt Gottes Größe und schweigt. 

Damit endet die Geschichte nicht. Im Buch Hiob geht es um Leid und Schmerz. Das letzte Kapitel beschreibt Heilung, vielleicht auch Erlösung, und zwei Dinge sind mir aufgefallen. Daraus sind zwei Betrachtungen geworden. Sie gehören zusammen, wie ich meine. 

Heilung geschieht nicht allein

Drei Freunde waren in seinem Leid bei Hiob geblieben. Sie sprachen mit ihm und sagten Dinge, die oft oberflächlich, mechanistisch und selbstgerecht waren. Darunter manches, das man sich einem Leidenden gegenüber sparen sollte. Aber sie waren da und blieben da. Sie versuchten, das Richtige zu sagen und sagten das Falsche. Und schließlich wurden sie und Hiob einander gänzlich unerträglich. 

Dann geschieht etwas Spannendes. Hiob bekommt von Gott den Auftrag, für seine Freunde zu beten, „denn sie haben nicht recht von mir gesprochen wie mein Knecht Hiob“. Was wird er tun? Gott hat ihm alles genommen und die Freunde gaben ihm auch noch die Schuld dafür. Warum sollte er für sie beten? Zu Gott? Hiob tut es. Das erlöst nicht nur die drei Freunde, sondern auch ihn selbst: „Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat.“

Wenn wir im Leid gefangen sind, brauchen wir die Hilfe Gottes. Wir brauchen aber auch die Hilfe anderer Menschen, wenigstens ihre Präsenz. Als die Freunde zu ihm kamen, saß er passiv und teilnahmelos in der Asche. Ohne seine Freunde hätte Hiob keine Chance gehabt, glaube ich: Die gereizten Diskussionen halfen ihm, die Energie zu finden, die er brauchte, um zu Gott selbst durchzustoßen, fast ihn zu zwingen, in sein Leben zu treten. 

Die drei Freunde und Hiob waren eine Heilsgemeinschaft und wussten es nicht. Was ich nun sage, mag ein wenig unorthodox klingen, vielleicht sogar häretisch. Niemand wird alleine heil! Menschen ziehen sich gegenseitig in die Erlösung oder in die Hölle. Es ist nicht realistisch zu glauben, dass es genügt, Jesus als den persönlichen Retter zu bekennen. Menschen müssen das Heil füreinander weitergeben und tragen und bestätigen. Jesus selbst kam als Mensch, und das nicht ohne Grund.

Der Vers ist ein Echo davon: Hiobs Heilung geschieht in Gemeinschaft. 

Heilung macht nichts ungeschehen

Noch etwas fällt mir auf. Der Bibeltext sagt, dass der Herr dem Hiob doppelt so viel gab, wie er vor den Katastrophen hatte. Das klingt so, als wäre er in den alten Stand versetzt, gar mit Bonus. Aber so ist es nicht. Die Angst, die Enttäuschung, die Trauer werden nicht ungeschehen. Er lebt weiter mit einer Frau, von der er in großer Not einen furchtbaren Satz hören musste. Ihre sieben Söhne und drei Töchter sind und bleiben tot. Kapitel 42 berichtet von Söhnen und Töchtern, die neu geboren werden, und nennt sogar einige Namen — aber es sind dies andere Söhne und andere Töchter. Auch Hiob kann nicht wieder in denselben Fluss steigen. Es ist ein anderer Fluss!

Als ich neun Jahre alt war, trennten sich meine Eltern. Meine Schwester und ich zogen mit meinem Vater von Essen nach Süddeutschland, mein kleiner Bruder blieb bei meiner Mutter. Es hat lange gedauert, Jahrzehnte, bis ich diese Katastrophe überwunden hatte. Mein Bild dafür ist das eines Baums, dessen Krone ein Blitzschlag getroffen hat und der mit den Jahren aus einem Seitenast eine neue Krone entwickeln konnte. Nach einer Konferenz hatte ich am Freitag Gelegenheit, in Essen das Haus wiederzusehen, in dem ich aufgewachsen bin, die umliegenden Straßen, die Schule, die Spazierwege. 

Mein Elternhaus in Essen, Elsa-Brandström-Str. 15. Wir wohnten im Erdgeschoss mit Garten, zunächst in der rechten Wohnung, später dann in beiden.

Ich konnte mich in die Gefühlswelt des Neunjährigen versetzen. Mir ausmalen, wie mein Leben in Essen hätte weitergehen können, ohne diesen Bruch. Diese Welt hätte eine reichere Kindheit und Jugend bedeutet und andere Möglichkeiten enthalten. Andere Menschen, andere Bildungs- und Berufswege. Andere Brüche sicherlich auch. Ein paralleler Ulf in einer parallelen Welt. Vielleicht hätte ich jetzt einen Schrebergarten unweit der Ruhr. Als ich mit einem Leihrad die alten Wege abfuhr, war klar, dass ich niemanden dort kannte. Die Parallelwelt ist von meiner Realität sauber getrennt.

Schrebergarten im Siepental, bei meinem Elternhaus

Wenn uns eine Katastrophe überfällt, kommt viel auf uns selbst an. Wir können sie überwinden, vielleicht sogar daran wachsen, mit Gottes Hilfe und der Hilfe anderer Menschen. Eines können wir nicht: sie ungeschehen machen. Der verstorbene nahe Angehörige bleibt tot. Eine zerbrochene Familie bleibt zerbrochen. Eine Phase im Berufsleben, die ins Aus führte, bleibt ein Fehlschlag. Man kann davon lernen und neue und bessere Ideen daraus beziehen, gewiss, aber die Angst, die verzweifelte Anstrengung, die Enttäuschung bleiben gelebte Realität. 

Nicht mehr derselbe Fluss: Heisinger Ruhraue in Essen, Zufluss zum Baldeneysee

Schaut man genau hin, so sagt unser Vers nicht nur, dass Hiobs Brüder und Schwestern, Freunde und Bekannte ihn trösten, mit einem schönen Groschen und einem goldenen Stirnband. Er zeigt uns einen Hiob, der diesen Trost annimmt. Hiob lässt sich auf die neue Wirklichkeit ein, die nicht die alte ist. 

Das ist Kraft, die nicht jeder hat. Dafür brauchen wir andere Menschen — und den Heiligen Geist! Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth


Viel von dem, was hier geschrieben steht, hat am vergangenen Sonntag Donya Yadegar in ihrer Predigt in der Kirche des Nazareners Frankfurt Hügelstraße schon gesagt — mit anderen Worten, einer anderen Bibelstelle, einer Episode aus einem anderen Leben und mit einer ganz anderen Kraft. Vielleicht war dieser Vers für Donya? 

Bibelvers der Woche 23/2024

Wir können’s ja nicht lassen, dass wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben.
Apg 4,20

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Bekenntnis, Freude und Mut

Man liest den Vers und weiß irgendwie schon, worum es geht. Wir sind in der Apostelgeschichte. Das Pfingstwunder, die große Explosion, liegt hinter uns. Petrus und Johannes haben den Tempel besucht und mit ihrem Gebet im Namen Jesu einen Menschen zum Gehen und Springen gebracht, der sein ganzes Leben lang gelähmt war. Ungeheures Aufsehen ist die Folge. Die beiden werden vor den Hohen Rat gebracht und sollen Rechenschaft ablegen: aus welcher Kraft und in welchem Namen haben sie das getan? 

Die beiden Apostel bekennen ihren Herrn, und der Hohe Rat weiss nicht recht damit umzugehen. Offenkundig ist ein Zeichen geschehen, aber das Volk soll nicht aufgewiegelt werden. Also versuchen sie es mit einem Redeverbot: die beiden Apostel sollen hinkünftig nicht mehr in Jesu Namen sprechen. Ihre Antwort ist der gezogene Vers: Wir können’s ja nicht lassen, dass wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben! 

Diese Antwort hat zwei Seiten. Zu beiden habe ich tagesfrische Eindrücke.

Die Antwort klingt fröhlich und zuversichtlich, mit Kraft, die aus dem eben erst Erlebten kommt. Ein Gebet im Namen Jesu, und ein lebenslang Gelähmter steht auf und geht umher! Vor einigen Wochen erlitt in meiner Gemeinde ein Mann einen Herzstillstand. Er wurde zur Schonung in ein künstliches Koma versetzt, und als er aus diesem Koma auftauchen sollte, erwies sich das als unmöglich. Das Gehirn schien irreparablen Schaden genommen zu haben. Der Mann hat eine Frau und vier Kinder, die von ihm abhängen. In der Gemeinde kennt jeder die ganze Familie. Es war furchtbar. Viele beteten für ihn. Und vor zwei Wochen geschah es, dass er aus dem Koma erwachte. Mittlerweile ist er operiert und durchläuft eine Rehabilitation. Körperlich und geistig erholt er sich schnell. Uns fiel ein Stein vom Herzen. Wir waren fröhlich und glücklich — ‚Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich‘, Psalm 126, 3. Gestern Abend hat mir eine Freundin per Sprachnachricht dazu einen Text ausgerechnet aus Apg 5 geschickt — ohne dass sie vom Bibelvers dieser Woche wusste!

In der Antwort stecken aber auch Todesmut und das Annehmen eines Kelchs. Zwei Kapitel weiter erzählt die Apostelgeschichte, wie ein anderer Apostel, Stephanus, vor demselben Hohen Rat steht. Auch er bekennt unverwandt. Das Ende ist blutig, siehe den BdW 03/2019. 

Jede Gesellschaft macht kurzen Prozess, wenn die Falschen aufstehen und das falsche sagen. Für die gute und gemeinsame Sache geht manches einfach und schnell, man kann ja auf den Applaus der anderen zählen. Jüngst gab es dieses Video mit ausländerfeindlichem Gesang vor einer Disko in Sylt. Ein Dokument staunenswerter Dummheit. Im Nu war es unverpixelt auf vielen großen Kanälen zu sehen. Eine große Boulevardzeitung veröffentlichte die Namen der jungen Leute und auch, wo sie arbeiten. Wenige Tage später waren alle gekündigt. Ohne Kläger, ohne Richter, ohne Urteil. Ein früherer Kanzlerkandidat der Union jubelt: „In kürzester Zeit waren alle Namen öffentlich. Sie alle haben ihren Job verloren“. Er wünsche sich, „dass man genau so jeden einzelnen versucht zu bestrafen, der antisemitisch, rassistisch und der anders ist.“ (Zitat nach FAZ, 28.05.24, S.1).

Da mag man hoffen, dass alles, was man singt und sagt, stets gut zum Zeitgeist passt. Gläubige Menschen brauchen diese Hoffnung in besonderem Maße. Und fast überall geht für die „Falschen“ viel weniger als hier und jetzt bei uns. Man möchte nicht Kurde sein in der Türkei, Christ im Iran, Palästinenser in Israel oder Jude in Nordafrika. 

Wir können’s ja nicht lassen, dass wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben! Wie mag sich das angefühlt haben, als einer der ersten Christen immer „falsch“ zu sein — in Jerusalem, oder bei den Verfolgungen in Rom? Und doch zu wissen, dass man richtig liegt mit Jesus? Wie auf einer Abschussrampe, vielleicht: Zuversicht, Hoffnung, Angst, Not, Verzweiflung, Vertrauen, das Wissen um die klare Sonne, die große Kraft, die Ewigkeit. Jesu Liebe, die Liebe der Brüder und Schwestern.

Ja, versuchen wir, uns das vorzustellen!
Ulf von Kalckreuth 

Bibelvers der Woche 01/2019

…Schlangen vertreiben; und so sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird es besser mit ihnen werden.
Mk 16,18

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017.

Letzte Worte

Weil sich um ein Satzfragment handelt, hier der ganze Satz, in der Übersetzung von 2017:

Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen, so wird’s gut mit ihnen. (Mk 16, 17+18)

Unser Vers steht ganz am Ende des wahrscheinlich ältesten Evangeliums. Markus berichtet knapp und präzise, Ausschmückungen sind ihm fremd. Bei ihm gibt es keine Geburtsgeschichte — der Bericht setzt ein, als Jesus bereits ein erwachsener Mann ist und am Ufer des Jordan seine Taufe von Johannes empfängt. Auch das Ende — Auferstehung und Himmelfahrt — wird ausgesprochen lakonisch erzählt, in nur 20 Versen, von denen allein die Hälfte auf die Szene vor dem leeren Grab verwendet wird. Der Auferstandene erscheint erst Maria Magdalena, dann zwei anderen, ungenannten Jüngern. Als die Berichte dieser drei bei den anderen nur auf Unglauben stoßen, zeigt er sich den versammelten elf Jüngern und schilt sie wegen ihres Unglaubens. Spätestens daran werden sie ihn erkannt haben… Es folgt die Aussendung, und dann der Vers oben. Er enthält nichts weniger als die letzten Worte Jesu — eine Woche nach Weihnachten.

Ein unerwartetes, abruptes Ende. Es ist ein Nachlass. Jesus Wundertätigkeit ist so charakteristisch für ihn wie kaum etwas anderes, und auf die glaubenden Nachfolger gehen diese Kräfte über. Jesus zählt auf, worauf sich die Jünger einstellen können — fünf „Zeichen“, im gezogenen Vers sind drei davon genannt: Der Glaubende vermag Schlangen mit den Händen hochzuheben, Gift kann ihm nichts anhaben und er kann durch Handauflegen Kranke heilen.

Beim ersten Lesen erinnert die Liste frappierend an weißmagische Praktiken. Manche der Handlungen bergen für den Ausführenden große Gefahr. Soll man diese Verse wörtlich lesen? Im Altertum war das Leeren eines Giftbechers gebräuchliche Hinrichtungsart. Paulus, dem es — auch nach eigenem Bekunden — nicht an Glauben mangelte, war durchaus überzeugt, dass seine Hinrichtung tödlich für ihn enden würde (siehe den BdW 2018/49). Aber er hat sich davon nicht schrecken lassen, nicht in der Missionstätigkeit vor seiner Verhaftung und auch nicht, als sein Leben tatsächlich zu Ende ging. Die Todesdrohung konnte ihm in der Tat nichts anhaben. 

Schlangen stehen in der Bibel für vieles: Streit und Sünde, aber auch Macht, Klugheit und sogar Weisheit und ewiges Leben, weil sie sich immer wieder häuten. Denkt man in erster Linie an Gift und Hader zwischen Menschen, so wäre es eine wunderbare, Gemeinschaft schaffende und erhaltende Gabe, Schlangen mit der Hand aufheben zu können. 

Jesu Reihung läse sich dann wie eine Assoziationskette: Das Austreiben von Dämonen geschieht im Neuen Testament durch intensive Ansprache dieser fremdartigen Wesen. Dazu gesellt sich unmittelbar die Rede in „neuen Zunge“. Wenn die Schlangen für Hass und Hader stehen, die der Glaubende aus dem System „herausnehmen“ kann, wäre das die natürliche Fortsetzung. Von der Schlange dann zum Gift, das dem Glaubenden nicht schaden kann, und vom Gift zum Kranken, zu einem anderen Menschen also, dessen Heilung der Glaubende mit einer Berührung seiner Hand (wieder der Hand) befördern kann. Vielleicht lässt sich die Kette nach diesem Muster auch fortsetzen, wie eine Zahlenreihe, so dass sie nacheinander alle wichtigen Aspekte des Lebens berührt. Die eigentliche Bedeutung der Aufzählung, ihr mathematischer „Grenzwert“, wäre dann: „Wenn ihr glaubt, vermögt ihr alles, worum ihr bittet.“ In dieser Form ist die Zusage an mehreren anderen Stellen des NT belegt, z.B. Mar 9:23, Mar 11:23, Luk 17:6, Mat 17:20.

Die drei im gezogenen Vers genannten übernatürlichen Kräfte, die Jesus den Glaubenden vermacht, sind die Fähigkeit zu heilen, die Fähigkeit, Streit aufzulösen und Frieden zu stiften und ein unbedingtes, lebensspendendes und lebenserhaltendes Vertrauen. Vielleicht sollten wir diese Kräfte im neuen Jahr einmal auf die Probe stellen. Wenn wir sie nur ein oder zweimal wirken lassen, können wir, mit Gottes Hilfe, ein oder zwei verfahrene, verzweifelte Situationen drehen.
Ulf von Kalckreuth