Der sah in einem Gesicht offenbarlich um die neunte Stunde am Tage einen Engel Gottes zu sich eingehen, der sprach zu ihm: Kornelius!
Apg 10,3
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Ein Sack unreinen Getiers…
Ein veritabler römischer Hauptmann wird mit einem Sack voll vierfüßiger, kriechender Tiere der Erde und allerlei Vögel des Himmels verglichen. Dieser Vergleich ist überhaupt nicht freundlich, öffnet ihm aber schließlich den Zutritt zur Gemeinschaft der ersten Christen.
Wer waren die ersten Christen? Es waren Juden. Juden mit einer besonderen religiösen Sicht: sie hatten in Jesus ihren Messias erkannt und seine Befreiungstat für sich angenommen, und damit auch Gottes Gnade. So berichtet es die Apostelgeschichte in ihren ersten Kapiteln. Die Römer machten in den ersten Jahrzehnten keinen Unterschied zwischen Christen und Juden. Die Betroffenen selbst waren sich der trennenden Unterschiede schmerzlich bewusst, auch Hass und Gewalt rührten daraus. Aber es waren Differenzen in einer Volks- und Religionsgemeinschaft, nicht zwischen zwei Gemeinschaften.
Das änderte sich in Stufen, als die frohe Botschaft auch zu Nichtjuden gelangte. Zuerst in Judäa, unter römischen und griechischsprachigen Nichtjuden, immer mehr aber auch im nahen Ausland. Sehr erfolgreich war das Evangelium unter den sogenannten Proselyten, den „Gottesfürchtigen“. Solche Menschen verehrten den Gott der Juden, waren aber den Juden nicht gleichgestellt. Sie werden schon in Psalm 118 als eigenständige Gruppe genannt. Damals wie heute definierte sich Zugehörigkeit zum Judentum über die Abstammung. Paulus der große Missionar unter den Heiden, war immer stolz darauf, jüdischer Christ zu sein.
Petrus muss umdenken und eine Aufgabe annehmen, die er gar nicht schätzt. Kapitel 10 der Apostelgeschichte berichtet von einer Vision und einer Begegnung und einem Zugnis des Heiligen Geistes. Er sieht, wie vom Himmel ein großes Tuch gereicht wird, gefüllt mit unreinen Tieren aller Art. Zu seinem Entsetzen hört er die Aufforderung: Petrus, steh auf, schlachte und iss. Es muß sich ihm der Magen umgedreht haben. Noch nie habe er, ruft er in den Himmel, etwas unreines gegessen. Die Antwort weist ihn zurecht: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten!
Domenico Fatti (geb 1589), Vision des Heiligen Petrus von den unreinen Tieren, ca 1619, Kunsthistorisches Museum Wien, Public Domain via Wikimedia Commons
Als er noch darüber nachdenkt, kommen Boten eines Hauptmanns der Römer mit Namen Kornelius, der ihn dringend bittet, zu kommen und das Evangelium zu predigen. Kornelius ist Proselyt, ein gepflügtes Feld also, das selbst um die Saat bittet. Auch der Hauptmann hatte nämlich eine Erscheinung: ein Engel des Herrn war zu ihm getreten — das ist unser Vers –und sagte ihm, dass seine Gebete erhört und seine Almosen gesehen worden seien: er solle nach Petrus in Jaffa schicken und ihn holen lassen.
Petrus versteht jetzt die Bedeutung seiner eigenen Vision und begibt sich umgehend zu Kornelius, obgleich sich das mit seiner Rolle als geistlicher Lehrer der Juden nicht verträgt. Die beiden Männer werden durch ihre Erscheinungen zueinander geführt, und Petrus hat die Weisung, das als rein anzuerkennen, was Gott rein gemacht hat.
Als Petrus dann vor dem Hauptmann und vielen anderen predigt, drückt der Heilige Geist selbst sein Siegel auf das Geschehen — er gießt sich aus über alle Anwesenden, Juden und Nichtjuden, und die jüdischen Christen sind regelrecht entsetzt, weil auch die Nichtjuden in Zungen reden und in Verzückung geraten.
Klarer Fall? Nein, noch nicht. Denn wie geht es weiter? Wie wird aus einem gläubigen Nichtjuden ein ordentlicher Christ? Petrus hat für sich die Aufgabe akzeptiert, Nichtjuden zu lehren. Viele aber sind der Meinung, dass aus den gläubig gewordenen Nichtjuden erst Juden werden müssten, damit sie Christen sein können. Beschneidung sei nötig und eine Übernahme der Speisegesetze. Das ist eine herbe Forderung — für erwachsene Männer war eine Beschneidung unter den damaligen Bedingungen lebensgefährlich. Einige Jahre später, auf einem Apostelkonzil, erklärt es Petrus schließlich öffentlich als ausreichend, dass die neuen Christen der Unzucht abschwören und recht wenige und sehr grundlegenden Einschränkungen der Speisekarte akzeptieren (Apg 15).
Das ist Petrus nicht leicht gefallen. Seine Vision, der Sack voll unreinen Getiers, spricht eine deutliche Sprache. Aber er hat die Kröte geschluckt und den Sack in seine Obhut genommen. Und dem Christentum damit den langen Weg zu einer Weltreligion geöffnet.
Heute sind die Christen in Deutschland und Europa in gewisser Weise auf dem Rückweg, einem Weg in die Diaspora. Aufhalten lässt sich dieser Vorgang nicht. Deshalb geht es darum, gut anzukommen in der Diaspora, als starke Gemeinde Gottes mit einem Auftrag in der Welt. Man kann von Petrus‘ Vision und ihren Folgen lernen — etwa, wenn es um die Einführung neuer, von manchen ungeliebter Gesangbücher geht, um alternative Liturgien, um die politische Ausrichtung der Kirche, um Mission und Gemeindereform. Die Frage muß immer lauten: Worauf kommt es an? Was ist christliche Identität? Was stützt die Botschaft und was nicht? Der Antwort muß sich alles andere unterordnen. Und ganz sicher muß die Gemeinde Gottes nicht jeden Waggon entern, der irgendwo herumsteht.
Gott sei immer mit uns!
Ulf von Kalckreuth
