Bibelvers der Woche 16/2026

Der sah in einem Gesicht offenbarlich um die neunte Stunde am Tage einen Engel Gottes zu sich eingehen, der sprach zu ihm: Kornelius!
Apg 10,3

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Ein Sack unreinen Getiers…

Ein veritabler römischer Hauptmann wird mit einem Sack voll vierfüßiger, kriechender Tiere der Erde und allerlei Vögel des Himmels verglichen. Dieser Vergleich ist überhaupt nicht freundlich, öffnet ihm aber schließlich den Zutritt zur Gemeinschaft der ersten Christen. 

Wer waren die ersten Christen? Es waren Juden. Juden mit einer besonderen religiösen Sicht: sie hatten in Jesus ihren Messias erkannt und seine Befreiungstat für sich angenommen, und damit auch Gottes Gnade. So berichtet es die Apostelgeschichte in ihren ersten Kapiteln. Die Römer machten in den ersten Jahrzehnten keinen Unterschied zwischen Christen und Juden. Die Betroffenen selbst waren sich der trennenden Unterschiede schmerzlich bewusst, auch Hass und Gewalt rührten daraus. Aber es waren Differenzen in einer Volks- und Religionsgemeinschaft, nicht zwischen zwei Gemeinschaften.  

Das änderte sich in Stufen, als die frohe Botschaft auch zu Nichtjuden gelangte. Zuerst in Judäa, unter römischen und griechischsprachigen Nichtjuden, immer mehr aber auch im nahen Ausland. Sehr erfolgreich war das Evangelium unter den sogenannten Proselyten, den „Gottesfürchtigen“. Solche Menschen verehrten den Gott der Juden, waren aber den Juden nicht gleichgestellt. Sie werden schon in Psalm 118 als eigenständige Gruppe genannt. Damals wie heute definierte sich Zugehörigkeit zum Judentum über die Abstammung. Paulus der große Missionar unter den Heiden, war immer stolz darauf, jüdischer Christ zu sein. 

Petrus muss umdenken und eine Aufgabe annehmen, die er gar nicht schätzt. Kapitel 10 der Apostelgeschichte berichtet von einer Vision und einer Begegnung und einem Zugnis des Heiligen Geistes. Er sieht, wie vom Himmel ein großes Tuch gereicht wird, gefüllt mit unreinen Tieren aller Art. Zu seinem Entsetzen hört er die Aufforderung: Petrus, steh auf, schlachte und iss. Es muß sich ihm der Magen umgedreht haben. Noch nie habe er, ruft er in den Himmel, etwas unreines gegessen. Die Antwort weist ihn zurecht: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten!

Peter's vision of a sheet full of unclean animals, from Acts 10:11

Domenico Fatti (geb 1589), Vision des Heiligen Petrus von den unreinen Tieren, ca 1619, Kunsthistorisches Museum Wien, Public Domain via Wikimedia Commons

Als er noch darüber nachdenkt, kommen Boten eines Hauptmanns der Römer mit Namen Kornelius, der ihn dringend bittet, zu kommen und das Evangelium zu predigen. Kornelius ist Proselyt, ein gepflügtes Feld also, das selbst um die Saat bittet. Auch der Hauptmann hatte nämlich eine Erscheinung: ein Engel des Herrn war zu ihm getreten — das ist unser Vers –und sagte ihm, dass seine Gebete erhört und seine Almosen gesehen worden seien: er solle nach Petrus in Jaffa schicken und ihn holen lassen. 

Petrus versteht jetzt die Bedeutung seiner eigenen Vision und begibt sich umgehend zu Kornelius, obgleich sich das mit seiner Rolle als geistlicher Lehrer der Juden nicht verträgt. Die beiden Männer werden durch ihre Erscheinungen zueinander geführt, und Petrus hat die Weisung, das als rein anzuerkennen, was Gott rein gemacht hat. 

Als Petrus dann vor dem Hauptmann und vielen anderen predigt, drückt der Heilige Geist selbst sein Siegel auf das Geschehen — er gießt sich aus über alle Anwesenden, Juden und Nichtjuden, und die jüdischen Christen sind regelrecht entsetzt, weil auch die Nichtjuden in Zungen reden und in Verzückung geraten. 

Klarer Fall? Nein, noch nicht. Denn wie geht es weiter? Wie wird aus einem gläubigen Nichtjuden ein ordentlicher Christ? Petrus hat für sich die Aufgabe akzeptiert, Nichtjuden zu lehren. Viele aber sind der Meinung, dass aus den gläubig gewordenen Nichtjuden erst Juden werden müssten, damit sie Christen sein können. Beschneidung sei nötig und eine Übernahme der Speisegesetze. Das ist eine herbe Forderung — für erwachsene Männer war eine Beschneidung unter den damaligen Bedingungen lebensgefährlich. Einige Jahre später, auf einem Apostelkonzil, erklärt es Petrus schließlich öffentlich als ausreichend, dass die neuen Christen der Unzucht abschwören und recht wenige und sehr grundlegenden Einschränkungen der Speisekarte akzeptieren (Apg 15).  

Das ist Petrus nicht leicht gefallen. Seine Vision, der Sack voll unreinen Getiers, spricht eine deutliche Sprache. Aber er hat die Kröte geschluckt und den Sack in seine Obhut genommen. Und dem Christentum damit den langen Weg zu einer Weltreligion geöffnet. 

Heute sind die Christen in Deutschland und Europa in gewisser Weise auf dem Rückweg, einem Weg in die Diaspora. Aufhalten lässt sich dieser Vorgang nicht. Deshalb geht es darum, gut anzukommen in der Diaspora, als starke Gemeinde Gottes mit einem Auftrag in der Welt. Man kann von Petrus‘ Vision und ihren Folgen lernen — etwa, wenn es um die Einführung neuer, von manchen ungeliebter Gesangbücher geht, um alternative Liturgien, um die politische Ausrichtung der Kirche, um Mission und Gemeindereform. Die Frage muß immer lauten: Worauf kommt es an? Was ist christliche Identität? Was stützt die Botschaft und was nicht? Der Antwort muß sich alles andere unterordnen. Und ganz sicher muß die Gemeinde Gottes nicht jeden Waggon entern, der irgendwo herumsteht. 

Gott sei immer mit uns!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 13/2026

…und sind Viehhirten, denn es sind Leute, die mit Vieh umgehen; ihr kleines und großes Vieh und alles, was sie haben, haben sie mitgebracht.
Gen 46,32

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Unverhofftes Wiedersehen

Die Verhältnisse zwischen den Brüdern sind geklärt. Josef, der Ausgestoßene, den seine Brüder nach Ägypten verkauft hatten, ist dort zum mächtigen Vizekönig geworden. Die Versöhnung ist sehr schwierig und komplex, doch am Ende gelingt sie. 

Die Brüder sind als Bettler nach Ägypten gekommen, die Familie braucht eine Zukunft. Josef denkt nach: wie soll er seine Brüder beim Pharao einführen? Und er kommt zu einem eigentümlichen Ergebnis. Dies sind meine Brüder und Schwestern, will er sagen. Und dass sie Viehhirten seien, denn Viehhirten sind den Ägyptern ein Greuel. Der Pharao werde sie dann im Land Goschen wohnen lassen.

Wie soll man das verstehen? Zunächst einmal ist es schlicht die Wahrheit: Jakob und seine Söhne sind Viehhirten, auch Josef ist so aufgewachsen. Aber es ist eine wenig schmeichelhafte Wahrheit, die zu gesellschaftlicher Isolation führt. Als nomadisierende Viehhirten sind sie in Ägypten Menschen zweiter und dritter Klasse. Warum betont Josef diesen Punkt dezidiert?

Die Kommentatoren sind sich einig: Josef will, dass die Familie ihre Identität bewahrt und sich nicht vermischt mit den Ägyptern. Es geht um religiöse Identität — die Ägypter beten zu verschiedenen Göttern, und der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist nicht darunter. Josef kalkuliert, dass der Pharao den großen nomadisierenden Clan nicht in seinen Kernlanden wird siedeln lassen, sondern an der Peripherie, in einer Gegend, die sich für Viehzucht eignet. 

Und so kommt es. War es gut? Die Bibel meint: ja, denn die Söhne Israels wachsen heran zu dem Volk, das Gott sich erwählt hat. Aber die Hebräer sind Pariahs und in dieser Stellung gefangen. Zu den Ägyptern haben sie kaum Kontakt. Die Bibel ist realistisch. Was da heranwächst, ist ein Volk von Bausklaven. Und nur das direkte Eingreifen Gottes kann sie schließlich dort herausführen.

Das Wort „Hebräer“ lässt sich aus einer Wurzel ableiten, die „umherschweifen“, „herübergehen“ bedeutet, und viele Kommentatoren bringen es in Beziehung zu „hapiru“ ein Wort für rechtlose Menschen am Rande der Gesellschaft. Kann es richtig sein, auf die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten zu verzichten, die im Austausch mit der dominierenden Kultur liegen?

Man könnte Doktorarbeiten über diese Frage schreiben. Zum Glück habe ich das vor rund dreissig Jahren schon erledigt 🙂 Ja, wirklich, hier der Beweis. Ein Teil meiner Arbeit hat sich mit der Frage befasst, wie Verteilung und Wachstum in dualistischen Gesellschaften sich gegenseitig bedingen. In dualistischen Gesellschaften koexistieren Angehörige moderner und traditioneller Kulturen. Forcierte Kapitalakkumulation beschleunigt das Wachstum auf Kosten verstärkter Ungleichheit, ein klassischer Zielkonflikt in der Entwicklungspolitik.

Der Schlüssel ist soziale Integration und kulturelles Lernen. Kulturelles Lernen bewirkt Wachstum und verringert dabei Ungleichheit. Es ist ein Wachstumsmotor, der neue Ressourcen schafft, und es gleicht Lebenschancen verschiedener Gruppen einander an, langfristig wie kurzfristig. Josefs Sätze habe ich darum gelesen, als seien sie fett in roter Farbe gedruckt — ein unverhofftes Wiedersehen mit einer alten und für mich sehr wichtigen Frage. 

Die Stammväter kommen in Kontakt mit der höchstentwickelten Kultur ihrer Zeit weltweit. Was für eine Chance! Und hier werden die Bedingungen dieser Begegnung verhandelt. Wenn es ausschließlich darum geht, das Volk Gottes rein zu halten — das große Thema der Torah — dann mag es richtig sein, am Rand dieser Gesellschaft zu bleiben und auf ihre übervollen Möglichkeiten zu verzichten. In allen anderen Fällen ist es bedauerlich. Die europäische Geschichte handelt von Migrationsereignissen aller Art, und fast immer verschwinden ethnische Binnendifferenzierungen nach wenigen Generationen. Kulturelle Begegnung ist eine Chance. Im günstigen Fall setzen sich im Austausch die überlegenen Techniken, Routinen, Verhaltensmuster, Kommunikationswege durch, all das eben, was Kultur ausmacht. So hat die ganze Welt Ackerbau und Viehzucht gelernt, den Städtebau und arbeitsteiliges Wirtschaften. Was wäre Musik, wenn wir nicht voneinander lernen könnten? 

Wir werden alt und sterben, und allein dadurch gerät viel in Vergessenheit und verschwindet, ganz von selbst. Unsere Chance besteht darin, voneinander zu lernen. Unsere Identität, individuell wie kollektiv, bleibt davon nicht unberührt.

Josef, dem großen Träumer und Visionär ist zuzutrauen, dass er all dies gesehen und erwogen hat. Ein hoher Preis. Und seine Brüder haben ihn nicht gekannt.

Ich wünsche uns allen Gottes Segen im Austausch mit denen, die anderes kennen, wissen und verstehen als wir selbst.
Ulf von Kalckreuth


Anmerkung: Ich stelle eben fest, dass die im Netz verfügbare Fassung meines ausgekoppelten Diskussionspapiers zu sozialem Lernen in dualistischen Volkswirtschaften beschädigt ist, es fehlen alle Grafiken. Deshalb nutze ich die Gelegenheit, es hier noch einmal einzustellen: 

Ulf von Kalckreuth, Social learning in dualistic societies: Segregation, growth and distribution. Institut für Volkswirtschaftslehre und Statistik. Universität Mannheim, Discussion Paper No. 571-99, January 2000

Using a simple model of social learning, we endogenize growth and distribution in a dualistic developing society. For given parameters of the learning technology, a trade-off between growth and equity results. On the other hand, more intensive social interaction between agents will raise the growth rate and lower the income differential at the same time. The economic consequences of lacking social integration are sluggish growth and high inequality.

Bibelvers der Woche 51/2025

Nachthimmel

Siehe, ich will über euch vom Hause Israel, spricht der HErr, ein Volk von ferne bringen, ein mächtiges Volk, dessen Sprache du nicht verstehst, und kannst nicht vernehmen, was sie reden.
Jer 5,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Gedankenexperiment

Jeremia kündigt im Namen Gottes die Vernichtung an. Hier der Vers im Kontext, in der Übersetzung von 1984:

Siehe, ich will über euch vom Hause Israel ein Volk von ferne her bringen, spricht der HERR, ein Volk von unerschöpflicher Kraft, ein uraltes Volk, ein Volk, dessen Sprache du nicht verstehst, und was sie reden, kannst du nicht vernehmen. Seine Köcher sind wie offene Gräber; es sind lauter Helden. Sie werden deine Ernte und dein Brot verzehren, sie werden deine Söhne und Töchter fressen, sie werden deine Schafe und Rinder verschlingen, sie werden deine Weinstöcke und Feigenbäume verzehren; deine festen Städte, auf die du dich verlässt, werden sie mit dem Schwert einnehmen.

Gott verlässt sein Volk. Nicht ganz, ein Rest des Landes und der Menschen sollen bleiben, damit ein neuer Anfang möglich wird. Jeremia spricht diese Worte irgendwann in der Zeit zwischen den Jahren 625 v. Chr, dem ungefähren Datum seiner Berufung als Prophet, und 597 v.Chr, der ersten Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar. Es folgt eine zweite Eroberung, die dem Staat Juda ein Ende bereitet und die Deportation großer Teile der Bevölkerung nach sich zieht.  

Der Vers klingt für uns dunkel, aber damals war er Klartext. Gerade war Babylon neu entstanden, wie eine Supernova. Assyrien hatte sich die große alte Stadt vor langer Zeit einverleibt, aber die Geschichte, die Kultur, die Sprache und die ethnische Identität der Babylonier waren wachgeblieben. Als die Despotie schwach wurde, stand Babylon auf und dehnte sich mächtig aus, auf den Trümmern des assyrischen Großreichs und weit darüber hinaus. Als Jeremia schrieb, versuchten die Könige Judas noch, durch Taktieren und wechselnden Allianzen sich Vorteile zu verschaffen und ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Ein Volk von unerschöpflicher Kraft, ein uraltes Volk, dessen Sprache du nicht verstehst, und was sie reden, kannst du nicht vernehmen... Im Exil würden die Judäer Gelegenheit haben, die Sprache der Eroberer zu lernen… 

Warum gibt Gott sein Volk preis? Jeremia spricht von der Gleichgültigkeit gegenüber Gott, der Abkehr von seinem Gesetz, der Hinwendung zu falschen Göttern und von Unwahrhaftigkeit, Lüge und Eigennutz auf Seiten der Elite. 

So weit die Eisenzeit und der Orient.

Ein Gedankenexperiment: Wenn der Vers morgen über dem weihnachtlichen Winterhimmel Frankfurts stünde, in Feuerschrift, und wenn dann klar würde, dass es sich nicht um eine Lasershow handelte? Könnten auch wir Klartext verstehen, in unserer Zeit? 

Jeder selbst kann sich das fragen. Was die Drohung betrifft, so fällt mir Rußland ein, oder besser noch, China — ein Volk von unerschöpflicher Kraft, ein uraltes Volk, dessen Sprache du nicht verstehst. Und der Hintergrund, das Warum? Die Stadt und das Land säkularisieren, entchristianisieren sich unfassbar schnell. Wir dienen keinen klassischen Götzen, nein, aber wir vergötzen das Ich. Liebe Gott und liebe Deinen Nächsten wie dich selbst, liebe deine Familie, liebe auch deinen Feind, so lautet das Gesetz Gottes. Sei mit deinem Ich im Zusammenhang aller mit allen…!

Ich sehe meine eigene Schicht, ein Genrebild. Wir schauen auf uns und optimieren alles. Work-Life-Balance, Urlaub, Karriere, Vermögensaufbau, Sicherheit im Alter und ein Eigenheim. Achtsamkeit als Ersatzreligion, Geschlechtsidentitäten. Gesundheit und Fitness. Sünde heute — das ist, einen Vorteil zu verpassen. Kinder sind dem allen mehr als abträglich, deshalb haben wir keine. Im Alter werden Zuwanderer für uns sorgen, und deren Kinder, so glauben wir. Unsere Welt könnte riesig groß sein, und sie ist doch sehr klein. Der Grund, auf dem wir stehen, schwindet. Nach uns die Sintflut. Wir sind nicht offen bösartig, aber wenn es irgend geht, blenden wir die Welt einfach aus. Das Los soll entscheiden, wer gemustert wird. Unsere Seelen sind in sozialen Netzen gefangen.

Das könnte schon passen. Die Erzählungen der Bibel umfassen einen Zeitraum von rund zweitausend Jahren, und ebenso lang ist es her, dass die Sammlung abgeschlossen wurde. Aber irgendwie kann alles gleichzeitig zu uns sprechen, Segen und auch Fluch…  

Die Adventszeit ist Vorbereitung auf eine Endzeit. Nichts bleibt, wie es ist. Ich wünsche uns einen frohen dritten Advent. Das Beitragsbild oben stammt von meiner Tochter Mathilde. Unsere Woche sei gesegnet, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 23/2025

Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen
Tit 2,11

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Gnade — für wen?

Paulus schreibt an Titus und setzt ihn als geistlichen Führer in Kreta ein. Dabei gibt er ihm Richtlinien mit, denen seine Führung folgen soll. Hier ist zunächst der ganze Satz, dessen Teil unser Vers ist: 

Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.

Über die Gnade Gottes sagt dies weniger als der überreiche Vers vom ‚Gnadenstuhl‘ in der letzten Woche — aber auch mehr. Die Gnade impliziert, ja fordert ein gottesfürchtiges Verhalten. Und dann ist da noch etwas. Jesus schafft durch das Erlösungswerk am Kreuz sich selbst ein „Volk zum Eigentum“, gereinigt und eifrig zu guten Werken — so wie es Gott durch Mose getan hat, beim Auszug der Israeliten aus Ägypten, der Gabe der Torah am Sinai und der vierzigjährigen Wanderung in der Wüste. 

Ein neues Volk Gottes? Im Vers selbst ist die Rede von „allen Menschen“. Paulus war intensiv mit seiner doppelten Identität als Jude und Christ beschäftigt, mit den Widersprüchen und wechselseitigen Verstärkungen, die das mit sich brachte. Kann er von einem neuen Volk Gottes schreiben? Aber das ist es doch, was Christen glauben, oder? 

Der Friede Gottes sei mit uns,
Ulf von Kalckreuth