Bibelvers der Woche 11/2022

… soll man königliche Kleider bringen, die der König pflegt zu tragen, und ein Ross, darauf der König reitet, und soll eine königliche Krone auf sein Haupt setzen;
Est 6,8

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Über sich selbst richten

Es ist ein wiederkehrendes Thema in der Bibel, dass wir mit dem, was wir sagen und tun, über uns selbst richten. Hier trifft es Haman, den Schurken im Buch Esther: der König verlangt, dass Haman ihm sage, wie er einen verdienten Mann ehren könne. Haman denkt, der König meine ihn . Der König aber weiss, was er tut: die Ehrung gilt seinem Feind Mordechai, und Haman selbst muss sie vornehmen. Das weist auf das — für Haman tödliche — Ende voraus. 

Purim, das Fest zu Ehren der Königin Esther und ihres Siegs gegen den Schurken Haman, das Fest, auf dem alles sich wendet und sonderbar ins Gegenteil verkehrt, fällt in diese Woche. Was für ein Zufall. Chag sameach purim!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 10/2022

Also gehorchen wir der Stimme unsres Vater Jonadab, des Sohnes Rechabs, in allem, was er uns geboten hat, dass wir keinen Wein trinken unser Leben lang, weder wir noch unsre Weiber noch Söhne noch Töchter,…
Jer 35,8

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Gehorsam über Jahrhunderte

Der Herr spricht hier mit Jeremia in einer Art Gleichnis. Er verweist auf die nomadisch lebenden Rechabiter, die sich vielem enthalten, was das Leben in den Augen der Zeitgenossen erst lebenswert macht. Obwohl das Lebensmodell ihres Stammvaters Jonadab höchst unbequem ist: die Rechabiter folgen ihm klaglos seit Jahrhunderten. Die Fortsetzung des Satzes lautet, in Jer 35, 9+10:

…und bauen auch keine Häuser, darin wir wohnten, und haben weder Weinberge noch Äcker noch Samen, sondern wohnen in Hütten und gehorchen und tun alles, wie unser Vater Jonadab geboten hat.

Wenn wir solche Menschen träfen, was würden wir wohl denken?

Bibelvers der Woche 09/2022

Im fünfzigsten Jahr Asarjas, des Königs in Juda, ward König Pekahja, der Sohn Menahems, über Israel zu Samaria, zwei Jahre;…
2 Kö 15,23

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Der drittletzte König Israels, des Nordreichs: er regiert nur zwei Jahre und fällt dann einer Verschwörung zum Opfer, wird in seiner eigenen Palastanlage getötet. Der Mörder wird sein Nachfolger. Es geht dem Ende zu…

Der Herr sei mit uns in dieser Woche!

Bibelvers der Woche 08/2022

…von Syrien, von Moab, von den Kindern Ammon, von den Philistern, von Amalek, von der Beute Hadadesers, des Sohnes Rehobs, König zu Zoba.
2 Sa 8,12

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. Der gezogene Vers ist ein Fragment. Hier ist der vollständige Satz, 2 Sa 8, 1+12:

Auch diese heiligte der König David dem HERRN samt dem Silber und Gold, das er geheiligt hatte von allen Völkern, die er unterworfen hatte, von Aram, von Moab, von den Ammonitern, von den Philistern, von Amalek und von dem, was er erbeutet hatte von Hadad-Eser, dem Sohn Rehobs, dem König von Zoba.

David sammelt Geld und Güter für den Bau des Tempels… bei anderen! Für den Zusammenhang siehe auch den Kommentar zum BdW 27/2021, eine Parallelstelle aus der Chronik.

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Ende der Kommentierung

Der BdW 07/2022 ist ein guter Abschluss. Ich fühle mich mit der Kommentierung überfordert. Seit über vier Jahren begleitet mich die Arbeit daran durch die Woche — meist habe ich sonntags angefangen, Material, Ideen und Assoziationen zu sammeln, und am Freitagabend sollte es druckreif im Netz stehen. Jetzt gibt es 216 solcher Kommentare. Mit vielleicht anderthalb Seiten je Kommentar ist das ein stattliches Buch. 245 Bibelverse habe ich insgesamt gezogen, das sind fast 0,8% der ganzen Bibel!

Ich werde vielleicht einmal darüber schreiben, was ich dabei gelernt habe. Es ist viel. Als ich anfing, kannte ich die Bibel kaum, heute liegt sie wie eine Höhle voller Schätze vor mir, und ich halte ein Öllämpchen in der Hand, mit dem ich diese Schätze sehen kann — manches davon funkelt leuchtend, anderes schimmert schemenhaft im Hintergrund.

Die Website steht, und ich werde sie erhalten. Ich will auch vorerst weiter ziehen und manchmal vielleicht das nötigste dazu sagen. Vielleicht findet sich jemand, der einen Kommentar abgeben will, vielleicht sind Sie es? Technisch ist es ganz leicht, am Ende eines jeden Beitrags steht ein Kommentarfeld, Was Sie dort schreiben, steht unter dem Bibelvers, nach einer Freigabe durch mich.

Ich wünsche uns eine gute Reise durchs Leben,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 07/2022

Jesus aber sprach zu ihm: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte.”
Mat 22,37

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Das ganze Gesetz und die Propheten

Der Vers ist eine Antwort. Die Frage lautet „Was ist das höchste Gebot im Gesetz“. Jesus fügt hinzu: „Dies ist das höchste und erste Gebot“,. und fährt dann fort: „Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. In diesen beiden Geboten, sagt er, hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Die Antwort besteht aus zwei Kernsätzen der Thora. Die erste Forderung, Gott unbedingt zu lieben, ist aus 5.Mo 6,5 und steht am Beginn des „Schma‘ Israel“, mit dem Juden den Herrn bekennen. Die Forderung, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, steht in 3.Mo 19,18 geschrieben. Jesus fasst das Gesetz zusammen und er tut es für Christentum und Judentum gleichermaßen:

»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«

»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«

Es sind zwei Gebote, die innig zusammengehören. Wir können Gott im Menschen lieben und den Menschen in Gott. Manchmal mag das eine im Vordergrund stehen, manchmal das andere.

Wie sie so vor uns stehen, beschreiben die Gebote einen Heiligen. Möge aber die kommende Woche einen Tag haben, an dem uns beides gleichermaßen gelingt.
Ulf von Kalckreuth

—————— In eigener Sache ———————————

Dieser Vers ist ein guter Abschluss. Ich fühle mich mit der Kommentierung überfordert. Der Bibelvers der Woche begleitet mich seit über vier Jahren durch die Woche — meist habe ich sonntags angefangen, Material, Ideen und Assoziationen zu sammeln, und am Freitagabend sollte es druckreif im Netz stehen. Jetzt gibt es 216 solcher Kommentare. Mit vielleicht anderthalb Seiten je Kommentar ist das ein stattliches Buch. 245 Bibelverse habe ich insgesamt gezogen, das sind fast 0,8% der ganzen Bibel!

Ich werde vielleicht einmal darüber schreiben, was ich dabei gelernt habe. Es ist viel. Als ich anfing, kannte ich die Bibel kaum, heute liegt sie wie eine Höhle voller Schätze vor mir, und ich halte ein Öllämpchen in der Hand, mit dem ich diese Schätze sehen kann — manches davon funkelt leuchtend, anderes schimmert schemenhaft im Hintergrund.

Die Website steht, und ich werde sie erhalten. Ich will auch vorerst weiter Verse ziehen. Vielleicht findet sich jemand, der einen Kommentar abgeben will, vielleicht sind Sie es? Technisch ist es ganz leicht, am Ende eines jeden Beitrags steht ein Kommentarfeld, Was Sie dort schreiben, steht unter dem Bibelvers, nach einer Freigabe durch mich.

Ich wünsche uns eine gute Reise durchs Leben,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 06/2022

Du erneuest deine Zeugen wider mich und machst deines Zornes viel auf mich; es zerplagt mich eins über das andere in Haufen.
Hiob 10,17

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Ungute Wendung

Noch einmal Hiob, wie in der letzten Woche. Während es aber dort eine letztlich positive Botschaft gab, ist dieser Vers Kernstück einer schweren Anklage. 

Hiob erinnert daran, wie Gott ihn geschaffen habe. Mit Vers 8 beginnt eine Art persönlicher Schöpfungsbericht: Der Herr habe ihn aus Lehm gemacht, wie Milch hingegossen und wie Käse gerinnen lassen, ihm Haut und Fleisch angezogen, und Sehnen ihm geflochten: „Leben und Wohltat hast Du mir getan, und deine Obhut hat meinen Odem bewahrt.“ 

Das klingt ganz wie Lobpreis und Dank im Psalmvers, Aber Hiob setzt anders fort. In dieser großartigen, väterlichen Schöpfung verbirgt nämlich Gott etwas, das erst später zum Vorschein kommt. Er wird sein Geschöpf drangsalieren mit Schuld. Wenn Hiob sündigt, wird er hart bestraft. Wenn er nicht sündigt und sich in allem nach Gottes Wort richtet, muß er dennoch mit Schmach und Elend leben, darf er sein Haupt nicht aufrichten. Täte er es doch, würde Gott wie ein Raubtier über ihn herfallen — „würdest Du mich jagen wie ein Löwe“. Dann kommt unser Vers. In der modernen Übersetzung lautet er: „Du würdest immer neue Zeugen gegen mich stellen und deinen Zorn auf mich noch mehren und immer neue Heerhaufen gegen mich senden.“

Hiob erlebt sein Leben mit Gott als ausweglos. Ich lerne gerade ein hebräisches Lied singen, „Laila, Laila“ von Mordechai Zeira und Natan Alterman. Das Lied ist aus der Mitte des 20. Jahrhundert, aber es wirkt viel älter. Form und Melodie sind die eines Schlaflieds: „Nacht, Nacht“ beginnen viele Verzeilen und andere mit „Still, still“. Die erste Strophe evoziert die Nacht und ihre unbestimmte Ruhelosigkeit. Die angesprochene Frau, ein Mädchen vielleicht, soll die Kerzen löschen und still sein. Dann wird von drei bewaffneten Reitern erzählt, die durch diese Nacht eilen, um ihr zu helfen. Soweit könnte man es seinem Kind am Bett singen. Aber wie bei Hiob nimmt es eine ungute Wendung. Der erste Reiter fällt einer Gewalttat zum Opfer, der zweite dem Schwert, und der dritte kommt durch, hat aber den Namen derer vergessen, die er retten soll. Und sie ist allein und wartet am leeren Weg… Hier ist ein Link zum Lied, von einem Meister gesungen.

„Mich ekelt mein Leben an!“, beginnt das Kapitel, und Hiob schließt seine Anklage wie folgt: 

So höre auf und lass ab von mir, dass ich ein wenig erquickt werde, ehe denn ich hingehe – und komme nicht zurück – ins Land der Finsternis und des Dunkels, ins Land, wo es stockfinster ist und dunkel ohne alle Ordnung, und wenn’s hell wird, so ist es immer noch Finsternis. 

Zu diesen Versen gibt es ein bekanntes Gegenstück, Psalm 139 11f: 

Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht. 

Ich glaube, diese beiden Stellen gehören zusammen, eine antwortet der anderen wie der Tag der Nacht und die Nacht dem Tag. Man hat das Bedürfnis, Hiobs Klage wegzuargumentieren. Seine Freunde übertreffen sich darin gegenseitig. Ich will das nicht tun Das Buch Hiob ist für die Ewigkeit — auch und gerade mit seiner Anklage. Gott kann damit umgehen. Die Antwort, die er schließlich gibt, gilt Hiob und niemandem sonst.

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche, die uns seiner Antwort an je uns näherbringen möge,
Ulf von Kalckreuth

Laila, Laila von M. Zeira und N. Alterman (1948) Übersetzung Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 05/2022

Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge um.
Hiob 28,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Weisheit — und wie man sie findet

Das ist orientalisch: die Hälfte des Kapitels wird auf eine Hinführung verwendet, bei der das, worum es eigentlich geht, nicht erwähnt wird. Zwölf lange Verse hindurch gibt Hiob ein Beispiel nach dem anderen für Dinge, die ihre versteckte Orte haben, und die man doch findet, mit großer Mühewaltung und Kunst. Der Vers ist ein Teil dieser Beschreibung, die schließlich zu dem führt, worum es eigentlich geht (Vers 9-12):  

Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge von Grund aus um. Man bricht Stollen durch die Felsen, und alles, was kostbar ist, sieht das Auge. Man wehrt dem Tröpfeln des Wassers und bringt, was verborgen ist, ans Licht. Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

Zu finden ist sie nicht, und zu kaufen auch nicht. Weisheit wird als inkommensurabel mit Gold und Gütern bezeichnet — man kann sie nicht bezahlen, weil es keinen Betrag gibt, der ihrem Wert entspricht. Das ist eine Botschaft, die wir aus dem Buch der Sprüche schon kennen, siehe den BdW 50/2020. Gibt es sie dann überhaupt? Ja, sie ist bei Gott. Und Gott schuf sie nicht einfach. Bei der Schöpfung der Welt „sah er sie und verkündete sie, bereitete sie und ergründete sie“ (V. 27). Sie ist Gott zwar nachgeordnet, aber ebenso ewig wie er. In der Einleitung des Buchs der Sprüche spricht die Weisheit selbst (Spr 8, 22- 31):   

Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

Die Weisheit spielt mit Gott und er mit ihr, es ist dies eine sehr vertraute Beziehung. Uns hingegen ist sie unsichtbar und unzugänglich — das Wühlen im Berg als Bild für ein mühsame Erarbeiten hilft ebensowenig wie der Versuch, sie zu kaufen. So spricht ein Text, der geschrieben ist von Menschen, denen Weisheit das kostbarste war. 

Hiob kommt zu einer sehr einfachen Conclusio: Dem Menschen selbst ist die Weisheit nicht zugänglich und sie ist bei Gott. Wenn Gott also dem Menschen geneigt ist, dann führt ein Weg zu ihr über Gottes Gebote: „Siehe: die Furcht des Herrn, das ist Weisheit und meiden das Böse, das ist Einsicht“.

Weisheit ist im Kern praktische Lebenskunst, siehe den BdW 16/2019. Gottes Gebote sind von Weisheit durchdrungen und der Weg zu gutem Leben. Wenn du sie befolgst, so sagt das Kapitel, verhältst du dich weise, auch wenn deinem Verstand die dafür eigentlich nötige Einsicht fehlt. Du brauchst die analytische, die intellektuelle Einsicht gar nicht: befolgst du die Gebote Gottes, tust du ebendas, was du auch tun würdest, wenn du diese Einsicht hättest. Gottesfurcht ist ein damit Surrogat, mehr noch, ein Äquivalent zur Weisheit, im Ergebnis nicht von ihr zu unterscheiden.

Philosophisch interessant ist folgendes: der Mensch gelangt so auf einem Umweg tatsächlich zu Weisheit — wenn die Brücke trägt, wenn Gott sein Freund ist. Der Hermeneutiker würde nämlich sagen, dass wahre Weisheit auch die eigenen geistigen Beschränkungen berücksichtigt und den bestmöglichen Umgang damit. Und der Empiriker könnte feststellen, dass zwei Dinge nicht verschieden sind, wenn sie sich nicht unterscheiden lassen.

Das Buch Hiob ist eine Übung in Dialektik. Jede seiner Wahrheiten wird zur Waffe für den Verfechter der gegenteiligen Position. Manchmal will es mir scheinen, das Buch sei darin wie die Welt selbst. Hiob entwickelt seinen Freunden das Konzept von der in Gottes Geboten eingebetteten Weisheit, um damit seine finale Anklage vorzubereiten. Gott hält sein Versprechen nicht, sagt er, denn Hiob gerät ins Unglück, obwohl er sein Leben ganz auf Gottes Gebote gebaut hat. Die Brücke trägt nicht!

Aber am Ende leuchtet Gott wie die Sonne, ohne sich auf einen einfachen Zusammenhang reduzieren zu lassen. Er lässt sich nicht berechnen und ergreift Hiob, nimmt ihn einfach mit. Im Grunde macht er damit Hiobs Worte über die Weisheit wahr.

Ich wünsche uns eine Woche, in der Weisheit in unserem Tun liegt, auch wenn unser Verstand sie nicht erreicht,
Ulf von Kalckreuth

Ulf von Kalckreuth, Niederursel, 6. April 2021

Bibelvers der Woche 04/2022

…wie geschrieben steht: „Der viel sammelte, hatte nicht Überfluss, der wenig sammelte, hatte nicht Mangel.”
2 Kor 8,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Die Bibel und Karl Marx

Der Bibelvers der Woche wird zufällig gezogen, aber manchmal arbeitet der Zufallsgenerator in meinem Computer wie ein Herausgeber: Heute geht es noch einmal um die große Sammlung für die Gemeinde in Jerusalem, aber aus einer anderen Perspektive!

In der letzten Woche sind wir Paulus auf seiner letzten Reise begegnet. Die Gemeinde in Jerusalem war in Not geraten, und er wollte den Brüdern eine große Gabe der heidenchristlichen Gemeinden überbringen, als Zeichen der Einheit. Der Vers dieser Woche stammt aus einer Werbeschrift für ebendiese Sammlung. Im armen Makedonien war sie erfolgreich abgeschlossen, und nun wirbt Paulus im reichen Korinth dafür — das ist Kapital 8 und 9 des zweiten Korintherbriefs. Dabei zieht er alle Register. Die Gemeinde sammelte seit dem letzten Jahr, und Paulus will nun gern auch ein Wollen erkennen, sagt er, sie sollen nun aber das Tun vollenden, damit es nicht beim Wollen bleibe. 

„Nicht, dass die anderen (in Jerusalem) Ruhe haben und ihr Not leidet, sondern dass es zu einem Ausgleich komme (V. 13). Und dann er gebraucht er ein Bild, aus dem sich eine Ethik der Gleichverteilung ableiten lässt. Unser Vers oben ist ein Zitat aus Exodus, er erinnert an die Erzählung vom Manna, das in der Wüste den hungrigen Israeliten Nahrung brachte. Als das Manna erstmals vom Himmel fiel, hieß Mose die Kinder Israel sammeln, und gab ihnen dazu eine Verteilungsregel: 

Das ist’s aber, was der Herr geboten hat: ein jeder sammele, soviel wie er zum Essen braucht, einen Krug voll für jedem nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. Und die Israeliten taten’s und sammelten, der eine viel, der andere wenig. Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte. (2. Mo 16,16-18)

Was Mose hier fordert und Paulus mit ihm, ist deckungsgleich mit dem Diktum von Karl Marx: „…, jedem nach seinen Bedürfnissen“. Dieses Diktum hat aber auch den ersten Teil: „Jeder nach seinen Fähigkeiten,…“. Der real existierende Sozialismus ist an der Frage gescheitert, wie diese Forderungen zugleich zu erfüllen seien: wenn alle dasselbe erhalten, unabhängig von ihrem Beitrag, dann fehlen den Leistungsfähigen die nötigen Anreize. Es ist jetzt fast genau vierzig Jahre her, dass ich meine erste volkswirtschaftliche Vorlesung hörte, aber wie die beiden Teile des Marx’schen Diktums zu vereinen seien, weiss ich immer noch nicht. 

In der Laborsituation der Wüste Sinai aber funktioniert es! Nichts muss produziert werden — Gott gibt, und alle können nach ihren Bedürfnissen versorgt werden. Manna ist zudem nicht lagerfähig, wer sich also mehr nimmt, als er essen kann, muß zusehen, wie das Ersparte in der Glut des Mittags verdarb. Mose hätte die Verteilungsregel gar nicht verkünden müssen, eine andere ist kaum denkbar — oder vielleicht doch? Jedem nach seiner Kraft und der Länge seines Schwerts, wäre schließlich eine denkbare Alternative. Aber nur für schnelle Esser…

Jedem nach seinen Bedürfnissen — Paulus wirbt dafür, im Verhältnis der christlichen Gemeinschaften ebenso zu verfahren, Und er sieht ausserdem den großen geistlichen Strom, der von Jerusalem aus zu den Heiden gekommen ist, siehe auch den BdW 28/2018. Die große Gabe ist also ausgleichende Gerechtigkeit in einem doppelten Sinne. 

In Kapitel 9 setzt er noch anders an: Gott hat einen fröhlichen Geber lieb, und das Gegebene kommt in verwandelter Gestalt an uns zurück.

Das Verhältnis des Apostels zu der von ihm gegründeten Gemeinde in Korinth war ausgesprochen gespannt, fast vergiftet. Der zweite Brief an die Korinther ist voll Polemik und Reaktion auf Polemik. Man sieht manchmal die zwei Hälften eines zerschnittenen Tischtuchs vor sich. Aber hier, in den Kapiteln 8 und 9, ist Paulus bei sich und seinem großen Projekt. Sein Argument ist ruhig, souverän und überzeugend.  

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche, in der wir nach unseren Fähigkeiten geben und nach unseren Bedürfnissen erhalten,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 03/2022

Und nun siehe, ich weiß, dass ihr mein Angesicht nicht mehr sehen werdet, alle die, bei welchen ich durchgekommen bin und gepredigt habe das Reich Gottes.
Apg 20,25

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Abschied

Dies ist wieder ein Vers zu Paulus schicksalhafter letzter Reise, die ihn zunächst freiwillig nach Jerusalem führte und dann gefangen nach Rom. Hierzu hatten wir früher bereits Bibelverse der Woche: 18/2018, 30/2018, und 20/2019.

Entlang der Küste reiste Paulus vom griechischen Festland Richtung Syrien, teils zu Wasser, teils zu Lande. Auf dem Weg nahm er Abschied von den Ältesten der Gemeinde in Ephesos, wo er drei Jahre lang gelebt hatte. Wegen eines Aufruhrs, in dessen Mittelpunkt er selbst stand, hatte er nach Norden ausweichen müssen und war dort einige Monate geblieben. Auf der langen Durchreise nach Süden nun kam er nach Milet, etwa 50 km entfernt von Ephesos. Er verzichtete auf den zeitraubenden und gefährlichen Umweg, den die Reise nach Ephesos für ihn bedeutet hätte und bat statt dessen die Ältesten, zu ihm nach Milet zu kommen. 

Warum Abschied? Er war sich sicher, dass er nicht zurückkehren würde. Paulus stand, wie man sagt, auf „verlorenem Posten“, seine Position war unhaltbar. Er selbst hatte sie unhaltbar gemacht. Seine Missionsarbeit war sehr erfolgreich, er hatte dem Christentum in den griechisch geprägten Städten eine große Zahl Anhänger werben können. Eine neue Religion war im Entstehen, sie war nicht länger mehr nur ein neuer Weg im Judentum. Gegen Ende von Paulus Wirken war der Vorgang vielleicht schon unaufhaltsam. Warum also stand er auf verlorenem Posten? 

In der Mission war er auf die Proselyten zugegangen — Heiden, die den Gott der Juden kannten und verehrten, aber wegen ihrer nichtjüdischen Abstammung keine vollen Mitglieder der jüdischen Gemeinden sein konnten. Ihnen und auch den Juden hatte er gesagt, dass mit Christus das Gesetz und seine Notwendigkeit überwunden sei. Ein Erfolgsgeheimnis, ja, aber schon für Judenchristen sehr schwierig. Für fromme Juden öffnete Paulus die Heilsgemeinschaft für Menschen, die nicht dazugehörten und diskreditierte gleichzeitig das Gesetz. Das war unerträglich; umso unerträglicher, je erfolgreicher die Bewegung wurde. Paulus, der Torahlehrer, der Pharisäer, verstand das gut.

Paulus war die Einheit des Christentums wichtig, er wollte nicht Spalter sein. Die Einheit konnte es nur mit den Brüdern in Jerusalem geben, der Urgemeinde, nicht gegen sie. Vor Jahren hatte er sich dort im Apostelkonzil weitgehend durchgesetzt — die vielen Bestimmungen der Torah sollten für Heidenchristen nicht gelten, bis auf einen kleinen Kern, siehe Apg 15, 20-29 und 21,25. Das hatte zur Folge, dass Judenchristen und Heidenchristen sehr unterschiedlich lebten, vergleichbar den Unterschieden zwischen heutigen Christen und messianischen Juden in Israel. 

Paulus wollte nach Jerusalem gehen, um persönlich eine große Gabe zu bringen, die die heidenchristlichen Gemeinden für die „Heiligen“ der Urgemeinde gesammelt hatten, als Zeichen der Zusammengehörigkeit in der Verschiedenheit. In Jerusalem erwarteten ihn Gegner unter den Judenchristen und bittere Feinde unter den religiösen Juden. Und es gab die Militärmacht der Römer, die jederzeit Gewalt anzuwenden bereit war, um die Pax Romana aufrecht zu halten. Diese Kombination hatte einst seinem Meister das Leben gekostet. Schon auf dem Weg bis Milet hatte es gewaltsame Zusammenstöße gegeben, und das weitere Geschehen zeigt, dass die Maschine noch genauso funktionierte wie 25 Jahre zuvor, alle Rädchen griffen perfekt ineinander. Aber Paulus musste hinein — es zu verweigern, hätte geheissen, kein Zeugnis abzulegen und seinem Christus nicht zu folgen. Er hätte sich irgendwo in der griechischen Welt verstecken müssen., um sich zu retten. Schwer vorstellbar bei Paulus. 

Paulus sah also in Umrissen, was ihm bevorstand. Es war abgemacht und ausweglos, er wusste, was er tat. Und er war traurig, seine Gemeinde in eine ungewisse Zukunft zu entlassen: 

So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist eingesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes, die er durch sein eigenes Blut erworben hat. Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch kommen, die die Herde nicht verschonen werden. Auch aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die Verkehrtes reden, um die Jünger an sich zu ziehen. 
Apg 20,28-30 

Den Ältesten ging es ebenso, sie waren (V 38) „am allermeisten betrübt durch das Wort, das er gesagt hatte, sie würden sein Angesicht nicht mehr sehen“.

Eine eigentümliche Szene, dieser Abschied, eine extreme Situation. Aber wir selbst erleben ähnliches, wenn wir uns bei Menschen verabschieden, die wir nicht mehr sehen werden. Und entspricht das Bild nicht auch unserem Wissen um die Endlichkeit unserer Existenz, ein Wissen, das umso konkreter und präziser wird, je älter wir werden? Für Paulus verband sich das alles mit einem selbstgewählten Ziel, das ihm mit vielen Bildern und der Erfahrung langer Jahre deutlich vor Augen stand, und das ihn mit seinem Herrn verband, den er lebend nie gesehen hatte: Jerusalem.

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche auf unserer eigenen Reise nach Jerusalem,
Ulf von Kalckreuth

Jerusalem, Altstadt, 2017, Ulf von Kalckreuth