Bibelvers der Woche 10/2023

Ihr sollt nicht unrecht handeln im Gericht, mit der Elle, mit Gewicht, mit Maß.
Lev 19,35

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Von der Heiligung des täglichen Lebens

Mit diesen Worten ist in meiner Lutherbibel der Abschnitt überschrieben, aus dem wir gezogen haben. Es ist eine Reihe von Imperativen für das rechte Leben. Einige der zehn Gebote werden wiederholt, Opfer-und Speisevorschriften, es gibt eine vielleicht aus dem Zusammenhang gefallene Strafbestimmung über Männer, die bei leibeigenen Frauen liegen, und dann immer wieder eines: Integrität, in vielen Variationen: Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit, Gastfreundschaft, Verzicht auf Nutzung einer Machtposition, Großzügigkeit. 

Sich an die Regeln halten, auch wenn es niemand sieht… 

Heiligung. Wie sonderbar. Es wird nicht verlangt, dass wir uns aufopfern, unser Leben der Sinnsuche widmen, oder der Rettung des Planeten. Es sind einfache Dinge. Ehrlich sein, die Wahrheit sagen, rechtes Maß verwenden. Unmodern, beinahe uncool.

Aber wie anders wäre es um den Planeten bestellt, wenn jeder es so hielte! 

Und in Vers 18 findet sich, wie eingestreut, die wunderbare Maxime: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Im Kontext ist klar, was das bedeutet. Behandle ihn, wie du selbst behandelt werden willst. Hintergehe ihn nicht, betrüge ihn nicht, übervorteile ihn nicht, auch wenn du es könntest und das Lob deiner Familie dir gewiss wäre, auch wenn er ein Fremder ist. Sei gutwillig, nicht zornig, lass ihm, was er zum Leben braucht, und wenn er es nicht hat, hilf ihm, es sich zu verschaffen. 

Geheiligt werde dein Name! Ja, vielleicht so.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 09/2023

Er hat um das Wasser ein Ziel gesetzt, bis wo Licht und Finsternis sich scheiden
Hiob, 26,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Licht und Finsternis

Wir haben aus einer der Stellen gezogen, in denen Hiob in Lobpreis Gottes ausbricht, trotz seines beklagenswerten Zustands und trotz seiner Überzeugung, von Gott schuldlos gemartert zu werden. Die Sprache des Verses ist nicht leicht zu verstehen. Das Wort Ziel konnte früher auch „Begrenzung“oder „Ende“ meinen. In dieser Bedeutung ist es erhalten geblieben in den Wendungen „ohne Maß und Ziel“ oder „Zahlungsziel“. Die anderen großen Übersetzungen aus dem Hebräischen sind leichter verständlich, weichen aber voneinander ab. Mit Unterstützung von Gesenius und der Interlinearübersetzung von Steurer würde ich wörtlich so übersetzen: 

Er zieht auf dem Wasser eine Grenze, bis dort, wo Licht in Finsternis endet. 

So versteht man es besser. Es ist der erste Schöpfungstag, von dem die Rede ist. Der Vers ist eine Momentaufnahme darin. Himmel und Erde sind geschaffen und Gottes Geist schwebt über den Wassern. Die ganze Erde ist vom Wasser bedeckt, Land und Wasser sind noch nicht voneinander geschieden. Das Urchaos herrscht, tohu wabohu. Da spricht Gott: Es werde Licht! Und er scheidet das Licht von der Finsternis und nennt das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Diese Scheidung von Licht und Finsternis findet auf dem Wasser statt, denn Land gibt es noch keines.

Gott ist unbegrenzt, aber er schöpft und schafft, indem er Grenzen zieht. Zwischen Licht und Finsternis, zwischen Wasser und Land, zwischen Leben und Tod, zwischen Zukunft und Vergangenheit, Heiligem und Nichtheiligem, Frau und Mann. Er selbst steht über diesen Grenzen. Dass wir etwas sind, bedeutet auch, dass wir etwas anderes nicht sind. Das ist Schöpfung. Unsere Welt ist endlich, und ihr Wesen liegt in den Strukturen. Ohne Strukturen wäre sie — tohu wabohu.

Hiob ist ein echter Fachmann für Hell und Dunkel, er hat beides ausgiebig kennengelernt. Die Grenze dazwischen kommt von Gott, sagt er. Das ist Lobpreis. Es weist aber kaum sichtbar auch auf die große Anklage Hiobs voraus, die folgt. Und letztlich auch auf den Frieden mit dem Allmächtigen, mit dem das Buch schließt. 

Ich wünsche uns Gottes Segen!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 08/2023

Er wird dir leihen, du aber wirst ihm nicht leihen; er wird das Haupt sein, und du wirst der Schwanz sein.
Deut 28,44

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Fluch oder Segen

Seit einigen Wochen ziehe ich ausgesprochen schwierige Verse. Aber das ist ja die Idee: die Bibel kennenlernen, wie sie wirklich ist. Dieser Vers hier spricht — von Gottes Fluch.

Es ist eine Kernbotschaft des Deuteronomiums, des fünften Buchs: Sieg oder Untergang des Volks hängen davon ab, ob es den Geboten Gottes folgt. Unser Vers stammt aus einem Abschnitt, den man als den Schlussstein des fünften Buchs bezeichnen könnte. Mose hat das ganze Gesetz dem Volk vorgelegt und stellt nun seine Zuhörer vor die Wahl. Sie können das Gesetz annehmen und in den Wegen des Herrn leben, dann ist der Segen Gottes mit ihnen. Dieser Segen wird reich bebildert. Wenn aber das Volk die Wege des Herrn verlässt, wird es vom Fluch getroffen. Der Fluch wird, eingangs jedenfalls, als genaues Gegenstück des Segens beschrieben: für jedes Stück Segen findet sich ein entsprechender Fluch.

Segen und Fluch richtet sich an das ganze Volk, nicht an das Individuum. Unser Vers entstammt dem Text über den Fluch. Hier geht es um den Fremdling, der bei den Hebräern wohnt, ohne selbst Hebräer zu sein. Vers 43 und 44 lauten:

Der Fremdling, der bei dir ist, wird immer höher über dich emporsteigen; du aber wirst immer tiefer heruntersinken. Er wird dir leihen, du aber wirst ihm nicht leihen können; er wird der Kopf sein und du wirst der Schwanz sein.

Wer leiht, hat die Macht, er kann den Schuldner versklaven, wenn dieser seinen Obliegenheiten nicht nachkommt. Hier äußert sich sehr konkret die Angst vor dem zugewanderten Fremden — er könnte die Macht an sich reißen und die Einheimischen marginalisieren. Wir kennen diese Angst, die Bilder würden gut in deutsche Forenbeiträge zur Asylpolitik passen.

Der entsprechende Segen findet sich in den Versen 12 und 13:

Und du wirst vielen Völkern leihen, aber von niemand borgen. Und der HERR wird dich zum Kopf machen und nicht zum Schwanz, und du wirst immer aufwärtssteigen und nicht heruntersinken, weil du gehorsam bist den Geboten des HERRN, deines Gottes, die ich dir heute gebiete zu halten und zu tun…

Das Segensversprechen hat eine Perspektive nach aussen: im festen Bund mit dem Herrn nimmt die wirtschaftliche und politische Macht der Israeliten unter den Völkern immer weiter zu. Vers 1 ist eine Art Überschrift für den Segen und lautet sehr klar: Wenn du nun der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchen wirst, dass du hältst und tust alle seine Gebote, die ich dir heute gebiete, so wird dich der HERR, dein Gott, zum höchsten über alle Völker auf Erden machen,…

Auch das kennen wir, nicht wahr? Fremdenangst, Nationalismus und das Bedürfnis nach Vorherrschaft sind keine Erfindungen der AfD oder der Nazis, es sind sehr alte Muster. Mose zieht alle Register, auch dieses, um den Bund mit dem Herrn zu zementieren. Die beiden Welten, die er aufspannt, die des Segens und die des Fluchs, sind in krasser Weise verschieden. Wer vor eine solche Wahl gestellt wird, hat eigentlich keine. Will uns Gott denn wirklich so?

Ich gehe jetzt weiter vom Vers weg, als es mir eigentlich lieb ist. Das Deuteronomium und die damit verbundenen Teile der Bibel sind Antwort auf eine brennende Frage: Warum lässt Gott es zu, dass seinem Volk so Schreckliches widerfährt? In der Endfassung spiegeln die Texte die Erfahrung des Exils wider, und die Zeit danach. Die Antwort des fünften Buchs ist hermetisch, kaum angreifbar: Der Bund gilt, Gott hält ihn, Gott ist ewig treu! Aber der Bund hat zwei Seiten, er lebt nur, wenn beide Teile ihn leben. Sonst gilt — der Fluch. So schreiben die Deuteronomisten im Grunde über ihre eigene Zeit.

Auch im Fluch aber steckt der Segen, dann nämlich, wenn das treulose Volk zu Gott zurückfindet. So sagt es Deut 30. In der Welt des Fluchs besteht sie damit fort, die Wahl zwischen Segen und Fluch. Das wirkt sehr pragmatisch, fast vordergründig, als sollten die Anreize auch nach der nationalen Katastrophe noch erhalten bleiben. Aber Achtung: wunderbarerweise gibt es das jüdische Volk heute noch…

Gottes Segen sei mit uns — nicht sein Fluch!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 07/2023

…so sollst du die Bürger derselben Stadt schlagen mit des Schwertes Schärfe und sie verbannen mit allem, was darin ist, und ihr Vieh mit der Schärfe des Schwerts.
Deut 13,16

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Ein Gebot Gottes…!

Ali Chamenei ist das politische und religiöse Oberhaupt des Iran — Oberbefehlshaber der iranischen Streitkräfte und gleichzeitig höchste geistliche Instanz im Rang eines Ajatollah. Stellen wir uns vor, Ajatollah Chameini erließe eine Fatwa zu Städten und Dörfern des Landes, die sich vom schiitischen Islam abkehren, namentlich durch Hinwendung zu anderen Religionen. Gemäß dieser Fatwa müssten solche Städte dem Erdboden gleichgemacht werden, alle Einwohnerinnen und Einwohner müssten hingerichtet werden. Was würden wir davon halten?

Ein solche Bestimmung enthält die Bibel als Gesetz, und zwar in ihrem alten Kern, der Torah. Der Schrift nach wurde es im Namen Gottes verkündet von Mose, dessen Stellung der des Ali Chamenei glich. Hier ist es im Wortlaut, Deut 13,13-17. Der Bibelvers der Woche ist hervorgehoben:

Wenn du von irgendeiner Stadt, die dir der HERR, dein Gott, gegeben hat, darin zu wohnen, sagen hörst: Es sind etliche heillose Leute aufgetreten aus deiner Mitte und haben die Bürger ihrer Stadt verführt und gesagt: Lasst uns hingehen und andern Göttern dienen, die ihr nicht kennt, so sollst du gründlich suchen, forschen und fragen. Und wenn sich findet, dass es gewiss ist, dass solch ein Gräuel unter euch geschehen ist, so sollst du die Bürger dieser Stadt erschlagen mit der Schärfe des Schwerts und an ihr den Bann vollstrecken, an allem, was darin ist, auch an ihrem Vieh, mit der Schärfe des Schwerts. Und alles, was in ihr erbeutet wird, sollst du sammeln mitten auf dem Marktplatz und mit Feuer verbrennen die Stadt und alle ihre Beute als ein Ganzopfer für den HERRN, deinen Gott, dass sie in Trümmern liege für immer und nie wieder aufgebaut werde.

Die Bewohner der von Gott abgefallenen Stadt unterliegen der Vernichtungsweihe (Bann), hierzu siehe den Bibelvers der vergangenen Woche 06/2023. Das Wort „Ganzopfer“ bezeichnet ein Opfer, das der Gottheit als Ganzes dargebracht wird. Für eine große Anzahl Menschen wird es hier im übertragenen Sinne verwendet. Eine solche Übertragung wurde im Jahr 1944 übrigens ein weiteres Mal vorgenommen — das griechische Wort für Ganzopfer ist Holocaust… 

Die Bestimmung über die Vernichtung von Städten, die vom Herrn abgefallen sind, ist Teil der Torah und gilt daher im Judentum als Mitzwah, als Gebot Gottes. In der von Maimonides aufgestellten Liste der Ge- und Verbote Gottes ist sie als (positives) Gebot Nr. 186 sowie als Verbot Nr. 23 und 24 eingegangen. Sie kam wohl nie zur Anwendung — die Bücher Josua, Richter oder Könige hätten davon berichtet. So ist sie auch nicht gemeint, sie soll als Drohung und Wertung im Raum stehen. Gemeinsam mit den beiden vorangehenden Abschnitten sagt sie, was von Undankbarkeit und Verrat an der Gottheit zu halten ist, der die Israeliten alles verdanken. 

Der Text steht in meiner Bibel. Wenn ich diese Abschnitte lese, schaudert mich. Zustimmung und Ablehnung ist aber nicht wirklich gefragt. Die Bibel ist, was sie ist; ein in Teilen rätselhaftes Monument, dem wir uns betrachtend nähern können und das Anstoß sein kann in unserem Leben. Die Stimme Gottes hören wir darin dann, wenn wir sie bereits in uns tragen. Unsere Antwort wird individuell sein.

Als ein Ganzopfer für den Herrn… Am letzten Sonntag stand ich bei der Abendmahlsfeier im Kreis der Gemeinde. Es war die Rede vom Opfertod Jesu, und dass Jesus die Sünden von uns genommen habe. Oft habe ich Mühe, das zu verstehen: warum mußte Jesus diesen furchtbaren Foltertod sterben für meine Sünden und die anderer Menschen? Am vergangenen Sonntag hatte ich den Bibelvers dieser Woche bereits gezogen. und seine Worte im Kopf. Plötzlich befiel mich die Idee, dass er vielleicht sterben mußte, um genau diese Verse aus der Welt zu räumen und das, was damit zusammenhängt an Schuld, Sühne und Vernichtung, dass Gott zu uns kam, um zu sagen: „So nicht!“, und dabei Feuer mit Feuer bekämpfte, wie man einen Präriebrand löscht. Opfer gegen Opfer.

Ich spreche hier für mich selbst. Es war eine Idee, eine Vision, aber christliche Theologie ist es nicht, glaube ich. Was ist Ihre Antwort, wie geht es Ihnen mit dem Vers?

Wie in der letzten Woche, ich bleibe dabei: Der Segen Gottes, der heilt und Leben gibt, sei mit uns, 
Ulf von Kalckreuth


Für diejenigen unter Ihnen, die über einen JSTOR-Account verfügen: hier ist ein gut lesbarer Aufsatz zu Deut 13.

Bibelvers der Woche 06/2023

Da tat ihnen Josua, wie der HErr ihm gesagt hatte, und lähmte ihre Rosse und verbrannte ihre Wagen.
Jos 11,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Gesprengte Geschütztürme

Unser Vers enthält eine nützliche Botschaft in einer blutigen Verpackung. Er ist schwer zu ertragen, auch mit einem Abstand von mehr als 3000 Jahren noch. Der Vers erzählt von der massenhaften Verstümmelung von Tieren, und er steht im Kontext eines Eroberungskriegs, in dem die Invasoren keine Gefangenen machen: auch Frauen, Greise und Kinder werden getötet, „mit der Schärfe des Schwerts“.  

Unter der Führung Josuas waren die Israeliten über den Jordan in die kanaanitischen Länder, das heutige Palästina, eingefallen, um das von Gott versprochene Land als Heimstatt zu gewinnen. Jericho und Ai waren bereits gefallen, da taten sich die Königreiche des nördlichen Kanaan zusammen. Unter der Führung der Stadt Hazor vereinigen sie ihre Heere und stellen sich gegen Josua. Dieser gewinnt die Schlacht, verfolgt die übrig gebliebenen Kanaaniter und wendet sich dann gegen Hazor selbst, die weitaus größte Stadt der Region. Wie schon in Ai und Jericho lässt er alle Einwohnerinnen und Einwohner töten.

Die Israeliten erbeuten große Mengen von Streitwagen und Pferden. Josua lässt — auf ausdrückliche Weisung des Herrn, seines Gottes — die Pferde durch Zerschneiden der Sehnen verstümmeln und die Wagen verbrennen. Das ist der Inhalt des Verses. 

Auch das unterschiedlose Töten aller Bewohner Hazors geschieht auf Anordnung Gottes. Zugrunde liegt das „Kriegsgesetz“ in Deut 20. Die Bewohner der Stadt und ihre Tiere unterliegen der „Vernichtungsweihe“, die in den meisten Bibelübersetzungen als „Bann“ bezeichnet wird. Gott selbst führt den Krieg, die Besiegten fallen Gott zum Opfer. Die israelitischen Krieger sind Werkzeuge, sie dürfen sich an der Beute nicht bereichern — alles gehört Gott, alles unterliegt der Vernichtung. Näheres hierzu liest man unter dem Stichwort „Bann“ in Wikipedia. 

Die Israeliten sollen sich mit den Bewohnern des Landes nicht vermischen und ihre Lebensart nicht annehmen. Historiker, Theologen und Archäologen sind sich weitgehend einig, dass sich die Landnahme, also der Aufstieg der Israeliten zur dominierenden Ethnie in großen Teilen Kanaans, nicht in der in Josua beschriebenen Weise ereignet haben kann, durch einen einzigen großen, radikal geführten Vernichtungskrieg also. Die archäologische Evidenz spricht ebenso dagegen wie Widersprüche zu anderen biblischen Texten, hierzu den Wikipedia-Eintrag zur Landnahme, vgl. auch den BdW 33/2019. Das auf Reinheit und unbedingte Gefolgschaft abhebende deuteronomistische Geschichtswerk datiert vielmehr aus der Zeit um das babylonische Exil und dient der Bewahrung einer nationalen Identität im Angesicht einer existenziellen Bedrohung durch Großmächte. 

Ich schweife ab, das macht mein Unbehagen deutlich. Auch wenn die Erzählungen zur Landnahme weitgehend konstruiert sein mögen — die Texte beschreiben als Ideal die Auslöschung der Völker Kanaans, physisch und kulturell, und sie sind mit dieser Botschaft wichtige Bestandteile der Bibel. Als ich vor rund fünfundvierzig Jahren die Bibel von Buchdeckel zu Buchdeckel lesen wollte, habe ich den Versuch mitten im Buch Josua abgebrochen, ungefähr an der Stelle, über die wir gerade sprechen. Nun bin ich fast sechzig und suche einen anderen Standpunkt. Die Bibel ist ein Spiegel der Welt und spricht auch von ihren dunkelsten Seiten. Gottes Wort kommt durch Menschen zu uns. Die Texte zur Landnahme haben Menschen geschrieben, die einen verzweifelten Kampf führten, um ihre eigene Identität und die ihres Volks. Es macht mich traurig zu sehen, wie sie sich Ideen verschrieben, die auch von Alfred Rosenberg hätten stammen können. 

Aber zurück zum Vers. Die Verstümmelung der Pferde wirkt eigentümlich. auch jenseits von Aspekten des Tierwohls. Die Israeliten befinden sich in einem Krieg, in dem es auch für sie um Sein oder Nichtsein geht. Sie erbeuten Pferde und Wagen der Feinde, und statt diese gegen ihre Feinde zu kehren, vernichten sie beides. Pferde und Kriegswagen waren die Panzer des Altertums, eine Waffe, mit großem Prestige. Man vergleiche etwa die Darstellung einer angreifenden Reiterhorde bei Hiob im BdW 15/2019. Es ist beinahe so, als würden Selenskys Truppen eine Anzahl russischer T 72 erbeuten und ihre Geschütztürme sprengen, statt sie der eigenen Armee zuzuführen. 

Aber nur beinahe. Die Ukrainer nutzen Panzer selbst, ihre Kriegführung unterscheidet sich von der russischen nicht grundsätzlich. Die Israeliten hingegen kämpften gegen Feinde, die ganz anders aufgestellt waren als sie selbst, gegen antike städtische Kulturen. Sie selbst waren als Nomaden oder Halbnomaden eingebrochen. Pferdewirtschaft kannten sie nicht, sie hatten nicht die nötige Infrastruktur, keine Reiter, keine Wagenlenker. Pferde und Wagen sind dann eine Last. Der Verzicht Josuas liegt nicht nur in der allgemeinen Logik des Bannkriegs, er ist im engeren Sinne rational. 

Das ist die Einsicht des Verses in ihrer schrecklichen Hülle. Mit leichtem Gepäck reisen, sich auf Gott und die eigenen Fähigkeiten verlassen, genau wissen, worauf es ankommt, und worauf nicht, verzichten können. Das ist entscheidend, mit allem anderen verzetteln wir uns. In Israel gibt es eine Redewendung für Situationen, in denen die Ausstattung nicht taugt für die Aufgabe — ein Konzertauftritt zum Beispiel, der mit schlechten Mikrophonen und einem verstimmten Klavier bestritten werden muss: Das haben wir — und damit werden wir siegen! Vielleicht ist das ein fernes Echo unseres Verses? 

Der Segen Gottes, der heilt und Leben gibt, sei mit uns, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 05/2023

Und ich will sie unter die Völker säen, dass sie mein gedenken in fernen Landen; und sie sollen mit ihren Kindern leben und wiederkommen.
Sach 10,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Zeitlos…!

In der Betrachtung zum Bibelvers der vergangenen Woche schrieb ich, dass bei den Propheten Unheil und Verheissung oft nebeneinander stehen, manchmal sogar durcheinander. Hier geschieht es in ein und demselben Vers. 

Der gezogene Vers aus der Lutherübersetzung von 1912 steht ganz im Futur. In der neueren Lutherübersetzung 1984 (siehe den Link oben) steht folgendes:

Ich säte sie unter die Völker, dass sie meiner gedächten in fernen Landen und leben sollten mit ihren Kindern und wieder heimkehren. 

Die für das Alte Testament sehr akkurate katholische Einheitsübersetzung schreibt: 

Säe ich sie auch unter die Völker aus, werden sie doch in der Ferne an mich denken. Sie werden mit ihren Kindern am Leben bleiben und heimkehren. 

Das Aussäen — die schreckliche Diasporaerfahrung der Juden im Nordreich Israel und im Südreich Juda — wird in diesen drei Übersetzungen wechselnd in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesetzt. In der ersten und der dritten Fassung liegt die dazugehörige Verheissung in der Zukunft, in der zweiten hat sich auch die Verheissung schon vollzogen.

Und nun wird es sonderbar: Nichts davon ist „falsch“. Der Originaltext ist sprachlich mit allen drei Fassungen vereinbar. Im alten Hebräisch haben die Verben keine „Zeitformen“, wie wir sie kennen, es sind vielmehr Aspekte. Den punktuellen, tatsachen- und faktenorientierten Aspekt nennt man Perfekt, den offenen, zeitraumbezogenen und potentialorientierten Aspekt dagegen Imperfekt. Der gezogene Vers steht im Perfekt. Oft stehen Handlungen, die in der Vergangenheit bereits stattgefunden haben und die man daher genau kennt, im Perfekt, wohingegen die Zukunft unsicher ist und in der Regel das Imperfekt fordert. Aber bei einer Prophetie, die der Sprechende sozusagen in Stein gemeisselt vor sich sieht, kann durchaus ein Perfekt stehen. Der Zeitbezug wird im alten Hebräisch manchmal durch Angaben wie „Wenn das Jahr sich wieder neigt“, oder „Im dritten Jahr des Königs Nebukadnezar“ geschaffen, in der Regel aber durch den Kontext. 

Wie sieht es inhaltlich aus? Wer ist gemeint? Teile von Sacharjas Buch wurden kurz nach dem Ende des babylonischen Exils geschrieben, als die Bevölkerung von Juda in ihr Land zurückzukehren begann. Der Vorgang war noch nicht beendet. Die Rückkehr der Nordstämme, die hundertfünfzig Jahre früher von den Assyrern deportiert wurden, erwartete man weiterhin vergeblich, sie gelten heute als die „verlorenen Stämme“.

Alles wäre sinnvoll — Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. 

Wir können Unheil und Verheissung heute als zeitlos lesen. Gott hat sein Volk unter die Heiden zerstreut, tut dies und wird es wieder tun, dies aber immer dergestalt, dass etwas Gutes daraus erwachsen kann — die Entwurzelten mögen Seiner gedenken, mit ihren Kindern leben und gedeihen, dort, wo immer sie hingepflanzt sind, Identität und Glauben weitergeben und dereinst zurückkehren… Der Vers enthält eine Aufforderung zum Leben, fast schon eine Verpflichtung. Folgerichtig findet der Prophet ein eigentümliches Wort für die Zerstreuung: „Aussaat“. 

Kann aus soziokultureller Vernichtung etwas Gutes, eine Renaissance erwachsen? Leben, Wachstum? Ernte? Spricht der Vers auch vom Leben einzelner Personen, Familien, Gruppen? Kann er Chiffre sein für unser aller Leben? Jesus gibt das Gleichnis vom Samenkorn, das vergehen muss, damit die Ähre erstehen kann.

Und ich will sie unter die Völker säen, dass sie mein gedenken in fernen Landen; und sie sollen mit ihren Kindern leben und wiederkommen.

Lesen Sie den Vers noch einmal so. Vielleicht antwortet er auf den Vers der vergangenen Woche. Unheil und Verheissung sind Seiten derselben Münze, irgendwie gibt es die beiden im Doppelpack. Vor nicht allzu langer Zeit, im September 2022, hatten wir einen Vers aus Sacharja mit sehr ähnlichen Botschaft, siehe den BdW 37/2022.

Gottes Segen sei mit uns, in dieser Woche, der vergangenen und den Wochen, die da kommen,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 04/2023

Und alles Goldes Hebe, das sie dem HErrn hoben, war sechzehntausend und siebenhundertfünfzig Lot von den Hauptleuten über tausend und hundert.
Num 31,52

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Finsternis möge mich decken…

Der gezogene Vers stammt aus einem der schrecklichsten und unerträglichsten Abschnitte der Bibel. In keiner Spruchsammlung gibt es Verse daraus, und im Religionsunterricht kommt die Geschichte nicht vor. In Woche 19/2019 hatten wir bereits einen Bibelvers zu der Geschichte, und ich lade Sie ein, einen Blick auf den dazugehörigen Kommentar zu werfen. Hier ist der Link. 

Kurz vor dem Ende der Wüstenwanderung der Israeliten befiehlt Gott einen Vernichtungsfeldzug gegen die Midianiter. Anlass waren Ausschweifungen sexueller Art von Angehörigen der beiden Völker sowie die Rolle Bileams, eines midianitischen Propheten, beim Versuch der Moabiter, den Vormarsch der Israeliten aufzuhalten. Die Midianiter sind Nomaden und leben in der Halbwüste. Der Feldzug bezweckt und erreicht die fast vollständigen Vernichtung dieses Volks. Die Israeliten töten zunächst nur die Männer. Auf Befehl Moses töten sie dann auch die erwachsenen Frauen sowie alle Knaben. Nur die jungfräuliche Mädchen werden verschont, ihre Zahl wird mit 32.000 angegeben. Die Größe des Volks, das überfallen und vernichtet wird, kann man daraus mit 250.000 bis 300.000 abschätzen. 

Hinsichtlich des Viehs und der gefangenen Mädchen gibt Moses auf Gottes Geheiß eine Verteilungsregel. Von allem soll die Hälfte an die Kämpfer, die andere Hälfte aber an das gesamte Volk gehen. Vom Anteil, der den Kämpfern zusteht, bekommt Gott selbst zwei Promille, also ein Promille der gesamten Beute, namentlich auch 32 Mädchen (Vers 40). Die Regel trifft keine Aussage über das geraubte Gold. Jeder der Kämpfer hat für sich selbst geraubt (Vers 53), aber ein Teil der Beute sammelt sich auch bei den Obersten der Hundertschaften und Tausendschaften. Nach der Schlacht stellen diese fest, dass es auf eigenenr Seite nicht einen einzigen Gefallenen gegeben hat, und sie geben den ihnen zufallenden Teil der Beute aus freien Stücken dem Herrn in Gänze als Opfer. Das ist der Inhalt des Verses oben. Es ist nicht wenig: die 16.750 Schekel (Lot) Gold wiegen etwa 190 Kilo. Ein Kilo Gold kostet heute etwa 58.000 Euro. 

Ein veritabler Genozid wird hier beschreiben, auf Anordnung Gottes, der selbst an der Beute beteiligt ist. Zu dem, was ich bereits in der Betrachtung zu BdW 19/2019 geschrieben habe, möchte hier einige Gedanken hinzufügen.

Gott ist nicht nur der Vater des Lichts, sondern Vater auch der Finsternis. Beides hat er geschaffen, beides verantwortet er. Das Leid in der Welt ist teilweise von Menschen gemacht, teilweise aber auch fest verdrahtet in Grammatik und Syntax unserer Welt, in Physik, Chemie und Biologie. Anfang der letzten Woche ist eine Nichte meiner Frau nach langem Kampf an multiplem Krebs gestorben. Sie hinterläßt zwei Kinder, eines davon geistig und körperlich schwer behindert und einen Ehemann, der für die Pflege und das Auskommen der Familie nun allein sorgen muß. Sie hinterläßt auch verzweifelte Eltern. Vor einiger Zeit, im Jahr 2017, wurde meine eigene Kusine bei einem Terroranschlag in Spanien getötet. Auch sie hinterließ zwei Kinder. Mir selbst und meinen beiden Kindern geht es gesundheitlich gut. Meine Frau hat im vergangenen Jahr eine Krebserkrankung überstanden. Grund genug für große Dankbarkeit, das weiss ich! Aber ich kann keine Regel oder Gerechtigkeit hinter diesem Bild erkennen.  

In Jesus wendet uns Gott seine liebende und erbarmende Seite zu. Jesus geht den Weg ins Herz der Finsternis Gottes und hindurch zur anderen Seite. Liebe und Erbarmen sind in der Welt, ja, sie gehören also zu dem Gott, der sie schuf. Aber von der dunklen Seite Gottes wird in der Bibel auch berichtet — die des strafenden und rächenden Gottes. Und die Welt, sie zeugt von dieser Seite. Die Bibel ist viel realistischer als unsere religiöse Praxis. Die Propheten erzählen von der strafenden und der heilenden Präsenz Gottes, manchmal unentwirrbar durcheinander. Den ungnädigen Gott haben wir vergessen, wir wollen ihn nicht sehen. Aber passt unser Gott dann noch zur Welt, die wir sehen? 

Wir können Gott nicht entfliehen, er ist immer da, auch in den Schützengräben und im Bombenterror der Ukraine. Aber welches Gesicht zeigt er uns? Die dunkle oder die lichte? Und an welches seiner Gesichter wenden wir uns? Mit Gott zu rechten ist nicht verboten, aber es ist sinnlos — Gott hat die Macht und mit der Macht auch das Recht. So sagt es uns das Buch Hiob.

Unsere Hoffnung kann nicht sein, dass es das alles nicht geben, dass Gott das alles nicht zulassen möge. Jeder neue Tag zeigt, dass diese Hoffnung trügt. Glaube kann etwas anderes tun. Er kann hoffen, dass die tödliche Seite dieser Welt in Gott irgendwie (!) aufgehoben ist. Mutiger und reiner Glaube muß das sein, denn Evidenz dafür gibt es nicht. Jemand sagte mir, dass Gott vielleicht manche Menschen bei sich haben möchte. Ja, vielleicht war es bei meinen beiden Kusinen so — vielleicht…! 

Wir sehen Gott, sein Licht und seine Finsternis. Psalm 139 singt dies so: 

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, 
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? 
Führe ich gen Himmel, so bist du da; 
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. 

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, 
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. 
Spräche ich: Finsternis möge mich decken 
und Nacht statt Licht um mich sein –, 
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, 
und die Nacht leuchtete wie der Tag. 

Finsternis ist wie das Licht.

Im Anschluß an die ersten vier Zeilen könnte es ganz andere Lieder geben. Ich kann sie durchaus hören, diese Lieder. Ich werde sie nicht singen. Das ist meine Entscheidung — frei, nicht erzwungen.

Amen.

Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 03/2023

Ich will sie mit ihrem Trinken in die Hitze setzen und will sie trunken machen, dass sie fröhlich werden und einen ewigen Schlaf schlafen, von dem sie nimmermehr aufwachen sollen, spricht der HErr.
Jer 51,39

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Becher des Zorns

Ich glaubte schon, wir hätten diesen Vers bereits gesehen. Aber nicht dieser Vers, sondern sein unmittelbarer Nachfolger, Jer 51,40, hatten wir im vergangenen Frühling gezogen. Bitte gucken Sie kurz auf den Kommentar zum BdW 13/2022 — das wichtigste zum Kontext ist dort gesagt. Die beiden Verse, der frühere und der für diese Woche, gehören zusammen und auf der ersten Ebene machen sie dieselbe Aussage: Babylon, das Großreich, das Juda vernichtet und seine Bewohner deportiert hat, soll nun seinerseits vernichtet werden, das Werkzeug Gottes wird von Gott bestraft. 

Die Strafe, und das ist das Besondere hier, wird bewirkt durch Trunkenheit. Trunkenheit steht für Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit und die Ausschaltung des gesunden Empfindens. Das wird recht konkret beschrieben: In der größten Hitze setzen die Kämpfer sich nieder zum Trinken. „Hitze“ meint zweierlei: Die Lage der babylonischen Krieger ist zugespitzt und verzweifelt, aber auch die Lufttemperatur ist angesprochen. Hitze beschleunigt den Stoffwechsel, der Alkohol geht „schnell ins Blut“ und ein Mensch kann der aufsteigenden Trunkenheit nichts entgegensetzen. Im Augenblick größter Bedrohung also werden die babylonischen Krieger fröhlich und schlafen ein.

Das Motiv taucht auch in Jer 51,54 auf. In Kapitel 25 (15ff sowie 27ff) gebraucht Jeremia das Bild in verwandelter Form: die Völker des Großraums trinken reihum vom Becher des Zornes Gottes, zuletzt auch Babylon. Hier ist nicht mehr von physisch existierenden Kämpfern die Rede, es geht um Völker und ihre geschichtliche Schicksale in übertragener Form. Jesaja verwendet das Bild vom „Taumelbecher“ ganz ähnlich. In der Offenbarung (14,10 ff) steigert Johannes die Vorstellung des Zornestrunks noch einmal, er wird zum Teil des Weltgerichts,

Das sind keine angenehmen Bilder… Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit, lautet eine Redewendung aus dem antiken Griechenland. In unserem Vers schlägt Gott die Babylonier mit Trunkenheit. Das erinnert mich an die Geschichte vom Turmbau zu Babel: dort werden die Babylonier durch Verwirrung der Sprache ausser Gefecht gesetzt. Vielleicht hat die Fähigkeit zur koordinierten militärischen Aktion eine besondere Stärke der babylonischen Streitkräfte ausgemacht? 

Der Herr bewahre uns die Fähigkeit, unser Unglück zu sehen und gemeinschaftlich das Notwendige zu tun. 
Ulf von Kalckreuth


Nachtrag: Seit Juni 2017 ziehe ich jede Woche einen Vers. Bislang sind es 292. Zusammengenommen ist das immerhin schon fast ein Prozent des gesamten Korpus der Lutherbibel 1912, rund 0,974%! So hoch ist derzeit die Wahrscheinlichkeit, einen der bereits gezogenen Verse ein zweites Mal zu ziehen. Ich warte schon eine ganze Weile darauf, dass dies geschieht. Aber wer kurz nachdenkt, sieht, dass die Wahrscheinlichkeit, so wie in dieser Woche den unmittelbaren Nachfolger eines der bereits gezogenen Verse zu ziehen, genau denselben Wert hat, fast ein Prozent…! So oder so, allmählich entsteht ein Bild, stark verpixelt noch, aber erkennbar

Bibelvers der Woche 02/2023

…dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gern geben, behilflich seien,…
1 Ti 6,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

It’s a kind of magic

Die Bibel ist voller Warnungen vor dem Reichtum. Am bekanntesten ist das Diktum Jesu, leichter komme ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel (Mk 10,23-27). Es gibt hier zwar große Diskussionen über die Semantik, aber der Satz lässt Reichen wenig Raum für Hoffnung — auch wenn Jesus explizit hinzufügt, dass bei Gott nichts unmöglich sei. 

Wer ist reich? Wer ist hier gemeint? Im Vergleich zu Jesus und seiner Umgebung sind die Leser dieses Blogs wohl alle reich — superreich sogar. Gebildet, mit hoher Lebenserwartung versehen und einem staunenerregenden ökologischen Fußabdruck, der unseren Ressourcenverzehr kennzeichnet. Ich will den Abstand hinsichtlich der Lebensvollzüge nicht ausbuchstabieren, es ist nicht schwer. Reich im Vergleich zur Mitte der jeweiligen Gesellschaft, zum Beispiel der Bundesrepublik in den ersten Jahrzehnten des einundzwanzigsten Jahrhunderts, sind natürlich immer nur wenige. Was ist gemeint — hoher Lebensstandard und die Abwesenheit grundlegender materieller Probleme oder eine herausgehobene Stellung in der Gesellschaft? Was ist das Problem, und was lässt sich tun? Ich bin Ökonom, ich habe mir die Frage erst einmal selbst vorgelegt. Vielleicht tun Sie das gleiche?

Was macht Verfügung über materielle Ressourcen aus einem Menschen? Geld und Güter sind Mittel zum Zweck, sollen Ermöglicher sein, Motor. Aber das Maß, in dem Geld und Einkünfte vorhanden, sind oder auch nur möglich, erreichbar, vielleicht gefährdet oder endgültig verloren, kann sehr intensiv auf einen Menschen zurückwirken. Geld, die Sorge darum und das Begehren danach, kann einem Menschen den Verstand rauben. Es kann ihn isolieren, in eine Scheinwelt versetzen, kann ihn kalt machen den Bedürfnissen anderer gegenüber, und auch blind hinsichtlich der eigenen Bedürfnissen. Mit Geld können wir an Gestaltungsmacht gewinnen und Sklave werden zugleich. 

Geld verschafft Sicherheit. Es gibt kaum eine Hilfeleistung, die sich nicht kaufen ließe, kaum ein Problem, bei dem Geld nicht einen wichtigen Lösungsbeitrag liefern könnte, oder — wenn nichts mehr geht — wenigstens Linderung. Geld lässt sich in alles andere verwandeln, es hat etwas magisches. Aber die Sorge, diese magische Sicherheit für das Leben wieder verlieren zu können, schafft Angst, Todesangst sogar. Gegen diese Angst hilft nur mehr Geld. Geld verschafft Status, Partizipationsmöglichkeiten, lässt uns dazugehören. Ohne Geld sind wir draussen, stehen wir allein. Was will der Ehepartner dann noch wissen von uns, die Familie, die Freunde, die Kollegen? Auch dies wieder Grund genug für Angst, eingeschränkte Wahrnehmung, ein Röhrengesichtsfeld. 

Armut ist nicht schön, beraubt uns vieler Entwicklungsmöglichkeiten, macht krank. Nur für wenige Menschen ist Armut erstrebenswert. Die Bibel spiegelt dies oft und oft. Aber Geld kann korrumpieren. Der springende Punkt ist, dass es kein bestimmtes Einkommens- oder Vermögensniveau gibt, oberhalb dessen wir in Gefahr sind, unterhalb dessen aber frei — persönlichkeitszersetzende Wirkungen können auch von geringeren Einkünften ausgehen, oder von der Aussicht darauf. Ein extremer Fall wäre ein Räuber, der einen Menschen wegen zweier Fünfzigeuroscheine tot schlägt. In Abwandlung einer bekannten Werbung könnte man sagen: Geld — es kommt darauf an, was es aus uns macht.

Das ist ein riesiges Thema. Filme und Romane kreisen darum, von der romantischen Liebe abgesehen gibt es kaum ein Thema, das die Phantasie so anregt wie Geld und Geldgier. Wie wirkt Entzug? Wie ich dies schreibe, stecke ich in einem ungeplanten Selbstversuch. Ich verbringe einige Tage in einer Jugendherberge „alten Stils“ im Allgäu. Mit meiner Frau, einer Tochter und ihrer Freundin wohne ich in einem kleinen Zimmer mit drei Etagenbetten, einem Tisch und zwei Stühlen. Keine Leselampe, nur ein einziger Netzstecker. Das gibt Stoff für Diskussionen zwischen den Besitzern von vier Handys und drei Tablets. Einfaches Frühstück, Lunchpaket, minimalistisches Abendessen. Kein Fernseher, Musik oder andere Ablenkung, noch nicht einmal ein Aufenthaltsraum. Um zehn erlischt das Licht im Haus. Anfangs fehlt allen etwas, Unzufriedenheit wallt auf, Nörgeleien, Streitereien. Dann wird die Beschränkung allmählich zur Erholung, auch für die Kiddies. Gerade haben sie sich zu einem Spaziergang von uns verabschiedet, das habe ich noch nie erlebt…

In God we trust?

Der rechte Umgang mit Reichtum könnte eine Herausforderung für Timotheus bedeutet haben. Paulus jedenfalls redet in dem persönlich gehaltenen Mahnschreiben an seinen früheren Mitarbeiter mehrmals über Geld und seine Fallstricke, siehe 1 Ti 6, 8-10 sowie 17-19. Die erste der beiden Stellen spricht davon, was Geld mit Menschen macht: 

Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns daran genügen lassen. Denn die reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Verstrickung und in viele törichte und schädliche Begierden, welche die Menschen versinken lassen in Verderben und Verdammnis. Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Übels; danach hat einige gelüstet und sie sind vom Glauben abgeirrt und machen sich selbst viel Schmerzen.

Die Wurzel allen Übels…! Ja, Angst und Begehren bringen uns in Abhängigkeiten — „Verstrickungen“, wie Paulus es nennt — und erzwingen vieles, das wir eigentlich, a priori, ablehnen würden. Die andere Stelle, das direkte Umfeld unseres Verses, gibt Rat, wie ein Mensch mit seinem Reichtum umgehen kann, wie man die Fallstricke vermeidet; und ich behaupte, es geht dabei um jedes Einkommens und Vermögensniveau, nicht nur um das der oberen Zehntausend:

Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen; dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, behilflich seien, sich selbst einen Schatz sammeln als guten Grund für die Zukunft, damit sie das wahre Leben ergreifen.

Nicht stolz sein. Nicht auf die Sicherheit des Reichtums setzen, statt dessen auf Gott, der uns gibt, was wir brauchen. Psalm 23, der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln… Der Angst entgehen, dabei frei sein, gerne geben, behilflich sein. Das wahre Leben, von dem Paulus spricht, liegt bereits im Diesseits!

Der Herr helfe uns, Freiheit und Integrität zu bewahren. Dann geht auch ein Kamel durch ein Nadelöhr!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 01/2023

Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer; da stand das Meer still von seinem Wüten.
Jon 1,15 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

A day in a life

Ein Vers für Jahresende und Jahresbeginn. In der Vergangenheit galten die „Rauhen Nächte“ in den zwölf Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönig als unheilig. Geister und Dämonen hatten das Sagen. Meine Großmutter hat mir noch erzählt von den Stürmen und Unwettern, der Wilden Jagd und den Saalweibchen, die in diesen Nächten auf markiertem Gehölz Schutz vor ihren mächtigen Verfolgern suchen. Diese Tage und Nächte sind wie aus der Zeit gefallen, und mit Böllern wehren wir uns.

Jona rennt davon. Gott hat ihn gerufen, mit einem gefährlichen Auftrag — er soll nach Ninive gehen, dem Zentrum der brutal herrschenden assyrischen Großmacht, und die Bewohner der Stadt auf einen neuen Weg bringen. Ein Himmelfahrtskommando. Jona antwortet nicht. Er schifft sich ein, aber statt nach Osten fährt er nach Westen, nach Tarsis an der spanischen Atlantikküste, dem äußersten Rand der damals bekannten Welt. Bloß weg!

Ein Sturm bricht los auf dem Meer, immer wütender. Jona bleibt wortlos, er verkriecht sich ins Innere des Schiffs, um dort zu schlafen. Nur weg. Aber die verängstigten Seeleute holen ihn nach oben, fragen ihn nach seinem Gott und ein Los wird geworfen, um zu erfahren, welcher der Schiffsinsassen denn hier verfolgt wird, wem die wütende Hatz gilt. Das Los trifft Jona, und endlich spricht er, gibt zu, dass er vor seinem Gott flieht. Man möge ihn ins Meer werfen, und alle anderen würden gerettet, sagt er. Er will, dass es endlich vorbei ist!

Der Sturm wird zum Orkan und nach langem Widerstand tun es die Seeleute — sie werfen den Flüchtigen ins Meer. Das ist unser Vers. Augenblicklich wird das Meer ruhig und glatt. Das mag lauter gedröhnt haben als der Orkan. Wenn ich es mir vorstelle, verschlägt es mir den Atem. A Day in a Life von den Beatles endet so, mit einem mächtigen, minutenlang verklingenden Klavierakkord in Dur, nach einem wilden, sich irrwitzig steigernden Crescendo. Mit einem gewaltigen Schlag kommt die Welt zur Ruhe. 

Aber für Jona ist es nicht vorbei. Er ist jetzt unter der Wasseroberfläche, allein mit sich und seinem Gott. Fliehen kann er jetzt nicht mehr. Am dritten Tage wird er wieder auftauchen aus dem Meer, und wird verwandelt sein. 

Der Herr beschütze uns in unseren Nächten,
Ulf von Kalckreuth