Ich liege unter den Toten verlassen wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, deren du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hand abgesondert sind.
Ps 88,6
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Gottesfinsternis
Das Buch der Psalmen spiegelt getreu die ganze Lebenswirklichkeit mit Gott: Freude, Erleichterung, Dank für Errettung, Liebe, Lobpreis und Ehrerbietung, aber auch Flehen, Angst, Wut und — die Finsternis. Dieser Psalm geht hinein in die Finsternis und bleibt dort. Ein Beter schreit zu Gott und erhält keine Antwort. Lesen Sie den Psalm bitte ganz — oben ist der Link.
Kein Hoffnungsschimmer. In anderen Psalmen scheint auch in der Verzweiflung die Rettung auf. Gott erbarmt sich seiner Diener und gedenkt des Bunds. Als Beispiel für viele andere mag Ps 22 gelten, mit Jesu Worten am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieser Psalm endet im Lobpreis.
Finsternis ist wie das Licht Teil von Gottes Schöpfung und Teil des Lebens mit Gott. Der Schöpfer von Tag und Nacht ist unser Gegenüber auch dann, wenn alle Welt wegbricht.
Wenn man die Eltern, die Kinder, den Partner verliert. In terminaler Krankheit, wenn der Sog des Todes unerträglich wird. In Sucht, Scham und Schande. In unauflöslicher Schuld anderen Menschen gegenüber. In der Überforderung, in der Einsamkeit, im Wahn. Im Gefängnis. Manchen Menschen ist Gottverlassenheit Dauerzustand.
Psalm 88 benennt das schonungslos. Gott ist auch in der Gottverlassenheit ein Gegenüber. Aber wo ist er, was ist seine Antwort?
Aus der Bibel kenne ich zwei. Eine ist in Psalm 139 zu finden:
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.
Für Gott, den Schöpfer des Lichts und der Finsternis, gilt beides gleich. Er ist im Licht die Finsternis und in der Finsternis das Licht. Oberhalb und jenseits unserer Perspektive, die ja oft keine mehr ist, steht immer noch die Perspektive Gottes. Ich kannte einmal eine Frau gut, die mir sagte: „Weißt du, wenn es mir richtig schlecht geht, denke ich an Gott. Einfach nur an Gott. Und dann ist es besser!“
Die andere Antwort gibt Gott mit Jesus am Kreuz. In seiner Todesangst schwitzt Jesus in Getsemane Blut und Wasser, er schreit bei Golgatha seine Gottverlassenheit in den Himmel. Und Gott schweigt. Seine Antwort ist eine neue Welt, in der die Gesetze der alten nicht mehr gelten. In der alten Welt gehn wir mit Jesus zugrunde, in der neuen wird Gott mit Jesus unsere Tränen abwischen.
Ich kenne noch eine dritte Antwort. Sie steht nicht in der Bibel, sondern im letzten Vers eines uralten Chorals — Nun bitten wir den Heiligen Geist. Ich habe das Lied meinem Vater gesungen, als er im Sterben lag. Er wollte diese Strophe immer wieder hören, Zeilen für Zeile:
Du höchster Tröster in aller Not,
hilf, dass wir nicht fürchten Schand noch Tod,
dass in uns die Sinne nicht verzagen,
wenn der Feind wird das Leben verklagen.
Kyrieleis.
Gott sei immer mit uns, auch wenn wir ihn nicht sehen!
Ulf von Kalckreuth

