Bibelvers der Woche 20/2021

Und er ließ in den Bund treten alle, die zu Jerusalem und in Benjamin vorhanden waren. Und die Einwohner zu Jerusalem taten nach dem Bund Gottes, des Gottes ihrer Väter.
2 Chr 34,32

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Fund und Bund und Kirchentag 

Als er von meinem Blog hörte, fragte mich ein Kollege leicht ironisch, was es denn neues gebe in der Bibel. Für uns ist die Bibel etwas Festes, im Wortsinne Gegebenes, Unverrückbares. Das war nicht immer so — der Kanon der Heiligen Schriften des Judentums und damit des christlichen Alten Testaments wurde erst gegen 100 n.Chr. festgelegt, und der Korpus des Neuen Testaments im 4. Jahrhundert. Vorher bestand die Heilige Schrift aus einzelnen, heilig gehaltenen Schriften, die selbständig kursierten und kopiert wurden, oft in verschiedenen Fassungen.  

Die Sammlung, Redaktion und Systematisierung der Heiligen Schriften begann aber bereits in Juda unter König Josia (640-609 v.Chr). Die 2. Chronik und das 2. Buch der Könige berichten von einem unglaublichen Ereignis. Der Tempel wurde renoviert, und als man Silbervorräte heraussuchte, um damit die Bauarbeiten zu bezahlen, fand man das „Gesetz“, eine Schrift mit den Bestimmungen Mose. im Hebräischen steht tatsächlich „Sefer HaTorah“, das Buch der Torah. Das Buch war in Vergessenheit geraten und nun durch einen Zufall wieder aufgefunden. Möglicherweise handelte es sich um eine frühe Fassung des Deuteronomiums. 

Wirklich wurden in jener Zeit Schriftrollen behandelt wie Schätze und sie hatten einen entsprechenden Wert. Und wie ein Schatzfund wächst die Schriftrolle dem Fundus der bekannten Schriften zu. Die Wirkung ist spektakulär. König Josia lässt sich die Rolle vorlesen, und er zerreißt seine Kleider, weil ihm klar ist, wie sehr Israel und Juda gefehlt haben und was die Konsequenz sein kann. Er versammelt das Volk, lässt die Rolle verlesen und und gelobt stellvertretend für das Volk, dass man die Rechte des Herrn künftig genau halten werde. Darum geht es im gezogenen Vers: der König formuliert den Bund und die Einwohner Jerusalems und des umliegenden Landes Benjamin treten bei und halten ihn. Eine Art Kirchentag, nicht wahr?

Josia hat in den Königsbüchern und der Chronik den Rang einer Lichtgestalt. Er steht für Differenzierung und Zentralisierung. Die kultische Verehrung des Gott des Herrn wird exklusiv: Andere Götter dürfen nicht mehr angebetet werden. Die religiöse Aktivität fokussiert auf Jerusalem. Nur im dortigen Tempel kann noch legal geopfert werden, all die freiwilligen und mandatorischen Gaben gehen dorthin. Gleichzeitig beginnt, wie schon erwähnt, in dieser Zeit eine redaktionelle Arbeit, welche die heiligen Schriften in konsistente Beziehung zueinander setzt und zu Teilen einer einheitlichen Erzählung werden läßt. Die biblische Geschichte entsteht allmählich. Als Juden und als Christen gäbe es uns nicht ohne dieses Werk. 

Durchaus nicht alles gefällt nach heutigen Standards. Wer ist „im Bund“, wer nicht? Josia integriert, und gleichzeitig grenzt er ab und grenzt er aus, sehr harsch zuweilen. Recht betrachtet gehört beides zusammen. Wer sagt, was eine Gemeinschaft ausmacht und was in ihr gilt, sagt damit gleichzeitig, wer oder was nicht dazu gehört. Als ich den Vers las, mußte ich an den Kirchentag in Frankfurt denken, der am Donnerstag mit einem Gottesdienst begann und am Sonntag seinen Abschluss findet. Er war als ökumenisches Fest gedacht und ist zum virtuellen Ereignis geworden. Arg gerupft wirkt er, nicht nur wegen Corona. Im Vorfeld schien es, als sei auch der Mut zum Träumen verlorengegangen. Vielleicht, weil Integration voraussetzt, dass man gemeinsam formulieren kann, wofür man steht. Das fällt schwer, wenn das Haus des Herrn viele Wohnungen haben soll, alle mit Zentralheizung. Wer allen alles sein will, ist am Ende den meisten nichts.

Die Chronik berichtet weiter, wie Josia die heidnischen Anbetungsstätten in den ihm zugänglichen Gebieten des früheren Nordreichs entfernen lässt und am Ende in einem großen Staatsakt Pessach feiert, das Fest der Befreiung im Frühling, endlich so, wie das „Gesetz“ es vorsieht. Das Pessachmahl ist das Urbild der christlichen Abendmahlsfeier, auch daran mag man mit Blick auf den Frankfurter Kirchentag denken. 

Am Donnerstag feierte eine Handvoll Vertreter der großen Konfessionen auf dem Dach eines Frankfurter Parkhauses einen luftigen Eröffnungsgottesdienst mit Musik. Ein gemeinsames Abendmahl gab es nicht, wohl aber ein gemeinsames Bekenntnis des Glaubens. Heute (Samstag) Abend bin ich „live“ auf einer gemeinsamen Abendmahlsfeier im Rahmen des Kirchentags im Stadtteil. Ich weiss noch nicht genau, was mich erwartet, aber vielleicht wird es wirklich — neu!

Der Herr behüte uns in unsern Träumen und immer,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 10/2021

Und der HErr sandte einen Engel, der vertilgte alle Gewaltigen des Heeres und Fürsten und Obersten im Lager des Königs von Assyrien, dass er mit Schanden wieder in sein Land zog. Und da er in seines Gottes Haus ging, fällten ihn daselbst durchs Schwert, die von seinem eigenen Leib gekommen waren.
2 Chr 32,21

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

„Aber“-Glauben

Erinnern Sie sich noch an den Vers der letzten Woche? Der jetzt gezogene Vers führt uns in fast dieselbe Situation, aber die Ergebnisse sind spektakulär verschieden. 

Im Vers der vergangenen Woche erhält Hesekiel von Gott die Nachricht, dass die Belagerung des weit entfernten Jerusalems durch die Truppen des babylonischen Großkönigs Nebukadnezar begonnen habe. Das war der Anfang vom Ende des judäischen Reichs und König Zedekias, der versucht hatte, die Oberhoheit der Babylonier loszuwerden und die Großmächte der Zeit gegeneinander auszuspielen.

Und jetzt haben wir einen Vers, der die Errettung Jerusalems verkündet, aus derselben auswegslosen Lage. Allerdings 120 Jahre früher, im Jahr 701 vor Chr. Der judäische König ist Hiskia, der Belagerer Sanherib, Großkönig von Assyrien, und Jesaja ist der Prophet. Sanherib steht mit einem riesigen Heer vor Jerusalem, weil Hiskia ihm in den Rücken gefallen war. Die Assyrer hatten bereits eine Schneise der Verwüstung durch das Land gezogen, die Festungen waren gefallen, nur Jerusalems Mauern stehen noch. Und eigentlich ist alles vorbei. Doch dann geschieht ein veritables Wunder: Eine große Zahl assyrischer Soldaten sterben über Nacht. 2 Kön 18f gibt mehr Details. Es wird gesagt, dass 185.000 assyrische Soldaten umkommen. Sanherib bricht den Feldzug ab. Viele Jahre später wird er durch seine eigenen Söhne getötet.

Ich will nicht unerwähnt lassen, dass assyrische Quellen die Geschehnisse anders berichten und von einem Sieg mit großer Beute sprechen. Mir ist die Historizität hier weniger wichtig als die Aussage an sich, die bibelimmanente Wahrheit sozusagen. Wie in einem Laborexperiment zeigen uns die Bibelverse dieser und der vergangenen Woche zweimal dieselbe Situation, mit entgegengesetztem Ausgang. Während der babylonischen Belagerung erinnerten sich die Bewohner Jerusalems durchaus an die wundersame Errettung vor den Assyrern und zogen daraus Hoffnung, es könne auch diesmal gut gehen. Aber es ging nicht gut. 

Was will das heissen? Straft Gott oder rettet er? 

Bibelverse uneingeschränkt zufällig zu ziehen, stellt Erzählstränge nebeneinander, die sonst getrennt sind. Wenn man es aushält, kann das eine Stärke sein. Die Propheten, besonders die drei „großen Propheten“, Jesaja, Jeremia und Heskiel, verkünden ja beides — Strafe und Gnade, Vernichtung und Erlösung. Die Geschichtswerke der Bibel stützen dies Bild einerseits und versuchen es andererseits zu ordnen, zu erklären, welche Verfehlungen welcher Könige das Unheil heraufbeschwören und wie es sich immer wieder auch abwenden lässt. Wie etwa durch Hiskia übrigens, dem Reformkönig, der den Gottesdienst neu ordnet und auf dessen Gebet hin Gott die Zeiger der Weltuhr zurückdreht, siehe 2. Kön 20.

Beides also, Unheil und Erlösung. Auch im Neuen Testament ist beides präsent, am deutlichsten in der Apokalypse und bei Johannes. Gott rettet nicht ständig, sonst sähe die Welt anders aus. Aber er hat auch keinen unbedingten Vernichtungswillen. Selbst nach der Katastrophe von 586 v. Chr. fand sich das Judentum im fernen Exil geistlich neu, und 2000 Jahre nach einer weiteren Katastrophe, nach Diaspora und Shoa, gibt es einen lebendigen Staat Israel, welcher der Welt in manchem Respekt abnötigt. 

Regenfall und Sonne an der Saalburg, UvK 2021
Regenfall und Sonne an der Saalburg, UvK 2021

Unter Christen hat es sich eingebürgert, Unheil und Erlösung zeitlich und in der Realitätsebene zu ordnen — die Welt als Ganze geht dem Untergang entgegen, die Rettung erfolgt „nachher“, in der Transzendenz. Aber geht es hier nicht auch im Kern um die Bedingtheit des menschlichen Lebens zwischen Geburt und Tod, zwischen Wachstum und Katastrophe? Legt nicht immer eines den Keim des anderen, auch in den menschlichen Gemeinschaften? Gehören sie nicht zusammen wie Zwillinge und damit notwendigerweise zu Gott, wenn er Schöpfer der Welt und des Lebens ist? Muß nicht Gott Herr zugleich von Licht und Dunkel sein, wenn er Herr der Welt ist? 

Es kann also nicht genügen, in jeder Lebenslage auf Rettung zu vertrauen. Ein solches Vertrauen würde am Ende enttäuscht. Ich denke, es geht statt dessen darum, sich in beidem, Unheil und Erlösung, in Gott geborgen zu fühlen. Ein Freund von mir bezeichnet diese paradoxe Haltung als „Aber“-Glauben. In 2 Kor 4, 8-9 schreibt Paulus: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. 

Gottes Segen sei mit uns in dieser Woche, ob nun die Mauer fällt oder nicht!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 1/2020

In der Gegend des Jordans ließ sie der König gießen in dicker Erde, zwischen Sukkoth und Zaredatha.
2. Chr 4,17

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Den Tempel bauen

Die Abschnitte rund um den Vers handeln davon, wie König Salomo den Tempel baut. Er macht es natürlich nicht selbst, hunderttausende arbeiten zeitweilig daran, wie berichtet wird. Unter anderem werden alle „Fremden“ herangezogen, von mehr als hundertfünfzigtausend wird berichtet, um im Gebirge die Steine für den Tempel zu hauen und nach Jerusalem zu bringen. 

Die Einrichtung des Tempels, Bronzegefäße, Leuchter, der Altar, das „Meer“, in dem die Priester sich wuschen, die Cherubim im Allerheiligsten, und so viel Anderes mehr, stand unter der Aufsicht von Hiram aus Tyrus. Diesen Baumeister, Kunsthandwerker und Berater schickte der König von Tyrus seinem Verbündeten Salomo für das große Werk. Der König, gleichfalls Hiram mit Namen, machte das Werk auch durch umfangreiche Lieferungen von kostbaren Hölzern aus dem Libanon möglich. Seine Stellung in der biblischen Erzählung kontrastiert sonderbar stark mit dem, was Jesaja über einen späteren König von Tyrus schreiben wird, siehe den BdW 50/2019. 

Hiram, der Baumeister war nur mütterlicherseits Hebräer, sein Vater kam aus Tyrus. Für die Freimaurer ist Hiram eine Art Heiliger, der besondere Einsichten hatte, und ein besonderer Mensch muss er in der Tat gewesen sein. Das Opfer war Gemeinschaft mit Gott, der Ort dafür war der Jerusalemer Tempel, und um diesen Tempel kreisen die Schriften des Alten Testaments in fast schon obsessiver Weise. Und die Geräte, immer wieder einzeln aufgezählt, wurden geschaffen von einem Ausländer. 

Ich selbst befinde mich gerade laut Google Maps rund 1600 Meter Luftlinie von der goldenen Kuppel des Felsendoms entfernt. Dort stand vermutlich das Allerheiligste des Tempels, mit den zwei großen Cherubim, die Hiram schuf. Der Tempel ist Vergangenheit und doch auch nicht — irgendwie kreist diese Stadt weiter um das Areal. Für Juden ist er als geistiges Objekt höchst präsent, und für Muslime ist der Felsen unter dem Dom der Ort, auf dem die Welt gegründet ist. 

Es ist dies ein schöner Vers für den Beginn des neuen Jahres. Ich habe trotz Internetrecherche nicht verstanden, wozu beim Bronzeguss „dicke Erde“ oder „fester Lehm“ nötig ist. Manche Bibelübersetzungen, so auch die neue Lutherbibel, halten „dicke Erde“ (‚avi ha’adama) gar für einen Ortsnamen. Wie dem auch sei, wer einen Tempel einrichten will, braucht nicht nur Genie und fast unbegrenzte Ressourcen, sondern er muss sein Werk auch gut gründen, in dicker Erde eben. So ungefähr verstehe ich die Wendung.

Ich wünsche uns allen für das kommende Jahr dicke Erde genug, dass wir unsere Aufgaben und unseren Auftrag erfüllen können, was immer diese auch seien, und darin glücklich sind!
Jerusalem, 29. Dezember 2019, Ulf von Kalckreuth

Jerusalem Altstadt, Jahreswende 2019/2920
Jerusalem, Altstadt, Jahreswende 2019/2020