Bibelvers der Woche 29/2022

Und der König fand sie in allen Sachen, die er sie fragte, zehnmal klüger und verständiger denn alle Sternseher und Weisen in seinem ganzen Reich.
Dan 1,20

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Assimilation und Integration

Schabbat schalom! Diese Betrachtung ist meinem Freund Dani gewidmet. Er hat mir die einfache Methode erklärt, mit der er in der Fremde die jüdischen Speisevorschriften einigermaßen halten kann und dabei aktionsfähig bleibt. Von Georgien kam er als Student in die USA. Dort gab er seine jüdische Identität nicht auf, sondern nutzte im Gegenteil die neuen Chancen, sie zu entwickeln. Heute lebt er in Israel. Und zufällig heißt er wie der Held unseres Verses.

Worum geht es? Vier Jugendliche, darunter der Prophet Daniel, werden verschleppt, von ihrer Heimat im königlichen Palast in Jerusalem in die mehrere tausend Kilometer entfernte Hauptstadt des Imperiums. Nebukadnezar, Herrscher von Babylon, will sein riesiges Reich zusammenzuhalten. Er kann es nicht zentral regieren, dafür ist die Hauptstadt zu weit entfernt von der Peripherie. Er braucht funktionsfähige Vasallenstaaten, mit einer Führungsschicht, die ihm treu ergeben ist. 

Und so „importiert“ er Knaben aus der Führungschicht des eroberten Landes, um sie zu Babyloniern zu erziehen. Sie sollen alles lernen, was adelige babylonische Kinder lernen und ihre Lebensart annehmen.

Vom Rand der Welt in ihr Zentrum. Einen fortschrittlicheren Ort als Babylon gibt es zu dieser Zeit nicht — Macht, Wissenschaft, Kultur sind dort zuhaus. Eine gewaltige Verlockung. Es ist so, als seien die vier nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von Tiflis nach Boston gelangt. Eine Einladung zur Assimilation. Mehr als das, es ist sanfter Zwang. Die vier sollen auch die Speisen der Babylonier essen, von der Tafel des Königs. Die jüdischen Speisevorschriften verbieten das jedoch. Und so bittet Daniel ihren Mentor, den Kämmerer Aschpenas, sie mit Gemüse zu verköstigen. Fleisch und Milchprodukte nach jüdischen Regeln richtig zuzubereiten ist schwierig und kompliziert, und im Einzelfall hätten die vier die Regeln nicht einmal genau gekannt. Aber mit Gemüse kann man nicht viel falsch machen. Mein Freund Dani macht es genauso.

Aschpenas hat Angst. Er hat strikte Anweisung, dass die Kinder nur das beste Essen erhalten, und er sorgt sich, dass die frugale Kost seine Schützlinge blass und mager aussehen lassen könnte. Und so gibt es ein Experiment: Daniel schlägt Aschpenas vor, er möge es zehn Tage lang probieren und dann nach dem Ergebnis entscheiden. Aschpenas lässt sich darauf ein. Die nunmehr vegan (und koscher!) ernährten Knaben blühen regelrecht auf. Und es fällt ihnen viel leichter, schwierige Texte aufzunehmen. Als der König sie schließlich examiniert, ist das Ergebnis verblüffend —  „zehnmal klüger und verständiger denn alle Sternseher und Weisen in seinem ganzen Reich“!

Gott ist mit denen, die mit ihm sind. Vegane Ernährung sichert das Abitur…! Und sonst?

Nebukadnezar verlangt Assimilation. Die vier leisten statt dessen Integration: sie fügen sich erfolgreich in die Wirtsgesellschaft ein, behalten aber ihre kulturelle Identität. Daniel steht vor einer brillianten Karriere. Sie wird ihn zum Großwesir machen, zum Verweser des riesigen Reichs. Alles, was er dabei braucht, lernt er in Babylon, und doch macht er diese Karriere als Jude. Am Ende steht ein scheinbar unauflösbarer Konflikt, ein Konflikt, der ihn und seine Freunde in den Feuerofen führt — und wieder hinaus. Aber das ist eine andere Geschichte, siehe den BdW 31/2018.

Uns allen, besonders aber Dani, wünsche ich eine gesegnete Woche!
Ulf von Kalckreuth

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