Ein Psalm Davids, vorzusingen.
Ps 21,1
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, diesmal zur Einheitsübersetzung.
Dank und Triumph
Wir haben die Überschrift des Psalms gezogen, den Einstieg, der den Autor oder die Widmung angibt. Wenn ich dazu schreiben will, muss ich wohl ein wenig an meinen Fingern saugen. Mal sehen, was dabei herauskommt…!
Von den 150 Liedern im Psalter werden 73 David zugeschrieben. In den Überschriften werden sie als „von David“ gekennzeichnet. Zu beachten ist, dass „von David“ und „für David“ auf Hebräisch dasselbe heißt: le David. Manche Psalmen wirken in der Tat so, als seien sie nicht VON David geschrieben, sondern FÜR ihn, oder für einen seiner Nachfolger. In unserem Vers tritt die doppelte Bedeutung ins Rampenlicht. Das „le“ taucht im hebräischen Fassung nämlich zweimal auf: der Vers lautet: le menazeach. le David. Wörtlich übersetzt „Für den Chormeister. Von David.“ So gibt es die Einheitsübersetzung wieder, auf die ich diesmal verlinkt habe. Genauso richtig und eigentlich intuitiver wäre „Vom Chormeister. Für David „
Die Mehrdeutigkeit ist charakteristisch für das, was nachher kommt. Während der erste Teil ein Dankgebet für die Gnade ist, die Gott dem König erweist, also wohl „von David“ kommt, bittet der zweite Teil um Kraft für den König gegen seine Feinde, also eigentlich „für David“. Das „Du“ bezieht sich auf den König. Mit Gottes Hilfe wird er mit seinen Feinden fertig, in recht brutaler Weise übrigens.
Die Sprache des zweiten Teils klingt für heutige Ohren abstoßend. Man kann damit in verschiedener Weise umgehen. In der Eisenzeit hat man über Gewalt anders gesprochen als heute, was nicht heißen muss, dass Politik in jedem Fall gewalttätiger war. Diesbezüglich lernen wir ja derzeit jeden Tag dazu. Man kann den Psalm auch christologisch deuten. Dann ist Christus der König. Er obsiegt über das Böse, zu dessen Vernichtung er ausgesandt ist. Das ist eine sehr viel jüngere Perspektive. Solche Lesarten versuche ich, zu vermeiden. Bibeltexte sollten aus der Situation ihrer Entstehung heraus verständlich sein — wie sonst hätten sie den weiten Weg durch die Zeit zurücklegen können?
Hier aber kann uns die christologische Lesart einen Fingerzeig geben. Mein Vater legte mir einmal nahe, in den „Feinden“ der Psalmen, BdW 12/2023, das Böse in uns selbst zu sehen. Ich weiß nicht, wie „theologisch“ das ist, aber wenn wir das Gebet so lesen, dann ist es nicht Dank und Triumph eines Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, dann sind wir alle der König, der für Gottes Schutz und Beistand danken kann und der mit Gottes Hilfe dem Bösen widersteht. Je nach Zeitgeist kann solcher Dank recht kernig sein. Hier ist als Beispiel ein Link zu einem Lied aus dem Jahr 1932, das sich auch heute noch in vielen evangelischen Gesangbüchern findet: Herr, wir stehen Hand in Hand.
In diesem Sinne wünsche ich uns eine gesegnete Woche!
Ulf von Kalckreuth
Nachtrag: Ich bin in Hamburg, und gerade war ich mit meiner Frau im Michel, dem Wahrzeichen der Stadt. Dort gibt es eine Statue des Erzengel Michael. Man sieht, wie er das Böse erschlägt, und man sieht auch, mit welcher Freude er es tut.

