Bibelvers der Woche 23/2022

Ein zänkisches Weib und stetiges Triefen, wenn’s sehr regnet, werden wohl miteinander verglichen.
Spr 27,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Abperlen lassen!

Es gibt für mich wenig schlimmeres als diese Streitereien, die aus dem blauen Nichts entstehen, ins blaue Nichts führen und in der Zeit dazwischen alle Beteiligten regelrecht aufreiben. Das Buch der Sprüche ist ein Schulbuch, und zwar ein besonderes. Es enthält Lehr- und Merksätze der Weisheitslehre zum Auswendiglernen, als Teil eines Curriculums, siehe den BdW 50/2020. Die Weisheitslehre war die Lehre der Lebenskunst. Die dazugehörigen Lektionen gab es mündlich, sie stehen uns nicht mehr zur Verfügung. Wir können aber versuchen, sie uns anhand der Merksätze zu erschließen. Hier ist zunächst die ganze Sinneinheit, zitiert aus der Lutherbibel 2017:

Ein zänkisches Weib und ein stetig tropfendes Dach, wenn’s sehr regnet, lassen sich miteinander vergleichen: Wer sie aufhalten will, der will den Wind aufhalten und will Öl mit der Hand fassen.

Der Vergleich mit dem tropfenden Dach findet sich auch in Sprüche 19,13: Ein törichter Sohn ist seines Vaters Herzeleid, und eine zänkische Frau wie ein stetig tropfendes Dach. Das Bild vom „Haschen nach Wind“ für vergebliches Tun kennen viele aus Prediger, einem eng verwandten und sehr eindrücklichen Text der Weisheitsliteratur. 

Der Duden gibt ‚zänkisch‘ mit rechthaberisch, streitsüchtig und unverträglich wieder. Darüber hinaus hat das Wort im Deutschen eine Konnotation mit dem weiblichen Geschlecht. Als Anwendungsbeispiel gibt der Duden „zänkisches altes Weib“ an. Rechthaberische, streitsüchtige und unverträgliche alte Männer gibt es auch, aber einen zänkischen alten Mann würde man sich irgendwie weiblich vorstellen. So weit kann ich folgen, es gibt wohl wirklich eine weibliche Variante der Streitsucht. Aber die männliche ist nicht schöner, und auf sie würde der Vergleich mit dem Dach ebenso gut passen. Die geschlechtliche Konnotation ist somit überflüssig.

Im hebräischen Original steht ein Wort, das ‚zanken‘, ’sich streiten‘ bedeutet, aber auf eine Wurzel zurückgeht, die ‚richten‘, ‚Recht schaffen‘ bedeutet. Es geht also um Menschen, die sich zwanghaft im Recht wähnen, bzw. ihr Recht ständig durch andere verletzt sehen. Eigentlich sehr deutsch. Nicht einmalige Ausbrüche sind gemeint, sondern eine Verhaltenstendenz, die autonom und unveränderlich ist, eben wie ein stetig tropfendes Dach. Sichtbar wird das Tropfen nur bei Regen, undicht aber ist das Dach auch, wenn die Sonne scheint. Die Unfähigkeit, etwas ab- und von sich wegzuhalten ist gemeint. Und die Auseinandersetzung mit solchen Menschen, so der Vers, ist sinnlos und Zeitverschwendung

Aggressive Negativität hat etwas Sündhaftes. Sie trägt innere Unruhe und Unfrieden nach aussen und überträgt sie wie einen Virus auf Menschen der Umgebung. Diese sollten sich davon so frei wie nur möglich machen, die Ansteckung vermeiden — auch aus epidemiologischen Gründen: das Beziehungsgeflecht muß geschützt werden. Die Auseinandersetzung führt zu nichts.

Ich wünsche uns ein gesegnetes Pfingstfest, eine Woche in innerer Ruhe und Frieden, mit Gottes Hilfe, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 22/2022

Nicht, meine Kinder, das ist nicht ein gutes Gerücht, das ich höre. Ihr macht des HErrn Volk übertreten.
1.Sa 2,24

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Verantwortung übernehmen

Der Vers berichtet von der Vorgeschichte des Aufstiges von Samuel zum Richter Israels. Samuel war als kleines Kind schon dazu ausersehen, dem Herrn im Tempel zu dienen. Seine Mutter hatte ein Gelübde getan, ihren Sohn in den Tempeldienst zu stellen, wenn sie ein Kind bekommen könnte. Hoherpriester und Richter in Israel war Eli. Zu seinen Nachfolgern hatte er seine beiden Söhne auserkoren. Diese aber verhielten sich unwürdig: die jungen Männer mißbrauchten ihre Privilegien. Der gezogene Vers gibt die Worte wieder, mit denen Eli ihnen Vorhaltungen macht.

Es bleibt vergeblich. Der Herr flucht den Söhnen und dem ganzen Hause Elis, und Samuel wird Elis Nachfolger. Und eigentümlich: die Geschichte spiegelt sich inSamuels späteren Leben. Als er ein alter Mann ist, geschieht ihm dasselbe wie Eli. Seine beiden Söhne, an die er die Last der Verantwortung abgeben will, benehmen sich selbstherrlich und beugen das Recht; siehe 1.Sa, Kapitel 8 und den BdW 37/2021. Anders als Eli aber erfüllt Samuel seine Aufgabe. Er hört den Warnruf, schiebt seine Söhne beiseite und beginnt, einen König für Israel zu suchen.

Der Unterschied zwischen Samuel und Eli wird im gezogenen Vers sichtbar, wenn man gut hinsieht. Eli sieht durchaus, was vor sich geht. Die Verfehlungen seiner Söhne werden ihm zugetragen, und er erfasst ihre Bedeutung. Aber er lässt geschehen, was er sieht. Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu verstehen, denn seine Worte klingen frappierend modern. Elis Beziehung zu seinen marodierenden Söhnen hat aber nicht viel zu tun mit der Stellung heutiger Eltern. Die Stellung des morgenländischen Vaters war absolut — Eli hatte alle Möglichkeiten, Recht und Gesetz gegen den Widerstand seiner Söhne durchzusetzen. Theoretisch hätte ihm sogar die Todesstrafe zu Gebot gestanden, siehe Deut 21,18-21. Er belässt es jedoch bei milden Warnungen in wertschätzender Sprache.

Ein Engel des Herrn sagt Eli das nahende Ende an. Eli bleibt passiv — er sieht zu und lässt sogar geschehen, dass Gott vor seinen Augen den jugendlichen Samuel beruft und auch ihm das Urteil gegen Eli und seine Söhne verkündet. Die Bundeslade wird geraubt, und die drei kommen fast gleichzeitig ums Leben. Als Samuel viel später mit ganz ähnlichen Entwicklungen in seinem eigenen Haus konfrontiert wird, weiss er Bescheid. 

Manchmal kommt es aufs Ergebnis an und nicht darauf, irgendwann und irgendwie das richtige gesagt zu haben. Das gilt allgemein, speziell auch in der Familie.

Eltern haben ihren Kindern gegenüber eine Verantwortung. Nicht nur für Nahrung und Kleidung müssen sie sorgen — sie sollen auch das Verhalten der Kinder formen und diese befähigen, als integre Menschen in der Welt zu bestehen. Dabei müssen Eltern im Rahmen dessen bleiben, was sozial befürwortet und akzeptiert ist. Dieser Rahmen ist in der Zeit starken Veränderungen unterworfen. Unwandelbar bestehen aber bleibt die Verantwortung. Ihr nachzukommen, brauchen wir die Hilfe des Herrn. Auch das steht in dieser alten Geschichte.

Gott schenke uns Weisheit im Umgang mit unseren Kindern, nicht nur in dieser Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 49/2021

Die machten beide Isaak und Rebekka eitel Herzeleid.
Gen 26,35 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Haussegen

Es geht um die Schwiegertöchter. Der Vers ist so etwas wie ein Stoßseufzer. Esau war der erste Sohn Isaaks und Zwillingsbruder Jakobs. Die beiden unterschieden sich in so gut wie jeder Hinsicht, die sich denken lässt, so auch im Heiratsverhalten. 

Esau heiratete schon in jungen Jahren ohne Umstände zwei „Hetiterinnen“ aus der ortsansässigen Bevölkerung. Diese Ehen waren problematisch: Isaak und Rebekka jedenfalls sind schwer gekränkt (unser Vers), und am Ende des folgenden Kapitels (Gen 27,46) sagt Rebekka zu ihrem Mann: „Mich verdrießt zu leben wegen der Hetiterinnen. Wenn Jakob eine Frau nimmt von den Hetiterinnen wie diese, eine von den Töchtern des Landes, was soll mir das Leben?“ Das lässt sich eigentlich kaum noch steigern. 

Und es ist durchaus aus dem Leben gegriffen. Jeder, der diesen Text liest, kennt aus eigener Anschauung Familien, in denen Zwist und Hader mit den Schwiegersöhnen oder -töchter herrscht. Vielleicht ist das eine biologische Konstante. Evolutionsbiologen sagen, dass wir geschlechtliche Wesen sind, damit die genetische Variabilität in der Bevölkerung erhalten bleibe. Sie ist Schutz gegen Epidemien und essentielle Grundlage für genetische Anpassungsfähigkeit. Diese Variabilität sorgt auch für Spannungen.  

In dem Vers geht es aber nicht nur um Lebenswirklichkeit, sondern auch um biblische Geschichte. Das Alte Testament weist, anders als die Evolutionsbiologen, in allen seinen Teilen eine gewisse Obsession mit der Reinheit des Bluts auf. Die Nachkommen Jakobs, die „Kinder Israels“, sollten sich nicht mit der einheimischen Bevölkerung vermischen, ihre Sprache, Gebräuche und Götter annehmen. Nach der Rückkehr aus Babylonien mussten die Judäer gar die fremdstämmigen Frauen aufgeben, die sie im Exil geheiratet hatten, siehe den BdW 2/2018

Das ist in den Vätergeschichten bereits angelegt. Schon Isaak sollte keine der Töchter des Landes heiraten, sein Vater Abraham schickte eigens einen Knecht in die aramäische Heimat, um eine Frau für ihn zu freien. Er kam zurück mit Rebekka, einer Kusine Isaaks. Und auch Jakob, Isaaks Sohn, sollte seine Frauen in der alten Heimat Abrahams finden. Rebekka nämlich will Jakob vor dem Zorn ihres Bruders Esau retten und rät ihm zur Flucht. Ihrem Mann sagt sie, dass sie mit weiteren Schwiegertöchtern aus Kanaan nicht leben könne, woraufhin dieser seinen Sohn nach Aram schickt, damit auch er dort eine Braut finde. Das ist der Beginn einer langen Geschichte. Als junger Mann geht Jakob fort, erst nach insgesamt 14 Jahren Brautwerbung bei seinem Onkel Laban darf er Lea und Rahel endlich nach Hause nehmen. Seine Kinder werden die Väter der Stämme Israels. 

Was geschieht mit Esau? Er nimmt den Zorn seiner Eltern wahr und heiratet eine dritte Frau — die Tochter seines Onkels Ismael. Der aber hatte sich seinerseits schon mit den Töchtern des Landes eingelassen. Später zieht Esau mit seinen Herden in das Gebirge Seïr, tief im wüstenhaften Süden. Er wird so zum Stammvater der Edomiter, einem mit den Israeliten eng verwandten Volk, mit dem Juda über einen langen Zeitraum schwere Auseinandersetzungen führte, siehe den BdW 13/2018. Über die Edomiter spricht die Bibel oft schlecht. Ihren Geburtssegen haben sie an Israel verloren. Aber sie bleiben die „älteren Brüder“.

Die Angehörigen der Heilslinie, Isaak und Jakob, heiraten blutsverwandte Frauen aus Aram. Ihre Brüder hingegen, Ismael und Esau, heiraten einheimische Frauen und entfernen sich damit vom Volk Gottes. Ich schätze beide sehr, Esau wie auch Ismael. Es sind Wüstenmenschen, die mit ihrem Schicksal souverän umgehen können. Esau ist emotional, er kann gewalttätig sein, aber auch großzügig. Viel großzügiger, als sein Bruder es sich träumen lässt, siehe Gen 32+33. Beim Lesen habe ich die Stammtafel Edoms entdeckt, Gen 36. Dort wird mit verhaltener, aber großer Ehrerbietung von Esau und Edom berichtet. Der Abschnitt schließt nach einer langen Aufzählung von Fürsten fast ebenso, wie er beginnt: „Das ist Esau, der Stammvater der Edomiter.“ Mit den Frauen eben, die er heiratete und mit denen er seine Kinder hatte. 

Vielleicht kann man das mitnehmen von der langen Rede: Was am Ende bleibt, ist nicht der Streit in Ehe und Familie, nicht Schwiegermütter und Schwiegertöchter, sondern — die Kinder. 

Der Herr segne sie.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 48/2021

Und der HErr redete mit Mose und Aaron und sprach:…
Lev 14,33

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Aussatz von Häusern…

Die Formulierung taucht oft auf in der Torah. Wir hatten diesen Vers schon einmal, BdW 51/2018. Beinahe jedenfalls — Aaron wurde nicht erwähnt, und der Vers stand in Numeri, nicht in Leviticus: „Und der HErr redete mit Mose und sprach…“, Num 5,1. Wir haben auch schon aus Lev 14 gezogen, siehe den BdW 43/2019. Leviticus behandelt Regeln für den Umgang mit Aussatz: erst den Umgang mit Aussatz bei Menschen, dann bei Kleidung und schließlich bei Häusern. Um Häuser geht es in dem Text, den unser Vers einleitet.

Aussatz von Häusern! Haben Sie schon einmal davon gehört? Ich nicht. Manche Kommentatoren denken an den Hausschwamm, einen Pilz, der sich in zerstörerischer Weise durch Baumaterial aus Holz frißt. Ich komme aus dem Süddeutschland und bin in einem Holzhaus aufgewachsen. Die Angst vor dem Schwamm war ständig präsent. Aber ich war auch schon in Israel, und dort gibt es nichts von dem, was der Schwamm liebt und braucht: ein gleichbleibend feuchtes, quasi tropisches Klima.

Die pilzkundliche Veröffentlichung von Joachim Weinhard (2012) bringt es auf den Punkt: den Hausschwamm gibt es in Palästina nicht, und es hat ihn auch früher nicht gegeben, und eine Reinigungszeremonie, wie sie Levitikus en detail beschreibt, hat vermutlich niemals stattgefunden. 

Wo könnte hier also die Botschaft liegen? Aussatz von Häusern… Weinhardt meint, dass die Regelung zu Häusern absichtlich und bewusst eine Tatbestand charakterisiert, der nie erfüllt wird. Der Umgang mit Aussatz ist in den Abschnitten über Menschen, Kleidung und Häuser im Prinzip stets derselbe: Reinigung, Isolation, und nach einer möglichen Heilung ein Sündopfer — das alles wird engmaschig vom Priester überwacht, denn Levitikus ist eine Handlungsanweisung für Priester. Wenn es nun Aussatz von Häusern nicht gibt — und auch bei Kleidung habe ich meine Zweifel — so könnte implizit etwas gemeint sein, das explizit nicht genannt werden kann. Obwohl sie ein Regelwerk enthält, ist die Sprache der Torah nämlich nie abstrakt. Abstraktion haben wir erst von den Griechen und Römern gelernt. Die Torah nennt konkrete Gegebenheiten und regelt diese. Sie verlangt von ihren Auslegern, für reale Fälle nach Analogien zu suchen. 

Haus und Kleidung sind unser Werk, sie umgeben uns und schützen uns. Und sie können krank werden, sagt die Torah. Was hilft, sei Reinigung, Isolation und ein Sündopfer nach der Heilung. Für Maimonides steht Zara’at, Aussatz, ganz allgemein für eine zeichenhafte Veränderung, die üble Nachrede, Verleumdung und Klatsch bestrafen und davor warnen soll, siehe den Wikipedia-Eintrag für Aussatz. Heute könnte man auch an ein Geflecht von fake news und alternative facts denken. Im Kampf gegen die reale Seuche Corona beraubt uns diese soziale Seuche unserer wirksamen Abwehrstrategien: Impfung, Abstand, Isolation, dem gelassenen Verzicht auf Highlights. Auch Korruption fällt mir ein, ein Pilz, der sich durch das soziale Gefüge frisst wie der Hausschwamm durch das Holz. Organisierte Kriminalität, Alkohol und andere Drogen, Pornografie, herabwürdigendes Verhalten in der Familie… Was fällt Ihnen ein? Was macht uns, unsere Familien und unser Gemeinwesen kaputt wie eine ansteckende Seuche?

Was hilft, sind Reinigung, Isolation und ein Sündopfer, sagt die alte Stimme der Torah. Das Sündopfer bekennt die Verfehlung und stellt den Kontakt mit der Gottheit und dem Lebensganzen wieder her. Isolation verhindert, dass aus der Krankheit des einzelnen die Krankheit des Gemeinwesens wird. Und Reinigung ist das erste, was jeder an sich selbst und für sich selbst tun kann.

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 45/2021

Züchtige deinen Sohn, solange Hoffnung da ist; aber lass deine Seele nicht bewegt werden, ihn zu töten.
Spr 19,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Dein Stecken und Stab…

Ein schwieriger Vers, um es vorsichtig zu sagen. Ich habe zwei Kinder, die mich nicht selten an den Rand meiner Möglichkeiten bringen, und die ersten Assoziationen, die ich hatte, waren politisch nicht korrekt — von wegen „Vielleicht hätte ich die Bibel früher lesen sollen…“

Aber was steht hier? Ist es die Aufforderung, Gewalt einzusetzen? Der Text, den wir vor uns haben, ist rund 2300 Jahre alt. Das Verb jasar (יסר) im Althebräischen bedeutet sowohl züchtigen als auch erziehen. Eine klare Unterscheidung zwischen diesen beiden Konzepten gab es nicht. Sein Kind zu erziehen, bedeutete damals, es zu züchtigen. Für die Liebhaber unten ein Foto aus Wilhelm Gesenius‘ hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, Neudruck der 17. Auflage 1915, mit den Facetten dieses Wortes.

Züchtigung / Erziehung bedeutete für denjenigen, der sie leistete, einen großen Aufwand — nur wenn (oder nur weil) Hoffnung auf Erfolg besteht, soll man sich die Mühe machen. Im Urtext steht hier כי, das würde man eher mit „weil“ als mit „solange“ übersetzen. Der zweite Teil des Verses bedeutet dem Erziehenden, maßvoll zu bleiben, sich nicht zu (massiven) Gewaltakten hinreissen zu lassen. Mit anderen Worten: Tu was, aber tu es maßvoll.

Unser Vers hat keinen direkten Kontext, er steht unverbunden in einer Reihe von Merksätzen zu verschiedenen Bereichen des Lebens. Aber es gibt im Buch der Sprüche eine Anzahl paralleler Stellen. Im Internet habe ich eine kleine Sammlung gefunden: 

  • 13,24: Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn, wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten. 
  • 22,15: Torheit steckt dem Knaben im Herzen, aber die Rute der Zucht treibt sie ihm aus. 
  • 22,13+14: Lass nicht ab, den Knaben zu züchtigen; denn wenn du ihn mit der Rute schlägst, so wird er nicht sterben; du schlägst ihn mit der Rute, aber du errettest ihn vom Tode.
  • 29,15: Rute und Tadel gibt Weisheit; aber ein Knabe, sich selbst überlassen, macht seiner Mutter Schande. 

Das ist herbe Sprache. Wiederum muß man bedenken, dass zwischen erziehen und züchtigen nicht unterschieden wird. Gewaltfreie Erziehung gab es nicht, das Gegenstück zu autoritärer Erziehung war nicht antiautoritär, sondern Vernachlässigung. Die gab es durchaus, das klingt durch. Erziehen bedeutet, Verhaltenstendenzen in einer Weise zu formen, dass sie dem Leben dienlich sind, dem Leben des Einzelnen und auch der ihn umgebenden Gemeinschaft. Das ist eine lebenswichtige Bringschuld der Eltern! Der homo oeconomicus, der stets in der Lagte ist, situationsadäquat rationale Entscheidungen zu treffen, braucht keine Erziehung. Aber er ist eine Fiktion. In Wahrheit sind wir für die vielen kleinen Entscheidungen und auch für die meisten großen auf unsere Verhaltenstendenzen angewiesen, auf dasjenige also, was wir ‚aus dem Bauch heraus‘ tun, weil wir es so gelernt haben, so gewohnt sind. 

Unser Vers und die anderen sagen den Eltern — in der Sprache des ersten Jahrtausends v. Chr. — dass sie sich die nötige Mühe geben müssen, dem Verhalten ihres Kindes eine Richtung zu geben, die dem zukünftigen Erwachsenen helfen, die richtigen Gewohnheiten anzunehmen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das Kind benötigt diese Weisung in grundlegender Weise (13,14 und 22,13f).

Eltern haben ihren Erziehungsauftrag von Gott. Und man glaubte, dass Gott seinerseits mit uns so verfährt, wie Eltern es mit ihren Kindern tun sollen. Dein Stecken und Stab trösten mich… In den Psalmen ist diese Idee fest verankert und auch bei den Propheten. Es wäre schön, nicht wahr? Unser Leiden hätte einen sehr konkreten, erzieherischen Sinn und Zweck. Wenn mir Unglück widerfährt, frage ich mich tatsächlich früher oder später, was ich daraus lernen kann. Und dann fällt mir oft einiges dazu ein. Aber nicht immer.

In den kommenden drei Wochen muss ich mich um meine beiden halbwüchsigen Töchter allein kümmern, neben der Arbeit. Wer uns kennt, weiss, das dies schwierig werden könnte. Wie leicht wäre es da, sie einfach tun zu lassen, was sie wollen, mir zum Nutzen, ihnen zum Schaden. Ich werde der Versuchung widerstehen, so gut es geht.

Ich wünsche uns allen, und diesmal besonders uns dreien, eine gesegnete Woche, 
Ulf von Kalckreuth

Erziehen und züchtigen: Wilhelm Gesenius, Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 17. Auflage 1915

Bibelvers der Woche 06/2021

Wie man einen Knaben gewöhnt, so lässt er nicht davon, wenn er alt wird.
Spr 22,6

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Wann werden wir, was wir sind?

Ja, so ist. Das meiste dessen, was wir sind, sind wir von Jugend auf. Die Kinder übergewichtiger Eltern sind öfter als andere selbst übergewichtig. Wenn in einem Haus viel Musik gemacht wird und Kinder ein Instrument spielen lernen, bleibt ihnen Musik oft ins Alter hinein erhalten. So steht es auch mit Bewegungsgewohnheiten und Sport und dem Gebrauch der Sprache, aber auch grundlegenden Persönlichkeitsmerkmalen wie Leistungsmotivation oder Frustrationstoleranz.

Wieviel von dem, was Sie heute ausmacht, waren Sie schon mit 15 oder 18 Jahren? Wir kommen zur Welt und alles an uns ist Potential, ist offen, im genetisch gegebenen Rahmen jedenfalls. In der Jugend erhält dieses Potential seine Ausprägung, koaguliert und gerinnt der fast unendliche Raum von Möglichkeiten zu dem, was wir Persönlichkeit nennen. Man mag dies als Verlust bedauern, aber die Persönlichkeit ist das Chassis für die Fahrt durchs Leben. Ohne ihre Strukturen, ihre Gewohnheiten geht es nicht. 

Der 2500 Jahre alte Merksatz trifft also den Nagel auf den Kopf. Aber führen wir wirklich nur das Skript aus, das unsere Jugend für uns geschrieben hat? Schimpansen sind uns sehr ähnlich. Bei ihnen aber schliesst sich mit der Pubertät das Fenster, in dem sie lernen können. Sie sind dann „fertig“. Der Mensch ist offener. Wir können uns aktiv mit den Problemen auseinanderzusetzen, in die unsere Gewohnheiten uns bringen, auch als Erwachsene noch. Bei manchen mögen zum Beispiel die erworbenen Essgewohnheiten zu einer Krise und zu einer bewussten Neubesinnung führen. Hier ist die Verantwortung für das eigene Leben verortet. Die Jugend ist der Aufschlag für das Spiel, aber der Punkt ergibt sich aus dem Ballwechsel. 

Zum Buch der Sprüche und seinen Eigenarten habe ich vor einigen Wochen geschrieben, und auch davon, dass seine Einsichten nicht im engeren Sinne theologisch sind, siehe den BdW 50/2020. Es geht um Weisheit für das Leben als Ganzes. Der Vers mag uns in zweifacher Weise an unsere Verantwortung erinnern. Zum einen ist es gleichermaßen schwierig und notwendig, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Nie können wir uns einfach wünschen, jemand anders zu sein — wir müssen uns mit unserer Bedingtheit auseinandersetzen. Aber tun wir es nicht, bleiben wir in unseren Routinen gefangen. 

Zum anderen tragen wir mit unserem Leben in der Familie eine Verantwortung für unsere Kinder. Die Machtkämpfe, das Geschrei, sind am Ende unwichtig — unter dem Strich bleibt, was die Kinder in ihrem Leben „danach“ stark macht oder schwach, glücklich oder unglücklich. Das kann eine wichtige Anregung sein, wenn man monatelang zu viert eingesperrt ist. 

Zuletzt mag man sich fragen, was eigentlich unsere Seele ausmacht — ist es der unendliche Möglichkeitenraum des Kindes oder die geronnene Persönlichkeit des Erwachsenen? Worin sind wir Gott näher? „Ihr sollt werden wie die Kinder“, sagt Jesus, „denn ihrer ist das Himmelreich.“ Vielleicht schließt sich da ein Kreis.

Gottes Segen sei mit uns in dieser Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 50/2020

Sie ist edler denn Perlen; und alles, was du wünschen magst, ist ihr nicht zu vergleichen.
Spr 3,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Vom Wert der Weisheit

Oh, das wird nicht einfach. Der Vers stammt aus dem Buch der Sprüche, einem Stück der Weisheitsliteratur. Er hat die Weisheit selbst zum Thema und benennt ihren Wert. Ein Vater spricht zu seinem Sohn (3,13-18): 

Wohl dem Menschen, der Weisheit erlangt, 
und dem Menschen, der Einsicht gewinnt!
Denn es ist besser, sie zu erwerben, als Silber, 
und ihr Ertrag ist besser als Gold.
Sie ist edler als Perlen, 
und alles, was du wünschen magst, ist ihr nicht zu vergleichen. 
Langes Leben ist in ihrer rechten Hand, 
in ihrer Linken ist Reichtum und Ehre. 
Ihre Wege sind liebliche Wege, 
und alle ihre Steige sind Frieden. 
Sie ist ein Baum des Lebens allen, die sie ergreifen, 
und glücklich sind, die sie festhalten.

Diese Sätze sind zentral. In 8,10f. werden sie fast wörtlich wiederholt, und dort spricht die Weisheit selbst. Der Vergleich mit Silber und Gold taucht darüber hinaus noch zwei weitere Male auf.

Bei mir haben die Sätze nicht sofort verfangen. Ich war sogar erst ein wenig enttäuscht. Was sollte ich dazu schreiben? Man soll klug sein, ja, das habe ich schon als Schüler gelernt. Um den Wert des Wissens wusste ich stets, und immer wieder im Leben war ich bereit, dafür auch Verzicht zu leisten. Nicht nur um den Ertrag von Studien geht es: wem die Übersicht fehlt, wer die Vorgänge in seiner Umgebung nicht einordnen kann, ist schnell verloren. Ökonomen bezeichnen den Wert der Kenntnisse und Fähigkeiten eines Menschen als sein „Humankapital“: es sind Mittel zur Erzielung von Einkommen. Die Schule, eine Ausbildung, Lernen, Üben werden als Investition betrachtet: Heute auf Silber und Gold verzichten, um morgen erweiterte Möglichkeiten zu haben. So ist die Welt tatsächlich, und die einfache Idee hat gewaltige Implikationen für das Verständnis der Verteilung der Einkommen und der Lebenschancen. Nicht jedem gefällt die Vorstellung. Im Jahr 2004 wurde „Humankapital“ gar zum Unwort des Jahres gekürt. Eine Schwundstufe der Idee habe ich vergangenen Mittwoch in einer S-Bahn gefunden: eine Personalwerbung der hessischen Finanzverwaltung. Hier ist ein Bild:

S5 nach Friedrichsdorf/Taunus

Nun IST aber Humankapital Gold und Silber, es will gerade NICHT etwas anderes sein. Hier und an anderen Stellen spricht der Bibeltext — bzw. ein Mensch dahinter — wahrhaft euphorisch, beinahe trunken über den Wert der Weisheit. Sie ist Emanation Gottes, wie sonst die Torah, und kein Superlativ genügt — alles, das du dir wünschen magst, ist ihr nicht zu vergleichen. Es geht also um mehr. Was hat es auf sich mit der Weisheit? Lassen Sie uns nachdenken.

„Ich, die Weisheit, wohne bei der Klugheit und finde Einsicht und guten Rat“ heisst es in 8,12. Weisheit und Klugheit sind verwandt, aber nicht dasselbe. Das Buch der Sprüche ist ein Lehr- und Lernbuch, die Spruchsammlungen sind Vorlage fürs Auswendiglernen. Der Lehrer und die Lehre dazu fehlt uns, und so wirkt die in Sprüchen geronnene Weisheit manchmal dröge. Man sollte nicht viele davon schnell hintereinander lesen. Überwiegend folgen die Merksätze einem gemeinsamen Schema: für eine Eigenschaft, Gewohnheit, Einsicht oder Maxime wird in einem Doppelvers festgestellt, wie es dem geht, der ihnen folgt, und andererseits demjenigen, der dies nicht tut. Dabei sind oft Dinge angesprochen, die ich der Lebensklugheit zuordnen würde — wir sollen nicht bürgen, nicht offen schlecht über Mächtige reden, Prahlerei vermeiden, Streit aus dem Weg gehen, wir sollen Fleiß und Zielstrebigkeit entfalten. Manches klingt wie der Rat, sich regelmäßig die Zähne zu putzen. Anderes betrifft Gegenstände, die wir der Ethik zuordnen würden. Immer wieder wird vor den verderblichen Folgen des Ehebruchs gewarnt. Ehrlichkeit und Authentizität wird groß geschrieben, das Ränkeschmieden verdammt. Die überragende Bedeutung der Eltern für das Leben wird betont, und Neid und Missgunst in allen Facetten angeprangert. Dabei fällt die Nähe zu den zehn Gebote auf.  

In der undifferenzierten Mischung steckt die wichtigste Botschaft. Zwischen Lebensklugheit und Ethik besteht kein Widerspruch — sie sind gar ein und dasselbe, wenn man das Leben versteht. Wir sollen klug und umsichtig sein, die Zeichen der Zeit erkennen, ja. Aber wer seine Eltern verachtet, lügt oder die eigene Ehe mißachtet, wird sein Leben nachhaltig beschädigen, gerade so, wie wenn er faul in den Tag hinein lebt oder leichtfertig Bürgschaften übernimmt. Gottes Gebote sind Rezepte für ein gelingendes Leben. Wir nehmen uns nicht nur unserem Nächsten zuliebe zurück, wir tun es in erster Linie für uns selbst. Gott wird im Buch nur sehr gelegentlich als strafende Instanz angesprochen, meist ist er Beobachter oder Zeuge der Vorgänge. Ethik und Lebensklugheit gehören zusammen und sind gemeinsam Voraussetzung für ein gelungenes Leben. 

Wer sie als Gegensätze sieht, ist schnell bei einer Ethik nach Kassenlage und hält Prinzipien hoch, wenn und solange er sie sich leisten kann. Wir sollen stattdessen das Netz weiter werfen, über den scheinbaren Gegensatz hinaus Wege finden, auf denen der Zusammenklang gelingt. Solche Wege zu kennen und zu finden ist in der Tat mehr wert als Gold, Silber und Perlen. 

Ich lebe in einer Familie mit zwei Kindern, die nun in der dunklen Jahreszeit weitgehend auf sich selbst gestellt ist. Den Kindern fehlen Bewegungsmöglichkeiten und Ablenkung. Der Stresspegel ist hoch. Vier Monate Corona-Winter mit langen Ferien liegen vor uns. Da liegt es nahe, die Warnungen zu ignorieren und Winterurlaub in den Alpen zu machen. Die Schweiz lädt herzlich ein, und Geld ist gottlob da. Hier steht Ethik gegen Lebensklugheit, nicht wahr? Aber vielleicht verwirklichen wir stattdessen einen alten Traum und nehmen einen Hund aus dem Tierheim zu uns. Wir werden täglich stundenlang draussen sein, das Tier wird viel der Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die wir sonst mißvergnügt gegeneinander richten würden. Dem Hund mag es Einstieg sein in ein besseres Leben, und uns können die einfachen, aber unabweisbaren Forderungen der Tierpflege helfen, mehr Struktur ins virtuell gewordene Leben zu bringen. Und ins Skihotel können wir mit dem Tier gar nicht…

Was würde das Buch der Sprüche dazu sagen? Vielleicht, dass wir als Skiurlauber bei der Wiedereinreise sicher einen Corona-Test machen müssen und dann in Quarantäne kommen. Aber meinen würde es damit, dass wir Platz machen sollten in unserem kleinen Haus für einen Hund…  

An manchen Stellen transzendiert das Buch der Sprüche die eigentlich empirisch gemeinte Identität von gottgefälligem Verhalten und Lebensklugheit. Hier ist ein Vers, der mir am Herzen liegt. Vielleicht ist das so etwas wie ein Kondensat des Buchs. Es ist mein Konfirmationsspruch:.  

Befiel dem Herrn deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen. (8,19)

Eine Erinnerung an den Wert der Weisheit kommt stets zur rechten Zeit. Ich wünsche uns eine gesegnete zweite Adventswoche.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 46/2020

…dass er viel Gut hatte an kleinem und großem Vieh und ein großes Gesinde. Darum beneideten ihn die Philister.
Gen 26,14

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Vom Zuschütten und vom Wiederausgraben 

Hier zunächst die Ergänzung des Fragments: Und er [Isaak] wurde ein reicher Mann und nahm immer mehr zu, bis er sehr reich wurde, sodass er viel Gut hatte an kleinem und großem Vieh und ein großes Gesinde. Darum beneideten ihn die Philister.

Isaak, einer der Stammväter Israels, macht sich in Kanaan heimisch, das Land, in das sein Vater Abraham eingewandert war. Man sollte sich Abraham, Isaak und Jakob in diesen Erzählungen nicht (nur) als Einzelperson vorstellen: in den Vätergeschichten stehen viele Akteure für größere Gruppen, manchmal ganze Völker. Abraham, Isaak und Jakob sind Protagonisten einer Einwanderung, die zumeist friedlich verläuft, in einer manchmal kritischen, manchmal kooperativen Koexistenz mit dem Völkergemisch Kanaans. Das ist eine Alternative zur Erzählung von der Landnahme mit Feuer und Schwert, siehe den Vers der Woche 33/2019

Die Geschichte, die der Vers einleitet, führt uns mitten hinein. Der steil ansteigende Reichtum Isaaks führt bei der einheimischen Bevölkerung zu Widerstand und Neid. Ein embryonales Pogrom ist die Folge: die Philister schütten Isaaks Brunnen zu, die er braucht, um sein Vieh zu tränken, und König Abimelech zieht seine schützende Hand von ihm ab. Isaak und seine vielen Knechte müssen fortgehen, nach Gerar. Dort gräbt er die Brunnen seines Vaters Abraham wieder aus, die nach dessen Tod gleichfalls zugeschüttet worden waren. Und um die neuen, alten Brunnen gibt es sofort wieder Streit…!

Liest man diese Geschichte von Einwanderung, zunehmendem Reichtum, gewaltsamer Reaktion und erzwungenem Ausweichen im Deutschland der Gegenwart, dann stellen sich unweigerlich Assoziationen ein. Da ist ein uralter Mechanismus, der in vielen Konstellationen und in allen Zeiten funktioniert. Aber nicht immer auf dieselbe Weise: Isaaks Leben unter den Philistern bleibt auf prekäre Weise stabil. Philisterkönig Abimelech schützt ihn wieder, es kommt gar zu einem feierlich beeideten Bund, und Esau, sein erster Sohn, heiratet zwei Töchter aus hetitischen Familien. Das hat seinen Preis: Die Bibel berichtet, dass diese Ehen Anlass für bitteren Gram bei den Eltern Isaak und Rebekka sind. 

Die Vätergeschichten erzählen, wie Einwanderer auf sehr vielfältige Weise auf den Druck der Umwelt reagieren, mal angstvoll oder ausweichend, mal mit Integration, mal auch selbstbewusst und konfrontativ. Gott lässt sie nicht in großen Schlachten siegen, lässt keine Mauern einstürzen. Er hilft beim Überleben in den Gemeinheiten des Alltags und den Rückschlägen einer Existenz am Rand der Mehrheitsgesellschaft. Das Narrativ der Vätergeschichten hat sich in der Bibel nicht durchgesetzt. Der Rest der Thora berichtet von der Zeit mit Gott in der Wüste, einfach und rein, erhaben fast, und ohne Berührung mit den Einwohnern Kanaans. Die Väter und die komplizierte erste Zeit im Heiligen Land voller Kompromisse sind vergessen. Die Landnahme wird schließlich zu einem reinen Gewaltakt. 

In welcher der Großerzählungen können wir Gott klarer sehen? Wenn Menschen meine Brunnen verschütten, möge mich Gott an andere Brunnen erinnern und mir dann die Kraft geben, sie wieder auszugraben!

Gottes Segen sei mit uns in dieser Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 39/2020

Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel.
Spr 31,19

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Manifest der Weiblichkeit

Das Lob der tüchtigen Frau. Eine Schrift aus dem Orient, 2500 Jahre alt, geschrieben vermutlich von einem Mann… Das erzeugt Erwartungen, und gegen unsere Erwartungen muss der Text sich selbst verteidigen. Bitte lesen Sie ihn, und vielleicht merken Sie sich die Stellen, die Sie überraschen:

Wem ein tugendsam Weib beschert ist, die ist viel edler denn die köstlichsten Perlen. 
Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, und Nahrung wird ihm nicht mangeln. 
Sie tut ihm Liebes und kein Leides ihr Leben lang. 
Sie geht mit Wolle und Flachs um und arbeitet gern mit ihren Händen. 
Sie ist wie ein Kaufmannsschiff, das seine Nahrung von ferne bringt. 
Sie steht vor Tages auf und gibt Speise ihrem Hause und Essen ihren Dirnen. 
Sie denkt nach einem Acker und kauft ihn und pflanzt einen Weinberg von den Früchten ihrer Hände. 
Sie gürtet ihre Lenden mit Kraft und stärkt ihre Arme. 
Sie merkt, wie ihr Handel Frommen bringt; ihre Leuchte verlischt des Nachts nicht. 
Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. 
Sie breitet ihre Hände aus zu dem Armen und reicht ihre Hand dem Dürftigen. 
Sie fürchtet für ihr Haus nicht den Schnee; denn ihr ganzes Haus hat zwiefache Kleider. 
Sie macht sich selbst Decken; feine Leinwand und Purpur ist ihr Kleid. 
Ihr Mann ist bekannt in den Toren, wenn er sitzt bei den Ältesten des Landes. 
Sie macht einen Rock und verkauft ihn; einen Gürtel gibt sie dem Krämer.
Kraft und Schöne sind ihr Gewand, und sie lacht des kommenden Tages. 
Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre. 
Sie schaut, wie es in ihrem Hause zugeht, und ißt ihr Brot nicht mit Faulheit. 
Ihre Söhne stehen auf und preisen sie selig; ihr Mann lobt sie: 
„Viele Töchter halten sich tugendsam; du aber übertriffst sie alle.“ 
Lieblich und schön sein ist nichts; ein Weib, das den HERRN fürchtet, soll man loben. 
Sie wird gerühmt werden von den Früchten ihrer Hände, und ihre Werke werden sie loben in den Toren.

Der Abschnitt schließt das Buch der Sprüche ab. Dort geht es um Wege „richtigen“ Lebens, die gottgefällig sind und sich empirisch bewährt haben. Und er hat sein Spotlight: Juden rezitieren das ‚Lob der tüchtigen Frau‘ an jedem Schabbat vor dem Mittagessen. 

Wer in der Bibel liest, mag sich oft wundern. Hier ist ein Manifest der Weiblichkeit, ein Lebensentwurf aus der orientalischen Antike, so breit, dass er für zwei oder drei Menschen reichen würde… Ich lese den Abschnitt nochmals und ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich selbst — alter weisser Mann, der ich bin — gern tauschen wollte mit dieser Frau. Ihr Leben ist im Gleichgewicht. Sie wirkt nach außen, sie wirkt in die Familie, sie wirkt nach innen, in die eigene Person, und sie ist in Verbindung mit ihrem Schöpfer. Vier Anker. Ja, sie streckt ihre Hand aus nach dem Rocken und ihre Finger fassen die Spindel, aber das ist Teil eines weit gespannten, großzügigen und ganzheitlichen Lebens. Sie weiß, was sie will und lässt wachsen, was nötig ist dafür. Wie wäre es, wenn man von uns sagen könnte, dass Kraft und Schöne unser Gewand seien und wir des kommenden Tags lachten? 

Darf ich uns allen eine solche Woche wünschen? Ich tu’s einfach!
Ulf von Kalckreuth

Nachtrag: Wie der Zufall wollte, besuchte ich heute nachmittag eine Sonderausstellung des Museums im Römerkastell Saalburg. Und da waren Rocken und Spindel zu sehen, und eine Frau, die beides hält. Der Rocken ist ein Stab, an dem die noch unversponnenen Fasern befestigt sind und die Spindel wird gedreht, verwandelt die Faser in einen Faden und nimmt ihn auf. Dies zu koordinieren verlangt viel Übung und eine hervorragende Feinmotorik. Die Handspindel ist uralt: sie stammt aus der Jungsteinzeit und kam erst nach dem Aufkommen des Spinnrads im Spätmittelalter allmählich außer Gebrauch.

Spindel, Rocken und eine Römerin. Römerkastell Saalburg,
Sonderausstellung „HAMMER: Handwerken wie Kelten und Römer“, 19.09.2020

Bibelvers der Woche 20/2020

Urim und Thummim

Und der Landpfleger sprach zu ihnen, sie sollten nicht essen vom Hochheiligen, bis ein Priester aufstände mit dem Licht und Recht.
Esr 2,63

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Das Los werfen

Ein besonderer Vers für jemanden, der zufällig Bibelverse zieht, um dadurch über die Zeit ein neues Bild zu gewinnen! Es geht um die Orakelsteine Urim und Thummim, mit denen der Hohepriester direkt Gottes Wille erfragen konnte, siehe 2.Mose 28,30. Ihr Name wird von Luther etwas ungenau mit „Licht und Recht“ übersetzt, richtiger wäre „Lichter und Vollkommenheiten“.  

Als die Judäer sich siebzig Jahre nach der Verschleppung durch die Babylonier in Jerusalem wieder sammeln durften, mussten sie das Judentum neu konstituieren. Hierfür steht das Buch Esra. Wer gehörte dazu, wer nicht? Siehe hierzu BdW 2/2018, aus demselben Abschnitt gezogen. Besonders kritisch musste diese Frage bei den Leviten gestellt werden. Nur Abkömmlinge des Stammes Levi durften Tempeldienste verrichten. Der Abstammungsnachweis gelang nach so langer Zeit nicht allen Familien mehr. Es war aber durchaus möglich, das der Anspruch der betroffenen Familien berechtigt war. Der Landpfleger zieht sich aus der Affäre: Der Anspruch wird nicht abgelehnt, sondern nur suspendiert, bis die Frage mit Hilfe der beiden Orakelsteine durch ein Gottesurteil gelöst werden konnte. Diese waren nach dem Exil leider verschwunden. Bis sie wieder auftauchen, durften die fraglichen Familien also an der Durchführung der Opfer nicht mitwirken.

Der Landpfleger zeigt Führung, wie man heute sagt — irgendwie müssen Sachfragen eben beantwortet werden. Aber wenn es nun die Orakelsteine noch gäbe? Beim Werfen waren drei Ausgänge möglich: „ja“, „nein“ und „keine Antwort“. Wer die Steine besaß, hatte große Macht: einen unmittelbaren Zugang zu Gottes Wille und zur Wahrheit, dann jedenfalls, wenn die beiden Steine auf die gestellte Frage tatsächlich antworten, mit „ja“ oder „nein“. 

Eine faszinierende Vorstellung! 

Wie würden wir die Steine nutzen? Man müsste lange über die Formulierung der Frage nachdenken, das zur Entscheidung stehende Problem so gut wie möglich vorbereiten und sich dabei ganz auf dasjenige konzentrieren, was wichtig und offen ist, und zwar gegeben alles relevante Wissen — Unwichtiges oder im Grunde Bekanntes hat in einer Frage an die mit göttlicher Kraft begabten Steine keinen Platz. Bereitet man sein Anliegen in dieser konsequenten Weise auf, kann man so viel lernen, dass die Steine vielleicht gar nicht mehr nötig sind…

So können wir aber auch ohne Urim und Thummim vorgehen und dann, falls am Ende doch eine Frage übrig bleibt, auf Gottes Antwort warten. Sie wird zu uns gelangen — wenn es denn sein soll, denn auch die Steine haben am Ende ja nicht jede Frage beantwortet. 

Ich wünsche uns in dieser Woche die Antwort auf eine Frage, die wichtig und offen ist, und dabei Gottes Segen. 

Ulf von Kalckreuth