Bibelvers der Woche 29/2026

…und besehet das Land, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt, ob’s stark oder schwach, wenig oder viel ist;…
Num 13,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Seid mutig!

Nachdem die Hebräer zwei Jahre lang durch die Wüste gewandert sind, nähern sie sich dem großen Ziel: dem Gelobten Land, das Gott versprochen hat. Die Vision, die sie gemeinsam mit sich tragen, wird nun erstmals mit der Realität konfrontiert.

Ein gefährlicher Augenblick. Kann die Vision bestehen?

Mose schickt Kundschafter aus. Hier ist Num 13, 17-20a, nach der Lutherbibel 1984: 

Als sie nun Mose aussandte, das Land Kanaan zu erkunden, sprach er zu ihnen: Zieht da hinauf ins Südland und geht auf das Gebirge und seht euch das Land an, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt, ob’s stark oder schwach, wenig oder viel ist; und was es für ein Land ist, darin sie wohnen, ob’s gut oder schlecht ist; und was es für Städte sind, in denen sie wohnen, ob sie in Zeltdörfern oder festen Städten wohnen; und wie der Boden ist, ob fett oder mager, und ob Bäume da sind oder nicht. Seid mutig und bringt mit von den Früchten des Landes.

Das ist ein Schlüsselmoment. Wenn man aufgefordert ist, die Zukunft zu betrachten — in welcher Haltung sollte man es tun? Mose gibt seinen Kundschaftern das Wichtigste mit: Seid mutig! 

Sie sind es nicht. Sie sehen mächtige Städte in Kanaan, gewaltige Krieger, unüberwindliche Hindernisse, sie entwickeln Zerrbilder und Angstvorstellungen und erfinden — gewollt oder ungewollt — noch Phantastereien hinzu, Riesen gar. Nur zwei der Späher, Kaleb und Josua, bleiben objektiv und ruhig. Die Einnahme des Landes sei möglich, sagen sie. 

Aber die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Für das Volk ist ein weiteres Vorgehen völlig undenkbar.  Eine Revolte bricht aus. Da erscheint die Herrlichkeit des Herrn über der Stiftshütte. Mose hat Mühe zu verhindern, dass Gott sein Volk tötet. Die Israeliten müssen zurück in die Wüste, urteilt Gott, und dort bleiben, bis sie sterben. Erst ihre Nachkommen werden das Gelobte Land sehen — und Kaleb und Josua. 

Vierzig Jahre lang wandern die Israeliten durch die Wüste Zin, im Kreis, ohne Perspektive. Das Bild einer kollektiven Depression!

Manchmal öffnet sich die Landschaft und wir können einen Blick auf Möglichkeiten in der Gegenwart und der Zukunft werfen. Ein Studium vielleicht, ein Wohnort, ein Mensch, der in unser Leben tritt, eine Gemeinde, eine neue Aufgabe. Wir dürfen dann nicht durch die Brille unserer Vergangenheit hinschauen. Sonst sehen wir nicht das Neue, das vor uns liegt, Gottes Geschenk, sondern nur unsere eigenen Ängste, 

Dann laufen wir im Kreis, in einer Wüste, in der wir nie leben wollten, so lange vielleicht, bis es vorbei ist und wir gar nichts mehr sehen.

Herr — hilf uns zu sehen, was ist, nicht wovor wir Angst haben! 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 28/2026

Und niemand müsse ihm Gutes tun, und niemand erbarme sich seiner Waisen.
Ps 109,12

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Segnen, Fluchen und Beten

Wir haben aus einem Fluchpsalm gezogen. Es ist einer der fünf Psalmen, die von der katholischen Kirche aus dem Stundenbuch für das mönchische Beten getilgt wurden, weil sie die christliche Botschaft verdunkeln können. 

Dennoch sollten Sie nun dem Link zum Psalm folgen, damit Sie sehen, worum es geht. Der zweite Abschnitt enthält einen langen Fluch. Der dritte Abschnitt gibt uns eine Vorstellung davon, was den Psalmisten dazu bringt, so zu beten. 

Psalmen sind Lieder vom menschlichen Reden zu Gott. Und solches Reden handelt durchaus nicht nur von Themen, Bitten und Wünschen, die uns als angemessen erscheinen. Menschen haben Angst. Menschen lernen hassen. Und auch dann rufen sie Gott zu Hilfe.. 

Ein Fluch ist, wie ein Segen, kein einfaches Gebet. In den älteren Teilen der Bibel geht von ihnen eine autonome Wirkung aus, wie von einem Steinwurf. In den Vätergeschichten gibt Isaak dem Jakob irrtümlich den Erstgeburtssegen. Er kann aber diesen Segen nicht zurückrufen, obwohl sein Sohn ihn betrügt und Isaak es im Nachhinein klar erkennt. Jahrzehnte später ringt Jakob am Jabbokfluß mit einem Engel, um mit Gewalt dessen Segen zu erzwingen.

Im Kontext eines magischen Verständnisses ist das Beten eines Fluchpsalms vergleichbar mit der heimlichen Gabe von Gift. Psalm 109 wurde im Mittelalter zum „Totbeten“ von persönlichen Feinden eingesetzt. Dabei wurde auch die Unterstützung von Geistlichen in Anspruch genommen.

Was Ist denn ein Fluch? Welche Realität steckt dahinter? Manches wird an den Rändern deutlich, und das ist so ein Rand. Ich denke nicht magisch. Wie viele aber glaube ich, dass unseren Gebeten Kraft zukommt, dass sie wirken können in unserem Leben und dem Leben anderer. Das passt nicht recht zu der Vorstellung, dass Gott völlig autonom allwissend, allmächtig und allgütig über unser Leben und Schicksal entscheidet. Dann käme es auf unser Gebet nicht an. Wenn wir beten, nehmen wir etwas von Gottes Macht in Anspruch. Es ist eine Art Mitverantwortung. Und vielleicht haben unsere Worte solche Macht nicht nur zum Guten. Vielleicht werden wir am Ende nicht nur gefragt, was wir getan, sondern auch, was wir gebetet haben — und was nicht.

Wie wir zu unseren Kindern und unseren Mitmenschen sprechen, greift in ihr Leben ein. Worte haben Kraft und Macht. Mit Worten erschafft Gott die Welt, mit Worten heilt Jesus Kranke und lässt Tote auferstehen. Unsere geistige Welt konstituiert sich vor allem durch Worte. Wir müssen auf unsere Worte achtgeben.

Der gezogene Vers soll dem Todfeind die Hilfe und den Schutz seiner Gemeinschaft nehmen. Im zweiten Teil, „… und niemand erbarme sich seiner Waisen“, wird nicht nur implizit des Feindes Tod beschworen. Der Halbvers weist darüber hinaus: auch Söhne und Töchter sollen ausgestoßen und ohne den Schutz der Gemeinschaft leben.

Wie in einem fotografischen Negativ listet der Psalm auf, was Glück ausmacht. Es sind eben die Dinge, die dem Feind genommen werden sollen:

  • Gerechtigkeit und Rechtssicherheit in der größeren Gemeinschaft,
  • eine angesehene soziale Stellung,
  • ein langes Leben in Gesundheit,
  • Sicherheit und Auskommen für die Familie, Frau und Kinder, 
  • Wachstum und Gedeihen der Nachkommen,
  • finanzielle Selbstbestimmung und Freiheit von drückenden Schulden,
  • Einbindung in die Gemeinschaft, zuverlässige Unterstützung aus dem Umfeld, auch für die Liebsten (unser Vers),
  • Gottes Vergebung für die Sünden der Eltern, denn sie wirken weiter, 
  • Gottes Segen in allem.

Mir bleibt an dieser Stelle eins: uns all dies zu erbitten, in Gottes reichem Segen. In dieser Woche und immer!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 26/2026

…und ganz Israel musste hinabziehen zu den Philistern, wenn jemand hatte eine Pflugschar, Haue, Beil oder Sense zu schärfen.
1 Sam 13,20

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Freiheit, die ich meine

Haben Sie es auch gelesen? Die amerikanische Regierung unter Präsident Donald Trump hat hinsichtlich der KI-Modelle Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 jegliche Nutzung durch „ausländische Staatsangehörige“ verboten. Angeführt werden „Sicherheitsgründe“, ohne weitere Erläuterungen. Der US-Anbieter Anthropic hat die beiden Modelle daraufhin vom Markt genommen. 

Längst ist der Zugang zu den Grundlagen und Komponenten für IT zur scharfen Waffe im globalen Machtkampf geworden. China setzt diese Waffe ebenso ein wie die USA. Künstliche Intelligenz ist Schlüsseltechnologie. Kulturgeschichtlich wird man einst unsere Zeit nach ihr benennen: Wir stehen heute am Beginn der KI-Zeit. Gegen 1200 v. Chr. begann im Nahen Osten die sogenannte Eisenzeit. Mit Eisen wurde vieles möglich und alles einfacher: in der Landwirtschaft, der Waffentechnik, demTransportwesen. Eisen war Hi-Tech und Schmiede waren angesehene Spezialisten. Denken Sie an Wieland den Schmied und an Daedalos.

Die Israeliten waren ihrem Schicksal als Bausklaven in Ägypten entflohen. Über Jahrzehnte hatten sie nomadisierend in der Wüste gelebt, bis sie in Kanaan Fuß fassen konnten. Die Erzählung der großangelegter Eroberung weiter Teile des Landes im Buch Josua ist nicht vollständig, um das mindeste zu sagen. In den Bergen Judäas lebten die Hebräer zurückgezogen und in Abhängigkeit von den Philistern. Diese hatten an der Küste fünf reiche Stadtstaaten gegründet und kontrollierten den Handel über das Meer ebenso wie die Verkehrswege von Norden nach Süden in der Ebene.

Die Hebräer auf ihren kargen Bergen unterlagen nicht formal der Herrschaft der Philister, aber — frei waren sie nicht. Sie durften keine Waffen aus Eisen besitzen und Geräte aus Metall nicht selbst herstellen, oder bearbeiten, ja nicht einmal ihre Sensen durften sie selbst schärfen. Das Bergland war durchsetzt von philistäischen Befestigungen.

Eisenbearbeitung verboten! Ein Messer und ein Schleifstab. Illustration zu Sam 13,
Eisenbearbeitung verboten!

Solche Beschränkungen gab es auch in der europäischen Kolonialzeit. Die Briten verteuerten durch Zölle und Steuern die indischen Textilwaren, so dass die indische Textilindustrie unterging — zugunsten der englischen. In vielen afrikanischen Kolonien verhinderten die Kolonialherren bewusst die Entstehung von Schwerindustrie. 

Für die Philister waren die Hebräer marginalisierte, auf Viehwirtschaft beschränkte Bergbewohner, eine Bedrohung der Sicherheit, weil sie in der Sommerdürre immer wieder einmal ins Tiefland einfielen. 

Sklaven waren sie nicht mehr, aber sie verfügten nicht selbst über die Grundlagen für ihre Entwicklung. 

In Sam 13 wird weiter erzählt, wie Jonathan, der Sohn Sauls, mit seinem Schwertträger eine wundergleiche Einzeltat vollbrachte und damit in einer atemberaubenden Kaskade die latenten Kräfte des Volks freisetzte. Das durfte ich im vergangenen Jahr ausführlich kommentieren, siehe den BdW 09/2024

Unser Vers erinnert in diesem Zusammenhang daran, was Freiheit wirklich ist: nicht die Freiheit von Läusen und Krankheit, und auch nicht die Freiheit zum Strandurlaub, sondern die Freiheit, die eigene Entwicklung in die Hand zu nehmen. Autonomie.

Diese Freiheit ist ein Gottesgeschenk, vielleicht das größte, und es will erworben, bewahrt, genutzt, verteidigt und entwickelt werden.

Kollektiv und individuell. Und wenn wir alt werden, bis zum Tod.

Morgen ist der längste Tag des Jahres. Ein Höhepunkt aus Licht. Und das ist der Wunsch für diese Woche und auch den Rest dieses Jahrs: Der Herr helfe uns, unsere Freiheit zu finden und richtig zu gebrauchen. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 19/2026

Sehet zu, dass ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit in das Angesicht meines Vaters im Himmel.
Mt 18,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Werden wie die Kinder…!

Worauf kommt es an? Die Jünger Jesu streiten sich. Sie denken an die Welt hinter der Welt, aber worum sie sich sorgen, ist der Platz, den sie dort einnehmen. Wer von ihnen ist der Größte? Vielleicht ist es ermutigend, dass den Schülern Jesu solche Fragen wichtig sind — dann ist noch Hoffnung für uns. 

Jesus ruft ein Kind, stellt es in die Mitte seiner Schüler und sagt: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Und später: Seht zu, dass ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit in das Angesicht meines Vaters im Himmel. 

Wie die Kinder? Romantik ist fehl am Platz. Kinder sind unverantwortlich. Die Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung bildet sich erst mit der Zeit. Kinder können grausam sein und jähzornig. Sie quengeln und lassen es auf Machtproben ankommen. Die Bullys auf dem Schulhof sind Kinder. Aber in allem sind sie auch das Gegenteil: liebevoll, zugewandt, geduldig und großzügig. Wie wir — sie sind uns recht ähnlich. Und das ist kein Wunder: wir alle waren Kinder und sind es in vielem geblieben. 

Was also meint Jesus? Kinder sind nicht berechnend! Auch diese Fähigkeit entwickelt sich erst langsam. Wir sollen unmittelbar sein. Tun und sagen, was richtig ist. Nicht mit dem Ziel, einen Vorteil zu erreichen. Das ist manchmal schwer zu trennen — man kann ein und dasselbe tun, weil es richtig ist und weil es einen Nutzen verschafft. In einer funktionierenden Marktwirtschaft fällt dies beides oft zusammen: Ein guter Musiker macht Karriere, ein guter Arzt verdient viel Geld.

Wir sollen unmittelbar sein, Kinder des Vaters, Kinder des Lichts. Uns Erwachsenen ist das fast unmöglich. Es geht uns wie dem reichen Jüngling, für den die Pforte zum Himmel stets zu eng ist, was immer er auch tut. Wir sehen unseren Vorteil, wir denken instrumentell, immer ans „um zu“. Es ist leider sehr schwer, sich eine Welt vorzustellen, in der wir das nicht müssten.

Aber es gibt diese Welt. Es ist das Reich Gottes. Gott dem Vater gegenüber wie ein Kind sein. Sein Reich annehmen wie ein Kind, einfach, unreflektiert, jedenfalls bedingungslos. Sich einlassen auf dieses Reich und seine Wirklichkeit. Nicht mit dem eigenen Kopf alles begreifen wollen. Unser Glauben, unsere Sicht des Vaters, sind immer nur ein Bild und nie die Wirklichkeit. Glauben ist deshalb Verstehen jenseits des Verstehens.

Jesus und die Kinder

Wer auf den Herrn vertraut, kann loslassen. Nicht ganz und gar vielleicht, sonst verhungern am Ende Frau und Kinder wirklich. Aber doch ein wenig. Oder auch ein wenig mehr. Und unsere Engel sehn das Angesicht des Vaters im Himmel. 

Psalm 131 sagt es so:

HERR, mein Herz ist nicht hoffärtig,
und meine Augen sind nicht stolz.
Ich gehe nicht um mit großen Dingen,
die mir zu wunderbar sind.

Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden
wie ein kleines Kind bei seiner Mutter;
wie ein kleines Kind,
so ist meine Seele in mir.

Israel, hoffe auf den HERRN
von nun an bis in Ewigkeit!

Amen! Der Herr sei mit uns und mit unseren Kindern und mit den Kindern in uns,
Ulf von Kalckreuth

P.S. Vor vielen Jahren habe ich ein Lied geschrieben zu dieser Bibelstelle, anlässlich der Taufe meines Patenkindes Jannis. Jetzt gerade bin ich erkältet, aber ich nehme gern die Gelegenheit wahr, es aufzunehmen und hier einzustellen. Gucken Sie in ein paar Wochen noch einmal vorbei…