…dass aller Gefäße, golden und silbern, waren fünftausend und vierhundert. Alle brachte sie Sesbazar herauf mit denen, die aus der Gefangenschaft von Babel heraufzogen gen Jerusalem.
Esr 1,11
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Englisch, neu und alt
Etwas sehr eigentümliches geschah im Nahen Osten. In einer Kette von Auseinandersetzungen hatte Babylon, die Supermacht im Nordosten, die Elite des kleinen, unbotmäßigen und rebellischen Landes Juda deportieren lassen und in anderen Teilen des Imperiums ansiedeln lassen. Die Hauptstadt Jerusalem war in der Folge verfallen. Dann aber, im Jahr 539, fiel Babylon seinerseits der Expansion eines Newcomers zum Opfer. Ein junger Hai, das persische Reich unter Kyros, fraß den alten. Machtwechseln zwischen altorientalischen Despotien, könnte man denken. Aber schon ein Jahr später schickte der neue Großkönig einen Erlass durch die Lande, das den Völkern des Reichs Religionsfreiheit zusicherte und die Rückführung deportierter Völker ermöglichte. Die „Kyros-Bulle“ gilt als erste Menschenrechtserklärung der Welt. Unten sehen sie das Foto einer Replik in Jerusalem, das Original befindet sich im British Museum, siehe dazu den BdW 23/2020.

Die Judäer sehen auf sich und ihren alten Wohnsitz, Jerusalem und auf den Tempel, den die Babylonier vollkommen zerstört hatten, weil sie mit gewissem Recht in ihm die Energiequelle hinter der Widerständigkeit des Kleinstaats und seiner Bewohner erblickten.
Man könnte also zurückkehren, die verfallene Stadt wieder bewohnbar machen, und beginnen, einen Tempel zu bauen. Niemand, der das in Angriff nimmt, würde das Ende erleben, das ist klar. Und alles aufgeben? Die historische Forschung belegt, dass es viele Judäer im babylonischen Reich gut getroffen hatten: ihre Fähigkeiten wurden gebraucht, und sie waren rasch in Führungspositionen gelangt. Nach Jerusalem zu gehen wäre in etwa vergleichbar der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil in ein weitgehend kriegszerstörtes Deutschland — würde man das tun, wenn man in den Vereinigten Staaten Fuß gefasst hatte und erfolgreich war?
Es ist nicht verwunderlich: viele Judäer sind damals in Babylon geblieben. In den babylonischen Städten entwickelten sich jüdischen Zentren der Gelehrsamkeit, die bis weit über tausend Jahre Bestand hatten, noch über das Ende des römischen Reichs hinaus. Die bedeutendere der beiden Fassungen des Talmud wurde in Babylon zusammengestellt.
Gab es denn überhaupt IRGENDEINEN Grund, das Wagnis auf sich zu nehmen? Unser Vers zeigt, das Kyros selbst einen solchen Grund schuf, bewußt und gezielt. Auf Neudeutsch sagt man First things first — kümmere dich erst einmal um das Nächstliegende. Das wäre vielleicht der Proviant für die lange Reise, und sichere Wege, und vielleicht noch die Aussicht auf ein Stück Land. Aber was dann? Wo führt das hin, meint die neue Supermacht es überhaupt ernst? Was tun in der bergigen Halbwüste, wenn die Perser der Aktion schließlich indifferent oder feindlich gegenüberstehen, wenn sie Gestalt annimmt?
Hier muß man ans Ende denken, sonst fängt niemand an. Kyros händigt Scheschbasar, einem führenden Organisator unter den Juden, die reichen Tempelschätze aus, die fünfzig Jahre zuvor die Babylonier beschlagnahmt und in ihre Schatzkammern verbracht hatten. Ein Schatz von ganz beträchtlichem materiellem Wert, aber völlig wertlos, wenn man keinen Tempel baut. Kyros ermöglicht und finanziert den letzten Schritt, und versichert damit, dass alle Schritte zuvor sinnvoll sind. Geht zurück mit euren Familien, siedelt euch neu an, baut eure Stadt und eine Mauer um sie herum, baut einen Tempel, und was ihr dann braucht, um euren Gott zu verehren — seht, das gebe ich euch heute. Das ist es, wovon unser Vers erzählt.
Im Shakespeare-Englisch gibt es ein Wort dafür: earnest. Ich habe es vor langer Zeit kennengelernt, als der Englischlehrer uns in ‚Macbeth‘ geworfen hatte wie ein Kleinkind ins Schwimmbad. Ein earnest ist das Pfand, das jemand dem anderen beim Abschluss eines Vertrages gibt, und zwar nicht nicht in erster Linie als Anzahlung, sondern als Bekundung des ernsten Willens. Er bindet sich selbst und erzeugt Glaubwürdigkeit. Damit erreicht er, dass der andere seinerseits ins Risiko gehen kann. Heute würde man vielleicht Geld auf ein Sperrkonto einzahlen.
Die spätere Geschichte zeigt, wie sinnvoll es war, in langen Zeiträumen zu denken. Die nationale Wiedergeburt war schwierig, und langwierig, und das Versprechen drohte in Vergessenheit zu geraten, siehe Esr 4 und den BdW 38/2018. Aber tatsächlich stand am Ende ein neuer Tempel in einer neugegründeten Stadt, die es heute noch gibt. Das ist eine andere Geschichte.
Was mich nachhaltig verblüfft, sind die Motive von Kyros. Den Judäern ging es auch so. Mit klassischer Machtpolitik im Stil der orientalischen Despotien hatte es nichts zu tun. Viele hielten Kyros daher für den von Jesaja angekündigten Messias. Was er verfolgte, war nation building nach Art der amerikanischen Nachkriegspolitik. Wenn es heute ein gefestigtes Deutschland in einem funktionsfähigen Mitteleuropa gibt, dann als späte Folge amerikanischer Machtpolitik. Vom sowjetischen Rivalen hob sich diese Politik ebenso ab wie die von Kyros gegenüber dem Stil der neubabylonischen Vorgänger.
Heute schließt sich ein Kreis. Persien heißt heute Iran. Welche Art amerikanischer und israelischer Politik wird es dort geben? Wird in zehn Jahren jemand in Teheran leben wollen?
Gott gebe uns seinen Segen, auch und besonders dem iranischen Volk.
Ulf von Kalckreuth
