Bibelvers der Woche 33/2025

An deren Statt ließ der König Rehabeam eherne Schilde machen und befahl sie den Obersten der Trabanten, die an der Tür des Königshauses hüteten.
2 Chr 12,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Nicht vergessen!

Wir versagen. Bringen andere Menschen ins Unglück und uns selbst. Erfüllen Erwartungen nicht, die man zurecht an uns stellt. Sind manchmal böswillig, oder wenigstens nicht gutwillig, und lassen geschehen, was sich verhindern ließe. Sehen nicht, worauf es jetzt und heute wirklich ankommt, passen unsere Prioritäten nicht an, bleiben faul in den Verhaltensmustern, die wir uns irgendwann antrainiert haben. Wir sind Menschen. Wir verhalten uns falsch, wieder und immer wieder. 

Aber wie gehen wir damit um? 

Ein Vater hat einen Hang zum Jähzorn, und wenn ein Streit mit seinem halbwüchsigen Sohn eskaliert, kann er handgreiflich werden. Eines Tages geschieht es. Er gibt seinem Sohn eine Ohrfeige, und der Schlag fällt heftig aus, trifft Mund und Kinn. Der Junge stürzt. Dabei verletzt er sich weiter am Kopf. Er liegt am Boden. Auf Betreiben des Jugendamts wird dem Vater das Sorgerecht entzogen. Sein Sohn kommt in ein Heim. Im Mittelpunkt des Verfahrens steht ein Foto: sein Sohn, Auge und Nase ist geschwollen, die Lippen bluten. 

Achtung, Täterperspektive: Wie geht der Vater damit um?

König Rehabeam war als Hüter seines Volks und von Gottes Tempel bestellt. Seine verblendete Maßlosigkeit macht, dass das Großreich Israel auseinander bricht und sich zehn der zwölf Stämme von ihm abwenden. Dann lässt er sich auf einen Krieg mit Schischak ein, dem mächtigen Pharao in Ägypten. Dieser zieht mit seiner gewaltigen Streitmacht nach Jerusalem, nimmt es ein und macht Rehabeam zum tributpflichtigen Vasallen. Alle Schätze des Königshauses muss er abliefern, und alle Schätze des Tempels. Darunter auch die goldenen Schilde, die sein Vater Salomo für den Tempel hat fertigen lassen. 

Wie geht der König damit um? 

Er lässt sich gleichartige Schilde aus Kupfer oder Bronze anfertigen und weist seine Palastwache an, ihm diese Schilde zu zeigen, wann immer er den Tempel besucht, jedes Mal. Das hast du getan! Nicht vergessen! 

Das ist mehr als aussergewöhnlich. Fast immer verdrängen und vergessen wir ja. Es ist so, als ob der Vater im Gleichnis oben das Foto mit dem blutenden Gesicht seines Sohns auf seinen Schreibtisch stellte, so dass sein Blick und auch der anderer Menschen in seiner Nähe immer wieder darauf fallen muss. Das hast du getan! Nicht vergessen!  

Es ist nicht gleichgültig, wie wir umgehen mit unseren Verfehlungen, auch für die nicht, die darunter leiden. Wird der Vater jemals wieder zuschlagen, der dies Foto seines Sohnes auf dem Schreibtisch stehen hat?

In der biblischen Geschichte ist Gott gnädig mit Rehabeam. Der König kann weiter regieren und das Reich erholt sich. Gott helfe uns im Versagen. Und — wichtig! — er helfe uns zum rechten Umgang damit. In allem brauchen wir seinen Segen
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 31/2025

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Denn sie hat viele verwundet und gefällt, und sind allerlei Mächtige von ihr erwürgt.
Spr. 7,26

Wie ein Hirsch, der ins Netz rennt…

Von wem ist die Rede? Boa Constrictor? Eine Amazone gerüstet zum Kampf? Nein, es ist die Hure. Keine bestimmte, sondern die Hure an sich, als abstrakte Größe. 

Das Kapitel, aus dem wir gezogen haben, enthält eine drastische Warnung vor Unzucht. Sie ist personifiziert durch eine Hure. Diese zieht wie ein Vampir durch die Stadt, hin und her, und sucht junge Männer, um sie in ihr Verderben zu ziehen. Das wird im Einzelnen beschrieben, mit fiktiven Dialogen, sehr eindrücklich und lebhaft. Die Beschreibung selbst entspringt wohl eher der Fantasie des Autors, und die Perspektive der Frau ist nicht gendergerecht berücksichtigt… Ich hatte schon einmal Gelegenheit, über das Kapitel zu schreiben — hier ist der Link zum Bibelvers der Woche 17/2018.

Ich bin gerade sehr eingeschränkt. Ich sitze auf einem Campingplatz auf Sizilien, bei fast 40°C im Schatten. Nichts und niemand bewegt sich hier. Ich habe keine gedruckte Bibel, nur mein Handy. Für die Zufallsziehung muss ich die App eines anderen Bibel-Afficionados benutzen: https://gratia-mira.ch/j3/. Normalerweise hätte ich diese Webform nicht angefasst, weil ich nicht weiß, was der Kollege im Einzelnen tut, und auf welcher Textgrundlage er zieht. Ich folge sonst sehr exakt meinem eigenen Protokoll. Es gibt eine Datei, die für jeden Vers der Bibel eine Zeile der Lutherbibel 2012 hat, und ich ziehe zufällig eine ganze Zahl zwischen 1 und 31.173, der Anzahl der Verse. Jede Zahl hat die selbe Ziehungswahrscheinlichkeit. Die gezogene Zahl gibt mir die Zeile, und die Zeile den Vers. Heute ist es eben anders. Die Alternative wäre gewesen, gar nicht zu ziehen.

Ich will folgendes tun. Schauen Sie sich den Text des Kapitels in Ruhe selbst an, er ist weder lang noch langweilig. Folgen Sie dem unverständigen Jüngling auf seinem Weg in die Fänge der Venusfalle, natürlich nur in der Betrachtung. Unser Vers ist so etwas wie die Zusammenfassung.

Hier ist der Link

Und wenn Sie möchten, können Sie sich beim Lesen Fragen stellen. An der Oberfläche spricht der Text von orientalischen Huren. Aber wenn man ihn ernst nimmt, geht es um entfremdete und instrumentalisierte Sexualität. Der Mann unterwirft seinen Willen dem der lockenden Frau und geht in sein Verderben, „wie ein Stier zur Schlachtbank geführt wird.“ Wovon würde das heute handeln? Nur von Prostitution? Welche Rolle spielen Pornographie, Social Media, sexualisierte Musikvideos? Was ist mit Werbung, die Sexualität mit Produkten der verschiedensten Art verbindet und den Betrachter zum willigen Käufer machen wollen, “wie ein Vogel zur Schlinge eilt und weiß nicht, dass es das Leben gilt”? Vor einigen Wochen war ganz Frankfurt zugepflastert mit Bildern von Heidi Klum und ihrer blutjungen Tochter Leni, die gemeinsam fast unbekleidet Werbung für Intimissimi machten, einem italienischen Label für Unterwäsche. Und Fremdgehen? Wie leicht können wir unser Leben und das Leben anderer beschädigen, „wie ein Hirsch, der ins Netz rennt, bis ihm der Pfeil die Leber spaltet.“

Wo sollten unsere Warnlampen leuchten? Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche, in Verbindung miteinander und mit unserem Herrn!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 28/2025

Ich achte es für billig, solange ich in dieser Hütte bin, euch zu erinnern und zu erwecken;…
2 Petr 1,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Bunt und spannend

Simon Petrus fühlt sein Ende nahen und vergleicht sein Leben mit einer Hütte, von der er weiss, das sie bald abgebrochen wird. Das schärft den Blick dafür, was wirklich wichtig ist. Es fordert eine persönliche Antwort. Und es könnte sein, dass es diese Antwort ist, an der wir gemessen werden. Die irdische Existenz als zeitweilige Behausung mit Verfallsdatum: dasselbe Bild verwendet auch Paulus in 2 Kor 5.

Ich habe diesen Vers verstanden, ohne einen einzigen Blick auf den Kontext werfen zu müssen. In diesem Sommer ist mein Vater gestorben. Das bedeutet mir sehr viel. Unter anderem gab es mir ein Bild: eine Klippe ist weggebrochen. Es gibt nun eine neue, vom Meer unterspült, auf der ich stehe. Was bleibt? Und was bleibt zu tun? 

Mein Vater war fast dreißig Jahre älter als ich — das entspricht der Hälfte des Lebens, das ich nun hinter mir habe. Dann lägen zwei Drittel hinter mit, ein Drittel stünde noch bevor. Aber Zeit ist relativ auf dem Lebensweg. Sie vergeht immer schneller. Ein Tag in meiner Jugend fühlt sich an wie drei Tage heute, und das gefühlte Tempo nimmt zu, — wie in ‚Circle Game‘ von Joni Mitchell. In zwanzig Jahren sind es vielleicht sechs? Gefühlte Zeit bemisst sich nach der Information, die man neu aufnimmt und verarbeitet, und die Fähigkeit dazu nimmt immer weiter ab. Ausserdem hat ein älterer Mensch vieles schon gesehen, was für einen jungen Menschen neu und faszinierend ist, ihn fesselt.  

Was also vor mir liegt, ist deutlich weniger als ein Drittel — vielleicht ein Zehntel noch? Unbedeutend jedenfalls im Vergleich zum Ganzen. Wertvoll zu wissen. Es liegen darin zwei unterschiedliche Erkenntnisse. Erstens: Was bleibt, ist kostbar, ich sollte es klug einsetzen. Zweitens aber darf ich endlich absehen von mir selbst. Mit diesem Zehntel ist es nicht mehr sehr wichtig, was mit mir geschieht, wenn es das denn jemals war. Ich kann die Augen öffnen und aufschauen. 

Was ist wichtig? Jedem stellt sich die Frage. Im gezogenen Vers erachtet Petrus es für angezeigt (billig), in der verbleibenden Zeit die Schwestern und Brüder zu erinnern und zu erwecken. Das ist die Antwort eines Apostels, gewiss nicht das, was jeder von uns antworten kann. 

Was ist meine Antwort? Ich kann sie noch nicht charakterisieren, aber ich sehe Umrisse. Es mag merkwürdig klingen, aber das Leben kann bunt und spannend sein mit dieser Perspektive. Am Samstag vor Pfingsten saß ich am Kaisersack in Frankfurt auf einem Klappstuhl und machte mit Gesang und Westerngitarre Lobpreismusik. Nur ein paar hundert Meter entfernt von meinem Arbeitsplatz. In der kommenden Woche beginne ich mit meiner jüngeren Tochter eine Interrail-Tour durch Italien, nach Sizilien und zurück. Durchaus fordernd in meinem Alter. Wichtig ist in beiden Fällen, dass ich hier und heute noch fast alle Möglichkeiten jüngerer Menschen habe und einige andere dazu — aber nicht mehr die Illusion, dass es immer so bliebe.

Was ist Ihre Antwort? Sie mag sich mit den Umständen wandeln, im fortgeschrittenen Alter eine andere sein als im hohen Alter. Gleichwie — der Blick auf die Hütte und die Klippe hilft bei der Orientierung. Er gibt die Perspektive vor: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, sagt Psalm 91.  

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche unter dem Schutz des Herrn,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 21/2025

Und Salomo opferte auf dem ehernen Altar vor dem HErrn, der vor der Hütte des Stifts stand, tausend Brandopfer.
2 Chr 1,6

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Weisheit und Opfer

Salomo ist König geworden. Brutale Kampfe mit seinen Brüdern waren der Machtübernahme vorangegangen. Sein Weg zum Thron war nicht vorgezeichnet: Salomo war der vierte Sohn Davids mit seiner zweiten Frau Batseba, von den neunzehn Söhnen Davids war er der zehnte (1 Chr 3). Salomo bringt ein großes Opfer. Eintausend Opfertiere, wohl Rinder zumeist, das ist selbst für einen morgenländischen König außergewöhnlich. Der eherne Altar vor der alten Stiftshütte war klein, es war der Altar, den die Israeliten bei ihrer Wanderung durch die Wüste mitgeführt hatten. Einen Tempel gab es noch nicht.

Dies sind die Bilder, die er noch vor Augen hatte, als er sich zum Schlafen legte. In der Nacht erschien Gott ihm, und forderte Salomo auf, einen Wunsch zu äußern,der Wunsch werde erfüllt. Wie im Märchen. Und Salomo wünscht sich nicht Sicherheit vor seinen Rivalen, nicht Geld und Gut, nicht Glück auf dem Schlachtfeld und Macht über die Völker ringsum, sondern er wünscht sich Weisheit. Ein weiser Wunsch, und darin liegt ein Rätsel — muß man nicht weise sein, um sich Weisheit zu wünschen? Ein Regress. Es ist ein wenig wie mit Glauben — man muß glauben, um glauben zu wollen, und man muß glauben wollen, um glauben zu können.

In einem früheren Bibelvers der Woche, BdW 47/2023 habe ich die Erzählung zum Anlass genommen, darüber nachzudenken, worauf es ankommt im Leben. Salomo bekommt Weisheit vom Herrn geschenkt, und auch das, was er sich nicht gewünscht hat. Entscheidend aber war sein Wunsch. Was steht hinter diesem Wunsch? Wo kommt er her?

Unser Vers gibt einen Hinweis: Salomos Opfer. Opfer ist Verzicht und Gemeinschaft mit dem Herrn, diese zwei. Sie können uns zu dem führen, worum es wirklich geht. 

Der Herr segne uns in der Woche, die vor uns liegt. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 17/2025

Wer dem Armen gibt, dem wird nichts mangeln; wer aber seine Augen abwendet, der wird viel verflucht.
Spr 28,27

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Sehen und leben 

Als ich diesen Vers zog, dachte ich, hier sei nicht viel Arbeit zu tun: er ist selbsterklärend und es gibt keinen Kontext zu erläutern. Das Buch der Sprüche ist eine Sammlung von Merksätzen, die Richtschnur sein sollen für ein gelungenes Leben, und zwischen diesen Merksätzen besteht meist wenig direkte Beziehung. 

Aber gestern, auf dem Fahrrad, stand mir plötzlich der zweite Teil des Verses vor Augen: „Wer aber seine Augen abwendet, der wird viel verflucht“. Die Sprüche lehren manche Verhaltensweisen und warnen vor anderen. Meist werden die positiven bzw. negativen Konsequenzen genannt oder wenigstens angedeutet. Die Sprüche kommen in Doppelversen: Dieselbe Aussage wird zweimal gemacht, oft je einmal positiv und negativ gewendet. Sie wird dabei nicht einfach wiederholt, sondern in zwei Perspektiven gestellt. Das erleichtert die Aufnahme im Langzeitgedächtnis, es gibt den Merksätzen aber auch Tiefenschärfe, eine dritte Dimension. 

Wir sollen nicht einfach freigiebig sein, blind sozusagen, oder es den Staat richten lassen als gutwillige Steuerzahler, sondern wir sollen hinsehen und wahrnehmen. Wer es nicht tut, begibt sich in Gefahr. Das ist keine Drohung mit der Strafe Gottes. Wenn das Buch der Sprüche warnt, dann wohnen die negativen Konsequenzen der angesprochenen Handlung selbst inne, es sind ihre langfristige Folge. Gott tritt nicht persönlich als strafende Instanz in Erscheinung, er gibt sein Gesetz als Wegweiser. Wer Weisung und Weisheit verachtet, tut dies zum eigenen Schaden. Hier ein Link zum Bibelvers der Woche 40/2022.

Wer nicht hinsieht, den bestraft das Leben, sagt der Spruch. Wer nicht hinsieht, verliert den Kontakt mit seiner Wirklichkeit und seiner Umwelt, wird einsam und unglücklich, lese ich.

Es ist Karfreitag. Gelegenheit, über das Leben und seine Einsamkeiten nachzudenken. Wie oft habe ich nicht hingeschaut, weil es entlastet, weil es die Welt einfach und überschaubar macht, weil sich Alltag und „Notwendigkeiten“ nur so bewältigen lassen. Und es stimmt: wer dies zur dominanten Strategie macht, der ist auf dem Weg in eine sehr enge und ganz private Hölle. Ohne Gott und ohne Teufel. Ganz allein.

Nun bin ich ins Grübeln gekommen, und plötzlich erschließt sich mir auch der erste Teil des Spruchs. Er spannend. Ich bin Ökonom, und für Ökonomen fundamental ist die sogenannte Budgetrestriktion. Damit ist folgender Sachverhalt gemeint: Ein Euro, den man für eine Sache ausgibt, ist für alle anderen Verwendungen verloren. Sehr einfach und sehr mächtig, und es wäre gut, wenn mehr Menschen und Politiker diesen Satz verinnerlichen könnten. Der Schreiber des Verses kennt die Budgetrestriktion, das zeigt die absichtlich paradoxe Formulierung. Wer etwas dem Armen gibt, der kann es nicht mehr für die Erfüllung eigener Wünsche ausgeben. Ja. Aber ist das alles? Der Spruch setzt fort: „… dem wird nichts mangeln“. Wird mir etwas fehlen? Das ist die „richtige“ Frage. Irgendwie kommt es zurück, sagt der Spruch. Kann ich damit gar meinem eigenen Mangel abhelfen? Die Antwort gibt der zweite Teil des Spruchs.

Der Herr gebe uns die Kraft, zu sehen. Er nehme den Schleier von unseren Augen. Er sei besonders dann mit uns, wenn wir die Not des anderen nicht ertragen wollen.  
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 16/2025

…sondern du sollst sie ordnen zur Wohnung des Zeugnisses und zu allem Geräte und allem, was dazu gehört. Und sie sollen die Wohnung tragen und alles Gerät und sollen sein pflegen und um die Wohnung her sich lagern.
Num 1,50

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Kaste und Kompass

Das Kapitel beginnt mit einer Zählung der wehrfähigen Männer in Israel. Das Volk zieht in der Wüste umher, und die Zeit ist gekommen, sich militärisch auf den Einfall in das Gelobte Land vorzubereiten. Bei dieser Erfassung bleiben die Leviten ausgenommen. Ihr Dienst liegt ausschließlich bei der Stiftshütte, den heiligen Gerätschaften und der Bundeslade, einem ganzen mobilen Tempel, der von den Israeliten auf ihrer Wanderung mitgeführt wird. 

So ähnlich — freigestellt von Militärdienst und weltlicher Arbeit für den Dienst an Gott — verstehen sich im heutigen Israel viele ultraorthodoxe Männer. Im alten Israel sind Leviten Tempeldiener. Die Priester werden von einer besonderen Sippschaft unter ihnen gestellt, den Nachkommen Aarons. Andere Leviten dürfen zwar nicht Priester sein, aber auch sie nehmen Aufgaben an dem und für den Tempel wahr. Die Leviten sind, was man heute als Funktionselite bezeichnet. Spezialisiert auf kultische Aufgaben haben sie intensiveren Umgang mit der Schrift als andere Israeliten, und von ihrer Hand stammen wohl große Teile der jüdischen Bibel.  

Als Funktionselite, als Kaste, sind Leviten nicht an ein bestimmtes Territorium gebunden. Es gibt kein Stammland der Leviten, von dem sie leben, das sie bearbeiten könnten. Aber dennoch verstehen sie sich als Stamm und als Nachkommen eines der zwölf Söhne Jakobs, und so beschreibt es die Bibel. Zwei real existierende Stämme — Ephraim und Manasse — werden auf einen Sohn, Joseph, zurückgeführt, damit die Zwölfzahl erhalten bleibt, bei den Stammesterritorien ebenso wie bei den Söhnen.

Ein Israelit wurde in eine bestimmte Aufgabe, eine bestimmte Rolle und Position hineingeboren. Die Leviten haben von Geburt an eine Aufgabe — Gott zu dienen, und zwar in genau bestimmter Weise. Ihr Leben wird dadurch durchgreifend geprägt und bestimmt. Wir sind dieser Art Auftrag im Bibelvers der Woche 34/2023 bereits begegnet.

„Um die Wohnung her sich lagern…“ Wie es sich wohl anfühlt, die Aufgabe schon als kleines Kind zu kennen, sie vom Vater zu erben, gottgewollt?  

Gottes Weisheit ist Orientierung im Leben, Orientierung der Bewegungsrichtung. Wenn wir unsere Aufgabe nicht schon kennen, wenn wir sie erst finden müssen, brauchen wir diese Weisheit so dringend wie einen Kompass im Polareis. 

Der Herr helfe uns, die Aufgabe zu verstehen und er gebe uns Kraft. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 28/2024

Ein Auge, das den Vater verspottet, und verachtet der Mutter zu gehorchen, das müssen die Raben am Bach aushacken und die jungen Adler fressen.
Spr 30,17

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Licht und Schatten

Oh! Wer seine Eltern nicht achtet, den fressen die Raben! Was ist hier gemeint? Wessen Auge die Vögel aushacken, der ist vorher gestorben. Vielleicht wurde er gesteinigt? Dtn 20,18-21 legt die Todesstrafe für mißratene Söhne fest, und im Bundesbuch, Ex 21,15+17, wird der Tod für erwachsene Kinder gefordert, die ihre Eltern schlagen oder verfluchen. 

Aber das Buch der Sprüche ist nicht die Torah, es ist ein Lehrbuch der Weisheit — oder besser: ein Übungsbuch, es sind Vorlagen zum Auswendiglernen. Der Vers sagt, dass die Raben das frevelnde Auge aushacken müssen (=werden), nicht, dass sie es tun sollen. Die Verachtung der Eltern trägt ihre Strafe in sich.

Den Schatten des Urteils im Vers nämlich wirft ein blendend helles Licht. Der familiäre Zusammenhalt ist in der Welt der Bibel elementar wie das Leben selbst. Die Familie erfüllt alle Funktionen der Daseinsvorsorge. Sie ist Alters-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung. Sie ist Schule und Ausbildungsstätte in einem. In und von seiner Familie erhält ein junger Mensch alles: die Sprache, Kenntnisse und Fertigkeiten, Beziehungen, seinen Patz im Leben, siehe BdW 34/2023, Die Familie stiftet die Ehe und übernimmt die immensen Kosten der Hochzeit. Und sie ist es auch, die das Wissen über die Welt und den Glauben an Gott weitergibt — beides gehört ununterscheidbar zusammen, In den zehn Geboten findet sich kein Aufruf, gesetzestreu zu sein und die Obrigkeit zu achten, sondern das Gebot, die Eltern zu ehren. 

Das wirkt wie ferne Vergangenheit. Aber auch heute ist die Familie für die Chancen eines jungen Menschen von unschätzbarer Bedeutung. Ohne ihren Schutz und Hintergrund ist man schnell bei den Raben…

Wer seine Eltern nicht achtet, aus gutem Grund oder nicht, der steht vor einem schwierigen Leben. Und weil das so ist — was können Eltern tun, damit das nicht geschieht? Darüber denke ich immer wieder mal nach. Gestern gab mir meine Tochter eine Antwort. Als eine Auseinandersetzung fast aussichtslos wurde, hat sie mir geappt: „Heute habe ich gelernt, dass Liebe geduldig ist.“

Unser Vers oben steht in der Sammlung von Sprüchen eines Weisheitslehrers namens Agur. Zu Beginn des Kapitels gesteht er, dass er mit leeren Händen dasteht. Lesen Sie selbst, sein Bekenntnis rührt mich an: 

Ich habe mich gemüht, o Gott, ich habe mich gemüht, o Gott, und muss davon lassen. Denn ich bin der Allertörichtste, und Menschenverstand habe ich nicht. Weisheit hab ich nicht gelernt, und Erkenntnis des Heiligen habe ich nicht. Wer ist hinaufgefahren zum Himmel und wieder herab? Wer hat den Wind in seine Hände gefasst? Wer hat die Wasser in ein Kleid gebunden? Wer hat alle Enden der Welt bestimmt? Wie heißt er? Und wie heißt sein Sohn? Weißt du das?

Das schreibt er etwa zeitgleich mit Sokrates. Unser Vers gehört zu dem wenigen, das er der Nachwelt dennoch hinterlassen will. 

Gott segne unsere Familien! 
Ulf von Kalckreuth 

Bibelvers der Woche 47/2023

Also kam Salomo von der Höhe, die zu Gibeon war, von der Hütte des Stifts, gen Jerusalem und regierte über Israel.
2 Ch 1,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Worauf es ankommt, Teil II

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Wunsch frei. Einen einzigen. Da kann man schon ins Grübeln kommen. Salomo opfert dem Herrn öffentlich auf der Höhe zu Gibeon, und in der Nacht darauf erscheint ihm der Herr und sagt ihm, er möge einen Wunsch äußern. 

Ein wenig wie im Märchen. Was soll Salomo sich wünschen? Er ist das uneheliche Kind Davids mit Batseba, einer verheirateten Frau, deren Mann sein Vater hatte töten lassen. Um den Thron besteigen zu können, hat er sich aus einer hinteren Position gegen seine vielen Brüder durchgesetzt, auch gewaltsam. Seine Macht ist nicht gefestigt. Da wäre der Tod der Feinde als Wunsch naheliegend, auch Macht und Reichtum, um sich durchsetzen zu können. Aber Salomo wünscht sich etwas, das nicht auf der Hand liegt: Weisheit und Erkenntnis. Sehr zum Erstaunen des Herrn: 

Weil du dies im Sinn hast und nicht gebeten um Reichtum noch um Gut noch um Ehre noch um deiner Feinde Tod noch um langes Leben, sondern hast um Weisheit und Erkenntnis gebeten, mein Volk zu richten, über das ich dich zum König gemacht habe, so sei dir Weisheit und Erkenntnis gegeben. Dazu will ich dir Reichtum, Gut und Ehre geben, wie sie die Könige vor dir nicht gehabt haben und auch die nach dir nicht haben werden. (2 Chr 1,11+12)

Ich sehe hier zweierlei. Manchmal schenkt Gott Dinge, um die wir nicht gebeten haben. Wenn wir hadern, dass das Leben die Erfüllung unserer Wünsche hartnäckig verweigert, mögen wir schauen, was da ist, ohne dass wir es uns gewünscht haben — Freundschaften, Erlebnisse, Musik, vielleicht ein wacher Geist oder die Freude an einem schönen und kraftvollen Körper. Wenn ich hinschaue, so ist meine Welt voll solcher Dinge.

Zweitens und spezifischer: Salomos Wunsch nach Weisheit ist ein weiser Wunsch. Könige haben ein spezielles Problem. Man ist König nur weil und solange andere sich nicht trauen, die Gefolgschaft zu versagen oder sich aufzulehnen. Ein König hat keine nennenswerte eigene Kraft, seine Kraft ist geliehen von anderen. Deren Schwert muß er einsetzen. Auf das eigene Schwert zurückgeworfen lebt er nicht lange. Die anderen sind stärker, wenn sie sich zusammentun, immer! Die Kräfteverhältnisse zu durchschauen, mit stets wachem Auge, das Gewicht zu verlagern, um das Gleichgewicht zu wahren und nicht abzustürzen, Erwartungen aufzubauen, Phantasien, Ängste und Träume anderer zu nähren, zu richten, zu steuern, dazu ist Erkenntnis und Weisheit nötig. Für Königtum ist das ist die Grundlage. So ausgerüstet steigt Salomo herab von der Höhe Gibeon, um Israel zu regieren. Und so kommt auch das andere, Reichtum, Macht und Ehre — und viele Frauen. 

Der Vers der vergangenen Woche gab Anlass nachzudenken, worauf es ankommt im Leben. Und ich hatte gefragt, ob in der Aufzählung des Psalms etwas fehlt. Hier ist eine gute Antwort: Weisheit und Erkenntnis. Weisheit und Erkenntnis bergen indes manchmal Wahrheiten, denen man sich eigentlich gern entziehen würde. Vielleicht deshalb ist der Wunsch Salomos nicht universell. Aber am Ende wird die Wahrheit uns frei machen, sagt Joh 8,32. Daran habe ich stets geglaubt und tue es noch. 

Der Herr verleihe uns Weisheit und Erkenntnis!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 40/2022

So gehorchet mir nun, meine Kinder. Wohl denen, die meine Wege halten!
Spr 8,32

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Weisheit suchen und finden!

Schauen Sie sich erst einmal den wundervollen Abschnitt an, dem unser Vers entstammt. Hier spricht die Weisheit selbst: 

Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! Hört die Mahnung und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.
(Sprüche 8, 22-36, Lutherbibel 1984)

Das Buch der Sprüche ist ein Lehrbuch der Weisheit — im wortwörtlichen Sinne. In seinem Kern ist es eine Sammlung von Merksätzen zum Auwendiglernen, die den Lehrstoff begreif- und erinnerbar machen sollen. Ich freue mich jedesmal, wenn ich auf einen Vers aus dem Buch der Sprüche ziehe. Was dabei zum Vorschein kommt, ist neu und vertraut zugleich. Und es ist 2300 Jahre alt, gut abgehangen, nicht immer garantiert tagesaktuell. Aber wenn ich das brauche, kann ich den Deutschlandfunk einschalten.

Die morgenländische Weisheit ist mit der griechischen Philosophie verwandt. Es geht um Regeln für gelungenes Leben. Diese Regeln stehen in Zusammenhang mit Gott. Sie sind aber nicht Theologie, sondern Kunst der Lebenspraxis. Man findet im Buch der Sprüche kaum Verweise auf die Torah oder die Schriften. 

Die Regeln der Weisheit tragen sich selbst — wer sie befolgt, hat Erfolg, wer sie mißachtet, trägt den Schaden selbst. Wohl denen, die meine Wege halten! Jeder Lebensratgeber behauptet das von sich. Entscheidend aber ist, dass das Buch der Sprüche (auch) von Ethik handelt. Das „Wie soll ich leben“ bemißt sich nicht nur am individuellen Wohlergehen, sondern gleichermaßen am Wohlergehen der Gemeinschaft. Wir sehen hier üblicherweise einen Konflikt. Die Bonbons, die ein Kind sich vom Tisch nimmt, stehen für die anderen nicht mehr zur Verfügung. Die Weisheitsliteratur besteht darauf, dass es, wenn wir richtig leben, zwischen diesen Forderungen keinen Widerspruch gibt. Wer das für die Gemeinschaft richtige tut, bringt und hält sein eigenes Leben in Ordnung. Und umgekehrt: Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Wie soll man das verstehen? Als Ökonom fühle ich mich an Adam Smith erinnert. Er war Moralphilosoph und wurde zum Gründungsvater der Nationalökonomie. Er steht für die durchaus erstaunliche Botschaft, dass man längerfristig keinen Wohlstand erzielen kann, ohne dabei das Richtige für die Gemeinschaft zu tun. Wer reich werden oder auch nur am Markt bestehen will, reagiert auf Preissignale und kann gar nicht anders, er muß bestehende Knappheiten lindern. Er wird zum Beispiel Arzt — nicht um der Menscheit zu helfen, sondern weil Ärzte knapp und Behandlungen teuer sind. Der Porsche, den die Medizinstudentin während ihrer Vorlesungen vor Augen hat, lenkt sie und ihre Möglichkeiten sehr gezielt auf den rechten Weg. Auf ihren Altruismus müssen wir uns nicht verlassen… Andererseits: wen Preissignale nicht interessieren, muss dies teuer bezahlen — und zwar selbst.

Jeder weiss, dass es viele Situationen gibt, in denen der Markt nicht das Wohl aller garantiert. Aber das Preissystem als grundlegende soziale Institution ist erstaunlich robust, und es wäre schön, lebensnotwendig gar, wenn mehr Felder sich so entwickeln ließen, dass es keinen Widerspruch gibt zwischen unserem Eigeninteresse und dem Wohl aller. Solche Wege sind dauerhaft und belastbar. Das Buch der Weisheit steht für die Überzeugung, dass es sie gibt. 

Und so verstehe ich den Vers dieser Woche: Lasst uns diese Wege suchen und sie gehen! Es ist das Beste, das wir für uns selbst tun können. Ich selbst denke an die Klimakrise, es ist das, was mich zunehmend beruflich beschäftigt. Widersprüche zwischen Eigeninteresse und dem Interesse der Menschheit sind hier der Kern des Problems. 

Jesus sagt uns, dass dieser Widerspruch Illusion ist, dass wir ihn überwinden müssen, dass wir bei Gott sind, wenn wir den Nächsten lieben wie uns selbst. 

Der Herr gebe uns Weisheit, in der kommenden Woche und in unserem Leben.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 05/2022

Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge um.
Hiob 28,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Weisheit — und wie man sie findet

Das ist orientalisch: die Hälfte des Kapitels wird auf eine Hinführung verwendet, bei der das, worum es eigentlich geht, nicht erwähnt wird. Zwölf lange Verse hindurch gibt Hiob ein Beispiel nach dem anderen für Dinge, die ihre versteckte Orte haben, und die man doch findet, mit großer Mühewaltung und Kunst. Der Vers ist ein Teil dieser Beschreibung, die schließlich zu dem führt, worum es eigentlich geht (Vers 9-12):  

Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge von Grund aus um. Man bricht Stollen durch die Felsen, und alles, was kostbar ist, sieht das Auge. Man wehrt dem Tröpfeln des Wassers und bringt, was verborgen ist, ans Licht. Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

Zu finden ist sie nicht, und zu kaufen auch nicht. Weisheit wird als inkommensurabel mit Gold und Gütern bezeichnet — man kann sie nicht bezahlen, weil es keinen Betrag gibt, der ihrem Wert entspricht. Das ist eine Botschaft, die wir aus dem Buch der Sprüche schon kennen, siehe den BdW 50/2020. Gibt es sie dann überhaupt? Ja, sie ist bei Gott. Und Gott schuf sie nicht einfach. Bei der Schöpfung der Welt „sah er sie und verkündete sie, bereitete sie und ergründete sie“ (V. 27). Sie ist Gott zwar nachgeordnet, aber ebenso ewig wie er. In der Einleitung des Buchs der Sprüche spricht die Weisheit selbst (Spr 8, 22- 31):   

Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

Die Weisheit spielt mit Gott und er mit ihr, es ist dies eine sehr vertraute Beziehung. Uns hingegen ist sie unsichtbar und unzugänglich — das Wühlen im Berg als Bild für ein mühsame Erarbeiten hilft ebensowenig wie der Versuch, sie zu kaufen. So spricht ein Text, der geschrieben ist von Menschen, denen Weisheit das kostbarste war. 

Hiob kommt zu einer sehr einfachen Conclusio: Dem Menschen selbst ist die Weisheit nicht zugänglich und sie ist bei Gott. Wenn Gott also dem Menschen geneigt ist, dann führt ein Weg zu ihr über Gottes Gebote: „Siehe: die Furcht des Herrn, das ist Weisheit und meiden das Böse, das ist Einsicht“.

Weisheit ist im Kern praktische Lebenskunst, siehe den BdW 16/2019. Gottes Gebote sind von Weisheit durchdrungen und der Weg zu gutem Leben. Wenn du sie befolgst, so sagt das Kapitel, verhältst du dich weise, auch wenn deinem Verstand die dafür eigentlich nötige Einsicht fehlt. Du brauchst die analytische, die intellektuelle Einsicht gar nicht: befolgst du die Gebote Gottes, tust du ebendas, was du auch tun würdest, wenn du diese Einsicht hättest. Gottesfurcht ist ein damit Surrogat, mehr noch, ein Äquivalent zur Weisheit, im Ergebnis nicht von ihr zu unterscheiden.

Philosophisch interessant ist folgendes: der Mensch gelangt so auf einem Umweg tatsächlich zu Weisheit — wenn die Brücke trägt, wenn Gott sein Freund ist. Der Hermeneutiker würde nämlich sagen, dass wahre Weisheit auch die eigenen geistigen Beschränkungen berücksichtigt und den bestmöglichen Umgang damit. Und der Empiriker könnte feststellen, dass zwei Dinge nicht verschieden sind, wenn sie sich nicht unterscheiden lassen.

Das Buch Hiob ist eine Übung in Dialektik. Jede seiner Wahrheiten wird zur Waffe für den Verfechter der gegenteiligen Position. Manchmal will es mir scheinen, das Buch sei darin wie die Welt selbst. Hiob entwickelt seinen Freunden das Konzept von der in Gottes Geboten eingebetteten Weisheit, um damit seine finale Anklage vorzubereiten. Gott hält sein Versprechen nicht, sagt er, denn Hiob gerät ins Unglück, obwohl er sein Leben ganz auf Gottes Gebote gebaut hat. Die Brücke trägt nicht!

Aber am Ende leuchtet Gott wie die Sonne, ohne sich auf einen einfachen Zusammenhang reduzieren zu lassen. Er lässt sich nicht berechnen und ergreift Hiob, nimmt ihn einfach mit. Im Grunde macht er damit Hiobs Worte über die Weisheit wahr.

Ich wünsche uns eine Woche, in der Weisheit in unserem Tun liegt, auch wenn unser Verstand sie nicht erreicht,
Ulf von Kalckreuth

Ulf von Kalckreuth, Niederursel, 6. April 2021