Bibelvers der Woche 26/2020

Und machte an jeglichem Knauf zwei Reihen Granatäpfel umher an dem Gitterwerk, womit der Knauf bedeckt ward.
1. Kö 7,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Zenit der Zeit

Oh! Dieser Vers liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bibelvers der letzten Woche. Die beiden Verse lesen sich völlig bruchlos. Ich will also versuchen, sie gemeinsam zu betrachten..

Wieder geht es um die Bautätigkeiten am Tempel. Salomo hat Hiram von Tyrus gerufen (siehe den BdW 1/2020), damit dieser die Bronzearbeiten ausführe. Hiram errichtet vor dem Allerheiligsten zwei riesige Säulen. Sie haben sogar Namen: Jachin und Boas. Ihre Kapitelle, im Vers „Knäufe“ genannt, sehen aus wie Lilien und sind aufwendig verziert mit Granatäpfeln. Granatäpfel sind Symbole für Fruchtbarkeit und Leben: wegen ihrer vielen Kerne und auch wegen ihrer Wirkung als potentes Aphrodisiakum. Sie werden im Hohelied besungen und spielen noch im heutigen Judentum eine wichtige Rolle bei den Neujahrsfeierlichkeiten. 

Auch der Vers der letzten Woche beschrieb Schmuck von Aussenelementen des Allerheiligsten. Von Schnitzwerk war dort die Rede, von Cherubim, Palmen und Blumenwerk, alles golden…!

Das ist schön, nicht wahr? Es ist Mittsommer, die sechsundzwanzigste Woche des Jahres! Und wir sind ganz oben, top of the world.

Dabei sind die beiden Königsbücher von Grund auf pessimistisch. Ihr Einstieg ist der Höhepunkt der Geschichte der jüdischen Reiche, mit dem Großreich Davids, seiner Erweiterung durch Salomo und dem Tempelbau. Danach geht es bergab, mit Hebungen und Senkungen zwar, aber letztlich unaufhaltsam. Das Reich spaltet sich, das große Südreich Israel geht als erstes unter. Das kleine Juda schlüpft in die Rolle des großen Bruders, aber auch dieses Reich nimmt ein gewaltsames Ende, mit der Versklavung seiner Elite und der Zerstörung des Tempels. Damit schließt das Werk. Die beiden Bücher erklären ex post den Untergang, ohne selbst eine Perspektive auf die Zukunft zu entwickeln.

Die fallende Bewegung ist der Bibel als Ganzer durchaus eigentümlich: angefangen bei der Schöpfungsgeschichte bis hin zu den Prophetenbüchern und weiten Teilen des Neuen Testaments.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Nun stehen aber die Königsbücher in einem chronologischen und inhaltlichen Zusammenhang mit den beiden Samuelbüchern, die vom Aufstieg handeln, aus einer dunklen, durch lokale Fehden und  regionalen Kriegen geprägten Vorzeit bis hin zum Großkönigtum Davids, des Gesalbten Gottes. Nicht ohne Brüche, aber im Ganzen genauso gerichtet und folgerichtig wie die Königsbücher.  

Mittsommer: Mit den beiden schönen, ornamentalen Versen stehen wir auf dem Höhepunkt dieser ungeheuren Bewegung aus Aufstieg und Fall des Gottesvolks. Und zwar konkret am Allerheiligsten, der Wohnstatt Gottes auf dem Berg Moria, hoch über der selbst hochgebauten Stadt, achthundert Meter über dem Meeresspiegel. Von dieser Höhe aus können wir frei in beide Richtungen blicken. Tun Sie es einfach mal, vielleicht sehen Sie etwas anderes als ich. 

Diese Höhe, einmal erreicht, bleibt ja in der Geschichte aufgehoben. Der Gedanke und das Gedenken an den nicht mehr existenten Tempel, dem Ergebnis einer bleibenden Erwählung, ist im Judentum ein geistiger und religiöser Fixpunkt. Es hat die Wohnstatt Gottes gegeben! — dass sie zerstört wurde, macht sie nicht ungeschehen. 

Und wie ich dies schreibe, verstehe ich, dass Christen in sehr ähnlicher Weise mit Jesu Kommen und Gehen umgehen. Rudolf Bultmann spricht vom ‚Dass‘ des Gekommenseins. Dieses ‚Dass“ unterscheidet eine Welt, in der Jesus gelebt, gestorben und wieder auferstanden ist, grundsätzlich von einer Welt, in der dies nie geschehen ist — obwohl diese Welten einander ansonsten sehr ähnlich sehen mögen. 

Das ist in fast schon existenzialistischer Weise tröstlich. Sie sind beide nicht „da“, aber der Gedanke an sie: an das Allerheiligste, an Jesus, bleibt so in tiefer Not ein Trost.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Da ist ein Geheimnis des Glaubens. Ich wünsche uns eine gesegnete Woche — in der auch Granatäpfel ihren Platz haben…!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 06/2020

Da sprach Mose zu Aaron und seinen Söhnen Eleasar und Ithamar: Ihr sollt eure Häupter nicht entblößen noch eure Kleider zerreißen, dass ihr nicht sterbet und der Zorn über die ganze Gemeinde komme. Lasst eure Brüder, das ganze Haus Israel, weinen über diesen Brand, den der HErr getan hat.
Lev 10,6

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Schuld und Sühne

Die Opfergesetze sind gerade gegeben, die ersten Opfer in der Stiftshütte der Vorschrift gemäß ausgeführt und angenommen worden, da laufen Nadab und Abihus nach vorn, zwei Söhne Aarons, des ersten Hohenpriesters und Bruders von Mose. Die jungen Priester gehören zu den ganz wenigen, die sich Gottes Stätte nähern dürfen. Sie halten sich aber an die neuen Regeln nicht: Vermutlich betrunken (Lev 10,9) bringen sie ein Räucheropfer dar, zum falschen Zeitpunkt, zu zweit statt einzeln und mit Feuer vom heimischen Herd statt vom Altar. Da geschieht es: ein Feuer geht aus vom Herrn und „verzehrt sie“, gerade so wie im Abschnitt vorher das Opfer angenommen wurde.

Mose ist vollkommen hermetisch. Er sagt seinem Bruder Aaron, dass mit der besonderen Nähe zu Gott besondere Pflichten einhergehen, dass sich Gott heilig zeigen kann auch gegen seine Diener, wenn diese ihre Pflichten nicht erfüllen, so jedenfalls verstehe ich Vers 3. Und in Vers 6, dem gezogenen Vers, verlangt er von seinem Bruder, der schweigend dasteht und es nicht fassen kann, dass er und die verbliebenen Söhne Eleasar und Itamar auf die üblichen Trauerrituale gänzlich verzichten sollen, da sie im Dienste des Herrn stehen. Weil Trauer als Bekundung von Missfallen gedeutet werden könnte? An Aarons Stelle soll das Volk um Nadab und Abihus trauern.

Es fällt mir schwer, über diesen Abschnitt zu schreiben, und ich war versucht, ihn unkommentiert zu lassen. Ich weiß nicht, ob richtig ist, was ich schreibe.

Es geht hier konkret um das Verhalten derjenigen, die stellvertretend für das Volk Gottes sich ihrem Gott nahen durften, für die Handlung allergrößter Intimität, dem Opfer. Das Heilige, Gott zugehörige, musste streng vom Unheiligem geschieden bleiben. Im Judentum unterscheidet man zwischen Geboten, die Verhältnis zwischen Menschen und Gott regeln und solchen, die das Verhältnis der Menschen untereinander betreffe. In der Thora ist die erste Gattung die wichtigere. Eine beachtenswerte jüdische Interpretation des Neuen Testaments besagt, dass Jesus, ohne die Gebote zu ändern, die Reihenfolge ihrer Wertigkeit vertauscht habe.

Ein Gesetz wurde gegeben und mutwillig und für alle sichtbar gebrochen. Die Strafe erfolgt sofort und mit maximaler Härte. Was Gott hier tut, entspricht nicht den Bildern, die wir uns machen, um die Präsenz einer unendlichen Macht in unserer Nähe ertragen zu können. Es ist nicht väterlich — man muss es sich versuchsweise als Handlung eines realen Vaters vorstellen. Es ist auch nicht gütig, barmherzig, gnädig, geduldig (2. Mose 34,5). 

Vor einiger Zeit habe ich ein Video gesehen. Marshall B. Rosenberg, der Schöpfer des Konzepts der gewaltfreien Kommunikation, sprach darüber, wie gewalttätige Sprache entstanden ist. Vor viertausend Jahren, sagt er, entwickelten Menschen in Palästina die Vorstellung, dass Fehlverhalten „Schuld“ bedeute, die von Gott gesühnt werde. Damit, sagt er, ist es buchstäblich lebensgefährlich, an irgendetwas „schuld“ zu sein, und Menschen werden alles tun, Schuld von sich selbst abzuwälzen und beim anderen zu suchen. Ich habe seither oft beobachten können, wie real die Angst ist, mit der das geschieht. Vielleicht dachte Rosenberg auch an diese Bibelstelle? 

In der Bibel, zumal im Alten Testament, ist oft die Rede davon, dass Gott eine strafende Handlung bereut oder bereuen könnte. Im Zusammenhang mit einem allmächtigen und allwissenden Gott ist das eigentlich eine sonderbare Vorstellung, aber ich halte sie für wichtig. So etwas muss es geben, wenn Gebete helfen können, wenn das Gespräch mit Gott etwas bewirkt. Ich frage mich nun: Hat es Gott gereut, was damals geschah? 

Die Bibel gibt darauf keine direkte Antwort, aber vielleicht einen Hinweis. Am Ende des Abschnitts erstarrt die Szene vollkommen. Mose macht Aaron Vorhaltungen, er habe das Opferfleisch entgegen der Vorschrift nicht gegessen und hält einen Vortrag über die Kategorien, um die es dabei geht. Aaron antwortet, es habe ein Sündopfer und ein Brandopfer gegeben, und nun sei geschehen, was geschehen sei — wie habe er nun von den Opfern essen können? Nun schweigt auch Mose, der Text vermerkt dies ausdrücklich. Aarons Söhne sind ja zu Sündopfern geworden.

Die Szene endet in völliger Hilflosigkeit. Sie erinnert jedoch assoziativ an den Opfertod Jesu, das ganz große Bild in der Bibel, das wir immer noch nicht in Gänze verstehen. Ich bewege mich auf schwierigem Grund: können wir den Tod des Sohns so lesen, dass Gott selbst ein Opfer bringen wollte? 

Die Gnade des Herrn sei mit uns in dieser Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 49/2019

Dies ist die Last über Arabien: ihr werdet im Walde in Arabien herbergen, ihr Reisezüge der Dedaniter.
Jes 21,13

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Verlorene Wege

Unser Vers ist in der Übersetzung von 1912 nicht leicht zu verstehen, hier mit ein wenig Kontext die Übersetzung von 2017:

Dies ist die Last für Arabien: Ihr müsst im Gestrüpp, in der Steppe über Nacht bleiben, ihr Karawanen der Dedaniter. Bringt den Durstigen Wasser entgegen, die ihr wohnt im Lande Tema; bietet Brot den Flüchtigen. Denn sie flohen vor dem Schwert, ja, vor dem blanken Schwert, vor dem gespannten Bogen, vor der Gewalt des Kampfes.

Jesaja lebte im achten Jahrhundert vor Christus in Judäa und war Prophet und Zeuge des Untergangs des Nordreichs, des größeren, glanzvolleren und oft feindlichen israelitischen Geschwisterstaats, der den Assyrern anheimfiel. Seine Visionen erstrecken sich aber auch auf die Nachbarvölker, hier auf Arabien, dessen Einwohner sich die Hebräer verwandt wussten. 

Andere Völker sollten Land verlieren oder Städte — die Dedaniter waren Händler, sie hatten kein Land und keine Städte. Was hatten sie, was konnten sie verlieren? Sie hatten Wege, ein System von Rastplätzen mit Ruhestätten und Wasser, die zu benutzen sie das Recht hatten. Das war ihre Existenzgrundlage als Fernhändler (‚Karawanen‘). 

Der Herr ist hier mitnichten der Gott, der allen alles recht macht. Jesaja verkündigt eine harte Zeit. Die Dedaniter verlieren ihre Wege. Sie müssen ungeschützt übernachten, im Gestrüpp, haben keinen Zugang zu den Oasen. Diese sind durch Invasoren besetzt, die Dedaniter müssen fliehen.

Wie fühlt es sich an, seine Wege verloren zu haben? Was bleibt? Die Dedaniter sind marginalisiert, in Gefahr, mit ihren Tieren zu verdursten. Einen letzten Weg gibt es, eine letzte Hoffnung. Jesaja appelliert nicht an Gott. Der hat sein Urteil gesprochen. Er appelliert an die Solidarität der Nachbarn in Tema. Sie werden aufgerufen, das Unheil zu mildern, das von Gottes Ratschluss ausgeht. Nicht in Erfüllung eines Gebots — sie hängen dem Gott Israels gar nicht an — sie sollen es einfach tun. Ohne Grund.

Die Bibel spricht oft rauh und lapidar. Die Botschaft dieses sehr alten Texts ist erschütternd existentialistisch. Wir sind es gewohnt, Gott anzurufen, das Unheil zu mildern, das von unseren Mitmenschen ausgeht. Aber wer macht das Schicksal — Gott oder die Menschen? Und an wem ist es, zu mildern? Vielleicht tun wir sein Werk gerade dann?

Ich wünsche uns eine Woche, in der wir unsere Wege sicher gehen können. In der wir Kraft finden, dem zu helfen ohne Grund, der seine Wege verloren hat.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 41/2019

Denn ich habe den Verderber über dich bestellt, einen jeglichen mit seinen Waffen; die sollen deine auserwählten Zedern umhauen und ins Feuer werfen.
Jer 22,7

Hier ist ein Link zur Lutherbibel 2017, für den Kontext des Verses.

Propheten und andere Werkzeuge Gottes

Wieder Jeremia, wie vor zwei Wochen. Dieser Vers mag exemplarisch für seine dunkle Seite stehen. Im vorhergehenden Abschnitt 21 wird erzählt, wie König Zedekia den Hohepriester Paschhur, den Erzfeind Jeremias, zu ihm entsendet um ihn zu fragen, welche Bewandtnis es mit dem Angriff des neubabylonischen König Nebukadnezars habe. Jeremia weiss, dass dies der Anfang vom Ende Judas und all dessen ist, was er gekannt hat. Der Herr hat den Untergang der Stadt beschlossen und ist ihr Feind geworden. Er wagt es, dies dem Hohenpriester und dem König mit deutlichen Worten zu sagen. Er empfiehlt die Kapitulation: nur derjenige, der die Stadt verlässt, wird Nebukadnezars Angriff überleben. Das ist nichts anderes als ein Aufruf zu Desertion und Fahnenflucht — mit dieser Antwort ist Jeremias Leben in unmittelbarer Gefahr. Mit seinem Leben hat er in Abschnitt 20 bereits abgeschlossen und es verflucht.

Jeremia ist nicht leicht zu lesen, und der Abschnitt um den Vers gehört zu den härteren. Abschnitt 22 ist ein Rückblick auf andere prophetische Botschaften, an und über die Könige Judas vor Zedekia. Das Buch Jeremia ist nicht chronologisch geordnet. Der Text ist vielmehr nach inhaltlichen Gesichtspunkten strukturiert, manchmal beinahe assoziativ. Ständig gibt es Rückblicke nach hinten und Verweise nach vorn. Vielleicht hat das mit seinen Entstehungsbedingungen aus mehreren Quellen zu tun, es ist aber im Grunde nicht unpassend für den Bericht über das Leben eines Propheten, für den die Worte Vergangenheit und Zukunft nicht dieselbe Bedeutung haben wie für uns. Wir wissen nicht, an welchen König sich die Botschaft um den gezogenen Vers herum eigentlich richtet. Bei den anderen Prophezeiungen des Abschnitts sind die Bezüge benannt, hier nicht. Sie mag also allen Königen gelten. Stimmung und Aussage ist in der Tat typisch für Jeremias Grundbotschaft, die sich im Lauf der Zeit wenig ändert, nur immer präziser wird. 

Jeremia sagt, Gott habe für das Königshaus Verderber bestellt, mit verschiedenen und je eigenen Waffen. Im hebräischen Text und in allen modernen Übersetzungen steht „Verderber“ im Plural — der Singular in der alten Lutherübersetzung 1912 soll vielleicht eine Assoziation mit dem Satan wecken. Das ist schwer zu verteidigen. Im hebräischen Text steht für „bestellt“ wörtlich „heiligen“. Man würde dieses Wort zum Beispiel für die Berufung eines Propheten oder die Bestimmung eines heiligen Bezirks verwenden. Das Königshaus wird also von Gott eben nicht „zum Teufel geschickt“, seine Vernichtung ist vielmehr ein sakraler Akt, eine Art Opferhandlung. Dazu passt, dass Jeremia König Nebukadnezar, den Herrscher des heidnischen Babylon, den Zerstörer Judas, immer wieder als Werkzeug des Herrn bezeichnet.

Während die dem König Zedekia in Abschnitt 21 angekündigte Vernichtung bereits ausweglos ist, ist das Ende des Königshauses in dem nachgeschobenen Rückblick um den gezogenen Vers herum noch bedingt — darauf, nämlich, dass das Königshaus nicht doch noch umkehrt. Der Absatz um den Vers sagt auch, worum es geht, was geändert werden muß: die moralische Verworfenheit der Elite, ihre Gleichgültigkeit gegenüber grundlegenden Prinzipien von Recht und Gerechtigkeit.

Mit seiner Sprache und seinen Botschaften ist Jeremia für fast alle Menschen seiner Umgebung unerträglich. Dabei ist er als Sprachrohr Gottes ohne rechte Wahl und er ist sich in dieser Rolle oft genug selbst unerträglich. Mir fällt bei dem Vers und dem Abschnitt ein Video ein, dass ich kürzlich gesehen habe. Greta Thunberg, sechzehnjährige Schülerin aus Schweden mit Asperger-Syndrom, spricht vor der Vollversammlung der Uno. Mit einem Gesicht verzerrt von Schmerz und Hass sagt sie, schreit sie fast, die Politiker auf den Bänken vor ihr hätten ihr das Leben gestohlen — sie sollte in ihrem Alter mit ihren Freundinnen unterwegs sein statt sich um Politik zu kümmern. Und sie und alle anderen würden immer nur belogen, von Leuten, die das eine sagen und das andere täten. „How can you dare“ fragt sie mehrmals, „How can you dare?“

Da ist sehr viel von Jeremia. Die (hier ebenfalls noch bedingt) angekündigte Vernichtung, der Vorwurf der moralischen Verkommenheit, und auch das Leiden desjenigen, der dies alles aussprechen und die Folgen tragen muß. Ich will nicht darüber reden, ob Greta Thunberg der vor ihr sitzenden Angela Merkel in jeder Weise gerecht geworden ist, obwohl es reizvoll wäre. Thunberg hat in New York als Prophetin, als Künderin, gesprochen. So wird sie auch gesehen. Sie füllt eine Rolle aus, die viel zu groß für sie ist, und sie wird das bezahlen müssen. 

Aber Thunberg ist keine Prophetin, nicht wahr? Sie spricht nicht im Namen Gottes wie Jeremia und die anderen, sondern im Namen der Wissenschaft — ungewöhnlich eigentlich für ein sechzehnjähriges Mädchen. Die Wissenschaft ist das höhere Wesen, das wir noch kennen, den Namen Gottes haben wir vergessen. Das verwirrt mich. Es gibt keine Propheten mehr, und doch ist da jemand, die so sehr Künderin ist. 

Prophetin ohne Gott? Spricht Gott auch durch Menschen, die sich nicht auf ihn beziehen? Auf diese Frage gibt unser Vers ja nebenbei einen Hinweis… Ich wünsche uns, nicht nur für die kommende Woche, dass wir die Zeichen an der Wand lesen lernen, die Gott uns schreibt. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 39/2019

…kamen sie zu Gedalja gen Mizpa, nämlich Ismael, der Sohn Nethanjas, Johanan und Jonathan, die Söhne Kareahs, und Seraja, der Sohn Thanhumeths, und die Söhne Ephais von Netopha und Jesanja, der Sohn eines Maachathiters, samt ihren Männern.
Jer 40,8

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Trümmerblume

Viele Namen gibt es in diesem Vers… Die Geschichte Judas, die große Geschichte, die von Königen, Reichen, Armeen, Städten, Siegen und Niederlagen handelt, ist zu Ende. Jerusalem ist erobert und niedergebrannt, seine Mauern und Festungen geschleift, der König getötet, der Tempel beraubt und zerstört, ein Großteil der Einwohnerschaft hinweggeführt, soweit nicht vorher schon Hunger, Pest und Schwert das ihre getan hatten. All das, was Jeremia über lange Jahre hin immer deutlicher drohend über der Stadt hängen sieht und sagt, ist auf sie niedergefallen. 

Im Buch Jeremia gibt es zwei große, treibende Themen. Das eine ist die unabwendbar werdende Vernichtung, die sehr präzise geschildert wird, das andere die trotz allem weiterbestehende Heilszusage Gottes an sein Volk. Die beiden Motive schließen sich eigentlich aus, aber das Buch geht in einen akrobatisch anmutenden Spagat und hält sie gleichzeitig hoch. Das hat eine Menge mit unserem Leben zu tun, wenn man darüber nachdenkt.

Jeremia gelingt es nicht, die beiden Motive nachhaltig in eine Synthese zu führen. Die in aller Schärfe gestellte Frage wird eigentlich erst in den Evangelien beantwortet, in der Erzählung von Gottes Heil, das getötet wird und wieder aufersteht. Aber es gibt Andeutungen: Jeremia kauft einen Acker in seiner Heimatstadt Anatot, die ihn verstoßen hat und tut dies gefangen in einem Verlies in der Stadt Jerusalem, die ihrerseits ausweglos von Feinden umstellt ist. Er erhält von Gott die Zusage, dass die Zeit kommen wird, in der man wieder sät und erntet, in der geheiratet und vererbt wird. Und auch die Geschichte um unseren Vers spricht so. Die große Geschichte ist vorbei, aber die kleine Geschichte, die der Männer, Frauen und Kinder, kann weitergehen und sich vielleicht irgendwann wieder zu einer großen Erzählung zusammenfinden. 

Nebukadnezar hat Gedalja zum Statthalter ernannt. Gedalja kommt aus einer Familie von Ministerialen am judäischen Hof, die mit dem Königshaus nicht verwandt waren. Der Statthalter ist anfangs fast allein in Mizpa, das Land ist verwaist. Jeremia gesellt sich zu ihm, nachdem er seine Freiheit wieder erlangt hat. Aber auch andere kommen, einzelne Führer mit ihren Leuten. Der Satz, dessen zweiter Teil der gezogene Vers ist, lautet im Zusammenhang:

Als nun die Hauptleute, die samt ihren Leuten noch im Lande verstreut waren, erfuhren, dass der König von Babel Gedalja, den Sohn Ahikams, über das Land gesetzt hatte und über die Männer, Frauen und Kinder und über die Geringen im Lande, die nicht nach Babel weggeführt waren, kamen sie zu Gedalja nach Mizpa, nämlich Jischmael, der Sohn Netanjas, Johanan und Jonatan, die Söhne Kareachs, und Seraja, der Sohn Tanhumets, und die Söhne Efais von Netofa und Jaasanja, der Sohn eines Maachatiters, samt ihren Leuten

Gedalja beginnt mit dem Nächstliegenden. Es ist Erntezeit, und über allem Hauen, Stechen und Morden hat niemand mehr an das Korn auf dem Halm gedacht. Gedalja organisiert die Ernte. Das ist eine Saite, deren Schwingung Resonanz findet: nun kommen immer mehr Menschen zurück, die im ganz Juda und den angrenzenden Ländern verstreut sind, von überall her. Die Ernte fällt gut aus: sie „ernteten viel Wein und Sommerfrüchte“.

Gedalja sorgt ganz einfach dafür, dass das Leben weitergehen kann. Das ist machtvoll auf ganz eigene Art. Gedaljas Name bedeutet „Der Herr lässt wachsen“. Mir ist das Wort „Trümmerblume“ eingefallen. Von Blumen verstehe ich nichts, aber als ich sie im Internet fand, sah sie genau aus, wie ich sie mir vorstellte — die blaue Blume. Hier ist ein Link.

Leider endet die Geschichte traurig. Jischmael (Ismael im Vers), ein Davidianer aus der Königsdynastie, ist unter denjenigen, die zu Gedalja stoßen. Als so etwas wie eine nationale Wiedergeburt im Reich der Babylonier in der Luft zu liegen beginnt, tötet Jischmael mit zehn seiner Männer Gedalja und viele andere bei einem Mahl. Johanan, ein anderer der Hauptleute in unserem Vers, überwindet JiKernschmael im Kampf, aber die übrigen verlieren allen Mut. Sie fliehen nach Ägypten, wo sich später ihre Spur verliert. Jeremia zieht mit ihnen. Seinen Acker in Anatot sieht er vermutlich nie. Die Juden gedenken Gedaljas mit einem Fastentag zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur.

Gedalja bleibt Episode. Aber seine Geschichte zeigt, wie es hätte gehen können. Wie nach der Katastrophe ein Neuanfang möglich gewesen wäre. Das Potential wird nicht realisiert, die alten Träume von Ruhm und Ehre Davids sind zu mächtig. Aber in Umrissen ist eine andere, alternative biblische Geschichte zu erkennen. Bei Jesaja steht: 

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde. (Jes 43, 18-19)

Der Gedanke an das Vorige, das Vergangene und Verlorene, birgt Gift und hält uns ab, in die Welt hineinzuwachsen, die vor uns liegen kann, mit Gottes Hilfe, wenn wir es denn zulassen. 

Ich wünsche uns eine Woche, in der das Vorige uns nicht den Blick verstellt für das Neue.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 44/2018

Darum seufzt mein Herz über Moab wie Flöten, und über die Leute zu Kir-Heres seufzt mein Herz wie Flöten; denn das Gut, das sie gesammelt, ist zu Grunde gegangen.
Jer 48,36

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Strafe und Heil

Es gibt einen neuen Cluster in den Versen der Woche. In Woche 4/2018 hatten wir einen Vers aus einem „Spruch gegen Moab“ des Propheten Jesaja. In Woche 13/2018 gab es einen Vers von Jeremia, ganz in der Nähe des heute gezogenen, der vom Schicksal der Edomiter handelt. Heute geht es wieder um Moab, diesmal von Jeremiah. 

Die theologischen Literatur hat für solche Texte eine eigene Kategorie: „Fremdvölkersprüche“. Kontext der drei Verse ist die Vernichtung der staatlichen Strukturen in der ganzen Region durch die neubabylonische Okkupation unter Nebukadnezar, die für Juda in der Zerstörung des Tempels und der Wegführung der Elite in ein Exil gipfelte. Aber die Nachbarvölker waren auch betroffen. 

Moab war den Israeliten in Sprache und Kultur eng verwandt, aber ein „alter Feind“. Das Buch Genesis bringt beides recht morgenländisch zum Ausdruck. Demnach stammen die Moabiter ab von Lot, dem Bruder Abrahams. Dies aber in sehr schändlicher Weise: Nachdem Lot und seine beiden Töchter der Vernichtung Sodoms entronnen waren, machen die beiden Frauen in ihrem Wunsch nach Nachkommen ihren Vater betrunken und schlafen mit ihm. Das Ergebnis dieser Verbindung sind die Stammväter der Moabiter und der Ammoniter, einem anderen feindlichen Brudervolk. 

Wie umgehen mit großen Katastrophen?

Im AT, besonders im Buch der Könige und der Chronik, aber auch im Deuteronomium und den damit verbundenen Schriften, werden die Katastrophen in der Geschichte des jüdischen Volks in erster Linie als gerechte Strafe eines eigentlich zugewandten Gotts interpretiert. Die denkbaren Alternativen, dass der Gott Israels den Göttern der Sieger unterlegen sei oder der Bund nicht mehr gelte, werden verworfen. Die Interpretation ist sehr attraktiv: sie erklärt das jeweils Geschehene, vereinbart es mit dem Glauben an den Bund mit einem allmächtigen Gott, und ist nach vorne gewandt: Kehrt das Volk um, so kehrt auch die Gnade zurück. Sie ist Kern der Haltung, mit der die Juden die Zerstörung der staatlichen Strukturen, erst von Israel, dann von Juda, geistig überlebten, im Exil ihre Identität bewahrten und später Staat und Religion neu errichten konnten. Die Sichtweise steckt tief in der DNA der Bibel, auch des Neuen Testaments. 

Diese Sicht hat heute an Bedeutung verloren, auch bei den Juden. Große Katastrophen werden nicht mehr als kollektive Strafen gesehen. Man müsste die jüngere Geschichte sonst so sehen, wie einige ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaften es tun: sie interpretieren den Holocaust mit der Brille des Deuteronomiums als gerechte Strafe für moralische Verfehlungen des jüdischen Volks, insbesondere für Assimilationstendenzen. Die Deutschen als Volk sind in dieser Sicht nicht einmal besonders böse, im Grunde unwichtig, die nationalsozialistische Gewaltherrschaft war schlicht ein Werkzeug Gottes. Wer aber möchte erwählt sein von einem solchen Gott?

Wenn Katastrophen keine gerechten Strafen sind, der Herr sie aber dennoch geschehen lässt, dann bleibt die Hoffnung auf ein göttliches Heil, das diese Katastrophen auffängt und auflöst, „die Tränen abwischt“. Das ist intellektuell nicht so einfach wie der Verweis auf die strafende Gerechtigkeit. Man muss bereit sein, über Wasser zu gehen und sich auf Dinge zu verlassen, die man nicht sieht. Jesus hat dieses Heil als „Reich Gottes“ bezeichnet, es ist vor uns, neben uns, um uns, in uns. Auch die Hoffnung auf Heil zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel, deutlich erkennbar schon in den Vätergeschichten. 

Die Spannung zwischen diesen beiden Sichtweisen lastet auf dem Vers und kommt in ihm zum Vorschein, wie unter einer dünnen Naht. Jeremia hält der Tradition die Treue. Das Schicksal Moabs ist selbst verschuldet und Ausfluss einer gerechten Strafe. Der Ratschluss des Herrn wird umfangreich zitiert und nicht in Frage gestellt, man liest gar: „Verflucht sei, wer des Herrn Werk lässig tut; verflucht sei, wer sein Schwert aufhält, dass es nicht Blut vergießt!“. Daneben aber steht die Trauer des Propheten. Immer und immer wieder bringt er Entsetzen und Trauer über die Geschehnisse zum Ausdruck. So oft, dass man versteht, dass es zum Kern der Kommunikation gehört. Das feindliche Brudervolk ereilt die gerechte Strafe. In älteren Teilen der Bibel wäre dies neutral oder mit Genugtuung berichtet worden. Hier nicht. 

Der Ratschluss des Herrn — und die Trauer des Propheten. Jeremia geht in den Spagat und muss darin bleiben. Er kann die beiden Pole nicht verbinden, in diesem Text jedenfalls nicht. Hilflose Worte für hilflose Trauer, das ergibt bei ihm ein sehr ungewöhnliches und inniges Bild: 

Darum seufzt mein Herz wie Flöten… 

Ganz am Ende, nach dem blutigen Höhepunkt der Untergangsvision, richtet Jeremia etwas verloren doch noch den Blick auf das Heil, in einem einzigen Satz: „Aber in der letzten Zeit will ich das Geschick Moabs wenden, spricht der HErr. Soweit das Gericht über Moab“.

Im Psalm heißt es: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden“. Ich wünsche uns eine Woche, in der wir von Katastrophen verschont bleiben.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 40/2018

Und der HErr sprach zu Mose: Wie lange lästert mich dies Volk? und wie lange wollen sie nicht an mich glauben durch allerlei Zeichen, die ich unter ihnen getan habe?
Num 14,11

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017.

Eine abgesagte Verabredung

Das ist ein wenig sonderbar: schon zum dritten Mal in den letzten vier Wochen haben wir einen Vers, der im Umfeld des Streits über den Einzug ins Gelobte Land steht. Num 17 in Woche 37 zeigt die Desorientierung und Verzweiflung, als alle Träume zerstoben waren. Deu 34 in der vergangenen Woche 39 stellt uns Mose vor, der das Land zwar nicht betreten, am Ende aber sehen darf. Und in dieser Woche nun die unmittelbare Reaktion Gottes auf die Weigerung des Volks Israel, aus der Wüste herauszutreten und in das versprochene Land einzuziehen. 

Num 14, 11 in dieser Woche und Num 17, 27 in Woche 37 — Gottes Zorn und der Aufschrei der Menschen. Diese beiden Verse sind einander Spiegelbilder: sie bringen die Fassungslosigkeit mit Hinblick auf das Verhalten des jeweils anderen zum Ausdruck.

Nach zwei Jahren Wanderung war das Volk an einem Punkt, von dem aus die Einnahme des Gelobten Landes möglich wäre. Späher werden ausgesandt und zeichnen ein schreckerregendes Bild der militärischen Stärke seiner Bewohner. Was da bevorstand, war keine friedliche Besiedlung, sondern ein brutaler, von beiden Seiten bis zum äußersten geführter Kampf ums Überleben — das Buch Josua, in dem die viel später doch erfolgende Landnahme beschrieben wird, ist wahrhaftig keine Lektüre für Kinder. Mutlosigkeit macht sich breit, keiner will den entscheidenden Schritt tun.

Das Versprechen Gottes soll eingelöst werden und die Kinder Israels schlagen es aus. Gott wird zornig: dies ist der gezogene Vers. Er will sein Volk vernichten und Moses Nachkommen einem neuen Volk Gottes machen. Wie schon einmal auf dem Sinai. Wieder versucht Mose, dies zu verhindern und erinnert Gott an seine Selbstbeschreibung und die darin enthaltene Gnadenzusage (Vers 17-19). Und wieder nimmt Gott Mose Fürbitte an. Er bestimmt, dass die nächste Generation das Land betreten kann, von den jetzt lebenden aber niemand, mit Ausnahme der beiden Späher Josua und Kaleb, die sich dafür einsetzten, Gott zu vertrauen.

Ist das gnädig? Gottes Verfügung ist ein einfaches „Wer nicht will, der hat schon“. Die Israeliten wollen nicht aus der Wüste heraustreten? Dann sollen sie darin bleiben. Ich werde sie weiter ernähren mit Manna und ihnen vorangehen. Aber das Land werden sie nicht einnehmen, wenn sie nicht bereit sind, den Einsatz zu zahlen. Erst ihre Kinder — wenn diese es denn wollen.

Das ist gnädig, was die generationenübergreifende Identität des Volks betrifft, und konsequent zugleich. Die ungeborenen Kinder auszuschließen wäre nicht richtig gewesen, sie hatten keine Möglichkeit zu antworten. Aber für die lebende Generation gab es eine konkrete Verabredung und sie wurde abgesagt. Manche Gelegenheiten kehren nicht wieder. 

Ich denke, darin ist eine Botschaft auch für einzelne Menschen. Unser Leben ist begrenzt. Manche Fragen, Gelegenheiten, Wegscheiden tauchen immer wieder auf, aber für uns Individuen eben nur abzählbar oft — irgendwann ist Schluss, der Tod zieht einen dicken Strich unter die To-do Liste der nicht eingelösten Verabredungen. Das gehört zu den grundlegenden Spielregeln. Hier hört alle Gnade auf, in dieser Welt jedenfalls. Aber unsere Kinder können später wieder an denselben Wegscheiden stehen. 

Nachdem ich diesen Vers gezogen hatte, fragte ich mich, ob es für mich selbst Verabredungen gibt, die ich schleifen lasse, aus Angst oder Bequemlichkeit. Auf eine bin ich tatsächlich gestoßen. Mal sehen, was sich daraus machen lässt. Der Vers der vorletzten Woche, KW 38, handelt ja von einem Versprechen, das erst mit viel langem Atem in neue Realität verwandelt werden kann…

Eine Woche mit Mut für wichtige Verabredungen wünscht uns allen
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 37/2018

Und die Kinder Israel sprachen zu Mose: Siehe, wir verderben und kommen um; wir werden alle vertilgt und kommen um.
Num 17,27

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017. 

Furcht vor Gott

Für diesen Bibelvers gibt es einen engeren Kontext und einen weiteren. Im engeren geht es um den Konflikt zweier rivalisierender Eliten, die das Priestertum und die Führungsrolle unter den Leviten beanspruchen: die Kohaniter und die Korachiter. Die Kohaniter führen sich auf Aaron zurück, den Bruder Mose, und im Jerusalemer Tempeldienst stellen sie die Priesterkaste — andere Leviten durften nur niedere Dienste verrichten. Die Korachiter — „die Rotte Korach“ — tauchen auch später noch als Lyriker und Musiker auf, im Buch der Psalmen werden sie immer wieder genannt. Der Abschnitt erzählt, wie Gott in den Konflikt zwischen den beiden Gruppen in brutaler Weise eingreift und ihn für die Kohaniter entscheidet. 

Von dem Streit wird an einer Stelle berichtet, in der es zu einer Krise im Zusammenleben des in der Wüste wandernden Volks mit ihrem Gott gekommen war. Das ist der weitere Kontext. Die „Langfassung“ des Aufschreis des Volks könnte wie folgt lauten:

„Mose, was sollen wir tun? Die Kundschafter sind aus dem Geloben Land zurückgekommen und hatten schreckliche Neuigkeiten: Das Land starrt vor Waffen und seine Einwohner sind unbesiegbar. Wir können nicht sehenden Auges ins Verderben rennen. Und unser Gott, der uns herausgeführt hat aus Ägypten, sagt uns, dass wir alle, jeder einzelne von uns, verrotten sollen in der Wüste, dass keiner das Land sehen wird, erst unsere Nachkommen sollen dorthin gelangen. Wir wurden furchtbar geschlagen, als wir dennoch den Angriff wagten. Und dann tat sich die Erde auf und verschlang die Korachiter, 150 Mann, unsere Vorbeter, Sänger, und Musiker, sie sind in eine glühende Felsspalte gefallen. Und als wir dann schrieen in Zorn und Angst, brachte Gott die schreckliche Pest über uns, die in Windeseile über vierzehntausend von uns hinwegraffte! Wir sind hier in der Steinwüste,  haben alles verloren, wissen nicht wohin, wir sind verurteilt, hier zu sterben. Mose, Gott tötet uns!!“

Da fällt einem vieles ein. Krieg, Vertreibung, Erdbeben, Krankheit, Tod. Die Zerstörung Lissabons im Jahr 1755 hat unauslöschliche Spuren in der europäischen Geistesgeschichte hinterlassen: es fiel vielen schwer, danach noch an einen gütigen Gott zu glauben. 

Und wie kann man denn angstfrei sein vor Gott? Diese Welt ist sein Werk. Sie ist das Interface, über das er mit uns spricht. Man muss man ihm also all dasjenige zutrauen, was diese Welt an Martern zu bieten hat, und das ist eine ganze Menge. Das Alte Testament ist nicht sparsam darin, Gewaltakte des Höchsten zu beschrieben: die Sintflut, die Zerstörung Sodoms, die schreckliche Bestrafung der Ägypter, der Babylonier, immer wieder auch des eigenen auserwählten Volks, der furchtbare Genozid an den Völkern in Kanaan. Und die in den Prophetien des Alten wie des Neuen Testaments manifestierten Erwartungen übersteigern diese Bilder noch!

Mich überfordert dieser Vers. Luther hat der Frage, wie man einen gnädigen Gott bekommt, sein Leben gewidmet. Ich bin kein Theologe, und hier braucht es mehr als Theologie. Aber ich habe diesen Vers gezogen, also will ich mich stellen!

Die Frage, die der Vers stellt, ist so groß, dass es mehrere Antworten gibt, und vielleicht ist keine davon stets und immer gültig. Die erste Antwort folgt in den darauf folgenden Abschnitten. Der Herr gibt dem Volk über Moses seine Regeln (hier: die des Tempeldiensts), und wer sich daran hält, hat nichts befürchten. Das ist eine (!) klassische Antwort des Judentums. Eine zweite Antwort gibt Psalm 91: „Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite / und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.“ Das Grauen wütet in der Welt, aber es trifft nicht die, die unter Gottes besonderem Schutz, die mit ihm im Bund stehen. Eine dritte Antwort gibt Num 14, wo die Israeliten verurteilt werden, Zeit ihres Lebens in der Wüste zu bleiben. Gott hat sich geäußert, wir kennen ihn, er ist keine blinde Naturgewalt. Im Gespräch mit Gott erinnert Mose ihn daran, wie er selbst sich vorgestellt hat: »Der HERR ist geduldig und von großer Barmherzigkeit und vergibt Missetat und Übertretung« Die Christen können auf Jesus vertrauen, der uns in Gott den gütigen Vater zeigt. Eine vierte Antwort steckt im gezogenen Vers selbst: Ja, so ist es. Das Leben ist Verzweiflung, die Entfernung zu Gott ist nicht zu überbrücken, das Ende ist Dunkelheit und es gibt kein Entrinnen. So sagt es Psalm 88, ein Psalm der Korachiter übrigens, und als Möglichkeit scheint diese Antwort in vielen anderen Stellen der Bibel auf. Diese Antwort ist ernst zu nehmen und wert bedacht zu werden, sie bleibt stets bestehen, und sei es als Referenz.

Eine fünfte Antwort steckt in den Lobpreispsalmen und in Hiob: Die Welt ist, wie sie ist, aber Gott ist so unermesslich groß, dass sie bedeutungslos wird. Liebhaber der Mathematik können an eine Folge denken, die den Nenner gegen unendlich gehen lässt und jeden noch so großen Zähler ins Nichts wirft. In Gottes Größe ist die Welt aufgehoben. Wir verstehen nicht warum, aber in Gott ist die Welt gut. Diese Antwort kenne ich von Juden, es ist aber, so glaube ich, auch die Antwort, die Jesus uns gibt, wenn er im Leiden der Welt auf das Reich Gottes verweist. Das Reich Gottes ist nirgendwo und nirgendwann, es ist in Gott selbst, in dem das Leid der Welt aufgehoben und bedeutungslos ist. Das Reich Gottes anzunehmen, wirft Licht bereits in diese Welt. Eine Christin sagte mir einst, sie denke an Gott, wenn die Sorgen zu groß werden. Das hilft wirklich, und das fast augenblicklich, es hilft immer, wenn ich daran denke, es zu tun!

Ich denke über den Vers und mögliche Antworten nach, während ich schwimme. Es ist ein strahlender Frühherbsttag im Freibad. Ich bin ein guter Schwimmer, eine um die andere Bahn lege ich zurück und denke dabei an Luther, den Tod, der uns alle erwartet, an die Gesetzlichkeit, die Gnade. Mein Kopf ist unter Wasser, ich schaue nach unten, wo auf dem Metall des Beckenbodens die Reflexe der Wellen tanzen und sehe die Blasen aufsteigen, die ich mit meinen Kraulzügen nach unten drücke. Mit jedem vierten Zug drehe ich den ganzen Körper nach rechts, wende mein Gesicht in den blendendblauen Himmel und atme tief. Das Wasser trägt mich und meinen beschädigten Rücken, der Rhythmus, die Kraft und das Licht schaffen eine eigene Welt, der Moment ist unbeschreiblich schön.

Da erkenne ich, dass Angst falsch ist. Obwohl es Gründe genug dafür gibt. Wasser kann tödlich sein — vielleicht nicht im Hausener Freibad, aber an vielen anderen Orten, wo ich schon geschwommen bin. Aber sich zu ängstigen, ist dem Leben nicht dienlich. Beim Schwimmen würde ich sofort den Rhythmus verlieren, und wenn die Angst zu Panik wird, kann ich sogar ertrinken.

Angst ist falsch. Obwohl das Urteil steht. Das Leben reibt unsere Leiber auf, unausweichlich, und auf dieser Welt bleibt uns nichts. Das steht so fest, dass es befreiend wirken mag: wenn es keine Alternative gibt, hat die Angst ihren Hebel, ihren Anspruch verloren! Jetzt, in diesem Moment, trägt mich das Wasser, trägt mich der Herr. Nur das zählt. Vielleicht ist es dies, was Jesus uns mit dem Gleichnis von den Lilien auf dem Feld sagen will.

Was könnte ein Israelit sich damals gedacht haben, wenn er nachts aus dem Zelt blickte, in das Sternenmeer im schwarzen Himmel über der Wüste? Was denken Sie?

Ich wünsche uns eine Woche in Gottes Gnade, 
Ulf von Kalckreuth