Bibelvers der Woche 02/2023

…dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gern geben, behilflich seien,…
1 Ti 6,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

It’s a kind of magic

Die Bibel ist voller Warnungen vor dem Reichtum. Am bekanntesten ist das Diktum Jesu, leichter komme ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel (Mk 10,23-27). Es gibt hier zwar große Diskussionen über die Semantik, aber der Satz lässt Reichen wenig Raum für Hoffnung — auch wenn Jesus explizit hinzufügt, dass bei Gott nichts unmöglich sei. 

Wer ist reich? Wer ist hier gemeint? Im Vergleich zu Jesus und seiner Umgebung sind die Leser dieses Blogs wohl alle reich — superreich sogar. Gebildet, mit hoher Lebenserwartung versehen und einem staunenerregenden ökologischen Fußabdruck, der unseren Ressourcenverzehr kennzeichnet. Ich will den Abstand hinsichtlich der Lebensvollzüge nicht ausbuchstabieren, es ist nicht schwer. Reich im Vergleich zur Mitte der jeweiligen Gesellschaft, zum Beispiel der Bundesrepublik in den ersten Jahrzehnten des einundzwanzigsten Jahrhunderts, sind natürlich immer nur wenige. Was ist gemeint — hoher Lebensstandard und die Abwesenheit grundlegender materieller Probleme oder eine herausgehobene Stellung in der Gesellschaft? Was ist das Problem, und was lässt sich tun? Ich bin Ökonom, ich habe mir die Frage erst einmal selbst vorgelegt. Vielleicht tun Sie das gleiche?

Was macht Verfügung über materielle Ressourcen aus einem Menschen? Geld und Güter sind Mittel zum Zweck, sollen Ermöglicher sein, Motor. Aber das Maß, in dem Geld und Einkünfte vorhanden, sind oder auch nur möglich, erreichbar, vielleicht gefährdet oder endgültig verloren, kann sehr intensiv auf einen Menschen zurückwirken. Geld, die Sorge darum und das Begehren danach, kann einem Menschen den Verstand rauben. Es kann ihn isolieren, in eine Scheinwelt versetzen, kann ihn kalt machen den Bedürfnissen anderer gegenüber, und auch blind hinsichtlich der eigenen Bedürfnissen. Mit Geld können wir an Gestaltungsmacht gewinnen und Sklave werden zugleich. 

Geld verschafft Sicherheit. Es gibt kaum eine Hilfeleistung, die sich nicht kaufen ließe, kaum ein Problem, bei dem Geld nicht einen wichtigen Lösungsbeitrag liefern könnte, oder — wenn nichts mehr geht — wenigstens Linderung. Geld lässt sich in alles andere verwandeln, es hat etwas magisches. Aber die Sorge, diese magische Sicherheit für das Leben wieder verlieren zu können, schafft Angst, Todesangst sogar. Gegen diese Angst hilft nur mehr Geld. Geld verschafft Status, Partizipationsmöglichkeiten, lässt uns dazugehören. Ohne Geld sind wir draussen, stehen wir allein. Was will der Ehepartner dann noch wissen von uns, die Familie, die Freunde, die Kollegen? Auch dies wieder Grund genug für Angst, eingeschränkte Wahrnehmung, ein Röhrengesichtsfeld. 

Armut ist nicht schön, beraubt uns vieler Entwicklungsmöglichkeiten, macht krank. Nur für wenige Menschen ist Armut erstrebenswert. Die Bibel spiegelt dies oft und oft. Aber Geld kann korrumpieren. Der springende Punkt ist, dass es kein bestimmtes Einkommens- oder Vermögensniveau gibt, oberhalb dessen wir in Gefahr sind, unterhalb dessen aber frei — persönlichkeitszersetzende Wirkungen können auch von geringeren Einkünften ausgehen, oder von der Aussicht darauf. Ein extremer Fall wäre ein Räuber, der einen Menschen wegen zweier Fünfzigeuroscheine tot schlägt. In Abwandlung einer bekannten Werbung könnte man sagen: Geld — es kommt darauf an, was es aus uns macht.

Das ist ein riesiges Thema. Filme und Romane kreisen darum, von der romantischen Liebe abgesehen gibt es kaum ein Thema, das die Phantasie so anregt wie Geld und Geldgier. Wie wirkt Entzug? Wie ich dies schreibe, stecke ich in einem ungeplanten Selbstversuch. Ich verbringe einige Tage in einer Jugendherberge „alten Stils“ im Allgäu. Mit meiner Frau, einer Tochter und ihrer Freundin wohne ich in einem kleinen Zimmer mit drei Etagenbetten, einem Tisch und zwei Stühlen. Keine Leselampe, nur ein einziger Netzstecker. Das gibt Stoff für Diskussionen zwischen den Besitzern von vier Handys und drei Tablets. Einfaches Frühstück, Lunchpaket, minimalistisches Abendessen. Kein Fernseher, Musik oder andere Ablenkung, noch nicht einmal ein Aufenthaltsraum. Um zehn erlischt das Licht im Haus. Anfangs fehlt allen etwas, Unzufriedenheit wallt auf, Nörgeleien, Streitereien. Dann wird die Beschränkung allmählich zur Erholung, auch für die Kiddies. Gerade haben sie sich zu einem Spaziergang von uns verabschiedet, das habe ich noch nie erlebt…

In God we trust?

Der rechte Umgang mit Reichtum könnte eine Herausforderung für Timotheus bedeutet haben. Paulus jedenfalls redet in dem persönlich gehaltenen Mahnschreiben an seinen früheren Mitarbeiter mehrmals über Geld und seine Fallstricke, siehe 1 Ti 6, 8-10 sowie 17-19. Die erste der beiden Stellen spricht davon, was Geld mit Menschen macht: 

Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns daran genügen lassen. Denn die reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Verstrickung und in viele törichte und schädliche Begierden, welche die Menschen versinken lassen in Verderben und Verdammnis. Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Übels; danach hat einige gelüstet und sie sind vom Glauben abgeirrt und machen sich selbst viel Schmerzen.

Die Wurzel allen Übels…! Ja, Angst und Begehren bringen uns in Abhängigkeiten — „Verstrickungen“, wie Paulus es nennt — und erzwingen vieles, das wir eigentlich, a priori, ablehnen würden. Die andere Stelle, das direkte Umfeld unseres Verses, gibt Rat, wie ein Mensch mit seinem Reichtum umgehen kann, wie man die Fallstricke vermeidet; und ich behaupte, es geht dabei um jedes Einkommens und Vermögensniveau, nicht nur um das der oberen Zehntausend:

Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen; dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, behilflich seien, sich selbst einen Schatz sammeln als guten Grund für die Zukunft, damit sie das wahre Leben ergreifen.

Nicht stolz sein. Nicht auf die Sicherheit des Reichtums setzen, statt dessen auf Gott, der uns gibt, was wir brauchen. Psalm 23, der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln… Der Angst entgehen, dabei frei sein, gerne geben, behilflich sein. Das wahre Leben, von dem Paulus spricht, liegt bereits im Diesseits!

Der Herr helfe uns, Freiheit und Integrität zu bewahren. Dann geht auch ein Kamel durch ein Nadelöhr!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 49/2022

Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! ins Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.
Mat 7,21

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

An den Früchten erkennen

Worauf kommt es an? 

Es gibt im protestantischen Christentum eine alte und starke Strömung, die sich gegen die sogenannte „Werkgerechtigkeit“ wendet. Damit ist der Versuch gemeint, sich des Heils durch sichtbare, gottgefällige Taten zu versichern. Es komme nämlich im Grunde nur auf den Glauben an, er verbinde den Menschen mit Gott, verwandele ihn  und führe ihn zum Heil. Taten seien dann Ausfluss einer gelungenen Gottesbeziehung, Symptom sozusagen, aber ohne eigene Bedeutung. Nur der Glaube, nur die Gnade, nur die Schrift, sagt Luther…! 

Wie ist das gemeint? Jesus jedenfalls sagt in diesem Textabschnitt, dass es nicht getan ist mit Bekenntnissen, inneren Einstellungen und religiösen Gefühlen, selbst solchen intensivster Art, die zu Wundern befähigen. Wenn sie nicht mit sichtbaren Früchten einhergehen, sind sie am Ende irrelevant. Dies ist das Bild, das Jesus hier gebraucht: einen Baum erkennt man an seinen Früchten. 

Welcher Art Früchte es sind, sagt Jesus nicht. Ich kann mir vorstellen, dass es dabei durchaus auch um die innere Welt geht, um das Maß, in dem jemand mit sich, mit Gott und den Mitmenschen in Frieden lebt. Aber auch darum, ob jemand die eigenen Gaben auszuschöpfen vermag, zur Ehre Gottes und dem Wohl seiner Mitmenschen. Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten ist ein anderes wichtiges Bild von Jesus. 

Im Vers spricht Jesus sehr kondensiert und konzentriert davon, dass es im Ergebnis darauf ankommt, den Willen Gottes zu tun. Vielleicht nicht als ersten Schritt zum Heil, aber wohl als wichtigsten Begleiter auf dem Weg dorthin.

Aber was will Gott von mir? Ich weiss es nicht. Wow! Wie wäre mein Leben, wenn ich es wüsste? Um das herauszufinden, sind sie in der Tat unabdingbar: Glaube, Gnade und die Schrift…!  

Ich wünsche uns allen Gottes besonderen Segen in der zweiten Adventswoche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 40/2022

So gehorchet mir nun, meine Kinder. Wohl denen, die meine Wege halten!
Spr 8,32

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Weisheit suchen und finden!

Schauen Sie sich erst einmal den wundervollen Abschnitt an, dem unser Vers entstammt. Hier spricht die Weisheit selbst: 

Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! Hört die Mahnung und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.
(Sprüche 8, 22-36, Lutherbibel 1984)

Das Buch der Sprüche ist ein Lehrbuch der Weisheit — im wortwörtlichen Sinne. In seinem Kern ist es eine Sammlung von Merksätzen zum Auwendiglernen, die den Lehrstoff begreif- und erinnerbar machen sollen. Ich freue mich jedesmal, wenn ich auf einen Vers aus dem Buch der Sprüche ziehe. Was dabei zum Vorschein kommt, ist neu und vertraut zugleich. Und es ist 2300 Jahre alt, gut abgehangen, nicht immer garantiert tagesaktuell. Aber wenn ich das brauche, kann ich den Deutschlandfunk einschalten.

Die morgenländische Weisheit ist mit der griechischen Philosophie verwandt. Es geht um Regeln für gelungenes Leben. Diese Regeln stehen in Zusammenhang mit Gott. Sie sind aber nicht Theologie, sondern Kunst der Lebenspraxis. Man findet im Buch der Sprüche kaum Verweise auf die Torah oder die Schriften. 

Die Regeln der Weisheit tragen sich selbst — wer sie befolgt, hat Erfolg, wer sie mißachtet, trägt den Schaden selbst. Wohl denen, die meine Wege halten! Jeder Lebensratgeber behauptet das von sich. Entscheidend aber ist, dass das Buch der Sprüche (auch) von Ethik handelt. Das „Wie soll ich leben“ bemißt sich nicht nur am individuellen Wohlergehen, sondern gleichermaßen am Wohlergehen der Gemeinschaft. Wir sehen hier üblicherweise einen Konflikt. Die Bonbons, die ein Kind sich vom Tisch nimmt, stehen für die anderen nicht mehr zur Verfügung. Die Weisheitsliteratur besteht darauf, dass es, wenn wir richtig leben, zwischen diesen Forderungen keinen Widerspruch gibt. Wer das für die Gemeinschaft richtige tut, bringt und hält sein eigenes Leben in Ordnung. Und umgekehrt: Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Wie soll man das verstehen? Als Ökonom fühle ich mich an Adam Smith erinnert. Er war Moralphilosoph und wurde zum Gründungsvater der Nationalökonomie. Er steht für die durchaus erstaunliche Botschaft, dass man längerfristig keinen Wohlstand erzielen kann, ohne dabei das Richtige für die Gemeinschaft zu tun. Wer reich werden oder auch nur am Markt bestehen will, reagiert auf Preissignale und kann gar nicht anders, er muß bestehende Knappheiten lindern. Er wird zum Beispiel Arzt — nicht um der Menscheit zu helfen, sondern weil Ärzte knapp und Behandlungen teuer sind. Der Porsche, den die Medizinstudentin während ihrer Vorlesungen vor Augen hat, lenkt sie und ihre Möglichkeiten sehr gezielt auf den rechten Weg. Auf ihren Altruismus müssen wir uns nicht verlassen… Andererseits: wen Preissignale nicht interessieren, muss dies teuer bezahlen — und zwar selbst.

Jeder weiss, dass es viele Situationen gibt, in denen der Markt nicht das Wohl aller garantiert. Aber das Preissystem als grundlegende soziale Institution ist erstaunlich robust, und es wäre schön, lebensnotwendig gar, wenn mehr Felder sich so entwickeln ließen, dass es keinen Widerspruch gibt zwischen unserem Eigeninteresse und dem Wohl aller. Solche Wege sind dauerhaft und belastbar. Das Buch der Weisheit steht für die Überzeugung, dass es sie gibt. 

Und so verstehe ich den Vers dieser Woche: Lasst uns diese Wege suchen und sie gehen! Es ist das Beste, das wir für uns selbst tun können. Ich selbst denke an die Klimakrise, es ist das, was mich zunehmend beruflich beschäftigt. Widersprüche zwischen Eigeninteresse und dem Interesse der Menschheit sind hier der Kern des Problems. 

Jesus sagt uns, dass dieser Widerspruch Illusion ist, dass wir ihn überwinden müssen, dass wir bei Gott sind, wenn wir den Nächsten lieben wie uns selbst. 

Der Herr gebe uns Weisheit, in der kommenden Woche und in unserem Leben.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 22/2022

Nicht, meine Kinder, das ist nicht ein gutes Gerücht, das ich höre. Ihr macht des HErrn Volk übertreten.
1.Sa 2,24

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Verantwortung übernehmen

Der Vers berichtet von der Vorgeschichte des Aufstiges von Samuel zum Richter Israels. Samuel war als kleines Kind schon dazu ausersehen, dem Herrn im Tempel zu dienen. Seine Mutter hatte ein Gelübde getan, ihren Sohn in den Tempeldienst zu stellen, wenn sie ein Kind bekommen könnte. Hoherpriester und Richter in Israel war Eli. Zu seinen Nachfolgern hatte er seine beiden Söhne auserkoren. Diese aber verhielten sich unwürdig: die jungen Männer mißbrauchten ihre Privilegien. Der gezogene Vers gibt die Worte wieder, mit denen Eli ihnen Vorhaltungen macht.

Es bleibt vergeblich. Der Herr flucht den Söhnen und dem ganzen Hause Elis, und Samuel wird Elis Nachfolger. Und eigentümlich: die Geschichte spiegelt sich inSamuels späteren Leben. Als er ein alter Mann ist, geschieht ihm dasselbe wie Eli. Seine beiden Söhne, an die er die Last der Verantwortung abgeben will, benehmen sich selbstherrlich und beugen das Recht; siehe 1.Sa, Kapitel 8 und den BdW 37/2021. Anders als Eli aber erfüllt Samuel seine Aufgabe. Er hört den Warnruf, schiebt seine Söhne beiseite und beginnt, einen König für Israel zu suchen.

Der Unterschied zwischen Samuel und Eli wird im gezogenen Vers sichtbar, wenn man gut hinsieht. Eli sieht durchaus, was vor sich geht. Die Verfehlungen seiner Söhne werden ihm zugetragen, und er erfasst ihre Bedeutung. Aber er lässt geschehen, was er sieht. Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu verstehen, denn seine Worte klingen frappierend modern. Elis Beziehung zu seinen marodierenden Söhnen hat aber nicht viel zu tun mit der Stellung heutiger Eltern. Die Stellung des morgenländischen Vaters war absolut — Eli hatte alle Möglichkeiten, Recht und Gesetz gegen den Widerstand seiner Söhne durchzusetzen. Theoretisch hätte ihm sogar die Todesstrafe zu Gebot gestanden, siehe Deut 21,18-21. Er belässt es jedoch bei milden Warnungen in wertschätzender Sprache.

Ein Engel des Herrn sagt Eli das nahende Ende an. Eli bleibt passiv — er sieht zu und lässt sogar geschehen, dass Gott vor seinen Augen den jugendlichen Samuel beruft und auch ihm das Urteil gegen Eli und seine Söhne verkündet. Die Bundeslade wird geraubt, und die drei kommen fast gleichzeitig ums Leben. Als Samuel viel später mit ganz ähnlichen Entwicklungen in seinem eigenen Haus konfrontiert wird, weiss er Bescheid. 

Manchmal kommt es aufs Ergebnis an und nicht darauf, irgendwann und irgendwie das richtige gesagt zu haben. Das gilt allgemein, speziell auch in der Familie.

Eltern haben ihren Kindern gegenüber eine Verantwortung. Nicht nur für Nahrung und Kleidung müssen sie sorgen — sie sollen auch das Verhalten der Kinder formen und diese befähigen, als integre Menschen in der Welt zu bestehen. Dabei müssen Eltern im Rahmen dessen bleiben, was sozial befürwortet und akzeptiert ist. Dieser Rahmen ist in der Zeit starken Veränderungen unterworfen. Unwandelbar bestehen aber bleibt die Verantwortung. Ihr nachzukommen, brauchen wir die Hilfe des Herrn. Auch das steht in dieser alten Geschichte.

Gott schenke uns Weisheit im Umgang mit unseren Kindern, nicht nur in dieser Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 10/2022

Also gehorchen wir der Stimme unsres Vater Jonadab, des Sohnes Rechabs, in allem, was er uns geboten hat, dass wir keinen Wein trinken unser Leben lang, weder wir noch unsre Weiber noch Söhne noch Töchter,…
Jer 35,8

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Gehorsam über Jahrhunderte

Der Herr spricht hier mit Jeremia in einer Art Gleichnis. Er verweist auf die nomadisch lebenden Rechabiter, die sich vielem enthalten, was das Leben in den Augen der Zeitgenossen erst lebenswert macht. Obwohl das Lebensmodell ihres Stammvaters Jonadab höchst unbequem ist: die Rechabiter folgen ihm klaglos seit Jahrhunderten. Die Fortsetzung des Satzes lautet, in Jer 35, 9+10:

…und bauen auch keine Häuser, darin wir wohnten, und haben weder Weinberge noch Äcker noch Samen, sondern wohnen in Hütten und gehorchen und tun alles, wie unser Vater Jonadab geboten hat.

Wenn wir solche Menschen träfen, was würden wir wohl denken?

Bibelvers der Woche 07/2022

Jesus aber sprach zu ihm: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte.”
Mat 22,37

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Das ganze Gesetz und die Propheten

Der Vers ist eine Antwort. Die Frage lautet „Was ist das höchste Gebot im Gesetz“. Jesus fügt hinzu: „Dies ist das höchste und erste Gebot“,. und fährt dann fort: „Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. In diesen beiden Geboten, sagt er, hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Die Antwort besteht aus zwei Kernsätzen der Thora. Die erste Forderung, Gott unbedingt zu lieben, ist aus 5.Mo 6,5 und steht am Beginn des „Schma‘ Israel“, mit dem Juden den Herrn bekennen. Die Forderung, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, steht in 3.Mo 19,18 geschrieben. Jesus fasst das Gesetz zusammen und er tut es für Christentum und Judentum gleichermaßen:

»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«

»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«

Es sind zwei Gebote, die innig zusammengehören. Wir können Gott im Menschen lieben und den Menschen in Gott. Manchmal mag das eine im Vordergrund stehen, manchmal das andere.

Wie sie so vor uns stehen, beschreiben die Gebote einen Heiligen. Möge aber die kommende Woche einen Tag haben, an dem uns beides gleichermaßen gelingt.
Ulf von Kalckreuth

—————— In eigener Sache ———————————

Dieser Vers ist ein guter Abschluss. Ich fühle mich mit der Kommentierung überfordert. Der Bibelvers der Woche begleitet mich seit über vier Jahren durch die Woche — meist habe ich sonntags angefangen, Material, Ideen und Assoziationen zu sammeln, und am Freitagabend sollte es druckreif im Netz stehen. Jetzt gibt es 216 solcher Kommentare. Mit vielleicht anderthalb Seiten je Kommentar ist das ein stattliches Buch. 245 Bibelverse habe ich insgesamt gezogen, das sind fast 0,8% der ganzen Bibel!

Ich werde vielleicht einmal darüber schreiben, was ich dabei gelernt habe. Es ist viel. Als ich anfing, kannte ich die Bibel kaum, heute liegt sie wie eine Höhle voller Schätze vor mir, und ich halte ein Öllämpchen in der Hand, mit dem ich diese Schätze sehen kann — manches davon funkelt leuchtend, anderes schimmert schemenhaft im Hintergrund.

Die Website steht, und ich werde sie erhalten. Ich will auch vorerst weiter Verse ziehen. Vielleicht findet sich jemand, der einen Kommentar abgeben will, vielleicht sind Sie es? Technisch ist es ganz leicht, am Ende eines jeden Beitrags steht ein Kommentarfeld, Was Sie dort schreiben, steht unter dem Bibelvers, nach einer Freigabe durch mich.

Ich wünsche uns eine gute Reise durchs Leben,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 04/2022

…wie geschrieben steht: „Der viel sammelte, hatte nicht Überfluss, der wenig sammelte, hatte nicht Mangel.”
2 Kor 8,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Die Bibel und Karl Marx

Der Bibelvers der Woche wird zufällig gezogen, aber manchmal arbeitet der Zufallsgenerator in meinem Computer wie ein Herausgeber: Heute geht es noch einmal um die große Sammlung für die Gemeinde in Jerusalem, aber aus einer anderen Perspektive!

In der letzten Woche sind wir Paulus auf seiner letzten Reise begegnet. Die Gemeinde in Jerusalem war in Not geraten, und er wollte den Brüdern eine große Gabe der heidenchristlichen Gemeinden überbringen, als Zeichen der Einheit. Der Vers dieser Woche stammt aus einer Werbeschrift für ebendiese Sammlung. Im armen Makedonien war sie erfolgreich abgeschlossen, und nun wirbt Paulus im reichen Korinth dafür — das ist Kapital 8 und 9 des zweiten Korintherbriefs. Dabei zieht er alle Register. Die Gemeinde sammelte seit dem letzten Jahr, und Paulus will nun gern auch ein Wollen erkennen, sagt er, sie sollen nun aber das Tun vollenden, damit es nicht beim Wollen bleibe. 

„Nicht, dass die anderen (in Jerusalem) Ruhe haben und ihr Not leidet, sondern dass es zu einem Ausgleich komme (V. 13). Und dann er gebraucht er ein Bild, aus dem sich eine Ethik der Gleichverteilung ableiten lässt. Unser Vers oben ist ein Zitat aus Exodus, er erinnert an die Erzählung vom Manna, das in der Wüste den hungrigen Israeliten Nahrung brachte. Als das Manna erstmals vom Himmel fiel, hieß Mose die Kinder Israel sammeln, und gab ihnen dazu eine Verteilungsregel: 

Das ist’s aber, was der Herr geboten hat: ein jeder sammele, soviel wie er zum Essen braucht, einen Krug voll für jedem nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. Und die Israeliten taten’s und sammelten, der eine viel, der andere wenig. Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte. (2. Mo 16,16-18)

Was Mose hier fordert und Paulus mit ihm, ist deckungsgleich mit dem Diktum von Karl Marx: „…, jedem nach seinen Bedürfnissen“. Dieses Diktum hat aber auch den ersten Teil: „Jeder nach seinen Fähigkeiten,…“. Der real existierende Sozialismus ist an der Frage gescheitert, wie diese Forderungen zugleich zu erfüllen seien: wenn alle dasselbe erhalten, unabhängig von ihrem Beitrag, dann fehlen den Leistungsfähigen die nötigen Anreize. Es ist jetzt fast genau vierzig Jahre her, dass ich meine erste volkswirtschaftliche Vorlesung hörte, aber wie die beiden Teile des Marx’schen Diktums zu vereinen seien, weiss ich immer noch nicht. 

In der Laborsituation der Wüste Sinai aber funktioniert es! Nichts muss produziert werden — Gott gibt, und alle können nach ihren Bedürfnissen versorgt werden. Manna ist zudem nicht lagerfähig, wer sich also mehr nimmt, als er essen kann, muß zusehen, wie das Ersparte in der Glut des Mittags verdarb. Mose hätte die Verteilungsregel gar nicht verkünden müssen, eine andere ist kaum denkbar — oder vielleicht doch? Jedem nach seiner Kraft und der Länge seines Schwerts, wäre schließlich eine denkbare Alternative. Aber nur für schnelle Esser…

Jedem nach seinen Bedürfnissen — Paulus wirbt dafür, im Verhältnis der christlichen Gemeinschaften ebenso zu verfahren, Und er sieht ausserdem den großen geistlichen Strom, der von Jerusalem aus zu den Heiden gekommen ist, siehe auch den BdW 28/2018. Die große Gabe ist also ausgleichende Gerechtigkeit in einem doppelten Sinne. 

In Kapitel 9 setzt er noch anders an: Gott hat einen fröhlichen Geber lieb, und das Gegebene kommt in verwandelter Gestalt an uns zurück.

Das Verhältnis des Apostels zu der von ihm gegründeten Gemeinde in Korinth war ausgesprochen gespannt, fast vergiftet. Der zweite Brief an die Korinther ist voll Polemik und Reaktion auf Polemik. Man sieht manchmal die zwei Hälften eines zerschnittenen Tischtuchs vor sich. Aber hier, in den Kapiteln 8 und 9, ist Paulus bei sich und seinem großen Projekt. Sein Argument ist ruhig, souverän und überzeugend.  

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche, in der wir nach unseren Fähigkeiten geben und nach unseren Bedürfnissen erhalten,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 52/2021

„Du sollst”, sagen sie, „das nicht angreifen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren”
Kol 2,21

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Zumutung

Paulus äfft nach, wie es Kinder manchmal tun, wenn Forderung der Eltern für absolut inakzeptabel halten. Als ich den Vers gezogen habe, rief ich meiner Tochter zu: „Hier ist ein Vers für Dich!“ und habe ihn ihr gelesen, in einem entsprechenden Tonfall — und wie als Echo, fast automatisch, aber im Spiel, kam die Mimik, die Gestik und der Tonfall zurück, den ich von ihr bekomme, wenn ich etwas will, was sie nicht will. Auf dieser Ebene hat sie den Vers sofort verstanden.

Paulus warnt vor Irrlehren in der Gemeinde der Kolosser. Er kennt diese Gemeinde nicht selbst, sie ist eine Gründung seines Gefährten und Sekretärs Epaphras, daher wird vermutet, dass dieser Teil des Briefs auf Epaphras zurückgeht. 

Es ist im einzelnen unklar, welche Gebote und Forderungen Paulus und Epaphras hier karikieren, Vers 16 deutet darauf hin, dass es sich um Speisegebote und Feiertage handelt. Dann stünde der Vers vielleicht in der langen Debatte, ob und in welchen Teilen die Gesetzlichkeit der Torah für Christen verbindlich sei. In ihrer extremen Form ist es die Frage, ob nicht zuerst Jude werden muß, wer Christ sein will — weil das Erlösungswerk Jesu sich an Juden richtet. 

Die Antwort der christlichen Kirchen auf die Frage nach der Verbindlichkeit der Torah habe ich nie ganz verstanden. Für einen Versuch siehe BdW 41/2020. Das Gesetz ist nicht verbindlich. Aber die ethischen Maximen mit den zehn Geboten als Kern haben denselben Stellenwert wie im Judentum, vielleicht weil Jesus selbst sich auf sie beruft. Aber hat er sich nicht wiederholt auf die ganze Torah berufen? In manchen christlichen Traditionen sind im Laufe vieler Jahrhunderte andere rituelle Forderungen an die Stelle der mosaischen getreten. Vielleicht begreift man den christlichen Umgang mit dem alten Gesetz im Kern am besten als Ergebnis einer kulturellen Evolution, dessen genaues Ergebnis zu Paulus‘ Zeit noch nicht feststand. 

Paulus jedenfalls sagt, hier und anderswo, wir seien von allen solchen Forderungen frei: 

Wenn ihr nun mit Christus den Elementen der Welt gestorben seid, was lasst ihr euch dann Satzungen auferlegen, als lebtet ihr noch in der Welt: »Du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren« – was doch alles verbraucht und vernichtet werden soll. Es sind menschliche Gebote und Lehren. Diese haben zwar einen Schein von Weisheit durch selbst erwählte Frömmigkeit und Demut und dadurch, dass sie den Leib nicht schonen; sie sind aber nichts wert und befriedigen nur das Fleisch. 

Die Welt ist gefallen und fällt weiter, so verstehe ich es, und die Gebote der Welt führen uns in die Irre, dann jedenfalls, wenn wir sie für wesentlich halten. Worauf es einzig ankomme, ist die Führung Jesu Christi. Paulus selbst fiel es ausgesprochen leicht, sich an die Regeln des Umfeldes zu halten, in dem er sich jeweils bewegte — er wusste, was er tat und warum. Im 1. Korintherbrief (9, 19-23) schreibt Paulus:

Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, auf dass ich möglichst viele gewinne. Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen unter dem Gesetz bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin –, damit ich die unter dem Gesetz gewinne. Denen ohne Gesetz bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin im Gesetz vor Christus –, damit ich die ohne Gesetz gewinne. Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette. Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, auf dass ich an ihm teilhabe. (1. Kor 9,19-23)

Der gelernte Pharisäer scheut nicht einmal davor zurück, Opferfleisch zu essen; ob man das tue oder nicht, solle nur von den Gefühlen desjenigen abhängen, mit dem man Gemeinschaft haben wolle, schreibt er ein paar Abschnitte weiter unten, in 1.Kor 10,23ff. 

Für Paulus steht Jesus an der Stelle der Torah, ich denke, das trifft es recht buchstäblich. Das Befolgen von Regeln mag seinen Wert in der Welt haben, mag helfen, bestimmte Ziele zu erreichen, aber der Jünger Christi soll sich nicht um ihrer selbst willen mühen. Die Regeln und Riten haben keinen Wert an sich. Der Ritus ähnelt darin dem Götzendienst, wie es in Jesaja 44, 9ff beschrieben wird: ein Mann spaltet Holz, verfeuert die eine Hälfte um sich zu wärmen und schnitzt sich aus der anderen Hälfte ein Bild, um es anzubeten.  

In unserem Vers macht Paulus sich über Riten und Gebote lustig. Aber was bedeutet das positiv? Wonach soll man das Handeln denn ausrichten? Im Galaterbrief gibt Paulus zwei Antworten. Sie sind sehr allgemein, der Glaubende muss sie selbst ausfüllen: 

Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt (3. Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet. (Gal 5,14f), und

Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit; gegen all dies steht kein Gesetz. (Gal 5,22f). 

„Prüft aber alles, und das Gute behaltet!“ (1. Tess 5,21), und auch: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf.“ (1. Kor 10,23). Nicht das Richtige sollen wir tun, sondern das Gute, um den Pastor meiner Gemeinde zu zitieren. 

Ich zitiere so viel, weil ich mir zutiefst unsicher bin. Ich weiß um den Wert von Regeln in meinem eigenen Leben — ohne Regeln bin ich freigiebig nach Kassenlage, freundlich nach Kassenlage, herzlich nach Kassenlage. Und da gibt es meistens Dringendes, das mich vom Wichtigen abhält. Das Wichtige ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit, so steht es oben. Oft aber sind Regeln dasjenige, was mich gerade noch vom Gegenteil abhält, und manchmal helfen auch sie nicht mehr.

Als Kinder des Heiligen Geists sollen wir selbst wissen, was gut sei, sagt Paulus. Eine unglaubliche Zumutung. Ich bin Bundesbeamter, mich überfordert das. Wie kann ich rund 17 Stunden am Tag wissen, was gut ist, ohne das Auffangnetz von Regeln?  Ich kann es nicht! Aber ich soll! Der Taufspruch meiner älteren Tochter lautet: 

Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit (Eph 5,8f). 

Ein ganzes Wochenende lang feiern wir den Geburtstag desjenigen, der uns hierbei leiten kann. Ohne ihn geht es nicht. Der Herr segne uns, an diesem Tag, in dieser Woche und im Jahr, das kommt,
Ulf von Kalckreuth

Weihnachten 2021 im Hausener Wäldchen

Bibelvers der Woche 43/2021

…daß golden werde, was golden, silbern, was silbern sein soll, und zu allerlei Werk durch die Hand der Werkmeister. Und wer ist nun willig, seine Hand heute dem HErrn zu füllen?
1.Ch 29,5 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Gerne geben!

David wollte seinem Herrn einen Tempel bauen, ein Haus, wie er es nennt. Dieser Wunsch blieb ihm versagt — der Herr sagt David, dass er kein Haus brauche von ihm, dass vielmehr er, der Herr ihm, David, ein Haus bauen wolle (1. Chr. 17). Den Tempel Gottes solle Salomo bauen, sein Sohn. 

David aber bleibt seinem Projekt eng verhaftet. Man bekommt beinahe das Gefühl, dass für seinen Sohn nicht viel zu tun bleibt. In Kap 18 der Chronik wird berichtet, dass David die Beute seiner Kriegszüge dem Tempelbau widmet, hierzu siehe auch BdW 27/2021. Gott lässt ihn den Tempelplatz finden (Kap 22) — eine merkwürdige Geschichte, in der Gott David und das Volk straft wegen einer Volkszählung, um dann der Plage Einhalt zu gebieten. Dann (Kap 23) sucht David Bauleute und Steinmetze, und er verpflichtet die im Lande wohnhaften Ausländer zu Zwangsarbeit. Ausserdem lässt er Baumaterial heranschaffen. In den Kapiteln 24, 25 und 26 wird bestimmt, welche Familien welche Ämter im Tempel haben sollen, als Priester und Sänger, Torhüter, Schatzmeister, Amtleute und Richter. Feierlich überreicht David dann seinem Sohn die fertigen Pläne.

Noch etwas sehr wichtiges tut er: er sammelt das nötige Geld. Er selbst widmet dem Bau über den Ertrag der Kriegszüge hinaus eine große Summe — 3000 Zentner Gold und 7000 Zentner Silber. Aktuell kostet ein Kilo Feingold 50.000 Euro und ein Kilo Silber 670 Euro. David spendet also einen Gegenwert von heute 80 Millionen Euro. Und damit wirbt er — sehr modern — um die Unterstützung des Volks. Die Sippen sollen das fehlende Geld aufbringen, das ist unser Vers. Und sie tun es, gerne, freiwillig und großzügig, so wird berichtet: fünftausend Zentner Gold, zehntausend Gulden und zehntausend Zentner Silber, ausserdem viel Bronze, viel Eisen. 

Von einer ähnlichen Begebenheit berichtet Ex 35. Während der Wüstenwanderung sollte die prächtige Ausstattung der Stiftshütte finanziert werden, ein transportabler Tempel. Die Israeliten gaben so viel, dass Mose die Annahme weiterer Spenden ablehnen musste. Auch in Exodus wird berichtet, dass die Gabe freiwillig und freudig erfolgte. 

Es gibt noch einen weiteren Bezug zurück auf Exodus: David fragt, „wer ist bereit, heute seine Hand für den Herrn zu füllen?“ Dieser Ausdruck steht sonst für eine Handlung im Rahmen der Weihe eines Priesters: dem Novizen werden die Hände gefüllt, damit er vor dem Herrn ein Schwingopfer verrichten kann, siehe Ex 29. Ich verstehe, dass David mit seinen Worten der Spende eine besondere Heiligkeit zuspricht, die vielleicht auf den Geber zurückstrahlt.

Gerne sollen wir geben, und freudig, und die Gabe wird auf uns zurückstrahlen. Und noch etwas sagt uns der Vers, die Gabe macht, dass „golden werde, was golden, und silbern, was silbern sein soll“ — mit anderen Worten, sie kann dazu beitragen, dass die Welt heil wird, dass sie so wird, wie sie sein soll. Bei diesen Worten denke ich an meine Frau, sie würde es vielleicht ähnlich sagen…

Ich wünsche uns eine freudige Woche, und der Herr segne unsere Gaben,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 41/2021

Freuet euch in dem Herrn allewege! Und abermals sage ich: Freuet euch!
Phi 4,4

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Freude!

Vor etwas mehr als einem Jahr zogen wir einen Vers, der diesem hier unmittelbar folgt: Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen! der Herr ist nahe! (Phi 4,5), und damals betrachtete ich beide gemeinsam. Hier ist ein Link zum BdW 34/2020. Das ist nicht lange her, es stimmt noch alles, einschließlich leider auch der Probleme mit dem Rücken und der Erziehung. Der Vers zeigt einfach und unmißverständlich, ob jemand auf dem richtigen Weg ist. Dann nämlich geht Freude von ihm aus — sichtbar, spürbar — dann kann er ein Segen für die Welt sein. Wir dürfen uns freuen, wir sollen es sogar, Gott will es so, will uns so. Die Frohe Botschaft trägt ihren Namen aus gutem Grund. Und umgekehrt: wenn man unfroh ist, läuft etwas, läuft man falsch. 

Da es die Betrachtung zum Bibelvers dieser Woche also schon gibt, darf ich aufschauen und den Blick weiten. Und da sehe ich, dass wir in den vergangenen Wochen Verse gezogen habe, die jeweils eine Essenz des Glaubens auf einen einfachen und lebenspraktischen Nenner bringen — zum Anfassen gewissermaßen:

  • Vor zwei Wochen wurden wir aufgefordert, unseren Nächsten, gar unseren Feind zu lieben. Ihn in seiner Mitgeschöpflichkeit zu sehen und die eigenen Interessen nicht automatisch höher zu bewerten als die Bedürfnisse des Anderen.
  • Vor einer Woche gab es einen Vers, der uns den Schatten der Flügel Gottes als Zufluchtsort bot, in persönlicher Not, bei Verzweiflung, Lebens- und Todesangst.
  • Und der Vers dieser Woche sagt uns, dass der Weg mit Gott in Freude mündet: Freude aus Gott, die wir nicht nur empfangen dürfen, sondern aktiv weitergeben können. 

Mir scheint, die drei Verse und die damit verbundene Haltung charakterisieren den christlichen Glauben, und zwar im Ergebnis. Ein Menschen, der so lebt, folgt Jesus, auch wenn er ihn nicht kennt. Immer wieder habe ich mich in dieser Woche gefragt, welcher dieser drei Verse der richtige sei, wenn ich traurig war oder in Schwierigkeiten steckte. Die Antwort war stets einfach. 

Dabei sind die Verse selbst sehr anspruchsvoll, jeder für sich. Über Nächsten- und Feindesliebe brauche ich nichts zu sagen. Dann aber: wer von uns weiß sich unter den Schatten der Flügel Gottes jederzeit geborgen? Auch das sagt uns Jesus immer wieder: sorgt euch nicht, der Vater sorgt für euch! Aber die Sorge ist ziemlich fest verdrahtet in uns. Und Freude ist wahrhaftig nicht immer leicht — ich will es hier nicht ausbuchstabieren, das würde die Freude verderben, aber gelegentlich grenzt Freude durchaus an Realitätsverweigerung. Das ist mit allen drei Versen so: sie enthalten ein lautes „Trotzdem!“

Was macht den Kern des Glaubens aus? Kanonische Versuche, das Unsagbare in Worte zu fassen, sind die Glaubensbekenntnisse. Sie sind nicht leicht zu lesen und zu verstehen. Wichtiger als Aussagen und ihre logischen Beziehungen zueinander ist das, was daraus folgt, für unser Leben, das der anderen und unser Verhältnis zu Gott. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Wahrheit unerkennbar ist. Paulus fand dafür das Wort vom dunklen Spiegel, durch den wir blicken. Für die eine, unerkennbare Wahrheit können wir Bilder, Vorstellungen und begriffliche Konstrukte suchen. Sie sind dann gut, wenn sie zu richtigem Sein, zu richtigem Handeln führen. Sie sind Stützen, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Was zählt, ist die Haltung, die innere Verfasstheit, die mit diesen Vorstellungen einhergeht und wechselwirkt. Der Rest ist Theologie.

Mein Credo könnte also lauten: In Jesus Christus will ich ein Mensch sein, der das Mitgeschöpf im Anderen sieht, auch wenn er ihm fern steht, der sich geborgen weiß unterm Schatten der Flügel Gottes, und der dem Leben, seinen Mitmenschen und seinem Gott — und schließlich auch seinem Tod — mit Freude begegnet, innerlich und äußerlich. 

Wenn Sie Zeit und Ruhe haben, gehen Sie in sich und versuchen Sie, sie zu spüren, die Freude. Sie ist da, in Ihnen, sie will gefunden werden!

Ich wünsche uns Freude, und die Fähigkeit dazu, in der kommenden Woche und immer!
Ulf von Kalckreuth