Bibelvers der Woche 33/2019

Da kam einer, der entronnen war, und sagte es Abram an, dem Ausländer, der da wohnte im Hain Mamres, des Amoriters, welcher ein Bruder war Eskols und Aners. Diese waren mit Abram im Bunde.
Gen 14,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Einwanderung — zwei Geschichten

Die fünf Bücher Mose stehen am Anfang der Bibel, sie stellen uns nicht nur Gott vor, als Person, in Auseinandersetzung mit den Menschen, sondern auch das israelitische Volk, ebenfalls als Person, in Auseinandersetzung mit Gott, der Umwelt und sich selbst. Sie enthalten den Gründungsmythos: wie kam das Volk Gottes ins Land, wie wurde es zu dem, was es war, in welcher Beziehung steht es zu seinen Nachbarvölkern? 

Wir kennen eine Antwort: nach der Emigration der Stammväter wuchs das Volk in Ägypten heran. Es wurde von Moses herausgeführt, um dann vierzig Jahre durch die Wüste zu ziehen. Unter seinem Nachfolger Josua fiel es in Palästina, das Gelobte Land ein, sengend, brennend und mordend, und zwar von AUSSEN. Verwandtschaftliche Beziehungen gab es zu Völkern des Umlandes: Moabitern, Edomitern, Ammonitern, Arabern — mit den in Kanaan einheimischen Ethnien hatte das Volk Gottes aber rein gar nichts zu tun. 

Die Genesis enthält aber noch eine ganz andere Erzählung. Abraham, ein aramäischer Halbnomade, erhält in der Stadt Haran von seinem Gott den Befehl, alles hinter sich zu lassen und sich aufzumachen in ein Land, das sein Gott ihm zeigen wird. Er folgt diesem sonderbaren Auftrag und macht sich in Kanaan heimisch: er schließt Bündnisse mit den Clans in der Umgebung, siedelt auf einem Eichenhain auf dem Land des Amoriters(!) Mamre und erwirbt schließlich von einem Hethiter(!) namens Efron ein Erbbegräbnis, die Höhle Machpela, damit er dort seine Frau Sarah bestatten kann (Gen 23). Der Kauf des Grundstücks findet vor einer großen Gruppe von Hethitern statt und verschafft dem alten Mann Abraham Anerkennung und notariell beurkundetes Bürgerrecht. Als er stirbt, findet er selbst in Machpela seine Ruhestätte, und nach ihm auch Isaak und Jakob und ihre Frauen. 

Abrahams Geschichte erzählt vom langsamen Heimischwerden in Kontakt, Konflikt und Kooperation mit der gebietsansässigen Umgebung in Palästina. Unser BdW zeigt einen Ausschnitt. Ein kanaanitischer König hat gemeinsam mit einigen Verbündeten seinem Oberherren die Gefolgschaft gekündigt. Dieser zieht, unterstützt von Verbündeten, gegen die Aufrührer zu Felde: vier Könige gegen fünf. Unter den letzteren sind auch die Könige von Sodom und Gomorrha, in deren Land sich Lot, Abrahams Bruder, heimisch gemacht hat. Die vier verbündeten Könige verlieren die Schlacht und Lot wird verschleppt. Abraham ist Oberhaupt eines größeren Clans, und gemeinsam mit dem Amoriter Mamre und seinen beiden Brüdern bildet er einen Stoßtrupp von 318 berittenen Kämpfern. In einer Kommandoaktion befreit er Lot und das den Königen von Sodom und Gomorrha geraubte Gut aus der Gewalt der fünf Könige. Dafür wird er von Melchisedek gesegnet, selbst König und Priester Gottes in Salem (vermutlich Jerusalem), dem er dafür den Zehnten gibt. Diese eigenartige Stelle haben wir in 2019 KW 8 kennengelernt. 

Spätestens mit der Befreiungsaktion und der rituellen Anerkennung durch Melchisedek gehört Abraham, „der Ausländer“, dazu. Er ist Mitspieler in Kanaan mit lokalem Gewicht. Zur Befreiung seines Bruders nutzt er bestehende Bündnisse und geht neue ein. Ganz friedlich verläuft diese Einwanderung offensichtlich nicht, aber — welch ein Gefälle zum Buch Josua. Das Narrativ von Landnahme und Eroberung ist Mainstream des Alten Testaments und hat die Erzählung von Besiedlung durch Infiltration und Integration überlagert. 

Aber ich liebe diese Geschichte. An Abraham denke ich immer gern, wie er dem Ruf Gottes folgt, ins Heilige Land reist, dort auf dem Eichenhain lebt, immer mit seinem Gott und der Verheißung, schließlich sehr spät Kinder zeugt und am Ende stirbt, „alt und lebenssatt“. Seine Urenkel sind die Väter der zwölf Stämme Israels, allesamt Sabras, im Heiligen Land geboren. Und sein erster Sohn ist Ismael, der Stammvater der Araber und Midianiter. Beim Buch Josua hingegen habe ich vor mehr als vierzig Jahren den ersten Versuch abgebrochen, die Bibel ganz zu lesen. Viel später habe ich erfahren, dass die archäologische Evidenz im Grunde auf Seiten der uralten Abrahamsgeschichte liegt. Für eine großflächige Vernichtung kanaanitischer Städte und Siedlungen in kurzer Zeit gibt es keine Belege, wohl aber für eine dauerhafte kulturelle Koexistenz von Kanaanitern und Hebräern. Schön, nicht wahr?

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche, in lebendiger Auseinandersetzung mit unserer Umwelt.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 15/2018

… und auch von den Kindern der Gäste, die Fremdlinge unter euch sind, und von ihren Nachkommen, die sie bei euch in eurem Lande zeugen; dieselben mögt ihr zu eigen haben.
Lev 25,45 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Sklave sein und frei

Hier ist zunächst einmal der erste Satzteil für den gezogenen Vers: „Willst du aber leibeigene Knechte und Mägde haben, so sollst du sie kaufen von den Heiden, die um euch her sind,…

Es geht in dem gezogenen Vers also um Sklavenhaltung, was erlaubt ist und was nicht. Der erste Teil der Botschaft ist: Angehörige des eigenen Volks dürfen keine Sklaven sein. Lev 25 entwirft eine gleichzeitig konservative und freiheitsbetonte Gesellschaftsordnung. Aller Reichtum, aller Grund und auch die Menschen gehören eigentlich Gott. Gott hat das Land den Israeliten, den Stämmen, den Sippen und einzelnen Familien darin gegeben, und diese Ordnung muss respektiert werden. Land kann ge- und verkauft werden, aber nach fünfzig Jahren kommt es zu seinem alten Besitzer zurück.  Das muss sich auch im Kaufpreis spiegeln: Er muss niedrig liegen, wenn das Erlassjahr nahe ist, und kann hoch sein, wenn es noch weit weg ist, „… denn die Zahl der Ernten verkauft er dir“. Ökonomen ist diese Methode der Bewertung als rental price of capital vertraut.

Gerät jemand in Not, so haben enge Verwandte auch vorher schon das Recht (und die Pflicht), den verkauften Grundbesitz wieder auszulösen. Volksgenossen dürfen gar nicht ge- und verkauft werden. Gerät ein Israelit in Not, so mag er sich als Knecht verdingen, aber nicht als Sklave, und zum Erlassjahr kommt er wieder frei und erhält seinen Besitz zurück. Der Herr hat das Volk nicht aus der Sklaverei geführt und in Besitz gebracht, damit sich die Hebräer gegenseitig versklaven und sich das Eigentum — die Lebensgrundlage — nehmen. Punkt.

Diese Forderung, dieses Gebot dürfte in den altorientalischen Gesellschaften ziemlich einzigartig gewesen sein. Es liegt ein wichtiges Prinzip der jüdischen Religion darin: jeder ist zugleich Sklave (Gottes) und frei (zu entscheiden).

Die andere Seite der Medaille scheint im gezogenen Vers auf: die Forderung bezieht sich nur auf Volksgenossen, nicht aber auf Angehöriger anderer Ethnien. Wer Sklaven halten möchte, kann dies tun: er muss sie eben aus den Völkern der „Heiden“ kaufen oder auch unter ihren Nachkommen, die im Land wohnen. Denn auch wer lange im Land wohnt, unterliegt nicht denselben Schutzstandards. Die altisraelitische Gesellschaftsordnung trug durchaus gewisse Züge, die man heute als rassistisch bezeichnen würde. Die Schutznormen in Lev 25 sind auf die Angehörigen der eigenen Ethnie beschränkt. Aber selbst das deutsche Grundgesetz von heute unterscheidet Menschenrechte und Rechte deutscher Staatsbürger.  

Ich wünsche uns eine gute Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 02/2018

…unter den Sängern: Eljasib; unter den Torhütern: Sallum, Telem und Uri.
Esr 10,24

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

EntSCHEIDUNG!

Nachdem ein größer Teil der jüdischen Elite aus der babylonischen Gefangenschaft nach Jerusalem und Juda zurückgekehrt ist, organisiert Esra die Wiedereinsetzung des Tempeldienstes und konstituiert dabei das Judentum neu. Es wird offenbar, dass viele Familien sich zwischenzeitlich oder schon vor dem Exil mit Angehörigen autochthoner Völker verbunden haben, indem sie ihre Frauen Männern anderer Völker gegeben haben oder sich Frauen dieser Völker als Ehefrauen genommen haben. Die Torah untersagt das strikt.

Esra setzt durch, dass die Juden sich von diesen Frauen trennen. Die Sippenältesten ermitteln, wer solche Ehen eingegangen ist und die betroffenen Männer  geloben, sich von ihren Frauen und den mit ihnen gezeugten Nachkommen zu scheiden. Unter ihnen sind auch Angehörige der Priesterschaft, und — in der Aufzählung des gezogenen Vers — ein Tempelsänger und drei Torhüter. 

Der Vers in seinem Kontext ist ein drastischer Appell, Reinheit, Prinzipien und den Bund mit Gott über persönliche Beziehungen auch allerengster Art zu stellen. Die Zuspitzung erschließt sich, wenn man sich die rechtliche Stellung geschiedener Frauen im Judentum vergegenwärtigt. In vielen Fällen wird eine Rückkehr der Frauen in ihre Familien nicht möglich gewesen sein. Die konsequente, aber wenig menschenfreundliche EntSCHEIDUNG erklärt sich aus der existenziellen Angst Esras und der Sippenältesten, die gerade wieder gefundene Gnade ihres Gottes aufs Neue zu verlieren. 

Eine Woche ohne Angst und in Gottes Segen wünscht uns allen
Ulf von Kalckreuth