Bibelvers der Woche 28/2024

Ein Auge, das den Vater verspottet, und verachtet der Mutter zu gehorchen, das müssen die Raben am Bach aushacken und die jungen Adler fressen.
Spr 30,17

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Licht und Schatten

Oh! Wer seine Eltern nicht achtet, den fressen die Raben! Was ist hier gemeint? Wessen Auge die Vögel aushacken, der ist vorher gestorben. Vielleicht wurde er gesteinigt? Dtn 20,18-21 legt die Todesstrafe für mißratene Söhne fest, und im Bundesbuch, Ex 21,15+17, wird der Tod für erwachsene Kinder gefordert, die ihre Eltern schlagen oder verfluchen. 

Aber das Buch der Sprüche ist nicht die Torah, es ist ein Lehrbuch der Weisheit — oder besser: ein Übungsbuch, es sind Vorlagen zum Auswendiglernen. Der Vers sagt, dass die Raben das frevelnde Auge aushacken müssen (=werden), nicht, dass sie es tun sollen. Die Verachtung der Eltern trägt ihre Strafe in sich.

Den Schatten des Urteils im Vers nämlich wirft ein blendend helles Licht. Der familiäre Zusammenhalt ist in der Welt der Bibel elementar wie das Leben selbst. Die Familie erfüllt alle Funktionen der Daseinsvorsorge. Sie ist Alters-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung. Sie ist Schule und Ausbildungsstätte in einem. In und von seiner Familie erhält ein junger Mensch alles: die Sprache, Kenntnisse und Fertigkeiten, Beziehungen, seinen Patz im Leben, siehe BdW 34/2023, Die Familie stiftet die Ehe und übernimmt die immensen Kosten der Hochzeit. Und sie ist es auch, die das Wissen über die Welt und den Glauben an Gott weitergibt — beides gehört ununterscheidbar zusammen, In den zehn Geboten findet sich kein Aufruf, gesetzestreu zu sein und die Obrigkeit zu achten, sondern das Gebot, die Eltern zu ehren. 

Das wirkt wie ferne Vergangenheit. Aber auch heute ist die Familie für die Chancen eines jungen Menschen von unschätzbarer Bedeutung. Ohne ihren Schutz und Hintergrund ist man schnell bei den Raben…

Wer seine Eltern nicht achtet, aus gutem Grund oder nicht, der steht vor einem schwierigen Leben. Und weil das so ist — was können Eltern tun, damit das nicht geschieht? Darüber denke ich immer wieder mal nach. Gestern gab mir meine Tochter eine Antwort. Als eine Auseinandersetzung fast aussichtslos wurde, hat mir geappt: „Heute habe ich gelernt, dass Liebe geduldig ist.“

Unser Vers oben steht in der Sammlung von Sprüchen eines Weisheitslehrers namens Agur. Zu Beginn des Kapitels gesteht er, dass er mit leeren Händen dasteht. Lesen Sie mal, sein Bekenntnis rührt mich an: 

Ich habe mich gemüht, o Gott, ich habe mich gemüht, o Gott, und muss davon lassen. Denn ich bin der Allertörichtste, und Menschenverstand habe ich nicht. Weisheit hab ich nicht gelernt, und Erkenntnis des Heiligen habe ich nicht. Wer ist hinaufgefahren zum Himmel und wieder herab? Wer hat den Wind in seine Hände gefasst? Wer hat die Wasser in ein Kleid gebunden? Wer hat alle Enden der Welt bestimmt? Wie heißt er? Und wie heißt sein Sohn? Weißt du das?

Das schreibt er etwa zeitgleich mit Sokrates. Unser Vers gehört zu dem wenigen, das er der Nachwelt dennoch hinterlassen will. 

Gott segne unsere Familien! 
Ulf von Kalckreuth 

Bibelvers der Woche 34/2023

Von den Kindern Laedan, den Kindern des Gersoniten Laedan, waren Häupter der Vaterhäuser die Jehieliten.
1 Chr 26,21

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Die Hüter des Tempelschatzes

Nicht um Indiana Jones geht es hier, sondern darum, wie jemand im biblischen Israel zu seiner Aufgabe fand. Um es kurz zu sagen; Ein Mensch wurde in eine Familie hineingeboren, die sich in der Gemeinschaft in einer bestimmten Weise nützlich macht, und dies oft schon seit Jahrhunderten. Das war der Platz dieses Menschen, er war ihm garantiert, einen anderen gab es nicht. Gott selbst hatte diesen Platz bestimmt. Unser Vers zeigt dies am Beispiel der Hüter des Tempelschatzes. 

Dienst am Tempel taten ausschließlich Leviten, die Söhne Levis. Unter ihnen waren die Kohaniter, die Nachkommen Aarons, besonders herausgehoben: nur sie durften das Priesteramt wahrnehmen. In der Zeit um Davids Tod gab es unter den Leviten 38.000 Männer über 30 Jahren. Sie alle dienten im Tempel, so der biblische Bericht: 24.000 waren im Haus beschäftigt, 6.000 waren Verwalter und Tempelrichter, 4.000 waren Türhüter, eine besondere Schutztruppe, und weitere 4.000 waren Tempelmusiker. Der Text um unseren Vers legt fest, welche Zweige des reich gegliederten Stamms als Aufseher über die Tempelschätze dienten. 

Ich habe die Zuweisung in einer kleinen Grafik zusammengefasst. In Auszügen ist die Nachkommenschaft Levis zu sehen, einer der zwölf Söhne Jakobs. Wenn ich es richtig verstehe, sind ALLE Nachkommen Jehiels, Setams und Joels Hüter des Schatzes. In der Grafik sind sie gefettet und unterstrichen. Dazu treten EINIGE Nachkommen Amrams, Jizhars, Hebrons und Usiels, Ich habe sie kursiv markiert. Spezifisch aber sind die Oberaufseher des Schatzes stets Nachkommen Schubaels, eines Enkels von Mose.  

Alles, was sie wissen mussten, konnten die Angehörigen dieser Zweige von ihren Eltern lernen, oder von ihren Onkeln und Großeltern. Im übrigen Israel war es ähnlich. Der Stamm Levi war landlos und lebte vom Dienst an Gott. Alle anderen Stämme lebten von ihrem Land. Es gehörte fest zur Familie. Man konnte es nicht einmal dauerhaft an Fremde verkaufen, es fiel immer wieder an die Familie zurück. Aussicht auf Bereicherung boten nur Landnahme, Schlachtenglück mit Beute und der Dienst für den König.

Wie fühlt es sich an, wenn der Lebensweg dergestalt fest durch die Geburt bestimmt ist? Keine Selbstfindung nach dem Abitur, kein Studienwechsel, keine Neuorientierung in der Midlife-Crisis? Vielleicht ist das Leben leichter. Versagensängste und die seelischen Narben aus gewonnenen oder verlorenen Karriereschlachten spielen keine Rolle. Vor Querschüssen anderer muß sich niemand fürchten; deren Leben ist ja ebenso festgelegt wie das eigene. Und wenn ich nicht reich werde — könnte mein Kind mir einen Vorwurf machen? Die Apanage eines Tempelhüters war gewiss nicht erfolgsabhängig, und eine andere Beschäftigung hätte es für mich ja nicht gegeben.

Was würde eigentlich Indiana Jones dazu sagen? Es gibt natürlich die andere Seite. Wenn ich arm bleibe, muß ich mich nicht schämen, aber es gibt auch nicht viel, das ich tun kann, den Zustand zu ändern. Ich muß mich bescheiden, danken, Gott um Linderung bitten und in die traurigen Augen meiner Kinder blicken, die von Ferien am Meer träumen. Dies ist es, wozu der amerikanische Traum von der pursuit of happiness. sein mächtiges ‚Nein!‘ sagt.

Immerhin: Gott selbst wäre es gewesen, der mir die Stelle als Hüter des Schatzes im Leben gegeben hätte. Tut er so etwas heute noch? Und wie? Hören Sie in sich hinein…! Wie erkennen wir Berufung? Soziologen sagen, dass auch heute Herkunft und familiärer Hintergrund den Lebensweg eines Menschen recht weitgehend bestimmen. Ist das gut? Wäre das Gegenteil besser?

Etwas noch am Rande. Ich komme gerade von der Probe des Musikteams unserer Gemeinde. Wir waren zu viert, mit drei Instrumenten und wenig Kraft nach der Arbeit des Tags. In 1 Chr 23,5 steht zu lesen: 4.000 [waren verordnet] zu Sängern des Herrn, mit Instrumenten, die David zum Lobgesang hatte machen lassen. Mit einer solchen Zahl geübter Berufsmusikern war ein Lobpreis möglich, der heute unvorstellbar ist. Ihn zu erleben, aktiv oder als Zuhörer, muss wunderbar gewesen sein. Zumal jeder Beteiligte wusste, dass er seine Aufgabe vom Herrn selbst bekommen hatte. Und von seinen Eltern und Großeltern. Diese Arbeit gut zu machen ist dann ein Weg, Gott zu ehren und die Eltern dazu.

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche!
Ulf von Kalckreuth