Bibelvers der Woche 18/2019

Und er gab des Tages ein Wunderzeichen und sprach: Das ist das Wunderzeichen, daß solches der HErr geredet hat: Siehe der Altar wird reißen und die Asche verschüttet werden, die darauf ist.
1. Kö 13,3

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Zwei Könige — und dazwischen ein Prophet

Der Vers führt uns zurück in die Frühzeit der geteilten Königreiche. Das sagenhafte Reich Davids und Salomos ist zerbrochen, in ein Nord- und ein Südreich. Im Norden hat sich Jerobeam als König von zehn der zwölf Stämme Israels durchgesetzt. Jerobeam pflegt religiösen Pluralismus. Er errichtet Heiligtümer in Bet-El und Dan, auf denen nicht (nur) dem Herrn geopfert wird. Der Baalskult wird gefördert, Opferstätten auf den Höhen eingerichtet, auf denen nicht-levitische Priester dienen und alternative Opferfeste werden eingeführt. In der Kultstätte von Bet-El bringt der König selbst Brandopfer dar. 

Ein namenloser Prophet kommt des Wegs nach Bet-El. Während der König am Altar steht, verkündet der Prophet, dass dereinst ein König namens Josia kommen werde, der die Priester der Höhen schlachten und ihr Fleisch auf diesem Altar verbrennen werde. Er kündigt zur Bekräftigung ein Wunderzeichen an — an dieser Stelle hat der gezogene Vers seinen Platz. Der König will den Propheten ergreifen lassen, doch sein Arm erstarrt in ausgestreckter Haltung. Dann geschieht das angekündigte Wunder: der Altar birst und die Asche wird zerstreut. Jerobeam braucht die Hilfe des Propheten, um seinen Arm wieder bewegen zu können. Zum Dank will er dem Propheten ein Geschenk machen, doch dieser lehnt ab — er habe den Auftrag, nicht zu verweilen, kein Wasser zu trinken und kein Brot zu essen. 

Ein alter Prophet kommt herzu und sagt, auch er sei Prophet und er habe vom Herrn den Auftrag, den jungen Propheten zu bewirten. Dieser bleibt und folgt der Einladung. Auf seiner Weiterreise wird er von einem Löwen getötet. Der alte Prophet, der den jungen verführt und ins Unglück gestürzt hat, ist tief traurig, und er stellt seine eigene Grabstätte zur Verfügung. In 2.Kö 23 wird berichtet, wie drei Jahrhunderte später Josia, König des Südreichs, dafür sorgt, dass dies Grab des namenlosen Propheten vor der Vernichtung gerettet wird, als er, ganz wie prophezeit, die Kultstätten zerstören und die illegitimen Priester des Nordens auf dem Altar schlachten lässt.

Harte Kost– nicht nur wegen der robusten Missionierungsstrategie Josias. Der junge Prophet greift König Jerobeam am Altar öffentlich an, im Auftrag des Herrn. Eigentlich verwirkt er damit sein Leben, doch ein Wunder bewahrt ihn. Er verliert sein Leben dennoch, als er entgegen der Weisung einer gut gemeinten Einladung folgt. Der erste Teil der Geschichte erinnert an Elijas Kampf mit den Baalspriestern, der zweite an Moses Strafe für seinen Ungehorsam am Haderwasser. Der Wortlaut der Prophezeiung wirft Fragen auf. Josia war der große religiöse Reformer des Südreichs gegen Ende der Königszeit. Unter ihm fanden umfangreiche Redaktionsarbeiten an den Schriften statt; das Alte Testament, wie wir es kennen, begann damals Gestalt anzunehmen. Wenn nun sein Name am Anfang des 1. Königsbuchs in einer Prophezeiung auftaucht, mag es mit diesen Redaktionsarbeiten zu tun haben. Aber die sperrige Geschichte vom namenlosen Propheten und dem gespaltenen Altar ist alt. Hätten Josias Redakteure die Geschichte erfunden, wie könnten sie den Propheten für seinen Ungehorsam sterben lassen?

So spielt nun diese eigenartige Geschichte gleichermaßen am Anfang der Königszeit und dreihundert Jahre später an ihrem Ende, vermittelt durch einen steinernen Altar und einen namenlosen Propheten, der in beiden Zeiten zugleich lebt. Wie der Altar, so zerbricht auch der Prophet. Oft sehnen gläubige Menschen sich nach klaren Zeichen. Für solche unzweideutige Klarheit mag der sich spaltende Altar im gezogenen Vers exemplarisch sein. Aber allzu klare Zeichen und Anweisungen lassen keine Spielräume. Denn das ist begriffsnotwendig: Wenn der uneingeschränkte Herrscher des Universums eine Anweisung gibt, personalisiert und unmissverständlich, dann kann man sie nicht missachten. Propheten sind, kurz gesagt, Menschen, denen Klartext zugemutet wird. Das tut ihnen durchaus nicht „gut“: Die großen Propheten Jeremia, Hesekiel, Jona, Micha, Elia, Johannes führen ein Leben an der Grenze des Erträglichen, wie am Ende auch Jesus. Mit wieviel Klarheit können wir eigentlich leben? Die Geschichte vom Baum der Erkenntnis — kann denn Unwissen am Ende auch Gnade sein? 

Ich wünsche uns eine gute Woche, mit Wissen und Unwissen an den rechten Stellen,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 11/2019

So bessert nun euer Wesen und Wandel und gehorcht der Stimme des HErrn, eures Gottes, so wird den HErrn auch gereuen das Übel, das er wider euch geredet hat.
Jer 26,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Ein Prophet bei der Arbeit

Der Spruch dieser Woche wirkt unauffällig, beinahe langweilig — es ist ja genau das, was „man“ von der Bibel erwartet: Wir mögen uns bessern, damit uns kein Übel widerfahre. 

Spannend, beinahe unerhört, wird der Ausspruch durch den Kontext. Der Sprecher, Jeremia,  ist nämlich des Hochverrats angeklagt: es wird ihm zur Last gelegt, dass er gegen die Stadt geweissagt habe. Er soll sterben. Jeremia antwortet, die Kläger mögen ihr Wesen und Wandel bessern (das ist der gezogene Vers) und im Übrigen mit ihm verfahren, wie ihnen beliebe. Sie sollten dabei aber wissen, dass der HErr es ganz sicher nicht ungestraft ließe, wenn sie ihn töteten, nur weil er den Auftrag des HErrn erfüllt habe. Das war als Argument schwer von der Hand zu weisen. Keiner nämlich hatte Jeremia beschuldigt, sich seine Berufung nur ausgedacht zu haben.

Warum eigentlich nicht? Warum ist das Argument so stark? Ist es denn nicht erstrebenswert, im Namen des HErrn zu sprechen und dabei jedermanns Ohr offen zu finden? Kann die Aussicht auf eine solche herausgehobene Position nicht die innere Bereitschaft stark fördern? 

Wohl kaum. Für die Propheten des AT gibt es meist eine Berufungserzählung, und sie ist oft traumatisch und führt die Berufenen an den Rand ihrer geistigen Gesundheit. Von denjenigen, die über diesen Rand hinausgelangt sind, wissen wir nichts mehr. Fast alle versuchen händeringend, die Berufung abzuwehren. Diese Berufung ist das Ende des Lebens, das sie kennen, mit Familien, mit Freunden — als Propheten müssen sie die Folgen tragen, wenn sie anderen Menschen, sehr mächtigen darunter, Wahrheiten ins Gesicht sagten, um welche diese nicht gebeten haben. Die Klagepsalmen in Jer 11-20 sind sprechend. Jeremia war ein im Wesen zaghafter und zurückhaltender Mann, man nennt ihn den „weinenden Prophet“. Sein Dienst in der Zeit des Zusammenbruchs von Juda führte ihn mehrfach in Todesgefahr und brachte ihn schließlich gar in einer mit Schlamm gefüllten Zisterne im Hof des Königs. 

Aber für diesmal kommt er davon. Es gibt Anwesende, die sich an Micha erinnerten, den König Hiskia in einer vergleichbaren Situation nicht tötete. Der HErr hatte dies seinerzeit zum Anlass genommen, seinen Zorn zu dämpfen. Berichtet wird andererseits auch das Schicksal des Propheten Uria, den König Jojakim bis in das (verbündete) Ägypten hinein verfolgte. Ägypten lieferte ihn aus und der König ließ den Mann mit den unangenehmen Wahrheiten hinrichten. 

Jeder wusste, wie es den Propheten gehen kann. Das machte sie glaubhaft und deshalb für die Autoritäten auch bedrohlich. Kurz gesagt: sie waren gefährlich, weil sie gefährlich lebten. Wie würden wir mit einer solchen Berufung umgehen? Wer nimmt das auf sich? Gibt es darum keine Propheten mehr?

In der Tat: Möge es uns in dieser Woche gelingen, unser Wesen und Wandel ein wenig zu bessern. Und mit unseren Berufungen verantwortlich umzugehen. Was immer diese auch seien, so viele davon gibt es nicht. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 12/2018

Und als er in den Tempel kam, traten zu ihm, als er lehrte, die Hohenpriester und die Ältesten im Volk und sprachen: Aus was für Macht tust du das? und wer hat dir die Macht gegeben?
Mat 21,23

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Wer bist du?

Die im gezogenen Vers gestellte Frage an Jesus ist völlig berechtigt. Die Hohenpriester und Ältesten, Mitglieder des Sanhedrin, trugen Verantwortung für den Tempel, das kultische Zentrum des Judentums, und Jesus hatte dort am Tag zuvor Aufruhr verursacht: Er hatte die Händler mit Gewalt vertrieben und Wunderheilungen vollbracht, Kinder waren schreiend im Tempel herumgelaufen und hatten gerufen „Hosiannah, dem Sohn Davids“. Nun war er wiederum im Tempel und lehrte das Volk. Woher, also, in wessen Auftrag dies?

Die Antwort konnte für den so Befragten sehr gefährlich werden, wie die spätere Entwicklung zeigt. Handelte er im Auftrag von Menschen, oder gar im eigenen Auftrag, so lag ein Rechtsbruch vor. Wer lehrte und wer nicht, bestimmte der Ältestenrat, deren Mitglieder gerade Rechenschaft forderten — sie würden Jesus ohne weiteres vor die Tür werfen können. Sagte er, er handle im Auftrag Gottes, so war er womöglich weitaus Schlimmeres, ein Aufwiegler, ein Usurpator. 

In einem weiteren Sinne handelt das ganze Neue Testament von dieser Frage: aus welcher Vollmacht tut Jesus das und wer hat ihm die Macht gegeben? Auch die Jünger kannten die Antwort nicht — immer wieder fragen sie. Die Antwort aber ist es, die Christentum und Judentum im Kern voneinander scheidet, das meiste andere ist akzidentell. 

Jesus antwortet nicht direkt, sondern mit einer Gegenfrage: von wem ist die Taufe des Johannes: von Gott oder den Menschen? Das hatte zunächst unmittelbare Relevanz für die zuerst gestellte Frage der Hohenpriester: Jesus Autorität kam ja von Johannes, und damit hängt ihre Natur nun entscheidend davon ab, ob Johannes im Auftrag von Gott oder von anderen Menschen handelte. Gleichzeitig bringt aber Jesus seine Gegenüber mit der Gegenfrage in eine sehr ähnliche Lage wie diejenige, in die sie ihn bringen wollen. Das Volk hielt Johannes für einen großen Propheten — wenn also die Hohenpriester sagten, seine Taufe sei die eines Menschen, dann würde dies Unmut zur Folge haben, vielleicht gar gewalttätigen. Und sagten sie, seine Taufe käme von Gott, müsste Jesus dem nichts mehr hinzufügen. 

Die Hohenpriester und Ältesten denken lange nach und verweigern sich schließlich der Alternative: sie antworten, dass sie es nicht wüssten. Und Jesus verweigert nun die Antwort seinerseits. 

Ein Punktsieg. Ja. Aber was wäre denn die richtige Antwort gewesen? Für einen protestantischen Christen hat das Ausweichmanöver etwas Unbefriedigendes — Martin Luther hat auf dem Reichstag zu Worms in einer sehr vergleichbaren Lage ganz anders geantwortet. Und auch Jan Hus verzichtete auf dem Reichstag zu Konstanz auf Ausflüchte. Es brachte ihm den Tod. Christen glauben, Jesus handelte im Auftrag und als Sohn Gottes und verkündigte Gottes Reich, ein Reich, das mit der Predigt und dem Wirken Jesu seinen Anfang nimmt. Das hätte er hier bekennen können. Aber wäre das die richtige Antwort von Jesus gewesen, an diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt?

Später, vor Pilatus, betritt er keine der goldenen Brücken, die dieser ihm baut. Der meisterhaften Parade vor den Hohepriestern lässt sich sicherlich entnehmen, dass er nicht jede Gelegenheit beim Schopf ergreifen wollte, schnell zu Tode zu kommen. Darüber hinaus ist es aber möglich, dass er die Antwort auf die Frage der Hohepriester selbst nicht kannte, wenigstens zu diesem Zeitpunkt nicht — dass die Gegenfrage nicht nur rhetorisch war. Dag Hamarskjöld vertritt in seinem geistlichen Testament die Vorstellung, dass Jesus noch in der Abendmahlsszene als wahrer Mensch die Antwort auf die Frage nach seiner Berufung nicht kannte, nicht kennen konnte, und spürte, dass er sie erst im Tode würde finden können. Ein Tod im Zweifel also…

Ein echter Passionsvers.

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche.
Ulf von Kalckreuth