Bibelvers der Woche 39/2025

Es sage nun Israel: Seine Güte währet ewiglich.
Ps 118,2

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich!

Noch einmal ein Psalm, wie in der vergangenen Woche. Und einer, den ich sehr liebe. Den ersten Vers dieses Psalms hat mein Vater immer vor den Mahlzeiten gebetet: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich“. 

Der Psalm erzählt dann von der Rettung, die dem Betenden zuteil wurde und singt von der Heilserwartung für die Welt, immer ekstatischer — man meint zu hören, dass Teile davon gerufen, geschrien oder getanzt wurden. Psalm 118 gilt als Messiaspsalm, und in der Erzählung von Matthäus sangen die Menschen ihn, als Jesus in Jerusalem einzog (Mt 21,9). Eine Betrachtung des ganzen Psalms würde mich überfordern, aber ich stelle ihn unten ein. Bitte lesen Sie ihn, vielleicht ändert er Ihren Tag oder Ihr Leben. Am Ende steht wieder der Dank, mit denselben Worten, mit denen der Psalm einsetzt: ‚Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich‘. 

Wer dankt hier Gott? Die Verse 2-4 nehmen das Thema auf und gehen in die Beziehungsebene. Nacheinander treten drei Gruppen von Menschen auf die Bühne und werden mit einer eigenen Beziehung zu Gott erkennbar.  

Es sage nun Israel:
Seine Güte währet ewiglich.
Es sage nun das Haus Aaron:
Seine Güte währet ewiglich.
Es sagen nun, die den HERRN fürchten:
Seine Güte währet ewiglich.

Vielleicht sind sie in der alten Zeit wirklich vorgetreten und haben je gesondert die Güte Gottes bekannt, ich stelle mir das so vor. Vers 2, den wir gezogen haben, thematisiert das Volk Gottes. Israel ist in besonderer Weise „Gottes Eigentum“, wer diesem Volk angehört, hat eine Beziehung zu Gott, die mit der Geburt beginnt. Vers 3 nennt die Söhne Aarons, also die Priester. Sie stammen von Urpriester Aaron ab, dem Bruder Mose. Die Katholiken haben die Vorstellung einer direkten Nachfolge aufgenommen: Römisch-katholische Priester stehen in einer ‚apostolischen Sukzession‘ zu Petrus, durch eine ununterbrochenen Kette von Priesterweihen. Priestertum ist in besonderer Weise Berufung, es gehört eine lange Ausbildung dazu und Ausschließlichkeit. Jüdische Priester durften kein Land besitzen oder bearbeiten, katholische Priester stehen abseits von Ehe und Familie. 

Der Psalm kennt noch eine dritte Beziehung zu Gott  — „Es sagen nun die, die den Herrn fürchten: seine Güte währet ewiglich“. Die „Gottesfürchtigen“, jirei adonai, sind Nichtjuden, die sich dem Herrn zuwenden und ihn anbeten, freiwillig gewissermaßen, ohne dazu per Geburt auserwählt oder verpflichtet zu sein. Ursprünglich waren das im Lande ansässigen Nichtisraeliten. Später gehörten auch Ausländer dazu. Im Tempel gab es nicht nur einen eigenen Vorhof für Frauen, sondern auch für Heiden. Judentum war keine Religion, sondern eine Volkszugehörigkeit, aber in römischer Zeit beteten in den Synagogen neben den Juden auch sogenannte Proselyten, Nichtjuden, die sich Gott dem Herrn verschrieben hatten. Sie werden hier gesondert genannt. 

Als ich den Psalm mit meiner Hebräischlehrerin las, sagte ich ihr, dass dies wohl „meine“ Gruppe sei. Aus jüdischer Perspektive richtig, sie widersprach nicht. Ich weiß, dass sie mich lieber in der ersten Gruppe gesehen hätte. Im Christentum gibt es die drei Gruppen auch. Da sind die ‚geborenen‘ Christen, in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, als Kind getauft oder, in Freikirchen, als Heranwachsender oder junger Erwachsener. Da sind die Priester und Pfarrer, Diakone, Religionslehrer, Ordensleute, Missionsschwestern und Diakonissen, mit ihrer dezidiert beruflichen und auch ausschließlichen Zuwendung. Und da sind diejenigen, die Gott auf anderem Weg gefunden haben, oder Gott sie. Sagt uns der Psalm, dass die Beziehung dieser Menschen zu Gott etwas Besonderes bleibt? Und zu welcher Gruppe gehöre ich selbst? Kan das im Leben einem Wandel unterliegen?

Hier ist nun der ganze Psalm, in der Übersetzung von 1984. Wenn sie ihn lese, denken Sie daran, dass er für alle drei Gruppen spricht, die anfangs hervortreten. Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche. Dies ist der Tag, den der HERR macht, lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen!

Ulf von Kalckreuth

Psalm 118

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.

Es sage nun Israel:
Seine Güte währet ewiglich.
Es sage nun das Haus Aaron:
Seine Güte währet ewiglich.
Es sagen nun, die den HERRN fürchten:
Seine Güte währet ewiglich.

In der Angst rief ich den HERRN an;
und der HERR erhörte mich und tröstete mich.
Der HERR ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht;
was können mir Menschen tun?
Der HERR ist mit mir, mir zu helfen;
und ich werde herabsehen auf meine Feinde.
Es ist gut, auf den HERRN vertrauen
und nicht sich verlassen auf Menschen.
Es ist gut, auf den HERRN vertrauen
und nicht sich verlassen auf Fürsten.

Alle Heiden umgeben mich;
aber im Namen des HERRN will ich sie abwehren.
Sie umgeben mich von allen Seiten;
aber im Namen des HERRN will ich sie abwehren.
Sie umgeben mich wie Bienen, /
sie entbrennen wie ein Feuer in Dornen;
aber im Namen des HERRN will ich sie abwehren
Man stößt mich, dass ich fallen soll;
aber der HERR hilft mir.
Der HERR ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.

Man singt mit Freuden vom Sieg /
in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des HERRN behält den Sieg!
Die Rechte des HERRN ist erhöht;
die Rechte des HERRN behält den Sieg!
Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des HERRN Werke verkündigen.
Der HERR züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.

Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,
dass ich durch sie einziehe und dem HERRN danke.
Das ist das Tor des HERRN;
die Gerechten werden dort einziehen.
Ich danke dir, dass du mich erhört hast
und hast mir geholfen.

Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist vom HERRN geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen.

Dies ist der Tag, den der HERR macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
O HERR, hilf!
O HERR, lass wohlgelingen!
Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!
Wir segnen euch, die ihr vom Hause des HERRN seid.

Der HERR ist Gott, der uns erleuchtet.
Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!
Du bist mein Gott und ich danke dir;
mein Gott, ich will dich preisen.

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.

Bibelvers der Woche 38/2025

Ps 4,3: David und die Lüge. Ulf von Kalckreuth mit Dall-E, September 2025

Liebe Herren, wie lange soll meine Ehre geschändet werden? Wie habt ihr das Eitle so lieb und die Lüge so gern! (Sela.)
Ps 4,3

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Lüge und Wahrheit

Als ich in den Vers in der vergangenen Woche zog, glaubte ich, sofort zu verstehen. Hier ruft die gequälte Seele eines Opfers seiner Umgebung und ihrer Hierarchien. In einer großen Organisation bekommt man genügend Anschauungsmaterial: Wer nicht in den Kram passt, wird zur Zielscheibe, viele zerbrechen daran. Ich las den Vers meiner Frau vor und sagte ihr: „Dieser Psalm 4 ist gewiss kein Psalm Davids“. 

Und ich lag falsch. Hier spricht König David. Wer sind denn die „lieben Herren“, von denen er so bitter spricht? Die Granden seines Hofs, die Stammesfürsten, auf deren Wohlwollen er angewiesen war, die Könige und Fürsten anderer Reiche? Von Willy Brandt wird gesagt, dass sein Aufstieg sich auf einer Kette von Demütigungen vollzog — vielleicht hat auch David das so empfunden?

Es geht hier um eine Grunderfahrung, die Könige und Bettler teilen, und auch Angestellte.

Der Psalm spricht vom Vertrauen in Gott, Gott als Bezugspunkt, der alles heilt. Wenn Menschen  zueinander in Konflikt stehen, hat jeder „seine“ Wahrheit und glaubt sie in der Regel selbst. Und die Wahrheit des einen ist dem anderen Lüge. ‚Was ist Wahrheit‘, fragt Pilatus, und nur an der Oberfläche ist das Ironie.  Die eine, intersubjektiv nachprüfbare Wahrheit der Wissenschaftstheoretiker gibt es im sozialen Gegeneinander nicht, es gibt so viele Wahrheiten wie Beteiligte und machmal noch einmal so viel. Schmutzig wird die Welt dabei und — ja, demütigend.  

Gott als Bezugspunkt. Gott als Lokus der Wahrheit — wenn zwei miteinander reden und beide denken an Gott, dann werden sie dieselbe Wahrheit sehen. Davon bin ich überzeugt. Und wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. 

Der Herr behüte uns in dieser Woche und erhalte unsere Wahrhaftigkeit,
Ulf von Kalckreuth

Nachtrag: Über Gott und die Wahrheit lässt sich viel finden in der Bibel. Heute (Samstag) Abend bin ich durch Zufall auf zwei Verse gestoßen, die ich hier weitergeben will:

Doch es kommt die Zeit – ja, sie ist schon da –, in der die Menschen den Vater überall anbeten werden, weil sie von seinem Geist und seiner Wahrheit erfüllt sind. Von solchen Menschen will der Vater angebetet werden. Denn Gott ist Geist. Und wer Gott anbeten will, muss von seinem Geist erfüllt sein und in seiner Wahrheit leben.
Joh 4, 23-24, zitiert nach „Hoffnung für alle“

Bibelvers der Woche 37/2025

Und Mose redete mit ihnen samt Eleasar, dem Priester, in dem Gefilde der Moabiter, an dem Jordan gegenüber Jericho,…
Num 26,3

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

601.730 + 23.000

Wer war der erste Volkszähler? Moses, denn er zählte gleich zweimal das Volk: zum ersten Mal nach dem Auszug aus Ägypten, und dann 38 Jahre später nochmals, in Vorbereitung auf den Einfall in das Gelobte Land Kanaan. Von der ersten Volkszählung hat das Buch ‚Numeri‘ seinen Namen, und um die zweite Volkszählung geht es in unserem Vers. 

Die neueren Lutherbibeln übersetzen „Und Moses und Eleasar zählten sie…“ aber ich habe nachgeschaut; im hebräischen Original steht „redete mit ihnen„. Die alte Übersetzung ist genauer und informativer. Mose hat das Volk nicht selbst gezählt, sondern er sprach mit den Stammesfürsten, die sich wiederum an die Clanhäupter wandten, die Familien unter sich hatten, usw. 

Gab es denn ein Problem? Ja! Man muss sich die Gespräche mit den Stammesfürsten eher als Verhandlungen denken. Denn wer bei der Musterung viele Männer meldete, mußte in den bevorstehenden Kriegen entsprechend viele Kämpfer stellen. Da war es besser, wenn die Familie, der Clan, der Stamm nicht gar so groß war… Mose mußte mit einer erheblichen Untererfassung rechnen. Aber unterstützt vom Herrn sorgte er für Anreize. Bei der bevorstehenden Landverteilung sollten die Stämme entsprechend ihrer Größe berücksichtigt werden. Engagement will eben belohnt sein.

Volkszählung vor der Überquerung des Jordan
Volkszählung vor der Überquerung des Jordan

Am Ende stehen zwei Zahlen: 601.730 männliche Israeliten im Alter von 20 Jahren und darüber, außerdem 23.000 Leviten, die kein Land erhielten und sich am Kriegsdienst nicht beteiligten. „Wer das Volk zählt, bereitet den Krieg vor.“ Das war ein Schlachtruf im Kampf um die Volkszählung 1987, in dem ich selbst aktiv war — als Zähler. Hier, am Anfang der Geschichte Israels, ist der Satz buchstäblich wahr.

Beim Nachdenken fallen mir zwei Bilder aus unseren Tagen ein: 

  • Angesichts der äußeren Bedrohung sollen in Deutschland die jungen Männer befragt werden, ob sie gegebenenfalls bereit sind, freiwillig das Land mit der Waffe zu verteidigen. Auf das Ergebnis bin ich gespannt, und das ist keine Ironie. Engagement will belohnt sein — wenn nicht materiell, so doch wenigstens ideell. Wird jemand mit ‚ja‘ antworten, wenn er dafür von seinen Freunden, Bekannten und Verwandten für dumm gehalten wird? Und wenn alle ’nein‘ sagen, was will unsere Regierung tun? Der Chef des DIW denkt laut über das reiche, rüstige und schnell wachsende Potential nach, das unser Land in Gestalt seiner Rentnerinnen und Rentner hat… 

  • Josua lebt, und heute heißt er Netanjahu. Der israelische Präsident hat weitere 60.000 Reservisten eingezogen und lässt seine Armee in diesen Tagen und Stunden Gaza-Stadt erobern, gegen den nachdrücklichen Rat seines Armeechefs Eyal Zami. Die Bevölkerung in Gaza hungert. Im Westen weist die Regierung große neue Siedlungsgebiete aus und zerschneidet das Westjordanland. Das Center for European Policy Studies (CEPS), ein angesehener Think Tank, hat einen offenen Brief einer großen Gruppe ehemaliger Diplomaten aus mehreren europäischen Staaten veröffentlicht. Darin werden harte Sanktionen gegen Israel gefordert. Mit großem Erstaunen beobachte ich mich selbst und stelle fest, dass ich die Forderung für berechtigt halte und sie unterstütze. 

Wie bringt man diese Bilder zusammen? Rechts und Links, konservativ und progressiv, sind untauglich geworden als Kategorien für die Orientierung, wenn sie denn jemals getaugt haben. Was kann helfen, in Deutschland und in Israel? Klare Ziele, ein breit verankertes Wertfundament und eine nüchterne Bestandsaufnahme der Notwendigkeiten und Möglichkeiten — und dabei auf Gott vertrauen. Von Moses lernen… 

Der Herr behüte uns alle!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 36/2025

Und da Haman hineinkam, sprach der König zu ihm: Was soll man dem Mann tun, den der König gerne wollte ehren? Haman aber gedachte in seinem Herzen: Wem sollte der König anders gern wollen Ehre tun denn mir?
Est 6,6

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Wer anderen eine Grube gräbt…

Haman ist im Judentum eine Schreck- und auch Spottgestalt. Eine Schreckgestalt, weil er das Judentum ausrotten wollte, physisch — alle sollten sterben, an einem einzigen Tag. Fast schon war Haman am Ziel. Der persische König, Herr der Welt, hatte auf sein Betreiben den Befehl schon gegeben und per Boten in den entferntesten Ecken seines Riesenreichs verkünden lassen. 

Aber auch eine Spottgestalt ist Haman, weil er am Ende in seine eigene Grube fällt und darin umkommt. Das Fest Purim erzählt vom Sieg der Königin Esther und vom Untergang des archetypischen Schurken Haman. An Purim werden „Hamanohren“ gebacken, süß und köstlich.

Im Vers deutet sich das Ende der Erzählung bereits an. Der König fragt Haman, was er denn tun könne, um jemanden zu ehren, der diese Ehre verdient hat. Haman glaubt, dass er derjenige sei, dem diese Ehre zukommen soll. Nun, so denkt er, ist der Moment gekommen, wo er sich wie im Märchen wünschen kann, was er will. Und er offenbart sich. Er wünscht sich die Kleidung des Königs und das Ross des Königs, er will öffentlich geehrt werden wie der König, und es wird sehr deutlich, dass er eigentlich selbst der König sein will.

Die Ehre aber, deretwegen der König Rat erbittet, soll Hamans Erzrivalen Mordechai gelten, einem Juden, den Haman abgrundtief hasst. So kommt denn alles, was Haman für sich selbst wünscht, seinem Rivalen zugute, und Haman selbst muß dessen Ehre öffentlich ausrufen, in dem er zu Fuß dem Pferd des Rivalen voranschreitet. Für diesen aber hatte Haman bereits einen Galgen bauen lassen, und am Ende der Erzählung baumelt Haman selbst daran. Vertauschte Welt: Mordechai bekommt, was Hamann für sich selbst haben will, und Haman geschieht, was er selbst für seinen Feind vorsieht. Und im Großen kommen nicht die Juden um, sondern alle ihre Feinde. 

Wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst, und sogar unsere Feinde. Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein — die Bibel wiederholt dies nicht weniger als dreimal, in Spr 26,27, Ps 7,16 und Sir 27,26. Hamann stirbt am Ende daran, dass er sein eigenes Glück im Unglück seiner Feinde sieht. Das Buch Esther ist eine Lehrgeschichte. Was wir den anderen zuwenden, strahlt auf uns selbst zurück, und hat dabei kosmische Konsequenzen. Mechanisch fast, so funktioniert die Welt, so will Gott sie. Oft stehen in Lehrgeschichten der Bibel  die Entscheidungen der Könige für die Wertungen Gottes. So auch hier. 

Haman ist Spottfigur, und in unseren Gefühlen und Wertungen anderen gegenüber müssen wir aufpassen, dass es uns nicht genauso geht.

Wie würde das klingen? Der Herr segne unseren Nächsten und behüte ihn. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten auch über unseren Feinden. Er erhebe sein Angesicht auf uns alle, und gebe uns gemeinsam seinen Frieden. 
Ulf von Kalckreuth

Ein Nachgedanke: Eigenartig, wie gut der Vers zu dem der vergangenen Woche passt.

Bibelvers der Woche 35/2025

Der ganzen Gemeinde sei eine Satzung, euch sowohl als den Fremdlingen; eine ewige Satzung soll das sein euren Nachkommen, dass vor dem HErrn der Fremdling sei wie ihr.
Num 15,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Perfekte Nicht-Diskriminierung

Ein erstaunlicher Vers. In dem Abschnitt geht es eigentlich um ein Detail im Opferritus — wer ein Brandopfer bringt, soll dazu eine bestimmte Menge feines Mehl und Öl geben, abgestuft nach der Größe des Opfertiers. Das Opferfleisch diente zu großen Teilen der Ernährung der Priester, und da waren Mehl und Öl auch wichtig.

Diese Regel, so heißt es, gilt für einheimische Israeliten. Wenn aber ein Fremder bei ihnen wohnt und dem Herrn opfern will, so soll auch er es so halten. Das mag noch fiskalisch motiviert sein, auch die Fremdlinge sollen Mehl und Öl geben. Schließlich folgt ein dritter Schritt, völlig losgelöst vom Opfer: es soll überhaupt nicht unterschieden werden zwischen Einheimischen und Fremden. Das ist unser Vers. Ein perfektes Diskriminierungsverbot: alle Regeln gelten gleichermaßen für alle. Das wird mit einer Emphase ausgesprochen, die sich kaum steigern lässt. Oft geht das erste Testament so vom Konkreten zum Abstrakten. Hier ist der ganze Absatz (Vers 13-16):

Wer ein Einheimischer ist, der soll es so halten, wenn er dem HERRN opfern will ein Feueropfer zum lieblichen Geruch. Und wenn ein Fremdling bei euch wohnt oder unter euch bei euren Nachkommen lebt und will dem HERRN ein Feueropfer zum lieblichen Geruch darbringen, so soll er es halten wie ihr. Für die ganze Gemeinde gelte nur eine Satzung, für euch wie auch für die Fremdlinge. Eine ewige Satzung soll das sein für eure Nachkommen, dass vor dem HERRN der Fremdling sei wie ihr. Einerlei Gesetz, einerlei Recht soll gelten für euch und für den Fremdling, der bei euch wohnt.

Ich bin überrascht — diese Bestimmung kannte ich nicht. Im ersten Testament wird oft genug recht deutlich unterschieden zwischen Israeliten und Fremden. So dürfen Hebräer unter Volksgenossen keine Sklaven nehmen, unter Nicht-Israeliten sehr wohl. Und es gibt strenge Regeln hinsichtlich Heirat und Erbe. 

Man muß den Vers zweimal lesen. Perfekte Nicht-Diskriminierung, ohne jede Ausnahme. Wie gut passt das zu Israel heute, wie gut zu seiner von religiös-orthodoxen Parteien energetisierten Politik hinsichtlich der Palästinenser in Gaza und im Westjordanland? Heute, am Mittwoch, den 20.08.2025 lese ich auf Seite 1 meiner Zeitung, dass vom israelischen Parlament der Bau einer großen Siedlung genehmigt wurde, die das Westjordanland in zwei Hälften zerschneiden wird. Außerdem ist die militärische Eroberung von Gaza-Stadt beschlossen. 60.000 Reservisten werden dafür neu eingezogen, der Dienst von 20.000 Reservisten wird verlängert. 

Und die Christen, z.B. in den USA und Europa?

…eine ewige Satzung soll das sein euren Nachkommen, dass vor dem HErrn der Fremdling sei wie ihr.

Da klingt eine Melodie auf, wie Frieden und Gerechtigkeit. Nicht leise, sondern laut. Das Gebot bindet auch Fremdlinge, für sie gibt es ebensowenig Sonderrechte wie für Einheimische. Wie steht es damit bei uns? 

Das Wort ‚Fremdling‘ gilt hierzulande heute als politisch inkorrekt, ebenso wie ‚Flüchtling‘. Warum eigentlich? Es könnte abwertend sein, wird gesagt. Interessant. Und auch sehr bequem — wie lässt sich Diskriminierung feststellen, wenn Unterschiede sprachlich nicht zugelassen sind? So segne uns Gott und behüte uns. Und den Fremdling, der bei uns wohnt.
Ulf von Kalckreuth 

P.S. Auf meine Frage bekam ich schnell eine Antwort, gleich am Tag danach. Derzeit findet im Frankfurter Grüneburgpark das ‚System Change Camp‘ statt, wo sich zehn Tage lang rund 1000 linksdrehende, meist junge Menschen aus ganz Deutschland treffen, die die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Jeden Tag fahre ich zweimal vorbei, und manchmal gucke ich auch herein. Es ist eine für mich recht weit entfernte, exotische Welt, aber ich will sehen und lernen. Fremde nennt man im Aktivistencamp ‚migrantisch gelesene Personen‘. Der Sprechende erlaubt sich dabei kein Urteil, ob die so angesprochene Person zugewandert ist oder nicht, es wird statt dessen festgestellt, dass sie als Migrant oder Migrantin wahrgenommen wird — noch genauer: sie wird so ‚gelesen‘. Beim Lesen wird die Wahrnehmung aktiv vom Betrachter selbst erzeugt, geht also nicht vom Betrachteten aus. 

Echt jetzt? Bleibt zu hoffen, dass die als migrantisch gelesenen Personen verstehen, wenn über sie gesprochen wird. Wie schön ist da die klare Sprache der Bibel!

Bibelvers der Woche 34/2025

Psalm 139, 19-22. Ulf von kalckreuth mit Dell-E, 15. August 2025

Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.
Ps 139,20

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Gottes Feinde und meine Feinde

Wir haben eine Doublette: der selbe Vers wurde vor knapp zweienhalb Jahren schon einmal gezogen, als Bibelvers der Woche 12/2023. Und es ist nicht die erste. Vor zwei Jahren wurde als BdW 29/2023 ein Vers gezogen, der schon früher in Erscheinung getreten war — hier ist meine Betrachtung dazu. Wie damals schon gesagt: Doubletten sind nichts überraschendes. Wir haben im Lauf der Jahre 440 Bibelverse gezogen, das sind nun bereits 1,37% der Verse im Gesamtbestand der Bibel, und ebenso hoch liegt nun auch die Wahrscheinlichkeit, einen Vers erneut zu ziehen. Und das Woche für Woche, 52 Mal im Jahr. Mit zunehmender Zeit und Zahl der Ziehungen werden Doubletten immer wahrscheinlicher.  

Seinerzeit, vor zweieinhalb Jahren, stellte ich fest, dass ich der ersten Betrachtung eigentlich nichts hinzufügen konnte. Ich plante dann, die umfangreiche Ziehung mit den Betrachtungen nun endlich auszuwerten, aus der großen Ziehung ein Gesamtbild der Bibel zu erarbeiten. Im Anschluß hatte ich dazu aber weder die Zeit noch die Kraft. Ein Versuch, die Betrachtungen oder Teile davon in ein Buch zu fassen, scheiterte vorläufig. Statt dessen zog ich weiter. Der „Bibelvers der Woche “ hat eine Dynamik, die ich selbst nicht wirklich kontrolliere.

Im gezogenen Vers stellt der Betende fest, das die Feinde Gottes seine eigenen Feinde geworden sind, er „hasst sie mit ganzem Ernst“. Was kann ich meiner Betrachtung dazu hinzufügen? Vielleicht dies, im Anschluß an den Vers der vergangenen Woche: Der Umgang mit den Feinden — was auch immer es ist, das wir als feindlich erleben — ist für unser Leben ebenso prägend wie der Umgang mit Versagen und Schuld. Sind wir dabei auf die Zukunft bezogen, die wir uns wünschen? Oder auf die Vergangenheit, die wir fürchten? Wenn wir an das denken, was uns bedroht, können wir dabei gleichzeitig an Gott denken, der uns liebt? 

Der Name „Satan“ bedeutet auf Hebräisch „Verwirrer“ oder „Ankläger“. Ich liebe das Lied „Nun bitten wir den Heiligen Geist“. Es endet mit den Worten: Du höchster Tröster in aller Not: Hilf, daß wir nicht fürchten Schand noch Tod, daß in uns die Sinne nicht verzagen, wenn der Feind wird das Leben verklagen. Kyrieleis!

So sei es. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 33/2025

An deren Statt ließ der König Rehabeam eherne Schilde machen und befahl sie den Obersten der Trabanten, die an der Tür des Königshauses hüteten.
2 Chr 12,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Nicht vergessen!

Wir versagen. Bringen andere Menschen ins Unglück und uns selbst. Erfüllen Erwartungen nicht, die man zurecht an uns stellt. Sind manchmal böswillig, oder wenigstens nicht gutwillig, und lassen geschehen, was sich verhindern ließe. Sehen nicht, worauf es jetzt und heute wirklich ankommt, passen unsere Prioritäten nicht an, bleiben faul in den Verhaltensmustern, die wir uns irgendwann antrainiert haben. Wir sind Menschen. Wir verhalten uns falsch, wieder und immer wieder. 

Aber wie gehen wir damit um? 

Ein Vater hat einen Hang zum Jähzorn, und wenn ein Streit mit seinem halbwüchsigen Sohn eskaliert, kann er handgreiflich werden. Eines Tages geschieht es. Er gibt seinem Sohn eine Ohrfeige, und der Schlag fällt heftig aus, trifft Mund und Kinn. Der Junge stürzt. Dabei verletzt er sich weiter am Kopf. Er liegt am Boden. Auf Betreiben des Jugendamts wird dem Vater das Sorgerecht entzogen. Sein Sohn kommt in ein Heim. Im Mittelpunkt des Verfahrens steht ein Foto: sein Sohn, Auge und Nase ist geschwollen, die Lippen bluten. 

Achtung, Täterperspektive: Wie geht der Vater damit um?

König Rehabeam war als Hüter seines Volks und von Gottes Tempel bestellt. Seine verblendete Maßlosigkeit macht, dass das Großreich Israel auseinander bricht und sich zehn der zwölf Stämme von ihm abwenden. Dann lässt er sich auf einen Krieg mit Schischak ein, dem mächtigen Pharao in Ägypten. Dieser zieht mit seiner gewaltigen Streitmacht nach Jerusalem, nimmt es ein und macht Rehabeam zum tributpflichtigen Vasallen. Alle Schätze des Königshauses muss er abliefern, und alle Schätze des Tempels. Darunter auch die goldenen Schilde, die sein Vater Salomo für den Tempel hat fertigen lassen. 

Wie geht der König damit um? 

Er lässt sich gleichartige Schilde aus Kupfer oder Bronze anfertigen und weist seine Palastwache an, ihm diese Schilde zu zeigen, wann immer er den Tempel besucht, jedes Mal. Das hast du getan! Nicht vergessen! 

Das ist mehr als aussergewöhnlich. Fast immer verdrängen und vergessen wir ja. Es ist so, als ob der Vater im Gleichnis oben das Foto mit dem blutenden Gesicht seines Sohns auf seinen Schreibtisch stellte, so dass sein Blick und auch der anderer Menschen in seiner Nähe immer wieder darauf fallen muss. Das hast du getan! Nicht vergessen!  

Es ist nicht gleichgültig, wie wir umgehen mit unseren Verfehlungen, auch für die nicht, die darunter leiden. Wird der Vater jemals wieder zuschlagen, der dies Foto seines Sohnes auf dem Schreibtisch stehen hat?

In der biblischen Geschichte ist Gott gnädig mit Rehabeam. Der König kann weiter regieren und das Reich erholt sich. Gott helfe uns im Versagen. Und — wichtig! — er helfe uns zum rechten Umgang damit. In allem brauchen wir seinen Segen
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 32/2025

…wie der Mond soll er ewiglich erhalten sein, und gleich wie der Zeuge in den Wolken gewiss sein.” (Sela.)
Ps 89,38

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Glaube und Zweifel und Glaube

Wie der Mond, der stets aufs neue wiederkehrt, und in seinen Formen so verlässlich sich wandelt, dass die Hebräer ihren Kalender darauf stützen können. So verlässlich wie dieser Mond, der treue Zeuge in den Wolken, ist die Treue des Herrn zu König David und seinen Nachfolgern. Mit den Worten unseres Verses endet der erste Teil von Psalm 89, ein anrührender Lobpreis der Treue Gottes zu seinem Volk und den von Gott eingesetzten Königen.  Das Wort „Sela“ beschließt den Abschnitt.

Dann, unmittelbar anschließend, kommt der große Bruch: „Aber nun hast du verstoßen und verworfen, und zürnst mit deinem Gesalbten“. In der Gegenwart des Betenden ist die Treue Gottes ganz und gar abwesend — und wenn Treue Konstanz über die Zeit impliziert, ist sie aufgehoben, hat im Grunde nie bestanden. Die Treue Gottes ist unverbrüchlich und ewig — und nun ist sie aufgehoben und nichtig? Das ist eine Antinomie, ein Widerspruch, und er wird im Psalm nicht aufgelöst. Beide Aussagen stehen nebeneinander, gleichermaßen gültig, als Klage.

Sonnenfinsternis über Jerusalemf

Der Mond verfinstert die Sonne. Die Situation, in welcher der Betende sich an Gott wendet, ist katastrophal, und die Aspekte der Katastrophe werden genannt. Vermutlich ist der Psalm im babylonischen Exil entstanden oder noch zuvor, im Zusammenbruch des judäischen Reichs. Der Psalm ist blankes Unverständnis, aber gleichzeitig Ausdruck eines Glaubens der besonderen Art. Das Vertrauen in das Heilsversprechen Gottes besteht weiter, obwohl die Erfahrung unüberhörbar eine andere Sprache spricht — auf der Waage des Psalms sind die beiden Teile im Gleichgewicht. 

Und dann kommt dieses lakonische, heroische, rührende Ende: „Gelobt sei der HERR ewiglich! Amen! Amen!“ Der Sänger lobt Gott im Angesicht dieses Widerspruchs, ohne zu verstehen, ohne weiterhin Verständnis zu verlangen. Da ist eine Dialektik: Glaube — Zweifel — Glaube einer übergeordneten und reinen Art, der sich löst von der Empirie und selbst Voraussetzung wird. Sehr hart an der Grenze zur Widersinnigkeit. So mögen es die Babylonier empfunden haben, als sie sahen, wie die unterworfenen Judäer an ihrem Gott festhielten. Und so hat die Verbindung mit JHWH den Zeitenbruch überstanden.

Ein Glaubensbekenntnis sehr eigener Art. Wie ist es entstanden — aus einem Guss? Ist der erste Teil vielleicht älter? Hat jemand seine Klage im Angesicht der Katastrophe daneben gestellt, hat dann er oder jemand drittes die beiden Teile mit dem alles duldenden Schlussvers zueinander gefügt?

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche, in Glaube und Zweifel und Glaube,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 31/2025

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Denn sie hat viele verwundet und gefällt, und sind allerlei Mächtige von ihr erwürgt.
Spr. 7,26

Wie ein Hirsch, der ins Netz rennt…

Von wem ist die Rede? Boa Constrictor? Eine Amazone gerüstet zum Kampf? Nein, es ist die Hure. Keine bestimmte, sondern die Hure an sich, als abstrakte Größe. 

Das Kapitel, aus dem wir gezogen haben, enthält eine drastische Warnung vor Unzucht. Sie ist personifiziert durch eine Hure. Diese zieht wie ein Vampir durch die Stadt, hin und her, und sucht junge Männer, um sie in ihr Verderben zu ziehen. Das wird im Einzelnen beschrieben, mit fiktiven Dialogen, sehr eindrücklich und lebhaft. Die Beschreibung selbst entspringt wohl eher der Fantasie des Autors, und die Perspektive der Frau ist nicht gendergerecht berücksichtigt… Ich hatte schon einmal Gelegenheit, über das Kapitel zu schreiben — hier ist der Link zum Bibelvers der Woche 17/2018.

Ich bin gerade sehr eingeschränkt. Ich sitze auf einem Campingplatz auf Sizilien, bei fast 40°C im Schatten. Nichts und niemand bewegt sich hier. Ich habe keine gedruckte Bibel, nur mein Handy. Für die Zufallsziehung muss ich die App eines anderen Bibel-Afficionados benutzen: https://gratia-mira.ch/j3/. Normalerweise hätte ich diese Webform nicht angefasst, weil ich nicht weiß, was der Kollege im Einzelnen tut, und auf welcher Textgrundlage er zieht. Ich folge sonst sehr exakt meinem eigenen Protokoll. Es gibt eine Datei, die für jeden Vers der Bibel eine Zeile der Lutherbibel 2012 hat, und ich ziehe zufällig eine ganze Zahl zwischen 1 und 31.173, der Anzahl der Verse. Jede Zahl hat die selbe Ziehungswahrscheinlichkeit. Die gezogene Zahl gibt mir die Zeile, und die Zeile den Vers. Heute ist es eben anders. Die Alternative wäre gewesen, gar nicht zu ziehen.

Ich will folgendes tun. Schauen Sie sich den Text des Kapitels in Ruhe selbst an, er ist weder lang noch langweilig. Folgen Sie dem unverständigen Jüngling auf seinem Weg in die Fänge der Venusfalle, natürlich nur in der Betrachtung. Unser Vers ist so etwas wie die Zusammenfassung.

Hier ist der Link

Und wenn Sie möchten, können Sie sich beim Lesen Fragen stellen. An der Oberfläche spricht der Text von orientalischen Huren. Aber wenn man ihn ernst nimmt, geht es um entfremdete und instrumentalisierte Sexualität. Der Mann unterwirft seinen Willen dem der lockenden Frau und geht in sein Verderben, „wie ein Stier zur Schlachtbank geführt wird.“ Wovon würde das heute handeln? Nur von Prostitution? Welche Rolle spielen Pornographie, Social Media, sexualisierte Musikvideos? Was ist mit Werbung, die Sexualität mit Produkten der verschiedensten Art verbindet und den Betrachter zum willigen Käufer machen wollen, “wie ein Vogel zur Schlinge eilt und weiß nicht, dass es das Leben gilt”? Vor einigen Wochen war ganz Frankfurt zugepflastert mit Bildern von Heidi Klum und ihrer blutjungen Tochter Leni, die gemeinsam fast unbekleidet Werbung für Intimissimi machten, einem italienischen Label für Unterwäsche. Und Fremdgehen? Wie leicht können wir unser Leben und das Leben anderer beschädigen, „wie ein Hirsch, der ins Netz rennt, bis ihm der Pfeil die Leber spaltet.“

Wo sollten unsere Warnlampen leuchten? Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche, in Verbindung miteinander und mit unserem Herrn!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 30/2025

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Schrecken, Grube und Strick kommt über dich, du Einwohner in Moab, spricht der HErr.
Jer 48,43

Untergang und…

Das klingt bitter. Zum besseren Verständnis ist hier die Fortsetzung:

Schrecken, Grube und Schlinge über dich, du Volk von Moab!, spricht der HERR. Wer dem Schrecken entflieht, der wird in die Grube fallen, und wer aus der Grube herauskommt, der wird in der Schlinge gefangen werden; denn ich will über Moab kommen lassen das Jahr seiner Heimsuchung, spricht der HERR. Erschöpft suchen die Entronnenen Zuflucht im Schatten von Heschbon; aber es wird ein Feuer aus Heschbon und eine Flamme aus dem Hause Sihon ausgehen, welche die Schläfe Moabs verzehren wird und den Scheitel der kriegerischen Leute.

Eine klare Ansage. Moab, Erzfeind Israels im Osten, soll zerstört werden. Israel selbst ist existenziell bedroht. Wie eine Dampfwalze überrollen die Truppen Nebukadnezars das ganze Gebiet. Neu-Babylon war wie Phönix aus der Asche des altbabyloniischen Reichs erstanden, das nurmehr eine Schattenexistenz im gewalttätigen Großreich der Assyrer geführt hatte. Nebukadnezar und seinem Vater Nabopolassar war es gelungen, nicht nur die Eigenständigkeit zurückzugewinnen, sondern das Reich der Assyrer zu zerstören und aus seinen Trümmern ein neues Großreich zu formen. Israels König will die Gelegenheit zu nutzen, seinerseits die Selbstständigkeit zurückzugewinnen, aber er interpretiert die Zeichen der Zeit falsch.

Ich reise gerade mit meiner Tochter durch Süditalien. Mit anderthalb Stunden Verspätung hat unser Zug Neapel verlassen, irgendwann werden wir hoffentlich in Messina ankommen. Für unseren Bibelvers der Woche habe ich nur das Handy, noch nicht einmal eine gedruckte Bibel. Aber ich schöpfe nicht aus dem Nichts. Aus diesem Abschnitt kam letztmalig der BdW 52/2023. Zum Kontext habe ich ausführlich in der KW 44/2018 geschrieben, und auch der BdW 14/2019 handelt von dieser Prophezeiung. Heute habe ich eine kleine Beobachtung, die ich gern mit Ihnen teilen möchte. Die Prophezeiung selbst ist hart wie Beton. So glaubt man es zu kennen, das Alte Testament, oft sind diese Urteile verbunden mit einer Erzählung darüber, wie sie sich bestätigen. Hier aber distanziert sich zunächst der Prophet selbst von seiner Prophezeiung. Mit viel Emotionen drückt Jeremia seine Trauer aus und bittet den Herrn um Gnade für den verhassten Feind. Der Intermediär bleibt nicht passiv, sondern geht aktiv um mit seiner Botschaft. Und dann, am Ende, kommt eine Relativierung vom Herrn selbst. Vollkommen unvermittelt endet das Kapitel mit den folgenden Worten (Vers 47):

Aber in der letzten Zeit will ich das Geschick Moabs wenden, spricht der HERR. Das sei gesagt von der Strafe über Moab.

Ist das ein Echo auf die Verzweiflung Jeremia? Oder sollen wir hier etwas über Gott, den Herrn lernen? Wache, bete und harre auf das Ende?

Wo ich dies schreibe, verlasse ich einen langen Tunnel. Ich wünsche uns eine gesegnete Woche unter dem Schutz des Herrn,
Ulf von Kalckreuth