Bibelvers der Woche 36/2018

Und er suchte und hob am Ältesten an bis auf den Jüngsten; da fand sich der Becher in Benjamins Sack.
Gen 44,12

Und hier ist ein Link für den Kontext, zur Lutherbibel 2017

Vergeben

Den „Bibelvers der Woche“ gibt es nun seit etwa anderthalb Jahren. Anfangs standen die zufällig gezogenen Verse gänzlich zusammenhanglos nebeneinander. Nun scheinen sie gelegentlich miteinander zu sprechen. Ein Beispiel gab es in der vergangenen Woche, ein anderes waren die beiden Verse aus unterschiedlichen Paulusbriefen, die mit derselben Reise nach Jerusalem zu tun hatten. Und der heute gezogene Vers „spricht“ direkt mit dem Vers aus Woche 26/2018, Ende Juni, aus der Jakobsgeschichte: Laban und Jakob stehen sich in einem dramatischen Finale gegenüber — Laban hat Jakobs Zelt nach Diebesgut durchsucht und nichts gefunden.

Der für heute gezogene Vers ist aus der Josefsgeschichte. Diese erstreckt sich über 10 Kapitel, für Thomas Mann bot sie Stoff für einen vierbändigen Roman. Josef ist Wahrträumer, er versteht sich aber auch auf die Deutung der Träume anderer. Mit dem Bewusstsein der eigenen Herausgehobenheit und weil sein Vater Jakob ihm besonders zugeneigt ist, erregt er den Neid seiner Brüder. Sie werfen ihn in eine Zisterne und verkaufen ihn als Sklaven nach Ägypten. Seine Kunst als Traumdeuter bringt ihn nach einiger Zeit vor den Pharao. Josef deutet dessen Traum (sieben Kühe, sieben Ähren…) und bekommt den Auftrag, die Folgen der kommenden Hungersnot zu lindern. Damit wird er in Ägypten zum mächtigen Vizekönig.

Die Hungersnot führt seine Brüder aus Kanaan nach Ägypten. Sie wollen dort von dem unter Josef eingelagerten Getreide kaufen. Josef gibt sich nicht zu erkennen und schickt die Brüder mit Getreide wieder nach Haus, behält aber Simeon als Geisel. Er verlangt, dass bei der zweiten Reise auch Benjamin mitkomme. Dieser ist der Lieblingssohn des Vaters, wie Josef selbst ein Sohn Jakobs mit Rahel, der Liebe seines Lebens. Auch beim zweiten Mal erhalten die Brüder Getreide, aber wieder werden sie nach Hause geschickt. 

Im Sack von Benjamin lässt Josef einen silbernen Becher verstecken. Als die Brüder sich mit ihren Eseln auf den Rückweg gemacht hatten, schickt Josef seinen Majordomus hinter ihnen her und lässt sie bezichtigen: ein silberner Becher fehlt! Die Brüder schwören, dass derjenige sterben soll, bei dem er gefunden werde, und alle anderen sollen Josefs Sklaven sein. Der Haushälter sagt, es genüge, wenn derjenige Sklave wird, der den Becher genommen hat, die anderen sind frei. Nun kommt der gezogene Vers: der Becher wird bei Benjamin gefunden!

Wie bei Jakob und Laban ist die Suche nach Diebesgut hier Ausdruck und gleichzeitig Wendepunkt einer völligen Zerrüttung. Beide Male schwören die Beschuldigten, dass derjenige sterben soll, bei dem das Diebesgut gefunden wird. Es gibt auch sprechende Unterschiede: Bei Jakob wurde tatsächlich gestohlen, aber nichts gefunden. Bei Josef hingegen wurde nichts gestohlen, aber es wird etwas gefunden. Vorher verzichtet klug der Majordomus darauf, das tödliche Gelübde der Brüder anzunehmen: die Strafe könnte nicht umgesetzt werden.  

Den Brüdern müssen die Ohren geklungen haben, als der Majordomus ihre Habe durchsuchte. Sie alle (und Josef) waren ja dabei, als Laban seinerzeit Jakobs Zelt durchforsten ließ. Und nun müssen sie gedemütigt mit ihren Eseln dem Haushälter zurück in die Stadt folgen, zu dem fremden Machthaber und seinem Gerichtsspruch. Bei der dritten Begegnung in Josefs Palast bittet Juda, dass er selbst anstelle von Benjamin Sklave sein möge. Es wäre sonst zu viel für den Vater. Josef ist zu Tränen gerührt und gibt sich den Brüdern zu erkennen.

Warum nicht gleich? Warum das „retardierende Moment“, mit den zwei Reisen, dem untergeschobenen Becher und der Durchsuchung? Dramaturgisch wird hier ein bereits eingeführtes Motiv genutzt und variiert, wie in Filmen, bei denen einem bestimmten Motiv (Liebe, Kampf, Mord) je eigene musikalische Themen zugeordnet sind. In der Erzählung kann Josef damit seine bereits beträchtliche Überlegenheit noch steigern: er hat die wirtschaftliche Macht, er hat die physische Macht, und der „Diebstahl“ gibt ihm nun auch die moralische Macht, verbunden mit einer Richterrolle. Vergebung setzt voraus, dass man auch anders verfahren kann — aus einer Position der Unterdrückung heraus ist sie nicht möglich. Vielleicht will er sehen, wie die Brüder mit Benjamin verfahren. Dessen Rolle in der Brüderschar ist der von Josef recht ähnlich. Vielleicht aber kennt Josef selbst noch nicht das Ende, als er den Becher verstecken lässt.

Unter Tränen interpretiert Josef das Geschehene als eine Fügung Gottes. Die Brüder sollen sich über ihren Anschlag nicht grämen: zu dem brutalen Zerwürfnis sei es gekommen, damit Josef in Ägypten die Möglichkeit habe, die Folgen der schrecklichen Hungersnot von der Familie in Kanaan abzuwenden. Mit dieser Figur räumt er die Schuld aus der Welt. Welch eine Selbstverleugnung! Josef braucht alle Kraft, derer er habhaft werden kann, um den Abgrund zu überwinden — den zwischen ihm und den Brüdern ebenso wie den Abgrund in sich selbst.

Sich gegenseitig zu durchsuchen, zu filzen, ist die Spitze des Misstrauens. Danach kann eigentlich nichts mehr kommen. Aber in beiden Geschichten steht die entwürdigende Durchsuchung unmittelbar vor einem Akt der radikalen Vergebung durch Verzicht, einseitigem Verzicht. 

Wir beten „…wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Was genau meinen wir damit? Was ist hier gefordert, und was können wir geben? 

Ich wünsche jedem von uns, dass er oder sie in naher Zukunft einem Schuldiger vergeben kann — vielleicht in dieser Woche?
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 35/2018

Und Darius aus Medien nahm das Reich ein, da er zweiundsechzig Jahre alt war.
Dan 6,1

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Auch wenn die Löwen brüllen

Der Vers führt uns zurück zum Buch Daniel. Vor vier Wochen, in Woche 31, hatten wir einen Vers zu einem Bewahrungswunder — die „drei Männer im Feuer“. Der gezogene Vers leitet die Erzählung des anderen bekannten Bewahrungswunder im Buch ein: „Daniel in der Löwengrube“. Hier ein Link zum Vers der Woche 31/2018.

Um welches Reich geht es? Das Königreich Juda war vom babylonischen König Nebukadnezar als politisches Gebilde vernichtet worden, und die jüdische Oberschicht und in Babylon angesiedelt worden. Einige Jahrzehnte später unterlag das Neubabylonien seinerseits dem Perserkönig Kyros II. Der König Darius im Vers ist nicht Dareios der Große von Persien, sondern vielleicht ein medischer Satrap von Kyros II.

Der gezogene Vers erzählt also von einem Neubeginn nach einem Untergang. Wie geht es jetzt weiter? Ein neuer König, eine neue Zeit. Für Daniel wohnt diesem Anfang durchaus ein Zauber inne. Darius schätzt ihn ganz außerordentlich und macht ihn zu einem der drei mächtigsten Männer unter ihm. Er steht kurz davor, ihm Verantwortung für das ganze Reich zu geben. Dann führt eine Intrige seiner Konkurrenten dazu, dass beinahe alles vorbei ist: Der Mederkönig muss dem eigenen Gesetz gehorchen und Daniel den Löwen zum Fraß vorwerfen. Aber die ausgehungerten Tiere verweigern sich. Darius erkennt das Zeichen und wirft anstelle Daniels dessen Verleumder den Löwen vor, diesmal mit dem erwarteten Ergebnis. Und wie seinerzeit Nebukadnezar bekennt auch er nun im ganzen Reich die Macht des jüdischen Gottes.

Eine neue Zeit… Wenn sich die Bedingungen grundlegend ändern, entstehen neue Möglichkeiten und neue Gefahren. Beides ist anfangs schwer abzusehen. Das macht die neue Zeit so aufregend. Der Vers und die von ihm eingeleitete Geschichte verweisen uns auf den Schutz des lebendigen Gottes und auf seine Treue. Wir dürfen neue Zeiten als Chance sehen, nicht als Bedrohung — selbst wenn ganz in unserer Nähe die Löwen brüllen…

Eine Woche voller neuer Chancen wünscht uns
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 34/2018

…daß eure Nachkommen wissen, wie ich die Kinder Israel habe lassen in Hütten wohnen, da ich sie aus Ägyptenland führte. Ich bin der HErr, euer Gott.
Lev 23,43

Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017

Ein Fest, das den Christen fehlt…!

Der Vers steht im 3. Buch Mose (Levitikus). Das Buch befasst sich vornehmlich mit den Aufgaben der Priester, den unterschiedlichen Arten von Opfern, Festen, Reinheitsgeboten, sexuelle Verbote sowie Gebote allgemeiner Art für das menschliche Miteinander, im Anklang an die zehn Gebote. Abschnitt 23 führt die großen Feste ein, angefangen beim Schabbat. Der gezogene Vers steht in der Setzung des Laubhüttenfests, genannt Sukkot (Pl. von ‚Hütte‘). Im Christentum ist dieses Fest weitgehend unbekannt. 

Sukkot steht, ebenso wie die beiden anderen großen Opferfeste, ursprünglich in einem landwirtschaftlichen Zusammenhang. Es war ein Erntefest. Später wurde es religiös mit der Wüstenwanderung der Israeliten verbunden und sollte an die Zeit erinnern, in der man auf der Flucht in Laubhütten schlief, schutzlos, von Gott getragen. Die Feier dauert eine Woche, und das Fest ist ausdrücklich als „fröhliches Fest“ eingesetzt: „Ihr sollt am ersten Tage Früchte nehmen von schönen Bäumen, Palmwedel und Zweige von Laubbäumen und Bachweiden und sieben Tage fröhlich sein vor dem HERRN, eurem Gott“ (Vers 40). Vorgeschrieben waren Feueropfer; die Rituale zum Fest kreisen aber um Wasser, das lebensspendende Element. Im Johannesevangelium ruft Jesus am letzten Tag des Laubhüttenfests alle, die Durst haben, zu sich. Auch heute noch wollen Juden möglichst viele der sieben Feiertage mit ihren Familien in improvisierten Laubhütten zu verbringen. Es ist eines der Hochfeste im Judentum, in diesem Jahr wird es vom 23. September bis zum 30. September gefeiert.

Die beiden anderen großen Wallfahrtsfeste der Juden, Pessach und Schawu’ot, haben die Christen mit modifizierter Bedeutung als Ostern und Pfingsten in ihren Festkalender übernommen. Das Laubhüttenfest nicht. Gar nicht? 

Sein Charakter als Erntefest ist in unserem Entedank enthalten, und Schutzlosigkeit in Gottes Hand (Flüchtlinge, Krippe…) ist eine der vielen Frequenzen, auf denen unser Weihnachtsfest strahlt. 

Der Prophet Sacharja (Sach 14, 16-19) sagt, dass im messianischen Zeitalter Sukkot das allumfassende Regenfest sein wird, an dem die benachbarten Völker nach Jerusalem pilgern, um dort den HERRN anzubeten. Es wäre dann eine genuin messianische Feier, für Juden und Nichtjuden. 

Vielleicht fehlt uns Christen ja doch noch ein wichtiges Fest…

Ich wünsche uns eine fröhliche Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 33/2018

Joas aber sprach zu allen, die bei ihm standen: Wollt ihr um Baal hadern? Wollt ihr ihm helfen? Wer um ihn hadert, der soll dieses Morgens sterben. Ist er Gott, so rechte er um sich selbst, dass sein Altar zerbrochen ist.
Ri 6,31

Was ist Wahrheit?

Hier ist der Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. Der folgende Vers 32 gehört untrennbar dazu, daher sei er hier angefügt: 

Von dem Tag an nannte man Gideon Jerubbaal, das heißt „Baal streite mit ihm“, weil er seinen Altar niedergerissen hat.

Wenn man lange genug auf einen Vers blickt, geraten manchmal Kategorien ins Wanken. Das Richterbuch erzählt von einer Zeit großer Unbestimmtheit. Das Gelobte Land ist erobert — oder vielleicht doch nicht? Liest man die ersten Seiten des Richterbuchs, so hat es eher den Anschein, als bewohnten die Israeliten in Kanaan einzelne Geländetaschen, und sind ihren jeweiligen Nachbarn mal überlegen, mal unterlegen, mal im Frieden. Das „Volk“ Israels besteht aus zwölf Stämmen, die kaum kooperieren, manchmal sogar Krieg gegeneinander führen und außer ihrem Gott wenig gemein haben. Und oft noch nicht einmal diesen: die Kulte der Kanaaniter um Ba’al und Astarte sind allgegenwärtig und sehr attraktiv für die Stämme. Und warum auch nicht? Die Idee von Gott, seine „Person“, unterscheidet sich noch nicht sehr von der anderer Götter in Kanaan. Aber auch in dieser frühen Zeit ist bereits das Bilderverbot ein hartes Unterscheidungsmerkmal.

Der Abschnitt, in dem der Vers steht, handelt von Gideon, dem Sohn des Joas. Für ihn gibt es in zwei Erzählkreisen zwei Namen. Als junger Mann zerschlägt er die Altare Baals, die seinem Vater gehören, und zerhackt die Statue der Astarte. Er nimmt das Holz der Statue, um dem Gott Israels ein Opfer zu bringen. In diesem Erzählkreis heißt er Gideon, der gezogene Vers steht an seinem Ende. In der folgenden Erzählung schlägt er vernichtend die Midianiter, welche die Israeliten hart bedrücken. Hier heißt er an mehreren Stellen „Jerubbaal“. Der Name lässt aufhorchen. Er bedeutet „Baal streitet“. Es ist ein „theophorischer“ Name, wie Jisra’el (Gott kämpft) und Jisma‘el (Gott hört). Im zweiten Teil dieser Namen steht „El“, eines der Namen Gottes, der erste Teil ist das Imperfekt eines Verbs in der 3. Person Sg. Ähnlich gebildet ist auch Johannes („Gott ist gnädig“), wobei dort die Kurzform „Ja“ des Gottesnamens in der ersten Silbe steht. 

Der Name „Jerubbaal“ bezieht sich deutlich hörbar nicht auf den Gott Israels, sondern auf Baal! Der Kämpfer gegen Baal trägt also einen Namen, der ihn unter den Schutz Baals stellt. Die Verse 31 und 32 adressieren dieses Problem und machen zwei Festlegungen. Zum einen wird der Name politisch korrekt gedeutet — Jerubbaal heißt nicht einfach „Baal streitet“, sondern der Name bedeutet „Baal soll nur streiten (wenn er kann)“. Grammatisch ist das denkbar, das hebräische Imperfekt gibt das her, und mit dieser Interpretation wäre es ein Spottname auf Baal — allerdings einer mit einem enormen Potential für Missverständnisse. Weiterhin stellen die beiden Verse fest, dass Gideon den Namen Jerubbaal als Zweitnamen erhält, wie Jakob den Namen Jisra‘el. Die mit diesen beiden Namen bezeichneten Personen sind also in Wahrheit eine einzige.

Und wenn die Verse nicht im Buch stünden? Dann gäbe es einerseits Jerubbaal, einen genialen und furchtlosen, dem Baal zugewandten israelitischen Heerführer, der die Midianiter vernichtend schlägt und dessen Sippe ins Unglück gerät, weil er Gold aus der Beute einschmelzen lässt, um ein Standbild zu erstellen und zu verehren — sowie andererseits Gideon, einen zornigen jungen Anhänger des Gottes Israels, der sich im Kampf gegen den Baalskult gegen den eigenen Vater wendet, von diesem schließlich aber vor der aufgebrachten Menge gerettet werden muss. 

Sehr unbestimmte Zeiten waren das! 

Für diese Woche wünsche ich uns Klarheit in den Kategorien. Wir selbst müssen sie schaffen, die Welt schenkt sie uns nicht…
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 32/2018

Wie einem Krüppel das Tanzen, also steht den Narren an, von Weisheit zu reden. 
Spr 26, 7

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Der Spruch handelt von Weisheit und Torheit und macht Aussagen über Menschen, die darüber zu reden wagen. Man kann diesen Spruch nicht kommentieren, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben… 🙂

Eine Woche in Weisheit wünscht uns
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 31/2018

Und Nebukadnezar trat hinzu vor das Loch des glühenden Ofens und sprach: Sadrach, Mesach, Abed-Nego, ihr Knechte Gottes des Höchsten, geht heraus und kommt her! Da gingen Sadrach, Mesach und Abed-Nego heraus aus dem Feuer.
Dan 3, 26

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Drei Männer im Feuerofen

Ein Bewahrungswunder. Das sieht man sofort. Aber warum geht es? Das Buch Daniel ist eines der jüngsten Schriften des AT. Es stammt aus dem zweiten Jhd. v. Chr. und besteht aus zwei Teilen. Die Abschnitte 7-12 enthalten apokalyptische Visionen des Propheten, die für die Religionsgeschichte der Juden wie der Christen sehr wichtig sind. Man findet dort konkrete Ankündigungen des Messias, an denen später Jesus gemessen wird. Auch die Vorstellung eines Lebens nach dem Tode, wie sie heute für Juden und Christen so selbstverständlich und  charakteristisch ist, findet man dort klar formuliert. Die Abschnitte 1-6 behandeln die Jugend des Propheten. Er kam als Heranwachsender an den Hof des Königs Nebukadnzar, der Angehörige der Elite des jüdischen Volks hatte wegführen lassen, um sie babylonisch akkulturieren zu lassen. Für Juden war dies eine Horrorvorstellung, für Nebukadnezar war es ein wohl ein mehr oder weniger gut gemeinter Versuch, den er anstellte, wenige Jahre bevor er die unruhige und aufsässige jüdische Eigenstaatlichkeit beendete, den Tempel zerstörte und die gesamte Elite des Landes verschleppen ließ.

Daniel verstand es, seine kulturelle und religiöse Identität zu bewahren. In den Geschichten um ihn gibt es Anklänge an ältere und sehr alte Schriften. Wie Moses wächst Daniel an einem fremden Hof auf, wird dort ausgebildet und erlernt die fremde Sprache und Schrift. Wie Joseph ist Daniel ein begnadeter Traumdeuter. Er löst das Rätsel eines königlichen Traums, an dem alle anderen Weisen des Reichs scheitern. Mit seiner Deutungskunst wird er wichtiger politischer Führer unmittelbar unter dem König. Wie Mordechai im Buch Esther weigern Daniel und seine Freunde sich, die Standbilder fremder Götter anzubeten. Aus dieser letzteren Geschichte stammt der gezogene Vers — er ist der Höhe- und Wendepunkt der Erzählung von den drei Männern im Feuer. 

Daniel war unter Nebukadnezar politischer Führer in Babylon geworden, vergleichbar einem Premierminister, und hat das Reich neu geordnet. Seine Freunde aus dem Heimatland, mit denen er an den Hof gekommen war, hat er in wichtige politische Positionen gebracht. Als der König jedoch ein großes Standbild aufstellen lässt, das jedermann unter Todesstrafe anzubeten hatte, weigern sich die Freunde, dem Gebot nachzukommen. Ihre Neider sorgten dafür, dass die Sache vor den König gebracht wird. Auch auf wiederholte Aufforderung bleiben die drei standhaft und Nebukadnezar muss seine Strafandrohung wahrmachen. Er lässt die drei ins Feuer werfen. Das Feuer lässt er so heiß anfachen, dass die Wächter ums Leben kommen, die die drei Freunde in den Ofen stoßen sollen. Aber den dreien selbst geschieht im Ofen nichts — sie wandeln frei in den Flammen umher. Man sieht zwischendurch gar einen vierten Mann, der aussieht wie ein Engel Gottes. Auf Befehl des Königs treten schließlich die drei heraus, unversehrt, und der König ist geläutert, er erkennt die Macht Gottes an. 

Im Buch Daniel muss Nebukadnezar diese Erfahrung einige Male machen. Warum war nicht auch Daniel im Ofen? Er wird wenig später aus einem ähnlichen Grund in die Löwengrube geworfen. Wieder gibt es ein Bewahrungswunder, wieder erkennt der König schließlich das Zeichen. Erst der Sohn Nebukadnezars, Belsazar, fällt tatsächlich der Rache Gottes anheim. Daniel vermag zwar noch die rätselhafte Schrift an der Wand zu deuten, aber das kann nichts mehr ändern.

An dieser Stelle mögen wir uns an Waschti erinnern, die unglückliche persische Königin aus der KW 29. Auch sie widersetzt sich, unter Missachtung der realen Kräfteverhältnisse, einem ausdrücklichen Befehl des Königs, aber anders als die drei Freunde geht sie damit unter. Die Bibel ist hier in systematischer Weise parteiisch. Die drei Freunde haben den Befehl eines anderen Königs, des obersten, befolgt und stehen daher unter Seinem Schutz. Waschti folgt nur ihrem eigenen Willen. Im Buch Esther spielt, wie schon erwähnt, Mordechai die Rolle der drei Freunde: auch er weigert sich, ein Standbild zu verehren, auch er setzt sich damit durch.

Im Bild vom Feuerofen ist das Motiv der Reinigung, der Läuterung enthalten. Auch das des Opfers. In meinen Ohren lässt der gezogene Vers auch das Thema Wiederauferstehung anklingen, das im Buch Daniel weiter hinten große Bedeutung erlangt.

Noch etwas ist uns überliefert von den drei Männern im Feuerofen: ein Psalm, ein eindrücklicher und schöner Lobgesang. Formal und in Elementen des Texts ist er dem großen Lobpreispsalm, Ps 136, sehr ähnlich. Er erinnert mich auch an den Sonnengesang des Franz von Assisi. Der Text ist apokryph. In der Lutherübersetzung 2017 ist er enthalten, wie auch früher schon in der Einheitsübersetzung. Mit dem Lied als Zugabe zum BdW wünsche ich uns eine gute Woche, in der uns Gott alle und in allem bewahren möge.
Ulf von Kalckreuth

Der Gesang der drei Männer im Feuerofen

Da sangen die drei wie aus einem Munde, sie priesen und lobten Gott in dem Ofen und sprachen:

Gelobt seist du, Herr, du Gott unsrer Väter,
und sollst gepriesen und hoch gerühmt werden ewiglich!

Gelobt sei dein herrlicher und heiliger Name
und soll gepriesen und hoch gerühmt werden ewiglich!

Gelobt seist du in deinem heiligen, herrlichen Tempel
und sollst gepriesen und verherrlicht werden ewiglich!

Gelobt seist du, der du sitzt über den Cherubim und siehst in die Tiefen,
und sollst gepriesen und hoch gerühmt werden ewiglich!

Gelobt seist du auf deinem königlichen Thron
und sollst gepriesen und hoch gerühmt werden ewiglich!

Gelobt seist du in der Feste des Himmels
und sollst gepriesen und verherrlicht werden ewiglich!

Lobet den Herrn, all ihr Werke des Herrn,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Engel des Herrn,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Himmel,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, all ihr Wasser über dem Himmel,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, all ihr Mächte,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, Sonne und Mond,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Sterne am Himmel,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, Regen und Tau,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, all ihr Winde,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, Feuer und Glut,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, Frost und Hitze,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, Tau und Schnee,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, Eis und Frost,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, Reif und Schnee,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Nächte und Tage,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, Licht und Finsternis,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Blitze und Wolken,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Die Erde lobe den Herrn,
sie preise und rühme ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Berge und Hügel,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Gräser und Kräuter,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Quellen,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Meere und Ströme,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Fische und alles, was sich im Wasser regt,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, all ihr Vögel unter dem Himmel,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, all ihr Tiere, wilde und zahme,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Menschenkinder,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobe den Herrn, Israel,
preise und rühme ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Priester des Herrn,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Knechte des Herrn,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, ihr Geister und Seelen der Gerechten,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, all ihr Frommen und die ihr von Herzen demütig seid,
preist und rühmt ihn ewiglich!

Lobet den Herrn, Hananja, Asarja und Mischaël,
preist und rühmt ihn ewiglich! Denn er hat uns erlöst aus dem Totenreich und errettet vom Tode, er hat uns befreit aus dem glühenden Ofen und mitten aus dem Feuer gerissen.

Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.

Lobet den Gott der Götter, alle, die ihr den Herrn fürchtet,
preist ihn und danket, denn seine Güte währet ewiglich!

Stücke zu Daniel 3, 51-90, Der Gesang der drei Männer im Feuerofen, Lutherübersetzung 2017

Bibelvers der Woche 30/2018

Diese gingen voran und harrten unser zu Troas.
Apg 20,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Ungeplant und machtvoll

Wir sind wieder auf einer Missionsreise des Paulus durch die griechisch geprägten Landschaften Europas und Kleinasiens. Es ist die dritte Reise. Sie führt zunächst von Antiochien nach Ephesos. Dort gab es einen großen Tumult, und der Apostel wich nach Korinth aus. Vermutlich wurde dort der Römerbrief geschrieben, aus dessen Schlusskapitel vor zwei Wochen der BdW 28/2018 gezogen wurde. Von seinem Plan, von Korinth aus nach Syrien überzusetzen — vermutlich um die Gabe für Jerusalem zu überbringen, von der die Rede war — musste er wegen konkreter Drohungen Abstand nehmen. Stattdessen begab er sich auf einem langgezogenen Seeweg in Küstennähe zurück nach Kleinasien, unter anderem über Troas, um von dort nach Jerusalem zu gelangen. Er hatte es sehr eilig, weil er rechtzeitig zum Pfingstfest Jerusalem erreichen wollte. Dort wurde er einige Zeit später gefangen genommen.  

Hier, in Troas, der Landschaft rund um das antike Troja, stößt Lukas hinzu, der Ich-Erzähler der Apostelgeschichte. Paulus hat es eilig und will weiterkommen. Er will aber auch die Gelegenheit nicht versäumen, den Glauben derer zu stärken, die er bei zwei früheren Aufenthalten für Jesus gewonnen hatte. Er hält eine Predigt bis tief in die Nacht hinein. Eutychus, ein junger Mann, sitzt in einem Fenster und schläft ein. Er fällt und wirkt wie tot. Paulus eilt zu ihm und verkündet, es sei noch Leben in ihm. Er setzt den Besuch fort bis der Tag anbricht und verlässt den Ort. Eutychus aber kommt tatsächlich wieder zu sich. 

Was können wir dem gezogenen Vers entnehmen, der so unmittelbar an den vor zwei Wochen gezogenen anschließt? Paulus war unterwegs auf einem chaotisch anmutenden Weg durch den Ostteil des riesigen römischen Reiches. Diesen Pfad entlang blieb fast jede Einzelheit dem Zufall überlassen, anders war es nicht möglich. An mehreren Stellen läuft es völlig anders als geplant. Sein großes Ziel, Jerusalem und das Wiedersehen mit den „Heiligen“ der dortigen Gemeinde, verliert Paulus nicht aus den Augen und schließlich erreicht er es. Man kann sich denken, dass er seine Gabe dort überbringen und helfen kann, Einheit zu stiften. Seine Verhaftung dort und die erzwungene Reise nach Rom sind wiederum ungeplant, aber selbst dieses große Missgeschick kann er in seine Mission integrieren und für sich arbeiten lassen.

Wie frei wären wir, wie machtvoll unsere Arbeit, wenn wir so leben könnten!

Ich wünsche uns eine Woche in Freiheit, im Segen des Herrn,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 29/2018

Und man setzte niemand, was er trinken sollte; denn der König hatte allen Vorstehern befohlen, daß ein jeglicher sollte tun, wie es ihm wohl gefiel.
Est 1,8

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Fahrkarte in den Untergang

Unser Vers steht am Anfang des Buchs Esther. Dies Buch liest sich wie ein orientalisches Märchen. Schon auf der ersten Seite fühlt man sich in 1001 Nacht versetzt. Es lohnt sich, den Abschnitt zu lesen!

Der König Ahasversos von Persien, mächtiger Herr über eine Vielzahl von Reichen und Provinzen von Indien bis Kusch, feiert ein großes Fest. Alle sind eingeladen, Menschen aus dem ganzen Reich kommen. Hier setzt der Vers ein: Es soll an nichts fehlen, der König bestimmt, das jeder tun kann, was er will. Alle feiern mit. Alle? Nein, seine Frau Waschti will auch tun, was sie will und feiert ihr eigenes Fest mit den Frauen im Schloss. Von der Feier ihres Gemahls hält sie sich fern. 

Nach einer Woche erträgt es der König nicht länger. Er schickt sieben hohe Würdenträger zu Waschti, um sie öffentlich und offiziell auf sein Fest zu bitten. Aber ebenso öffentlich und offiziell lehnt sie ab. 

Die Sache kann nicht gutgehen. Das persische Reich ist eine orientalische Despotie, und das Patriarchat hat konstitutionellen Charakter. Zwar scheint sich der König Sache nicht ganz sicher zu sein — er beruft seine Räte ein. Deren Urteil aber ist eindeutig. Wenn das durchgehe, kümmere sich keine Frau im Reich mehr darum, was ihr Mann will! Waschti wird als Ehefrau verstoßen, mit einem eigens erlassenen Gesetz, das im ganzen Reich verlesen wird. Öffentlich und offiziell.

Zunächst einmal ist dies die Vorgeschichte des Auftritts der eigentlichen Heldin. Überall sucht der König schöne Frauen für die Nachfolge der liebreizenden Waschti, und die Jüdin Esther wird auserwählt und kann ihn heiraten. Durch geschicktes Taktieren und mutiges Eingreifen nutzt Esther ihre Position, um ihr Volk vor einer schrecklichen Verschwörung zu retten, einem geplanten Massenmord.

Von Waschti hören wir nichts mehr. Was war in ihr vorgegangen? Durch ihre öffentliche Antwort an die sieben Ministerialen hat sie de facto selbst die Scheidung eingereicht. De lege konnten dies nur Männer. Aber im strengen Angesicht seiner Räte hat der große, öffentlich gedemütigte König keine Wahl mehr. Der Preis ist hoch, Waschti verliert ihre Existenzgrundlage. Man kann sie dafür ein wenig bewundern. Man kann aber auch fragen, ob sie recht bei Sinnen war. Sie war eine starke Frau, die in einem entscheidenden Augenblick die Bedingtheiten ihrer Existenz vergessen hat — vielleicht auch eingeladen von dem gezogenen Vers: jeder sollte tun, was er will und wozu er Lust hatte.

Dieser Satz ist heute, als Forderung an das eigene Leben, nichts Geringeres als herrschende Ideologie: Wer es nachhaltig nicht schafft, zu tun, was er will und wozu er Lust hat, der hat versagt, ist nicht stark genug, macht etwas falsch — ein sichtbares Kriterium also für gelungenes oder mißlungenes Leben. 

Man kann mancherlei darüber denken. Wer dabei aber die Bedingtheiten seines Lebens vergisst, dem wird diese Forderung ohne weiteres zur Fahrkarte in den Untergang. Waschtis Nachfolgerin Esther war eine ebenso willensstarke Frau, die sich dieser Bedingtheiten aber in jedem Moment bewusst blieb und so wirklich Großes erreichen konnte. Vielleicht ist dies eine der Grundbotschaften des ganzen Buchs, und die arme Waschti spielt in Wahrheit eine viel wichtigere Rolle als die einer Komparsin in der Vorgeschichte. 

Ich wünsche uns eine gute Woche, mit Sinn für Möglichkeiten, Grenzen und Proportionen. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 28/2018

Sie haben’s willig getan, und sind auch ihre Schuldner. Denn so die Heiden sind ihrer geistlichen Güter teilhaftig geworden, ist’s billig, dass sie ihnen auch in leiblichen Gütern Dienst beweisen. 
Röm 15,27

Hier ist der Link für den Kontext, zur Lutherbibel 2017.

Eine bleibende Schuld

In der letzten Kalenderwoche hatten wir eine Danksagung von Paulus an eine Gemeinde, deren materielle Zuwendung ihm half, mit der Missionsarbeit fortzufahren. Auch der Vers dieser Woche ist von Paulus, und auch er dreht sich um materielle Zuwendungen der Art, die wir heute als Opfergaben bezeichnen würden. Ein erstaunlicher Zufall. Aber die Richtung ist umgekehrt. Hier unterstützt nicht die etablierte Gemeinde die Missionsarbeit „draußen“, sondern die Gemeinden „draußen“ helfen den „Heiligen“ in Jerusalem, der Kerngemeinde also, von der die Missionsarbeit einst ausgegangen war. Makedonien und Achaia — das ist das griechische Kernland, das Paulus missioniert hat. Er selbst hat die Sammlung organisiert, und nun reist er nach Jerusalem, um die Gabe zu überbringen.

Paulus hält die Zuwendung für recht und billig, haben schließlich diese neuen Gemeinden ihre geistlichen Güter aus Jerusalem empfangen. So sagt es der gezogene Vers. Das klingt natürlich und unverfänglich. Aber so einfach ist die Welt nicht mehr. In der Jerusalemer Gemeinde hatte es schwere Zweifel gegeben, wie weit die Heidenmission eigentlich gehen könne. Ob sich das Evangelium nicht in erster Line an die Juden richtete. Und ob Heiden nicht Juden werden müssten, um Christen sein zu können — ob sie also, um „Gott gerecht zu werden“, nicht die Thora befolgen müssen, mit all ihren Mitzvoth, angefangen bei der Beschneidung. Ob Christen nicht ihren Glauben leben müssten wie die Jünger Jesu selbst. Die Forderung leuchtet zunächst einmal ein – mit einem sehr ähnlichen Argument sieht bekanntlich die katholische Kirche für Frauen keine Priesterweihe vor. 

Paulus, von Haus aus Pharisäer, teilt diese Meinung ganz und gar nicht. Für ihn hat die Erlösungstat Christi den „Weg des Gesetzes“ obsolet gemacht. Seine Heidenmission wäre mit einem jüdischen Christentum nicht durchführbar gewesen. Paulus’ Werben für das Christentum war sehr erfolgreich unter den Proselyten in den griechischen Städten. Das waren Nichtjuden, die an Gott zu glauben gelernt hatten und jüdische Gottesdienste besuchten, die allerdings die Wucht der jüdischen Gesetze nicht auf sich nehmen wollten. Viele von ihnen wären wohl bei dieser Grundsatzentscheidung geblieben, wenn sich ihnen das Christentum als eine Spielart des Judentums präsentiert hätte. 

Im „Apostelkonzil“ hat Paulus sich weitgehend durchgesetzt. Die Geschichte des Abendlands wäre sonst anders verlaufen. Die Jerusalemer Autoritäten, geführt von Petrus, sahen ihre Aufgaben unter den Juden, während die Antiochier unter Paulus zur Heidenmission berufen waren. Allerdings wurde den Heidenchristen auferlegt, der „Armen zu gedenken“, d.h. für die Jerusalemer Gemeinde zu sammeln. Und diese Sammlung sollte nun ihre Bestimmung erreichen.

Aber die Schuld besteht weiter, das sieht Paulus durchaus — von Zion aus wird  Weisung an die Völker gehen…, Jes 2,3 . Was machen wir damit?

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 27/2018

Denn auch gen Thessalonich sandtet ihr zu meiner Notdurft einmal und darnach noch einmal.
Phi 4,16

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Opfer

Am Ende seines Schreibens bedankt sich der große Völkermissionar, Paulus, bei der Gemeinde in Philippi für Spenden, die seine weitere Arbeit in Thessaloniki möglich gemacht haben. Vielleicht ist dies die erste Stelle in der Bibel, an der das Wort „Opfer“ in seinem modernen christlichen Sinne als Geldzuwendung im Gemeindekontext gebraucht wird, hier: für die Mission, unter expliziter Gleichsetzung mit dem antiken hebräischen Wortsinn als Brandopfer „zum lieblichen Geruch“ (Vers 18).

Ein Anlass sich zu fragen: Was will Gott eigentlich von uns? 

In dem kurzen Kapitel, aus dem der Vers gezogen wurde, steht vorher mit Philipper 4, 4-7 ein Segensspruch, den ich sehr liebe: 

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. 

Höher als alle Vernunft…
Ulf von Kalckreuth