Bibelvers der Woche 04/2025

Denn siehe, ich will die Chaldäer erwecken, ein bitteres und schnelles Volk, welches ziehen wird, soweit die Erde ist, Wohnungen einzunehmen, die nicht sein sind,
Hab 1,6

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Mit alledem machen sie ihre Kraft zu ihrem Gott…

Das ist, wonach es klingt — eine Ankündigung des Untergangs. Im Jahr 625 v. Chr. gründete Nabopolassar das Neubabylonische Reich. Er löste das Babylonier aus der drückenden Hegemonie der Assyrer, die sich das große alte Volk ebenso wie alle anderen Völker in einem Umkreis von mehreren Tausend Kilometern dienstbar gemacht hatten. Und drehte dann den Spieß um, indem er das riesige assyrische Imperium einfach übernahm. 

Rund 30 Jahre später steht die Armee seines Sohnes Nebukadnezar vor Jerusalem und erobert die Hauptstadt des unbotmäßigen Vasallen. Und zehn Jahre später noch einmal. Diesmal wird tabula rasa gemacht — der Tempel vernichtet, die Stadtmauer geschleift, die Elite der Stadt verschleppt. Die Geschichte Jerusalems ist zu Ende, sie beginnt erst viel später wieder neu. 

Das alles also sagt der Prophet genau voraus — ‚Chaldäer‘ ist ein anderes Wort für Babylonier. War es so? Alttestamentler datieren die Urfassung der Schrift auf etwa 630 v. Chr. Dann hätte Habakuk von der Revolte der Babylonier 2000 Kilometer nördlich gewusst, noch bevor sie stattgefunden hat. Man denkt, dass die Prophetie ursprünglich weniger spezifisch gewesen war  und später redigiert und auf die babylonischen Feinde ausgerichtet wurde. In der Tat wollen die Bilder des wilden Reitvolks bei Habakuk nicht recht auf die streng geordneten Streitkräfte der Babylonier passen. 

Was sehen wir dann? Einen Mann, der mit allen Fasern von Geist und Körper spürt, dass eine Epoche, seine Zeit, zu Ende geht. Und auch, woher die Gefahr kommt; dass sich im Norden etwas zusammenbraut, das so gewaltig ist, dass es alles unter sich begraben wird. Das nimmt Habakuk wahr und er schreibt es auf. Er sieht Gott am Werk und weiß dabei, dass in Gott auch Trost ist. 

Das kann ich nachfühlen, und zwar besser als mir lieb ist. Etwa 2000 Kilometer östlich meiner Stadt lebt ein grausamer Diktator, der einen grausamen Krieg gegen ein ausgeblutetes Nachbarvolk führt. Am Montag kommt in einem anderen Land weit westlich meiner Stadt ein alter Präsident neu an die Macht, der seine schwächeren Nachbarn schon jetzt mit Kriegs- und Annexionsdrohungen überzieht. Und der grausame Diktator im Osten wäre so gern der beste Freund des alten neuen Präsidenten im Westen. Weil dann vieles leichter wäre. Vielleicht klappt es? Vielleicht ist er uns dann bald näher. Eine Wahl gibt es in meinem Land, und irgendwie kandidieren auch sie, der grausame Diktator und der alte neue Präsident… 

Grausam und schrecklich ist es [das Volk]; es gebietet und zwingt, wie es will. 
Ihre Rosse sind schneller als die Panther und bissiger als die Wölfe am Abend. 
Ihre Reiter fliegen in großen Scharen von ferne daher, wie die Adler eilen zum Fraß. 
Sie kommen allesamt, um Schaden zu tun; 
wo sie hinwollen, stürmen sie vorwärts und raffen Gefangene zusammen wie Sand. 
Sie spotten der Könige, und der Fürsten lachen sie. 
Alle Festungen werden ihnen ein Scherz sein; denn sie schütten Erde auf und erobern sie. 
Alsdann brausen sie dahin wie ein Sturm und jagen weiter; 
mit alledem machen sie ihre Kraft zu ihrem Gott.

So schreibt Habakuk (1,7-11). Gottes Schutz sei mit uns und seine Kraft sei bei uns in den Jahren, die vor uns liegen.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 03/2025

Meinst du wegen deiner Gottesfurcht strafe er dich und gehe mit dir ins Gericht?
Hiob 22,4

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Eine entscheidende Frage

Das Buch Hiob ist vieles: Auseinandersetzung des Menschen mit Gott, seiner Macht und der hellen wie dunklen Seiten seines Wesens, Klage über die Bedingtheiten unseres Lebens, über Leid und Tod, Lehrerzählung, Gedicht, Gebet. Aber auch intellektuelle Auseinandersetzung, ausformulierte Lehrgespräche, die im Talmud oder einer Jeschiwa ihren Platz haben könnten. 

Das ganze Buch ist eigentlich ein Gespräch, es setzt ein mit einer Auseinandersetzung Gottes mit dem Teufel über das Wesen der Gottesfurcht — ist sie Ausfluss und Ergebnis Gottes gütiger Sorge und Bewahrung der Seinen? Macht Gott sich die Gottesfurcht dann nicht eigentlich selbst? Was wäre sie dann wert? Oder ist sie etwas eigenständiges? Gibt es Gottesfurcht auch im Unglück? Wo ist Ursache, wo ist Wirkung? Gott und der Teufel einigen sich auf ein wissenschaftlich sauberes Experiment: ein perfekt gottesfürchtiger Mensch, der in seinem Leben alles hatte, wird dem Teufel ausgeliefert, der ihm alles nimmt bis auf sein nacktes Leben — was geschieht mit seiner Gottesfurcht? 

Hiob liegt im Staub, seine Existenz ist völlig vernichtet. Sein Leben hat er gottesfürchtig gelebt, er weiss es, Gott und der Teufel wissen es auch, aber die Freunde, die ihn besuchen und mit denen er nun über sein Schicksal spricht, wissen es nicht. 

Der Vers, den wir gezogen haben, wird gesprochen von Elifas, einem der drei Freunde. Er hat eine Theorie über den Zusammenhang von Wohlergehen und Gottesfurcht. Es ist nicht die These, über die Gott und der Teufel debattieren, sondern die traditionelle Vorstellung vom Tun-Ergehens-Zusammenhang, die so wichtig ist für jüdisch-christliche Ethik, siehe den BdW 50/2021. Gott belohnt gutes Verhalten und bestraft Vergehen. Der Satz ist gewichtig: Elifas hat die ganze Torah und die Psalmen auf seiner Seite. Wenn dem aber so ist — wie kann Hiob dann behaupten, gottesfürchtig gelebt zu haben? Ist sein Schicksal dann nicht Beweis genug, dass es nicht so war? Würde Gott ihn bestrafen wegen seiner Gottesfurcht?  Elifas wird hier ironisch.

Aber ironischerweise ist es genau so — mit einem Sünder und Frevler hätten Gott und der Teufel ihr Experiment nicht machen können. Im Anschluß zählt Elifas Vergehen auf, denen Hiob sich schuldig gemacht haben könnte. Hinter diesen imaginierten Übertretungen steht eine fortgeschrittene Ethik — was Elifas aufzählt, sind keine Verstöße gegen den Wortlaut der Torah, sondern gegen ihren Geist. Elifas vermutet, Hiob könnte eigensüchtig, berechnend und kalt gegenüber seinen Mitmenschen gewesen sein, seine Macht genutzt haben, um sie auszuplündern.  Im konkreten Fall haben die Vorwürfe keinerleiGrundlage, aber immerhin: Elifas sagt an dieser Stelle genau, worum es eigentlich geht bei der Gottesfurcht, oder worum es gehen sollte. 

Aber dann: stellen Sie sich das vor. Sie liegen im Dreck und ihr Freund, der an Ihrem Bett sitzt, phantasiert darüber, wie Sie selbst an allem schuld sind mit Ihrem widerwärtigen Verhalten den Mitmenschen gegenüber. Sie müssen ein schlechter und verabscheuungswürdiger Mensch sein, denn sonst ginge es Ihnen gut und Gott wäre Ihnen gnädig. 

Das wirkt etwas absurd. Schaut man genau hin, bohrt Elifas mit untauglichen Mitteln ein dickes Brett. Wenn Gott gut ist und gerecht und mächtig, wenn er sich interessiert für unser Leben und unser Schicksal — wie können Menschen unverschuldet leiden und zugrunde gehen?

Das Buch Hiob stellt diese Frage in aller Schärfe und lotet den Raum für die Antwort sorgfältig aus. Aber auf eine bestimmte Antwort legt die Schrift sich nicht fest. Das Wesen des menschlichen Leids bleibt im Dunkeln, fast wie das Wesen Gottes selbst. In Jesus Christus begegnen sie sich beide und werden eins.  

Haben Sie eine Antwort auf die Frage? 

Eine definitive und allgemein gültige Antwort gibt es in meinen Augen nicht. Ich habe den Text und die Frage ChatGPT vorgelegt. Was zurückkam, war erstaunlich. Wertvoll wird die Antwort für uns nur, wenn und soweit sie die eigene ist.

Ich wünsche uns eine gute und gesegnete Woche unter Gottes Schutz,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 02/2025

Es sollen nicht mehr dasein Kinder, die nur etliche Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen; sondern die Knaben sollen hundert Jahre alt sterben und die Sünder hundert Jahre alt verflucht werden.
Jes 65,20

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Ein neuer Himmel, eine neue Erde…!

Ich freue mich über diesen Vers. Um ihn verständlich zu machen, muss ich eigentlich nur den Kontext zeigen. Der Vers ist aus Jesaja 65, dem vorletzten Kapitel der großen Prophetie. Dort und im darauf folgenden Kapitel sehen wir Jesajas Vision von der Endzeit, die in den Schlusskapiteln der Offenbarung ihre fast nahtlose Ergänzung findet.  

Dies ist der Text, in den unser Vers eingebettet ist, Jes 65, 17-25. Lesen Sie ihn einfach, er kann Sie glücklich machen: 

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Anzumerken ist vielleicht, dass die sonderbare Wendung „… und die Sünder hundert Jahre alt verflucht werden“ durchaus dem hebräischen Wortlaut entspricht. Dies ist die Übersetzung von 1912. Die neuen großen Bibelübersetzungen interpretieren hier, dass als verfluchter Sünder gilt, wer keine hundert Jahre erreicht.

Ein neuer Himmel, eine neue Erde… Man soll nicht mehr hören die Stimme des Weinens… Sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen… Und sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berg… So soll es sein! 

Vor der neuen Welt aber steht der Untergang der alten — das ist bei Jesaja ebenso wie in der Offenbarung. Das mag man sich durchaus traumatisch vorstellen. Grund genug, einander nochmals ein gutes und gesegnetes neues Jahr zu wünschen!  
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 01/2025

…nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, durch die Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi: Gott gebe euch viel Gnade und Frieden!
1 Petr 1,2

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Ein Neujahrsgruß von Petrus

Dies ist der Vers für die erste Woche des neuen Jahres, die auch die letzten Tage des alten noch enthält, und so freue ich mich sehr, dass es ein Gruß und Segenswunsch ist! 

Hier der Vers im Kontext mit dem Beginn des Satzes, er steht ganz am Anfang des Petrusbriefs (V1+2 in der Übersetzung von 1984): 

Petrus, ein Apostel Jesu Christi, an die auserwählten Fremdlinge, die verstreut wohnen in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien, die Gott, der Vater, ausersehen hat durch die Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi: Gott gebe euch viel Gnade und Frieden!

Petrus richtet diesen Brief an eine offene Mehrzahl nichtjüdischer Christen im östlichen Mittelmeerraum. Ausgangspunkt und Leitmotiv ist die Erwartung des nahen Endes der Welt, wie wir sie kennen. Petrus gibt keine konkrete Weisung, der Brief wirbt vielmehr für eine der Endzeit angemessene Haltung: Bescheidenheit, Pflichterfüllung, Demut, Gehorsam, Geduld, Liebe und freudige Erwartung.

Der Vers enthält die schwierige Vokabel „Blut“. Jemanden oder etwas mit Blut besprengen (Link) gehört als symbolische Handlung zu den jüdischen Opferriten vor der Zerstörung des Tempels. Besprengung ist verknüpft mit Reinigung und Heiligung, der Darbringung von Opfern und der Bestätigung eines Bundes. Alle diese Funktionen sind hier angesprochen: Jesu Opfertod, sagt Petrus, reinigt und heiligt seine Nachfolger und er richtet den Bund zwischen Gott und den Menschen neu auf. Die von Gott ausersehenen, mit dem Blut Jesu besprengten Angesprochenen stehen in einer heiligen Gemeinschaft: untereinander und mit Gott.

Viel Holz für einen Halbsatz…

Wie am Anfang, so steht auch am Schluß des Briefs ein Friedensgruß: Grüßt euch untereinander mit dem Kuss der Liebe. Friede sei mit euch allen, die ihr in Christus seid.

So sei es! Ich wünsche uns allen ein frohes neues Jahr in Gottes Segen,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 52/2024

Wo aber ihr Mann ihr wehrt des Tages, wenn er’s hört, so ist ihr Gelübde los, das sie auf sich hat, und das Verbündnis, das ihr aus den Lippen entfahren ist über ihre Seele; und der HErr wird ihr gnädig sein.
Num 30,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Was man versprochen hat…

… muß man halten. Aber Prinzipien offenbaren ihr Wesen in Grenzfällen. 

Im Alten Orient hatte der Ehemann Rechte, die in mancher Hinsicht eigentumsähnlichen Charakter hatten. Die Ehefrau war keine Sklavin, sie war aber mitnichten frei. Wie geht die Torah mit den religiösen Bindungen um, die die Frau eingehen will? 

Gelübde erachtet die Torah als heilig, sie sind zu befolgen. Das steht vor der Klammer und im gezogenen Abschnitt gleich zu Beginn (V3):

Wenn jemand dem HERRN ein Gelübde tut oder einen Eid schwört, dass er sich zu etwas verpflichten will, so soll er sein Wort nicht brechen, sondern alles tun, wie es über seine Lippen gegangen ist.

Das gilt auch für das Gelübde einer Frau — im Prinzip. Im Vers geht es um den Fall, dass eine Frau vor der Eheschließung ein Gelübde ablegt, von dem der Bräutigam nichts weiss. Die Frau könnte vor der Eheschließung etwa gelobt haben, unbefleckt und kinderlos ihr Leben Gott zu weihen. 

Ein Blick ins BGB lohnt. Eine „Dienstbarkeit'“ ist im Sachenrecht ein dingliches Nutzungsrecht an einer fremden Sache. Steht etwa jemand anderem als dem Eigentümer eines Felds ein Teil der Ernte zu, ist das ebenso eine Dienstbarkeit wie ein Wegerecht, das dem Nachbar das Recht einräumt, das Feld zu durchqueren. Bei Grundstücken müssen Dienstbarkeiten ins Grundbuch eingetragen werden. Dies schafft Rechtssicherheit, und ein möglicher Käufer kann Kenntnis erhalten. Kauft er dennoch, betrifft die Dienstbarkeit ihn genauso wie den früheren Eigentümer.

Für Menschen gibt es keine Grundbücher. Der Mann hat eine Frau geheiratet, die vorher ein Gelübde abgelegt hat. Nach der Eheschließung steht sein Recht gegen das Recht Gottes. Die Torah wählt eine Lösung, die das Recht Gottes bekräftigt, ohne das Recht des Mannes aufzuheben. An dem Tag, an dem er Kenntnis von dem Gelübde erlangt, kann der Mann sich dagegen verwahren. In diesem Fall hat es weiter keine bindende Wirkung und Gott wird der Frau gnädig sein. Legt er sein Veto aber nicht noch am selben Tag ein, so ist das Gelübde gültig und bindend — für beide. 

Wird sie aber eines Mannes Frau und liegt noch ein Gelübde auf ihr oder hat sie unbedacht etwas versprochen, durch das sie sich gebunden hat, und ihr Mann hört es und schweigt dazu an demselben Tage, so gilt ihr Gelübde und ihre Verpflichtung, die sie sich auferlegt hat (V7+8).

Die Frau kann sich Gott gegenüber durchaus verpflichten, auch wenn dies die Interessen des Mannes empfindlich tangiert. Hätte sie Kinderlosigkeit gelobt und der Mann legte nicht bis zum Sonnenuntergang desselben Tags Einspruch ein — das Gelübde wäre Gesetz. Genauso geregelt sind Gelöbnisse, die eine Frau in einer bereits bestehenden Ehe ablegt und solche, die eine unverheiratete Frau im Hause ihres Vaters tätigt. 

Die Einschränkung, die unser Vers macht, ist asymmetrisch, der Frau steht kein vergleichbares Vetorecht zu. Aber mehr als eine Notbremse ist das Einspruchsrecht des Mannes nicht. Was wäre darauf die feministische Sicht? Manifestiert sich hier das orientalische Patriarchat besonders deutlich? Die Frau ist Objekt und die beiden Männer, Patriarch und Vatergott, grenzen ihre Sphären ab? Oder scheinen gerade hier die Grenzen des Patriarchats auf? Welchen Stellenwert hat die Freiheit, sich zu binden? Sollte es Gelübde vielleicht gar nicht geben, weil sie die Selbstbestimmung der Frau einschränken? Oder ist Freiheit nicht gerade auch die Freiheit, seine Pflichten selbst zu wählen?

Ich wünsche uns allen einen gesegneten vierten Advent und ein frohes Weihnachtsfest in Gottes reichem Segen! 
Ulf von Kalckreuth

Bibvelvers der Woche 51/2024

…und sah Ephraims Kinder bis ins dritte Glied. Auch wurden dem Machir, Manasses Sohn, Kinder geboren auf den Schoß Josephs.
Gen 50,23

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Pluribus ex unum

Ich muß Sie heute um etwas Geduld bitten — von den Vätergeschichten geht es über die Stämme zu einer Wahrheit, die uns alle angeht. 

Wir haben hier einen der letzten Verse des Buchs Genesis. Josef wird in Ägypten hundertzehn Jahre alt, reich und mächtig. Seine Familie ist wiedervereint. Unser Vers folgt unmittelbar auf die Segenswünsche und Schutzzusagen an seine Brüder. Joseph hat zwei Söhne, Ephraim und Manasse. Im Vers wird außerdem Machir genannt, ein Sohn Manasses. 

Der Bibel ist sehr wichtig, dass sich die Stämme Israels auf einen gemeinsamen Vater zurückführen lassen — Jakob. Ihm wurde von Gott der Beiname Israel verliehen. Die Zahl zwölf steht für Vollkommenheit. Zwölf Söhne, zwölf Stämme, im Grunde aber eins. Pluribus ex unum — viele aus einem.

In der editorischen Durchführung ist das gar nicht so einfach. Es gab zwölf Stammesterritorien, ja. Aber es gab auch die landlosen Leviten, eine Kaste von Tempeldienern, die sich als eigenen Stamm verstanden und ebenfalls auf Jakob zurückführten. Also führt man zwei der Territorien — Manasse und Ephraim — auf Joseph zurück, einen der Söhne Jakobs. Also: zwölf Territorien, zwölf Söhne, davon einer auf ewige Zeiten landlos, und ein anderer mit zwei Söhnen begabt, die ihrerseits  Stammväter eigener Stämme wurden.  

Stimmt jetzt alles? Nein, da ist noch Machir. Machir wird in dem sehr alten Deborahlied (Ri 5) als eigenständiger Stamm genannt. In unserem Vers ist Machir als Person Sohn Manasses. Er ist „auf dem Schoß Josephs“ geboren, wird also als Kind Josephs angesehen. Betrachtet man die Siedlungskarte Israels, so sieht man, dass der Stamm Manasse ungefähr zu gleichen Teilen östlich und westlich des Jordan siedelt. Die östliche Hälfte wird auch Machir genannt. In den Erzählungen zur Landnahme wird diese östliche Hälfte früher erobert als die westliche, nämlich noch von Mose selbst, vor Josuas Invasion im Kernland Kanaans. Der „halbe Stamm Manasse“ ließ, so wird erzählt, Frauen und Kinder im eroberten Land, während die Männer sich dem übrigen Heerhaufen Israels anschlossen und den Stammesbrüdern bei der weiteren Landnahme halfen. 

Online-today CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons — Link

Es gibt in der Forschung die Vorstellung, dass Machir und Manasse in alter Zeit zwei separate Stämme waren und Manasse den östlichen Nachbarn mit Expansion und Durchdringung in sich aufnahm. Unser Vers reflektiert dies in recht eigentümlicher und bezeichnender Weise. Machir ist Sohn Manasses, aber doch irgendwie auch sein Bruder. 

Vor genau vier Jahren, zum dritten Advent, hatten wir einen Vers, der an Simeon erinnert. In der Karte oben ist er als Enklave zu sehen. Auch dieser Stamm verschwand mit der Zeit, er ging in Juda auf, siehe Vers 51/2020.

Aber immer blieben es zwölf. Wir sehen hier etwas Bedeutungsvolles, wie ich finde. Es gibt eine Wirklichkeit, die ständig neue Formen annimmt, und daneben und darüber die Vorstellung, dass hinter diesem Wandel unveränderliche Urgründe stehen — ewig gleich, projiziert in eine Zeit, als die Territorien mit ihren vielen Menschen einzelnen Personen entsprachen. Das hat etwas mit dem Wesen von Glauben an sich zu tun. Ist die Botschaft falsch, wenn die Geschichte, mit der sie transportiert wird, nicht den geschichtlichen Realitäten entspricht? 

Pluribus ex unum — in unserer Vielfalt sind wir eins!

Ich wünsche uns allen einen gesegneten dritten Advent, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 50/2024

Im vierhundertachtzigsten Jahr nach dem Ausgang der Kinder Israel aus Ägyptenland, im vierten Jahr des Königreichs Salomo über Israel, im Monat Siv, das ist der zweite Monat, ward das Haus des HErrn gebaut.
1 Kö 6,1

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Sieben Jahre Advent

Spatenstich für das Haus des Herrn. Jahrelang zuvor hat eine Armee von Fronarbeitern Bauholz und Steine zusammengetragen, und nun beginnt der Bau. Sieben Jahre wird es dauern, bis der Tempel eingeweiht werden kann. Die exakte Datumsangabe markiert die Bedeutung des Ereignisses. Am Ende des zweiten Buchs der Könige wird die Zerstörung des Tempels beschrieben, ihr Beginn wird gleichfalls genau datiert:, siehe auch den BdW 10/2018 für eine Parallelstelle:

Am siebenten Tage des fünften Monats, das ist das neunzehnte Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babel, kam Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, als Feldhauptmann des Königs von Babel nach Jerusalem und verbrannte das Haus des HERRN und das Haus des Königs und alle Häuser in Jerusalem; alle großen Häuser verbrannte er mit Feuer. 
2 Kö 25, 8+9

Aber so weit sind wir hier längst nicht. Hier, heute, in unserem Vers, wird der Tempel gebaut — der ganze Text bebt geradezu vor Erwartung. Das Haus des Herrn entsteht, bald ist es so weit, er wird kommen, in Jerusalem zu wohnen. Das ist Advent, nicht wahr? Sieben Jahre lang.

Ich wünsche uns allen einen gesegneten zweiten Advent, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 49/2024

Und Juda zog hin mit seinem Bruder Simeon, und schlugen die Kanaaniter zu Zephath und verbannten sie und nannten die Stadt Horma.
Ri 1,17

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Gelobtes Land

In den ersten Abschnitten des Buchs Richter wird die Landnahme der Stämme Juda und Simeon beschrieben, und zwar nach dem Tod Josuas, also konkurrierend zu Jos 10. Die Kämpfer erobern das Hügelland und das Südland, den Negev. Auch Jerusalem wird genommen (1,8), bleibt aber offenbar den Judäern nicht — viel später wird es von David noch einmal erobert (2 Sam 5,6-10).

Unser Vers spricht von der Eroberung einer Stadt Zefat, die danach Horma genannt wurde. In diesem Namen steckt die hebräische Wurzel hrm, „den Bann vollstrecken“ — restlos töten und vernichten, zum Opfer weihen. So ist im Vers auch das Wort „verbannt“ gemeint. Unser Vers leitet den Namen der Stadt davon ab, dass bei ihrer Eroberung niemand am Leben blieb. Über die Vernichtungsweihe wurde in den BdW 06/2023, 07/2023 und 23/2023 gesprochen: Dtn 20 1-20 gebot den Stämmen, im Gelobten Land alle Einwohner der eroberten Städte zu töten. Im darauf folgenden Vers 1,18 wird berichtet, dass die Judäer drei weitere wichtige Städte einnehmen: Dazu eroberte Juda Gaza mit seinem Gebiet und Aschkelon mit seinem Gebiet und Ekron mit seinem Gebiet. Der Stadt Gaza waren wir vor kurzem im BdW 35/2024 begegnet —  zu Zeiten Abrahams konnte man Differenzen noch gütlich beilegen. 

Man darf von diesem Text keine historische Präzision verlangen. Er ist kein zusammenhängender Kriegsbericht, sondern eine Sammlung von Notizen, wohl aus unterschiedlichen Quellen. Wo die Stadt Horma gelegen hat, ist ungeklärt. Was es mit der berichteten Eroberung der drei Philisterstädte Gaza, Aschkelon und Ekron auf sich hat, ist auch nicht klar: in späteren Erzählungen sind diese Städte Hochburgen der Feinde im Rahmen bittererer kriegerischer Auseinandersetzungen. 

Anmerkung: Die Lutherbibel 1984 weicht deshalb vom hebräischen Text ab und fügt ein vermeintlich fehlendes „nicht“ in den Text ein. Die Lutherbibel 2017 hält sich, ebenso wie die Fassung von 1912, an den Wortlaut der hebräischen Urfassung. Ich habe daher oben ausnahmsweise auf die Übersetzung von 2017 verlinkt. 

Aber die historische Wahrheit ist vielleicht nicht die wichtigste. Die Erzählung von der Landnahme, unfassbar blutig und dabei gänzlich von Gott geführt, ist Dreh- und Angelpunkt des jüdischen und des christlichen Narrativs von der Verheissung Gottes. Die Idee vom „Gelobten Land“ hat viele Formen, aber hier ist die nackte Wurzel: Land, das anderen gehört. Sie müssen vertrieben, notfalls auch getötet werden, um es in Besitz zu nehmen. Man kann das sehr wörtlich nehmen. Die Nordamerikaner taten es in der Vergangenheit und die Deutschen auch, auf der Suche nach ihrem „Lebensraum im Osten“. Heute ist die Vorstellung in Teilen der israelischen Gesellschaft fest verankert. Und ein Ministerpräsident steht unter Anklage wegen Kriegsverbrechen. 

Ich bin traurig. Vor einigen Tagen sprach ich mit meiner Tochter darüber, ob und wie die in der Bibel erzählte Landnahme zum Heilsplan Gottes gehören kann. Ich sagte ihr, dass der archäologische Befund durchaus im Widerspruch zu den Erzählungen in den Büchern Josua und Richter steht. Es gibt keine Spuren großer Vernichtungswellen. Aber sie bestand darauf, dass die biblische Erzählung in allen Punkten wahr sei. Gott habe sich geändert. Er hat seinen Sohn für uns gegeben — die Sintflut, Sodom, Jericho und Horma sind Vergangenheit. Sein Heiliger Geist ist Gegenwart.

Gott hat sich geändert? Oder unser Blick auf ihn, den ewig gleichen? Welcher Blick gilt? Beide?

Sein Segen sei mit uns und führe uns in ein besseres Land, das wir errichten und niemandem wegnehmen. Mit seiner Kraft und seiner Hilfe. Ich wünsche uns allen einen gesegneten ersten Advent!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 48/2024

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!
Ps 24,7

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Wer ist der König der Ehre?

Sehr schön, zu diesem Vers muß ich nichts recherchieren, ich kenne ihn gut! Zum einen gehört er in den Taufspruch meiner Tochter. Sie heisst Mathilde. Das ist ein germanischer Kampfname (ja, das gäbe es bei den Germanen auch für Frauen…) und bedeutet wörtlich: ‚Mächtig im Streit‘. Ihr Taufspruch, Vers 7 und 8 von Psalm 24, sind ein fiktiver Dialog:

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!
Wer ist der König der Ehre?
Es ist der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit.

Im Psalm wird die Frage wiederholt. Beim zweiten Mal lautet die Antwort:

Es ist der HERR Zebaoth, er ist der König der Ehre.

Ich habe gehört, dass man sich diesen Dialog als einen uralten Passwort-Ritus vorstellen soll. Der König, der in seine Stadt Jerusalem einziehen wollte, begehrte Einlass am Tor und wurde dabei gefragt, wer denn der König der Ehre sei. Er musste darauf die ‚richtige‘ Antwort geben, und die lautete nicht etwa „König der Ehre — das bin ich!“

Wir haben oft mit unserer Tochter über die beiden Verse gesprochen. Ihr ist völlig klar, dass „mächtig im Streit“ das Gegenteil ist von „ständig herumstreiten“, und dass eine große Verantwortung darin liegen kann, für das Richtige zu kämpfen, zur rechten Zeit, am rechten Ort. Und sie weiss auch, wem sie diese Verantwortung schuldet.

Und dann gehört unser Vers fest in die Adventszeit. Die Türen in der Welt, die aufgehen sollen, um den König der Ehre hereinzulassen — das können unsere Herzen sein. So will es das Adventslied, das wir alle kennen:

Macht hoch, die Tür, die Tor macht weit;
Es kommt der Herr der Herrlichkeit,
Ein König aller Königreich,
Ein Heiland aller Welt zugleich,
Der Heil und Leben mit sich bringt;
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
Mein Schöpfer, reich von Rat.

Es ist eine Woche zu früh, aber ich kann nicht umhin, uns allen jetzt schon eine gesegnete Adventszeit zu wünschen…!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 47/2024

Da ging auch der andere Jünger hinein, der am ersten zum Grabe kam, und er sah und glaubte es.
Joh 20,8

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Er kam, sah und glaubte? 

Es ist Ostern und das Grab ist leer. Die Jünger hatten es leichter als andere, zu glauben, könnte man meinen. Sie waren dabei, in der ersten Reihe sozusagen, erlebten ihren Meister live in Tod und Leben. Kann Glaube da ein Problem sein?

„Glauben heißt ’nicht wissen'“, hört man gelegentlich. Das greift zu kurz. Glauben ist gelebte Interpretation von Wirklichkeit. oder vielleicht besser: subjektives Wissen um die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit. Und da hatten die Jünger kein Vorbild, niemand, in dessen Evangelium sie nachlesen konnten, um das dort Geschriebene dann zu glauben oder auch nicht. Sie mußten sich ihr Bild selbst schaffen. Jesus hatte Andeutungen gemacht, aber die hatten sie vollständig ignoriert. Mit Auferstehung hatte niemand gerechnet. 

Die Geschichte, in der unser Vers steht, gibt einen Eindruck davon, dass es ein Prozess war, der mühevoll und in Stadien verlief. Er kam, sah und glaubte — der Wortlaut unseres Verses kann isoliert einen falschen Eindruck vermitteln. Was nämlich der Jünger schließlich „glaubte“, war nur die einfache Tatsache, dass Jesus nicht mehr im Grab lag.  

Maria Magdalena war früh am Morgen zum Grab gekommen und hatte gesehen, dass der Stein weggewälzt und der Leib des Gekreuzigten verschwunden war. Sie hatte sofort eine Interpretation: jemand mußte den Leib aus dem Grab genommen haben. Sie lief zu den Jüngern und berichtete. Petrus und ein anderer Jünger, der, ‚den Jesus lieb hatte‘ — war es Johannes? — machten sich auf, um zu sehen, was geschehen war. Das Grab war eine Höhle, verschlossen mit einem großen Stein. Der Eingang war nun aber frei und nachdem Petrus sich im Grab umgetan hatte, überzeugte sich auch der andere Jünger.  

Mitnichten aber von der Auferstehung, nur davon, dass etwas Ungewöhnliches geschehen war. Maria ist immer noch der Überzeugung, dass jemand den Leichnam herausgenommen habe. Sie sieht Engel und befragt sie. Dann sieht sie einen fremden Mann und wendet sich an ihn, sie hält ihn für einen Gärtner. Der Fremde spricht nur ein Wort, ihren Namen. Sie wendet sich ihm zu. Ein bittersüßer, unendlich kostbarer Augenblick. Und sie antwortet, nur ein Wort auch sie: Rabbuni — Meister. 

Die Jünger sind in diesem Moment noch weit entfernt von einem Glauben an so etwas Unerhörtes wie die Auferstehung des vor ihren Augen zu Tode geschundenen Menschen. Erst in den nächsten Tagen und Wochen wird sich ein neues Weltbild durchsetzen, immer wieder angezweifelt: im Erleben Einzelner und im Austausch in der Gemeinschaft. 

Herr, hilf uns sehen, was wir vor Augen haben!
Ulf von Kalckreuth