Und da Haman hineinkam, sprach der König zu ihm: Was soll man dem Mann tun, den der König gerne wollte ehren? Haman aber gedachte in seinem Herzen: Wem sollte der König anders gern wollen Ehre tun denn mir?
Est 6,6
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.
Wer anderen eine Grube gräbt…
Haman ist im Judentum eine Schreck- und auch Spottgestalt. Eine Schreckgestalt, weil er das Judentum ausrotten wollte, physisch — alle sollten sterben, an einem einzigen Tag. Fast schon war Haman am Ziel. Der persische König, Herr der Welt, hatte auf sein Betreiben den Befehl schon gegeben und per Boten in den entferntesten Ecken seines Riesenreichs verkünden lassen.
Aber auch eine Spottgestalt ist Haman, weil er am Ende in seine eigene Grube fällt und darin umkommt. Das Fest Purim erzählt vom Sieg der Königin Esther und vom Untergang des archetypischen Schurken Haman. An Purim werden „Hamanohren“ gebacken, süß und köstlich.
Im Vers deutet sich das Ende der Erzählung bereits an. Der König fragt Haman, was er denn tun könne, um jemanden zu ehren, der diese Ehre verdient hat. Haman glaubt, dass er derjenige sei, dem diese Ehre zukommen soll. Nun, so denkt er, ist der Moment gekommen, wo er sich wie im Märchen wünschen kann, was er will. Und er offenbart sich. Er wünscht sich die Kleidung des Königs und das Ross des Königs, er will öffentlich geehrt werden wie der König, und es wird sehr deutlich, dass er eigentlich selbst der König sein will.
Die Ehre aber, deretwegen der König Rat erbittet, soll Hamans Erzrivalen Mordechai gelten, einem Juden, den Haman abgrundtief hasst. So kommt denn alles, was Haman für sich selbst wünscht, seinem Rivalen zugute, und Haman selbst muß dessen Ehre öffentlich ausrufen, in dem er zu Fuß dem Pferd des Rivalen voranschreitet. Für diesen aber hatte Haman bereits einen Galgen bauen lassen, und am Ende der Erzählung baumelt Haman selbst daran. Vertauschte Welt: Mordechai bekommt, was Hamann für sich selbst haben will, und Haman geschieht, was er selbst für seinen Feind vorsieht. Und im Großen kommen nicht die Juden um, sondern alle ihre Feinde.
Wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst, und sogar unsere Feinde. Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein — die Bibel wiederholt dies nicht weniger als dreimal, in Spr 26,27, Ps 7,16 und Sir 27,26. Hamann stirbt am Ende daran, dass er sein eigenes Glück im Unglück seiner Feinde sieht. Das Buch Esther ist eine Lehrgeschichte. Was wir den anderen zuwenden, strahlt auf uns selbst zurück, und hat dabei kosmische Konsequenzen. Mechanisch fast, so funktioniert die Welt, so will Gott sie. Oft stehen in Lehrgeschichten der Bibel die Entscheidungen der Könige für die Wertungen Gottes. So auch hier.
Haman ist Spottfigur, und in unseren Gefühlen und Wertungen anderen gegenüber müssen wir aufpassen, dass es uns nicht genauso geht.
Wie würde das klingen? Der Herr segne unseren Nächsten und behüte ihn. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten auch über unseren Feinden. Er erhebe sein Angesicht auf uns alle, und gebe uns gemeinsam seinen Frieden.
Ulf von Kalckreuth
Ein Nachgedanke: Eigenartig, wie gut der Vers zu dem der vergangenen Woche passt.