Solches aber, liebe Brüder, habe ich auf mich und Apollos gedeutet um euretwillen, dass ihr an uns lernet, dass niemand höher von sich halte, denn geschrieben ist, auf dass sich nicht einer wider den andern um jemandes willen aufblase.
1 Kor 4,6
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Sich aufblasen
Paulus schreibt an die junge Gemeinde in Korinth, die er selbst gegründet hat. Es liegen ihm Fragen aus einem Brief der Gemeinde vor. Außerdem hat er von persönlichen Bekannten von allerlei Missständen erfahren. Sein Brief liest sich stellenweise bitter, manchmal auch ironisch bis hin zum Sarkasmus, und der erste Teil ist im Ganzen eine Standpauke.
Es gibt eine ganze Reihe von Themen. Eines davon sind Parteiungen. Anstatt die Botschaft Christi als Ganze zu erfassen und ihn mit Gott in die Mitte zu stellen, identifizieren sich die Menschen in der Gemeinde mit einzelnen Lehrern: Paulus, Apollos und Petrus. Sogar der Name Christi wird erwähnt. Die Menschen in der Gemeinde identifizieren sich mit diesen Lehrern, gewinnen daraus Status für sich und grenzen sich von anderen ab.
Das Schöne daran: Um selbst größer zu werden, müssen sie selbst gar nichts Großes tun. Es genügt, auf der richtigen Seite zu stehen. Sie blasen sich um einer dritten Person willen gegeneinander auf, schreibt Paulus in unserem Vers.
Und er wehrt sich wütend dagegen. Er will nicht gegen Apollos, Petrus oder andere in Stellung gebracht werden. Alle diese Verkündiger, sagt er, tun die ihnen von Gott zugewiesene Aufgabe, und auf diese kommt es an, auf die frohe Botschaft.
Manche Menschen heute identifizieren sich in dieser Weise mit Fußballvereinen. In meiner Jugend waren bestimmte Rockbands und Stars von einem Kult umgeben, der sich durchaus gegen andere richten konnte. In den Kirchen folgen wir einzelnen Lehrern nicht mehr in der Weise, die Paulus beschreibt. Niemand sagt: Ich folge Calvin, Wesley, Augustinus oder Luther, nicht wahr?
Vielleicht haben wir ja aus dem Korintherbrief gelernt?
Glaube ich nicht. Denn Parteiungen gibt es durchaus. Den Menschen ist oft wichtig, manchmal auch sehr wichtig, dass sie evangelisch oder katholisch, freikirchlich oder methodistisch sind. Wo ich herkomme, war das ein wesentlicher Teil der Identität und ist es noch. An Konfessionsgrenzen haben sich Familien entzweit. Als Flüchtlingskind wurde mein Vater auf der Straße von Kindern der „anderen“ Konfession mit Steinen beworfen.
Heute, in einer Stadt wie Frankfurt, ist das offenkundiger Unfug. Christen haben viel mehr gemeinsam als sie trennt. Gegenüber der vorherrschenden Indifferenz und auch im Verhältnis zu nichtchristlichen Religionen wirken die alten Konfessionsgrenzen oft grotesk.
Wenn Sie Christ sind: Wie wichtig ist Ihnen die „richtige Seite“? Besuchen Sie katholische, landeskirchliche, freikirchliche Gottesdienste nur, wenn es nicht anders geht? Blicken Sie auf einen katholischen Mitchristen mit anderen Augen als auf einen evangelischen?
Aber noch andere Parteiungen gibt es. Was geschieht, wenn sich herausstellt, dass besagter Mitchrist mit der AfD sympathisiert? Oder schwul ist? Oder nicht schwul?
Wie blasen wir uns auf?
Paulus sagt, das wir fast alles empfangen haben, was uns ausmacht. Meinen Verstand habe ich nicht gemacht. Meine Begabungen nicht. Die Menschen, die mir etwas beigebracht haben, habe ich nicht ausgesucht. Nicht das Land, in dem ich geboren wurde, nicht meine Muttersprache, nicht die Zeit, in der ich lebe. Selbst vieles von dem, was ich mir erarbeitet habe, konnte ich nur erarbeiten, weil vorher viel da war, das ich nicht erarbeitet hatte.
Das gilt auch für den Glauben, ja zuallererst für ihn.
Der Herr sei mit uns in der kommenden Woche und er zeige uns, worauf es ankommt.
Ulf von Kalckreuth
