Bibelvers der Woche 02/2026

Blick in einen Kugelsternhaufen, wie in ein Feuerwerk

Darum wird sie auch der Löwe, der aus dem Walde kommt, zerreißen, und der Wolf aus der Wüste wird sie verderben, und der Parder wird um ihre Städte lauern; alle, die daselbst herausgehen, wird er fressen. Denn ihrer Sünden sind zuviel, und sie bleiben verstockt in ihrem Ungehorsam.
Jer 5,6

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Feuerwerk

Mmh. Klingt nicht gerade anheimelnd. Wie ich dies schreibe, ist Silvesterabend, und eigentlich wünscht man sich da etwas Zuspruch für die Zukunft. In der vergangenen Woche gab es einen sehr ähnlich klingenden Vers aus Micha, und vor drei Wochen — erinnern Sie sich? — hatten wir schon einen anderen Vers aus Jeremia 5! Das bleibt nicht ohne Eindruck bei mir.

Der Vers vor drei Wochen, BdW 51/2025 war Jer 5,15, ebenfalls eine Ankündigung von Vernichtung und Strafe, funktional sehr ähnlich. Wo Vers 15 den bevorstehenden Untergang sehr präzise und konkret charakterisiert, ist Vers 6 noch unbestimmt. Er gebraucht starke Bilder, die auf eine Hungersnot ebenso passen würden wie auf eine Seuche oder einen Krieg. Der Vers gilt der Elite des Volks, den „Großen“, von denen Jeremia so enttäuscht ist.

Was tun mit diesem wenig heimeligen Vers?  

Vorhin habe ich versucht, ein Abendessen für unsere Familie zu holen. Das Restaurant liegt in einem kleinen Einkaufszentrum in unserer Nähe. Es war gegen 20:30 Uhr. Auf dem Weg sah ich, wie auf der Straßenseite gegenüber aus einem Hochhaus schwere Böller auf Passanten geworfen wurden, Polizei fuhr vorbei. Überall Krachen. Als ich ankam, war das kleine Einkaufszentrum dunkel und verwaist. Nur eine Familie mit einem Kind war da und böllerte. Auf dem Rückweg war ich auf die Gefahr konzentriert, die von den Hochhäusern ausging, und ich lief in die falsche Richtung. An einem der Hochhäuser stand ein Krankenwagen. Ich eilte zurück nach Hause, ohne Abendessen. Unter dem Tisch zitterte der Hund. 

Vor Zeiten diente der Neujahrslärm dazu, Dämonen zu vertreiben und der Angst in den Raunächten etwas handfestes entgegenzusetzen. Jetzt machen wir sie uns selbst, die Dämonen und die Angst. Tote wird es geben heute Nacht, Verwundete und viele Menschen mit Vergiftungen, Alkohol und anderes.

Die Verse von Jeremia und Micha treffen meinen Gemütszustand und meine Erwartungen. Es geht uns nicht gut, als Gesellschaft meine ich. Was an Entwicklungen offen liegt, kann sich in seiner Dynamik nicht lange fortsetzen, ohne dass sich Grundsätzliches ändert — zum Guten oder zum Schlechten. Es wird unbequem.

Wir sind zum Tod verurteilt, sagt der Vers, unsere Sünden verurteilen uns. Was wir tun, tötet uns, und ebenso auch wie wir es tun — die Gleichgültigkeit, die Lügen, die Ichbezogenheit. Das sagt Jeremia klar und deutlich. Es wird etwas übrig bleiben, sagt Jeremia auch, genug, dass eine neue Welt entstehen kann. Der Untergang macht Platz für Heil. Auch das. Beides gleichermaßen! Und Gott gibt uns einen Schlüssel in die Hand.

Gott spricht: siehe: ich mache alles neu!

Das ist Offenb 21, ganz am Ende der Bibel, die Jahreslosung für 2026. Das Beitragsbild oben ist das Astronomic Picture of the Day für den 28.12.2025, Urheber des Bilds sind ESA/Hubble und NASA. Es ist ein ganz besonderes Feuerwerk — ein Blick in NGC 1898, ein Kugelsternhaufen in der großen Magellan’schen Wolke. Kosmisch ist Werden und Vergehen ein und dasselbe, und es liegt große Schönheit darin.

Was uns beherrscht, den Pardern überlassen, damit Platz wird für Neues, für Heil? Vielleicht ist das neue Jahr ein Schritt dorthin.

Gott sei immer mit uns!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 51/2025

Nachthimmel

Siehe, ich will über euch vom Hause Israel, spricht der HErr, ein Volk von ferne bringen, ein mächtiges Volk, dessen Sprache du nicht verstehst, und kannst nicht vernehmen, was sie reden.
Jer 5,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Gedankenexperiment

Jeremia kündigt im Namen Gottes die Vernichtung an. Hier der Vers im Kontext, in der Übersetzung von 1984:

Siehe, ich will über euch vom Hause Israel ein Volk von ferne her bringen, spricht der HERR, ein Volk von unerschöpflicher Kraft, ein uraltes Volk, ein Volk, dessen Sprache du nicht verstehst, und was sie reden, kannst du nicht vernehmen. Seine Köcher sind wie offene Gräber; es sind lauter Helden. Sie werden deine Ernte und dein Brot verzehren, sie werden deine Söhne und Töchter fressen, sie werden deine Schafe und Rinder verschlingen, sie werden deine Weinstöcke und Feigenbäume verzehren; deine festen Städte, auf die du dich verlässt, werden sie mit dem Schwert einnehmen.

Gott verlässt sein Volk. Nicht ganz, ein Rest des Landes und der Menschen sollen bleiben, damit ein neuer Anfang möglich wird. Jeremia spricht diese Worte irgendwann in der Zeit zwischen den Jahren 625 v. Chr, dem ungefähren Datum seiner Berufung als Prophet, und 597 v.Chr, der ersten Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar. Es folgt eine zweite Eroberung, die dem Staat Juda ein Ende bereitet und die Deportation großer Teile der Bevölkerung nach sich zieht.  

Der Vers klingt für uns dunkel, aber damals war er Klartext. Gerade war Babylon neu entstanden, wie eine Supernova. Assyrien hatte sich die große alte Stadt vor langer Zeit einverleibt, aber die Geschichte, die Kultur, die Sprache und die ethnische Identität der Babylonier waren wachgeblieben. Als die Despotie schwach wurde, stand Babylon auf und dehnte sich mächtig aus, auf den Trümmern des assyrischen Großreichs und weit darüber hinaus. Als Jeremia schrieb, versuchten die Könige Judas noch, durch Taktieren und wechselnden Allianzen sich Vorteile zu verschaffen und ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Ein Volk von unerschöpflicher Kraft, ein uraltes Volk, dessen Sprache du nicht verstehst, und was sie reden, kannst du nicht vernehmen... Im Exil würden die Judäer Gelegenheit haben, die Sprache der Eroberer zu lernen… 

Warum gibt Gott sein Volk preis? Jeremia spricht von der Gleichgültigkeit gegenüber Gott, der Abkehr von seinem Gesetz, der Hinwendung zu falschen Göttern und von Unwahrhaftigkeit, Lüge und Eigennutz auf Seiten der Elite. 

So weit die Eisenzeit und der Orient.

Ein Gedankenexperiment: Wenn der Vers morgen über dem weihnachtlichen Winterhimmel Frankfurts stünde, in Feuerschrift, und wenn dann klar würde, dass es sich nicht um eine Lasershow handelte? Könnten auch wir Klartext verstehen, in unserer Zeit? 

Jeder selbst kann sich das fragen. Was die Drohung betrifft, so fällt mir Rußland ein, oder besser noch, China — ein Volk von unerschöpflicher Kraft, ein uraltes Volk, dessen Sprache du nicht verstehst. Und der Hintergrund, das Warum? Die Stadt und das Land säkularisieren, entchristianisieren sich unfassbar schnell. Wir dienen keinen klassischen Götzen, nein, aber wir vergötzen das Ich. Liebe Gott und liebe Deinen Nächsten wie dich selbst, liebe deine Familie, liebe auch deinen Feind, so lautet das Gesetz Gottes. Sei mit deinem Ich im Zusammenhang aller mit allen…!

Ich sehe meine eigene Schicht, ein Genrebild. Wir schauen auf uns und optimieren alles. Work-Life-Balance, Urlaub, Karriere, Vermögensaufbau, Sicherheit im Alter und ein Eigenheim. Achtsamkeit als Ersatzreligion, Geschlechtsidentitäten. Gesundheit und Fitness. Sünde heute — das ist, einen Vorteil zu verpassen. Kinder sind dem allen mehr als abträglich, deshalb haben wir keine. Im Alter werden Zuwanderer für uns sorgen, und deren Kinder, so glauben wir. Unsere Welt könnte riesig groß sein, und sie ist doch sehr klein. Der Grund, auf dem wir stehen, schwindet. Nach uns die Sintflut. Wir sind nicht offen bösartig, aber wenn es irgend geht, blenden wir die Welt einfach aus. Das Los soll entscheiden, wer gemustert wird. Unsere Seelen sind in sozialen Netzen gefangen.

Das könnte schon passen. Die Erzählungen der Bibel umfassen einen Zeitraum von rund zweitausend Jahren, und ebenso lang ist es her, dass die Sammlung abgeschlossen wurde. Aber irgendwie kann alles gleichzeitig zu uns sprechen, Segen und auch Fluch…  

Die Adventszeit ist Vorbereitung auf eine Endzeit. Nichts bleibt, wie es ist. Ich wünsche uns einen frohen dritten Advent. Das Beitragsbild oben stammt von meiner Tochter Mathilde. Unsere Woche sei gesegnet, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 33/2025

An deren Statt ließ der König Rehabeam eherne Schilde machen und befahl sie den Obersten der Trabanten, die an der Tür des Königshauses hüteten.
2 Chr 12,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Nicht vergessen!

Wir versagen. Bringen andere Menschen ins Unglück und uns selbst. Erfüllen Erwartungen nicht, die man zurecht an uns stellt. Sind manchmal böswillig, oder wenigstens nicht gutwillig, und lassen geschehen, was sich verhindern ließe. Sehen nicht, worauf es jetzt und heute wirklich ankommt, passen unsere Prioritäten nicht an, bleiben faul in den Verhaltensmustern, die wir uns irgendwann antrainiert haben. Wir sind Menschen. Wir verhalten uns falsch, wieder und immer wieder. 

Aber wie gehen wir damit um? 

Ein Vater hat einen Hang zum Jähzorn, und wenn ein Streit mit seinem halbwüchsigen Sohn eskaliert, kann er handgreiflich werden. Eines Tages geschieht es. Er gibt seinem Sohn eine Ohrfeige, und der Schlag fällt heftig aus, trifft Mund und Kinn. Der Junge stürzt. Dabei verletzt er sich weiter am Kopf. Er liegt am Boden. Auf Betreiben des Jugendamts wird dem Vater das Sorgerecht entzogen. Sein Sohn kommt in ein Heim. Im Mittelpunkt des Verfahrens steht ein Foto: sein Sohn, Auge und Nase ist geschwollen, die Lippen bluten. 

Achtung, Täterperspektive: Wie geht der Vater damit um?

König Rehabeam war als Hüter seines Volks und von Gottes Tempel bestellt. Seine verblendete Maßlosigkeit macht, dass das Großreich Israel auseinander bricht und sich zehn der zwölf Stämme von ihm abwenden. Dann lässt er sich auf einen Krieg mit Schischak ein, dem mächtigen Pharao in Ägypten. Dieser zieht mit seiner gewaltigen Streitmacht nach Jerusalem, nimmt es ein und macht Rehabeam zum tributpflichtigen Vasallen. Alle Schätze des Königshauses muss er abliefern, und alle Schätze des Tempels. Darunter auch die goldenen Schilde, die sein Vater Salomo für den Tempel hat fertigen lassen. 

Wie geht der König damit um? 

Er lässt sich gleichartige Schilde aus Kupfer oder Bronze anfertigen und weist seine Palastwache an, ihm diese Schilde zu zeigen, wann immer er den Tempel besucht, jedes Mal. Das hast du getan! Nicht vergessen! 

Das ist mehr als aussergewöhnlich. Fast immer verdrängen und vergessen wir ja. Es ist so, als ob der Vater im Gleichnis oben das Foto mit dem blutenden Gesicht seines Sohns auf seinen Schreibtisch stellte, so dass sein Blick und auch der anderer Menschen in seiner Nähe immer wieder darauf fallen muss. Das hast du getan! Nicht vergessen!  

Es ist nicht gleichgültig, wie wir umgehen mit unseren Verfehlungen, auch für die nicht, die darunter leiden. Wird der Vater jemals wieder zuschlagen, der dies Foto seines Sohnes auf dem Schreibtisch stehen hat?

In der biblischen Geschichte ist Gott gnädig mit Rehabeam. Der König kann weiter regieren und das Reich erholt sich. Gott helfe uns im Versagen. Und — wichtig! — er helfe uns zum rechten Umgang damit. In allem brauchen wir seinen Segen
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 30/2025

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Schrecken, Grube und Strick kommt über dich, du Einwohner in Moab, spricht der HErr.
Jer 48,43

Untergang und…

Das klingt bitter. Zum besseren Verständnis ist hier die Fortsetzung:

Schrecken, Grube und Schlinge über dich, du Volk von Moab!, spricht der HERR. Wer dem Schrecken entflieht, der wird in die Grube fallen, und wer aus der Grube herauskommt, der wird in der Schlinge gefangen werden; denn ich will über Moab kommen lassen das Jahr seiner Heimsuchung, spricht der HERR. Erschöpft suchen die Entronnenen Zuflucht im Schatten von Heschbon; aber es wird ein Feuer aus Heschbon und eine Flamme aus dem Hause Sihon ausgehen, welche die Schläfe Moabs verzehren wird und den Scheitel der kriegerischen Leute.

Eine klare Ansage. Moab, Erzfeind Israels im Osten, soll zerstört werden. Israel selbst ist existenziell bedroht. Wie eine Dampfwalze überrollen die Truppen Nebukadnezars das ganze Gebiet. Neu-Babylon war wie Phönix aus der Asche des altbabyloniischen Reichs erstanden, das nurmehr eine Schattenexistenz im gewalttätigen Großreich der Assyrer geführt hatte. Nebukadnezar und seinem Vater Nabopolassar war es gelungen, nicht nur die Eigenständigkeit zurückzugewinnen, sondern das Reich der Assyrer zu zerstören und aus seinen Trümmern ein neues Großreich zu formen. Israels König will die Gelegenheit zu nutzen, seinerseits die Selbstständigkeit zurückzugewinnen, aber er interpretiert die Zeichen der Zeit falsch.

Ich reise gerade mit meiner Tochter durch Süditalien. Mit anderthalb Stunden Verspätung hat unser Zug Neapel verlassen, irgendwann werden wir hoffentlich in Messina ankommen. Für unseren Bibelvers der Woche habe ich nur das Handy, noch nicht einmal eine gedruckte Bibel. Aber ich schöpfe nicht aus dem Nichts. Aus diesem Abschnitt kam letztmalig der BdW 52/2023. Zum Kontext habe ich ausführlich in der KW 44/2018 geschrieben, und auch der BdW 14/2019 handelt von dieser Prophezeiung. Heute habe ich eine kleine Beobachtung, die ich gern mit Ihnen teilen möchte. Die Prophezeiung selbst ist hart wie Beton. So glaubt man es zu kennen, das Alte Testament, oft sind diese Urteile verbunden mit einer Erzählung darüber, wie sie sich bestätigen. Hier aber distanziert sich zunächst der Prophet selbst von seiner Prophezeiung. Mit viel Emotionen drückt Jeremia seine Trauer aus und bittet den Herrn um Gnade für den verhassten Feind. Der Intermediär bleibt nicht passiv, sondern geht aktiv um mit seiner Botschaft. Und dann, am Ende, kommt eine Relativierung vom Herrn selbst. Vollkommen unvermittelt endet das Kapitel mit den folgenden Worten (Vers 47):

Aber in der letzten Zeit will ich das Geschick Moabs wenden, spricht der HERR. Das sei gesagt von der Strafe über Moab.

Ist das ein Echo auf die Verzweiflung Jeremia? Oder sollen wir hier etwas über Gott, den Herrn lernen? Wache, bete und harre auf das Ende?

Wo ich dies schreibe, verlasse ich einen langen Tunnel. Ich wünsche uns eine gesegnete Woche unter dem Schutz des Herrn,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 15/2025

Da antwortete Eliphas von Theman und sprach:…
Hiob 15,1

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Ein Tiefpunkt

… Soll ein weiser Mann so aufgeblasene Worte reden und seinen Bauch so blähen mit leeren Reden? 

Das ist die Fortsetzung des begonnenen Satzes. So spricht Elifas, ein „Freund“, zu Hiob. Elifas sitzt neben dem Lager eines Menschen, der seine Kinder, sein Haus, seinen Lebensunterhalt verloren hat und seine Gesundheit dazu: von Geschwüren zerfressen liegt er da. Kann es nach diesen Worten noch eine Brücke geben?

Zu Elifas und dem Streitgespräch Hiobs mit den drei Freunden über das Wesen des Leids hatten wir erst vor kurzer Zeit den BdW 03/2025 gezogen — schauen Sie doch mal kurz herein. Und Elifas‘ Intervention wirkt wie ein Echo auf den Bibelvers der vergangenen Woche.

Denn Elifas behauptet nach dieser Eineitung exakt das, was Kohelet offen in Zweifel zieht, und zwar als pure Wahrheit, hinter der nichts weiter kommt. Den Gottlosen ereilt seine eigene Schuld, Gott wird strafen und ihn dahinraffen. 

Damit antwortet er Hiob. Ausgehend vom eigenen Schicksal war dieser zuvor zu einer Klage über das Schicksal aller Menschen gekommen. Nach einem kurzen Leben auf der Erde müssen sie wieder ohne Spur und ohne Erinnerung, restlos, im Totenreich verschwinden. Das Totenreich stellte man sich als düsteres Schattenreich vor, ohne eigentliche Realität. Die Menschen, so das Fazit, sind Gott nichts wert.

Aber dann hatte Hiob ein kühnes Gedankenexperiment gemacht: Wie wäre es denn, wenn es ein Leben nach dem Tode gäbe? Wir wären unendlich viel kostbarer für Gott, er würde auf unsere Schritte achthaben und würde uns unsere Übertretungen verzeihen: 

Meinst du, ein toter Mensch wird wieder leben? Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt. Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. Dann würdest du meine Schritte zählen, aber hättest doch nicht acht auf meine Sünden. Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen (Hiob 14,14-17)

Das ist hypothetisch, eine gefestigte Vorstellung vom ewigen Leben bestand in der Zeit der Entstehung des Buchs Hiob nicht. Aber es ist auch berührend: Für einen Augenblick hatte Hiob einen Gesichtspunkt ausserhalb seines eigenen Leids gefunden und Gott kosmisch gesehen, als wahrhaft Liebenden im Angesicht seiner Schöpfung. 

Für einen Augenblick sieht Hiob das Licht. Und sein Freund antwortet und wiederholt nur, dass es wie ihm eben allen Gottlosen gehe. Und dass er bitte daraus lernen solle. 

Ein absoluter Tiefpunkt. Und eine verpasste Chance. Am Ende offenbart sich Gott im Sturm. Er sagt, dass die drei Freunde nicht recht von ihm, dem Herrn, gesprochen hätten, und dass nur Hiobs Fürbitte sie nun retten könne. Vielleicht hatte er dabei diese Stelle des Gesprächs vor Augen…

Der Herr gebe uns einen offenen Geist, das Leiden anderer zu erkennen — und auch das Licht, das sie sehen!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 13/2025

Denn wir kennen den, der da sagte: „Die Rache ist mein, ich will vergelten”, und abermals: „Der Herr wird sein Volk richten.”
Heb 10,30

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Awesome God

Das ist deutlich. Und es ist erst ein paar Wochen her, dass wir mit BdW 06/2025 den unmittelbar vorangegangenen Vers gezogen haben, Heb 10,29. Hier noch einmal die Textstelle im Zusammenhang (28-31), die beiden gezogenen Verse sind gefettet: 

Wenn jemand das Gesetz des Mose bricht, muss er sterben ohne Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin. Eine wie viel härtere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes für unrein hält, durch das er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht? Denn wir kennen den, der gesagt hat »Die Rache ist mein, ich will vergelten«, und wiederum: »Der Herr wird sein Volk richten.« Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.

Meine Betrachtung seinerzeit richtete sich auf das Wesen der Strafe Gottes. Nun soll ich ein weiteres Mal darüber nachdenken. Genügt es nicht, auf die ältere Betrachtung zu verweisen? Habe ich seinerzeit etwas Wichtiges übersehen oder falsch dargestellt? 

Reset! —

Am vergangenen Sonntag sang ich im Gottesdienst mit dem Musikteam ‚Awesome God‘ von Rich Mullins, hier ist ein Link zu dem Lied. Ich hatte den Solopart mit den beiden Strophen:

When He rolls up His sleeves He ain't just puttin' on the ritz
Our God is an awesome God
There is thunder in His footsteps and lightning in His fists      
Our God is an awesome God
The Lord wasn't joking when He kicked 'em out of Eden
It wasn't for no reason that He shed His blood
His return is very close and so you better be believin'
That our God is an awesome God

Our God is an awesome God
He reigns from heaven above
With wisdom, power and love
Our God is an awesome God!

And when the sky was starless in the void of the night
Our God is an awesome God
He spoke into the darknness and created the light
Our God is an awesome God
Judgement and wrath He poured out on Sodom
Mercy and grace He gave us at the cross
I hope that we have not too quickly forgotten 
That our God is an awesome God!

Our God...

Dies Lied ist, woran ich denken mußte, als ich den Vers zog. Schaue ich in Gott, die Welt und mich selbst, dann ist da immer beides: Gnade und Strafe, Liebe und Gewalt. So zieht es sich durch die Bibel, von Genesis über die Psalmen bis zur Offenbarung des Johannes. Das Leben und Sterben Jesu mag als Exempel dienen, und nirgends steht geschrieben, dass Gottes Gewalt — und Gottes Liebe — mit Jesu Foltertod ein Ende hat. Man mag es mögen oder nicht: der Weg mit dem Gott der Bibel ist immer auch ein Weg am Abgrund. 

Dein Segen sei mit uns, Herr! Und lass mich nicht heute noch den letzten Vers des Ausschnitts oben ziehen. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 06/2025

Wie viel, meint ihr, ärgere Strafe wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Testaments unrein achtet, durch welches er geheiligt ist, und den Geist der Gnade schmäht?
Heb 10,29

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Strafe Gottes

Unser Vers steht im Hebräerbrief und bereitet auf einen Abschnitt vor, der den Wert des Glaubens thematisiert. Ich stelle zunächst den umgebenden Text im Zusammenhang vor (28-31)

Wenn jemand das Gesetz des Mose bricht, muss er sterben ohne Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin. Eine wie viel härtere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes für unrein hält, durch das er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht? Denn wir kennen den, der gesagt hat »Die Rache ist mein, ich will vergelten«, und wiederum: »Der Herr wird sein Volk richten.« Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.

Hier wird die Strafe benannt, die den trifft, der vom Glauben abfällt. Der Brief geht an eine Gemeinde, die auf dem Weg ist, zur Gesetzlichkeit des Judentums zurückzukehren und dabei Jesus Christus zu verlieren — so jedenfalls sieht es der unbekannte Verfasser.

In der jetzt vergangenen Woche war ich im Kino und habe „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ gesehen. Ein Film, der heimlich im Iran gedreht und nach der Flucht des Filmteams in Deutschland fertiggestellt wurde. Es zeigt, wie eine Familie zerbricht unter dem Druck, alles richtig machen zu müssen, alle Forderungen zu erfüllen. Am Ende stehen sich in einer Geisterstadt Vater und Tochter gegenüber, mit Pistolen in den Händen, und ein Schuss setzt der unerträglichen Spannung ein Ende. Es geht im Film nicht nur um Menschen und das Regime, es geht auch um den strafenden Gott — schrecklich ist’s, in die Hände es lebendigen Gottes zu fallen. Solche Worte fallen mehrfach.

Warum wird Abkehr vom Glauben bestraft?

Johannes sagt, dass wir im Glauben mit Jesus Christus eins werden und diese Einheit uns befähigt, wie er den Tod zu besiegen und zum Vater zu kommen. Jemand der diesen Weg ablehnt, und einen anderen Weg geht, muß ihn eben auch gehen.

Aber das ist nicht wirklich Strafe, es hat eher etwas kausal-mechanisches. Man kann nicht die Rettung ablehnen und ihrer dennoch teilhaftig werden. Wer sich mit Steinen beschwert in den See wirft, muß die Kleider ablegen, sonst stirbt er. 

Der Text aber spricht klar von Strafe. Welchen Sinn hat Strafe? Sie kann den Bestraften an die Norm erinnern und darauf hinwirken, dass sie eingehalten wird. Oder sie kann diese Wirkung bei anderen entfalten. Eine Strafe in der anderen Welt kann nichts dergleichen bewirken. Wenn unser Hund sich daneben benimmt und eine Stunde später schilt ihn jemand, ist das völlig sinnlos, Das versuche ich der Familie zu erklären — der Hund hat die Begebenheit vergessen und weiss nicht, was los ist. 

Ich kann mir einen liebenden Gott vorstellen, der nicht jeden retten kann. Aber einen liebenden Gott, der straft, wenn und wo es sinnlos geworden ist? Nicht aus Jähzorn, sondern aus Prinzip? Aus Gerechtigkeit? Wollen wir das vielleicht gerne so? In den Psalmen ist die Aussicht auf Bestrafung der Gottlosen, Frevler, Feinde oft kaum zu unterscheiden von der Hoffnung auf Erlösung.

Trägt Abkehr vom Glauben die Strafe in sich? Unter welchen Umständen?

Ich denke, Glauben bedeutet in erster Linie Vertrauen. Tröstend ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Aufgehoben zu sein.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 04/2025

Denn siehe, ich will die Chaldäer erwecken, ein bitteres und schnelles Volk, welches ziehen wird, soweit die Erde ist, Wohnungen einzunehmen, die nicht sein sind,
Hab 1,6

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Mit alledem machen sie ihre Kraft zu ihrem Gott…

Das ist, wonach es klingt — eine Ankündigung des Untergangs. Im Jahr 625 v. Chr. gründete Nabopolassar das Neubabylonische Reich. Er löste das Babylonier aus der drückenden Hegemonie der Assyrer, die sich das große alte Volk ebenso wie alle anderen Völker in einem Umkreis von mehreren Tausend Kilometern dienstbar gemacht hatten. Und drehte dann den Spieß um, indem er das riesige assyrische Imperium einfach übernahm. 

Rund 30 Jahre später steht die Armee seines Sohnes Nebukadnezar vor Jerusalem und erobert die Hauptstadt des unbotmäßigen Vasallen. Und zehn Jahre später noch einmal. Diesmal wird tabula rasa gemacht — der Tempel vernichtet, die Stadtmauer geschleift, die Elite der Stadt verschleppt. Die Geschichte Jerusalems ist zu Ende, sie beginnt erst viel später wieder neu. 

Das alles also sagt der Prophet genau voraus — ‚Chaldäer‘ ist ein anderes Wort für Babylonier. War es so? Alttestamentler datieren die Urfassung der Schrift auf etwa 630 v. Chr. Dann hätte Habakuk von der Revolte der Babylonier 2000 Kilometer nördlich gewusst, noch bevor sie stattgefunden hat. Man denkt, dass die Prophetie ursprünglich weniger spezifisch gewesen war  und später redigiert und auf die babylonischen Feinde ausgerichtet wurde. In der Tat wollen die Bilder des wilden Reitvolks bei Habakuk nicht recht auf die streng geordneten Streitkräfte der Babylonier passen. 

Was sehen wir dann? Einen Mann, der mit allen Fasern von Geist und Körper spürt, dass eine Epoche, seine Zeit, zu Ende geht. Und auch, woher die Gefahr kommt; dass sich im Norden etwas zusammenbraut, das so gewaltig ist, dass es alles unter sich begraben wird. Das nimmt Habakuk wahr und er schreibt es auf. Er sieht Gott am Werk und weiß dabei, dass in Gott auch Trost ist. 

Das kann ich nachfühlen, und zwar besser als mir lieb ist. Etwa 2000 Kilometer östlich meiner Stadt lebt ein grausamer Diktator, der einen grausamen Krieg gegen ein ausgeblutetes Nachbarvolk führt. Am Montag kommt in einem anderen Land weit westlich meiner Stadt ein alter Präsident neu an die Macht, der seine schwächeren Nachbarn schon jetzt mit Kriegs- und Annexionsdrohungen überzieht. Und der grausame Diktator im Osten wäre so gern der beste Freund des alten neuen Präsidenten im Westen. Weil dann vieles leichter wäre. Vielleicht klappt es? Vielleicht ist er uns dann bald näher. Eine Wahl gibt es in meinem Land, und irgendwie kandidieren auch sie, der grausame Diktator und der alte neue Präsident… 

Grausam und schrecklich ist es [das Volk]; es gebietet und zwingt, wie es will. 
Ihre Rosse sind schneller als die Panther und bissiger als die Wölfe am Abend. 
Ihre Reiter fliegen in großen Scharen von ferne daher, wie die Adler eilen zum Fraß. 
Sie kommen allesamt, um Schaden zu tun; 
wo sie hinwollen, stürmen sie vorwärts und raffen Gefangene zusammen wie Sand. 
Sie spotten der Könige, und der Fürsten lachen sie. 
Alle Festungen werden ihnen ein Scherz sein; denn sie schütten Erde auf und erobern sie. 
Alsdann brausen sie dahin wie ein Sturm und jagen weiter; 
mit alledem machen sie ihre Kraft zu ihrem Gott.

So schreibt Habakuk (1,7-11). Gottes Schutz sei mit uns und seine Kraft sei bei uns in den Jahren, die vor uns liegen.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 03/2025

Meinst du wegen deiner Gottesfurcht strafe er dich und gehe mit dir ins Gericht?
Hiob 22,4

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Eine entscheidende Frage

Das Buch Hiob ist vieles: Auseinandersetzung des Menschen mit Gott, seiner Macht und der hellen wie dunklen Seiten seines Wesens, Klage über die Bedingtheiten unseres Lebens, über Leid und Tod, Lehrerzählung, Gedicht, Gebet. Aber auch intellektuelle Auseinandersetzung, ausformulierte Lehrgespräche, die im Talmud oder einer Jeschiwa ihren Platz haben könnten. 

Das ganze Buch ist eigentlich ein Gespräch, es setzt ein mit einer Auseinandersetzung Gottes mit dem Teufel über das Wesen der Gottesfurcht — ist sie Ausfluss und Ergebnis Gottes gütiger Sorge und Bewahrung der Seinen? Macht Gott sich die Gottesfurcht dann nicht eigentlich selbst? Was wäre sie dann wert? Oder ist sie etwas eigenständiges? Gibt es Gottesfurcht auch im Unglück? Wo ist Ursache, wo ist Wirkung? Gott und der Teufel einigen sich auf ein wissenschaftlich sauberes Experiment: ein perfekt gottesfürchtiger Mensch, der in seinem Leben alles hatte, wird dem Teufel ausgeliefert, der ihm alles nimmt bis auf sein nacktes Leben — was geschieht mit seiner Gottesfurcht? 

Hiob liegt im Staub, seine Existenz ist völlig vernichtet. Sein Leben hat er gottesfürchtig gelebt, er weiss es, Gott und der Teufel wissen es auch, aber die Freunde, die ihn besuchen und mit denen er nun über sein Schicksal spricht, wissen es nicht. 

Der Vers, den wir gezogen haben, wird gesprochen von Elifas, einem der drei Freunde. Er hat eine Theorie über den Zusammenhang von Wohlergehen und Gottesfurcht. Es ist nicht die These, über die Gott und der Teufel debattieren, sondern die traditionelle Vorstellung vom Tun-Ergehens-Zusammenhang, die so wichtig ist für jüdisch-christliche Ethik, siehe den BdW 50/2021. Gott belohnt gutes Verhalten und bestraft Vergehen. Der Satz ist gewichtig: Elifas hat die ganze Torah und die Psalmen auf seiner Seite. Wenn dem aber so ist — wie kann Hiob dann behaupten, gottesfürchtig gelebt zu haben? Ist sein Schicksal dann nicht Beweis genug, dass es nicht so war? Würde Gott ihn bestrafen wegen seiner Gottesfurcht?  Elifas wird hier ironisch.

Aber ironischerweise ist es genau so — mit einem Sünder und Frevler hätten Gott und der Teufel ihr Experiment nicht machen können. Im Anschluß zählt Elifas Vergehen auf, denen Hiob sich schuldig gemacht haben könnte. Hinter diesen imaginierten Übertretungen steht eine fortgeschrittene Ethik — was Elifas aufzählt, sind keine Verstöße gegen den Wortlaut der Torah, sondern gegen ihren Geist. Elifas vermutet, Hiob könnte eigensüchtig, berechnend und kalt gegenüber seinen Mitmenschen gewesen sein, seine Macht genutzt haben, um sie auszuplündern.  Im konkreten Fall haben die Vorwürfe keinerleiGrundlage, aber immerhin: Elifas sagt an dieser Stelle genau, worum es eigentlich geht bei der Gottesfurcht, oder worum es gehen sollte. 

Aber dann: stellen Sie sich das vor. Sie liegen im Dreck und ihr Freund, der an Ihrem Bett sitzt, phantasiert darüber, wie Sie selbst an allem schuld sind mit Ihrem widerwärtigen Verhalten den Mitmenschen gegenüber. Sie müssen ein schlechter und verabscheuungswürdiger Mensch sein, denn sonst ginge es Ihnen gut und Gott wäre Ihnen gnädig. 

Das wirkt etwas absurd. Schaut man genau hin, bohrt Elifas mit untauglichen Mitteln ein dickes Brett. Wenn Gott gut ist und gerecht und mächtig, wenn er sich interessiert für unser Leben und unser Schicksal — wie können Menschen unverschuldet leiden und zugrunde gehen?

Das Buch Hiob stellt diese Frage in aller Schärfe und lotet den Raum für die Antwort sorgfältig aus. Aber auf eine bestimmte Antwort legt die Schrift sich nicht fest. Das Wesen des menschlichen Leids bleibt im Dunkeln, fast wie das Wesen Gottes selbst. In Jesus Christus begegnen sie sich beide und werden eins.  

Haben Sie eine Antwort auf die Frage? 

Eine definitive und allgemein gültige Antwort gibt es in meinen Augen nicht. Ich habe den Text und die Frage ChatGPT vorgelegt. Was zurückkam, war erstaunlich. Wertvoll wird die Antwort für uns nur, wenn und soweit sie die eigene ist.

Ich wünsche uns eine gute und gesegnete Woche unter Gottes Schutz,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 19/2024

Und Gad kam zu David zur selben Zeit und sprach zu ihm: Gehe hinauf und richte dem HErrn einen Altar auf in der Tenne Aravnas, des Jebusiters!
2 Sa 24,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Pandemie

In der vergangenen Woche wurde Pessach gefeiert, das jüdische Fest des Auszugs der Kinder Israel aus Ägypten. In die Vorgeschichte gehört die Geschichte von den zehn Plagen. Jüdische Kinder lernen diese Plagen vor dem Fest auswendig und malen sie. Die Bibelverse der vergangenen Wochen erinnern mich daran: 16/2024: Blut und Gottes Gericht; 17/2024: Die Sterne und Gottes Gericht; 18/2024: Auf Gottes Weisung stirbt ein Volk. Und nun also 19/2024: Gott sendet eine tödliche Seuche. 

Es geht um eine sonderbare Geschichte. Ausführlicher und noch eindrucksvoller wird sie in 1 Chr 21 erzählt. Sie beginnt damit, dass der „Zorn Gottes abermals entbrannte gegen Israel“ (2 Sa 24,1). Gott „reizt David gegen sie“, und der König ordnet eine Volkszählung an. Diese Volkszählung aber stellte ein todeswürdiges Verbrechen dar, dazu unten mehr. 

Gad, ein Prophet, erscheint vor David. Der König soll zwischen drei Strafen wählen: 1) Das Land erleidet eine sieben Jahre währende Hungersnot, 2) David selbst muss drei Monate lang vor Widersachern fliehen, die ihn verfolgen, und 3) Während dreier Tage wütet eine Pest im Land. David entscheidet sich gegen die zweite Möglichkeit: er will lieber, so sagt er, in die Hand Gottes fallen als in die der Menschen. Und so bricht eine Pest aus, verschlingt in rasender Geschwindigkeit siebzigtausend Menschen im Norden des Landes. Als die Epidemie Jerusalem erreicht und der Todesengel turmhoch über der Stadt steht, gereut es den Herrn, und er gebietet Einhalt. David sieht den Todesengel und bittet darum, dass ihm selbst die Strafe zukommen möge und nicht dem Volk — „was haben diese Schafe getan?“ Gad, der Prophet, weist David an, dem Herrn an dieser Stelle einen Altar zu bauen. Das ist der gezogene Vers, und es war dies der Platz, auf dem später der Tempel entstehen sollte. 

Hat man den Mund wieder zubekommen, steht man vor Fragen.

Warum sollte die Volkszählung ein todeswürdiges Verbrechen sein? Das lässt sich nicht mehr klären. Volkszählungen waren an sich erlaubt. In Ex 30, 11-16 wird eine Kopfsteuer im Zusammenhang mit Zählungen beschrieben. Jeweils zu Beginn (Num 1) und zum Ende (Num 26) der Wüstenwanderung ordnete Gott eine Volkszählung an. Der Name des Buchs Numeri leitet sich von der ersten Volkszählung ab. Ich bin bei meiner Recherche auf eine Diskussion im „Wachturm“ der Zeugen Jehovas gestoßen. Dort gibt es sonst Sicherheit und keine offenen Fragen, aber zur Sündhaftigkeit der Volkszählung muss der Redakteur passen.

Eigentlich aber ist die Sündhaftigkeit der Volkszählung gar nicht entscheidend. Das Urteil war schon früher gefallen. Gottes Zorn war entbrannt, er will das Volk und David strafen, und die Volkszählung sollte der äußere Anlass sein, eine Tat, zu der er selber David reizt. Im parallelen Text der Chronik übrigens ist es Satan, der David provoziert. Gott lässt David die Wahl, die Strafe selbst anzunehmen oder das Volk büßen zu lassen, und David entscheidet sich für die Seuche. 

Aus Sicht der Israeliten klingt die Geschichte etwa so: Gott, der Herr reizt unseren König zu einer schweren Sünde. Diese Sünde rechnet der Herr uns zu, weil unser König es so entscheidet, und wir müssen sterben. Siebzigtausend von uns tötet der Engel des Herrn. Gemeinsam strafen Gott und sein König David uns für etwas, an dem wir keine Schuld tragen. 

An dieser Stelle wird die dunkle Geschichte fast ein wenig kenntlich, nicht wahr? So können viele Opfer vieler Kriege klagen. Aber warum? 

Noch etwas anderes erkenne ich wieder — das Schlüsselmotiv hinter den ägyptischen Plagen. Wir haben sie oben schon angesprochen. Die Plagen trafen die Ägypter, weil ihr Pharao die Israeliten nicht ziehen lassen wollte. Aber der Herr selbst hatte den Pharao „halsstarrig“ gemacht, unfähig, auf neue Gegebenheiten zu reagieren. Er konnte den wiederkehrenden Forderungen Mose nicht nachkommen. Wie ein Automat musste er ablehnen, ein ums andere Mal, und ein ums andere Mal trafen die Plagen sein Volk, darunter auch eine Seuche. Siehe hierzu den Kommentar „Verblendung“ zu BdW 44/2019. Gott wollte den disruptiven Auszug, und der Pharao musste seinen Beitrag leisten.

Hier, in Sam 24, ist Gottes Volk selbst das Opfer. Das will nicht so recht passen zu unserem Bild von Gott: Gott tut so etwas nicht. Oder doch? Warum eigentlich nicht? Genau so sieht unsere Welt doch aus. Vielleicht liegt das Problem bei unserem Bild von Gott. Eigentlich sollten wir gar keines haben. Ein gnädiger Gott ist keine Selbstverständlichkeit, ein gütiger Gott auch nicht. Und wenn er nicht so ist, wie wir ihn gern hätten — nicht gütig, nicht gnädig, nicht zugewandt — dann können wir ihn nicht entlassen, abwählen, zurückgeben und umtauschen, wie wir es so gern tun. In seiner Allmacht steht er uns gegenüber…!

Vielleicht will uns die Geschichte daran erinnern. An ihrem Anfang steht der Zorn Gottes. Bezeichnenderweise endet sie damit, dass ein Platz für den Bau des Tempels gefunden wird. Der gewaltige Bau und der Opferbetrieb soll die Beziehungen zwischen Gott und seinem Volk auf eine regelbasierte und verlässliche Grundlage stellen. Ein Versuch, dem Ausgeliefertsein zu entkommen?

Ich wünsche uns allen eine Woche im Segen des Herrn, frei von Plagen — und mit dem Licht des Friedens in Rafah!

Ulf von Kalckreuth

P.S. Der Zufall oder etwas anderes wollte es, dass ich gestern in der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Frankfurt Geld wechseln musste. Ich wartete in einer Schlange, und bemerkte, dass ich auf einer großen Metallplatte stand, auf der Sterne und ein Komet zu sehen war. Als ich mir die Platte näher betrachtet, konnte ich Worte entziffern: 

Du bist erschrecklich — Wer kan furdirstehen wen du zurnest Anno 1680

Die Platte war nach einer Münze aus dem 17. Jahrhundert gestaltet, mit den Worten aus Psalm 76,8: Furchtbar bist du! Wer kann vor dir bestehen, wenn du zürnest? Das prägten die Menschen sich auf ihr Geld, vor knapp 350 Jahren. Der Kuschelgott, den wir zu kennen glauben, ist jedenfalls nicht sehr alt.