Bibelvers der Woche 36/2026

Der helle Morgenstern -- Jesus löst das Versprechen Gottes ein.

„Ich will deinen Samen bestätigen ewiglich und deinen Stuhl bauen für und für.“ (Sela.)
Ps 89,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Dynamit und Morgenstern

Der Vers ist eine Zusage Gottes an David. Seine Nachkommen werden regieren bis in alle Ewigkeit, oder jedenfalls bis in eine ferne, unbestimmte Zukunft. 

Mir liegt das zunächst einmal sehr fern. Zwar bin auch ich männlichen Geschlechts, aber sonst habe ich mit David nichts gemein: keine Söhne, keine Krone, kein Thron. Ihnen. liebe Leser, wird es ähnlich gehen. 

Wenn man aber den Psalm liest, zieht es einem fast die Schuhe aus. Er hat zwei Teile. Der erste überbietet sich selbst mit Heilszusagen an das Volk Gottes und seinen König und mit Lobpreis Gottes, dem mächtigen Herrn der Herren, der die Erde lenkt und das Chaos der Urzeit seiner Ordnung unterwirft – er vernichtet Rahab, das mythische Ungeheuer des Urmeers, Sinnbild des Chaos. 

Aber dann, ab Vers 39, kommt der Absturz:

Aber nun hast du verstoßen und verworfen
und zürnst mit deinem Gesalbten!
Du hast zerbrochen den Bund mit deinem Knecht
und seine Krone entweiht in den Staub.
Du hast eingerissen alle seine Mauern
und hast zerstört seine Festungen.
Es berauben ihn alle, die vorübergehen;
er ist seinen Nachbarn ein Spott geworden.
(Vers 39-42)

Und so weiter, mit steigender Intensität. Gott hat sein Volk und den König fallen lassen, hat scheinbar alle Versprechungen gebrochen und bricht sie weiter. Der Psalm ist nicht nur Klage, er ist regelrecht Anklage, mit der rhetorisch hoch aufgeladenen und unbedingten Heilszusage im ersten Teil und der übergangslos darauf folgenden erbarmungslosen Inventur der Realität von Staat und Volk. 

In der Bibel ist das Dynamit. Vielleicht ist der erste Teil des Psalms eine alte Königs-und Bundesüberlieferung, und der zweite stammt aus der Zeit des Zusammenbruchs. Vielleicht aber sind auch beide Teile gemeinsam verfasst: sehr stark sind sie aufeinander bezogen, wie Licht und Schatten. Der Psalm endet mit einer intensiven Bitte, die ohne Antwort bleibt. 

Mich erinnert das sehr an den BdW 34/2026 vor zwei Wochen, worin Gott seinem Volk den Schutz entzieht. Wie gehen wir damit um, wenn unsere Welt mit ihren Gewissheiten sich auflöst, obwohl wir doch auf Gottes Schutz bauen und vertrauen? Der Tod ist uns gewiss und unseren Kindern auch und – so fürchte ich – unserer Kultur. All das wird nicht schön.

Mit seiner im Wortsinn krassen Gegenüberstellung von Zusage und Realität fordert der Psalm vom Leser – und von Gott – eine Antwort. Das Alte Testament gibt sie nicht, nicht endgültig. Die Bücher Esra und Nehemia berichten zwar, wie nach der Katastrophe das Schlimmste überwunden wird: das Exil endet, Juden dürfen sich wieder in Jerusalem und der Umgebung sammeln und können die Stadt neu aufbauen, mit Mauer und Tempel. Aber das davidische Königtum kehrt nicht zurück. Das Land wechselt den Besitzer mehrfach. Zur Zeit von Christi Geburt steht es unter römischer Oberhoheit. Wenig später ist Jerusalem völlig zerstört und seine Bewohner vertrieben. Das Haus David scheint verschwunden. 

„Ich will deinen Samen bestätigen ewiglich und deinen Stuhl bauen für und für.“

???

Eine überraschende Antwort auf die klaffende Frage gibt das Neue Testament. Die Bezeichnung „Sohn Davids“ war im Lauf der Zeit zum messianischen Titel geworden, sie steht für den König, der da kommen soll, das Reich wieder aufzurichten. Viele erwarteten einen König aus Fleisch und Blut, der mit militärischer Macht auch politisch wieder aufrichtet. Das Neue Testament deutet den Königstitel um. Jesus ist kosmischer König, der das Reich Gottes errichtet. Sein Reich, sagt er, ist nicht von dieser Welt. 

In seiner großen Predigt nach dem Pfingstwunder erklärt Petrus den Zuhörern, wie ausgerechnet der jämmerlich m Kreuz gestorbene Jesus der verheißene David-König sein kann. Jesus ist auferstanden, er ist nicht im Tod geblieben. Er ist Nachkomme Davids und mit der Auferstehung beginnt sein Königtum: So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat (Apg 2,36).

Die Auferstehung ist für die Autoren des Neuen Testaments die Krönung Christi, das Ereignis, mit dem Gott sein feierliches Versprechen aus Psalm 89 einlöst. Das Königtum Davids und sein Same sind nicht erloschen. Das Reich Davids ist transformiert, in unfassbarer Weise ausgeweitet. Es überschreitet die Grenzen von Land, Volk, Macht und schließlich sogar des Todes. Das große Bild dieser neuen Welt geben uns die letzten Abschnitte der Offenbarung am Ende der Bibel. Dort sagt Jesus von sich selbst: Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern. Und er setzt fort: Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst. (Off 22,16b+17).

Der Herr segne und behüte uns in der kommenden Woche und immer. 
Ulf von Kalckreuth


Ein kleines Postscriptum: Wie auch schon in den drei vergangenen Jahren ist der „Bibelvers der Woche“ wieder als akkreditierter Blog auf der Buchmesse in Frankfurt vertreten. Über diese Akkreditierung freue ich mich auch deshalb, weil in diesem Jahr nur Content-Producer mit einer geschätzten Reichweite von mehr als 2000 Followern noch einen Presseausweis erhalten…! Ich werde berichten.

Bibelvers der Woche 31/2026

Der König und Feldherr aus Ps 110 trinkt Wasser am Bach

Er wird trinken vom Bach auf dem Wege; darum wird er das Haupt emporheben.
Ps 110,7

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Wasser des Lebens

Ein rätselhafter Vers in einem rätselhaften Psalm. Bitte folgen Sie dem Link oben und lesen Sie den Psalm erst einmal ganz. Er ist nicht lang. Aber er hat es in sich.

Von zwei Herren ist die Rede. Der eine ist unzweifelhaft Gott, der Herr. Im Original steht hier das Tetragramm, der Name Gottes. Der andere wird vom Psalmisten als „mein Herr“ angesprochen. Wer ist es?

Der Psalm gehört zu den Davidspsalmen. Wenn David ihn geschrieben hat, so ist „sein Herr“ ein Mensch, der mächtiger und größer ist als er selbst. Manche jüdische Exegeten denken an den Messias, andere an Abraham. Ihn könnte David „mein Herr“ genannt haben. Manche denken auch an David selbst. Im Original lautet die Zueignung des Psalms „le David„, das kann „von David“ oder auch „für David“ bedeuten. Der Autor könnte dann ein Höfling Davids sein, ein Tempelsänger oder ein Priester. Christen verweisen auf Jesus Christus. Jesus selbst spricht über den Psalm. Der Messias sei gemeint, sagt er, und folglich könne der Messias nicht einfach Sohn Davids sein, sonst würde David ihn nicht „mein Herr“ nennen (Matth 22,41–46).

Geheimnisvoll ist auch, dass der Besungene nicht nur oberster König, sondern auch oberster Priester ist, und zwar Priester nach der Weise Melchisedeks, einer anderen Ordnung als die der Nachfolger Aarons. Priestertum und Königtum waren in Israel klar verschiedenen Ämtern und Abstammungslinien zugeordnet.

Der Psalm beschreibt, wie dieser große Priester und König machtvoll auftritt und im Volk Gottes ein großes Heer aufbietet, das ihm „willig folgt im heiligen Schmuck“. Der König und sein Heer vernichten die Feinde Israels. Und dann kommt der sonderbare Vers 7, der letzte des Psalms: 

Er wird trinken vom Bach des Weges, darum wird er das Haupt emporheben. 

Was ist das? Psalm 110 entwirft eine gewaltige, bis ins Endzeitliche reichende Vision. Er steigert sich in immer größere Höhen: der Herr sitzt zur Rechten Gottes, er herrscht, er ist Priester in Ewigkeit, er richtet die Völker und zerschmettert Könige – und die letzte Notiz zeigt ihn beim Trinken aus einem Bach. Das ist das Gegenteil eines Höhepunkts.

Es gibt Exegeten, die gerade in dieser Unscheinbarkeit die Botschaft sehen: der Priesterkönig schreitet als Feldherr unaufhaltsam voran, und er hält nur kurz inne, um seinen Durst zu stillen. Nichts Unnötiges lenkt ihn ab von seiner Aufgabe. Verwandt damit ist die Deutung von Augustinus: Der Menschensohn muß sich erniedrigen, Mensch werden, leiden, um sein Erlösungswerk zu vollbringen. 

Aber was hat es mit dem Wasser auf sich? Man kann es als die Quelle jener Kraft lesen,  die der heiligen Priester, König und Feldherrn braucht, um den Kopf über seine Feinde zu erheben. 

Wiesenbach bei Biberach an der Riß

Mir fällt Psalm 1 ein. Dort steht Wasser als Bild für die Kraft und das Heil, das der Glaubende aus seinem Leben mit Gott zieht. Auch Jesus verwendet das Bild des Wassers in dieser Weise, in seinem Gespräch mit der Samariterin. In der Taufe schließlich wird der Mensch in die Gemeinschaft mit Christus hineingenommen.

Wenn Jesus der Priester und König des Psalms ist, dann sagt uns der Vers, was seine Kraft und Macht ist: es ist die Kraft Gottes, der er sich verbunden weiß bis hin zur Identität: „Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir?“, Joh 14,10.

Wir sind Kinder Gottes. In der Gemeinschaft mit Christus sind wir Könige und Priester, sagt die Offenbarung. Auch wir dürfen aus dem Wasser des Lebens Kraft und Reinheit empfangen. Der Herr sei mit uns in der Woche, die kommt.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 01/2026

Illustration zu Micha 5 -- Ein Licht in der Finsternis und Dunkel im Licht

…und will die Städte deines Landes ausrotten und alle deine Festen zerbrechen.
Micha 5,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Dunkel im Licht

Erschrecken Sie nicht — in der Wochenzählung hat 2026 bereits begonnen. Im Netz steht unser Vers im alten Jahr, aber die dazugehörige Woche gilt schon als die erste des neuen. „Zwischen den Jahren“ nennt man diese Zeit, die unbestimmte Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Und da habe ich den richtigen Vers für Sie gezogen.

Das Buch Micha ist sehr alt, Micha ist Zeitgenosse Jesajas und gehört zu den ‚kleinen Propheten‘. Das bezieht sich auf den Umfang der Schrift, der Abschnitt, aus dem wir gezogen haben, ist ausgesprochen prominent. Micha macht konkrete Aussagen über den Messias, den erwarteten Heilsbringer, und auch darüber, wo er zur Welt kommen wird: Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. (Micha 5,1)

Erinnern Sie sich an die Weisen aus dem Morgenland? Matthäus 2 berichtet, wie sie achthundert Jahre nach Micha von fern in die judäische Hauptstadt Jerusalem kommen, um dem neuen großen König zu huldigen, dessen Stern sie weit im Osten hatten aufgehen sehen. In Jerusalem wusste man nichts von einem neuen großen König der Juden. Herodes der Ältere, der Machthaber, befragt sehr besorgt seine Schriftgelehrten, wo denn dieser Heilsbringer zur Welt kommen solle. Mit Verweis auf Micha 5 antworten sie: in Bethlehem! 

Etwas ist sonderbar. Nicht nur Herodes ist besorgt, das ist unmittelbar einsichtig, sondern seine ganze Umgebung: Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, (Mt 2,3). Warum das? Warum erschrecken die Menschen und freuen sich nicht, wie Maria sich freut, und Simeon, und die Hirten auf dem Feld? 

Ich denke, es hat mit unserem Vers zu tun, und mit der Natur der Herrschaft des Messias und des Reichs Gottes. In Micha 5 steht viel Wunderbares zu lesen über die neue Zeit. Aber man liest dort ebenso deutlich, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Das Umfeld unseres Verses lautet, bezogen auf die Zeit der Heraufkunft des Messias (Micha 9-13):

Zur selben Zeit, spricht der HERR, will ich deine Rosse ausrotten und deine Wagen zunichtemachen und will die Städte deines Landes vernichten und alle deine Festungen zerbrechen. Und ich will die Zauberei bei dir ausrotten, dass keine Zeichendeuter bei dir bleiben sollen. Ich will deine Götzenbilder und Steinmale aus deiner Mitte ausrotten, dass du nicht mehr anbeten sollst deiner Hände Werk, und will deine Ascherabilder ausreißen aus deiner Mitte und deine Städte vertilgen.

Keine neue Ordnung ohne den Untergang der alten. Irgendwie logisch. Das Muster ist uns in den vergangenen Wochen in den Versen 51/2025, 50/2025 und 47/2025, 42/2025 bereits begegnet. Ganz allgemein gibt es in der Bibel die Tendenz, als Voraussetzung für echten Wandel die Umkehrung der bestehenden Ordnung zu verlangen.

Welcher Begünstigte der bestehenden Ordnung wird ihren Umsturz wollen? Wenn es einem gut geht im Ancien Régime, warum sollte man sich eine Katastrophe wünschen, die der alten Ordnung den Garaus macht? 

Ich verstehe das gut. Ich arbeite für den Staat, und ich bewege mich auf meine Pensionierung zu. Ich kenne kein Arbeitsplatzrisiko und kein nennenswertes Armutsrisiko mehr. Ich bin gesund. Ich habe allen Grund zur Dankbarkeit. Bin ich reich? Der Reichtum liegt nicht so sehr in bezifferbarem Vermögen als vielmehr in der Lebenslage. Sie zu ändern, würde alles gefährden…! 

Aber dann — wie würde ich reagieren, wenn ich die Tür zum Reich Gottes einen Spalt offen stehen sähe? Wie würde ich auf die alte Welt blicken? Könnte ich den Schritt tun? Die Frage macht mir Sorge. Jesus sagte einmal, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gelange als ein Reicher in den Himmel. Über den Ausspruch wird viel gestritten, aber denke, ich weiß, was er meint und wen er meint. Und wenn das so ist, was soll man sich denn eigentlich wünschen, für sich selbst und für seine Kinder? 

Die Aussicht aufs Reich Gottes: Dieser Tage steht es vor uns, schön und furchtbar zugleich, Sehnsuchtsort und Schreckensszenario. Wenn die Bibel von der neuen Welt erzählt, spricht sie immer auch vom Untergang der alten. Weihnachten hat seinen Platz als Licht in der Finsternis gerade in der dunkelsten Zeit. Kaum ein Prediger vergisst, das zu betonen. Aber da gibt es ein Gegenstück — das Dunkel im Licht. Den Menschen zu Jesu Zeit war das sehr bewußt. 

Das ist er also, unser Vers zum Jahreswechsel und zur Woche zwischen den Jahren. Ich wünsche uns allen ein gesegnetes Neues Jahr. Im Vaterunser beten wir, dass der Herr uns nicht in Versuchung führe. So sei es. Amen, Gott sei mit uns.  
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 27/2022

Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Siehst du wohl allen diesen großen Bau? Nicht ein Stein wird auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.
Mk 13,2

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017. 

Apokalypse — how?

Der Tempel war das Herz des religiösen und gesellschaftlichen Lebens im jüdischen Palästina. Die Ruinen der Fundamente, die man heute noch sehen kann, sind beeindruckend genug. Auf die Zeitgenossen hatte er eine ungeheure Wirkung. Als Jesus daher unvermittelt sein baldiges Ende voraussagte, hat es die Jünger „kalt erwischt“: 

Und als er aus dem Tempel ging, sprach zu ihm einer seiner Jünger: Meister, siehe, was für Steine und was für Bauten! Und Jesus sprach zu ihm: Siehst du diese großen Bauten? Hier wird nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

Im Markusevangelium steht diese Ankündigung im Zusammenhang mit Worten über das Ende der Welt, wie wir sie kennen und — nur angedeutet — der Heraufkunft einer neuen. Was Jesus sagt, erinnert in vielem an die Prophezeihungen am Ende des Buchs Daniel, vor allem Kapitel 12-14. Dort werden viele Angaben gemacht, die zu einer Datierung des Untergangs einladen. So steht etwa geschrieben: „Und von der Zeit an, da das tägliche Opfer abgeschafft und das Gräuelbild der Verwüstung aufgestellt wird, sind 1290 Tage“ (Dan 12,11). Von diesem Gräuelbild spricht auch Jesus (Mk 13,14). 

Jesus selbst war vom nahen Ende überzeugt — „… dies Geschlecht wird nicht vergehen, bevor dies alles geschieht“ (Mk 13,39). Der Tempel ging wirklich unter. Im Jahr 70 zerstörten ihn die Römern im Zuge der blutigen und gewaltsamen Unterdrückung einer Revolte, und die Stadt wurde entvölkert. Die Apokalypse, das Ende der Welt, wie wir sie kennen, das Gericht, die Heraufkunft des Messias und des Reichs Gottes, lassen hingegen auf sich warten. Oftmals in den zweitausend Jahren seither haben sich Menschen versammelt in der Erwartung, dass es nun so weit sei. 

Aber macht es einen Unterschied? Rom wirklich ist untergegangen, nur einige Sprachen, imposante Ruinen und die Reste des römischen Zivilrechts erinnern noch an das große Imperium. Ganz andere Menschen leben heute in Germanien, Italien, Palästina. Geschichte ist ein Mahlstrom, der in der langen Frist alles zerreibt. Und auch die große Katastrophe, der Untergang der Welt, wie wir sie kennen, steht jedem von uns bevor: als individueller Tod. Er ist dem einen nahe, dem anderen noch näher. Ich bin in dieser Woche 59 Jahre alt geworden, das schärft den Blick.

Nichts bleibt. Das ist die Perspektive der Apokalypse, und sie ist realistisch, sehr im Unterschied zu unseren vielfältigen und komischen Versuchen, uns doch irgendwie unsterblich zu machen. 

Und daneben, dahinter und davor steht die Aussage Jesu, die Aussage Gottes: Ja, alles vergeht, was du siehst, aber auf das, was du siehst, kommt es nicht wirklich an. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Es ist beständig und vergeht nicht: die Kraft Gottes, sein ewiges Reich und unsere Zugehörigkeit, unsere Heimstatt in dieser anderen Welt. Diese Welt gibt es schon, wir leben in ihr und sehen es nicht. 

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 02/2022

…samt den Schwellen, den engen Fenstern und den drei Umgängen ringsumher; und es war Tafelwerk allenthalben herum.
Hes 41,16

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Unverständliches verstehen

Hesekiel beschreibt etwas, das niemand als er selbst je gesehen hat: den Neuen Tempel, wie er im Reich Gottes stehen wird. Hesekiel beschreibt dieses Reich Gottes vom Tempel ausgehend. Er wird von einem Boten Gottes durch den Tempel geführt, der Bote nimmt vor seinen Augen überall Maß, damit Hesekiel sich diese Maße notieren kann. Und es scheint, als würde Hesekiel dabei so konkret wie nur immer möglich. 

Wenn der gezogene Vers ein Fragment ist, stelle ich ihn auch im Zusammenhang ein, meist mit der Lutherübersetzung 2017, die leichter verständlich ist als die alte Übersetzung von 1912. Wie sie sich mit dem Link oben selbst überzeugen können, unterscheidet sich i vorliegenden Fall die neue Übersetzung erheblich von der alten. In solchen Fällen greife ich als erstes zu der für das Alte Testament zuverlässigen und texttreuen katholischen Einheitsübersetzung, hier ein Link. Zu meiner Überraschung ist dort die Wiedergabe der alten Lutherübersetzung ähnlicher als der neuen. Ich schaue auf den hebräischen Urtext — der Text strotzt vor bautechnischen Termini und ich kann ihn auch mit einer Interlinearübersetzung nicht wirklich lesen.  

Was ist hier geschehen? Die Einheitsübersetzung gibt Hinweise. Viele Verse in Kapitel 41 tragen Fußnoten, man sei an dieser Stelle in der Übersetzung der Septuaginta (der antiken griechischen Übersetzung der jüdischen Schriften) gefolgt, weil der überlieferte hebräische Text nicht verständlich sei. Die Worte „waren getäfelt…“ zu Beginn von Vers 16 in der Einheitsübersetzung und der neuen Lutherbibel sind zum Beispiel der Septuaginta entnommen. Für den Folgevers 17 schreibt die Einheitsübersetzung schlicht: „Text unklar.“

Es scheint, als habe der Überlieferungsvorgang beim dutzend-, vielleicht hundertfach wiederholten Abschreiben den Text von Kap 41 so weit zerstört, dass der Inhalt nicht mehr eindeutig bestimmt werden kann. Weil den Neuen Tempel niemand kennt, waren Fehler schwer zu sehen und zu korrigieren. Die großen Übersetzungen gehen unterschiedlich weit darin, den überlieferten hebräischen Text durch besser verständliche alte Übersetzungen zu stützen — wobei unklar ist, ob sich die antiken Übersetzer nicht schon demselben Problem ausgesetzt sahen. 

Ist das tragisch? Ja und nein. Hier wird der Tempel im Reich Gottes beschrieben, in der neuen Welt, auf die Juden wie Christen warten, und wir verstehen die Beschreibung nicht! Aber vielleicht tritt hier auch etwas sehr Grundsätzliches zutage. Wenn Sie Kapitel 40 und 41 lesen, dann werden Sie erstaunt sein über die Fülle von Details, die genauen Maße überall. Es wirkt auf den ersten Blick, als sei der Text ein Plan, und man könne den Neuen Tempel damit bauen. Aber der Eindruck täuscht. Wenn Sie versuchen, sich das Beschriebene vorzustellen, werden Sie feststellen, dass es nicht gelingt — zu oft setzt der Prophet ein Vorwissen des Lesers, das dieser nicht haben kann. Man muß wissen, wie der Tempel aussieht, um ihn sich vorstellen zu können…!

Hesekiel kennt den alten, den salomonischen Tempel genau: er war als junger Priester darin ausgebildet worden. Vielleicht bezieht er sich einfach auf die (beim Leser als bekannt vorausgesetzte) Grundstruktur des alten Tempels? Aber als er schrieb, war der Tempel schon viele Jahre lang zerstört. Am Anfang von Kapitel 40 datiert er seine Vision auf das vierzehnte Jahr nach der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier. Und die Menschen, für die er schrieb, waren bereits im ersten Exil nach Babylon gelangt, also noch einmal zehn Jahre zuvor. Nur die Alten unter ihnen konnten den Tempel noch gesehen haben. Einen Bauplan müsste Hesekiel für eine solche Leserschaft anders schreiben. 

Man muss den Tempel des Reichs Gottes kennen, um ihn nach dem Text bauen zu können… Und mir will scheinen, als sei dies oft in der Bibel so. Ein hermeneutischer Zirkel: ohne Vorwissen um die Bedeutung erschließt sie sich nicht. Dieses Wissen mag aus der religiösen Tradition kommen, oder Gott selbst muß helfen. Sola scriptura, sagt Luther — aber die Heilige Schrift allein führt in ein Spiegelkabinett. Das ist eine schwierige Erkenntnis, auch und gerade mit Blick auf das Projekt dieses Blogs.

Gott selbst könnte den Tempel bauen, Hesekiels Text sagt nichts darüber, wie er entsteht. Man kann es aber auch so lesen: es kommt eine Zeit, in der Menschen wissen, wie der neue Tempel zu bauen ist. Für einen Propheten eigentlich keine ungewöhnliche Vorstellung. Hesekiels Vision wäre dann ein Vorgriff, und würde helfen, den Plan zu erkennen, wenn er ausgeführt werden kann. 

Vielleicht also das: Wir brauchen Vertrauen in unsere Fähigkeit, das Entscheidende zu sehen, das Entscheidende zu tun, wenn die Zeit dafür reif ist. Christen erkennen darin den Heiligen Geist.

Ich will Ihnen zum Ende die Übersetzung von Rosenzweig und Buber anbieten. Sie ist sehr wörtlich und gibt den zerklüfteten Charakter des hebräischen Texts ungeschminkt wieder. Auch sie interpretiert natürlich, so sind etwa alle Satzzeichen Hinzufügungen, es gibt sie im hebräischen Quelltext nicht. Lesen Sie und verzichten Sie für diesmal auf ein genaues Verständnis. Vielleicht können Sie durch die Worte hindurch doch einen kleinen Blick in das Innere der Halle des Neuen Tempels werfen: 

Und er maß die Länge des Gebäudes vor dem Abgetrennten, das an seiner Hinterseite ist, und seine Altane hüben und drüben: hundert Ellen. Und die Halle, und das Innere, und die Flursäle des Hofs, die Schwellen und die abgeblendeten Fenster und die Altane rings an den dreien, gegenüber der Schwelle Holzgetäfel rings ringsum, und der Boden, und bis zu den Fenstern [die Fenster aber gedeckt], bis über dem Einlaß und bis ins innere Haus und nach außen, und an der Wand überall, rings ringsum, im Innern und im Äußern, nach Maßen, da wars gemacht: Cheruben und Palmen – je eine Palme zwischen Cherub und Cherub, und der Cherub hat der Antlitze zwei, ein Menschenantlitz nach der Palme hüben und ein Löwenantlitz nach der Palme drüben – , gemacht an all dem Haus rings ringsum, vom Boden bis über dem Einlaß sind die Cheruben und die Palmen gemacht an der Wand. (Hes 41,15-20)

Die Reihe von Palmen und zwiegesichtigen Cheruben ringsum sehe ich jedenfalls klar vor mir. Vielleicht weil ich ähnliches kenne: das babylonische Ischtar-Tor im Berliner Pergamon-Museum. Und ich wünsche uns eine gesegnete Woche, mit Einsicht zur rechten Zeit, am rechten Ort…
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 01/2021

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließet vor den Menschen! Ihr kommt nicht hinein, und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen.
Mat 23,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Wald und Bäume

Jesus steht für Liebe — der Kern seiner Ethik hebt den Gegensatz auf zwischen dem Individuum und seiner Umwelt. Ein besonders friedlicher Mensch war er dabei nicht. Er konnte scharf und verletzend sein und Hierarchien bedeuteten ihm nichts. Wäre ein konzilianter Jesus von Nazareth am Kreuz gestorben? Wohl kaum — wer hätte ein Interesse daran gehabt? 

Der für diese Woche gezogene Vers ist ein Satz von der Art, die den Kopf kosten können. Pharisäer und Schriftgelehrte vertraten eine am Wortlaut orientierte Sicht auf die Gebote der Thora — sie zogen einen ‚Zaun um die Thora‘, wie man heute sagt, damit sie nicht verletzt werde. Für Jesus war das ein Irrweg. Das Reich Gottes war nahe herbeigekommen, hatte im Kern schon eingesetzt und wer mit Äusserlichkeiten vom Eigentlichen ablenkt, versperrt den Weg. Pharisäern und Schriftgelehrten hingegen galten Führer wie Johannes und Jesus als Quelle von Disziplinlosigkeit und Chaos; schlimmer noch: als Schwarmgeister, die ihre Nachfolger dem Gesetz entfremdeten, das Gott uns anvertraut hat. 

Jesus konnte aus vielen einzelnen Vorschriften die Essenz ziehen, er sah den Wald und nicht die Bäume und wies den Weg: „Das Reich Gottes ist da und es ist nicht da — lebt es, dann ist es Wirklichkeit, für euch und durch euch“, und „Wie ihr übereinander urteilt, wird der Vater über euch urteilen“, und „Liebt Gott über alles und den Anderen wie euch selbst“. Schwer und gleichzeitig einfach. Seine Worte über Pharisäer und Schriftgelehrte in Mat 23 aber hatten nichts Versöhnliches mehr, das Tischtuch war zerschnitten. Der Schnitt tut weh, immer noch. 

Liest man den Text, mag man auch ins Heute schauen. Wer befördert mit seinen Feststellungen und Urteilen über Gottes Wort und Willen die eigenen Interessen, auf Kosten derer, die abgelenkt werden? Die Falle der Selbstgerechtigkeit steht aufgespannt da. Und da müssen auch kleine Blogger gut aufpassen…

Gottes Segen sei mit uns — im neuen Jahr und immer,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 51/2019

Nun aber begehren sie eines bessern, nämlich eines himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott; denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet.
Hebr 11,16

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Die Verheißung

Unser Vers fügt sich nahtlos an den BdW der Kalenderwoche 47 an, an das große Versprechen, das sich durch die Bibel zieht. Erinnern Sie sich?

Ihr werdet aber über den Jordan gehen und in dem Lande wohnen, das euch der HErr, euer Gott, wird zum Erbe austeilen, und er wird euch Ruhe geben von allen euren Feinden um euch her, und ihr werdet sicher wohnen. (Dtn 12,10)

Hier geht es um die spezifische christliche Fassung dieser originären Verheißung, die im Alten Testament erst einem Menschen, dann einem Volk gegeben wurde. Nun soll sie Menschen aus allen Völkern gelten und sich nicht auf irdisches Land beziehen, sondern auf das Reich Gottes. Zum besseren Verständnis hier der Vers in seinem unmittelbaren Kontext

Diese alle (Abel, Henoch, Noah, Abraham, Sarah, d.V)) sind gestorben im Glauben und haben die Verheißungen nicht ergriffen, sondern sie nur von ferne gesehen und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden sind. Wenn sie aber solches sagen, geben sie zu verstehen, dass sie ein Vaterland suchen. Und wenn sie das Land gemeint hätten, von dem sie ausgezogen waren, hätten sie ja Zeit gehabt, wieder umzukehren. Nun aber streben sie zu einem besseren Land, nämlich dem himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott zu heißen; denn er hat ihnen eine Stadt gebaut.

Ich glaube, man kann es einfacher sagen. Die Zeugen der ersten Zeit, über die in Genesis berichtet wird, haben geglaubt. Sie glaubten etwas, das sie nicht sehen konnten und im Vertrauen darauf sind sie ausgezogen und haben Bekanntes aufgegeben. Es ist das Reich Gottes, das sie eigentlich suchten und auf das immer schon die Verheißung lautete. Diese Verheißung haben sie zu Lebzeiten nicht erlangt, sie steht ihnen noch aus. Sie werden sie gemeinsam mit denen erlangen, die jetzt leben, so steht es am Ende des Abschnitts. 

Ich liebe die Vorstellung vom Reich Gottes. Etwas, das nicht hier ist, aber doch schon da, das wir als einzelne, lokal, schon leben können, manchmal wenigstens, dessen Erfüllung für alle, global, aber noch aussteht. Vielleicht ist die globale Erfüllung (und die dazugehörige Apokalypse) am Ende auch ein Gleichnis für die lokale Form, das Reich Gottes in unserem eigenen Leben. 

Auch wir müssen ausziehen und aufgeben, um suchen und finden zu können, und vermutlich finden wir, indem wir in Bewegung sind, nicht alles auf einmal, sondern entlang des Wegs immer mehr. So verstehe ich die Geschichte der Alten. Und jeder von uns hat am Ende seine eigene Apokalypse vor sich. 

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Adventswoche auf dem Weg zum besseren Land,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 45/2019

Da ward ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und da er das Buch auftat, fand er den Ort, da geschrieben steht: …
Lk 4,17

Hier ist ein Link zur Lutherbibel 2017, für den Kontext des Verses.

Gott ist treu

Es ist die erste öffentliche Predigt seines Lebens. Die Primiz, die Initiation. Nach einer Zeit der Abwesenheit ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt und am Schabbat geht er wie immer in die Synagoge. Nach der Torah wird aus den Propheten gelesen. Obwohl er jung an Jahren ist, nimmt er sich das Recht und geht zum Lesepult. Sein Angebot wird angenommen, man reicht ihm die Rolle Jesaja. Er sucht eine Stelle ganz am Ende der Schrift, findet sie und liest Jes 61,1-2:

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.

Jeder der Zuhörer Jesu in Nazareth kennt diese Stelle. Von wem spricht Jesaja? Viele glauben, dass nur vom Messias die Rede sein kann. Nach der Lesung setzt sich Jesus und bietet auch die Auslegung an. Alle Augen richten sich auf ihn. Seine Predigt besteht aus nur einem Satz:

            Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren!

Das Reich Gottes ist ganz nahe herbeigekommen, sagt Jesus damit, hier in diesem Raum hat es schon begonnen, und es hat mit mir zu tun, und seht: dies ist meine Botschaft!

Anfangs sind die Zuhörer freudig und offen, dann aber erinnern sie sich, dass man den jungen Mann, der da spricht, eigentlich gut kennt, es ist doch der Sohn von Josef, dem Zimmermann! Die Reaktion ist wenig erstaunlich: Was würden wir denken, wenn jemand, den wir rund zwanzig Jahre lang aus der Gemeinde kennen, plötzlich so spräche?

Jesus erwidert scharf. Die Propheten werden im eigenen Land nicht geschätzt, das ist bekannt, sagt er, und nun solle er wohl Wunder wirken, um Glauben zu finden. Aber dann verweist er darauf, dass Gott seine Wunder und Taten oft den Fremden vorbehält, denjenigen, die nicht aus dem Volk stammen, und er nennt zwei Beispiele. Nichts habe ich gemein mit euch, und eine besondere Behandlung gibt es nicht, sagt er.

Die Gottesdienstbesucher sind so erzürnt, dass sie Jesus aus der Kirche drängen, er wird zu einem Berg geführt und er ist in Gefahr, das Leben schon ganz zu Beginn des öffentlichen Wirkens zu verlieren. Ein Wunder rettet ihn — ausgerechnet.

Das ist eine Initiation wie die Ouvertüre einer Oper. Die Erzählung nennt Jesu Rolle und den Kern seiner Botschaft. Sie bindet beides auf die Propheten zurück. Sie nimmt Jesus aus seinen heimischen Bezügen, aus seiner Familie und der vertrauten Umgebung, und auch sein Tod wird vorweggenommen, als Folge des Ärgernisses, das er erregt. Das Neue Testament in der Nussschale!

Und noch zwei Botschaften gibt es. Ich höre sie, weil ich selbst am Ende des Textes zum BdW der vergangenen Woche, der alptraumhaften Exodus-Sequenz, danach gefragt habe. Jesus spricht von der Treue Gottes. Das 700 Jahre zuvor dem Jesaja gegebene Versprechen wird eingelöst! Und er sagt deutlich, dass Gottes Treue nicht nur den Kindern Israels gelte. 

Eine bemerkenswerte Korrespondenz — wer hätte diese beiden weit entfernten Stellen der Bibel zusammen denken können? Ich wünsche uns eine Woche in der Treue Gottes. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 34/2018

…daß eure Nachkommen wissen, wie ich die Kinder Israel habe lassen in Hütten wohnen, da ich sie aus Ägyptenland führte. Ich bin der HErr, euer Gott.
Lev 23,43

Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017

Ein Fest, das den Christen fehlt…!

Der Vers steht im 3. Buch Mose (Levitikus). Das Buch befasst sich vornehmlich mit den Aufgaben der Priester, den unterschiedlichen Arten von Opfern, Festen, Reinheitsgeboten, sexuelle Verbote sowie Gebote allgemeiner Art für das menschliche Miteinander, im Anklang an die zehn Gebote. Abschnitt 23 führt die großen Feste ein, angefangen beim Schabbat. Der gezogene Vers steht in der Setzung des Laubhüttenfests, genannt Sukkot (Pl. von ‚Hütte‘). Im Christentum ist dieses Fest weitgehend unbekannt. 

Sukkot steht, ebenso wie die beiden anderen großen Opferfeste, ursprünglich in einem landwirtschaftlichen Zusammenhang. Es war ein Erntefest. Später wurde es religiös mit der Wüstenwanderung der Israeliten verbunden und sollte an die Zeit erinnern, in der man auf der Flucht in Laubhütten schlief, schutzlos, von Gott getragen. Die Feier dauert eine Woche, und das Fest ist ausdrücklich als „fröhliches Fest“ eingesetzt: „Ihr sollt am ersten Tage Früchte nehmen von schönen Bäumen, Palmwedel und Zweige von Laubbäumen und Bachweiden und sieben Tage fröhlich sein vor dem HERRN, eurem Gott“ (Vers 40). Vorgeschrieben waren Feueropfer; die Rituale zum Fest kreisen aber um Wasser, das lebensspendende Element. Im Johannesevangelium ruft Jesus am letzten Tag des Laubhüttenfests alle, die Durst haben, zu sich. Auch heute noch wollen Juden möglichst viele der sieben Feiertage mit ihren Familien in improvisierten Laubhütten zu verbringen. Es ist eines der Hochfeste im Judentum, in diesem Jahr wird es vom 23. September bis zum 30. September gefeiert.

Die beiden anderen großen Wallfahrtsfeste der Juden, Pessach und Schawu’ot, haben die Christen mit modifizierter Bedeutung als Ostern und Pfingsten in ihren Festkalender übernommen. Das Laubhüttenfest nicht. Gar nicht? 

Sein Charakter als Erntefest ist in unserem Entedank enthalten, und Schutzlosigkeit in Gottes Hand (Flüchtlinge, Krippe…) ist eine der vielen Frequenzen, auf denen unser Weihnachtsfest strahlt. 

Der Prophet Sacharja (Sach 14, 16-19) sagt, dass im messianischen Zeitalter Sukkot das allumfassende Regenfest sein wird, an dem die benachbarten Völker nach Jerusalem pilgern, um dort den HERRN anzubeten. Es wäre dann eine genuin messianische Feier, für Juden und Nichtjuden. 

Vielleicht fehlt uns Christen ja doch noch ein wichtiges Fest…

Ich wünsche uns eine fröhliche Woche,
Ulf von Kalckreuth